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Full text of "Psychiatrisch Neurologische Wochenschrift 4.1902 03"

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Medical Library 
8 The Fenway. 


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Psychiatrisch - Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 

Internationales Correspondenzblatt für Irrenärzte und Nervenärzte. 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervorragender Fachmänner des In- und Auslandes 

herausgegeben von 

Direktor Dr. K. Alt, Prof. Dr. G. Anton, Prof. Dr. Bleuler, Direktor Dr. van Deventer, 

Uchtaprinue (Altnmrkl. Graz. Zürich. Meerenberg (Holland). 

Prof. Dr. L. Edinger, Prof. Dr. A. Guttstadt, Prof. Dr. E. Mendel, Prof. Dr. Mingazzini, 

Frankfurt a. M Geh. Med.-Rath. Berlin. Berlin. Rom. 

Dr. P. J. Möbius, Direktor Dr. Morel, Direktor Dr. Olah, Direktor Dr. Ritti, 

Leipzig Mons (Belgien). Budapest. St. Maurice (Seine). 

Professor Dr. Ernst Schultze, Direktor Dr. Urquhart, Dr. ined. et phil. W. Weygandt, 

Andernach. Perth (Schottland). Privatdocent, Würzburg. 

Unter Benützung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler 

Kraschnit/ (Schlesieni 

- - Vierter Jahrgang 1902 1903. : 



Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 


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2 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Neurologie, dessen Präsidium v. Krafft-Ebing durch 
io Jahre innegehabt hatte, Professor Obersteiner 
das Wort und überreichte dem Jubilar eine Festschrift 
des Vereines mit zahlreichen Beiträgen von seinen 
Schülern und Freunden, darunter von seinen Studien-, 
collegen Professor Erb und Professor Schule. 

Hierauf ergriff der älteste Assistent der Klinik, 
Docent Dr. v. Sölder das Wort und wünschte dem 
Meister Glück für den heutigen Tag sowie für die 
Zukunft. 

Danach beglückwünschten den Jubilar Decan Pro¬ 
fessor Kolisko Namens der Wiener medicinischcn 
Facultät, Hofrath Chrobak Namens der Gesellschaft 
der Aerzte, Primararzt Dr. Redtersbacher für die 
Direction des allgemeinen Krankenhauses, Hofrath 
Nothnagel im Namen der Gesellschaft für innere 
Medicin, Regierungsrath Svetlin Namens der prak¬ 
tischen Aerzte, Professor A. Pick Namens der Prager 
medicinischen Facultät und Dr. Subotic Namens 
des Serbischen Aerzte Vereins. 

Auf diese Kundgebungen erwiderte Hofrath 
v. Krafft-Ebing folgendes: „Ich stehe verwirrt, be¬ 
schämt vor Ihnen und weiss nicht, wie ich es an¬ 
fangen soll, Ihnen allen zu danken. Ich habe nie 


[Nr. i. 


darüber nachgedacht, was ich eigentlich wcrth bin. 
Ich habe nur immer gestrebt, mir die Achtung meiner 
Mitmenschen zu erwerben und die Freundschaft 
meiner Collegen, und es scheint mir dies gelungen 
zu sein. Für die Psychiatrie kann Niemand etwas 
Grosses leisten; das ist eine Wissenschaft, die in 
einem Menschenleben kaum erfasst und ergründet 
werden kann. Es ist möglich, dass ich einige Bau¬ 
steine füri den Bau der Psychiatrie der Zukunft bei¬ 
getragen habe, und hoffe, dass zahlreiche Schüler 
durch einfache klinische, unermüdliche, voraussetzungs¬ 
lose Beobachtungen die Wissenschaft fördern und so 
mein Andenken ehren werden.“ Hierauf gab Pro¬ 
fessor v. Krafft-Ebing eine Schilderung seines Lebens¬ 
laufes, die auch hinsichtlich des von ihm in der Psy¬ 
chiatrie Erstrebten und Erreichten höchst interessant 
war. Damit schloss die Feier. 

Für den Abend war vom Vereine für Psychiatrie 
und Neurologie ein Festmahl zu Ehren des Jubilars 
veranstaltet worden, das bei zahlreichem Besuche 
sehr animirt verlief und bei dem auch die zahlreichen, 
aus Nah und Feme eingelangten brieflichen und 
telegraphischen Glückwünsche verlesen wurden. 


Wichtige Entscheidungen auf dem Gebiete der gerichtlichen Psychiatrie. 

Aus der juristischen Fachlitteratur des Jahres 1901 zusammengestellt 
von Dr. Ernst Schultee , Andernach. 


I. Strafgesetzbuch. 

§ 5i- 

ie Verteidigung hätte mit Rücksicht auf die Art 
ihrer Abweisung in den Entscheidungsgründen 
das ausdrückliche Eingehen auf die Frage nothwcndig 
gemacht, ob die Angeklagte das Bewusstsein von der 
ehrenkränkenden und herab würdigenden Natur ihrer 
gegen den Königlichen Landrath und den Freiherrn 
v. F. erhobenen üblen Nachreden gehabt habe. Das 
Urtheil sagt zwar, die Angeklagte habe das Gut D. 
ganz selbständig und mit grosser Sachkunde verwaltet, 
welche Aufgabe eine Frau von „im Allgemeinen“ auch 
nur wesentlich verminderter Zurechnungsfähigkeit nicht 
hätte erfüllen können, und spricht der Angeklagten 
ausserordentlich gutes Erinnerungsvermögen zu. Allein 
dies Alles hat mit dem erwähnten Bewusstsein, das 
ein Erkennungsvermögen in ganz anderer und beson¬ 
derer Richtung voraussetzt, nichts zu thun. Dagegen 
ist bei der Strafzumessung erwogen, dass die Ange¬ 
klagte häufiger starken Aufregungen und nervösen 


Ueberreizungen unterworfen und von schweren Krank¬ 
heiten heimgesucht worden sei, die nicht ohne Einfluss 
auf ihr Gemüthsleben bleiben konnten. Hierauf wird 
die Feststellung gegründet, „dass in dieser Beschränkung 
sogar im Allgemeinen eine geminderte Zurechnungs¬ 
fähigkeit“ angenommen werden könne. Es ist unklar, 
was die Strafkammer hierunter versteht, insbesondere 
welche Beschränkung sie annimmt und welche Seite 
der Zurechnungsfähigkeit sic für gemindert hält. Dies 
ist ein Mangel, der gleichfalls zur Aufhebung des 
Urtheils führt; denn es ist nicht ausgeschlossen und 
mit diesen Entscheidungsgründen wohl vereinbar, dass 
das überreizte Gemüthsleben gerade die klare Einsicht 
in die beleidigende Natur ihrer Aeusserungcn getrübt 
und dass die Minderung ihrer Zurechnungsfähigkeit 
gerade in der Einseitigkeit ihres Gedankenkreises 
bestanden hat, vermöge deren sie die Nebenwirkungen 
der Verfolgung einer fixen Idee, hier die beleidigende 
Natur ihrer Verfolgungsthätigkeit, ganz übersehen oder 
nicht erkannt hat. Eine solche fixe Idee stellt das 



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1902 .] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Urtheil fest. Die Angeklagte betrachtet sich, weil ein 
Gendarm, den sie zur Einschreitung gegen Wilderer 
veranlasst zu haben glaubt, von einem Wilderer er¬ 
schossen worden ist, als die Ursache der „Erschiessung“ 
und hält es für ihre Pflicht, nicht eher zu ruhen, bis 
der „Mörder“ entdeckt ist. Sie nimmt an, dass Frei¬ 
herr v. F. dabei betheiligt gewesen sei, und diese 
Bezichtigung ist im Wesentlichen der Gegenstand der 
beleidigenden Briefe an ihn, seine'Frau und andere 
Personen; die Beleidigungen des Königlichen Lancl- 
rathes stehen damit in innerem Zusammenhänge. Da 
die Urtheilsgründe die Behauptung der Angeklagten 
für glaubwürdig erklären, dass sie fortdauernd ihrer 
Pflicht gemäss von dem Motive beseelt gewesen sei, 
zur Aufklärung der folgenschweren dunklen That nach 
Kräften beizutragen, so scheint die Strafkammer zu¬ 
zugeben, dass auch die fraglichen Briefe diesen Zweck 
verfolgten. Verfolgte sie nun diesen Zweck bei „im 
Allgemeinen geminderter Zurechnungsfähigkeit“, so 
bestand umsomehr Anlass, zu untersuchen und fest¬ 
zustellen, ob davon nicht das Bewusstsein der beleidigen¬ 
den Nebenwirkung berührt und ausgeschlossen war, 
als die Vertheidigung der Angeklagten, sie wisse nicht, 
was sie geschrieben oder gesagt habe, da sie zur Zeit 
krank war (laut Sitzungsprotokoll), offenbar dieses 
Bewusstsein — wie jedes andere — ausdrücklich 
bestritten hatte. Statt dessen spricht das Urtheil nur 
davon, dass die Beleidigten die betreffenden Aeusse- 
rungen'als Angriffe auf ihre Ehre empfunden haben, 
und dass die Angeklagte die Pflicht erkennen musste, 
die Ehre ihrer Mitmenschen nicht freventlich anzutasten. 
Dass hiermit nicht gesagt ist, sic habe bewusst gegen 
diese Pflicht gehandelt, liegt zu Tage. 

Urtheil des I. Sen. vom io. Juni 1901. 1872. 

1901. J. W.*) pag. öoi. 

$ 65 Abs. 3. 

Der von dem Vormunde in eigenem Namen und 
nicht in Vertretung des Entmündigten gestellte Straf¬ 
antrag ist unwirksam, wenn der Bevormundete be¬ 
schränkt geschäftsfähig, also nicht wegen Geistes¬ 
krankheit, sondern nur wegen Geistesschwäche oder 
aus andern Gründen entmündigt ist. Für die Be- 
urtheilung der Geschäftsfähigkeit ist der Entmündigungs¬ 
beschluss maassgebend. 

Urtheil des IV. Sen. vom 18. Januar 1901. 

J. W. pag. 433. 

§ x 75- 

„Unzucht“ ist nicht denkbar, ohne dass wenigstens 
ein Theil in wollüstiger Absicht handelt. Dagegen 
braucht diese nicht noth wendig auch bei dem andern 

*) Juristische Wochenschrift. 


vorzuliegen. Es genügt, dass dieser auch seinerseits 
bewusster- oder gewolltermaassen zu der beischlafs¬ 
ähnlichen Handlung mitwirkt, sie insoweit selbst vor¬ 
nimmt oder duldet, und zwar in Kenntniss 
davon, dass der Andere dabei in der Absicht der Er¬ 
regung oder Befriedigung seines Geschlechtstriebes 
handelt. 

Urtheil des II. Sen. vom 29. März 1901. 632. 

1901. J. W. pag. 436. 

§ 230. 

Die Angeklagte hatte als Oberin des Kranken¬ 
hauses die Anordnungen des dirigirenden Arztes Dr. 
B. zu befolgen. Dabei war es ihre Berufspflicht, mit 
der ihr möglichen durch die Umstände gebotenen Sorg¬ 
falt im Einzelfalle zu prüfen, ob die Voraussetzungen 
Vorlagen, für welche die von ihm im voraus erlassenen 
allgemeinen Anordnungen getroffen waren, und zu 
erwägen, dass derartige Anordnungen alle denkbaren 
Besonderheiten eines jeden einzelnen Falles nicht er¬ 
schöpfen können. Gelangte sie bei ihrer sorgsamen 
Prüfung zu der Ansicht, dass die Voraussetzungen 
einer allgemeinen Anordnung gegeben waren, 
so hatte sie dieser einfach Folge zu leisten. Sie 
würde pflichtwidrig gehandelt haben, w^enn sie selb¬ 
ständig von der Vorschrift abgewichen w r äre, weil sie 
etw a nach ihrem eigenen Ermessen eine andere Maass- 
nahme für geboten erachtet hätte. Sie war nicht 
berechtigt, ihre eigene Ansicht höher zu stellen, als 
die des Krankenhausarztes; sie war nicht verpflichtet, 
ihm Gegenvorstellungen zu machen. Gewinn sie aber 
bei ihrer Prüfung die Meinung, es sei unwahrscheinlich 
oder doch ungewiss, ob die thatsächlichen Voraus¬ 
setzungen der allgemeinen Anordnung Vorlagen, so 
hatte sie, weil es für solche zweifelhaften Fälle an 
einer zutreffenden Anordnung fehlte, je nach den 
Umständen entweder die Bestimmung des Arztes ein¬ 
zuholen oder selbst, wenigstens vorläufig, Bestimmung 
zu treffen. In diesem Sinne ist der Satz des ange¬ 
fochtenen Urtheils zu verstehen oder nur als richtig 
anzuerkennen: „Eine Oberin, die, wie die Angeklagte, 
bereits ib Jahre in ihrem Berufeist, hat nicht wällen¬ 
los und blindlings die von dem Arzt getroffenen 
Anordnungen auszuführen, sondern sie hat nach ihrem 
pflichtmässigen Ermessen zu prüfen, ob dieselben an¬ 
gebracht erscheinen oder nicht.“ Die Angeklagte hat 
in Beziehung auf K., nachdem sie in dem Aufnahme¬ 
schein als Grund der Aufnahme das delirium tremens 
gelesen hatte, diejenigen Anweisungen einfach befolgt, 
welche der Krankenhausarzt für den Fall der Ein¬ 
lieferung eines an delirium tremens leidenden Kranken 
allgemein ertheilt hatte: sie hat K. ohne Benach¬ 
richtigung des Arztes in die Tobzelle bringen und 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. i. 


hier ohne Bewachung bis zu dem täglichen Kranken¬ 
besuche des Arztes verbleiben lassen. Das Urtheil 
giebt keine Gründe an, weshalb die Angeklagte bei 
gehöriger Erwägung, etwa wegen des Grades der 
Erkrankung, hätte erkennen müssen, dass der vor¬ 
liegende Fall ein solcher sei, welcher unter die all¬ 
gemeine Anweisung nicht oder vielleicht nicht falle. 
Sie hat nach Einsicht des keine Andeutung über eine 
andere vorhergehende oder fortdauernde Erkrankung 
enthaltenden Aufnahmescheines des Sanitätsraths Dr. 
C. und nach Empfang der Anzeige über die grosse 
Unruhe des Kranken erklärt, die Angehörigen hätten 
die Unwahrheit betreffs der Krankheit gesagt; es ist 
nicht für widerlegt erachtet, dass sie bei ihrer Maass- 
nahme die Angaben des Sohnes und der Tochter des K. 
über die Rippenfellentzündung ihres Vaters für unwahr 
gehalten hat; es ist nicht festgestellt, dass und weshalb 
dieser ihr Glaube etwa ein fahrlässig verschuldeter 
war. Nach den Urtheilsgründen „musste sich die 
Angeklagte bei ihrer langjährigen Thätigkeit sagen, 
dass das Verbringen eines solchen Kranken ohne jede 
ärztliche Untersuchung und ohne jegliche Bewachung 
in die ihr wohlbekannte Tobzelle sehr wohl geeignet 
war, an dem Kranken derartige schwere Verletzungen, 
w'ie bei K. geschehen, herbeizuführen.“ Anscheinend 
ist gemeint, die Angeklagte habe die Untersuchung 
veranlassen müssen, damit der Arzt über die Ein¬ 
schliessung in der Tobzelle und die dabei einzuhalten¬ 
den Maassregeln entscheide. Aber weshalb sie dies 
hätte thun müssen, obgleich der Arzt allgemein seine 
zuvorige Benachrichtigung als unnöthig bezeichnet hatte, 
ist nicht gesagt und aus den Worten „eines solchen 
Kranken“ nicht zu entnehmen. Dass eine Bewachung 
die Selbstverletzungen unmöglich gemacht haben würde, 
ist festgestellt. Aber wenn auch die Tobzelle mit 
ihren vier nackten Wänden und ihrer eisenbeschlagenen 
Thür den Tobsüchtigen Mangels Bewachung Gelegen¬ 
heit zu Selbstverletzungen gab, so war doch dieser 
Umstand für den Arzt nicht ausreichend gewesen, 
stets eine Bewachung darin anzuordnen. Es fehlt im 
Urtheil an der Angabe eines Grundes, weshalb die 
Angeklagte, welche sich die Gefährdung des Kranken 
beim Unterbleiben einer Bewachung klar machen 
musste, berechtigt und verpflichtet war, der Bestimmung 
des Arztes, welcher eben diese den Kranken gefähr¬ 
dende Behandlungsweise vorgeschrieben hatte, nicht 
Folge zu leisten. 

Urtheil des III. Sen. vom io. Dezember 1900. 
4200. 1900. J. W. pag. 278. 

II. Strafprocessordnung. 

§ 5i- 

Der Mangel einer genügenden Vorstellung von 


dem Wesen und der Bedeutung des Eides, welcher 
nach dieser Vorschrift die Unterlassung der Beeidigung 
rechtfertigt, muss auf mangelnder Verstandesreife oder 
auf Verstandesschwäche beruhen. Eine Ausdehnung 
auf andere Gründe ist unstatthaft. Verhindert Trunken¬ 
heit den Zeugen, die Aussage wahrheitsgetreu und im 
Bewusstsein der mit der Eidesleistung zu übernehmen¬ 
den Verantwortlichkeit zu machen, so hat das Gericht 
die Vernehmung und Beeidigung bis zur Hebung 
des Hindernisses zu verschieben, also in einen späteren 
Abschnitt der nöthigenfalls zu unterbrechenden Haupt¬ 
verhandlung zu verlegen oder Aussetzung der Ver¬ 
handlung anzuordnen. 

Urtheil des III. Sen. vom 10. Juni 1901. 1925. 

1901. J. W. pag. 687. 

§§ 56, 260. 

Die Vernehmung eines Geisteskranken als Zeugen 
ist zulässig und in § 56 Str. P. Ö. vorgesehen, indem 
der daselbst Nr. 1 gebrauchte Ausdruc k Verstandes¬ 
schwäche die Geisteskrankheit mit umfasst. 

Urtheil des II. Sen. vom 9. Oktober iqoo. 3479. 
1 900. J. W. pag. 283. 

§ 72 . 

Die Revision rügt, die Vernehmung des Dr. S. 
habe in unzulässiger Weise, unter Verletzung der 
Mündlichkeit des Verfahrens, stattgefunden. Dieser 
Sachverständige sei fast taub, so dass er nicht im 
Stande sei, die an ihn gerichteten Fragen zu verstehen ; 
er habe sich in der öffentlichen Sitzung einer Mittels¬ 
person, des P. bedient, der die vom Vorsitzenden an 
jenen gerichteten Fragen rasch zu Papier gebracht 
und ihm vor Augen gehalten habe, w r orauf die Ant¬ 
wort erfolgte. P. aber sei nicht als Dolmetscher 
vereidigt und nur stillschweigend geduldet worden. 
Nach amtlicher Auskunft des Vorsitzenden ist Dr. S. 
schwerhörig; „er lässt sich“, sagt der Vorsitzende, 
„die an ihn gestellten Fragen, um jedem Missverständ¬ 
nisse vorzubeugen, durch eine Mittelsperson auf¬ 
schreiben. Da ich aus den Antworten des Sachver¬ 
ständigen ersah, dass er meine Fragen stets richtig auf¬ 
gefasst hatte, habe ich diese Art der Verständigung 
für zulässig erachtet.“ Obgleich diese Erklärung nicht 
einer Beurkundung im Sitzungsprotokoll gleichkommt, 
kann sie doch, als zu Gunsten der Revision lautend 
nicht unberücksichtigt bleiben. Das darin zugegebene 
Verfahren erscheint in hohem Grade bedenklich, zu¬ 
mal, da es scheint, dass es, wie die Revision ein- 
fliessen lässt, bei Vernehmungen des genannten Sach¬ 
verständigen sogar stets eingehalten zu werden pflegt. 
Von einer Verpflichtung, überhaupt von den persön¬ 
lichen Eigenschaften der jeweiligen Mittelsperson ist 
in der Erklärung keine Rede. Doch kann eine Ver- 


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i(j02 J PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


letzung des Grundsatzes der Mündlichkeit oder einer 
bestimmten Vorschrift der Str. P. O. nicht in dem, 
was der Vorsitzende zugiebt, gefunden werden. Denn 
hiernach wurden von ihm die Fragen mündlich gestellt 
und diese von dem Sachverständigen mündlich be¬ 
antwortet. Und wenn der Vorsitzende, wie er be¬ 
hauptet, sich überzeugte, dass der Sachverständige 
die Fragen richtig aufgefasst habe, so muss an¬ 
genommen werden, dass diese Antworten jeden Zweifel 
hierüber ausgeschlossen haben. Da der Sachver¬ 
ständige nicht taub war, war die Zuziehung eines 
Dolmetschers nicht geboten und hatte eine Belehrung 
oder Vereidigung der Mittelsperson, deren sich nicht 
der Vorsitzende, sondern der Sachverständige, um 
jedem Missverständnisse vorzubeugen, bediente, nicht 
stattzufinden. Sache der Processleitung wäre es 
gewesen, eine solche Einmischung eines Unberufenen 
zurückzu weisen ; aber da die Unterlassung nicht be¬ 
anstandet wurde, konnte die Revision keinen Erfolg 
haben. Denn dass die Schwerhörigkeit des Sachver¬ 
ständigen ihn hinderte, die Einlassung des Angeklagten, 
die Aussagen der Zeugen, die Ausführungen des Staats¬ 
anwaltes und Vertheidigers zu hören, ist nicht er¬ 
sichtlich; im gegebenen Falle waren Zeugen überhaupt 
nicht vernommen, und der Vertheidiger hat nicht 
behauptet, den Versuch gemacht zu haben, direkte 
Fragen ! an den Sachverständigen zu stellen; seine 
hierauf bezüglichen Bemerkungen in der Revisions¬ 
schrift sind darum nicht geeignet, den einzigen Gerichts¬ 
beschluss, der in der Hauptverhandlung erlassen worden 
ist, nämlich die Ablehnung des Antrags auf Ver¬ 
nehmung eines anderen Sachverständigen als auf einer 
Gesetzesverletzung beruhend, nachzuweisen. 

Unheil des I. Sen. vom 11. März 1901. 400. 
1901. J. W. pag. 40b. 

$ 79- 

Dem Revidenten ist zuzugeben, dass die Str. P. O. 
eine Beeidigung von Sachverständigen nur in ver¬ 
sprechender Form kennt. W enn aber im vorliegenden 
Falle der Zeuge S. bald nach Beginn seiner Ver¬ 
nehmung und nachdem sich herausgestellt hatte, dass 
seine Aussage zum Thcile die eines sachverständigen 
Zeugen wurde oder in einzelnen Punkten sich zu 
einem Gutachten gestaltete, „den gesetzlichen Sach¬ 
verständigeneid geleistet hat“ und dann des Weiteren 
vernommen ist, so lässt sich dem nicht entnehmen, 
dass er nicht Alles, wofür seine Eigenschaft als Sach¬ 
verständiger in Betracht kam, nach seiner Eidesleistung 
ausgesagt hat. Die Wiedergabe seiner Aussage im 
Sitzungsprotokolle ist für deren Inhalt nicht beweisend, 
da dieses zu ihrer Beurkundung nicht bestimmt ist 
273 der Str. P. O.j. Hält man sich aber an den 


Wortlaut des Sitzungsprotokolles, so hat der Sach¬ 
verständige nach seiner Beeidigung erklärt, dass er 
Alles, was er gutachtlich ausgesagt habe, auf diesen 
Eid nehme, und damit der Sache nach dieses wieder¬ 
holt, sodass es durch den Sachverständigeneid gedeckt 
ist. Im Uebrigen ist im Allgemeinen der von S. vor 
seiner Vernehmung geleistete Zeugeneid auch zur 
eidlichen Bestärkung einzelner in der Aussage ent¬ 
haltener Urtheile und gutachtlicher Aeusserungen ge¬ 
eignet (vergl. Entsch. des R. G. Bd. 3, S. 100). 

Urtheil des III. Sen. vom 7. Januar iqoo. 4815. 
I 9 no * J. W. pag. 497. 

III. Bürgerliches Gesetzbuch. 

§ 0. z. 1. 

Die Voraussetzungen der zur Entmündigung führen¬ 
den Geistesschwäche sind bei demjenigen gegeben, 
der infolge seines geistigen Defektes sich in intellek¬ 
tueller und ethischer Hinsicht ungefähr auf der Ent- 
wickelungsstufc eines Minderjährigen, der das 7. Lebens¬ 
jahr überschritten hat, befindet. Der Geistessc hwache 
darf nicht befähigt sein, seine Angelegenheiten im 
allgemeinen selbständig zu besorgen, muss aber im 
Stande sein, unter der schützenden Aufsicht eines 
Vormundes bei Besorgung dieser Angelegenheiten mit¬ 
zuwirken. 

(O.-L.-G. Karlsruhe, 30. Mai iqoi.) 

D. R.*) Entscheidungen Nr. 1460. 

$ b. Z. 1. 

Unfähigkeit zur Besorgung einzelner Angelegen¬ 
heiten rechtfertigt nicht die Entmündigung, 

(R. G. 20. Oktober 1000). 

D. R. Entsc heidung Nr. 2305. 

£ b. Z. I. 

Auch wenn sich die geistige Erkrankung in den 
Formen des Querulantenwahnsinns zeigt, kann eine 
Entmündigung nur eintreten, wenn die Wahnideen 
die Person in allen ihren Lebensbethätigungcn erfasst 
haben, sie nach allen Richtungen in der Art be¬ 
herrschen, dass eine allgemeine geistige Erkrankung als 
vorhanden angesehen werden muss. 

(O.-L.-G. Hamburg, 1. April iqoi.) 

D. R. Entscheidungen Xr. 1462. 

$ 6. Z. 1, jüv 104. 

Ein Geisteskranker kann geschäftsfähig sein. 

Der Beklagte ist nach dem Gutachten erheblich 
psychisch krank. Die Thatsache, dass jemand geistes¬ 
krank ist, ist für sich allein weder für die Frage, ob 
der Kranke entmündigt werden kann, noch für die 

*) Das Recht. 


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6 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. i. 


Frage, ob er auch ohne Entmündigung für geschäfts¬ 
fähig zu erachten ist, irgendwie entscheidend. 

Vergl. §§ 6 Ziff. i, 104 B. G. B. 

(O.-L.-G. Karlsruhe, 2. Mai 1901.) 

D. R. Entscheidungen Nr. 1461. 

Zu vj 6. sowie Art. 155 E. G. z. B. G. B. 

1. § 0 B. G. B. enthält gegenüber dem Badischen 
Landrechtssatz 489 eine Aenderung, da er zwischen 
Geistesstörung und Geistesschwäche unterscheidet. 

In beiden Richtungen wird ein geistiger Defekt 
unterstellt; Geistesstörung und Geistesschwäche unter¬ 
scheiden sich nur dem Grade nach und dadurch, dass 
in dem einen Falle der geistig Erkrankte seine An¬ 
gelegenheiten absolut nicht zu besorgen vermag, 
während ihm im anderen Falle nur die Fähigkeit zur 
selbständigen Besorgung, nicht diejenige zur Mit¬ 
wirkung dabei fehlt. Hiernach ist bei einem geistigen 
Defekt, der nach dem Badischen Landrecht zu einer 
Entmündigung führen könnte, nach dem neuen Recht 
zu prüfen, ob er als Geisteskrankheit oder als Geistes¬ 
schwäche anzusehen sei. 

2. Aus der Natur des Anfechtungsverfahrens be¬ 
züglich der Entmündigung ist nicht die Folgerung zu 
ziehen, dass nur das zur Zeit des Entmündigungs¬ 
beschlusses geltende Recht zur Anwendung kommen 
dürfe. 

Vielmehr ergiebt sich daraus, dass es sich dabei 
um ein Statusrecht handelt, sowie aus Art. 155 des 
E. G. zum B. G. B., dass auch in dem Anfechtungs¬ 
verfahren, das sich auf eine vor dem 1. Jan. 1900 
beschlossene Entmündigung bezieht, das neue materielle 
Recht zur Anwendung kommt. Dass ein Antrag auf 
Entmündigung wegen Geistesschwäche im Sinne des 
B. G. B. vorliegt, ist in dieser Beziehung nicht er¬ 
forderlich ; denn die Gerichte sind bei der Ent¬ 
scheidung über den Grad der Entmündigung an den 
Inhalt des Antrages nicht gebunden. 

Urtheil des R. G. vom 20. Novbr. 1900 i. S. 
Rep. II Nr. 260/00. (Ebenso Entscheid, des V. C. 
S. des R. G. in einem Urtheile vom 29. N. 1900). 

D. R. Entscheidung Nr. I. 

§ 6. Z. 2. 

Die Entmündigung kann stattfinden, wenn der zu 
Entmündigende arbeitsscheu ist und erheblich mehr 
als di<? jährlichen Einkünfte seines Vermögens ver¬ 
braucht. 

(O.-L.-G. Rostock, 1. Oktober 1900). 

D. R. Entscheidungen Nr. 1309. 

§ 6. Z. 2. 

Verschwendung für sich genommen ist der Hang 


einer Person zu sinnloser, ihren Vermögensverhältnissen 
nicht entsprechender Vergeudung des Vermögens. 

(R. G. IV. 20. Mai 1901). 

D. R. Entscheidungen Nr. 1690. 

§ 6. Z. 3. § 1906. 

Während des Entmündigungsverfahrens wegen Ver¬ 
schwendung kann das Vormundschaftsgericht gemäss 
§ 1906 den zu Entmündigenden unter vorläufige Vor¬ 
mundschaft stellen. Diese endigt unter den in § 1908 
aufgeführten Voraussetzungen und schafft nur einen 
vorübergehenden Zustand, der erst durch den Hin¬ 
zutritt der Entmündigung sich in einen endgültigen 
verwandelt. 

(L.-G. Kaiserslautern, 22. September 1900). 

D. R. Entscheidung Nr. 244. 

§ 6. A. 2. 

Erkenntniss des Reichsgerichts IV. C. S. i. S. v. d. 
Luhe c. v. Oertzen vom 20. Mai 1901, Nr. 92/1901 IV. 

II. J. O. L. G. Rostock. 

Gründe: 

Mit Recht macht hiergegen die Revision geltend, 
dass zur Begründung der auf Wiederaufhebung der 
Entmündigung gerichteten Klage nur gehört, dass nach 
derjetzigenS ach läge die Voraussetzungen der Ent¬ 
mündigung nicht vorliegen, nicht aber, dass auch eine 
Besserung des Entmündigten eingetreten ist. Liegen 
nach der jetzigen Sachlage die Voraussetzungen der Ent¬ 
mündigung nicht vor, so ist der Grund der Entmündigung 
weggefallen und deshalb die Entmündigung aufzuheben. 
Das Erfordemiss einer „Besserung“ als Voraussetzung 
der Wiederaufhebung der Entmündigung bedingt die 
Heranziehung des früheren Zustandes zur Vergleichung 
mit dem jetzigen Zustande als entscheidenden Maass¬ 
stab auch für die Wiederaufhebung der Entmündigung; 
damit wird aber dem früheren Zustande eine Trag¬ 
weite beigelegt, die er nicht haben kann und auch 
nicht haben darf. Denn bei der Wiederaufhebung 
kommt ausschliesslich der gegenwärtige Zustand in 
Frage; ist danach der Entmündigte frei von dem 
Mangel, auf dem seine Entmündigung beruht, der 
wegen Verschwendung Entmündigte also insbesondere 
mit dem Hange zu sinnloser Vermögensvergeudung 
nicht behaftet, so besteht kein Grund für die Aufrecht¬ 
erhaltung der Entmündigung und ist diese aufzuheben, 
ohne dass zu prüfen ist, ob eine „Besserung“ im 
Vergleich zu dem früheren Zustande cingetreten ist. 
Es ist nicht nur kein Grund ersichtlich, weshalb gegen¬ 
über dem Nachweise, dass der Entmündigte jetzt mit 
dem für seine Entmündigung erforderlichen Mangel 
nicht behaftet ist, die Wiederaufhebung noch von 
dem Nachweise einer Besserung im Verhältnis zu 
dem früheren Zustande abhängig gemacht werden 


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1002.1 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


sollte; es steht ein solches Verlangen auch geradezu 
mit dem Gesetze in Widerspruch, nach welchem die 
Entmündigung bei dem Wegfalle ihres Grundes ohne 
weiteres aufzuheben ist. Mit Recht weist die Revision 
auf die mit dem Verlangen einer „Besserung“ als 
Voraussetzung der Wiederaufhebung der Entmündigung 
verbundene unannehmbare Folge hin, dass danach ein 
in Folge unzutreffender Würdigung des früheren Zu¬ 
standes unzutreffend für geisteskrank oder für einen 
Verschwender erklärter Entmündigter, der in Wirklich¬ 
keit gar nicht geisteskrank oder gar kein Verschwender 
war, die Wiederaufhebung der Entmündigung niemals 
würde erreichen können, da seiner Klage stets der 
Einwand entgegenstände, dass er so gesund, so haus¬ 
hälterisch, wie jetzt, schon zur Zeit der Entmündigung 
gewesen, also eine Aenderung zum Besseren nicht ein¬ 
getreten sei. J. W. pag. 476. 

S 7. ' 

Zur Begründung eines Wohnsitzes wird in der 
Regel erfordert, dass die Person an einem Orte sich 
niederlässt und den Willen hat, dass dieser Ort auf 
die Dauer des Mittelpunkt ihrer Verhältnisse und 
Thätigkeit bilden soll. 

(O.-L.-G. Köln, 27. März 1901). 

D. R. Entscheidungen Nr. 2175. 

$ «. 

Selbst bei lebenslanger Festhaltung des Geistes¬ 
kranken in der Heilanstalt muss der ursprüngliche 
Wohnsitz begrifflich solange fortdauem, bis der Vor¬ 
mund namens des Entmündigten den Willen kund 
giebt, den Wohnsitz an den Ort zu verlegen, wo sich 
die Heilanstalt befindet. Eine solche Kundgebung 
kann in der Erklärung an sich nicht erblickt werden, 
durch die der Vormund dem Aufenthalt und der 
Verpflegung in der Anstalt zustimmt. 

(O.-L.-G. Karlsruhe, 6. Dezember 1900). 

D. R. Entscheidungen Nr. 14Ö4. 

§ Io 4- 

Das Prozessgericht ist auch durch den dispositiven 
Theil des Entmündigungsbeschlusses nicht gebunden 
und kann daher annehmen, dass jemand gemäss § 104 
Nr. 2 B. G. B. geschäftsunfähig ist, auch wenn derselbe 
lediglich wegen Geistesschwäche entmündigt worden 
ist. 

Urtheil des O.-L.-G. München vom 27. Februar 
1901. D. R. Entscheidungen Nr. 13 11. 

823, 826. 

Nicht schon jede, die freie Willensbestimmung des 
anderen irgendwie beeinflussende Einwirkung ist unter 
den Begriff der Freiheitsverletzung zu stellen. 

R. G. VI. 11. IV. 1901. 

D. R. Entscheidungen Nr. 1161. 


§ 828. A. 2.. 

1. Um den Thäter von der Verantwortung zu 
befreien, genügt es nicht schon, wenn ihm die zur 
Erkenntniss der Gefährlichkeit der Handlung erforder¬ 
liche Einsicht fehlte, w’ährend andererseits auch hier 
nicht Voraussehbarkeit des Schadens erfordert wird. 

2. Der Thäter ist für den Mangel der Einsicht 
beweispflichtig. 

(O.-L.-G. Dresden, 20. September 1901). 

D. R. Entscheidung 2461. 

§ 832. 

Der Aufsichtspflicht, ist genügt, wenn im allgemeinen 
die zur Beaufsichtigung der Minderjährigen erforder¬ 
lichen Maassnahmen getroffen sind, ohne dass es da¬ 
rauf ankommt, ob eine genügende Beaufsichtigung 
gerade hinsichtlich der schädigenden Handlung statt- 
gefunden hat. 

(O.-L.-G. Kiel, 29. April 1901). 

D. R. Entscheidungen Nr. 1479. 

§ L5b8. 

Bei Entscheidung der Frage, ob schwere Pflicht¬ 
verletzungen vorliegen, kann das subjektive Moment, 
die Aufgeregtheit und die demzufolge fehlende bös¬ 
liche Absicht, in Erwägung gezogen werden. 

(R.-G. IV. 13. Dezbr. 1900.) 

D. R. Entscheidung Nr. 673. 

§ 1368. 

Wenn auch das Unvermögen zur Leistung der 
ehelichen Pflicht für sich und als solches keinen 
Scheidungsgrund bildet, so ist es doch nicht ausge¬ 
schlossen, dass die Herbeiführung des Unvermögens 
durch schuldvolles unsittliches Verhalten den anderen 
Ehegatten berechtigt, auf Grund § 1568 die Scheidung 
zu verlangen. 

(R.-G. IV. 13. Dezember 1900). 

D. R. Entscheidung Nr. 476. 

§ I3ö8. 

Aus diesem Paragraphen kann auf Scheidung geklagt 
werden, wenn der Ehemann fortdauernd arbeitsscheu, 
trunksüchtig und streitsüchtig ist, auch wenn er einen 
Offenbarungseid wissentlich falsch geleistet hat und 
deshalb zu längerer Zuchthausstrafe verurthcilt ist. 

(O.-L.-G. Rostock II, 26. Oktober 19.00)* 

D. R. Entscheidungen Nr. 1340. 

£ 1308. 

Ist eine Handlung im allgemeinen geeignet, eine 
völlige Zerstörung der ehelichen Gesinnung hervor¬ 
zurufen , so erübrigt sich ein weiteres Eingehen auf 
die individuellen Verhältnisse der Ehegatten, solange 
nicht besondere Umstände angeführt sind, die eine 
Ausnahme begründen könnten. Sind derartige Um- 


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8 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. i. 


stände nicht geltend gemacht, so bedarf es nicht der 
Feststellung ihres Nichtvorhandenseins. 

(R.-G. III, 22. Juni 1900). 

D. R. Entscheidungen Nr. 1495. 

§ I5&9- 

Der Paragraph beschränkt sich nicht auf die Fälle 
eines geistigen Todes des erkrankten Ehegatten, sondern 
verlangt nur Aufhebung der geistigen Gemeinschaft 
durch die Geisteskrankheit, eine solche liegt aber vor, 
wenn der kranke Ehegatte nicht mehr im Stande ist, 
an dem Lebens- und Gedankenkreis des anderen Ehe¬ 
gatten irgendwie theilzunehmen. 

Die Entstehungsgeschichte des $ 15dg eit. zeigt, 
dass nur eine qualificirte Geisteskrankheit zur Ehe¬ 
scheidung genügen sollte und dass man diese Quali¬ 
fikation der Geisteskrankheit nicht in ihrer Wirkung 
auf die eheliche oder häusliche Lebensgemeinschaft, 
sondern in ihrer Wirkung auf die geistige Gemeinschaft 
finden wollte (Prot. 2. Lesung S. 5671 ff). Diese 
Fassung verbietet es, ausschliesslich den Zustand des 
geisteskranken Theils zu beachten; vielmehr ist auch 
die Lage des gesunden Ehegatten, zu dessen Gunsten 
das Gesetz gemacht ist, in Betracht zu ziehen. Ist der 
kranke Theil infolge seiner Geisteskrankheit nicht mehr 
im Stande, an dem — hier gewiss einfachen — 
Lebens- und Gedankenkreis des anderen Ehegatten 
irgendwie theilzunehmen, so kann von einer geistigen 
Gemeinschaft zwischen den Ehegatten keine Rede 
mehr sein. 

Hanseat. O.-L.-G. Urtheil vom 22. I, 01, II 293/00. 

D. R. Entscheidung Nr. 571. 

§ I 5 & 9 - 

Der Mangel des Bewusstseins der mit dem anderen 
Ehegatten gemeinsamen Interessen und des Willens, 


diesen nach Kräften zu dienen, genügt nicht, vielmehr 
hat nur der geistige Tod, also ein Zustand, in welchem 
der Kranke die Scheidung nicht mehr empfindet und 
nur mehr von einer animalischen Fortexistenz gesprochen 
werden kann, als Scheidungsgrund angenommen werden 
sollen. 

(O.-L.-G. Köln, 23. März 1901). 

D. R. Entscheidungen Nr. 1181. 

§ 1569- 

Selbst wenn infolge des Verhaltens des kranken 
Theiles ein Zusammenleben der Ehegatten nicht mehr 
möglich ist, kann noch eine geistige Gemeinschaft 
zwischen ihnen bestehen, so hinsichtlich der Besorgung 
vermögensrechtlicher Angelegenheiten und vor allem 
hinsichtlich der Fürsorge für das Wohl und die Er¬ 
ziehung der Kinder. 

(O.-L.-G. Karlsruhe, 2. Mai 1001). 

D. R. Entscheidungen Nr. 1875. 

£ 1 3Ö9. 

Nach der Entstehungsgeschichte des § 1569 B. 
G.B. ist die Annahme gerechtfertigt, dass die gesetz¬ 
gebenden Faktoren mit dem Ausdruck „Aufhebung 
der geistigen Gemeinschaft zwischen den Ehegatten“ 
nichts anderes sagen wollten, als was bei den Be- 
rathungen mit dem bildlichen Ausdruck „geistiger Tod“ 
zum Ausdruck gebracht wurde, also Zustand völliger 
Verblödung. Ob aber die Absicht des Gesetzgebers, 
dem Ehcscheidungsgninde des § 1369 so enge Grenzen 
zu setzen, im Gesetze hinreichenden Ausdruck gefunden 
hat, ob nicht vielmehr die Worte nothwendigerweise 
dem Ehescheidungsgrunde eine weitere Ausdehnung 
gaben, ist zweifelhaft. 

(O.-L.-G. Karlsruhe, 2. Mai 1901). 

D. R. Entscheidungen Nr. 1496. 

(Fortsetzung folgt.) 


Mittheilungen. 


— Einladung zur Jahresversammlung des 
Vereins der deutschen Irrenärzte. Die Ver¬ 
sammlung wird am Montag, den 14. April und 
Dienstag, den 15. April in München statt¬ 
finden. Beginn Montag Vormittag 9 Uhr im physi¬ 
kalischen Hörsaal des Polytechnikums. 

Tagesordnung: 

I. Begrüssung der Versammlung und geschäftliche 
Mittheilungen. 

II. Referate: 

a) Die Seelenstörungen auf arteriosklerotischer Grund¬ 
lage. Referent: Herr Dr. Alzheimer in Frank¬ 
furt a. M. 

b) Vorschläge zur Schaffung einer Centralstelle für 
Gewinnung statistischen Materials über die Be¬ 


ziehungen der Geisteskranken. Referent: Herr 
Prof. Dr. Ho che in Strassburg i. E. 

III. Vorträge: 

1. Herr Geh. Hofrath Prof. Dr. B i n swa ng e r (Jena): 
Ueber hysterische Myoclonie. 

2. Herr Dr. Brosius (Sayn): Ueber den Mangel 
an Irren-Patronaten in Deutschland. 

3. Herr Dr. Degen kolb (Neustadt): Beiträge zur 
Pathologie der kleinen Hirngefässe. 

4. Herr Hofrath Prof. Dr. F ü r s t n e r (Strassburg i. E.): 
Giebt es eine Pseudoparalyse? 

3. Herr Privatdocent Dr. Gudden (München): Bei¬ 
träge zur Anatomie und topographischen Anatomie 
des Hirn Stamms. 

6. Herr I)r. Räcke (Kiel): Ueber Hypochondrie. 


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1902 .] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 9 


7. Herr Dr. H. Vogt (Göttingen): Ueber Gesichts¬ 
feldeinengung bei Arteriosklerose. 

8 Herr Prof. Dr. A. Westphal (Greifswald): Beitrag 
zur Pathogenese der Syringomyelie. 
q. Herr Privatdocent Dr. G. Wolff (Basel): Die 
physiologische Grundlage der Lehre von den 
Degenerationszeichen. 

Die Reihenfolge der Vorträge wird am Vorabend 
der Versammlung festgesetzt werden. 

Die Herren, welche den Projectionsapparat zu 
benützen wünschen, werden ersucht, sich an Herrn 
Privatdocent Dr. Gudden in München (Steinsdorf¬ 
strasse 2, 11.) zu wenden. 

Nach der Nachmittagssitzung am Montag, den 
14. April wird ein gemeinsames Essen im Hotel 
Bayrischer Hof (Promenadeplatz) stattfinden. Am 
Vorabend der Versammlung, Sonntag, den 13. April, 
findet von 8 Uhr ab im Cafe Luitpold (Brienner- 
strasse) zwangloses Beisammensein und Begrüssung 
der Teilnehmer der Versammlung und ihrer Damen 
statt. 

Das Lokalcomite besteht aus den Herren Med.- 
Rath Prof. Dr. ßumm (als Vorsitzender), Privatdocent 
Dr. Gudden und Director der Kreisirrenanstalt Dr. 
Vocke. Die Herren haben sich freundlichst bereit 
erklärt, über Wohnungsverhältnisse u. s. w. Auskunft 
zu geben. Frau Director Vocke wird sich gütigst 
der mitkommenden Damen annehmen und ihnen 
beim Besuch der Sehenswürdigkeiten Münchens hülf- 
rekh sein. 

Der Vorstand. 

Fiirstner, Strassburg. Hitzig, Halle. Jollv, Berlin. 

Kreusser, Schussenried. 

Laehr, Zehlendorf. Pelman, Bonn. Siemens, Lauenburg. 

— „Ueber die Anrechnung der Detentdonszeit 
in einer Irrenanstalt auf die Strafzeit“ macht Dr. 
jur. Alfred Manes, Referendar in Göttingen, in der Zeit¬ 
schrift das „Recht“ (10. III. 1902) folgende beraerkens- 
werthe Ausführungen: „Die Aufmerksamkeit, welche 
dem Geisteszustand eines Angeklagten geschenkt wird, 
hat sich in den letzten Jahren stark vermehrt, und 
damit ist die Bedeutung der strafrechtlichen und 
strafprozessualen Vorschriften erheblich gestiegen, die 
bezüglich des Geisteszustandes des Angeklagten und 
seiner Begutachtung Bestimmungen enthalten. Dabei 
zeigt sich, dass die in Betracht kommenden Gesetze 
einer Verbesserung fähig sind, insbesondere hin¬ 
sichtlich der Anrechnung der Detentionszeit 
in einer Irrenanstalt auf die Strafzeit 
des beobachteten und für gesund erklärten Angeklagten. 

Die Psychiatrie ist nicht derartig ausgebildet, dass 
in allen Fällen ein unzweifelhaftes Gutachten seitens 
eines Sachverständigen auf Grund einer mehrstündigen 
Beobachtung des' Angeklagten in der Hauptverhand¬ 
lung oder des Angeschuldigten vor derselben abge¬ 
geben werden kann. Der § 81 Str. P. O. bestimmt 
daher im Abs. 1: Zur Vorbereitung eines Gutachtens 
über den Geisteszustand des Angeschuldigten kann 
das Gericht auf Antrag eines Sachverständigen nach 
Anhörung des Vertheidigers anordnen, dass der An¬ 
geschuldigte in eine öffentliche Irrenanstalt gebracht 
und dort beobachtet werde. Und im Abs. 4 heisst 


es: Die Verwahrung in der Anstalt darf die Dauer 
von sechs Wochen nicht übersteigen. 

Durch diese prozessuale Anordnung wird also eine 
Internierung des Angeschuldigten oder Angeklagten 
zwecks Untersuchung seines Geisteszustandes möglich. 
Diese Untersuchungszeit ist nicht als Unter¬ 
suchungshaft im Sinne der Strafprozessordnung 
anzusehen. Die Bestimmungen über die Untersuch¬ 
ungshaft finden auf diese Internierung durchaus keine 
Anwendung. Sämmtliche Commentare schweigen sich, 
soweit ich sehe, über diesen Punkt aus. Eine gegen¬ 
teilige Ansicht ist mir nicht bekannt. Sie Hesse sich 
auch kaum begründen. Es gelten mithin für die 
Beobachtungsdetention nach § 81 Str. P. O. nicht die 
Vorschriften über die Anrechnung der Unter¬ 
suchungshaft auf die Strafzeit, § 60 Str. G. B., 
§ 482 Str. P. O.; auch § 493 Str. P. O. kann nicht in Be¬ 
tracht kommen, welcher die Anrechnung der nach 
Beginn der Strafvollstreckung wegen Krankheit in 
einer von der Strafanstalt getrennten Krankenanstalt 
verbrachten Zeit auf die Strafzeit anordnet. 

Hieraus folgt, dass es an gesetzlichen Bestim- 
mungen über die Anrechnung der Detentionszeit 
fehlt. Und man wird wohl nicht irre gehen, wenn 
man dieses Manko aus dem Umstand erklärt, dass 
der § 81 Str. P. O. erst in einem späten Stadium des 
Gesetzentwurfes in diesen hineingekommen ist, näm¬ 
lich erst in den Commissionsberathungen, während er 
in den Regierungsentwürfen nicht vorhanden war. 
Wie so häufig, zeigt sich auch hier, dass bei der¬ 
gleichen späten Einschiebungen nicht alle ihre C011- 
sequenzen ausreichend beachtet werden, sonst hätte 
man wohl noch eine weitere Bestimmung getroffen 
über die Anrechnung dieser Detentionszeit auf die 
Strafzeit. 

Dass aber eine solche Anrechnung in zahl¬ 
reichen Fällen angebracht erscheint, ist wohl 
kaum zu bezweifeln. Insbesondere ist eine Nicht¬ 
anrechnung unbillig in folgendem Fall. In der Haupt¬ 
verhandlung oder kurz vorher ergeben sich Zweifel 
über die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten. Der 
herbeigezogene Sachverständige erklärt, ein Gutachten 
erst nach genauer Beobachtung in der Irrenanstalt 
abgeben zu können, und stellt einen Antrag auf 
Ueberweisung dorthin. Der Staatsanwalt stimmt 
zu. Der Angeklagte und sein Vertheidiger wider¬ 
sprechen aus dem Grunde, weil selbst bei sofortiger 
Annahme der Zurechnungsfähigkeit die zu erwar¬ 
tende Strafe — vielleicht nur Geldstrafe — für 
den auf freiem Fusse befindlichen Angeklagten ein 
weit geringeres Uebel wäre als die sechswöchentliche 
Internierung, die ihn und seine Familie brotlos machen 
kann und die ihm nicht einmal zu gute kommt, wenn 
er aus der Anstalt als geistig normal entlassen wird. 
Es ist aber äusserst hart, einem Angeklagten die Kosten 
der Detention — nach § 497 Str.P.O. — aufzuerlegen 
und in einer erneuten Haupt Verhandlung ihn dann 
als zurechnungsfähig erklärten Thäter zu Strafe zu 
verurtheilen, auf die die Detention keine Anrechnung 
findet. 

Es erscheint fraglich, ob die Dententionszeit über¬ 
haupt bei Bemessung der Strafzeit in Berück- 


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I<> PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. i. 


sichtigung gezogen werden darf, denn das Ge¬ 
setz bestimmt ausdrücklich und ausschliesslich nur, 
dass die Untersuchungshaft in Anrechnung gebracht 
werden kann. Auch der Richter, der gewillt wäre, 
auf eine kleinere Strafe zu erkennen, weil der Delin¬ 
quent mehrere Wochen in der Irrenanstalt war, könnte 
an der Fassung der bezüglichen Paragraphen be¬ 
rechtigten Anstoss nehmen. 

Die Aufnahme einer Bestimmung in die künftige 
Strafprozessordnung in dem hier dargelegten Sinne 
erscheint unbedingt erforderlich. Diesem Erfordcmiss 
könnte genügt werden durch eine erweiterte Fassung 
des öo Str.G.B., die etwa dahin zu lauten hätte: 

Eine erlittene Untersuchungshaft kann bei Fällung 
des Urtheils auf die erkannte Strafe ganz oder thcil- 
weise angerechnet werden. Ebenso die in einer 
Irrenanstalt verbrachte Beobachtungszeit.“ 

— Die alljährliche Konferenz der Landes- 
directoren und Landeshauptleute der preussi- 
schen Monarchie wird in diesem Jahre in Düssel¬ 
dorf in den Tagen vom 3. bis 5. Juni abgehalten werden. 

— Eine psychiatrische Klinik für die Uni¬ 
versität Breslau. Ueber eine psychiatrische Klinik 
für die Universität Breslau ist, wie aus dem stenogra¬ 
phischen Bericht über die Sitzung des Abgeordneten¬ 
hauses am 11. März hervorgeht, nach einer Bemerkung 
des Ministerialdirectors Dr. Althoff eine Verständigung 
der Unterrichts Verwaltung mit der Finanzverwaltung 
so gut wie gesichert. 

— Hessen. Wie mitgctheilt wird, dürfte die 
für Rheinhessen piojectirte Irrenanstalt nach 
Alzey kommen. 

— Notiz zur „zellenlosen Behandlung 44 . In 

dem neuesten (XXVI.) Jahrgang der Charite- 
Annalen giebt Geh. Rath Jolly Erläuterungen zum 
Neubau der psvchiatrischcn und Nervenklinik der 
Kgl. Charite und lässt sich am Schlüsse derselben 
folgendermaassen aus: 

„Bezüglich der Isolirzimmer ist zu bemerken, dass 
dieselben sämmtlich mit Fenstern aus 2 cm dickem 
durchsichtigem Glas in eisernen Rahmen versehen sind 
und in üblicher Weise die möglichste Vermeidung 
scharfer Ecken und Kanten an den Wänden und 
Thüren erkennen lassen. Im Uebrigen machen sie 
aber vermöge der Grösse der Fenster einen durchaus 
zimmerartigen Eindruck, und es besteht die Absicht, 
sie überwiegend nur als solche zu benutzen, um Kranke, 
welche durch das Zusammenschlafen mit anderen ge¬ 
stört werden oder diese selbst stören, während der 
Nacht getrennt schlafen zu lassen. Dass sie gelegent¬ 
lich auch zur Abschliessung aufgeregter Kranker be¬ 
nutzt werden müssen, ist selbstverständlich. Die 
„zellenlose Behandlung“ bis zu dem Extrem durchzu¬ 
führen, dass man darauf verzieht#, auch sinnlos ver¬ 
wirrte und aufgeregte Kranke vorübergehend von 
ihrer Umgebung abzusperren, halte ich vorläufig , so 
lange nicht bessere Mittel zur Verfügung stehen, für 
unmöglich. Wohl aber kann ich fcststcllcn, dass wir 
selbst unter den verhältnissmässig ungünstigen Ver¬ 
hältnissen, wie sie die bisherigen Baueinrichtungen 
der Charite darboten und trotz des ausserordentlich 
grossen Materials an acut erkrankten aufgeregten 


Geisteskranken, Epileptischen und Deliranten, durch 
systematische Einschränkung der Isolirungen zu auf¬ 
fallend viel günstigeren Verhältnissen gekommen sind, 
als sie früher bestanden und, ich kann wohl hinzu¬ 
fügen. als wir erwartet hatten. Das extreme Ziel des 
Fanatiker braucht in dieser Frage ebenso wenig ver¬ 
wirklicht zu werden, wie in der Frage der Alcohol- 
abstinenz. Aber der Fanatismus hat schon oft das 
Gute gehabt, dass er die Grenzen des wirklich Erreich¬ 
baren erheblich weiter hinausrückte, als es der kühlen 
Ueberlegung zunächst möglich erschien, und wenn in 
beiden Fragen nur dieser Nutzeffect erzielt wird, so 
müssen wir den Fanatikern wenigstens mildernde 
Umstände bewilligen“. 

Falls die Eiferer der sogenannten „zellenlosen 
Behandlung“ diese Ausführungen in loyaler Weise 
neben dem früheren Jolly’schen Ausspruch von dem 
„Stichworte für das neue Jahrhundert“ citiren werden, 
sollen ihnen die mildernden Umstände bewilligt werden. 

s. 


Referate. 

— A m erica n Journal o f I n s a n i t y, April 
1 < )<) 1. 

1. Francis (). S i m p s o n (Lancaster County 
Asylum, Rainhill): Some points in the treatment of 
the chronic insane. 

S. bespricht die hygienischen, diätetischen und 
mechanischen Maassregeln bei der Behandlung chro¬ 
nischer Geisteskranker; das Pavillonsystem scheint hier 
zu kostspielig. Er hält es für weiser, die Kranken 
in einfacheren und weniger grossartigen Gebäuden zu 
halten, sie in eine Umgebung zu bringen, welche 
mehr ihren früheren Gewohnheiten entsprechen und 
das Geld, welches so erspart wird, für die Vermeh¬ 
rung der Aerzte und Wärter zu verwenden. Doch 
ist dies nach Ansicht des Ref. sehr wohl mit dem 
Pavillonsystem vereinbar, wenn nur nicht prunkende 
Villen, sondern ganz einfache Landhäuser gebaut 
werden. 

Wenn S. behauptet, dass auf dem Festlande auf 
105 Kranke etwa 1 Arzt kommt, so wüsste ich nicht 
wo (abgesehen von den Kliniken) dieses Verhältniss 
erreicht ist. Wimsehenswerth ist dieses Verhältniss 
ohne Frage und er fordert mit Recht eine wesent¬ 
liche Vermehrung der Aerzte (in Rainhill kommt 1 Arzt 
auf über 400 Kranke). Desgleichen hält er die 
Besserstellung (in Rainhill ca. 9—10 M. wöchentlich 
Gehalt) und Vermehrung des Wartcpersonals und 
ferner auch die Vermehrung des Personals für nöthig, 
damit die Kranken in ausreichender Weise zur Be¬ 
schäftigung gezogen und angehalten werden können. 

Die Bemerkungen über Abfuhr,‘Beleuchtung und 
Ventilation bieten nichts Neues. 

In Bezug auf die Ernährung der Kranken fordert 
S. grössere Abwechslung des Speisezettels und Rück¬ 
sichtnahme auf die Gewohnheiten der Kranken; täg¬ 
liche Verabreichung von Fleisch in irgend einer Form 
würde auch die Hinfälligkeit und Morbidität herab¬ 
setzen ; die miserable Ernährung in der Irischen An¬ 
stalt finde ihren sprechenden Ausdruck in der er- 


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1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. n 

schrecklichen Sterblichkeit an Tuberkulose. Die Epi- eines wissenschaftlichen Buches an die Spitze eines 


leptiker sollten eine rein vegetarische Diät bekommen. 

Von Getränken sei die Wahl zwischen Thee, 
Kaffee und Cacao zu lassen, von denen jedoch das 
letztere das zweckmässigste sei. Den Werth der Milch 
hebt S. nicht genügend hervor. — Was die alkoho¬ 
lischen Getränke betrifft, so erklärt S.: „Die A b - 
Schaffung des Bieres bei den Mahlzeiten 
ist so er folg re ich ge wese n, dass es unnöthig 
ist eine Praxis zu besprechen, welche cin- 
müthig angenommen worden ist. Es genügt 
zu bemerken, dass die Verabreichung von Alkohol 
an Geisteskranke in irgend einer Form (mit Ausnahme 
bei schweren körperlichen Erkrankungen als Medicin) 
zu verurtheilen ist“. Eine Untersuchung über den 
Einfluss des Alkohols auf die Entstehung von Geistes¬ 
störungen hat ihm etwa dreimal so hohe Procentzahlen 
ergeben als die officiellen Daten zeigen. 

Was schliesslich die medicinische Behandlung der 
Geisteskranken betrifft, so ist S. ein warmer Verthei- 
diger der Isolirungen und der Schlafmittel. Von dem 
eigentlichen Wesen der Wachsaalbehandlung scheint S. 
keine Ahnung zu haben. Indem er auf eine (wahr¬ 
scheinlich englische) Arbeit Bezug nimmt, in welcher 
der Autor behauptet, dass die chronischen Kranken 
von ihren lärmenden, zerstörenden und schmutzigen 
Gewohnheiten durch Unterbringung in helle Schlaf¬ 
räume mit Nachtwärtern geheilt werden können, wirft 
er die Frage auf, wie die Gegenwart einer Wartper¬ 
son oder eines Lichtes auf die jahrelangen üblen Ge¬ 
wohnheiten oder Degeneration einen Einfluss ausüben 
soll, und weist, um die Unmöglichkeit des Verfahrens 
zu demonstriren, auf einen Versuch des Directors 
von Hawkhead, Dr. Watson hin, welcher eines Abends 
16 weibliche Kranke, die wegen ihres lärmenden, 
gewaltthätigen und störenden Verhaltens bisher regel¬ 
mässig in Zellen geschlafen hatten, in einen hellen 
Schlafraum unter Aufsicht von 3 Wärterinnen legte 
und natürlich bei dieser ingeniösen Insccnirung des 
Versuchs denselben schon nach einer Stunde mit einem 
glänzenden Misserfolg abschloss. 

Als Schlafmittel empfiehlt S. Chlorid, Hyoscyamin und 
Hyoscin, warnt aber vor dem regelmässigen Gebrauch, 
bei unruhigen Kranken mit seniler Demenz Paraldehyd, 
bei chronisch lärmenden Kranken eine „grüne Mixtur“ 
aus Kal. brom. und Tinctura Canabis Indic. zu glei¬ 
chen Theilen, besonders bei Frauen, Sulphonal, Trio- 
nal etc. 

Zuletzt bespricht S. die Epilepsie ohne neue Ge¬ 
sichtspunkte beizubringen. 

2. William II. B u c k 1 e r: Notes on the con- 
tracts and torts of lunatics with special refurme to the 
law of Maryland. 

Bietet für deutsche Leser nichts besonderes Inter¬ 
essantes. 

3. J. F. Lear c y (Tuscaloosa): 11 e r c d i t v. 

Allgemeine Betrachtungen über Erblichkeit vom 

biologischen Standpunkt. 

George J. Preston (Baltimore): Insane or 
criminal ? 

Eine 41 jährige begabte und tüchtige Lehrerin 
von besserem Ruf, war gelegentlich der Ucbersetzung 


grossen literarischen Unternehmens getreten, für wel¬ 
ches ihr innerhalb d oder 7 Jahre 150000 Dollar 
anvertraut wurden, wovon aber die Actieninhaber nur 
die Hälfte als Dividende zurückbekamen. Das Uebrigc 
war spurlos verschwunden, ohne dass die Dame Aus¬ 
kunft über den Verbleib des Geldes geben konnte 
und ohne dass sie es für sich verbraucht hatte, da 
sie ausserordentlich einfach lebte. Sie selbst sträubte 
sich für geisteskrank gehalten zu werden, und es war 
auch kein deutliches Zeichen der Geistesstörung bei 
ihr zu finden mit Ausnahme einer grossen Gleich¬ 
gültigkeit gegen ihr Schicksal und hartnäckigstem Fest¬ 
halten an der Ansicht, dass das Geld sich aus dem 
(fingirten) Unternehmen schon wieder finden werde. 
Sie wurde zu 5 Jahren Gefängniss verurtheilt. 

P. lässt die Frage offen, ob die Lehrerin von 
andern Personen, welche sie für ihre Zwecke benutzt 
hatten, vorgeschoben und dirigirt worden war, oder 
ob es sich um Geisteskrankheit handelt. 

5. A. R. Moulton (Philadelphia): Death of an 
insane man from fracture of skull and haemorrhage 
of the brain; skull abnormal}’ tliin. 

Es handelt sich um einen 59jährigen Mann, der 
eine Zeit lang stark getrunken hatte und wegen Un¬ 
ruhe und Grössenideen in die Anstalt gebracht worden 
war, wo er zeitweise sehr erregt und obscoen war. 
Eines Morgens wurde derselbe tot auf dem Rücken 
liegend neben seinem Bett gefunden. Er war jeden¬ 
falls beim Verlassen des Bettes hingestürzt und hatte 
sich, wie die Sektion ergab, einen Bruch des beson¬ 
ders an der Fossa posterior und den Seitentheilen 
hinter dem äussem Gehörgange äusserst dünnen Schä¬ 
del zugezogen. Die Schädelbasis zeigte 2 Brüche. 
Starke Blutklumpen bedeckten die linke Stirn- und 
die rechte Parietal- und Occipitalgegend. Ferner zeig¬ 
ten sich neben allgemeiner Atheromatose aller Ge- 
fässe im linken Stirnlappen und im linken Kleinhirn 
Erweichungsherde. 

6. E. B. Delabarre: The rclation of mental 
content to nervous activity. 

7. Richard Dewey: Mental therapeutics in 
nervous and mental disease. 

I). bespricht in diesem Vorträge den Werth und 
die Anwendung der Suggestion bei Nerven- und 
Geistesstörungen und erläutert seine Ausführungen 
durch zahlreiche Beispiele. 

8. Chac. A. Drews (Massachusets): Signs of de- 
generaev and types of the criminal insane. 

D. wendet sich mit viel Humor gegen die Aus¬ 
wüchse der Lehre von den Degenerationszeichen, 
welche schon geringe Abweichungen von der angeb¬ 
lichen Norm als Stigmata der Entartung auffasse und 
so bei Geisteskranken und Verbrechern zu grossen 
Zahlen komme. D. erkennt nur sehr deutliche und 
augenfällige Abweichungen als Degenerationszeichen 
an und hat so unter den letzten 100 Aufnahmen in 
der Staatsanstalt für geisteskranke Verbrecher in 
Massachusets 44 mit Schädelabnormitäten, 40 mit ver¬ 
bildeten Ohren, 3c) mit abnormer Gaumenbildung ge¬ 
funden. Würde er nach den Beispiel anderer Auto¬ 
ren verfahren sein, so hätte er kaum 25°/ n normal 


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12 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. i. 


gesunde und qo °/ 0 hätten als Besitzer von dege- 
nerirten Ohrformen bezeichnet werden müssen. 8 
Fülle von ausgesprochener Degeneration werden kurz 
beschrieben und ihre Photographien nebst Schädel - 
diagrammen beigefügt. Hoppe. 

— Sil b ersc h m id t, W. Zur Auslegung von 
§ b Ziffer i. B. G. B. Das Recht. 1901. Nr. 22. 

Nach $ <) Ziffer 1 ist Voraussetzung der Entmün¬ 
digung : 

1) dass jemand seine Angelegenheiten nicht zu 
besorgen vermag; 

2) dass Geisteskrankheit oder Geistesschwäche 
Schuld hieran trägt. 

Es ist leicht begreiflich, dass der Jurist bei der 
ersten Frage einsetzt, während der ärztliche Sachver¬ 
ständige zuerst die zweite Frage entscheidet. 

Nach zwei grundlegenden Entscheidungen des 
Reichsgerichts sind unter den Worten „seine Ange¬ 
legenheiten“ alle Angelegenheiten zu verstehen. Wenn 
also der zu Entmündigende nur einzelne Angelegen¬ 
heiten oder einen bestimmten Kreis von solchen zu 
besorgen ausser stände ist, treffen die Voraussetzungen 
einer Pflegschaft gemäss § 1900 Abs. 2, nicht aber 
die der Entmündigung zu. Wenn auch Angelegen¬ 
heiten nicht ausschliesslich Vermögcnsangelegenheiten 
betreffen, so ist es doch zu weit gegangen, sie auch 
auf strafrechtliche und öffentlich-rechtliche Interessen 
auszudehnen. Mit Samter trennt auch er die Frage 
der Gemeingefährlichkeit völlig von der der Entmün¬ 
digung. Eine andere Frage hinwiederum ist die, ob 
Jemand, der wegen Gemeingefährlichkeit dauernd aus 
Gründen der öffentlichen Sicherheit etc. in einer Irrenan¬ 
stalt versorgt ist, hierdurch verhindert ist, seine An¬ 
gelegenheiten zu besorgen, wobei aber wiederum zu 
erwägen ist, dass es sich um die Gesammtheit der 
Angelegenheiten handelt.“ Der Kranke, der insbe¬ 
sondere seine Vermögensangelegenheiten zu besorgen 
in der Lage ist, darf nicht entmündigt werden. 

Ebenso ist auch die Frage der Delictsfähigkeit von 
der der Geschäftsfähigkeit, mit der allein bei der Ent¬ 
mündigung gerechnet wird, zu trennen. 

Die Frage, ob das Unvermögen zur Besorgung 
der Angelegenheiten vorliegt und ob diese durch die 
etwa vorhandene Geistesstörung bedingt ist, hat der 
Richter vollständig selbständig zu lösen. 

Ernst Schultzc. 


Bibliographie. 

(Besprechung der wichtigeren Arbeiten erfolgt unter „Referate“.) 

Archiv für K rimin al-Anthropologie und 
K r i in i n a 1 i s t i k , von Pf. Hanns Gross, VIII. Bd., 

1. Heft, Dezember 1901. 

Welchen Werth diese bedeutende Zeitschrift für 
den gerichtlichen Medicus hat, zeigt das Verzeichniss 
der bereits erschienenen Abhandlungen, von denen 
wir nur die für die Psychiatrie wic htigen hier anführen: 

I. Bd. Höfler, Zurechnungsfähigkeit. 

II. Bd. Gross: Reflexoide Handlungen, Levin- 

sohn: Identität. 


III. Bd. Näcke: Richter und Sachverständiger, 
Altmann und Ne m an o w itsch: Sadismus, 
Homosexualität u. A. 

V. Bd. v. Sehren ck-Notzing: Suggestion, Rosen¬ 
blatt: Mord oder Selbstmord, eine Warnung 
für Gerichtsärzte, Kautzner: Aus der gerichts¬ 
ärztlichen Praxis. 

VII. Bd. v. Sch r enck - N o t zi n g: Fall Mainonc, 
Gross: Reflectoides Handeln etc. 

Obiges Heft enthält u. A. einen Fall von „Betrug 
in Sinnesverwirrung“ von Pollak, in dem die Ange¬ 
klagte, die unter zureichenden Motiven mit Ueber- 
legung versucht hatte, einen Schmuck zu unterschlagen, 
auf Grund eines ausgezeichneten Gutachtens als 
hysterisch (bei gleichzeitiger unehel. Schwangerschaft) 
ausser Verfolgung gesetzt wurde. Schrenck-Notzing 
bespricht unter Hinzufügung eigener Beobachtungen 
die Frage nach der „verminderten Zurechnungsfähigkeit“, 
Näcke den Verlauf des V. Congresses für Krim.- 
Anthrop. in Amsterdam. Aus den zahlreichen Refe¬ 
raten und kleineren Mittheilungen sei hervorgehoben: 
Gross: Beweis durch Photographien (betr. die Phot, 
mit aufgesetzten Köpfen, die im Ernstfälle, z. B. 
Momentphotographie bei Untreue grosses Unheil an- 
richten könnten). H. Kornfeld. 

Psychiatrische en Neurologische Bladen, 
1902, Januar/Februar. 

Ziehen: Zur Differentialdiagno.se der Hcbephrenie 
(Dementia praecox). 

Hulst: Een geval van dementia paralytica als para- 
noia hallucinatoria debuteerend. 

Mceus: Een katatonisch geval van dementia präcox. 
Bo um an: De verpleging van Patienten, lijdende 
aan dementia senilis 

Wert heim Salomo nson: Bijdrage tot de kennis 
van de theorie van den Resonoteur van Oudin. 
Verslag der Commissie ter omsehrijving der ziekte- 
vormen der tegenwoordige Nomenclatuur. 

Personalnachrichten. 

(Um Mit'hcilung von Peraonalnacbrichtrn e'c an die Redaktion 
wird gebeten.) 

— Kgr. Sachsen. Oberarzt Dr. Krell am 1. Jan. 
als design. Direct«>r von Hochweitzschen nach Gross¬ 
schweidnitz versetzt; mit dem 1. April werden versetzt: 
Oberarzt Dr. Ilberg von Sonnenstein, Dr. Arnemann’ 
von Zschadrass, Dr. H e i n i c k c und Dr. Hahn von 
Hubertusburg nach Grossschweidnitz; Dr. Klem m 
von Hochweitzschen, Dr. Goetzc von Colditz nach 
Zschadrass; Oberarzt I)r. Frühstück von Colditz 
nach Hochweitzschen; Oberarzt Di. Kellner von 
Hubertusburg nach Untcigöltzsch. 

— Der Vortragende Rath im preuss. Kultusmini¬ 
sterium Geheimer Oberregienmgsrath Förster ist zum 
Ministerialdircctor der Med.-Abtheilung und Wirklichen 
Geheimen Oberregierungsrath mit dem Range der 
Räthe erster Classe ernannt. 


Das Inhalts-Verzeichniss des III. Jahr¬ 
ganges der „Psychiatrischen Wochenschrift“ wird der 
nächsten Nummer beigegeben. 


Für den rcdactionellen Thcil verantwortlich: Oberarzt Dr. J. Bresler Kraschnitz, (Schlesien). 

Erscheint ieden Sonnabend — Schluss der Inseratenannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marhold in Halle a. S 

Heynemann’sebe Buchdruckerei (Gebr. Wolff) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch -Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internationales Correspondenzblatt für Irrenärzte und Nervenärzte. 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervorragender Fachmänner des In- und Auslandes 

hpiansgegeben von 

Director Dr. K. Alt, Prof. Dr. G. Anton, Prof. Dr. L. Edinger, Prof. Dr. A. Guttatadt, Prof. Dr. E Mendel, 

IJchnpnne** tAltmarki Graz. Frankfurt a. M. Geh. Med.-Rath, Berlin Rerlin 

Dr. P. J. Möbius, Director Dr. Morel, 

Leipzig. Mons (Belgien). 

Unter Benützung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Kraschnitz (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adresse: Marhold Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 2572. 

Nr~Z 12. April. 1902 . 

Die ,,Psych ia tr i sc h -Neur o 1 o g ische Wochenschrift“ erscheint jeden Sonnabend und kostet pro Quartal 4 Mk. 

R-«*fllnni»en n-htn<»n iede Rurhhandiung, di** Post (Katalog Nr. 6252), sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a.S. entgegen. 
Inserate werden für die ßspaltige Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Frmässigung ein. 

Zuschriften für riie Redaktion sind an 1 Uierarzt Dr |. Bresler. Kraschnitz (Schlesien), /.u richten 

Inhalt. Originale: Psychische Aberration. Psychopathie. Von Sanitätsrath Dr. Alfons Bilharz-Sigmariugen (S. 13). — 

Wichtige Entscheidungen auf dem Gebiete der gerichtlichen Psychiatrie. Von Dr. Ernst Schultze, Andernach (Fortsetzung) 
(S. 18). — Mittheilungen (S. 23). — Referate (S. 25). — Personalnachrichten (S. 28). 


Psychische Aberration. Psychopathie.*) 

Von Sanitäts-Rath Dr. Alfons ^////«rc-Sigmaringen. 


W* haben es bisher als unsere Hauptaufgabe 
erachtet, an allen möglichen Punkten die dünne 
Rasendecke der Erscheinungen abzuheben und un¬ 
mittelbar darunter das gleichartige Grundwasser der 
Metaphysik, als eines Erklärungsgrundes, hervortreten 
zu lassen; was eben heisst: Physik auf Metaphysik 
zurückführen oder Physik aus Metaphysik deduciren 
oder erklären. Wir können daher in einer Lehre 
vom Lehen an seinen krankhaften Ei scheinungen 
nicht vorübergehen, obwohl sie gewöhnlich eine weit¬ 
abliegende Disciplin ausmachen; besonders aber des¬ 
wegen nicht, weil die metaphysische Erklärung oder 
Auffassung, die wir hier vertreten wollen, anderen 
Orts, d. h. ohne den innigsten Zusammenhang mit 
Metaphysik, gar nicht verstanden werden würde. 

*) Als besonderes Kapitel erschienen in des Verfassers 
eben erschienenem Werke: „Die Lehre vom Leben“, 
Wiesbaden, J. F. Bergmann. 1902, 502 S. Die Lektüre 
obigen Aufsatzes setzt diejenige dieses hochinteressanten Werkes 
voraus, bezw. muss nebenhergeheu. 


Den sichersten Leitfaden, damit gleich der erste, 
wichtigste Schritt in der Beurtheilung der psychischen 
Entgleisung richtig ausfalle, bietet uns die Thatsache, 
dass sie, wie die sittliche Entgleisung, nur beim 
vernunftbegabten Wesen, dem Menschen, vorkommt. 
Psychopathie, wie Ethopathie, ist an den Besitz der 
Vernunft, also der Sprache, geknüpft. Irrsinn und 
Verbrechen, im Lehen oft so schwer auseinander zu 
halten, erweisen sich, als Vernunftkrankheiten, auch 
als metaphysisch verwandt; verschieden nur nach den 
Weltaxcn, in denen sie veilaufen, also wie Inhalt und 
Form, und daher rechtwinkelig aufeinander. 

In der That ist durch die Sprache, d. h. durch 
die Erschaffung einer zweiten Welt von Objecten 
(deren Uebereinstimmung mit der Welt der Wirklich¬ 
keit keineswegs immer gewährleistet ist), durch die 
Herstellung einer fast unbegienzten Menge von Diffe¬ 
rentialbegriffen verschiedener Ordnung gegenüber der 
gegebenen Welt integraler Vorstellungen, ein zweites 
Mal die gefährliche Möglichkeit des Bruches des 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 2. 


ethophysischen Gesetzes gegeben, das (als 
Ausdruck der Welthälftigkeit des Gegensatzpaares der 
metaphysischen Seinsgrösse) Anspruch auf unverbrüch¬ 
liche Allgemeingültigkeit machen darf. Denn so wenig 
Leben (Bewusstsein) bei Zerfall des Subjectpunctcs 
bestehen kann, so wenig darf ihm ein doppelter 
Objectpunct entsprechen: in beiden Fällen ist der 
Bestand des künstlichen Staatengebildes, das eine 
Welthälfte darstellt, bedroht. 

Die tägliche Erfahrung lehrt, dass dies schon beim 
gewöhnlichen Verstandesirrthum der Fall ist. 
Wer einen Wolf für einen Schäferhund, das Trugbild 
der Wüste für Wasser hält, der wird für sein Leben 
Gefahr laufen. Bleibt es bestehen, so sind solche 
Irrthümer leicht zu verbessern; man nennt dies Er¬ 
fahrungen sammeln, durch Erfahrung klug werden. 

Sinneserkenntniss ist Verwandlung (also enantiale 
Uebereinstimmung) des subjectiven Forminhalts der 
Empfindung in die subjcctive Inhaltsform der Zeit¬ 
räumlichkeit, die mit der objectiven Inhaltsform 
identisch ist. In diesem Punct findet sich das eiho- 
physische Gesetz verwirklicht: zwischen der auf den Be- 
wusstseinsmittelpunct hinbezogenen, also vorbewussten 
und daher dem Sein angehörigen Empfindung und 
der daraus gemachten Vorstellung besteht die voll¬ 
kommene Uebereinstimmung, wie sie uns in der 
Synthese des Quadrates, als dem Bild des Be¬ 
griffs überhaupt, vorgeführt wird. In diesem Punct 
wurzelt auch das, was sowohl an der monistischen 
Welttheoric, als auch an der Identitätsphilosophie 
Schell ing's*) richtig ist: die Uebereinstimmung 
oder (enantiale) Identität zwischen metaphysischer 
und physischer Form. 

Die ethophysischc Uebereinstimmung wird auch 
dann nicht verletzt, wenn thatsächlich eine Ver¬ 
schiedenheit der Empfindung vorkommt; wenn z. B. 
bei einem Zusammensein von Grau und Blau ein 
Auge nur grau**) empfindet, also für Blau farben¬ 
blind ist. Hier liegt kein Irrthum, sondern eine 
Mangelhaftigkeit in der Organisation, ein Mangel an 
Unterscheidungskraft der Sinne vor. Die Synthese 
vollzieht sich in der reinen Zeitlinie, und diese führt 
Nothwendigkcit bei sich. Irrthum kommt in das 

*) Schelli hielt es für seine Lehensaufgabe, den philo¬ 
sophischen Dualismus zu überwinden: ,,Unser Geist strebt nach 
Einheit im System seiner Erkenntnisse.“ Er hat es sehr ver¬ 
kehrt angefangen und vollendet. Wer aber nicht wenigstens 
eine Faser der Wahrheit in Händen hat: wo sollte er die 
Kraft und den Mnth hernehmen, ein so gewaltiges Werk wie * 
ein System der Philosophie durchzuführen? 

**) Empfindungen können natürlich nicht selbst verglichen, 
nur aus der Gleichheit oder Verschiedenheit des Eindrucks 
kann auf das Qualitative geschlossen werden. 


sinnliche Erkennen erst dann, wenn der Verstand 
sich über die flächenhaften Sinnesdaten hei macht 
und sie im Raum, also gesetzlos-willkürlich, zu einem 
dreidimensionalen, pseudoinhaltlichen Gebilde, einem 
Helmholtz'sehen Begriff vereinigt. 

Die Verstandesirrthümer, denen auch die ge¬ 
schärften Sinne der Thicrc unterliegen, verschwinden 
aber gänzlich vor der ungeheuren Masse der Ver- 
nunftirrthtimer, die auf einem falschen Differentiations¬ 
verfahren beruhen. Die sprachliche Bildung abstrac- 
tiver Begriffe hat es nicht so gut, wie die mathematische 
Differentiation. So gross ist der Unterschied, dass 
die Wesensverwandtschaft beider Vorgänge bisher 
überhaupt nicht erkannt worden ist; weder die 
Bildung von Wortbegriffen als einer Differentiation, 
noch das Wesen der Differentiation als einer successiven 
Abstossung einer Dimension. Die mathematische 
Differentiation sucht den im Begriff der Constanten 
liegenden Inhalt aus der (gleichgültigen) F o r in 
durch wiederholte Abstossung der formalen Dimen¬ 
sionen herauszuschälen. Da Inhalt auf Form, als 
reiner conträrer Gegensatz, rechtwinkelig steht, so 
muss das mathematische Verfahren, um dem Enantial- 
satz oder dem ethophysischen Gesetz zu entsprechen, 
demgemäss verfahren: die Rectangularität ihres Ver¬ 
fahrens liegt denn auch sowohl in der Gleichung, als 
auch in der analytisch-geometrischen Curve überall zu 
Tage; ein Irrthum kann nicht stattfinden. 

Trotz der Geschicklichkeit der Mathematiker in 
ihrer Kunst, sind sie doch, kleinlaut gemacht durc h 
den bereitwillig verschluckten Widerspruch des Un¬ 
endlich-Kleinen, und wie hvpnotisirt durch das ewige 
Hinstarren auf die räthselhaft-fascinirende Gestalt des 




Bruches , , hinter den Sinn 
äx 


ihres hierophantischen 

Verfahrens nie gekommen. Angesichts der Wichtig¬ 
keit der Sache sei mir folgende Abschweifung ge¬ 
stattet. 

Ihre Unfähigkeit, erkenntnisstheoretisch richtig zu 
denken, verrathen die „unendlich kleinen“ Mathe¬ 
matiker deutlich darin, dass sie mit Verachtung aller 
erkenntnisstheoretischen Grenzen schreiben: 


h -/ 


n . dx, 


während es heissen muss: 


oder 



y = a x . 


Folgende anschauliche Nebeneinanderstcllung dei 
zwei mathematischen Sprachen giebt ein deutliches 
Bild ihres Unterst .Liedes: 


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1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Differentialrechnung Gewöhnliche Mathematik 



links die Sprache der Metaphysik, das Unausgedehnte, 
Punctuelle, Constante, der Inhalt (A): rechts die 
Sprache der Physik, das Ausgedehnte, Veränderliche, 
die Form, das Integral (£u). 

Man sieht, dass man mit der Grösse — --, 

dem Handschuh für die constante Hand A , machen 
kann, was man will, umstülpen, einstülpen, Zusammen¬ 
legen, zusammenrullen, auseinanderwickeln, aufblasen : 
immer bleibt es dasselbe, so lange A besteht, d. h. 
s*> lange dasselbe metaphysische Wesen hinter der 
Erscheinung steht; so lange der Enantialsatz die 
Gleichwerthigkeit aller dieser Formumwandlungen ver¬ 
bürgt, und so lange sein eisernes Gesetz auch die 
kleinste Abweichung eines Zuviel oder Zuwenig ver¬ 
wehrt. Man erkennt aufs Deutlichste den Fehler, 
eine mathematische Gleichung ein synthetisch e s 
Urtheil zu nennen, und erkennt das Gleichgültige 
aller Manipulationen mit endlichen Wcrthen der 
Veränderlichen. 

Ich glaube, dass die Einsicht in die Gleichgül¬ 
tigkeit der mathematischen Formurmvandlungen, der 
Zeiträumlichkeit eines Vorgangs in Hinsicht auf den 
Werth der Sache selbst, den Gedanken der Differen¬ 
tialrechnung im Kopf des grossen Newton zuerst er¬ 
zeugt habe: er wollte alle Verschiedenheiten der zeit¬ 
räumlichen Daten in einem einzigen Denkact zusam¬ 
mendenken und so von ihnen abstrahiren. 

So erhielt er, im Falle der astronomischen Cen¬ 
tralbewegung, die constante B e z i e h u n g der Wclt- 
körper zu einander ganz unabhängig von ihrer je¬ 
weiligen Lage, die vielmehr von jener bestimmt wird. 
Er musste dabei offenbar aus der Schwereebene, in 
der die zeiträumliche Ausdehnung (= Bewegung) vor 
sich geht, gänzlich heraustreten, sich also senkrecht 
dazu stellen. Er schaute, entfremdet, in eine neue 
Welt des Wesens selbst hinein, in die einst der Künstler- 
Philosoph Plato hineingeschen hatte; wo die Ideen, die 
Geister der Erschlagenen, die Schiller ’sche „Gestalt“ 
hausen; das Land der „intcllectuellcn Anschauung,“ wo 
die höchste Abstractionskraft den Sieg über sich selber 
feiern darf, ohne Widerspruch. 

Diese zusammenschauende, synthetische, genialisch- 

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*5 

künstlerische Ncwton’schc Art der Differentiation 
ist die eigentliche Sprache der Metaphysik, der Lehre 
vom Inhalt, der Vereinigung aller Formen, und führt 
auch allein zum Verständniss des Wesens dieser 
Rechnungsart. Newton bedurfte für seine Flucht aus 
der Welt der Veränderlichkeit .in die Welt der C011- 
stanz keiner besonderen Ausdrucksweisc; wohl aber 
bedurfte einer solchen der dissecirende Verstand eines 
L e i b n i z , der sie auc h fand. Der Gedanke w r ar leicht 
und secundär: was für jede Zeit gilt, das gilt auch 
für den Zcitpunct, die ausdehnungslose Zeit, das 
„Zeitdifferential“: damit war die Sprache der Meta¬ 
physik in eine Rechnungsart verwandelt und in ein 
Lehrgebäude, wie eine solche zu erlernen sei. 

In der That führen, wie tavg 0 °und tavg 90 0 
zeigen, zwei Thore aus der Zeitlichkeit oder der Welt 
des Veränderlichen hinaus, deren gleichwertige 
Grenzen Null und Unendlich sind. Doch ist ein Unter¬ 
schied: das zur Einheit und Constanz zusammengefasste 
Unendliche ist etwas; der Gedanke kann sich daran 
festhalten und jenseits der Veränderlichkeit sich ein 
Gebiet von constanten Werthen wohl vorstellen. Mit 
der Null aber kann man gar nichts anfangen. Die 
Mathematiker wären die Letzten gewesen, zur Be¬ 
gründung ihres stolzen Gebäudes ein so unsicheres 
Ding, wie die Metaphysik, zu Hülfe zu rufen, und 
sicherlich hatten weder L e i b n i z noch seine Schüler 
eine Ahnung davon, dass sie sich mit ihren Differen¬ 
tialgleichungen in eine neue und gänzlich verschiedene 
Welt hinein begeben. 

Man kann, wenn man will, den Gedanken der 
Differentialrechnung bis zu Diophantcs zurück 
verfolgen , der zuerst in der Gleichung etwas C011- 
stantes und etwas Veränderliches unterschied. Nach 
Decartes’ grosser synthetischer That war ihre 
Entdeckung nur noch eine Frage der Zeit: die 
Gleichung selbst wurde zum Gesetz der Curve. 
L e i b n iz übersetzte Newt on ? s Gedanken , vor 
dessen zusammenschauendem Blick die Grenze 
zwischen Physik und Mcthaphysik verschwend, in 
das mathematische Schlagwerk und gab der Constanz- 
betrachtung die streng mathematische Form; freilich 
um einen ungeheuren Preis, den zu entrichten dem 
gewandten Philosophen vielleicht selbst nicht so schwer 
ankam, um so schwerer aber allen Denen, die, ohne 
das Opfer des Verstandes bringen zu können, seine 
Schüler werden wollten : nämlich um den Preis, den 
Unendlichkeitsbegriff (um der Null zu entgehen) in 
die Welt der Endlichkeit hinein zu tragen. Die 
philosophischen Winkelzüge der Mathematiker in der 
Beschönigung dieses Gevvaltstrcic'hs sind einfach 
schändlich. Aber so fest ist das Gefüge der mathe- 

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[Nr. 2. 


16 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


matischen Form, dass man ohne Verständniss der 
Saclie Differentiiren lernen kann, wenn man sich nur 
entschlossen hat, jenen Widerspruch mit Haut und 
Haaren hinunter zu schlucken. Indessen irren heute 
noch Schüler umher mit der Fiage, was man denn 
eigentlich mit der Differentialrechnung wolle, und er¬ 
halten keine Antwort. Die Thatsachc der Diffe¬ 
rentialrechnung ist der starke Schild, hinter den sich 
die erhabene Unnahbarkeit des Meisters verbirgt; erst 
klagt der Schüler seinen dummen Verstand an; später, 
in seiner Kunst geübt, setzt er mit Lust das mathe¬ 
matische Schlagwerk in Gang, ohne sich mehr an die 
schweren Stunden des Eintritts in die höhere Mathe¬ 
matik zu erinnern, d. h. des Eintritts in die Meta¬ 
physik, ohne es zu wissen ! Ich habe schon ander¬ 
wärts hervorgehoben, dass es dem ausgezeichneten 
Mathematiker P. Dannegger durch den Begriff der 
Constanz gelungen ist, sich ganz selbständig einen Weg 
zum Verständniss der Differentialrechnung zu bahnen, 
indem eben der Begriff der Constanz ihn befähigte, 
den Differentialquotienten als das aufzufassen, was er 
ist, nämlich als blosses Zeichen, den Rückweg zum 
Integral wieder zu finden *) 

Denn, worauf die mathematische Differentiation 
immer ausgeht, das ist, die Constanz aus der Hülle 
der Zeitlichkeit successive herauszuschälen. Sie ver¬ 
wandelt den Cubus in die Fläche, die Fläche in eine 
Ordinate.**) Differentiiren heisst Hinausdenken, Ab- 

*) Dannegger hat, abgesehen von der von ihm und 
mir gemeinschaftlich herausgegebenen Schrift „Metaphysische 
Anfaugsgründe der mathematischen Wissenschaften“, seine Ge¬ 
danken nur noch in einem Schulprogramm der Ackerbauschule 
zu Sigmaringen niedergelegt. Er behandelt darin die Frage, 
wie weit man von den Grundsätzen der höheren Mathematik 
schon in den niederen Schulen Gebrauch machen könne und 
zeigt die Möglichkeit an mehieren Beispielen. Dass dies jetzt 
geschehehen müsse, wenn Metaphysik eine Wissenschaft, und 
Differentialrechnung ihre Sprache ist, steht ausser Frage. Man 
gelangt zum Verständniss der höheren Mathematik nicht durch 
die niedere, sondern umgekehrt; wie Metaphysik Physik erklärt, 
nicht umgekehrt. 

**) Ein Mathematiker machte gegen meine Definition der 
Differentiation die Einwendung, dass sie zu enge sei, nur die 
Potenzen betreffe, aber z. B. die Gleichung y — c x nicht be¬ 
rühre, deren Ableitungen j ' 4 (e x ) u.s. w. immer wieder — c* seien. 
Der geehrte Kritiker bemerkte nieht, welche Blösse er sich 
gab. Denn er konnte sich wohl hinter den Schirm flüchten, 
selbst nicht zn wissen, was für ein Vorgang bei der Differen¬ 
tiation stattfinde, nicht gut aber, dass überhaupt nichts vorgehe, 
wofür sein Beispiel doch zu sprechen scheint. Sicherlich wäre 
seine Definition, wie sie auch lauten mochte, alsdann ebenfalls 
zu enge ausgefallen. Noch weniger aber wird ihm bewusst ge¬ 
wesen sein, dass sein Beispiel eine glänzende Bestätigung 
meiner Auffassung enthält. e x ist eine Constaute, die in un¬ 
bestimmt vielen Dimensionen ausgedehnt ist. Ertheilt man 
x einen endlichen Werth, so verwandelt sich der Ausdruck in 


strahiren, Dimensionen wie Geweihe abwerfen, die in 
der Frühlingswelt der Integration von neuem wachsen 
sollen; z. B. 

y — a . x . x 
dy 

r = 2U.X 

dx 


Ich füge diesem parenthetischen Streifzug ins Ge¬ 
biet der Mathematik noch hinzu, dass die Verhült- 
nissanalogie der Differentialrechnung und der Variations¬ 
rechnung des Lag ran ge einerseits, und der zeitlich¬ 
physischen und der zeitlos-metaphysischen Erkenntniss 
andererseits, — das Recht, das Metaphysik verleiht, 
in ihr Gebiet der Constanz auch den Begriff der Ver¬ 
änderlichkeit zu übertragen, nur eben nicht den Be¬ 
griff der zeitlichen Veränderlichkeit, — eine der 
schönsten Coincidenzen der Wissenschaft ist, die es 
geben kann; deren Werthschätzung aber mehr philo- 


eine constante Grösse, die auch mein Gegner nicht wird dilfe- 
rentiiren wollen. Das Beispiel gilt also nur für x ~ x * and 
nun möge er anfangen zu differentiiren, oder, nach meiner An¬ 
gabe, zu dedimensioniren.ein e nach dem anderen ab¬ 
zuwerfen, und möge dabei die Geduld nicht verlieren. Was 
herauskommt, ist in der That immer wieder die Grösse e x ; er 
kommt dem Ziel (6 l ) nicht näher. 

Dasselbe zeigt sich bei der Differentiation der Kreisfunctionen. 
Da die Differentialrechnung, wie wir oben sagten, die Sprache 
der Metaphysik ist, d. h. durch fortgesetztes Abstossen der 
formalen Dimensionen den Inhalt herausschält, Inhalt aber auf 
Form senkrecht steht, so ist klar, dass die Differentialconstantc 
des Sinus nur immer wieder der Cosinus sein kann, und um¬ 
gekehrt. 

Die Discussion des Ausdrucks e x giebt Anlass zu einer 
weiteren Bemerkung. Naeh Obigem ist es ebensowohl ein 
Differential als ein Integral und ist in diesem Sinne der adue- 
quate Ausdruck für die metaphysische Seins¬ 
grösse. Wir hatten schon oben (im II. Theil) gesagt, im 
Verhältniss zum formalen, dreidimensionalen, physischen 
Pseudoinhalt müsse das metaphysische I nhalts- Integral als 
Körper von unendlich vielen Dimensionen aufgefasst werden, 
da es ja auf allen Punkten von seinem Gegensatz, dem Object, 
umgeben ist. Wir hatten ferner durch die Figur 9, Seite 176, 
erläutert, dass Wegnahme oder Hinzufügen von Dimensionen 
an der metaphysischen Seinsgrösse nichts ändere; dass ein 
eigentliches Differentiiren oder Integriren hierbei nicht statt- 
linde, und zwar deswegen nicht, weil das Metaphysische d i e 
Zeit nicht enthält, nur im Raum veränderlich ist. Hierüber 
spricht sich nun der Ausdruck e x , als Träger einer constanten 
Seinsgrösse e, mit aller Deutlichkeit aus. 

Man wird der Sprache der Mathematik, diesem voll¬ 
kommensten Werkzeug des menschlichen Geistes, die Bewuuderung 
nicht versagen können. Sie giebt auch da eine richtige 
Antwort, wo die ihr vorgelegte Aufgabe ihre Tragweite über¬ 
schreitet. Metaphysik aber ist im Stande, die todte Form mit 
dem herrlichsten Inhalt anzufüllen. 


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iqo2.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


sophisches Verständniss der Mathematik voraussetzt, 
als die vereinigten Wissenschaften der Mathematik, 
Philosophie und Naturwissenschaft bisher aus sich 
hervorgebracht haben. 

Vergleicht man nun mit dem Abstractionsvorgang 
der mathematischen Differentiation die sprachliche 
Begriffsbildung, die den Menschen befähigt, auch ohne 
Gegenwart des H e 1 m h o 11 z’schen Integralbegriffs 
oder des sinnlichen Objects eine Vorstellung davon 
in sich hervorzurufen, so bemerkt man sofort die 
Aehnlichkeit und die Verschiedenheit des Vorganges. 

Zuerst wird die erste Dimension der Empfindungs¬ 
grösse abgestossen, und an ihre Stelle tritt (dem 
Differentialquotienten entsprechend) ein Zeichen, 
das die Rückkehr zur Integration wieder möglich 
macht: der articulirte Laut. So ist aus dem drei¬ 
dimensionalen Vorstellungsgebilde eines bestimmten 
einhufigen Thieres der zweidimensionale Begriff „Pferd“ 
entstanden, aus dem also, bis auf das wesentliche 
oder c har acteristische Prädicat der Einhufig- 
keit, alle anderen Formalbestimmungen hinausgedacht 
worden sind, und der demgemäss alle Einzelvorstel¬ 
lungen, wenn sie nur dem characteristischen Prädicat 
Genüge leisten, in sich befassen kann. In dieser zwei¬ 
dimensionalen Gestalt entspricht der differentiirte h »go- 
centrische Begriff der metaphysischen Synthese aus 
Inhalt und Form: A. ^ = A 2 , d. h. einem Begriff 
überhaupt, und man übersieht sofort, dass der Ein- 
heiistrieb der analytischen Vcrnunftthätigkeit sich die 
Gelegenheit nicht entgehen lassen werde, den Ab- 
stossungsvorgang noch einmal zu wiederholen, ein 
zweites Mal zu differentiiren und sich zur Bestimmung 
des Begriffs mit der einfachen Grösse A genügen zu 
lassen; in diesem Fall mit der wesentlichen Be¬ 
griffsbestimmung der Einhufigkeit = So entstehen 
simmtliche substantivirte Eigenschaftsbegriffe, die in 
so ungeheurer Anzahl das logocenfrische Gebiet be¬ 
völkern: sie sind die Producte einer wiederholten Dif¬ 
ferentiation, aus der die wesentliche Bestimmung übrig 
geblieben ist. 

Bis hierher ist die Analogie der zwei verglichenen 
Verfahrungsweisen so vollständig, dass inan nicht nur 
berechtigt ist, die sprachbcgriffliche Abstraction Diffe¬ 
rentiation zu nennen, sondern auch als das gemein¬ 
same Wesen der Differentiation überhaupt das suc- 
cessiv wiederholte Abstossen der Dimensionen eines 
Begriffs, bis zur übrigbleibenden letzten Dimension, 
anzusehen. 

Aber die erkenntnissthcoretisch überaus wichtigen 
Unterschiede müssen andererseits gebührend hervor¬ 
gehoben werden. 

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Ihrem a p r i o r i s c h e n *), d. h. auf Metalogik und 
Metaphysik zurück verweisenden Character und ihrem 
subjectiven, vom Object ganz unabhängigen Ursprung 
getreu, verfährt Mathematik in allen Punkten correct: 
aus den tausenderlei formalen Umhüllungen schält 
sie den Inhalt heraus, der sich in der zuletzt übrig 
bleibenden constanten Grösse darstellt; der ganze 
Process ist durchsichtig und klar von Anfang bis zu 
Ende. Bei der aposteriorischen Erkenntniss 
tritt vor allem die Umkehrung des noocentrischen 
Standpunkts, der sogenannte geocentrische Irrthum, 
in die Quere, der das letzte Glied der durch und 
durch formalen Begriffssynthese für einen Seins- 
inhalt und die Vorstellung für das die Empfindung 
und Vorstellung erzeugende Object nimmt. Die 
ganze Welt wird dadurch auf den Kopf gestellt, (wie 
denn ein Mensch, der sich auf meiner Retina präsen- 
tirt, thatsächlich auf dem Kopf steht,) und es kostet 
Mühe, die Begriffsverschiebungen erkenntnisstheoretisch 
richtig zu stellen. Was überhaupt an metaphysischem 
Inhalt in der ganzen Synthese enthalten ist, steck 
im Form inhalt der Empfindung, dem erstgegebenen 
Element; gerade dieses aber wird in der sprachlichen 
Differentiation zuerst entfernt, und der logocentrische 
Inhaltsbegriff wird dem allerunsichersten, weil nur räum¬ 
lich-synthetischen, Element der dritten Dimension 
übertragen. Diese kann dann ebenfalls entfernt werden, 
und übrig bleibt als wesentlicher Bestandtheil des 
ganzen Begriffs, nicht etwa ein Element des Seins, 
sondern die Form der Form, die bestimmende Eigen¬ 
schaft, die vorletzte Dimension. 

In dieser Durchbrechung und Verwirrung aller 
erkenntnisstheoretischer Grenzen kann von mathema¬ 
tischer Strenge der Differentiation nicht mehr die 
Rede sein. Die Unähnlichkeit wird hier so gross, 
dass Kant entschuldigt ist, wenn er die logocentrische 
Begriffsbildung sogar für einen Act der Synthesis an- 
sah. Die Unsic herheit steckt sowohl in der „Sub- 
jectivität“ der Empfindungsdaten, d. h. in ihrer nur 
individuellen Gültigkeit, als auch in der gesetzlosen, 
dem Zufall und der Willkür unterworfenen zweiten 
Synthese, (der Zusammenfassung aller empfindungs¬ 
haltigen Formalbcgriffe zum Pseudoinhalt des „Gegen¬ 
standes“,) die im Raum geschieht. Verlass ist nur auf 
die enantiale Gleichheit der in der Zeiteinheit des 
Denkens verbundenen, also rectangularen Dimensionen 

*) Es ist immer ein wahres Vergnügen, mit den unsterb¬ 
lichen Begriffsbestimmungen der Transscendentalphilosophie zu¬ 
sammenzutreffen und so ihren Werth zu demonstriren. Syn¬ 
thesis apriori ist allerdings ein Widerspruch; aber dass mathe¬ 
matische Urtheile apriorische sind, wird Niemand so leicht 
widerlegen können. 

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18 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 2. 


der aufs Bewusstsein bezogenen, also vorgestellten 
Empfindung, in der allein sich das ethophysische Ge¬ 
setz verwirklicht. Daran und an der Unverbrüchlich¬ 
keit des geocentrischen Irrthums hat indessen das 
physische Erkennen Halts genug, um sich in der 
Welt des Objects mit grosser Sicherheit zurecht zu 
finden. Beim Menschen macht die Häufigkeit der 
Vergleichung zwischen Wort- und Wirklichkeitsbegriff 
und der Denkdrehung, die dabei stattfindet, und deren 
man sich wegen der Geläufigkeit des Vorgangs kaum 
bewusst ist, die Sicherheit im Gebrauch des ersten 
Differentiationsbegriffs um so grösser, als dieser ja 
eine Rückkehr zur quadratischen Urgestalt des Be¬ 
griffs bedeutet. Allein beim zweiten Differential, bei 
den sogenannten abstracten Begriffen ist aller Halt 
verloren. Ein Begriffsstab ist noch vorhanden, die 
Form der Form, an der das characteristische Attribut 
des Inhalts, nämlich die Constanz, nur noch in der 
«konstanten Form des articulirten Lautes erhalten ist. 
In diesen tönenden Schlauch kann Alles gepackt 
werden, was drein geht und nicht drein geht. Diese 
Begriffe fügen sich der logischen Form des Urtheils 
gerade so gut, wie ihre Integrale, von denen sie ab¬ 
geleitet sind, und eignen sich trefflich dazu, den 
fressenden Wurm des verdeckten Widerspruchs durch 
die glänzendsten Deduclioncn zu schleppen und sie 
dadurch werthlos zu machen. Und gerade diese be¬ 
griffe haben für den Menschen die grösste Bedeutung 
und Tragweite. Von jeher haben die grossen Denker 
der Menschheit Alles aufgeboten, um den Inhalt 
solcher Abstractioncn sicher und richtig zu stellen; ja, 
ihre Grösse besteht geradezu in der Reinheit ihrer 
Grundbegriffe. In der That handelt es sich um eine 
Richtigstellung. Denn das aus Subject und Prä- 
dicat bestehende Urteil ist der zerlegte Begriff, also 
das zerlegte Quadrat, dessen Dimensionen (als Inhalt 
und Form) einander gleic h gesetzt werden, und ein 
richtiges Urtheil ist daher ein solches, dessen 
Dimensionen rechtwinklig auf einander sfehen. Aber 
wo ist im Gebiet des Abstracten, so wie es in der 
Anschaulichkeit der mathematischen Grössenlehre vor¬ 
handen ist, das Richtscheit, das die Sc hiefwinkligkeit 
der gebrauchten Begriffe sofort aufzeigen würde? 

Allerdings giebt es ein solches in der strengen 
Gegensätzlichkeit der Begriffe, dem logischen 
Aequivalentdcr mathematischen Rectangularität Ueber- 
all, wo die auf der Höhe der Abstraction gebrauchten 
Begriffe als reine Gegensätze nachgewiesen werden 
können, (denen also im letzten Grund der Urgcgcn- 
satz von Inhalt und Form unterliegen muss,) da ge¬ 
winnt auch die Darstellung der speculativen Vernunft 
den Grad mathematischer Gewissheit oder nähert sich 


ihr in demselben Maasse an. Es ist das gemeinsame 
Merkmal der grossen Erzeugnisse der Literatur, dass 
sie der Prüfung in dieser Hinsicht Stand halten, und 
nichts ist leichter für Den, der gewohnt ist, rectan- 
gular oder streng gegensätzlich zu denken, als den 
Werth oder Unwerth einer Schrift nach diesem Kri¬ 
terium auf den ersten Blick zu erkennen *). So ist 
die ganze orientalische speculative Literatur in wissen¬ 
schaftlicher Hinsicht werthlos, so hoch sie als Er- 
zeugniss dichterischen Geistes stehen mag. Erst die 
hohe Vernünftigkeit der Griechen erhob sich zur 
Klarheit reiner Gegensätze. Wir hatten schon oben 
darauf hingewiesen, dass die Geburtsstunde der wissen¬ 
schaftlichen Speculation, d. h. der Philosophie, damals 
schlug, als es Thaies gelang, sein Denken aus der 
Zeit in den Raum, also um einen rechten Winkel zu 
drehen, und der dialektischen Methode des Sokrates, 
die nichts anderes ist, als das Bestreben, durch immer 
wiederholte logische Prüfung einen abstracten Begriff' 
richtig d. h. rectangular zu stellen, hat der gesammte 
Orientalismus nichts an die Seite zu stellen. Und 
sollte nicht Philosophie überhaupt die Missachtung, 
in der sie steht, dem Umstand zu verdanken haben, 
dass sie gar oft griechische Strenge im Denken ver¬ 
missen lässt? 

Das Differential muss, wie Form auf Inhalt, auf 
dem Intregal senkrecht stehen. Ist dies innerhalb 
der log< »centrischen Begriffswclt der Fall, so füllt sich 
das Gebiet des vernünftigen Denkens mit dem werth- 
vollsten Material, durch das der Mensch die ganze 
Welt dem wissenschaftlichen Verständniss unterwerfen 
und sich zu ihrem Herrscher machen kann. Es ist 
aber überaus bemerkenswert!), dass erst, seitdem das 
dialektische Experiinentiren der Philosophen durch 
das exacte Experiment der Naturforscher ersetzt worden 
ist, ein so ausserordentlicher Fortschritt in der wissen¬ 
schaftlichen Erkenntniss des Seienden, wie heute, ge¬ 
macht wurde. Wir sehen leicht den Grund davon 
ein: von einer durch unbefangene Beobachtung ge¬ 
sicherten integralen Grundlage steigen die Natur¬ 
forscher an der Hand der Mathematik zu immer 
höheren Differentialbegriffen, immer bereit eine Wahr¬ 
heit (Hypothese, Theorie) durch eine besser be¬ 
gründete zu ersetzen, d. h. an der erstrebten Rectan¬ 
gularität ihrer .Begriffe eine genauere Correctur an¬ 
zubringen. Die Philosophen verfuhren immer um¬ 
gekehrt und integrirten ihre speculativen Abstractioncn, 

*) Schopenhauer brauchte, wie er sagt, nur die erste 
Seite eines Buches zu lesen, um urtheilen zu können, ob es 
lesenswerth sei. Unwillkürlich, und ohne davon zu wissen, 
liess er das Gitterwerk der Coordinaten seines klaren Denkens 
auf den Autor sich herabsenken und wusste dann genug. 


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1902.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


19 


d. h. Differentialbegriffe, deren Herkunft keineswegs 
immer einer streng-wissenschaftlichen Prüfung unter¬ 
zogen worden waren,, ja, die sogar ausdrücklich eine 
Heimatsberechtigung in einer Erfahrung verschmähten! 
Wissenschaft weist solches Ansinnen zurück. Zwar 
gelang es dem speculativen Denker immer, die Wirk¬ 
lichkeit mit seinen Grundbegriffen in Einklang zu 
bringen*); er konnte sagen: die Integration meiner 

*) Das schönste Beispiel liefert Kant in der Kritik der 
reinen Vernunft. Nach der Entdeckung der Subjectivität von 
Raum und Zeit musste ein reiner erkentnisstheoretischer Idea¬ 
lismus folgen, der sich ebenso nothwendig durch einen reinen 


Differentialbegriffe ist erreicht — aber fragt mich nur 
nicht wie! 


Realismus im Sinn einer metaphysischen Ontologie hätte er¬ 
gänzen müssen. Beidem aber stand der altgewohnte Rationa¬ 
lismus entgegen. Kant war keineswegs gewillt, die Realität 
der Aussen weit aufzugeben. Den idealistischen Grundgedanken 
in den sogenannten empirischen Realismus auslaufen lassen zu 
können, das eben sollte der gewaltsame Gedankengang der 
Kritik der reinen Vernunft besorgen. Eine leise Schiefwink- 
licbkeit, über eine lange Denkfläche vertheilt, vermag den Denker 
über sich selbst, sowie den Leser zu täuschen. Ein Philosoph, 
der in seinen Begriffen von der strengen Gegensätzlichkeit ab¬ 
weicht, ist sicher verloren. 

(Fortsetzung folgt.) 


Wichtige Entscheidungen auf dem Gebiete der gerichtlichen Psychiatrie. 

Aus der juristischen Fachlitteratur des Jahres 1901 zusammengestellt 
von Dr. Ernst Schnitze , Andernach. 

(Schluss). 


Erkenntniss des Reichsgerichts IV. c. S. i. S. Böttcher 
c. Bottelier vom 4. März, 1901 Nr. 380/1(100 IV. 

II. I. O. L. G. Celle. 

Die Klägerin hat beantragt, auf Grund des § 1369 
des Bürgerlichen Gesetzbuchs die Ehe der Parteien 
zu scheiden, indem sie behauptet, dass ihr Ehemann 
in Geisteskrankheit verfallen sei, und diese seit länger 
als drei Jahren während der Ehe bestelle und einen 
solchen Grad erreicht habe, dass die geistige Gemein¬ 
schaft zwischen den Ehegatten ohne jede Aussicht 
auf Wiederherstellung aufgehoben sei. Der Vormund 
des Beklagten hat die Abweisung der Klage beantragt. 
Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Die Be¬ 
rufung der Klägerin ist durch das obenbezeichnete 
Urthcil des Oberlandesgerichts zurückgewiesen. Auf 
Revision der Klägerin ist das Beruf ungsurtheil auf¬ 
gehoben und die Sache an die Vorinstanz zurückge¬ 
wiesen. 

Gründe. 

Das Beriifungsurtheil beruht auf der Annahme, 
dass nach dem Gutachten des ärztlichen Sachver¬ 
ständigen, Professors Dr. C.. der Beklagte nicht an 
Geisteskrankheit leide*, event. aber die etwa vor¬ 
handene Geisteskrankheit nicht einen solchen Grad 
erreicht habe, dass die geistige Gemeinschaft unter 
den Ehegatten ohne jede Aussicht auf Wiederher¬ 
stellung aufgehoben sei. 

Diese Begründung muss beanstandet werden. 

In Ansehung der Frage, ob der Beklagte an 
Geisteskrankheit leidet, bedarf es nach Lage der 
Sache nicht einer grundsätzlichen Entscheidung da- 

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rüber, ob der $ 1569 des Bürgerlichen Gesetzbuchs 
einem Ehegatten die Scheidungsklage nur im Falle 
der Geisteskrankheit oder auch im Falle der Geistes¬ 
schwäche des anderen Ehegatten giebt. Die Klägerin 
hat behauptet, dass der Beklagte an Geisteskrankheit 
leide. Das Berufungsgericht ist gegenüber dieser Be¬ 
hauptung dem Gutachten des Sachverständigen C. 
gefolgt. Diese Würdigung giebt aber zu Bedenken 
Anlass. Der Sachverständige hat bei seiner zweima¬ 
ligen Vernehmung sich im Wesentlichen überein¬ 
stimmend dahin geäussert: 

Der Beklagte sei im Jahre 1893 geisteskrank 
gewesen. Er habe sich aber im Laufe der Zeit 
gebessert. Gegenwärtig sei er im Sinne des 
Bürgerlichen Gesetzbuchs geistesschwach, im 
wissenschaftlichen Sinne auch geisteskrank. Er 
leide an sekundärer Demenz auf dem Boden des 
chronischen Alkoholismus im Anschluss an ein 
delirium tremens. 

Dieses Gutachten bietet aber keine genügende 
Grundlage für die Beantwortung der Beweisfrage. 
Dasselbe argumentirt mit dem Begriffe der Geistes¬ 
krankheit bald im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuchs, 
bald im Sinne der Wissenschaft. Dabei ist aber das 
Verhältnis« nicht dargelcgt, in welchem beide Begriffs¬ 
arten zu einander stehen. Dies macht sich besonders 
insofern geltend, als der Sachverständige selbst da¬ 
von ausgeht, dass der Beklagte im Jahre 1893 an 
Geisteskrankheit im Sinne des Bürgerlichen Gesetz¬ 
buchs gelitten habe, dann nur konstatirt, dass der 
Beklagte sich später in gewissem Grade gebessert 


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20 


[Nr. 2. 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT* 


habe, und schliesslich den gegenwärtigen Zustand des 
Beklagten doch nicht als abgeschwächte Geisteskrank¬ 
heit, sondern als Geistesschwäche im Sinne des Bür¬ 
gerlichen Gesetzbuchs bezeichnet. 

Im Zusammenhänge hiermit steht das Bedenken, 
welches die Vorentscheidung hinsichts der eventuellen 
Frage hervorruft, ob die etwa vorhandene Geistes¬ 
krankheit des Beklagten derartig gesteigert ist, dass 
demselben das Bewusstsein der ehelichen Gemein¬ 
schaft völlig und dauernd abhanden gekommen ist. 
Das Berufungsgericht erwägt hier : 

Nach dem C.’schen Gutachten bethätige sich 
das Bewusstsein der ehelichen Gemeinschaft sei¬ 
tens des Beklagten noch fort, theils krankhaft 
durch die Eifersuchtswahnideen, theils nicht 
krankhaft durch den Widerspruch gegen die 
Scheidung wie durch Aeusserungen dahin, dass 
er nach L. zurückkehren und sein Geschäft über¬ 
nehmen wolle, und dass dies schon gehen werde, 
wenn seine Frau sich so verhalte wie er. Aller¬ 
dings bekunde der Sachverständige, dass der 
Beklagte noch immer zum Trinken neige und 
beim Rückfalle gemeingefährlich werden würde, 
deshalb auch seine Entlassung bisher nicht an- 
gängig gewesen sei, sowie, dass auf einen Brief¬ 
wechsel des Beklagten mit der Klägerin so wenig 
wie bisher zu rechnen sei. Aber alles das ge¬ 
nüge nicht im Sinne des § 1569 des Bürger¬ 
lichen Gesetzbuchs. 

Dem gegenüber muss davon ausgegangen werden, 
dass die eheliche Gemeinschaft ein auf sittlichen 
Rechten und Pflichten beruhendes Lebensverhältniss 
ist, und dass, wenn von einem Fortbestehen, einer 
Fortbethätigung dieser Gemeinschaft gesprochen wer¬ 
den soll, entsprechende reale Anhaltspunkte dafür 
zu erfordern sind. Nun hat der Sachverständige 
C. bei seiner ersten Vernehmung bekundet: 

Die Entlassung des Beklagten aus der Pro¬ 
vinzialirrenanstalt sei bis dahin immer am Mangel 
anderweiter geeigneter Unterbringung gescheitert. 
Dies werde bei der Natur seiner Geisteskrank¬ 
heit und bei den bestehenden Verhältnissen 
auch für die Zukunft geschehen. Deshalb sei 
eine geistige Gemeinschaft zwischen den Ehe¬ 
gatten für jetzt und in der Zukunft ausgeschlossen. 
Zwar sei eine Bethätigung der Gemeinschaft 
durch Briefwechsel nicht absolut ausgeschlossen, 
aber auf diese Möglichkeit bei der hochgradigen 
Interesselosigkeit des Beklagten nicht zu rechnen. 
Angesichts dieser Angaben des Sachverständigen 
wird das Bedenken nahe gelegt, inwiefern sich für 
Gegenwart und Zukunft thatsächlich noch eine ehe- 

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liehe, d. h. von dem Bewusstsein sittlicher Rechte 
und Pflichten getragene Gemeinschaft unter den Ehe¬ 
gatten ermöglichen soll. J. W. *) p. 29. 

§ 1569 B. G. B. 

In die hier geforderte Dauer von mindestens 3 
Jahren ist auch die schon vor dem 1. Januar 1900 
abgelaufene Zeit einzurechnen. 

Urtheil des L.-G. Kaiserslautern vom 3. Mai 1901. 

D. R. **) Entscheidung Nr. 909. 

§ 1602, iriio. 

Erwerbsunfähigkeit ist schon dann anzunehmen, 
wenn eine der Lebensstellung des Bedürftigen ent¬ 
sprechende Erwerbsthätigkeit ausgeschlossen erscheint. 

(R.-G. IV. 25. April 1901.) 

D. R. Entscheidungen Nr. 1731. 

§ 1829 A. 3. 

Die durch den volljährig gewordenen Mündel er- 
theilte Genehmigung gemäss § 1829 Abs. 3 B. G. B. 
muss dem anderen Theile gegenüber erklärt werden 
und nicht etwa dem Vormunde gegenüber. 

Nach dem Eintritte der Volljährigkeit ist der Vor¬ 
mund nicht mehr zur Vertretung des Mündels be¬ 
rechtigt und kann derselbe deshalb auch keine Er¬ 
klärungen mehr für diesen abgeben. Daraus folgt, 
dass der Mündel nur dem anderen Theile gegenüber 
die Genehmigung erklären kann. Der Wortlaut des 
Gesetzes (§ 1829 Abs. 1 B. G. B) spricht zwar 
scheinbar dafür, dass die Erklärung dem Vormunde 
gegenüber zu machen ist, der sie seinerseits dem 
anderen Theile mitzutheilen habe. Es darf aber 
nicht übersehen werden, dass in Abs. 1 die Existenz 
der Vormundschaft vorausgesetzt wird. 

(L.-G. Metz, 28. August 1901). 

D. R. Entscheidungen Nr. 2023. 

§ 1906; § 27 R. F. G. 

Die Entscheidung des Vormundschafts- bezw. Be¬ 
schwerdegerichts, dass eine „vorläufige Vormundschaft“ 
i. S. des B. G. B. § 1906 gegebenenfalls erforder¬ 
lich sei, kann, weil Sache des rein thatsächlichen Er¬ 
messens, nicht im Wege der weiteren sofortigen Be¬ 
schwerde (R. F. G. § 27, 69 5 , 20, 29 2 ) zur Nach¬ 
prüfung des O.-L.-G. gebracht werden, insofern die 
gesetzlichen Voraussetzungen des § 1906 im übrigen 
inhaltlich der Feststellungen des Beschwerdegerichts 
(L.-G.) vorliegen. 

Beschluss d. O.-L.-G. Karlsruhe vom 14. No¬ 
vember 1900. D. R. Entscheidungen Nr. 1039. 

§ 1909. 

Das Vomiundschaftsgericht hat vor Einleitung 
einer Pflegschaft aus § 1909 Abs. 1 Satz 2 B. G. B. 

*) Juristische Wochenschrift. 

**) Das Recht. 

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1002.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 2 1 


zunächst die formelle und materielle Gültigkeit des 
Testaments zu piüfen. 

(K. G. 22. April 1 t;o 1). 

D. R. Entscheidungen Nr. 2203. 

§ 1910. 

Uübereinstimmend mit „Recht“ 1900 S. 51 (>, Nr. 
786, 787 (Bestellung eines Pflegers für einen geistes¬ 
kranken Beamten im Zwangspensionierungsverfahren. 
Unmöglichkeit der Verständigung mit einem Geistes¬ 
kranken). 

(K.-G. 21. Januar 1901). 

D. R. Entscheidung Nr. 577. 

§ *2231. 

Zur gültigen Errichtung eines privatschriftlichen 
Testaments ist nicht erforderlich, dass dasselbe in 
deutscher Sprache verfasst wird. Das Gesetz stellt 
vielmehr bezüglich der Sprache, in welcher ein der¬ 
artiges Testament zu errichten ist, kein Erfordern iss 
auf. 

(K. G. 29. Mai 1 o< > 1). 

D. R. Entscheidungen Nr. 22 io. 

§ 2238 A. I. 

Zugelassen ist nur eine Erklärung durch ge¬ 
sprochene Worte, nicht durch .Zeichen, sodass ein 
Testament, bei dem der Errichter sein Einverständ¬ 
nis« lediglich durch Kopfnicken zu erkennen gegeben 
hat, nichtig ist. 

(O.-L.-G. Stuttgart, 23. März 1901). 

D. R. Entscheidungen Nr. 1505. 

§ 2242 A. 1 S. 2. 

Die hier vorgeschriebene Feststellung im Testa¬ 
mentsprotokoll kann nicht durch eine nachträgliche 
Bescheinigung des Protokollanten, „er habe das 
Schriftstück dem Kranken . . . vorgelcsen, worauf 
derselbe seine letztwillige Verfügung unterschrieben 
habe“, ersetzt werden und noch weniger 'durch eine 
ähnliche Bestätigungserklärung des bei der Aufnahme 
der Urkunde zugegen gewesenen Zeugen. 

(L.-G. Dresden, 13. Juni 1900h 

D. R. Entscheidung Nr. 41 1. 

IV. Einführungs-Gesetz zum 
Bürgerlichen Gesetzbuch. 

Art. 153 bis 156, 160. 

Erkenntniss des Reichsgerichts IV. C. S. i. S. Marg. 
c. Staatsanwaltschaft u. Gen. vom 3. Januar 19m 

Nr. 277/1900. IV. 

II. J. Kammergericht. 

Das Berufungsurtheil ist aufgehoben und die Sache 
an das Berufungsgericht zurückgewiesen. 

Aus den Gründen. 

Die aus dem materiellen Rechte hergenom- 

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mene Beschwerde erweist sich als durchschlagend. 
Auch wenn mit dem Berufungsgericht auf Grund der 
Fassung des § 669 Absatz 1 der Civilprozessordnung 
angenommen wird, dass demselben lediglich eine Prü¬ 
fung darüber oblag, ob der amtsgerichtliche Entmün¬ 
digungsbeschluss zur Zeit seiner Erlassung, 
d. i. am 13. August 1898, gerechtfertigt war, — was 
vorliegenden Falles um so unbedenklicher ist, als der 
Kläger den Eintritt einer Aenderung in seinem gei¬ 
stigen Zustande für die seitdem verflossene Zeit gar 
nicht behauptet —, so hatte doch das Berufungsge- 
gericht auch in diesem Falle bei der Beschliessung 
seines Urtheils, am 29. Juni 1900, hierüber nicht 
mehr nach Allgemeinem Landrecht, sondern nach 
Maassgabe der Vorschriften des seitdem in Kraft ge¬ 
tretenen Bürgerlichen Gesetzbuch zu entscheiden. 
Die Frage, ob eine Person geisteskrank und deshalb 
geschäftsunfähig oder bezw. in seiner Geschäftsfähig¬ 
keit beschränkt ist, betrifft die Feststellung eines Zu¬ 
standsrechts (Statusrechts). Dass auf dergleichen Zu- 
standsrechtc seit der Wirksamkeit des neuen Gesetzes 
dessen Satzungen anwendbar sind, geht schon im 
Allgemeinen aus der Tendenz des Gesetzes, insbe¬ 
sondere aber auch aus den Artikeln 153 bis 156 
und 160 des Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen 
Gesetzbuche, zur Genüge hervor. Auch in dem Ur- 
theil des erkennenden Senates vom 29. Oktober 1900 
(IV, Nr. 244/00) ist bereits ausgesprochen worden, 
dass vom 1. Januar 1900 an die Entmündigung wegen 
Geisteskrankheit in einem zu dieser Zeit noch an¬ 
hängigen Verfahren nicht mehr nach altem, sondern 
nach dem neuen Rechte zu beurtheilen ist. 

In der vorliegenden Sache genügte es demnach 
für den Berufungsrichter nicht, in Uebereinstimmung 
mit dem Beschlüsse des Amtsgerichts vom 13. Au¬ 
gust 1898 festzustellen, dass der Kläger damals im 
Sinne des £ 28 Titel I Thcil II des Allgemeinen 
Landrechts blödsinnig (unvermögend, die Folgen sei¬ 
ner Handlungen zu überlegen) war. Seine Prüfung 
hatte sich vielmehr nach dem 1. Januar 1900 darauf 
zu erstrecken, ob sich aus dem von dem Amtsge¬ 
richte festgestellten Thatbestand auch die Folgerung 
ziehen lasse, dass der bei dem Kläger damals vor¬ 
handene Geisteszustand eine Geisteskrankheit oder 
Geistesschwäche nach Maassgabc des § 0 Nr. 1 
des Bürgerlichen Gesetzbuchs darstelle und 
dass Kläger in Folge derselben gehindert war, seine 
Angelegenheiten zu besorgen. Es unterliegt keinem 
Zweifel, dass der Gegenstand dieser Prüfung in dem 
einen und in dem anderen Falle nicht derselbe ist. 

J. W. p. 72. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 2. 


Art. 155. 

Die Frage, ob jemand geisteskrank und deshalb 
geschäftsunfähig ist, muss von dem Richter, der da¬ 
rüber nach dem i. Januar i c>« »o zu erkennen hat, 
auf Grund des neuen Rechts entschieden werden. 

(R.-G. IV, 3. Januar 1901). 

D. R. Entscheidungen Nr. 1045 
Art. 210. 

Pflegschaften, die nach § 90 der Pr. Vorm.-Ord¬ 
nung eingerichtet sind, verbleiben auch unter der 
Herrschaft des B. G. B. in Kraft. 

(O.-L.-G. Frankfurt a. M., 17. Okt. 1900). 

D. R. Entscheidungen Nr. 1207. 

Art. 210 A. 2. 

Die Vorschrift, dass die bisherigen Vormünder 
als nunmehrige Pfleger im Amte bleiben, greift dann 
nicht Platz, wenn an Stelle der mit dem 1. Januar 
1900 zu Ende gegangenen Vormundschaft eine Pfleg¬ 
schaft tritt. 

(O.-L.-G. Jena I., 28. Mai 1 <j<>0). 

D. R. luitscheidungen Nr. 1O9. 

Art. 210. 

Vormünder und Pfleger, die unter der Herrschaft 
des früheren Rechtes befreit worden sind, sind vom 
1. Januar 1900 nicht weiter befreit, als dies das B. 
G. B. zulässt; insbesondere fällt jede Befreiung von 
ij 1807 weg. 

(K.-G. 29. Oktober 1900). 

D. R. Entscheidung Nr. 418. 

Art. 2 io A. 2. 

Die Vorschrift des Art. 210 Abs. 2 E. G. z d. 
B. (i. B., dass die bisherigen Vormünder im Amte 
bleiben, bezieht sich nicht nur auf die bestellten, 
sondern auch auf die gesetzlichen Vormünder. 

Die allgemeine Fassung jener Gesetz Vorschrift 
schliesst eine Unterscheidung zwischen Vormündern, 
welche nach dem bisherigen Rechte bestellte oder 
gesetzliche waren, aus, und auch die Materialien zu 
derselben - Motive zu $ 128 d. Entw. eines E. G. 
z. B. G. B. S. 303 — rechtfertigen die Annahme 
nicht, dass eine solche Unterscheidung gewollt war. 
In diesem Sinne wurde die in der Litteratur be¬ 
strittene Frage von dem Kammergericht (Johow Jahrb. 
Bd. 10, S. 43) entschieden. Den gleichen Stand¬ 
punkt hat mit Bezug auf Landrechtsatz 393 a auch 
das Grossherz. Bad. Justizministerium in den an die 
Badischen Amtsgerichte erlassenen Belehrungen vom 
6. Januar und 26. Februar 1900 (Bad. Rcchtspraxis 
1900 S. 73, 74) vertreten. 

R. G. Urth. vom 12. Febr. 1901. II 310/1900. 

D. R. Entscheidung Nr. 489. 


V. Civilprozessordnung. 

§ 41 Z. b. 

Die Ablehnung eines Sachverständigen kann in 
der Berufungsinstanz nicht unter Anrufung des §41 
Nr. 6 C. P. O. in der Weise begründet werden, dass 
derselbe bereits in erster Instanz vernommen worden 
sei und somit als Richtergehilfe bei der Entscheidung 
erster Instanz mitgewirkt habe. 

Entsch. des R. G. VII vom 7. Mai 1901. 

D. R. Entscheidungen Nr. 1215. 

§ 56* 

Stellt sich heraus, dass der Beklagte schon zur 
Zeit der Klagezustellung prozessunfähig war, ohne 
mit einem gesetzlichen Vertreter versehen zu sein, 
so ist das Gericht nicht befugt, das Verfahren durch 
Beschluss auszusetzen, sondern es muss durch Urtheil 
entscheiden. 

(O.-L.-G. Dresden, 13. Juli 1900). 

Stellt sich in der Berufungsinstanz heraus, dass 
der Beklagte und Berufungskläger prozessunfähig ist, 
und dies auch schon zur Zeit der Klagezustellung 
war, ohne mit einem gesetzlichen Vertreter versehen 
zu sein, so ist nicht etwa die Berufung als unzulässig 
zu verwerfen, sondern die Klage unter Aufhebung 
des ersten Urtheils und des bisherigen Verfahrens 
abzu weisen. 

(O.-L.-G. Stuttgart, 24. Mai 1901). 

D. R. Entscheidungen 2119, 2120. 

§ 406. 

Die Ablehnung eines Sachverständigen ist nach 
$ 406 Abs. 2 der C. P. O. nur so lange zulässig, 
als nicht dessen Vernehmung oder bei schriftlicher 
Begutachtung die Einreichung des Gutachtens erfolgt 
ist, es sei denn, dass — was hier nicht zutrifft — 
der Ablehnungsgrund früher nicht geltend gemacht 
werden konnte. Der Sachverständige N., gegen 
den die Kl. ein in dem angefochtenein Beschlüsse 
zurückgewiesenes Ablehnungsgesuch eingebracht hat, 
ist aber in dieser Prozesssache bereits wiederholt 
vernommen und hat mehrfache schriftliche Gutachten 
erstattet, darum ist die jetzt erst erfolgte Ablehnung mit 
Recht als pfo< essual unzulässig angesehen. Die Be¬ 
schwerdeführerin behauptet zwar, es handle sich jetzt 
um eim: neue Ernennung des Sachverständigen be¬ 
hufs der Beweiserhebung über ein neues Beweisthema, 
allein das ist, wie die Fassung des ßeweisbeschlusses 
vom 14. November 1900 klar zum Ausdruck bringt, 
thatsächlich nicht der Fall. VI. C. S. i. S. Pfister e. 
Kyllmann und Heyden vom 27. December 1900, 
B. Nr. 232/1900 VI. J. W. p. 59. 

§ 406. 

Ein Ablehnungsgrund betreffs eines Sachverstän- 


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tgoi.) PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 23 


digen kann nicht daraus entnommen werden* dass 
derselbe bereits in einer früheren Instanz vernommen 
worden ist. 

( 0 .-L.-G. Karlsruhe, 28. December igoo). 

D. R. Entscheidungen Nr. 1088. 

§§ 407,413- 

Der Sachverständige kann die Erfüllung der ihm 
obliegenden Verpflichtung zur Erstattung eines Gut¬ 
achtens nicht von der begehrten Zusicherung be¬ 
stimmter Gebührensätze abhängig machen. 

(Kammergericht, 1. October igoo). 

D. R. Entscheidungen Nr. 1089. 

S 48/ Z. 3» 488. 

Das Gericht ist an die benannten Sachverstän¬ 
digen gebunden und muss sie vernehmen. Der An¬ 
tragsteller hat somit ein durch § 4<>4 Abs. 1 nicht 
besc hränktes Vorschlags r e c h t. 

(R. G., 24. September 1901.) 

D. R. Entsc heidungen Nr. 2554. 

$ 5 () 7 - 

Wenn der Antrag der das Entmündigungsverfah¬ 
ren betreibenden Staatsanwaltschaft auf nochmalige 
Vernehmung von Sachverständigen seitens des Amts¬ 
gerichts abgelehnt worden ist, so ist hiergegen Be¬ 
schwerde zulässig. 

(L.-G, Darmstadt, b. Juni igoi). 

D. R. Entscheidungen Nr. 2275. 

$ () S°- 

Dem Geiste des Gesetzes entspricht cs, dass über¬ 
all da, wo der Eindruc k der Person des zu Entmün¬ 
digenden für den Ausfall der richterlichen Entscheidung 
Bedeutung gewinnen kann, dieses Erkcnntnissmittel 
auch verwerthet wird. ‘ Deshalb wird sich der Richter 
des Aufenthaltsortes im Zweifel nicht der Aufgabe 
entziehen dürfen, über die beantragte Entmündigung 
sachlich Entscheidung zu treffen. 

(O.-L.-G. Dresden, 5. November 1900.) 

D. R. Entscheidung Nr. 1433. 

§ ( > 5 °- 

Uebereinstimmend mit „Recht“ S. 375. Nr. 202. 

K. -G. 30. März 1000, während das Bayr. Oberst. 

L. -G. vom 10. März 1900 anscheinend etwas weiter 
geht, indem es sagt: 

„Leitender Gesichtspunkt für Zulassung der Ueber- 
weisung war, dass es für die Sicherheit des Verfahrens 
von erheblichem Werthc sei, wenn derjenige Richter 
das Urtheil fälle, der den zu Entmündigenden vor 
Augen gehabt und vernommen habe. Demgegenüber 
könne die Folge der Ueberwcisung nicht durchschlagend 
sein, dass bei einzelnen Gerichten, in deren Bezirk 
sich Irrenanstalten befinden, eine Fülle von Entmün¬ 
digungssachen erwachsen könne.“ Nach der Ansicht 


des Kammergerichtes sollte durch die Fassung des 
Gesetzes gerade die Möglichkeit der Ueberlastung 
einzelner Gerichte ausgeschlossen werden. 

D. R. Entscheidung Nr. 219. 

$ f> 50 . 

Die nac hträgliche UeberweisungdcsEntmündigungs¬ 
verfahrens an das Amtsgericht, das den zu Entmün¬ 
digenden bereits auf Ersuchen des zur Einleitung des 
Verfahrens zuständigen Amtsgerichts vernommen hat, 
ist zulässig. 

(O.-L.-G. Dresden, 8. Oktober iqoo.) 

D. R. Entscheidungen Nr. 1656. 

S 650. 

Gegen die Entscheidung aus $ 050 Abs. 3 giebt 
es keine Beschwerde. 

(K. G. 30. März igoo.) 

D. R. Entscheidung Nr. 220. 

$ <> 50 . 

Gegen die Entscheidung aus § 650 :l steht den be¬ 
theiligten Gerichten kein Rechtsmittel zu. 

(O.-L.-G. Dresden, 13. Dezbr. igoo.) 

D. R. Entscheidungen Nr. 1432. 

§§ 650, (>53. 

Die Uebernahme der Verhandlung und Entschei¬ 
dung über den Entmündigungsantrag kann nicht wegen 
mangelnder Angabe der Gründe, aus welchen die 
Verbringung des zu Entmündigenden in die Irren¬ 
anstalt erfolgte, abgelehnt werden. 

(Bayer. Oberstes L.-G., I. Juli igoi.) 

D. R. Entscheidungen Nr. 2428. 

f>54* f>55» () 7 l - 

Auc h in solchen Fällen, in denen für das Prozess¬ 
verfahren der ersten Instanz der § 598 a F. (jetzt 
$ <>54) massgebend war, ist, wenn zur Zeit der Ver¬ 
handlung in der Berufungsinstanz die neue Vorschrift 
des § O34 in Kraft getreten war, diese Bestimmung 
anzuwenden. § O71 Abs. 1 C. P. O. muss nach den 
allgemeinen Vorschriften dieses Gesetzbuches auch in 
der Berufungsinstanz Anwendung finden. In gleicher 
Weise hat schon der III. C. S. des R. G. in einem 
Urt. vom 12. Oktober 1900 Rep. III Nr. 185/00 
entschieden. 

Urtheil des R. G. vom 20. November igoo in 
der Sache Rep. II Nr. 2b0/00. 

I). R. Entscheidung Nr. 118. 

8 654. 

Die Vorschrift, dass der zu Entmündigende per¬ 
sönlich unter Zuziehung eines oder mehrerer Sach¬ 
verständigen zu vernehmen ist, ist im Interesse und 
zum Schutze des zu Entmündigenden gegeben. .Die 
Vernehmung darf deshalb nicht aus dem Grunde unter- 


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-4 

bleiben, weil das Gericht dieselbe als unerheblich für 
seine Entscheidung erachtet. 

Beschluss der I. C. K. des L.-G. Elbcifeld vom 
20. September i()Oi. 

D. R. Entscheidungen Nr. 2153. 

£1 f) 54 > (r> 7 1 • 

Als eine „besondere Schwierigkeit 4 " i. S. des Abs. 
3 des | #134 ist das Ausbleiben oder die Weigerung 
des zu Entmündigenden, zu erscheinen, nicht anzu¬ 
sehen, da das Gesetz die Vorführung desselben ge¬ 
stattet, die Vernehmung des zu Entmündigenden muss 
unter Zuziehung mindestens eines Sachverständigen 
erfolgen. Dies gilt auch für das Anfechtungsverfahren. 
§ O71 Abs. 2 bezieht sich nur auf $ (>55. 

(R.-G. IV. C. S. 12. Oktober 1900.) 

D. R. Entscheidung Nr. 851. 

§ () 57 * 

1 lat der Entmündigungsrichtei dem Vormundschafts¬ 
richter Mittheilung von der Einleitung eines Entmün- 
digungsverfahiens behufs Anordnung der Fürsorge für 
die Person oder das Vermögen des zu Entmündigenden 
gemacht, so hat der Vormundschaftsrichter nicht zu 
prüfen, ob das Verfahren zu Recht eingeleitet ist 
bezw. fortgeführt wird. 

(K. G. 25. Februar iqoi., 

L). R. Entscheidungen Nr. 1057. 

II (>04, <)(*(>. 

Im Prozesse über die Anfechtungsklage ist nur 
darüber zu entscheiden f ob die Entmündigung zu der 
Zeit, zu der sie ausgesprochen wurde 4 , zu Recht er¬ 
folgt ist. Für diese Frage ist es ohne Bedeutung, 
wenn die Legitimation der Antragsteller weggefallen ist. 

Dies hat nur zur Folge, dass sie vom Augenblic ke 
des Wegfalls an kein Recht mehr haben, zum Pro¬ 
zesse zugezogen zu werden. 

(O.-L.-G. Hamburg* 18. März.) 

I). R. Entscheidungen Nr. 1538. 

I 071 

Zutreffend erscheint der von der Revision er¬ 
hobene Vorwurf einer Verletzung des | (>71 Abs. 1 
und des § Ö54 der C. P. O. Der zunächst nur für 
das amtsgerichtliche Entmündigungsverfahren geltende 
| 054 a. a. O. leidet nach | (>71 Abs. 1 auch in 
dem Verfahren über die Anfechtungsklage, und zwar, 
wie Mangels einer entgegenstehenden Bestimmung 
nach den allgemeinen civilprozessualen Grundsätzen 
anzunehinen ist, sowohl in der landgeriehtliehcn wie 
in der Berufungsinstanz entsprechende Anwendung. 
Das B. G. musste daher, abgesehen von dem hier 
nicht in Betracht kommenden Falle des £ 054 Abs. 
3 a. a. O. dem von dem Amtsgericht entmündigten 
Kl. persönlich, unter Zuziehung eines oder mehrerer 


[Nr. 2. 

Sachverständiger vernehmen. Ausweislich des Ver- 
handlungsprotokolles vom 29. Juni 1900 ist jedoch 
diese Vernehmung ohne Zuziehung eines Sachver¬ 
ständigen erfolgt. Der gerügte Verstoss liegt mithin 
vor, und dass auf ihm das angefochtene Urtheil auch 
b< ruht, erscheint nach dem Inhalt der Entscheidungs¬ 
gründe keineswegs ausgeschlossen, da die Zurück¬ 
weisung der Berufung daselbst ausdrücklich auf das 
Gutachten der vernommenen Sachveiständigen mit- 
gegründet wird. (Vcrgl. auch die Urtheilc des R. G. 
III. C. S. vom 12. Oktober 1900, III Nr. 185/00, 
und II. C. S vom 20. November 1900, II Nr. 2(10/00.) 
R.-G. IV. C. S. i. S. Marg C. Staatsanwaltschaft u. 
Gen. vom 3. Januar 1901, Nr. 277/1900. IV. 

J. W. pp. 80. 

|| Ö71, 054. 

Wenn der Berufungsrichter es unterlassen hat, in 
dem auf Aufhebung der Entmündigung gerichteten 
Verfahren den Entmündigten mit Zuziehung von Sach¬ 
verständigen zu vernehmen, so ist das Urtheil nichtig. 

(R.-G. IV. 3. Januar iooi.) 

1 ). R. Entscheidungen Nr. 1098. 

|| (>8b Abs. 4, (>(>5. 

Zuständig für die Wiederaufhebungsklage ist das 
Landgericht, in dessen Bezirk das Amtsgericht belegen 
ist, welches den Antrag auf Aufheining der Entmün¬ 
digung abgelehnt hat. 

(O.-L.-G. Naumburg, 15. März 1901.) 

D. R. E 7 ntscheidung.cn Nr. 1539. 

VI. Handelsgesetzbuch. 

S 2- 

Ist der Betrieb einer Krankenheilanstalt Selbstzweck, 
hat also der Arzt die Absicht, gerade aus der Ge¬ 
währung von Aufenthalt und Unterhalt gegen Knt- 
geld Gewinne zu ziehen, und stellt die ärztliche 
Thätigkeit sieh nur als ein, wenn auch wesentliches, 
Glied in der Kette derjenigen Einrichtungen dar, 
welche in ihrer Zusammenfassung als Anstaltsbetrieb 
Gewinn ab werfen sollen, so muss das Vorhandensein 
eines gewerblichen Unternehmens anerkannt werden 
und die Anstalts-Firma ist zur Eintragung in das 
Ha 11 delsregistei anzumelden. 

Gerade in Bezug auf die Anwendung des | 2 des 
Handelsgesetzbuchs ist in der Denkschrift hierzu be¬ 
merkt : „Der Ausdruck gewerbliches Unternehmen 
braucht im Gesetze nicht näher erläutert zu werden ; 
schon vermöge der Bedeutung, welche ihm nach dem 
allgemeinen Sprachgebrauchc zukommt, genügt er, um 
die Ausübung der Kunst, der Rechtsanwaltschaft, des 
ärztlichen Berufs u. s. w. auszuschliessen 4 ' (Hahn- 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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u;o2.] PS YCHIAT RISCH-N E U R<) LOG ISCHE \VO( H ENSCH RIFT. 


Mr.gdan a. a O. S. 197). Auch in der einschlägigen 
handelsrechtlichen Litteratur wird zumeist angenommen, 
dass der Beruf des Arztes nicht als Gewerbe im Sinne 
des Handelsgesetzbuches gelten könne. (Kumm, zum 
II. G. B. von Düringer-Hachenburg, Bd. i, S 27, 
Lehmann S. 4, Staub 0. und 7.. Aufl. Bd. 1, S. 44.) 
Nach allen diesen Zeugnissen kann es keinem be¬ 
gründeten Zweifel unterliegen, dass nach dem allge¬ 
meinen Sprachgebrauche die Berufsthütigkeit des Arztes 
nicht ein Gewerbe darstellt und dass, da dieser Sprach¬ 
gebrauch für Hie Auslegung des § 2 des Handelsge¬ 
setzbuchs entscheidet, die Ausübung dieser Thätig- 
keit nicht die Begriffsmerkmale des gewerblichen 
Unternehmens im Sinne des § 2 erfüllt. Allerdings 
gilt alles dies nur von der Ausübung des ärztlichen 
Berufs als solchen. Ist dagegen mit ihr der Betrieb 
einer Heilanstalt verbunden, so kann darin sehr wohl 
ein Gewerbebetrieb gefunden werden. Für die Ab¬ 
grenzung ist entscheidend, ob der Betrieb der Anstalt 
selbständiges Mittel zur Erzielung einer dauernden 
Einnahmequelle ist oder ob der Anslaltsbetrieb sich 
lediglich als Mittel dem Zwecke unterordnet, die, wenn 


25 

auch mit Gewinnbezug verbundene, Ausübung der 
ärztlichen Berufsthütigkeit zu ermöglichen oder zu 
fördern. Im ersteren Falle liegt ein Gewerbebetrieb 
vor, im letzteren nicht. Danach ist das Moment der 
Gewerbsmüssigkcit jedenfalls dann nicht gegeben, wenn 
der Arzt eine Pri »'atkrankcnanstalt lediglich für Lehr¬ 
zwecke oder zur eigenen Fortbildung oder für wissen¬ 
schaftliche Untersuchungen halt. Aber auch in den¬ 
jenigen Fällen, in welchen der Arzt mit dem Betliebe 
solcher Anstalt nur bezweckt, die sachgemässe Aus¬ 
übung seiner ärztlichen Thätigkeit zu sichern, ohne 
dass die Absicht bestellt, aus dem Anstaltsbeti ieb als 
solchen Gewinn zu ziehen, kann ein Gewerbebetrieb 
nicht angenommen werden. lYbeiall ist hier das die 
Gewerbsmässigkeit ausschliessende Moment, dass der 
Arzt, wenn er auch wie jeder, der einer gewinn¬ 
bringenden Beschäftigung nachgeht, Geld verdienen 
will, dies doch nur mittels seiner Benifstbüligkeit als 
Arzt und nicht als Anstaltsuntei nehmei thun will 
Kammergericht Berlin, 14. Januar 1901. 

D. R. Entscheidung Nr. 04 7. 


Mittheilungen. 


— Die schweizerische Psvcbietci Versammlung 
findet am 19. Mai (Pfingstmontag) in Pirmingsberg 
statt. 

— Kgr. Sachsen. Aus der neuerbauten Kgl. 
sächsisc hen Anstalt G n »ss - S e h we i d n i t z , welc he 
wegen ihre Vorzüglichen Einrichtung das Interesse 
weitester Kreise erweckt, wird uns gesc hl ichen: 

„Es haben während der letzten Wochen rund 
8000 Personen aus allen Theilen des Aufnahmebe¬ 
zirkes, darunter 44 Vereine, die hiesige Anstalt be¬ 
sichtigt. Täglich fanden ärztliche Führungen statt. 
Allen Besuc hern wurden vor der Besic htigung populäre 
Vorträge über moderne Irrenpflege, Anstaltseinrich- 
tungen, besonders die von Gross-Sehweidnitz, über die 
sächsischen Pflcgcreinrichtungcn, sowie über den säehs. 
Irrenhilfsverein gehalten, die mit grossem Interesse 
entgegengem unmen wurden. 

Hoffentlic h ist auf diese Weise manches Vorurtheil 
bekämpft, manche schiefe Ansicht der hiesigen Be¬ 
völkerung über Irren pflege u Anstaltseinrichtimgen 
beric htigt worden. Die 4 Wochen waren allerdings 
sc hwer. Das Gedränge war oft geradezu beängstigend.“ 

Die Anstalt Gross-Sc hweidnitz dürfte unter den 
in der letzten Zeit erbauten Instituten dieser Art die 
erste Stelle einnehmen. 

— Pommern. Aus den Beschlüssen des 29. 
Provinzial-Landtages der Provinz Pommern, der vom 
12. bis 16. März d. Js. in Stettin getagt hat, ist 
Folgendes als für das Irren wesen von Interesse zu 
erwähnen. 


Bei der Provinzial-Irren-Anstalt bei Ue< bei münde- 
wird eine zweite Erweiterung vorge-nommen weiden 
und zwar sollen erbaut werden 2 massixe Baracken 
für anslec krude Krankheiten, ein Wohnhaus für weib¬ 
liche Pensionäre-, ein Beamtenhaus (III. Arzt und 
Rendant) und ein Würtcrw«»lmhaus, ausserdem wird 
der Wirt.sc. haftshof durc h Neu-und Erw eiterungshauten 
vergrössert; die Gesammtanschlagssumme beläuft sich 
auf 202 400 Mark. Bei der Provinzial-Trrenanstalt zu 
Treptow a. R. wird ein Wohnhaus für den Yeiwal- 
tungsassistenten und zwei Unterbeamten zum An- 
schlagsprcise voll 40000 Maik errichtet werden. 

Bei der Provinzial-Irren-Anstalt Lei Ucckermünde 
ist die Stelle eines Assistenzarztes in die: eines III. 
Arztes iimge-wandelt. Die Gehälter der Obeiärzte 
und 4. Aerzie sind nicht unwesentlich aufgebessert. 
Nicht nur den zweiten ()beiärztcn an den 4 Anstalten, 
sondern auch den 4. Aerztcn in Lauenbiirg 
und Treptoxv a. R. ist Anstellung a 11 f Leb c n s z e i 1 
verliehen; — die Bezeichnung „Warte-personal 1 * i>t in 
„Pflegepeis» >nal“ umgexvandelt. 

Der bekannte Prozess „Fuhrmann** hat am 
20. März 1002 in zweiter Instanz bei dem Land¬ 
gericht in G »1 »lenz mit einem Vergleich der Parteien 
geendet, wobei die Angeklagten folgende! Erkiäirmu 
abgaben; 

Erklärung. 

Die Vnferwidmeten erkennen hiermit ri'nk- 
haltslos an, dass die Verbringung des 

Joseph Fuhrmann aus Neuenahr 


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26 PSYCHIATRISCH-NEUR« >LOGISCIIK WOCHENSCHRIFT. [Nr. 2. 


in die Provinzial-Heil- und Pflege-Ansalt Ander¬ 
nach durch seine Ehefrau vollständig gerechtfer¬ 
tigt und geboten war , nnd dass dabei alle gesetz¬ 
lich gegebenen Vorschriften beobachtet worden sind. 
Wir erkennen ferner an, dass die im Urtheil 
erster Instanz des Amtsgerichts Ahrweiler vom 
14. December enthaltenen Feststellungen , insofern 
sie Nachtheiliges über die Persönlichkeit und den 
Charakter der Ehefrau Fuhrmann enthalten, den 
thatsächliehen Verhältnissen nicht entsprechen. 

Wir bedauern , dass durch unsere Mitthei- 
Inngcn, und namentlich durch den Artikel in dem 
Köhier Tageblatt, über das Verhalten der Ehe¬ 
frau Fuhrmann , sowie über das Verhalten der 
betheiligten Aerzle und Anstalt unrichtige Vor¬ 
stellungen in die Oeffentlichkcit gebracht worden 
sind. 

Wir übernehmen ah Gesmnmtschiddner die 
sämmtlichcn Kosten beider Instanzen und ermäch¬ 
tigen die Ehefrau Fuhrmann, vorstehende Er¬ 
klärung in folgenden Zeitungen auf unsere Kosten 
öffentlich bekannt zu machen , nämlich; 

1. dem Kölner Tageblatt, 

2. dem General-Anzeiger für Bonn und Um¬ 
gegend , 

2. der Ahrweiler Zeitung , 

1. einer in Magen erscheinenden Zeitung. 

5. der Coblenxer Volkszeitung. 

Coblenz , den 26. Marx 1902. 

J. Dietz. M. Borg. Emil Borg. 

A. J. Irmgartz. Frau A. J. Irmgartz. 

Für diejenigen Herrn Kollegen, welche diesen 
Prozess in der Tagespresse nicht verfolgt haben, 
theilen wir folgendes mit. 

Im August wurde der Kaufmann Jos. Fuhrmann zu 
Neuenahr in Folge starken Trinkens in die Irrenan¬ 
stalt Andernach gebracht und zwar auf Grund des 
Gutachtens des Dr. Niesen durch Leute, die von der 
Frau des Fuhrmann bezahlt waren. Hierauf erschie¬ 
nen in dem Kölner Tageblatt drei Artikel vom 30. 
August, 4. September und 12. September v. J., in 
welchen behauptet wurde, dass die Frau Fuhrmann, 
ein früheres Dicnstmfnleben bei ihm, ihren Mann 
Familienverhaltnisse halber widerrechtlich in eine 
Irrenanstalt hätte unterbringen lassen. Wegen dieser 
Artikel und wegen verschiedener Acusserungen, die 
über die Frau F. gemacht wurden, erhol) sic beim 
Schöffengericht in Ahrweiler eine Privatklage und 
zwar 1. gegen den Direktor und Chefredacteur Jean 
Dietz, 2. den Redacteur Gustav Delphy zu Köln, 
3. den Kaufmann Moritz Borg, den Kaufmann Emil 
Borg, 5. den Gästwirth Aut. |os. Irmgartz und 6. 
dessen Ehefrau, alle aus Neuenahr. Das Schöffenge¬ 
richt wies aber durch Urtheil vom 14. December die 
Klage kostenfällig ab, weil das Schöffengericht an- 
nalnn, dass die Beschuldigten in Wahrung berech¬ 
tigter Interessen gehandelt hätten. Gegen dieses 
Urtheil hat die Privatklägerin und die königliche 
Staatsanwaltschaft Berufung erhoben. Zu der neuen 
Verhandlung waren etwa Oo Zeugen und als Sach¬ 
verständige die Herren Dr. Niesen, Kreisarzt Dr. 
Kohlmann, Dr. Ehrenwall, Dr. Schultzc und Dr. 

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Länderer, Direktor der Provinzial-Irrenanstalt in An¬ 
dernach geladen. 

Besonderen Dank verdient das energische Vor¬ 
gehen des Herrn San.-Rath Dr. Ehren wall, der 
bei Gericht, als der Vergleich angebahnt wurde, da¬ 
rauf hinwies, dass die Irrenärzte ebenfalls an dem 
gerichtlichen Urtheilsspruch ein hohes Interesse hätten 
angesichts des Schadens, welchen das Ansehen der¬ 
selben durch die Presse bei diesem Vorfall erlitten 
hätte. 

Der Vorsitzende erklärte darauf, dass die Inter¬ 
essen der Aerzte im Tenor des gerichtlichen Ur- 
tlieils keinesfalls, dagegen sehr wohl in den Ver¬ 
gleichsverhandlungen wahrgenommen könnten. Und 
so geschah es auch. 

Referate. 

— Bloch, Beiträge zur Aetiologie der Psycho¬ 
pathie sexualis. Dresden, Dohrn, 1002. 272 Seiten. 

7 M. Erster Thcil. 

Verf. will vor allem in seinem sehr anregenden, 
neben vielem Bekannten doch auch Neues, hie und 
da freilich Anfechtbares, enthaltenden Buc he den 
Nachweis führen, dass allen sexuellen Anomalien all¬ 
gemein menschliche Bedingungen zu Grunde liegen, 
dass sie sich deshalb zu allen Zeiten und bei allen 
Völkern in gleicher Weise wiederfinden. Er stellt 
diese seine „anthropologisch-medizinische Theorie“ der 
medizinischen und historischen Theorie gegenüber auf. 
Auf der andern Seite leugnet er so ziemlich ganz die 
„angeborenen Fülle von Homosexualität und führt sie 
auf äussere Ursachen zurück. Freilich ist er sich 
selbst bewusst, dass seine Beweisführung keine ganz 
strenge ist. Rcf. glaubt, dass es in der That, 
wenn auch selten genug, „angeborene“ Homosexualität 
giebt. Siedler tritt hier die Neigung zum gleichen 
Geschleckte sehr früh auf und durchaus nicht immer 
gelingt es, eine äussere Ursache dafür aufzufinden. 
Aber selbst wenn das geschieht, sc'» muss man doch 
eine sehr grosse Disposition dazu als angeboren an¬ 
erkennen, wenn unbedeutende Ursachen, Anblick von 
Genitalien, ein sexueller Schmerz etc', eine so tiefe 
Wirkung hervorbrachten. Uebrigens behandelt Bloch 
in seinem Buche blos allgemein die Ursachen der 
perversen Sexualität und nur die speziellen der Homo¬ 
sexualität. Die einzelnen Perversionen sollen in einem 
2. Buche näher betrachtet werden. Mit Recht ver¬ 
langt Verf., dass jeder sexuell Perverse auf schwere 
erblic he Belastung und Stigmata hin untersucht werde. 
Unter den Gründen zum Abirren des Gesell lech ts- 
trieb’s stellt er den geschlechtlichen „Reizhunger“ oben 
an; wichtig sind auch ferner Klima, Rasse. Bei den 
Juden soll Homosexualität sehr selten sein (dafür aber 
wohl die Geilheit grösser. Ref.). Sämmtliche Per¬ 
versionen finden sieh schon bei Naturvölkern vor. 
Sehr wichtig ist vor allem das Geschlecht (bei Frauen 
sind Perversionen seltener), Ehe, Cölibat, die Civili- 
sation, die Phantasie (daher so oft bei Künstlern). 
Die meisten Perversionen finden sich als religiöse 
Institutionen vor, wie des Näheren bewiesen wird. 
Der Abschnitt über religiöse Prostitution ist ein sehr 

Original fram 

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1 902.1 PSVCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


interessanter, wie auch bez der steten Berührung des 
Religiösen mit dem Sexuellen, in Askese, Mönchsthum 
und besonders im Hexenglauben, der nur aus dem 
Geschlechtstrieb abgeleitet wird (Letzteres möchte 
Ref. doch nicht als so absolut sicher hinstellen). Die 
casuistischc Literatur der Theologen, wie die Schriften 
der Heiligen sind wahre Fundgruben für Sexualität, 
ebenso die Predigten des Mittelalters Klassisch zeigt 
sic h diese religiös-sexuale Berührung im Phallus-Kultus, 
im Flagellantismus etc. Neben allgemeinen Einflüssen 
auf das Geschlechtsleben kommen noch individuelle 
in Betracht; Abnormitäten der Genitalien, Kürze des 
Frenulums, Impotenz, Hermaphroditismus; sehr die 
Onanie (besonders wichtig für Päderastie), dann Al¬ 
kohol, Opium, die Mode, (deren Rolle sehr hübsch 
geschildert wird, besonders im Korsett und der Tur- 
nüre,) spezielle Kleiderstoffe (Wolle, Pelz). Noch viel 
wichtiger aber ist das Bedürfnis nach Variation im 
geschlechtlichen Verkehr und die Sucht, den Genuss 
zu vergrössem. Mit der Häufigkeit der Reize steigert 
sich das sexuelle Variationsbedürfnis. Dazu kommen 
Müssiggang und Blasirtheit. Ebenso gross ist die 
Rolle der direkten Verführung (durc h Dienstmädchen, 
Erzieher, Bordellhuren etc.), dann Anhäufungen von 
Menschen (Schulen, Klöster, Kasernen etc.), Kriegs¬ 
züge, Theater, öffentliche Aborte, intimes Zusammen¬ 
leben mit Thieren. Von ungeheurer Bedeutung ist 
ferner die erotische und obseöne Literatur, die ein¬ 
gehend berücksichtigt wird, ebenso die obseönen Dar¬ 
stellungen, namentlich Photographien, sogar Museen, 
Kunstausstellungen können gefährlich werden, auch 
Ballette, Zirkus. Bez. der Homosexualität glaubt 
Verf., dass die Zahl der Urninge keine grosse ist 
(? Ref.). Neben den ersten Eindrücken sexueller Art, 
kommt noch alles dazu, was die Abneigung gegen 
das Weib begünstigt, die Furcht vor Ansteckung, Ab¬ 
norme Beschaffenheit und Erkrankung der Analgcgcno, 
die eine erotogenc Zone erzeugt, Analmasturbation, 
Berühren dieser Gegend, künstliche Effemination, Miso- 
gynie des Wüstlings, starke Geilheit, meist aber Ver¬ 
suchung durch Urninge und die männliche Prostitution. 
Verf. will endlich den $ 175 nicht aufgehoben, sondern 
nur geändert haben. Er hält eine Aufhebung des¬ 
selben für sehr gefährlic h, was Ref. nicht anerkennen 
kann. Medizinalrath I)r. P. Näcke, 

Hubertusburg. 

— Havelock Ellis. Geschlechts trieb und Scham¬ 
gefühl. Autorisierte Übersetzung von Julia E. Kötsrher 
unter Redaction von Dr. med. Max Kötschor. Zweite, 
unveränderte Auflage. Würzburg. A. Stübers Verlag 
(C. Kabitzsch). icjoi. p )4 S. Brosch. Mk. 5,—, 
gebunden Mk. 6,—. 

Verf. giebt in der vorliegenden Arbeit drei Studien, 
die er als nothwendige prolcgomena für eine Ana¬ 
lyse des geschlechtlichen Instinctes bezeichnet. 

In der ersten Studie bespricht er die Entwicklung 
des Schamgefühls, der instinctiven Frucht, welche sexu¬ 
elle Vorgänge zu verheimlichen bestrebt ist. Sie tritt 
beim Weibe um so viel stärker auf als beim Mann, 
dass sie geradezu als einer der wichtigsten secundären 
Gescbleehtscharaktere des Weibes auf psychischem Ge¬ 
biete bezeichnet werden kann. Es lassen sich beim 


Schamgefühl zwei Furchtgefühle unterscheiden; das 
eine ist von vormenschlichem Ursprung und geht 
nur vom weiblichen Wesen aus — ursprünglich dazu 
geschallen, den aggressiven Mann femzuhalten fordert 
cs ihn später vielmehr zu seiner Ucberwindung auf —, 
das andere ist von ausgesprochen menschlichem 
Character, eher socialem als sexualem Ursprung; hier¬ 
zu gehören die Furcht, F.kel zu erregen, sowie rituelle 
und gesellschaftliche Rücksichten. Besonders nach¬ 
drücklich hebt er hervor, dass das Schamgefühl ur¬ 
sprünglich von der Kleidung ganz unabhängig ist; es 
isi eher ein Resultat als eine Ursache der Bekleidung; 
diese hat nicht sowohl den Zweck, die Geschlechts¬ 
organe zu bergen als vielmehr hervorzuheben. Nackt¬ 
heit ist eben keuscher als theilweise Verhüllung. Die 
physiologische Grundlage des Schamgefühls bildet der 
vasomotorische Mechanismus, dessen sic htbares Zeichen 
das Errothen ist. Fast ist es richtiger zu sagen, dass 
Mensc hen schamhaft, weil sie errothen oder fühlen, dass 
sic errothen können, als umgekehrt. Unter den Wilden 
ist das Schamgefühl viel eingewurzelter als bei civi- 
lisierten Völkern, bei den unteren Klassen ist es viel 
unüberwindlicher als bei den gebildeten Klassen. 

Im zweiten Kapitel behandelt er das Phänomen 
der Sexual-Periodicität. Ueberall ist zu beobachten, 
dass sich die Geschlechtsthätigkcit in regelmässigen 
Zeiträumen wiederholt. Rhythmus ist überhaupt das 
Kennzeichen jeden biologischen Vorgangs. Wenn 
Verf. hierbei, um einen gewissen Einfluss des Mondes 
darzuthun, auf die bekannte Koster sehe Arbeit zurück- 
greift, so werden ihm hier sicherlich nur wenige Psy¬ 
chiater folgen. Verf. setzt bei der ihrem Wesen nach 
unbekannten Menstruation ein und äussert sieh des 
eingehenderen über deren Einfluss auf die sociale 
Stellung der Frau. Imlcss kann man auch beim 
Manne einen menstrual-phvsiologischen Cyclus an¬ 
nehmen, wenngleich bestimmtes Beweismaterial noch 
fehlt. Schon früher ist des öfteren daraufhingewiesen 
worden, dass man beim Manne rnonatliclieSchwankungcn 
oder Aenderungen von körperlichen und geistigen, nor¬ 
malen und pathologischen Eigenschaften beobachten 
kann; vor allem lässt sieh dann eine Zunahme der ge¬ 
schlechtlichen Erregung beobachten. Pan Professor der 
Biologie constatierte bei sich in einem zweijährigem Zeit¬ 
raum einen Höhepunkt de*r Träume und Pollutionen, 
der regelmässig alle 28 Tage einsetzte. Die Selbst¬ 
beobachtung eines anderen Autors, die 1 2 Jahre währte, 
wird angeführt; hier Hess sic h ein deutlicher wöchent¬ 
licher Rhythmus bezüglich der Pollutionen teststrllen, 
der den monatlichen Rhythmus fast verdeckte. In 
einem Nachtrage berichtet PerrydA »sie über seine Jahre 
lang hindurc h geführten Aufzeic hnungen ; hier Hessen 
die Pollutionen einen jälnlirhen, monatlic hen, wöchent¬ 
lichen Rhvthmus erkennen. Uebrigens bittet dieser 
Autor die Vorsteher der Hochschulen, eine Anzahl 
ihrer Studenten zu weiteren Nachforschungen zu ver¬ 
anlassen; er verhehlt sieh hierbei nic ht, dass verwerth- 
bare Resultate nur erreicht werden können bei aller 
Sorgfalt und Genauigkeit der Notizen sowie bei sexueller 
Abstinenz. 

P'r erörtert auch die jährlic he Sexualperioclicität, die 
Tendenz einer periodischen Steigerung des Geschlechts- 


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2 8 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 2. 


triebes im Frühjahr und Herbst, eine Tendenz, welche 
sieh auch bei der unwillkürlichen geschlechtlichen Er¬ 
regung kundgiebt. 

Der dritte und bei weitem grösste Abschnitt ist 
eine Studie über den Autoerotismus. Hierunter ver¬ 
steht Yerf. die unwillkürlichen Aeusserungen des Ge- 
schlechlstriebos, die spontane geschlechtliche Erregung 
ohne irgend welche? Anregung, direct oder indirect, 
seitens einer anderen Person. Das ist ein weites Ge¬ 
biet geschlechtlicher Bethätigung, das sic h entrollt 
von den gelegentlichen wollüstigen Tagesträumen bis 
zur sc hamlosen Onanie Geisteskranker. Als typische 
Form des Autoerotismus bezeichnet Verf. die gesteigerte 
geschlechtliche Erregung während des Schlafes, wo 
das Individuum im Gegensatz zu anderen Formen des 
Autoerotismus keine' freiwillige Rolle spielt. Er will 
keine erschöpfende Discussion über alle Erscheinungen 
des Autorrotismus geben, sondern nur bestimmte 
Punkte untersuchen , wie seine Ausdehnung, seinen 
Charaeter, seine moralisc hen, phvsischcn und sonstigen 
Folgen. U. a. erörtert er die ursächlichen Beziehungen 
zwischen Autoerotismus und Hysterie; erzeigt, welche 
Umwandlungen die Lehre? von der Actiologic der 
Hysterie im Laufe der Zeiten erfahren hat las zu der 
jüngsten von Freud und Breuer aufgestellten Lehre. 
Yerf. steht dieser sympathisch gegenüber, wenn er 
auch in den Verletzungen der sexuellen Empfindungs¬ 
sphäre nicht grade den Hauptfac tor sieht. 

Ausführlich spricht Verf. über die Ausbreitung der 
Masturbation bei den verschiedenen Geschlechtern 
und Altern, ihre Folgen und deren Beurteilung zu den 
verschiedenen. Zeiten. Die berüchtigten populären 
Bücher, deren Auspreisung mau in so vielen Tages¬ 
blättern begegnet, deren weitverbreitete; Lectiirc solchen 
Schaden stiftet, sind übrigens schon recht alten Da¬ 
tums. Das erste derartige Machwerk erschien in Eng¬ 
land und zwar bereits im Anfänge des 18. Jahrhun¬ 
derts; es erlebte nicht weniger als 80 Auflagen. Natür¬ 
lich wurde eine „stärkende Tinctur“ empfohlen und 
deren Wirkung in vielen mitabgedruckten Briefen sehr 
geh >bt. 

Massige Masturbation schadet einem erblich 
nicht belasteten Menschen nicht. Eine sprei fische ona- 
nistische Psychose giebt es nicht: eher ist das Onaniren 
(‘in Symptom als Ursache' des Irreseins. Wird die 
Masturbation bei Leuten beiderlei Geschlechts geübt, 
die über das Pubeitätsalter hinaus sind und sonst ein 
keusches Leben führen, so geschieht das wohl, weil 
sie eine körperliche und geistige Erleichterung und 
Beruhigung erfahren. Er enthält sich eingehender 
Bemerkungen über 'Heilung und Verhütung; wir 
wissen noch zu wenig, vor allem auc h über das Ver¬ 
halten normaler Personen und arbeiten vielfach mit 
einer übel angebrachtem, nicht berechtigten didaelischen 
Moralität. 

Das Buch fesselt durch eine Fülle von Beobachtungen 
und Bemerkungen, die nicht nur den Arzt, sondern 
auch den Anthropologen und Ethnologen angehen; 
gerade* hierbei zeigt Verf. seine ausserordentliche Bo- 

l‘iir den i odactioin-ll« ii lini; \ r: antw 01 t'm h : Üla 
Krsrhrmt irden Sonnabend — Schiuss der Inse» alonann.ihmr ) Tilge 

1 ieynemann’scbe Burhdrm kejrei 


lesenheit, die es ihm ermöglicht, die Stellung der ver¬ 
schiedensten Völker und der verschiedensten Zeiten 
zu den einschlägigen Fragen anzugeben. 

Verf. stellt weitere Studien, so über die Ver- 
schiedenheitder Tendenz des Auftretens des Geschlechts¬ 
triebes bei den beiden Geschlechtern in Aussicht, 
und auch diese werden sicherlich die gleiche Aufnahme 
finden, wie das vorliegende Buch, das innerhalb kmzer 
Zeit in zweiter Auflage erscheinen konnte. 

Ernst Sehultze. 

Personalnachrichten. 

(Um Mittheilung von Personnlnachrichtrn etc an die Redaktion 
wird gebetend 

- - In Ueckermünde ist der Assistenzarzt Dr. 
Deutsch vom 1. April 1002 ab zum 3. Arzt ernannt 
und dem Assistenzarzt I)r. Panselius ist zum 15. 
Juli IQ02 die beantragte Entlassung aus dem Provin¬ 
zialdienst ertheilt; — in Lauenburg ist der practische 
Arzt Dr. Vol 1 heim als kommissarischer Assistenzarzt 
einberufen. 

— Nieder- O est er reich. Direktor Dr. Joseph 
Krayatsch zum Direclor in Mauer-Oehling, Director 
Dr. Heinrich Schloss zum Director in Kierling-Gug- 
ging, Dr. Theophil Bogdan zum dirigirenden Primar¬ 
arzt in Ybbs, Dr. Joseph Beize zum Primararzt in 
Wien, (Irrenanstalt), Dr. Joseph Gnirchtmayer zum 
Primararzt in Mauer-Oehling ernannt. Zu dirigirenden 
Aerzten wurden ernannt : Dr. Matthias Burkhardt 
für Wien (Irrenanstalt), Dr. Franz Sickinger für 
Klosterneuburg, Dr. Anton Ilockauf für Kierling- 
Gugging, Dr. Carl Richter für Ybbs, Dr. Adolph 
Bavcr für Mauer-t )ehling; diese Veränderungen gelten 
vom 15. A]>ril a. c. ab. 

N a c h t rä g 1 i ch ein gegangen: 

— Verein der Irrenärzte Niedersachsens und 
"Westfalens. 37. Versammlung am 3. Mai 1902. nachmittags 
3 Uhr in Hannover, Lavcsstr. 26. 

Tagesordnung: 1. Bruns-Hannover: Ncuropnthologische De¬ 
monstrationen. 2 A 1 t-Uehtspringe: Zur Genese des paralytischen 
Anfalls. 3. Sne 11 - Hildesheim: Irrenhilfsvtrcine. 4. Cramer- 
Göttingen : lieber krankhafte Eigenbeziehung und Bcachtungs- 
wahn. f). Wehe r-Göttingen: Ueher einige Neubauten an der 
Göttinger Anstalt. 6. V og t-Güttingen : Ueher die Beziehungen 
zwischen Aphasie und Demenz. 7 . Q u a e t - F a sl e m - Göttingen : 
Mittheilungen aus der Universitäts-Poliklinik für psych. und 
Nervenkranke. 8. B ehr-Lüneburg: lieber die Fainilienpflege 
in Göttingen. 

Nach der Sitzung findet in Kastens Hotel ein gemeinsames 
Essen (Couvert 4,50 M.) um 7 Uhr statt. Anmeldungen 
werden rechtzeitig an den Vorsitzenden erbeten 

Der Vorsitzende. 

Gerstenberg-Hildesheim. 

— Auf der vom 16. — 19. April in Bremen tagenden 
VIII. Versammlung der deutschen bandesgruppe der inter¬ 
nationalen kriminalistischen Vereinigung wird Director 
Dr. Delbrück, Bremen einen Vortrag halten über die ver¬ 
mindert Zurechnungsfähigen und deren Verpfleg¬ 
ung in b e s o n d e r e n A n s t a 1 1 e n. Der V ornag fällt auf den 
18. April, Schwurgerichtssaal, nachmittags 4 Uhr. Anfragen 
und Anmeldungen sind an Herrn Staatsanwalt Lön i n g-Bremen, 
Gerichtshaus zu richten. 

rar /.L 1 >i. J . llrrslrr Krasclinitz, (Sch csien). 

■ vor der Ausgabe. — Wrl.ijf von C. a r I Marhold in Halle a. S 
( ( «<*br. Woiff) in Hallo a. S. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 3. 


ruiig), Begriffe also, die in der reinen Vernunft ihren Begriffsart gesondert auf den gemeinschaftlichen 

Ursprung haben, nicht zulassen, ist Metaphysik eine Bewusstseinsmittelpunct bezogen werde, wie es in dem 

Erfahrungswissenschaft so gut wie Physik, nur mit Schema des physiologischen Faservcrlauf s 

dem Unterschied des Innen und Aussen und dem, (s. Abb.) dargestellt ist. 

dass die ganze Erfahrung der Metaphysik in einem In dieser Uebcreinstimmung aller, oder (wie man 

einzigen Actus der Seinsbeziehung erschöpft ist. auch sagen kann) im Gleichgewicht dieser zwei Bc- 

Sie ruht alsdann aber auf einem absolut sicheren griffsarten ist alsdann die Einheit des objectiven Welt- 

Grund. — bildes trotzdem gewährleistet, wie es dem Gegensatz 

Integral- und Differentialbegriffe stehen im Ver- Subject-Object im Sein oder der metaphysischen 

hältniss von Inhalt und Form, und Abstracta, wenn Enantialität und ihrem Ausdruck, dem cthophvsischen 

sie richtig gebildet, d. h. wenn sie von den Concretis Gesetz, entsprechen muss. Auf der anderen Seite, 

richtig abdifferentiirt worden sind, müssen auf diesen im Falle der Nichtübereinstimmung, kann die eon¬ 
senkrecht stehen. Der Irrthum überhaupt enthält stante Wortform eine ganze Reihe verschiedener In- 

daher ein Agens, das die Begriffe aus dieser Rieh- halte beherbergen, von denen nur ein einziger dem 

tung abzudrängen sucht, einen transversalen Zug, ethophysischcn Gesetz gemäss ist, und der Rest das 

und wir sind im Recht, wenn wir 
Irrthum im Allgemeinen als Trans- 
versismus bezeichnen. Der ver- 
hältnissmässig seltene Irrthm der 
Sinne (des Verstandes) ist alsdann 
corticaler Transversismus der Em¬ 
pfindungssphären des Gehirns, der 
Körperfühlsphärc, der Sehsphäre 
des Hinterhauptlappens u. s. w. oder 
der sogenannten Projectionsfaser- 
systeme; der überaus häufige Ver¬ 
nunftsirrthum dagegen corticaler 
Transversismus der Assoeiations- 
centren. 

Man kann wohl sagen, dass in 
den letztgenannten Rindengebieten 
eines jeden Gehirns es von solchen 
Transversismen wimmelt, nicht nur 
täglich neugebildeter falscher Vor¬ 
stellungen, sondern auch ererbter, 
atavistischer, in die Gehimorgani- 
sation und Faserlage übergegangener, und dass unsere Seinsgesetz aufzuheben scheinen. In diesem partialen 
ganze Erziehung daraufhinausläuft, Schiefstellungen in Transversismus liegt daher eine Gefährdung des Ganzen, 
den Begriffen zu verbessern, neue zu vermeiden. Die des Subjectpunkts selbst *). 

sensoriellen, in diesem Fall überhaupt corticalen, Or- Bleibt aber die Bewusstseinseinheit des Amoeben- 

thismen der Thiere entsprechen dem, was man bei uns Staates Mensch erhalten; tritt der Transversismus des 
gesunden Menschenverstand nennt. falschen Differentials in das Ganze ein, so dass es 

Schärfe der Intellects und hohe Vernünftigkeit mit vollem Bewusstsein als Motiv des Handelns zu¬ 
werden dagegen Demjenigen zuerkannt, dem es ge- gelassen wird, so muss dem I ransversismus des Denkens 
lingt, seine Vernunftbegriffe (der Associationssph ire) nothwendig ein rransyersismus des Wollens folgen: 
mit den sinnlichen Verstandesbegriffen in Uebercin- dem Irrthum entspricht die Irrthat, die sittliche Ent- 
stimmung zu bringen. Das Vermögen, dies zu thun, gleisung, die Ethopathie, das Böse. Die Welt ist 
heisst Urtheilskraft, der Mangel daran physiologische vollkommen (d. h. cthophvsisch) überall, wo der 
Dummheit, wie sie einem ganz gesunden, aber be- Mensch nicht ist mit seinem falschen Differential. 



schränkten Geist angehören kann. Unter allen Um¬ 
ständen verlangt aber die geforderte Ucbereinstim- 


*) Ich habe an anderer Stelle schon die Gewissensangst 
eine Art Todesangst genannt; ein Wort, hinter das ein geehrter 


rnung zwischen Integral und Differential, dass jede Kritiker ein Fragezeichen setzte. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


3 i 


1902.] 


Erst das Böse, die Ethopathie, macht aus dem etho- 
physischen oder Seinsgesetz das Sittengesetz. Daher 
ist dieses so tiefgründig, an das Wesen des Subjects 
gebunden; nicht zwar unabhängig von Differential¬ 
begriffen, also der Sprache, also der Vernunft, wohl 
aber unabhängig von der Gegenwart anderer Wesen. 
Das Böse betrifft Denken und Wollen zugleich, also 
das Ganze; im Gegensatz zum corticalen oder neo¬ 
plastischen Transversismus des Irrthums wäre demnach 
das Böse in der von uns gewählten Sprache als cen¬ 
traler oder palaeoplastischer Transversismus, kürzer als 
Seinsquerung zu bezeichnen (im Punkt e der Figur). 

Wir sehen, wie richtig sich dem ethischen Pro¬ 
blem gegenüber Sokrates stellte, als er die Bedeutung 
des Erstgegebenen, des Motivs in den Vordergrund 
stellte und sagte, rechtes Denken müsse rechtes Han¬ 
deln im Gefolge haben. Theoretisch ist der Satz 
unanfechtbar, practisch aber bedeutungslos; denn der 
Irrthum aller V01 fahren, von der Entstehung des 
Menschengeschlechts an, ist die grosse Schuld der 
Zeiten, an der jeder Einzelne abzuzahlen hat, und von 
der man nicht weiss, ob sie noch wachse oder abnehme. 

Wir verfolgen an dieser Stelle die ethische Ange¬ 
legenheit nicht weiter und fragen: Was ist neben Irr¬ 
thum und Irrthat der Irrsinn, das pathologische 
Denken, die Psychopathie? — Wir können bei Be¬ 
trachtung der physiologischen Gehimfaserung (s. Fig.) 
nicht im Zweifel sein: Irrsinn entsteht, wenn die 
Relativirung der zwei Begriffsarten (seien diese mit 
Irrthümem behaftet oder nicht) nicht im Bewusst¬ 
seinsmittelpunkt e selbst, sondern durch Qucrschlag 
oder Kurzschluss irgendwo auf dem Weg zwischen 
Centrum und Peripherie schon vorher geschieht, 
also durch Aufhebung der Isolation zwischen den 
Gebieten der Projektion und Association, der Irttegralc 
und Differentiale selbst. Irrsinn ist intermediärer 
Transversismus (bei n oder b\ 

Demgemäss ist geistige Gesundheit als interme¬ 
diärer Orth i smus zu bezeichnen, d. h. gesunder 
Geisteszustand ist dann vorhanden, wenn nicht nur 
die einzelnen Begriffe, sondern die gesammten Vor¬ 
stellungsmassen der Fühlsphärcn einerseits und der 
Associations-(Abstractions-)Sphären andererseits, also 
diese selbst, mit einander im Gleichgewicht stehen. 
Wir dürfen uns die integralen Verstandesbegriffc 
(— Vorstellungen) und die Vernunftdifferentiale als 
wie in zwei grossen Behältern angesammelt denken, 
die durch eine membranöse Scheidewand von ein¬ 
ander geschieden sind, und in denen annähernd die 
gleiche Druckhöhe aufrecht erhalten ist. 

Die Möglichkeit einer wirklichen Begriffsbestimm¬ 
ung (synthetischen Definition) der geistigen Ge* 

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sundheit, ist, wie man sieht, durch die Erforsch¬ 
ung der anatomischen Verhältnisse des Gehirns an¬ 
gebahnt worden, beruht aber wesentlich auf der Er¬ 
kenntnis des gegensätzlichen Verhältnisses der Ver¬ 
standes- oder Vernunftbegriflfe, oder der Erkenntnis«, 
dass letztere analytischen, und nicht, wie jene, 
synthetischen Ursprungs sind. Sie setzt also eine 
gegen früher gänzlich veränderte Auffassung des Er- 
kenntnissproblems und, wie weiteres Zurückdenken 
ergiebt, die Thatsache einer ontologischen Metaphysik 
oder die Entdeckung des ontocentrischen Standpuncts 
voraus; woraus wiederum hervorgeht, dass Psychologie 
ihrem Hauptsinne nach eine philosophische Wissen¬ 
schaft ist. Die Forderung des endopsychischen Gleich¬ 
gewichts ergiebt sich keineswegs aus anatomischen 
Gründen, sondern aus der Gleichweithigkeit der Ge¬ 
gensätze Inhalt und Form. 

Jeder von uns hat davon vielfache Erfahrung, dass 
das Gleichgewicht der Seele, der aequus animus ge¬ 
stört ist; ja, wir dürfen annehmen, dass die Drucke 
der beiden Behältnisse während der psychischen Action 
überhaupt fortwährend wechseln, sich gegeneinander 
ausspielen und im Leben so wenig jemals ganz in 
Ruhe sind, wie die Quecksilberkuppe eines empfind¬ 
lichen Barometers, oder so wenig, wie die Erde in 
einer streng mathematischen Ellipse um die Sonne 
läuft. Bisweilen wogt und stürmt es darin so sehr, 
dass man glaubt „den Verstand verlieren zu müssen“, 
d. h. dass die trennende Schicht in Gefahr ist zu zer- 
rcissen. Geschieht es dann wirklich, so dass die zwei 
psychischen Wellen aufeinander treffen, sich kreuzen, 
interferiren, sich hemmen, sich mischen, und geschieht 
die verderbliche Querung nicht gerade im Bewusst- 
scinsmittelpunct, wie dies offenbar in der prämortalen 
Bewusstseinstrübung der Fall ist *), so muss nothwendig 
die höchste Verwirrung des Denkens eintreten, über 
die sich das centrale Bewusstsein keine Rechenschaft 
geben kann, weil ihre Störung erfolgt, bevor noch 
die Beziehung auf den Mittelpunct, in der die Ein¬ 
heit der Begriffsbildung besteht, sich vollendet hat, 
und die eben deswegen den Stempel des Krankhaften, 
der Psychopathie, an sich trägt. 

In der Hallucination, auch gewissen Traum Vor¬ 
stellungen, Begriffsbildem, die so lebhaft sind, dass 
sie die Gegenwart wirklicher Objecte Vortäuschen, tritt 
die vor bewusste Mischung der zwei verschiedenen 
psychischen Wellen deutlich hervor. Das centrale 
Bewusstsein wird die begriffliche Vorstellung „Pferd“ 
von einem wirklichen Pferd dann nicht unterscheiden 

*) In diesem Fall spricht man wegen der Kürze der Dauer 
nicht von Geistesstörung, obwohl sie der Sache nach eine solche 
ist. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 3. 


können, jene also für ein solches halten müssen, wenn, 
vermöge Aufhebung der Isolation, eine Erregung des 
Sehnervverlaufs von Seiten der differentialen Vor¬ 
stellung aus geschieht, und sich der integrale Strom 
gewissermaassen in das leere Bett des formalen Be¬ 
griffs, seine (identischen) Grenzen ausfüllend, ergiesst. 
Denn der Nerv überträgt seine Erregung dem nächsten 
Querschnitt, unwissend, woher sie stamme. 

Natürlich kann der Durchbruch von jeder der 
beiden Seiten her erfolgen. Bei der ungeheuren 
Masse von Vorstellungen und Begriffen, die der mensch¬ 
liche Geist in sich beherbergt, werden die Erschein¬ 
ungen , die ihre pathologische Mischung im Gefolge 
hat, und die der Ausdruck dieser Mischung sind, 
ausserordentlich mannigfaltig sein, und es wird nicht 
so leicht angehen, sie in typisch-einheitliche Krank¬ 
heitsbilder zu vereinigen, wie dies bei körperlichen 
Krankheiten gelingt, zumal beim Gehirn der patho¬ 
logisch-anatomischen Untersuchung die grössten 
Schwierigkeiten entgegen stehen. Wir erörtern hier 
indessen einige Umstände, die die psychopathischen 
Erscheinungen jedenfalls bestimmen müssen. 

1. Der menschliche Geist wäre der Gefahr allzu¬ 
heftiger Eindrücke rettungslos überantwortet, wenn er 
nicht, wie das Auge, eine Art Schirmvorrichtung da¬ 
gegen besässe; ja, die freie Willensbestimmung, die 
den Menschen dem Thier gegenüber auszeichnet, wäre 
nicht denkbar, wenn sie sich nicht auf seine negative oder 
receptive Seite bezöge, die die eigentliche Seinsseite 
ist (gegenüber der positiven oder Vorstellungsseite). 
Die Willensfreiheit muss sich auf die Zulassung 
der Willensmotive beziehen; denn, einmal zugelassen 
oder ins Bewusstsein eingetreten, ist das Motiv dem 
Willen entrückt und der Zeitfolge anheimgegeben, wo 
nicht mehr die Freiheit, sondern strenge Nothwen- 
digkeit herrscht. In dem Zwischengewebe der Neu- 
roglia hat der menschliche Geist das Mittel, eine be¬ 
drohte Isolation zu verstärken, wie wir annehmen *). 
Es handelt sich aber um active, amoeboide Beweg¬ 
ungen ; wie etwa ein Feldherr Soldaten auf einen be¬ 
drohten Punct schickt. Ebenderselbe Eindruck wird 
ein Gehirn heftiger und gefährlicher treffen, wenn es 
von ihm überrascht wird, wenn es keine Zeit zur 
Gegenwehr hat, sich in einem labilen Gleichgewichts¬ 
zustand befindet, oder wenn gar die peripheren 
Amoeben dem Befehl der Centralamoebc, die Soldaten 
dem Feldherm, nicht oder nur zögernd gehorchen. 
Daher muss in einem festen Gefüge der Zellenindivi¬ 
duen, besonders in einer atavistisch festgefügten und 
gesicherten Faserlage der beste Schutz gegen Geistes- 

*) Ich verweise der Kürze halber auf meinen Aufsatz: „Ueber 
die Natur und die Eintheilung der Geisteskrankheiten“ in der 
Jubiläumsschrift ..des Landesspitals zu Sigmaringen 1897. 

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Störung gelegen sein, und daher legen die Psychiater 
so grosses Gewicht auf die sogenannte erbliche Be¬ 
lastung, die eben den Ausschluss der genannten 
Vorzüge bedeutet. 

Die Isolation kann auf zweierlei Weise aufgehoben 
werden: erstens passiv durch gewaltsame Ruptur von 
aussen, von der Objectseite her, und zweitens activ, 
von der Subjectseite her, durch Vorschieben und An¬ 
einanderlagern von Pseudopodien, unabhängig von 
dem Befehl der centralen Amoebe. Nach diesem 
durchgreifenden Gesichtspunct, der sich dem der 
metaphysischen Gegensätzlichkeit von Subject und 
Object anschlicsst, habe ich mir erlaubt vorzuschlagen, 
die geistigen Störungen in Impressions-Psy- 
c h o s e n und S e d i t i o n s - P s y c h o s e n einzutheilen, 
eine Eintheilung, die im Allgemeinen auch der oben 
angeführten hereditären Verschiedenheit entsprechen 
wird. Man sagt im Sprichwort: „Wer unter diesen 
Umständen den Verstand nicht verliert, hat keinen 
zu verlieren“; das heisst: auch ein gesunder Mensch 
kann geisteskrank werden; aber dann wird er eher 
einer Impressionspsychose anheimfallen und im all¬ 
gemeinen überhaupt weniger in Gefahr sein, so dass 
man sogar die Frage der Heilbarkeit einer Geistes¬ 
krankheit nach demselben Gesichtspunct wird beant¬ 
worten dürfen. Es ist denkbar, dass die Widerstands¬ 
kraft einer gesunden und atavistisch gefestigten Faser¬ 
anlage gross genug sei, um eine Durchbruchstelle, wie 
ein feindliches Fort, mit Schutzbauten so zu umgeben, 
dass sie aufs Ganze nicht mehr reflectirt und ihr 
Dasein bedeutungslos wird. Dass in dieser Wider¬ 
standskraft ein grosser Unterschied wirklich besteht, 
zeigt das Verhalten verschiedener Menschen gegenüber 
dem „furchtbarsten Grosshimgift“, dem Alkohol, dessen 
Wirkung auf „psychopathisch Minderwerthige“ so eigen- 
thümlich ist, dass man von pathologischen Rauschzu¬ 
ständen sprechen darf. 

Die Wirkung des Alkohols überhaupt scheint in 
einer Lähmung der Isolationsmechanismen zu bestehen, 
während man die plötzliche Einwirkung äusserer und 
innerer Traumen (Fall auf den Kopf, Hirnerschütterung, 
heftige Gemüthsbewegung) wohl als eine Einziehung 
der Neuropodien auffassen darf, ähnlich den Vor¬ 
gängen an den Polypenbeeten der Südsee, deren 
Farbenpracht in der klaren Tiefe uns die Reisenden 
mit Entzücken schildern, während ein einziger Ruder¬ 
schlag hinreicht, um sie zum Verschwinden zu bringen. 

Im Allgemeinen aber wird die Anwesenheit par¬ 
tieller Transversismen innerhalb der Bewusstseinseinheit, 
auch wenn, wie oben angedeutet, bisweilen eine func- 
tionelle Ausschaltung angenommen werden darf, doch 
nicht gleichgültig sein. Obwohl v o r dem Bewusstsein 

gelegen, müssen sie als etwas unbestimmt Fremdes, 

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IQ02.J PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Feindseliges empfunden und so nach aussen projicirt 
werden. Daher die Häufigkeit von Verfolgungswahn - 
ideen. Sodann aber müssen sie, als Theil einer un- 
theilbaren Einheit, aufs Ganze reflectiren; wie die 
früher als Beispiel aufgeführte, zum Theil gefärbte 
weisse Scheibe, wenn sie rasch gedreht wird, ihre 
Weisse verliert und einen gleichartigen Farbenton er¬ 
hält. Das heisst: ein neuer Gleichgewichtszustand 
muss nothwendig wieder hergestellt werden, und eben 
dieser muss eine ganz andere Erscheinung darbieten; 
daher die auffallenden hypo- und hyperkinetischen 
Symptome, als Grenzformen die Apathie und die 
Tobsucht, die nur der motorische Reflex aufs Ganze 
siud, das Suchen der Seele nach dem neuen Gleich¬ 
gewichtszustand. 

Oder aber die Schwankungen um die zu suchende 
Ruhelage spielen sich mehr im Gebiet der Vorstellungen 
selbst ab. Der Bewusstseinsinhalt muss sich mit dem 
localen Transversismus, dem fremden Eindringling, 
abfinden; das ganze Gedankensystem muss nach ihm 
umgearbeitet werden; die ganze Persönlichkeit wird 
verschoben, der Subjectpunct „verrückt“ (Paranoia). 

2. Ein wesentlicher Gesichtspunct, von dem aus 
die Erscheinungen der geistigen Störung beurtheilt 
werden müssen, ist der Ort, wo der Transversismus 
erfolgt. Die Anatomie sagt uns bei den rein func¬ 
tioneilen Störungen darüber nichts und kann nicht 
leicht etwas sagen, da sie ja als vitale Bewegungs¬ 
störungen des Neurokyms aufzufassen sind. 

Glücklicher Weise zeigen die physiologischen 
Analysen und Zusammenordnungen der Symptomen- 
complexe grösseres Entgegenkommen zu einer Ver¬ 
ständigung mit der philosophischen Psychologie, die 
indessen hier wiederum Gelegenheit hat, die Ueber- 
legenheit der Deduction, die von der Einheit zur 
Vielheit hinabsteigt, zu erweisen. Besonders sind hier 
die Leistungen Kräpelin’s hervorzuheben, in denen 
es diesem ausgezeichneten Forscher gelang, die ver¬ 
wirrende Mannigfaltigkeit und Mischung psycho¬ 
pathischer Erscheinungen zweier grosser Reihen zu¬ 
sammenzufassen. So gelangte er zur Vereinheitlichung 
der Stimmungspsychosen, wie ich sie nennen 
möchte, in den Begriff des manisch-depressiven (cir¬ 
cularen) Irreseins, und zur Zusammenfassung schein¬ 
bar weit auseinander liegender Symptomgruppen, für 
die er die Bezeichnung des Dementia praecox 
vorschlug. Niemand, der sich im gleichen Fall befand, 
wird der unnachgiebigen Wissenschaftlichkeit dieses 
Forschers die Hochachtung versagen können, die aus 
dem freimüthigen Geständniss spricht, dass er rathlos 
lange lange Jahre hindurch der Fülle von geistigen 
Schwächezuständen gegenüber gestanden habe, die 

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in ihrer Mannigfaltigkeit zu oberflächlicher Gruppirung 
gedrängt hätten, in der Tiefe aber doch bestimmte, 
überraschend gleichförmig wiederkehrende Grundzüge 
erkennen Hessen. 

Wenn wir nun versuchen, für die klinisch als 
zusammengehörig sicher gestellten Symptomgruppen 
zu einem Verständnis ihres Wesens zu gelangen, 
dadurch dass wir sie auf unsere psychologischen 
Grundlagen zurückführen, so fassen wir die Stimmungs¬ 
psychosen der ersten Reihe als Transversismus 
eines bestimmten Theils der Rinde auf, wobei 
die Ausgleichungsbestrebungen der Seele den grossen 
Resonanzboden des Gemüths in so starke Mitschwingung 
versetzen, dass die täglichen kleinen positiven und 
negativen Schwankungen der Gemüthslage sich zu 
grossen Wellen sammeln, die im Sinne eines Wechsels 
von ausserordentlicher Depression und Exaltation sich 
geltend machen, so in die Tiefe dringen und sogar 
den Bestand der palaeoplastischen Faserlagen in Ge¬ 
fahr bringen. So vermag der Gleich tritt eines Truppen¬ 
körpers [eine sonst festgefügte Brücke zum Einsturz 
zu bringen. Der mächtige Reflex aufs Ganze zeigt 
sich ebensowohl im Stupor und bei Apathie, wenn 
gleichstarke Querströmungen motorische Explosionen 
hemmen, als wenn sie, vereinigt, diese zu einer exor¬ 
bitanten Höhe gelangen lassen, oder die innere Spannung 
sich in dem unwiderstehlichen Trieb, den Bestand 
des Staatengebildes aufzulösen, Luft zu machen sucht. 
— Multiple corticale Transversismen da¬ 
gegen, die sich in der Rinde abspielen ohne tiefere 
Theile in Mitleidenschaft zu ziehen, und daher oft 
nur transitorische Bedeutung haben, finden ihren symp¬ 
tomatischen Ausdruck als V erw i r rth ei t. Ein solches 
Rindenfeld bietet dann den Anblick eines alten Kirch¬ 
hofes dar, in dem die morschen Kreuze in allen 
Winkelneigungen stehen. 

Diesen Störungen, die wesentlich Transversismen 
der neoplastischen Hirngebiete sind und daher auch 
der Wiederausgleichung günstigere Aussichten bieten, 
steht nun die Dementia praecox Kräpelin’s 
gegenüber. Kräpelin will die Bezeichnung nur als 
vorläufig gelten lassen; mit Recht, denn sie trifft nicht 
den nosologischen Kern, sondern nur den sich oft 
lang hinziehenden Ausgang des eigentlichen, auffallend 
abgekürzten» (praecox) psychopathischen Vorgangs. 
Während aber das Leben selbst keineswegs dadurch 
bedroht ist, das palaeoplastische Gebiet also nicht 
berührt wird, deutet dennoch Alles darauf hin, dass 
wesentlich gerade die tieferen Schichten der Faserlage 
in Mitleidenschaft gezogen seien, und unser Gedanken¬ 
gang scheint uns dazu zu nöthigen, diese Formen als 

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HARVARD UNIVERSUM 




PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


34 


mesoplastischen Transversismus neben corti- 
ealem Orthismus zu erklären. 

Ich wage zu sagen, dass der Psychiater, der 
sich die Mühe nehmen will, die Symptome der De¬ 
mentia praecox in die Begriffe der ontocentrischen 
Psychologie umzudenken, erstaunt sein wird, zu finden, 
wie das gewohnte Bild voller scheinbarer Ungereimt¬ 
heiten und Widersprüche sich aufzuhellen und sich 
dem Verständniss zu erschlossen beginnt. 

Die Dementia praecox ist, im Gegensatz zur phy¬ 
siologischen Beschränktheit, also pathologische Dumm¬ 
heit, als Logopathie, als Störung der Urtheilskraft, als 
Nichtübereinstimmung der (an sich richtig gebildeten) 
Vorstellungen der corticalen Verstandes- und Ver¬ 
nunftsphäre zu bezeichnen. Anstatt dass die getrennten 
Leitungsbahnen sich erst im obersten Bewusstseins- 
inittelpunkt zum Gleichgewicht von Inhalt und Form 
im quadratischen Begriff vereinigen, wie es die geistige 
Gesundheit verlangt, confundiren sie sich durch eine 
intermediäre Ruptur schon in dem mesoplastischen 
Gebiet (siehe Fig. bei b) der grossen subcorticalen 
Ganglien, die als solche ganze Rindenkeile beherrschen. 
Wir können hier auf Einzelheiten nicht eingehen, 
doch erlaube ich mir Folgendes zu berühren. Un¬ 
erklärlich schien bisher das Zusammenbestehen eines 
extravagant kindisch - läppischen Benehmens neben 
leichtem Denken und gutem Gedächtniss, von scharfer 
Beobachtung neben blockigem Stumpfsinn; aber das 
heisst eben subcorticaler Transversismus neben corti- 
calem Orthismus. — Wenn Jemand uns plötzlich gegen¬ 
über tritt, so bemerken wir kaum, dass wir uns in 
Positur setzen, uns innerlich aufrichten, überhaupt 
Stellung dazu nehmen. Bei den Logopathischen tritt 
dies deutlich hervor, aber auch, wie der motorische 
Impuls sich in falsche Bahnen ergiesst, in den eigen- 
thümlichen und so charakteristischen *), negativistisch- 
katatonischen Widerstandsbewegungen. — Gegenüber 
der gewaltigen constanten Strömung der Durchbruch¬ 
stelle verschwinden gewöhnlich alle anderen Impres¬ 
sionen, nur die zufällig nächstgelegene bleibt; daher 
die wiederum so charakteristischen Erscheinungen der 
sogenannten Befehlsautomatie, der Echopraxie, der 
Katalepsie, der Flexibilitas cerea, und dann wieder, 
bei einer ungewöhnlichen Willensanstrengung, die den 
Lauf der falschen Strömung kreuzt und hemmt, der 
ganz unerwartete Beweis des corticalen Orthismus, 
der mit der ungeheuren Demenz in so schroffem 
Widerspruch steht. 

Ich glaube nicht zu irren, wenn ich als die 

*) Bekanntlich gaben diese dem hochverdienten Kahlbaum 
die Veranlassung zur Aufstellung des bahnbrechenden Begriffs 
der Katatonie. 

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LNr. 3. 


Hauptursache, also das Wesen dieser geistigen Stö¬ 
rung die Incongruenz der integralen und der diffe¬ 
rentialen Vorstellungen der sexuellen Sphäre in An¬ 
spruch nehme; dies jedoch im alleweitesten Sinne 
der Sache. *) In der Uebergangszeit der sogenann¬ 
ten Entwicklungsjahre des Menschen („Hebephrenie“), 
oder in der sich daran anschliessenden Zeit, vermag 
die einseitig ungezügelte Wucht solcher Impressionen, 
gerade auch bei feiner organisirten Naturen, oder im 
zufälligen Zustand eines labilen Gleichgewichts, oder 
bei geringer Widerstandskraft der atavistischen Faser¬ 
lage, leicht in die Tiefe zu dringen und subcorticales 
Gewebe zu verletzen. — Auch beim gewöhnlichen 
Altersblödsinn treten, als ominöse Vorboten der nahen 
Auflösung, katatonisch-negativistische Erscheinungen 
auf: zum Zeichen, dass die von der Peripherie nach 
dem Centrum fortschreitende Entartung auf der meso¬ 
plastischen Station bereits angekommen sei. 

Für das Schicksal und die Auflassung der meisten 
functioneilen Geistesstörungen ist daher die entschei¬ 
dende, aufs Wesen gehende Hauptfrage die, ob eine 
Rindenquerung oder eine Hüge 1 querung vor¬ 
liege. Letztere ist es, die von den oben erwähnten, 
auffallenden Erscheinungen vorzeitiger Demenz be¬ 
gleitet ist. 

3. Dass es in der zweiten Uebergangszeit des 
Menschen, wenn die sinkende Kraft dazu mahnt, die 
Summe des Lebens zu ziehen, und sich dabei ein 
lächerlich kleiner Betrag zu ergeben scheint, zu de¬ 
pressiven Dauerzuständen kommt, zumal wenn man 
die thörichte, von der Zeitbedingung regierte Frage 
„Wozu?“ auf das Sein anwendet, und auf die leere 
Frage das Echo einer ebenso leeren Antwort zurück¬ 
tönt, ist an sich nicht verwunderlich; eher sollte man 
sich wundern, dass man über solche wohl unvermeid¬ 
lich sich einstellenden Reflexionen dennoch meist so 
leicht hinwegkommen kann. Offenbar handelt es sich 
auch hier, wie bei der negativen Welle der Wechsel¬ 
psychose, 11m impressionistische Rindenquerung mit 
depressivem Seelenreflex, dessen Stärke Aussicht hat, 
zugleich mit der seelischen Receptivität überhaupt, 
abzunehmen, also der Heilung wieder entgegen zu 
gehen. 

4. Die Incongruenz zwischen Verstand und Ver¬ 
nunft kann auch darin begründet sein, dass entweder 
das Gesammtgehim auf einer dem Thier angenäher¬ 
ten Stufe zurückbleibt, oder die Entwicklung der 
Associationssphären mit den Fühlsphären nicht glei¬ 
chen Schritt hält. Im ersteren Fall spricht man von 
Idiotie und angeborener Imbecillität; der zweite liefert 

*) Erfahrungsgemäss disponirt auch das Puerperium zu 
dieser Krankheit. 

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HARVARD UNIVERSITY 



1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


die neuerdings berühmt gewordene Gruppe der soge¬ 
nannten geborenen Verbrecher (Lombroso). Dies 
sind demnach Individuen, die wohl in den Verstand, 
aber nicht in die Vernunft des erwachsenen Menschen 
hineingewachsen sind, und in letzterer Hinsicht Kinder 
bleiben. In Beziehung auf den Verstand gewöhnlich 
nicht zu kurz gekommen, gewandt und schlau in den 
Verrichtungen des gewöhnlichen Lebens, weshalb man 
sich nur schwer entschliesst, sie für Geisteskranke 
(also auch für nicht-verantwortlich für ihre Handlungen) 
zu halten, sind sie deswegen höchst gefährlich, weil 
sie den Impulsen der Sinnlichkeit, denen sie wie 
andere Menschen unterworfen sind, keine genügend 
starken Vernunftmotive entgegensetzen können, weil 
sie ihrer Anlage (nicht ihren Willen) nach keine haben. 
Sie sind also nicht für im gewöhnlichen Sinne freie 
Menschen zu erachten, da ihnen die Wahl in der 
Einführung der Motive nicht frei steht; daher auch 
nicht für verantwortlich, obwohl sie sich der Strafbar¬ 
keit einer verbrecherischen Handlung bewusst sind. 
Hier decken sich die Begriffe nicht, weil man den 
Begriff der Geisteskrankheit in der That weiter und 
enger fassen kann: weiter, als Gleichgewichtsstörung 
zwischen Verstand und Vernunft überhaupt; enger, 
als eine derartige Gleichgewichtsstörung durch inter¬ 
mediären Transversismus. Im letzteren Fall ist die 
Störung stets vor dem Bewusstsein gelegen, und 
alsdann die Nicht-Verantwortlichkeit auch nicht in 
Frage gestellt; im ersteren Fall liegt sie im Bewusst¬ 
sein, und hieraus ergiebt sich, wie schwer dem Richter, 
sowie dem Arzt, im einzelnen Fall die Entscheidung 
fallen mag, ob Verbrechen vorliege, das strafbar macht, 
oder Geisteskrankheit ohne Verantwortlichkeit. Hieran 
wird selbst die theoretische Einsicht in den psychi¬ 
schen Process nichts ändern, weil die Grenzen hier 
fliessend sind, und die Entscheidung sich vom Quali¬ 
tativen (Intensiven) ins Quantitative (Extensive) hin¬ 
über spielt. 

Es kann nun noch die Frage aufgeworfen werden, 
ob die psychische Gleichgewichtsstörung nicht auch 
durch unverhältnissmässiges Ueberwiegen der Vernunft 
hervorgerufen werden könne. Sie ist deswegen nicht 
zu übergehen, weil die Versuche, Genialität als 
pathologische Erscheinung zu nehmen, vielfach Bei¬ 
fall gefunden haben. Es ist richtig, dass Wunder¬ 
kinder in iher späteren Entwicklung selbst hinter 
bescheidenen Erwartungen Zurückbleiben. Es ist 
richtig, dass genialische Menschen auf der Höhe 
ihres Daseins oft zu Schaden kommen, weil sie 
sich, seiltänzergleich, an den Grenzen der Mensch¬ 
heit auf schwindligen Pfaden ergehen. Es ist richtig, 
dass solche Menschen, nach einem Leben der un- 

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geheuersten Denkanstrengung, immerhin noch vor¬ 
zeitig, oft geistigem Siechthum verfallen. Aber die 
Genialität, oder die höchste Offenbarung derjenigen 
Seelenkräfte, die die Abwendung von der Thierheit 
bedeuten, als Psychopathie zu erklären, ist ein grober 
Verstoss: er deutet auf hoffnungslos-atavistische („ein- 
gefleischte‘‘) UnWissenschaftlichkeit hin, deren untrüg¬ 
liches Zeichen ist, gerade in der Hauptsache daneben 
zu hauen. 

5. Das Paradigma der Seditionspsychosen ist die 
Fallsucht; Aufhebung des Gleichgewichts zwischen 
Theil und Ganzem, Störung der festen Relation, 
zwischen Peripherie und Centrum, und daher Be¬ 
wusstseinstrübung ohne Gefährdung des Subjektpunkts 
selbst, der nur wegen Lockerung des corticalen Ge¬ 
füges (also des einheitlichen Objektpunktes oder der Vor¬ 
stellung) die Zuleitungen von dort her nicht mehr in 
sich vereinigen kann. Wir setzen hier Eigenbeweg¬ 
ungen von einzelnen Rindenamoeben oder Gruppen 
derselben voraus, die sich ausserhalb der Befehls¬ 
macht der Centralamoebe vollziehen, und Bewusstsein 
nothwendig aufheben müssen, weil dieses auf völliger 
Gleichheit von Einheit und Vielheit, Ganzem und 
Theilwerk, Inhalt und Form beruht, die ihrerseits 
wiederum nur der Ausdruck der metaphysischen 
Enantialität von Subjekt und Objekt ist, unter welcher 
Bedingung allein ein Object in eine Erkenntniss (Be¬ 
wusstsein) eintreten kann, wenn diese den Sinn haben 
soll, ein Abdruck des Seienden zu sein. Das Be¬ 
wusstsein wird immer dann aufgehoben, wenn den 
Bedingungen der Welthälftigkeit, die im Sein vor¬ 
handen ist, im Erkennen (Denken) nicht entsprochen 
wird. 

Dauert der Zustand der partiellen Insubordination, 
die, obwohl eine grosse initiative Beweglichkeit der 
Neurone ein Vorzug genannt werden könnte, dennoch 
aber in Hinsicht auf das Ganze als eine Entartung 
angesehen werden muss, länger, so wird auch der 
Reflex auf’s Ganze sich mehr und mehr bemerklich 
machen; wie ein Staat, der von innerem Bürgerkrieg 
und Strassenkampf durchwühlt wird, in seiner Kraft¬ 
entfaltung nach aussen gelähmt ist. Auch hier be¬ 
deutet die Zunahme der Demenz Fortschreiten des 
Proccsscs nach den mesoplastischen Gebieten. 

Es lässt sich denken, dass, wenn jene oben als Vor¬ 
zug gerühmte Beweglichkeit nicht eben eine untergeord¬ 
nete, sondern die centrale Amoebe selbst beträfe, anstatt 
einer Entartung ein hoher Grad von geistiger Begabung 
daraus folgen müsste. In der That ist Epilepsie nicht 
selten zusammen mit einer solchen angetroffen worden, 
und insbesondere wird hervorgehoben, dass „alle 
grossen Cäsaren“ (Flechsig) auch Epileptiker gewesen 

Original from 

HARVARD UN1VERSITY 



36 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 3. 


seien. Auch die Entstehung eines neuen Gedankens, 
die eigentlich geniale, künstlerische Leistung muss 
wohl auf dieselbe Eigenschaft zurückgeführt werden. 
Das Wesen des Genie’s liegt dann in dein Hochmaass 
coörcitiver Kraft, das starke Eigenbewegungen der 
peripherischen Amoeben (Seditionsbestrebungen) im 
Keime zu unterdrücken vermag, das Pathologische aber 
darin, dass solche gelingen. Nie und nimmer aber 
ist das Genie an sich etwas Pathologisches; seine 
Leistung vielmehr der Ausdruck höchster geistiger 
Gesundheit, Zusammenfassung der höchsten Geistes- 
thätigkeit zum völligen Einklang aller Kräfte, und 


verhält sich, um bei unserem Bilde zu bleiben, zu 
einer Entartungserscheinung wie ein siegreicher Krieg 
nach aussen, in dem alle gesunden Kräfte des Staates 
zur höchsten Anstrengung angefacht werden, zu einer 
bürgerlichen Empörung im Innern, wobei der Bestand 
des Ganzen doch in ganz anderer Weise ins Schwanken 
geräth. 

Die Geisteskrankheiten mit grob-anatomischer und 
chemischer Grundlage, die dem physischen Verständniss 
mehr offene Seiten darbieten und im gleichen Maass 
für die philosophische Psychologie an Bedeutung 
verlieren, sollen hier nicht näher besprochen werden. 


Mittheilungen. 


— Herrn Prof, 
wurde aus Anlass des 
25 jährigen Jubiläums 
der von ihm begrün¬ 
deten Rivista speri- 
mentale di Freniatria 
eine besondere Wid¬ 
mung zu Theil. Das 
Heft III/IV des Vol. 
XXVII bringt einen 
Festartikel, den wir 
im Folgenden wieder¬ 
geben. 

An 

AugustTamburini. 

Von dieser selben 
Rivista, die seine 
höchsten Ideale wie¬ 
dergespiegelt hat und 
wiedcrspiegelt, möge 
an August Tam¬ 
burin i die Huldi¬ 
gung und der hoch¬ 
achtungsvolle Gruss 
zukommen; von die¬ 
sem Blatte, das wie 
sein geistiges Haus 
ist, voll Erinnerun¬ 
gen, w f orin seit 25 
Jahren, um seine 
Gedanken herum, die 
Gedanken von Colle- 
gen und Schülern ge¬ 
sammelt wurden und 
noch w erden. Es sind 
heute fünfundzwanzig 
Jahre her, dass Au¬ 
gust Tamburini 
das Geschick dieses 
Blattes zu lenken be¬ 
gann , und dass 
er berufen wurde, 


Tamburini in Reggio-Emilia Carlo Livi in der Direction des Irrenhauses von 

Reggio-Emilia nach¬ 
zufolgen ; und dass 
die Regierung ihn zu 
der Würde des Hoch¬ 
schullehrers hob: drei 
grundlegende Augen¬ 
blicke seines Lebens; 
drei Formen der Thä- 
tigkeit, die er vervoll¬ 
ständigt und harmo¬ 
nisch verschmolzen 
hat zum Vortheil und 
zur Ehre der italieni¬ 
schen Psychiatrie . . . 

. . . Das Studium 
der Psychiatrie nach 
den Grundsätzen und 
Forderungen der po¬ 
sitiven Methode zu 
richten: das ist der 
leitende Gedanke, den 
er mit seinen ausge¬ 
dehnten Forschungen 
in die That umsetzte, 
Forschungen, die zum 
ständigen Erbgut der 
Wissenschaft gewor¬ 
den sind, die von 
der Gehimlocalisation 
bis zu den Erschein¬ 
ungen des Hypnotis¬ 
mus, von der Physio¬ 
pathologie der Spra¬ 
che bis zu den kör¬ 
perlichen und mora¬ 
lischen Entartungen 
des Menschen, von 
den telepathischen u. 
spiritistischen Phäno¬ 
menen bis zur Ent¬ 
stehung der Halluci- 



□ igitized by 


Go. gle 


Original fmm 

HARVARD UNiVERSITY 




37 


igoj.J PSYCH 1 ATKISCH-NEUROLC: 

naiiuiien gehen; ein Gedanke, den er auch zu ver¬ 
wirklichen suchte dadurch, dass er die objectiven 
Forschungsmittel im psychiatrischen Institut zu immer 
grosserer Wichtigkeit erhob . . . 

.... Er ist ein Meister, der sich seine 
Scliule gegründet, sie aber nicht als die Sklavin 
einer Formel, sondern als ein starkes Geschöpf, dem 
aus allen Quellen Leben zufliesst, aufgefasst hat. Nicht 
das vorgezeichnete Schema, sondern die Ableitung 
der zur Beleuchtung der Seelenprobleme nützlichen 
Elemente aus allen Anschauungen und von allen Ge¬ 
sichtspunkten heraus zeichnete ihn aus. Er wollte 
alle Stimmen mitsprechen lassen, vorausgesetzt, dass 
sie Wahrheit sprächen, dass alle wissenschaftlichen 
Mittel zum Studium versucht, alle Wege begangen 
würden; und auf diesen mannigfaltigen Wegen hat er 
die Energien geleitet, die sich ihm darboten, indem 
er sie zuerst sichtete und die nützliche Richtung auf¬ 
deckte und diese nährte: und er hat es nie zugegeben, 
dass irgend eine Flamme, die lebendig und rein war, 
verlöschen durfte. 

So hat er, mit Rath und That, mächtig dazu bei¬ 
getragen, dass die Psychiatrie ihre Wurzeln auf dem 
weiten Boden der Biologie ausbreitete und daraus eine 
tiefe und neue Belebung erfuhr. 

Aber er hat die Wissenschaft nicht nur als eine 
erhabene und abstracte Erscheinungsform des Ge¬ 
dankens betrachtet, er hat sie auch als die Form ver¬ 
standen , di - das gute Wort eingiebt, die herunter¬ 
steigen und unter den Menschen, die leiden, als Trösterin 
wandeln soll . . . 

. . . Möge er nun den Gruss in diesem 25 jährigen 
Jubiläum der ersten wissenschaftlichen und practischen 
Anerkennung empfangen; in dieser idealen Ruhepause 
zwischen Vergangenheit und Zukunft möge er die 
besten Erinnerungen wieder anknüpfen, möge er die 
Glück- und Segenswünsche von allen denen, die die 
ganze Poesie fühlen, welche in seinem Werke als Ge¬ 
lehrter und als Mensch eingeschlossen ist, empfangen. 

15. December 1901. Das Comite. 

Das vorliegende Heft der Rivista + ), zum grössten 
Theil aus Artikeln von Schülern Tamburinis zusammen¬ 
gesetzt, trägt dessen Bildniss und ist ihm zugeeignet, 
als eine Huldigung seiner Mitarbeiter, zur Erinnerung 
an das freudige Datum dieses Jahres, in welchem der 
fünfundzwanzigjährige Jahrestag sich erfüllt, dass e r, 
mit der grössten Sorgfalt und der erleuchtetsten Weis¬ 
heit, die Direction der Rivista übernahm. 

Zeitverhältnisse, also unabhängig vom Comite und 
von den Unterzeichnenden, haben es verhindert, die 
erste Absicht verwirklichen zu können, d. h. einen 
ganz aus den Tamburini zugeeigneten Arbeiten zu¬ 
sammengesetzten Band hersteilen zu können; man 
hat daher geplant, die gesammelte Summe von 
2000 Franken anders zu verwenden und hat be¬ 
schlossen, ihm, am 15. dies., eine goldene Medaille zu 
überreichen, die auf der rechten Seite das Bildniss des 
Meisters trägt, auf der Kehrseite die Widmung: 

Dem August Tamburini 
die Collegen und die Schüler 
_ 1876— 1901. 

*) Referate erscheine demnächst. 

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GISCHE WOCHENSCHRIFT. 

— Jahresversammlung des Vereins deutscher 
Irrenärzte in München. Im Mineralogischen Hör¬ 
saale der Technischen Hochschule, dem durch Pflanzen¬ 
schmuck ein festliches Aussehen gegeben w^ar, begann 
am 14. ds. Mts. vorm. 9 Uhr die Tagung, zu der 
sich Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden, 
hervorragende Aerzte und Universitätsprofessoren ein¬ 
gefunden hatten. Es waren zur Begrüssung anwesend 
der Rector magnificus der Universität Professor Dr. 
Brentano, der Generalstabsarzt der Armee Dr. B e s t e 1 - 
meyer, Ministerialrath im Kultusministerium Dr. von 
ßumm, der Vorstand der oberbaycrischen Kreisiiren- 
anstalt Dr. Vocke u. A. 

Geh. Univ.-Prof. Medicinalrath Dr. Jolly (Berlin), 
der Vorsitzende des Vereins, eröfFnete mit kurzen 
Worten die Versammlung und begrüsste die Ver¬ 
treter der Behörden, die Mitglieder und Gäste; 
Oberinedicinalrath Dr. von Grashey ergriff Namens 
der Staatsregierung das Wort, um die Versicherung 
zu geben, dass die Regierung, an der Spitze Minister 
Freiherr von Feilitzsch, der selbst Ehrendoktor 
der Medicin sei, den Bestrebungen des Vereins das 
lebhafteste Interesse entgegenbringe. Die Wissenschaft 
der Psychiatrie habe einen grossen Aufschwung ge¬ 
nommen und daran habe auch der Verein ehren¬ 
vollen Antheil. Sein Einfluss habe sich bei Fragen 
der Gesetzgebung auf psychiatrischem Gebiet geltend 
gemacht, er habe auch auf die Ausgestaltung der 
neuen Prüfungsordnung dahin gewirkt, dass der Psychi¬ 
atrie bei den allgemeinen ärztlichen Prüfungen ein 
grösserer Einfluss zukomme. Die Fürsorge für die 
Geisteskranken bekunde sich in Bayern in weitgehender 
Weise, das zeige die Einrichtung neuer grosser und 
mustergiltiger Anstalten in Oberbayem und in Mittel- 
franken, in welch letzterem Kreise sechs Millionen für 
die neue Irrenanstalt aufgewendet wurden. 

Regierungs- und Kreismedicinalrath Dr. Messerer 
sprach als Vertreter der Kreisregierungaus, dass diese als 
Oberaufsichtsbehörde über die Kreisirrenanstalt be¬ 
gründetes Interesse an den Beratungen habe. 

Bürgermeister von Brunner wies auf die Ent¬ 
stehung der neuen Kreisirrenanstalt Eglfing und der 
Universitäts-Irrenklinik hin und gedachte der hervor¬ 
ragenden verdienstlichen Arbeit, welche die Medicinal- 
räthe Dr. von Grashey und Dr. von Bumm, bei 
antiquirten Einrichtungen, geleistet. Die Stadt wünsche, 
dass die Arbeit der Psychiater von Nutzen sein, und 
dass nach gethaner Arbeit die Versammelten von 
dem gastlichen und künstlerischen München gute Ein¬ 
drücke gewinnen mögen. 

Als „Hausherr“ richtete Prof. Dr. von Dyck, der 
Director der Technischen Hochschule, herzliche Worte 
an die Versammlung, die, w*ie vor ihr schon viele 
andere, dem Wohle der Menschheit ihre Arbeit widme. 

Medicinalrath Prof. Dr. von Bumm sprach Namens 
des Lokalkomites. 

Der Vorsitzende des Vereins, Gchcimrath Dr. 
Jollv, dankte wiederum den Rednern und den Ver¬ 
tretern der Behörden und Ehrengästen für die liebe¬ 
volle Aufnahme des Vereins, der seit 1860 bestehe, 
und bei seinen Wanderversammlungen öfter nach 
Bayern sich gewendet habe, in dessen Hauptstadt 


Original fram 

HARVARD UNIVERSITY 



38 PSYCH 1 ATR 1 SCH-NEUR<.»LOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 3. 


er zum letzten Male vor 2 7 Jahren getagt. Dem 
unvergesslichen Dr. Gudden, der damals der Ver¬ 
sammlung präsidirt, werde der Verein einen Kranz 
auf’s Grab niederlcgen. Seit jener Zeit habe die 
Psychiatrie in Bayern grosse Fortschritte gemacht und 
es herrsche hier das Bestreben, diese Wissenschaft zur 
höchsten Vollkommenheit zu heben. Der Redner 
gedenkt hierbei auch der Verdienste des ehemaligen 
Coli egen Medieinalrath Dr. Grashey. 

Nach Bekanntgabe der Namen der Mitglieder, die 
der Verein durch den Tod verloren (Bandorf, Lang¬ 
reuter, Binder, Gessler, Müller) und zu deren Ehrungen 
man sich von den Sitzen erhob, wurde in die Be¬ 
rathungen eingetreten. (Forts, in nächster Nr.) 

— Vor Gericht. Ei n e Lüek e im Gesetz. 
Bedenken gegen einige Entscheidungen des Reichs¬ 
gerichts drückte kürzlich der Vorsitzende der vierteil 
Strafkammer des Landgerichts I Berlin bei der Ver¬ 
handlung eines Straffalles aus, der allerdings recht charak¬ 
teristisch war. Angcklagt waren der pensionierte ge¬ 
prüfte Heizerbei der Anhalter Balm H. und dessen Ehe¬ 
frau wegen wiederholten Ladendiebstahls bezw. Hehlerei. 
II. hatte am 6. März das Werlheimsche Geschäft 
in der Leipzigerstrasse besucht; er trug eine grössere 
Ledertasche in der Hand, und eine Detektivin, die 
ihn beobachtete, glaubte wahrzunehmen, dass er einen 
ausgelegten Gegenstand in diese Tasche hinein cs- 
kamotierte. Der Angeklagte suchte, als er sich be¬ 
obachtet fühlte, zu entkommen, wurde jedoch festge¬ 
halten und visitiert. Da fand man denn in der Tasche 
eine ganze Anzahl grösserer und kleinerer Gegen¬ 
stände, die dem Werthcimschen Geschäft entnommen 
waren. Ergab auch zu, diese aus Vergesslichkeit 
in die Tasche gesteckt zu haben. Als bei ihm Haus¬ 
suchung abgehalten wurde, stellte sich seine Wohnung 
als eine Art Filiale des Wcrtheimschen Geschäftes 
dar. Bei einer grossen Reihe von Gegenständen der 
alleiverschiedensten Art, Bedarfsartikel. Nippes, ganzen 
Kartons mit Seife, Zimmerschmuck u. s. w. konnte 
fcstgestellt werden, dass sie aus dem Wcrtheimschen 
Geschäft herstammten. Die Anklagebehörde nahm 
an, dass alle diese Gegenstände, zu deren Anschaffung 
dem Angeklagten die Mittel fehlten, von ihm gestohlen 
seien. Die angeklagte Ehefrau behauptete dagegen, 
dass sic die Gegenstände in der festen Meinung in 
Empfang genommen, dass er sie ehrlich erworben 
habe. Im gestrigen Termin blieb die Frau bei dieser 
Behauptung, während aus dem Ehemanne überhaupt 
nichts hcrauszubringen war: er erklärte auf alle Fragen 
des Vorsitzenden, dass er sich auf nichts besinnen 
könne. Die Erklärung hierfür gab der Sachverstän¬ 
dige Dr. mccl. Bohnstedt, welcher bekundete, dass 
der Angeklagte wegen licrv«^tretender geistiger Ab¬ 
normität seinerzeit pensioniert, sein Geisteszustand 
von Professor Dr. Mendel und in der Maison de saute 
untersuc ht worden sei und kein Zweifel obwalte, dass 
bei ihm eine unheilbare Paranoia vorliege. Auf 
Giund dieses Gutachtens musste der Gerichtshof nac h 
Paragraph 51 St. G. B. zur Freisprechung des Ange¬ 
klagten kommen; längere Berathung widmete er aber 
der Frage, wie die Frau strafrechtlich zu behandeln 
sei. Wie der Vorsitzende hervorhob, hatte der Gc- 

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richtshof nicht den geringsten Zweifel, dass die Frau 
den unredlichen Erwerb der Sachen vollkommen ge¬ 
kannt habe, er musste sie aber dennoch freisprechen , 
weil nach mehrfachen Reichsgeiichtserkenntnissen, die 
dem Gerichtshof bedenklich erscheinen, der Fortfall 
der Haupithat auf Grund des Paragraphen 51 auch 
die Unmöglichkeit einer Bestrafung wegen Begünstig¬ 
ung, Hehlerei u. s. w. zur Folge habe, und anderer¬ 
seits nicht alle Thatbestandsmerkmale gegeben seien, 
um die Frau etwa wegen Unterschlagung verurtheilen 
zu k«'innen. 

— Ansbach. Am I. Mai wird die hiesige 
Kreisirrenanstalt mit vorläufig bo Kranken, welche 
von Erlangen hierher überführt werden, in Betrieb 
genommen. 

— Ein geisteskrank er Attentäter. Die Polizei 
in Brüssel verhaftete einen Geisteskranken, der in das 
Königliche Palais eindringen wollte, um, wie er angab, 
den König zu ermorden. Der Kranke wurde einem 
Irrenhause überwiesen. 

— Dortmund. Die vom westfälischen Pro¬ 
vinzial - Landtag eingesetzte Commission zur Vor¬ 
bereitung einer neuen Provinzial-Irrcnanstalt hat für 
den 18. d. Monats eine Besic htigung der von der 
Rheinprovinz neuerdings erbauten und im vorigen 
Jahre in Benutzung genommenen Provinzial-Irrcnanstalt 
zu Galkhauscn bei Langenfeld in Aussicht genommen. 

Referate. 

— Ewald Stier, Uebcr Verh titun g und 
Behandlung von Geisteskrankheiten in der 
Armee. Hamburg iqo2. 43 S. Gebrüder Lüdeking. 

Die Zahl der beim Militär beobachteten Geistes¬ 
krankheiten ist nach den einschlägigen Sanitätsberich¬ 
ten eine auffallend geringe; in Wahrheit ist sie viel 
grösser, da noch viele hier nic ht rubricirten Fälle von 
Epilepsie, Neurasthenie, Hysterie, manche Selbstmörder 
hinzukommen, und die wegen Geistesstörung Entlasse¬ 
nen sowie die Psychosen im (Ifficierslande lind bei 
den (/adelten hierbei keine Berücksichtigung gefunden 
haben. Bedenkt man nun weiterhin den weitgehen¬ 
den Einfluss, den Geistesstörungen ausüben, so erhellt 
daraus sattsam die Bedeutung der Psvchiatrie für die 
Militärmedirin. Sic herheit wird jeder Psychiater den 
Ausführungen des V. beistimmen, dass neben den 
längst anerkannten und zweifellos wichtigsten Zweigen, 
der Hygiene, der Chirurgie und der Lehre von den 
Infectionskrankheiten, auch die Psychiatrie als noth- 
wendige Spccialdisciplin anerkannt werden muss. Muss 
doch V. zugeben, dass in psychiatrischen Fragen die 
Armee auf Civilärzte angewiesen ist. 

Selbstverständlich soll kein Geisteskranker einge¬ 
stellt werden; ebenso befreit nach der Verordnung 
überstandene Geisteskrankheit oder ein hoher Grad 
von geistiger Beschränkt-beit, der die militärische Aus¬ 
bildung verhindert, von der Dienstpflicht. Um erste- 
res zu ermöglichen, sollen die Civilbehörden gezwungen 
werden, den überstandenen Aufenthalt in einer Irren¬ 
anstalt bei einem jeden Namen in der Stammrolle 
zu vermerken. Wichtiger ist noch die Fernhaltung 
von Schwachsinnigen, die grade hier so oft verkannt 

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1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 39 


werden ; deshalb sollen auch die in der Stammrolle 
vorgemerkt werden, welche eine Schule für sehwach¬ 
befähigte Kinder besucht haben. 

Bei fast allen psychisch erkrankten Soldaten ist 
hereditäre Belastung nachzuweisen. Deshalb aber 
alle Belasteten auszuscheiden ist weder ausführbar 
noch auch unbedingt zweckmässig. Immerhin ver¬ 
dient die Erblichkeit bei der Einstellung berücksich¬ 
tigt zu werden, ebenso wie das mehrfache Vor¬ 
kommen von Degenerationszeichen als ein objeetiv 
sichtbares Zeichen der erblichen Belastung. Diese 
Faktoren sollten in jedem fraglichen Falle zu Ungunsten 
der Einstellung sprechen. Dies gilt in noch höherem 
Maasse bei der Einstellung von Berufssoldaten. 

Nach der Einstellung kommt wesentlich die 
Prophylaxe und die Therapie der Seelenstörungen in 
Betracht. 

Die beste Prophylaxe gegen Psychosen nicht nur 
sondern auch gegen Vergehen ist eine Entlassung aller 
Individuen, welche bei ihrer Ausbildung sich geistig 
als wesentlich unter dem Durchschnittsniveau stehend 
ausweisen, bei möglichst freier Auslegung des Begriffs 
der Beschränktheit. Daneben spielt der Kampf gegen 
den Alkohol und die Lues eine wichtige Rolle. 

Eine der schwierigsten Aufgaben wird eine früh¬ 
zeitige Erkennung der Störungen sein ; das beste 
Mittel ist eine längere Beobachtung im Lazareth. 
Simulation ist im ganzen selten und heute noch selte¬ 
ner dank unserer erweiterten klinischen Kenntnisse. 
Eine gute psvehiatrische Ausbildung der Militärärzte 
ist nüthig und eine Berücksichtigung der Psychiatrie 
in den Fortbildungskursen ist dringend wünschenswert!!. 

Jedes Lazareth sollte Einrichtungen haben zur 
vorläufigen Unterbringung auch der erregtesten Kran¬ 
ken. Das ist aber nur ein Nothbchelf. Alle zweifel¬ 
los Kranken sollen möglichst bald einer Irrenanstalt 
überwiesen werden. Zur Untersuchung fraglicher und 
zur Begutachtung gerichtlicher Fälle soll in dem gröss¬ 
ten Lazareth eines jeden Armcccorps eine Nerven- 
abtheilung unter Leitung eines psychiatrisch vorge¬ 
bildeten Arztes eingerichtet werden. Einer Militärirrcn- 
anstalt bedarf cs nicht für die Mannschaften, eher für 
die Behandlung erkrankter Officiere und Unterofficiere, 
zur Erleichterung ihrer wirtschaftlichen Nothlage. 

Dies der Inhalt der Broch uro, der ein Litteratur- 
verzeielmiss beigefügt ist. Ihre Lectüre ist dringend 
anzucmpfchlen. Sie bringt viele beachtenswerte Vor¬ 
schläge, zumal sie von einem Militärarzt stammen, 
der einen offenen Blick für bestehende Mängel und 
psychiatrische Kenntnisse hat. Ernst S c h u 1 1 z c. 
Bibliographie 

über Kriminal-Anthropologie und Verwandtes. 

1. Quartal 1902. Zusammengestellt von Medicinalrath 
Dr. P. Näcke in Hubertusburg. 
Murache: Le mariage; etude de socio-biologie et 
de medecine legale. Paris, Meau, 4 fr. 
Haberlandt: Erklärung in det Biologie. Rede, 
2. Aufl , Prag, öo Pf. 

Bonhöffer: Die akuten Geisteskrankheiten der Ge¬ 
wohnheitstrinker. Jena, Fischer, 22b S. 5 M. 
Pöchc: Die sexuelle Ncurothcnie etc. Leipzig, 
De: iss er. 1,50 M. 

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Steingiesser: Das Geschlechtsleben der Heiligen. 
Ein Beitrag zur Psychopathia sexualis der Asketen 
und Religiösen. Berlin, Walter. 1 M. 

Hundt: Ueber scheinbaren Selbstmord bei akuter 
Erkrankung. Diss., Kiel 1901. 

Le Rutte: Onderzock van J. B., beschuldigd van 
het feit strafter volgens Art. 247 W. v. G. Psy¬ 
chiatrische cn neurologische Bladen 1901, p. 387. 

S c h ermers: Ecnige anthropi logische maten bij 
krankzinnigen en nich krankzinnigen onderling ver- 
gleken. Ibidem p. 306. 

Ferri: Cursus over Crimineele Sociologic. Ref. van 
Mcijers. Ibidem, p. 45b. 

X ä < k e: Die Unterbringung geisteskranker Verbrecher. 
Halle, Marhold, 1902. 57 S., 2 M. 

T a 11 ) o t: Degeneracy and pohtical assassination. Me- 
dicine, Dec. 1901. 

W i n t e r and Steinach: Identification of the insanc. 
Archives of neurology and psychopathology 1900, 
vol. 3, p. 313 (erst Jan. 1902 erschienen). 

Winter: The cephalic iudex. Ibidem, p. 373. 

Fliess: Ueber den ursächlichen Zusammenhang von 
Nase und Geschlechtsorgan, Halle, Marhold, 1902, 

24 s . 

F erronc-Gapano: II diritto, dinanzi alle nuove 
correnti soeiali e poliLiehe (l’anarchia e il socialismo 
rivoluzionario). Rivista mens, di psich for. etc., 
die. 1901 (erschienen im Januar 1902). 

Ed. v. Hart mann: Der vierte, fünfte und sechste 
Stand. Die Woche 1902, Nr. 3. 

H c n n e b e rg: Beitrag zur forensischen Psychiatrie: 
Beeinflussung einer grösseren Anzahl Gesunder 
durch einen geisteskranken Schwindler (Pseudo¬ 
logia phantastica). Charite-Annalen. XXII. Jahrg. 

Näcke: Einige „innere“ somatische Degeneration* - 
zeichen bei Paralytikern und Normalen, zugleich 
als Beitrag zur Anatomie und Anthropologie der 
Variationen an den inneren Hauptorganen der 
Menschen. Allgcm. Zeitschr. für Psychiatrie etc. 
38. Bd., p. 1009 —1078. 

Au dif freut: Quelques considerations sur l’infanti- 
cide. Archives d'antrop. crim. etc. 1902, p. 16. 

Brouardel: Les empoisomements criminels etc. 
Paris, Bailiiere, 238 S., 1002. 

Baelz: Ueber den Nutzen wiederholter Messungen 
der Kopfform und der Schädclgrösse bei denselben 
Individuen. Correspondcnz-Blatt der deutschen 
Gcsellsch. f. Anthrop. etc. 1901, p. 131. 

Virchow: Ueber Schädelform und Schädeldeformation. 
Ibidem p. 133. 

Wald cy er: Das Gehirn des Mörders Bobbe. Ibi¬ 
dem, p. 140. 

R ou bin ovi c h : Tabes et inculpation d’attentats aux 
moeurs Archives d’anthrop. crim. etc. IQ02, p. 36. 

Süll i van: Crime in general paralysis. Journal of 
mental sciencc, january 1902. 

L i e p iri ann: Ueber das Vorkommen von Talgdrüsen 
im Lippenroth der Menschen. In.-Diss., Königs¬ 
berg 1900. 

Krakow: Die Talgdrüsen der Wangensehleimhaut. 
In.-Diss., Königsberg 1901. 

Else Conrad: Va^nbundiren mit Vagabunden. 

Original ffom 

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40 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 3. 


Archiv für Kriminal-Anthropologie etc. 8. Bd., 
2. H., p. 12g. 

Ose* Stern: Verbrechen und Gesetzniedrigkeit. Ibi¬ 
dem, p. 166. 

v. Soli renck - Natzing: Eine Freisprechung nach 
dem Tode. Ibidem, p. 177. 

Lchmann: Die Polizei und der Zeugnisszwang im 
Strafverfahren. Ibidem, p. 185. 

H. Kornfeld: Ueber überflüssige Sektionen. Ibi¬ 
dem, p. 192. 

Pollak: Ein Fall reflexoiden Handelns. Ibid., p. 198. 

de Blasio: Nuove ricerche interno al tatuaggio psi- 
chico dei delinquenti napoletani. Riv. mens, di 
psich. for. etc. 1902, p. 1. 

Penta: Sulla responsibilitä diminuita. Ibidem, p. 12. 

Gumpertz: Ueber die Behandlung geisteskranker 
Verbrecher. Deutsche medio. Presse 1902, Nr. 1. 

Lacassagne: La medecine d’autrefois et le medecin 
au 20. siede. Archives d’anthropol. crimin. etc. 
, 1902, p. 65. 

Epaulard: Le vampvre de Muy. Ibidem, p. 107. 

Mac D o n a 1 d and S p i t z k a: The trial, execution, 
autopsy and mental Status of Leon Czolgosz etc. 
The journal of mental pathology, igo2, dec. igoi 
and jan. 1902. 

Spitzka: Remarks on the Czolgosz case ad allied 
questions, as presented by Dr. Talbot. Medical 
Critic, Jan. 1902. 

Giuffrida-Ruggeri: Un caso di atrofia dell’ ala 
magna dello sfenoide e altre particolarta nella 
norma laterale. Considerazioni sul signifcato ge- 
rarchico delle anomalie craniche. Monitore zoo- 
logico Italiano, anno XIII, Nr. 1, 1902, 

S e 1 i g m a n n: Sexual insersion among primitive races. 
Alienist and Neurologist 1902, Nr. 1. 

Courtney: Mamal Stigmata of degeneration. Ibid. 

Talbot: Juvenile female delinquents. Ibidem. 

Hughes (Charles Hamilton): Medical aspect of the 
Czolgosz case. Ibidem. 

Drah ms: (Rev. August) Leon F. Czolgosz. Ibidem. 

Masi: La stereodiografia del cranio. II Manicomio 
etc. 1902, Nr. 3. 

Tiessen : Der Ausdruck der Ohrmuschel. Der Tag. 
1902, No. 109. 

E. C. Spitzka: Regenticides-not abnormal as a dass. 
— A protest against the chimera of degeneraey. 
Philadelphia med. Journal 1902, p. 8. 

Bö hl au: Zur Lehre von den Degenerationsanomalien 
der Ohrmuschel mit Berücksichtigung der Dege¬ 
neration im Allgemeinen. Diss. Würzburg 1901. 

II ennig: Ueber congenitale echte Sacraltumoren. 
Diss., Jan. 1900. 

Meyersohn: Zur Casuistik der embryonalen Drüsen¬ 
geschwülste der Niere. Diss., Würzburg 1901. 

Müller: Ueber congenitale Sacraltumoren. Diss. 
München igoi. 

Reibmayr: Ueber den Einfluss der Inzucht und 
Vermischung auf den politischen Charakter einer 
Bevölkerung. Politisch-anthropologische Revue, 
1902, Nr. 1. 

Pactet: Les alienes devant les tribunaux. Revue 
de psvehiatrie etc., mars 1902. 


Perrier: La vie en prison. Archives d’anthropologie 
criminelle etc. 1901, p. 129. 

Rollet: L’homme droit et l’homme gauche. Ibi¬ 
dem, p. 177. 

Baumgarten: Polizei und Prostitution. Archiv für 
Kriminalanthropologie etc. 1902, p. 233. 
Robins: Eine Studie über Postamtsverbrecher. Ibi¬ 
dem, p. 298. 

Stern: Das Wesen des Strafregisters. Ibid. p. 2b o. 
A m s c h 1 : Der Mord an Therese Puchei. Ibi¬ 
dem, p. 268. 

Kenyeres: Fremdkörper in Verletzungen. Ibi¬ 
dem, p. 309. 

van Ledden-Hulsebosch: Eine Vergiftung mit 
Mohnfrüchten. Ibidem, p. 317. 

Loh sing: Bedeutung und Vornahme der Werth¬ 
erhebungen im österreichischen Strafverfahren. 
Ibidem, p. 319. 

Neman itsch: Ein zerkochter Ermordeter. Ibid., p. 3 2 7. 
Näcke: Angebot und Nachfrage Homosexueller in 
Zeitungen. Ibidem, p. 339. 
van Ledden-Hulsebosch u. Ankersmit: Ueber 
die Haupteinflüsse, welchen Schriftstücke und 
Werthpapiere ausgesetzt sind. Ibidem, p. 351. 

A s s e l i n : L’etat mental des parricides. Paris, Bailiiere, 
1902. 

Meige: L’infantilisme. Gazette des hdpitaux. 
Richard: Le mensonge chez la femme hysterique. 
Diss., Bordeaux. 

Claitre: Degenerescence et mysticisme. Dissert. 
Bordeaux. 

Butler Metzger: The insane criminal. American 
Journal of insanity 1901, Oct. 

M oll: Gesundbeten, Medicin und Occultismus. Berlin 
1902, Walther, 47 S. 

Bloch: Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia 
sexualis. Dresden, Dohau 1902, 272 S., 7 M. 

Personalnachrichten. 

— Ostpreussen. Der pract. Arzt Dr. Wehowski 
aus Mirau als fünfter Arzt der Prov.-Irrenanstalt Allen¬ 
berg, der pract. Arzt Bibro wie zaus Grätzals sechster 
Arzt daselbst angestellt. Die Stelle des zweiten Arztes 
'der Ostpreussischen Provinzial - Besserungs -, Land¬ 
armen- und Irrenanstalt zu Tapiau ist dem appro¬ 
bierten Arzt Dr. Krakow von hier zunächst auf 
Probe vom 1. April d. J. ab übertragen. — Bei der 
Provinzial-Irrenanstalt Kortau sind folgende Aende- 
mngen eingetreten a) der V. Arzt Dr. Ehrhardt 
scheidet am 1. April d. J. zwecks Uebenritts zur 
Anstalt für Epileptische zu Carlshof aus dem Pro¬ 
vinzialdienst aus; b) die V. Arztstelle ist dem zeit¬ 
weiligen VI. Arzt Dr. Dekowski; c) die Stelle des 
VI. Arztes dem bisherigen Volontärarzt Dr. Bosse; 
d) die neu geschaffene VII. Arztstelle dem Dr. Fritz 
Hoppe von hier z. Z. in Soldau übertragen worden. — 

Den dieser Nr. beigefügten Prospect der 
Verlagsbuchhandlung Otto Liebmann, Ber¬ 
lin W. 35, betr. die „Deutsche Juristen-Zeitung. 
Herausgegeben von Prof. Dr. Laband, Reichsgerichts¬ 
rath a. D., Dr. Stenglein, Justizrath Dr. Staub,“ 
empfehlen wir besonderer Beachtung. 


Erscheint jede» Soi 

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Für den redactionellen Tlieil verantwortlich: Überarzt Dr. J. Iiresler Kraschnitz, (Schlesien). 
Sonnabendl-^Schluss der Inseratenannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Cari Marhold in Halle a. S 
Heynemann’sche Buchdruckerei (Gebr. WolflF) in Halle a. S. 


U 


gle 


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Psychiatrisch -Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internationales Correspondenzblatt für Irrenärzte und Nervenärzte. - 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervorragender Fachmänner des In- und Aaslandes 

herauftgngeben von 

Director Dr. K. Alt, Prof. Dr. Q. Anton, Prof. Dr. Bleuler, Prof. Dr. L. Edinger, Prof. Dr. A. Gutta tadt, 

Urbuprine#* -Altmark» Graz. Zürich. Frankfurt a. M. Geh. Med.-Rath, Berlin. 

Prof. Dr. E. Mendel, Dr. P. J. Möbius, Director Dr. Morel, 

Leipzig. Mons (Belgien). 

Unter Benützung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Kraachnitz (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adresse: MarhoId Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 257a. 

Nr. 4. 26 . April. 1902, 

Oie ..Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift“ erscheint jeden Sonnabend und kostet pro Quartal 4 Mk. 

H—»frU.intfcn nehm-n jt-de Rurhhandlung, di« Post (Katalog Nr. 6252), sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marho Id in Halle a. S. entgegen. 
lii«*rate werden für die 3»paitige Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermaasigung ein. 

Zuschriften für die Redartion sind an Oberarzt Dr. J. Bresler. Kraschnitz (Schlesien), Zu richten. 

Inhalt. Originale: Wie gross sollen neue öffentliche Gehirnkrankenanstalten gebaut werden? Von Dir. Dr. Schaefer-Lengerich, 
Landesbaurath Zimmermann-Münster und Direktor Dr. K. Alt (S. 41). — Mittheilungen (S. 49). — Referate (S. 51). 


Wie gross sollen neue öffentliche Gehirnkrankenanstalten gebaut werden? 


Jn Nummer 51, S. 504 Jahrg. III dieser Wochenschrift 
wird die westfälische Provinzial-Verwaltung davor 
gewarnt, den Gedanken des Baues einer Gehirnheil- 
und Pflegeanstalt zur Ausführung zu bringen, welche 
bis 1400 Plätze enthielte. Warum ich einen neuen 
Namen für diese Anstalten anwenden möchte, be¬ 
gründe ich weiter unten. Die Frage der Grösse der¬ 
selben aber ist noch bestritten genug, um es wünschens¬ 
wert! 1 erscheinen zu lassen, sie von Neuem zu erörtern. 
Seit den letzten Verhandlungen darüber sind wieder 
einige Jahre ins Land gegangen, und man hat neue 
Erfahrungen gesammelt. Fast überall in Deutschland 
drängt der Umfang der Anstalten weiter über das 
anfänglich so gern festgehaltene Muss hinaus. Blickt 
man statt 5 Jahren 50 Jahre zurück, so sind aus dem 
früher für zulässig gehaltenen Höchstmasse der in 
einer Anstalt unter einem dirigirenden Arzte zu be¬ 
handelnden Kranken von 300 allmählich 400, dann 
500 und boo geworden. Neuerdings wird auch diese 
Zahl noch überschritten, und zwar ohne dass man 
glaubt, damit das System der einheitlichen ärztlichen 
Leitung der ganzen Anstalt zu verlassen. Durch die 

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nöthige Zahl der Abtheilungsärzte, welche dem Director 
beigegeben werden, glaubt man zu erreichen, dass der 
letztere entlastet werde und doch zugleich noch im 
Stande bleibe, nicht allein den ganzen Betrieb der 
Anstalt zu übersehen und im Einzelnen zu controlliren, 
sondern auch der massgebende Arzt aller Kranken 
zu sein. Das Mass der in einer Gehirnkrankenanstalt 
zu leistenden ärztlichen Arbeit hängt bekanntlich fast 
noch mehr von dem Wechsel der Kranken, der sich 
in der Aufnahme und Abgangsziffer ausdrückt, als 
von dem Durchschnittsbestände ab. Während nun 
bisher eine prcussische Normalanstalt eine Aufnahme- 
zifler von 150 bis 200 zu haben pflegte, sieht sich 
heutzutage der Direc tor eines Provinzial-Gehirnkranken- 
hauses nicht mehr selten vor die Aufgabe gestellt, 
eine Anstalt von 600—700 Kranken und einer Auf¬ 
nahmezahl von 300 und mehr ärztlich zu leiten 
und sachlich zu verwalten. Er soll die Personalien 
behandeln, die Bausachen, dgs Inventar, die Küche, 
Landwirtschaft, Bekleidung, Wäsche nicht nur im 
Auge haben, sondern auch bei allen die Entscheidung 
geben, Stockungen beseitigen, Fehler abstellen, zahl- 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 4. 


reiche Berichte schreiben, sämmtliche Rechnungen 
an weisen, und dabei soll er nicht nur alle Kranken 
im Kopfe haben, sondern er soll die Behandlung der 
Kranken wirklich leiten, auf ihre gesammte gute 
Haltung und Pflege achten, zu ihrer Beschäftigung 
antreiben, er soll alle Aufnahmeanträge erledigen, 
alsdann auf das Pflegepersonal achten, die jüngeren 
Collegen anleiten, endlich die wichtigeren Gutachten 
selbst schreiben, Tennine wahmehmen und was es 
sonst noch giebt. Wie das ein Mensch fertig bringen 
soll, ist mir ein Räthsel. Dass so ein Director auch 
nebenbei noch Mensch sein, d. h. allgemeine Interessen 
vertreten, für seine Familie sorgen und bestrebt sein 
soll, der Wissenschaft zu dienen, sich und die Anstalt 
weiter fortzubilden, dass wird wohl stillschweigend 
auch noch erwartet. Wer aber glaubt, dass das möglich 
ist, möglich bei den gestiegenen Anforderungen an 
die Krankenbehandlung und an exakte Verwaltung, 
der befindet sich meines Erachtens in einer voll¬ 
ständigen Illusion. Die Collegen, welche solche aus 
dem ursprünglichen Plan herausgewucherten Anstalten 
zu leiten haben, werden selbst diese Illusion nicht 
theilen. Sie werden wissen, wieviel sie von ihrer 
Selbständigkeit und Verantwortung auf Andere über¬ 
tragen haben, aber sie werden auch das Missverhältniss 
empfinden, welches auf diese Weise entsteht. Der 
Director fühlt sich getrieben, nach Möglichkeit der 
Aufgabe, selbst zu arbeiten, gerecht zu werden, weil 
dies der durch die Dienstvorschriften begründeten Er¬ 
wartung der Behörden entspricht, so kommt er in die 
Gefahr, sich mehr zuzumuten und sich eine grössere 
Verantwortung aufzuladen, als er tragen kann. Er 
reibt sich auf und kann doch vielleicht nicht verhindern, 
dass Mängel im Anstaltsbetriebe eintreten, welche ihm 
zur Last gelegt werden. Wenn solche Nachtheile in 
den über 500 Kranke wesentlich hinausgewachsenen 
Anstalten nicht entstehen, so kann das meines Er¬ 
achtens nur daher kommen, dass thatsächlich die in 
Alles eindringende ärztliche und administrative Leitung 
des Directors in jenen Anstalten nicht mehr besteht. 
So wird aber in jenen Anstalten ein Schein entstehen, 
welcher den Thatsachen nicht entspricht. Wird aber 
die Verantwortlichkeit des Directors wissentlich auf 
das erträgliche Mass eingeschränkt, sodass nicht nur 
Nachtheile, sondern auch jener falsche Schein vermieden 
werden, so können darum jene Grössenverhältnissc 
doch nicht als zweckmässig angesehen werden, denn 
dann ist das alte güte Prinzip des Alles vertretenden 
Directors verlassen, ohherlass für diesen Verlust ein ent¬ 
sprechender Ersatz gewonnen wäre. Die Mehrverpflegung 
von 200 Kranken kann als ein solcher Ersatz nicht an¬ 
gesehen weiden, es müsste denn sein, dass eine Anstalt 

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eine ganz ungewöhnlich hohe Zahl von Aufnahmen 
hätte; ein voller Ersatz tritt erst ein, wenn das Prinzip 
der getheilten Verantwortung wirklich ausgenutzt und 
demgemäss bei einer normalen Aufnahmeziffer eine 
weit höhere Verpflegungszahl als 700 erreicht wird. 

Sobald man die Grenze von 500 Bestand und 
höchstens 200 Aufnahmen überschreitet, verlässt man 
das normale, der Kraft eines dirigirenden Arztes an¬ 
gepasste Verhältniss, und je weiter man sich von ihr 
unter Aufrechterhaltung der einheitlichen ärztlichen 
Leitung entfernt, um so grösser wird das Missver¬ 
hältniss in der Organisation. Fügt man zu dem 
einen Oberarzt ohne Aenderung des Systems einfach 
einen zweiten hinzu, so hat man eine Halbheit, denn 
dann hat der Director zwar einen Geholfen mehr, aber 
seine Verantwortlichkeit ist dieselbe geblieben. Geht 
man aber dazu über, die Verantwortlichkeit zu theilen, 
und stattet den Oberarzt mit voller Verantwortlichkeit 
neben dem Director aus, so ist bei 700 Kranken und 
der dieser Zahl gewöhnlich entsprechenden Aufnahme¬ 
ziffer die Aufgabe für jeden Einzelnen zu gering, 
weil dann der Director bei seiner Vcrwaltungsarbeit 
immer noch die Behandlung von etwa der Hälfte der 
Kranken verantwortlich leiten kann, und der Ober¬ 
arzt mit Hülfe der darum doch nicht entbehrlichen 
Assistenzärzte weit mehr als die übrig bleibende Hälfte 
der Kranken zu versehen im Stande ist. Auch der 
Ausweg, den man noch wählen kann, dass der Director 
dem Oberarzt gewisse Verwaltungsarbeiten überträgt, 
führt nicht zu einer günstigen Eintheilung. Ein 
richtiges Verhältniss tritt erst wieder ein, wenn eine 
Grösse der Anstalt erreicht ist, bei welcher Beide, der 
Director und der Oberarzt, bei voller Arbeitsteilung 
ausreichend beschäftigt sind. 

Das kann zunächst bei 800 bis qoo Kranken sein, 
bei denen der Director die gesammte Verwaltung und 
ein paar wichtige Abtheilungen, der Oberarzt aber 
das Gros der Kranken haben wird. Man kann aber, 
wenn man einmal soweit gegangen ist, nun sehr leicht 
noch einen Schritt weiter thun und einen zweiten selb¬ 
ständigen Oberarzt anstellen. Jeder von ihnen über¬ 
nimmt mit den nötigen Hülfsärzten eine Geschlechts- 
seitc, der Director die Verwaltung, und er versieht 
mit Hülfe eines Assistenzarztes, welcher für ihn die 
Status und Krankengeschichten schreibt, zugleich eine 
Aufnahmeabtheilung. Bei einer solchen Eintheilung 
können ohne Schwierigkeit 1200 —1400 Kranke einer 
Klasse in einer Anstalt verpflegt werden. Man kann 
aber dann alle Vortheile des Grossbetriebes ausnutzen, 
der Grunderwerb wird billiger, und dass sich auch 
die Baukosten niedriger stellen ist nicht zweifelhaft. 
Durch Vergleiche der Baukosten \»>n Anstalten ver- 

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1 Q02.] 


schiedener Grösse kann man sich wegen der zahl¬ 
reichen in Betracht kommenden Umstände hierüber 
schwer Klarheit verschaffen. Zu einem überzeugenden 
Ergebnis» gelangt man aber, wie jeder Baumeister 
bestätigen kann, wenn man berechnet, wieviel unter 
ganz gleichen Verhältnissen eine Anstalt kostet und 
wie hoch die Bausumme für 2 oder 3 Anstalten kommt, 
welche zusammen nicht mehr Personen fassen können 
als die eine. Alsdann sind alle Mittel des praktischen 
und ärztlichen Betriebes in einer solchen Anstalt grösser 
und reicher, das Anstaltsleben im Ganzen ist bedeuten¬ 
der und anregender. Gewiss, die alte kleinere Anstalt 
mit ihrem einheitlichen Geist und patriarchalischen 
Anstrich ist im gewissen Sinne ein Ideal und wird 
es bleiben, aber neue Zeiten bringen neue Forderungen, 
und man kann es den Behörden, welche sehen, dass 
es mit den grossen Anstalten geht, nicht übel nehmen, 
wenn sie lieber eine grosse als mehrere kleine An¬ 
stalten bauen. Die grossen Anstalten halte ich jeden¬ 
falls für besser als solche, die weder gross noch klein 
sind. Ich will gerne bekennen, dass ich keine eigene 
Erfahrung von grossen Anstalten habe, und die oben dar¬ 
gelegte Anschauung nur aus vergleichender Beobacht¬ 
ung abgeleitet ist; mögen daher Collcgen, welche nach 
den angedeuteten Richtungen eigene Erfahrung besitzen, 
die Güte haben, auch ihre Meinung mitzutheilen. *) 
Nun habe ich mir gestattet, in den vorstehenden 
Zeilen statt des Wortes „Irrenanstalt“ Ausdrücke wie 
„Anstalt für Gehirnkranke“, „Gehirnkrankenhaus“ zu 
gebrauc hen. Man kann diese Ausdrücke noch weiter 
abändern, indem man sagt „Gchirnheil- und Pflegc- 
anstalt“ oder sogar kurz „Gehirnanstalt.“ Bekanntlich 
sind die Bemühungen, den Ausdruck „Irrenanstalt“ 
los zu werden, so alt wie die moderne Irrenpflege, 
sagen wir „Gehirnkrankenpflege“ überhaupt. Man 
empfindet, dass der Ausdruck „Irrenanstalt“ hart und 
sachlich nicht zutreffend ist; die Insassen unserer 
Anstalten sind grossentheils nicht „irre“, und die 
falschen Vorstellungen, welche das Publikum mit diesen 
Anstalten verknüpft, werden durch das Wort „Irre“ 
und „Irrenanstalten“ wesentlich genährt. Man hat 
nun versucht, der Sache abzuhelfen, indem man aus 
den Bezeichnungen einfach die Silben „Irren“ fort- 

*) Siehe die am Schlüsse dieses Artikels bcigefüfjlen Be¬ 
merkungen des Herrn Direktor Dr. Alt, Uchtspringe. D. R. 


43 


lässt und nur von „Landes- oder Provinzial-Heil- und 
Pflegeanstalten“ spricht. Oder man gebraucht statt 
der Artbezeichnungen Eigennamen und verbindet da¬ 
mit oft die Bezeichnungen „Asyl“, „Hospital“ u. dgl. 
So entstanden Namen wie „Friedrichsberg“ (Hamburg), 
„Lindenhaus“ (Lemgo), „St. Jürgen-Asyl“ (Bremen), 
„Karl-Friedrich-Hospital“ (Blankenhain) u. a. Man 
muss dieselben als wohlgemeint und angenehm be¬ 
zeichnen, aber sie selbst beweisen eben die Scheu, 
welche man empfindet, den eigentlichen Artnamen 
„Irrenanstalt“ auszusprechen, und sie erreichen ihren 
Zweck nur zum Theil. Ja es wird ihnen sogar zum 
Vorwurf gemacht, dass sie die vulgäre Scheu vor den 
Irrenanstalten unterstützen. Wie dem sei, so können 
jene Eigennamen und alle Bezeichnungen überhaupt, 
welche Art und Zweck der Anstalten nicht zum Aus¬ 
druck bringen, den Gebrauch der Artbezeichnung jeden¬ 
falls nicht überflüssig machen. Denn man wird immer 
wieder genöthigt sein, schriftlich und mündlich den 
Begriff der Anstalten durch ein kurzes Wort wieder- 
zugeben, und so stellt sich denn immer wieder die 
noch ungelöste Frage dar, wie das Wort „Irrenanstalt“ 
passend durch ein anderes zu ersetzen sei. Das Wort 
„Gehirnkrankenanstalt“ mit seinen Ableitungen ist ein 
Versuch, diese Frage zu lösen. Ich bitte um w'ohl- 
wollende Aufnahme dieses Versuches. Neue Namen 
haben zuerst immer etwas Fremdartiges. Aber nur 
etwas ganz Neues kann hier zum Ziele führen; der 
Name, den ich vorschlage, ist sachlich richtig und 
sicherlich aufklärend für das weitere Publikum; man 
darf erwarten, dass er ebenso helfen würde, richtigere 
Vorstellungen über Geisteskranke und deren Anstalten 
zu verbreiten, als der alte Name geeignet ist, falsche 
Vorstellungen fest zu halten. Geht man bis zu den 
Ausdrücken „Gehirnheilanstalt“, „Gehimpflegeanstalt“, 
„Gehirn-Heil- und Pflegeanstalt“, wenn man will auch 
kurz „Gehimanstalt“, so hat man Bildungen ganz gleich 
wie „Augenheilanstalt“, „Nervenanstalt“ und ähnliche. 
Es dürfte nicht gering anzuschlagen sein, wenn durch 
allmähliche Einbürgerung und offizielle Anwendung 
dieser Bezeichnungen die öffentliche Anerkennung 
erreicht würde, dass Geisteskranke Gehirnkranke sind, 
und dass Irrenanstalten ebenso wie andere Kranken¬ 
anstalten Krankenhäuser sind und nichts weiter. 

Schaefer-Lcngerich. 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Z u der wichtigen Frage, ob es wirtschaftlich zw r eck- 
mässig und vom ärztlichen Standpunkte aus un¬ 
bedenklich sei, Irrenanstalten mit einer Belegungs¬ 
fähigkeit von 1000 und mehr Kranken zu bauen, hat 
der Director der diess. Provinzial-Anstalt Len ge rieh, 

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Herr Dr. Schaefer auf eine kurze darauf bezügl. 
Ausführung in dieser Zeitschrift Nr. 51 in dem Vor¬ 
stehenden eine Erwiderung zugehen lassen. 

Da sich diese Erwiderung mehr mit der ärztlichen 
und vcrwaltungstechnischcn Seite der Frage befasst, so 


Original frnm 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 4 


habe ich in Ergänzung der Ausführungen Dr. Schaefers 
vom bautechnischen und finanziellen Standpunkte aus 
eine vergleichende Berechnung darüber angestellt, wie 
sich die Baukosten einer grossen Anstalt von 1000 Kran¬ 
ken ergeben, gegenüber zwei getrennten Anstalten von 
je 500 Kranken. 

Der beigefügten Uebersicht ist in Sp. 1 zu Grunde 
gelegt das genaue Abrechnungs-Ergebniss 
der Provinzial-Irrenanstalt Aplerbeck, die 
mit 500 Kranken belegt ist, in ihren centralen Ein¬ 
richtungen aber für 600 Kranke ausreicht. 

Die Zahlen in Sp. 2, die voraussichtlichen 
Kosten der einzelnen Theile und Anlagen 
einer Anstalt für 1OOO Kranke, wollen zwar 
keinen Anspruch auf absolute Genauigkeit erheben, 
sind aber auf Grund zuverlässiger Unterlagen so er¬ 
mittelt, dass sie zur Beurtheilung der Frage ausreichend 
sein dürften, und auch einer eingehenderen Prüfung 
Stand halten werden. 

Zur Erläuterung möchte ich mir folgende Bemer¬ 
kungen gestatten: 

Der Grunderwerb wird um so billiger, je grösser 
der zusammenhängende Complex ist, zumal der Guts¬ 
hof, wie er in Aplerbeck mitgekauft wurde, auch bei 
einer Anstalt für 1000 Kranke nicht wesentlich grösser 
zu sein brauchte. Der angesetzte Betrag von 280000 
Mk. ist sogar höher, als in andern Provinzen für 
Grunderwerb bei grossen Anstalten gezahlt worden 
ist. 

Die Kosten der Central ge bäude für Ver¬ 
waltung und Verpflegung erhöhen sich nicht wesent¬ 
lich, weil der Raumbedarf in den betr. Gebäuden, 
sowie die Zahl der Dienstwohngebäude, abgesehen 
von Aerzten und Pflegern, nicht der Krankenzahl 
entsprechend steigen wird. 

Auch bei den Central -Anlagen tritt, wie jeder 
Techniker aus Erfahrung bestätigen wird, bei weitem 
keine der Krankenzahl entsprechende Verdopplung 
der Kosten ein; doch ist hier, wie auch die Tabelle 
zeigt, die Steigerung im Einzelnen procentual sehr 
verschieden. 

Bei den Krankengebäuden hingegen werden 
sich die Ausführungskosten verdoppeln, weil bei doppelter 
Krankenzahl sich auch die Anzahl der Gebäude mit 
ihren Installations-Einrichtungen an Heizung, Beleuch¬ 
tung, Be- und Entwässerung verdoppeln wird. 

Die Kosten für die Inventarbeschaffung 
werden sich ebenfalls annähernd verdoppeln; die Ein¬ 
richtungen der Centralgebäudc für Verwaltung und 
Verpflegung im geringeren Maasse, als diejenigen der 
Krankengebäude. 


Mögen sich nun auch bei detaillirter Berechnung 
die Ausführungskosten der einzelnen Positionen noch 
etwas verschieben, das Gesamintergebniss wird das¬ 
selbe bleiben und -dieses beweist, dass der Bau 
einer grossen Anstalt für 1000 Kranke um 
fast 900000 Mk. billigerwird, als derzweier 
getrennten Anstalten für je 500 Kranke. 

Es dürfte auf der Hand liegen, dass dies wirt¬ 
schaftliche Moment für die Entschliessung der Pro¬ 
vinzial-Vertretung angesichts der stetigen Steigerung 
der Belastung durch die Irrenfürsorge von ausschlag¬ 
gebender Bedeutung sein musste, nachdem die psy¬ 
chiatrischen Sachv erständigen den Bau einer so grossen 
Anstalt für unbedenklich von ihrem Standpunkte aus 
erklärt hatten. 

Ich habe geglaubt, durch vorstehende Ausführungen 
die Darlegungen des Herrn Dr. Schaefer ergänzen 
zu sollen. 

Vergleichende KostenUbersicht über den 
Neubau von Anstalten mit 500 Kranken und 
mit 1000 Kranken. 

Die Ausfiih- 2. 

rungskosten Die Ausfüh- 
der Provinzial- rungskosten 
Irrenanstalt zu einer ent- 
Aplerbeck, sprechenden 
belegt mit 500 Anstalt für 
Kranken, haben 1000 Kranke 
nach der Ab- würden be- 
rechnung be- tragen: 

tragen: 

Mk. Mk. 

i. Grund erwerbskosten 
einschl. des alten Gutshofes 


(etwa 200 Morgen) 

(in Aplerbeck) 

105 OOO 

2 80 OOO 

2. Gebäude für Verwal¬ 
tung, Verpflegung u. dgl. 
a) Verwaltungsgebäude 

83 OOO 

120000 

b) Betsaal (anstossend an a) 

36 OOO 

50 OOO 

c) Wirthschaftsgebäude (in Ap¬ 
lerbeck für hoo Kr. gebaut.) 

200 OOO 

240000 

d) Kesselhaus mit Central¬ 
bädern u. 2 Dienstwohn. 

91 OOO 

I 10 OOO 

e) Leichenhalle mit Secir- 
Räumen 

14 OOO 

16 000 

f) Director-Wohnhaus 

38 OOO 

40 OOO 

g) Beamten-Wohnhaus 

40 OOO 

40 OOO 

h) Fcstsaal 

43 OOO 

54 000 

i) Dienstgebäude für den Geist¬ 
lichen, Pfleger, Handwerker 

u. s. w. 

94 000 

(für Ober¬ 
ärzte) 

200 OOO 

Pos. 2 zusammen Mk. 

639 OOO 

870 OOO 


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Original fram 

HARVARD UNIVERSITY 



1902.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


3. Central-Anlagen 



a) Terrain-Regulirung 

15 000 

25OOOO 

b) Pflasterungen , Wege-An¬ 



lagen, (Anschlussgeleise) 

57000 

80 OOO 

c) Garten-Anlagen 

40000 

60 OOO 

d) Einfriedigungen, Wandel¬ 



hallen 

33000 

50 OOO 

e) Be- und Entwässerungs- 



Anlagen 

123 000 

210 000 

f) Heizungsanlagen, Koch- und 



Waschküchen-Einrichtung 

277 000 

455 000 

g) Electrische-Beleuchtung 

. 58 000 

100000 

h) Telephon-Anlage 

5000 

9 000 

i) Blitzableiter-Anlage 

13 000 

24 000 

k) Bauleitungskosten 

74 000 

130000 

1) Insgemein 

19 000 

33ooo 

Pos. 3 zusammen Mk. 

715 000 

1176 000 

4. Gutshof mit Stallge¬ 



bäuden, Scheunen und 1 



Landhaus für Kranke. 

104 000 

130 000 

5. Krank enge- 



bäUÜe - Zahl 



2 Aufnahme und Beob- 



achtungs-Abtheilungen 56 

0 


2 Gebäude für Unruhige 48 

122 OOO 


2 „ „ Halb „ 120 

22 I OOO 


2 „ „ Sieche 56 

151 OOO 


4 .. ». Ruhige 120 

193 OOO 


2 Pensionsgebäude, 60 

156 OOO 


Dazu die Kranken im 



Wirthschafts-Geb. und 



auf demGutshof zus. 40 



zus. ( 500 

960 OOO 

1900 000 

für | Kr. 


für 1000 Kr. 


45 


6. Inventarbeschaffung 
für 500 Kranke mit Pflege¬ 
personal 

Zusammenstellung. 

1. Grunderwerb 

2. Centralgebäude 

3. Centralanlagen 

4. Gutshof' 

5. Krankengebäude 
ö. Inventar 


227 000 

195 000 
639 000 
715000 
104 000 
960 000 
227 000 


430 000 
für 1000 Kr. 

280 OOO 
870000 

I 176 OOO 
130 000 
1900 000 
430 OOO 


zusammen 2840000 4786000. 

Die Kosten betragen also einschl. G runderwerb 
und Inventar pro Kopf der Belegung 
bei Aplerbeck mit 500 Kranken 5680 Mk. 

bei einer Anstalt mit 1000 Kranken 4786 „ 

Ohne Grunderwerb und Inventar stellen 
sich die Kosten wie folgt pro Kopf 
bei Aplerbeck mit 500 Kranken 4836 Mk. 

bei einer Anstalt mit 1000 Kranken 4076 „ 

Werden zwei Anstalten von der Grösse und Bau¬ 
art der Aplerbecker gebaut, so kosten dieselben zu¬ 
sammen 5680 000 Mk. 

Wird für diese 1000 Kranken eine Anstalt gleicher 
Bauart errichtet, so kostet diese nur etwa 4786 000 Mk. 

Also ergiebt sich als Ersparniss ein Betrag 
von 894 000 Mk. 

durch den Bau einer grossen Anstalt von 
1000 Köpfen gegenüber zwei von je 500 Köpfen. 

Diese Minder-Anlagekosten werden sich noch ver- 
grössem, wenn die Anstalt, statt für 1000 Kranke, 
für 1200 bis 1400 eingerichtet wird. 

Münster, den 10. April 1902. 

Zimmermann, Landesbaurath. 


l^ie von Herrn C<»liegen Schäfer vorstehend ge- 
gebene Anregung, den wenig zutreffenden Aus¬ 
druck „Irrenanstalt“ endgültig auszumerzen und 
durch einen in den Augen der Kranken wie des 
Publikums minder anstössigen Namen zu ersetzen, 
dürfte dem Wunsche der Mehrzahl der Fachgenossen 
entsprechen. Aus ganz den gleichen Erwägungen 
heraus hat auch der letzte Landtag der Provinz 
Sachsen die Bezeichnung Provinzial-Irrenanstalt 
beseitigt und dafür allgemein „Landes-Heil- und 
Pflege-Anstalt“ eingeführt; auch andere Provinzen 
und Staaten sind in gleichem Sinne verfahren. Es 
sei zugestanden, dass auch diese Benennung, welche 
meines Erachtens immerhin schon einen grossen Schritt 


vorwärts bedeutet, verbesserungsfähig ist und in ab¬ 
sehbarer, hoffentlich baldiger Zeit durch eine noch 
treffendere verdrängt wird. In diesem Sinne ist der 
Schäfer’sche Versuch sehr zu begrüssen, wenngleich 
ich vermuthe, dass der Ausdruck Gehirn krank en- 
anstalt, Gehirnheilanstalt oder kurzweg Gehirn¬ 
anstalt bei Publikum und Kranken wenig Anklang 
finden und zur Beseitigung der Scheu vor den Kranken¬ 
häusern für psychisch Kranke nicht viel beitragen 
dürfte. Wenn im gewöhnlichen Leben davon ge¬ 
sprochen wird, dass Jemand viel mit seinen „Nerven“ 
zu thun hat, dass seine „Nerven überreizt oder er¬ 
schöpft“ oder gar „ganz alle“ sind, so wird darunter 
keineswegs blos eine Erkrankung der peripheren 


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Original frnm 

HARVARD UNiVERSITY 




46 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 4. 


Nerven verstanden, sondern vielmehr eine krankhafte 
Schwäche, Ueberreizung oder Erschöpfung des Nerven¬ 
systems überhaupt, also auch des Gehirns. Erscheint 
es nöthig, der Bezeichnung Landes-Heilanstalt noch 
einen abgrenzenden Zusatz zu geben, so dürfte die 
Vorsetzung des Wortes „Nerven“ jeden Zweifel be¬ 
heben und dabei dem allgemeinen Sprachgebrauch 
vollauf gerecht werden, ohne unrichtig oder anstössig 
zu sein. Mir persönlich will übrigens auch das Wort 
Anstalt wenig gefallen. Ich habe deshalb vor Jahren 
schon einmal einer Verwaltung die Bezeichnung Pro- 
vinzial-Nervenklinik vorgeschlagen. Auch das Wort 
Nerven -Heilstätte hat vieles für sich. Hoffentlich 
geben die Schäfer’schen Ausführungen von Neuem 
den Anstoss, einen passenden Namen zu finden (»der 
bekannt zu geben. 

Die Frage, wie gross sollen neue Anstalten 
gebaut werden, ist von mir schon früher wieder¬ 
holt berührt worden. Ich habe bei jeder sich bie¬ 
tenden Gelegenheit es für meine Pflicht erachtet, vor 
dem unaufhaltsamen Anwachsen derselben zu warnen. 
Selbst wenn es vollständig erwiesen sein sollte, dass 
entsprechend der Grössenzunahme der Anstalt die 
Anlage- und Unterhaltungskosten pro Bett sich nennens- 
werth verringerten, die sehr grossen Anstalten abo 
erwiesenermaassen wirtschaftlich erheblich vortheil- 
hafter wären, dürfte nur bis zu jener Grenze der 
Krankenzahl vorgegangen werden, welche eben noch 
ohne Gefährdung der Einheitlichkeit der Leitung und 
Behandlung zulässig ist. Wo liegt aber diese Grenze ? 
Die Antwort hierauf wird von verschiedenen Anstalts¬ 
leitern wohl nicht ganz gleichlautend gegeben werden, 
auch nicht gleichwertig sein. Denn es ist, worauf 
Herr Schäfer schon sehr richtig hindeutet, gewiss ein 
grosser Unterschied, ob man in solchen Fragen seine 
Ansicht blos vergleichend theoretisch ableitet oder 
aus eigener praktischer Erfahrung heraus ein Urtheil 
zu bilden Gelegenheit hatte. Letzteres darf ich w r ohl 
für mich in Anspruch nehmen als langjähriger Leiter 
einer unter meinen Augen entstandenen, von Haus 
aus für 1000 Kranke bestimmten und — hauptsäch¬ 
lich auch in Folge glücklicher Entwickelung der Fa¬ 
milienpflege — auf über 1100 Kranke angew r achsenen 
Anstalt. 

Ich nehme keinen Anstand zu bekennen, dass 
bei dieser Ausdehnung der Anstalt die Uebersicht- 
lichkeit und Einheitlichkeit der Verwaltung sehr 
gelitten hat, die einheitliche Behandlung der 
Kranken gewaltig zu kurz kommt zum Nachtheil der 
Kranken. Dieser Ansicht habe [ich bereits in dem 
zweiten Verwaltungsbericht mit den Worten Ausdruck 
gegeben: „Die Anstalt hat die Aufgabe, die heil¬ 


baren Kranken möglichst rasch gesund zu machen, 
die besse rungsfähigen soweit zu fördern, dass sie 
denkbar wenig unter ihrer Krankheit leiden und den 
Angehörigen wie ihren Mitbürgern möglichst wenig 
zur Last fallen, den unheilbaren und nicht der 
Besserung fähigen für die Zeit ihres Lebens und 
Leidens gute Pflege zu gewähren und ihnen das Leben 
erträglich zu gestalten. 

Der Berichterstatter trägt kein Bedenken zu be¬ 
kennen, dass die Anstalt, in der sich leider auch eine 
grosse Anzahl nicht hineingehöriger (verbrecherischer 
pp.) Kranker befinden, bisher wegen des rapiden 
Anwachsens, der unfertigen und darum vielfach un¬ 
behaglichen Verhältnisse und der qualitativen Unzu¬ 
länglichkeit des Personals diese Aufgabe noch nicht 
vollkommen gelöst und, weil sie zu gross ist, über¬ 
haupt niemals in vollkommenster Weise lösen wird. 
Die erstgenannten Mängel werden von Jahr zu Jahr 
schwinden bezw. weniger fühlbar werden, der letzt¬ 
genannte lässt sich im Laufe der Zeit durch radkale 
Vereinfachung des Geschäftsbetriebes «d weitgehendste 
Decentralisation bis za einem gewissen Grade aus- 
gleichen. Die hier gemachten Erfahrungen zwingen 
zu der Ansicht, dass als zweckmässigste obere Beleg¬ 
grenze einer gemischten Anstalt die Zahl von höchstens 
600 Krankenbetten angesehen werden muss “ 

Ich kann diese Worte jetzt nach 5 Jahren nur 
in allen Stücken vollauf aufrecht erhalten. Der Ge¬ 
schäftsbetrieb ist, dank dem bereitwilligsten Entgegen¬ 
kommen meiner Behörde, ganz wesentlich vereinfacht, 
eine weitgehende Decentralisation dadurch angestrebt 
worden, dass seit Jahren nicht nur zwei — wie Herr 
Schäfer fordert — sondern drei Oberärzte ange¬ 
stellt und mit weitgehender Selbständigkeit betraut 
wurden, gleichwohl übersteigen die Directionsgeschäfte 
bei weitem die Arbeitsfähigkeit des Dircctors, der der 
Krankenbehandlung, der Anleitung der jüngeren Col- 
legen und der Ausbildung des Personals nicht an¬ 
nähernd die wünschenswerthe Zeit und Hingebung 
widmen kann. Solange unsere Anstalt die Zahl 600 
noch nicht überschritten hatte, kannte ich jeden Kranken 
und Angestellten, heute ist das keineswegs der Fall, 
und ich muss zugestehen, dass ich den mir über¬ 
tragenen Pflichten nicht gerecht werden kann. 

Es sei gerne zugestanden, dass die Leistungs¬ 
fähigkeit der verschiedenen Directoren verschieden ist, 
ich glaube für mich eine mittlere Befähigung und Ar¬ 
beitsfreudigkeit in Anspruch nehmen zu können. 

Bios auf Uebermenschen die Verhältnisse zu¬ 
zuschneiden, halte ich für unerlaubt Mit der Ver- 
grösserung der Anstalten wird auch die Schwierigkeit, 
zur Leitung geeignete Aerzte zu finden, immer grösser. 


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Original frnm 

HARVARD UNIVERSITY 



I 002.] 


Nach meiner Ueberzeugung wird das Wohl der 
Kranken erheblich geschädigt, wenn die Persönlich¬ 
keit des Directors ihnen zu sehr entrückt wird, und 
das geschieht bei einer Anstalt mit 1000 Köpfen ganz 
entschieden. Deshalb dürfen Anstalten nicht so gross 
erbaut w r erden. 

Ist es denn thatsächlich erwiesen, dass eine An¬ 
stalt von 1000 Kranken und darüber wirtschaftlich 
in Anlage und Betrieb sich billiger stellt, als eine solche 
von 500—600 Kranken? Es liegt für mich nahe 
auf die hiesige Erfahrung zurückzugreifen, nach welcher 
pro Tag und Kopf bei der jetzigen Ausdehnung der 
Anstalt grössere Verwaltungskosten entstehen als zu 
der Zeit der halben Grösse. Diese fürs erste etwas 
frappirende Thatsache erklärt sich daraus, dass in 
Folge der nicht mehr durchführbaren Einheitlichkeit 
und Uebersichtlichkeit vieles ungenügend ausgenutzt 
wird, manches umkommt, was in einer kleineren An- 
staltswirthschaft mit schärferer Controlle nicht ver¬ 
schwendet worden wäre. Sowie die wirtschaftliche 
Verantwortlichkeit auf mehrere Schultern verteilt wird, 
kann die sorgfältigste und gewissenhafteste Leitung 
und Controlle nicht mehr im einzelnen verfolgen, wo 
hätte gespart und vorteilhafter gewirthschaftet werden 
können. 

Mit dem .Anwachsen des Beamtenheers, das bei 
uns proportional der zunehmenden Anstaltsgrösse ver¬ 
mehrt werden musste, nahm die Unübersichtlichkeit 
und Schwerfälligkeit des ganzes Betriebes zusehends 
zu. 

Nach den hiesigen Erfahrungen ist die Annahme 
durchaus unrichtig, dass eine für 1000 Kranke und 
darüber eingerichtete Anstalt sich im Betrieb pro Tag 
und Kopf billiger stellt, als eine solche von etwa 600. 

Bleibt die Behauptung: die erstmalige Anlage ge¬ 
stalte sich mit zunehmender Grösse pro Bett billiger. 
Es sei daran erinnert, dass lange Zeit hindurch die 
Lehre aufgestellt und aufrecht erhalten wurde, das 
Pavillonsystem sei wesentlich theurer als das Corridor- 
system, weil die sehr grossen Gebäude für hunderte 
von Kranken entschieden billiger pro Bett seien als 
die Pavillons zu etwa 40 —50 Kranken. Dieser Satz 
dürfte heute' längst als erschüttert gelten. Ich habe 
im Laufe der Jahre mit Dutzenden von Commissionen 
aus dem In- und Ausland gerade über diesen Punkt 
mündlich und schriftlich verhandelt, die wider¬ 
sprechendsten Ansichten und Urtheile gehört, und 
schliesslich kamen Alle zu der Ueberzeugung, dass 
es beim einzelnen Pavillon, wie eine untere, so auch eine 
obere Grenze giebt, jenseits welcher das Bett sich 
theurer stellt. Und diese Grenze liegt um 40—50 
herum. Was für das einzelne Krankengebäude gilt, 


47 


trifft auch auf die Gesammtgrösse einer Anstalt zu; 
auch hier giebt es nach meiner Ansicht, die im lang¬ 
jährigen regsten Gedankenaustausch mit anstaltserfah¬ 
renen Bautechnikern und auf Grund eingehender Be¬ 
rechnungen gebildet ist, eine Grösse, deren Ueber- 
schreitung keine Verbilligung sondern Vertheuerung 
bedeutet. Und diese Grenze liegt ebenfalls bei 
etwa 600. 

Wenn eine Verwaltung in die Nothw r endigkeit 
versetzt ist 1400 Plätze zu schaffen, so erreicht sie 
das nach meinem Dafürhalten am billigsten und 
zweckmässigsten, wenn sie 2 Anstalten mit je 600 
Anstaltsbetten erbaut, ausserdem bei jeder Anstalt 
genügend Wohnungen für Pfleger und niedere Ange¬ 
stellte, denen zusammen gegen 50 Kranke in Pflege 
gegeben werden. Ausser diesen 50 Familienpfleg¬ 
lingen bei den eigenen Angestellten werden sich gar 
bald noch 50 andere Pfleglinge bei fremden Familien 
der Nachbarschaft gut unterbringen lassen*). 

In der Provinz Westfalen mit ihrer durchschnitt¬ 
lich sprichwörtlich biederen Bevölkerung muss das 
ein leichtes sein, zumal im Sauerland und Münster¬ 
land. 

Die hier in Kürze entwickelte, erst beim Durch¬ 
lesen der Correctur des Schäfer’schen Aufsatzes in 
Nr. 4 der Wochenschrift schnell niedergeschriebene 
Ansicht über die zweckmässigste und erlaubte An¬ 
staltsgrösse entspringt keineswegs blos meiner eigenen 
Erfahrung und Ueberlegung. 

Wie bekannt sein dürfte, habe ich im Herbst i8q6 
an die Directoren der öffentlichen Anstalten Deutsch¬ 
lands eine Anfrage über das heute beregte Thema 
gerichtet. Die in Betracht kommenden Fragen lau¬ 
teten : 

1. Welches ist die zweckmässigste und welches 
die — unbeschadet der Einheitlichkeit der Verwaltung 
und der ärztlichen Oberleitung — höchste zulässige 
Belegzahl einer neu zu erbauenden gemischten Irren¬ 
anstalt, a) wenn nur Communalkranke, b) wenn gleich¬ 
zeitig Pensionäre aufgenoramen werden? 

2. Bei welcher Grösse der Anstalt ist nach Ihrem 

Ermessen der einzelne Platz am relativ billigsten zu 
schaffen ? ♦ . 

3. Bei welcher Belegzahl gestaltet sich der Betrieb 
am vortheilhaftesten und billigsten? 

Die weitaus überwiegende Mehrzahl der nahezu 
50 Auskünfte bezeichnete 500 — 600 als die „unbe¬ 
schadet der Einheitlichkeit der Verwaltung und der 
ärztlichen Oberleitung höchste zulässige Belcg- 

*) Ich habe beispielsweise allein in der benachbarten Kreis¬ 
stadt Gardelegen zur Zeit 44 weibliche Kranke bei fremden 
Familien untergebracht. 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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Original fram 

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4« PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 4. 


zahl“ einer neu zu erbauenden Heil- und Pflege¬ 
anstalt. 

Es würde zu weit führen, alle Antworten hier 
wieder zu geben, ich führe nur diejenige des vor 2 
Jahren verstorbenen Geh.-R. Professor Dr. Meyer- 
Göttingen, einer allseitig anerkannten Autorität für 
Anstaltsbauten und Verwaltung an: 

„Nach meinen Erfahrungen kann ein Director die 
Behandlung der Kranken in einer gemischten Anstalt 
bei etwa io°/ 0 frischer Fälle leiten und die Verwal¬ 
tung dirigiren, wenn die Zahl der Kranken 500 nicht 
übersteigt, bei 8% Pensionären. Fallen letztere weg. 
so halte ich bis 600 für zulässig, steigen sie, so wird 
eine Reduction der Gesammtzahl erwünscht. Bau 
und Unterhaltung sind bei diesem Umfang 
ebenso vortheilhaft zu stellen, wie bei 
einer weit grösseren Anstalt“. 

Herr Director Schäfer-Lengerich antwortete: 

Lengerich, 15. Septbr. 1896. 

„Das alte Ideal, dass der ärztliche Director einer 
Irrenanstalt jedes Einzelne in Behandlung der Kranken 
und in der Verwaltung selbst treibe, ist durch die 
Verhältnisse überholt. Der Director muss schon heute 
in den meisten Anstalten seinen Aerzten und Beamten 
mehr Spielraum und eine gewisse Selbständigkeit 
lassen. Andererseits wird bei den ganz grossen 
Anstalten das „Dirigiren“ für den Director 
illusorisch, er verliert den Ueberblick, 
die Beamten werden entscheidend, die 
erstrebte Einheit geht verloren. 

Daher ad 1 a bis höchstens 650, 

» * ^ » >> 55 °> 

„ 2 1000 bis 1500. 

„ 3 von 500 an.“ 

Der von Herrn Geheimrath Prof. Meyer und mir 
vertretenen Meinung, dass Bau und Unterhaltung der 
Kranken sich bei einem Umfang von 500—600 Betten 
ebenso vortheilhaft stelle, wie bei einer weit grösseren 
Anstalt steht allerdings die vergleichende Kostenüber¬ 
sicht des Hem Landesbaurath Zimmermann schroff 
entgegen. Indes dürfte einer derartigen Kostenüber¬ 
sicht doch nur ein sehr begrenzter Wert beizumessen 
sein. Es würde zu weit führen, erschöpfend diesen 


Kostenvergleich hier zu analysiren. Nur einige 
Punkte möchte ich herausgreifen. 

Zunächst ist hervorzuheben, dass die Ausführungs¬ 
kosten von Aplerbeck auf Grund stattgehabter 
Abrechnung festgesetzt sind, während bpi der zu 
erbauenden Anstalt zu 1000 Köpfen nur erst Kosten- 
Voranschläge vorliegen. Es sind Ueberschreitungen 
bei dem und jenem Posten gar nicht ausgeschlossen, 
die erfahrungsgemäss gerade bei solchen Riesenanlagen 
nicht auszubleiben pflegen. Zum mindesten hätten 
bei Aplerbeck auch die ursprünglich projectirten 
Summen eingesetzt werden müssen. 

Wenn bei Aplerpeck mit 500 Kranken das Bett 
5680 Mark gekostet hat, so bleibt dann doch die 
Frage zu beantworten: „Ist hier nicht viel zu theuer 
gebaut werden.“ Ich für meinen Theil finde es 
beispielsweise enorm, dass in einer Anstalt für 
600 Kranke das Wirtschaftsgebäude ohne Koch- 
und Waschkücheneinrichtung 200000 Mark kostet, 
während für das Wirtschaftsgebäude in Uchtspringe 
für 1000 Kranke mitsammt der ganzen Einrichtung 
nur 175000 Mark verausgabt sind. 

Soll denn ferner wirklich das gleiche Beamtenhaus 
für 40000 Mark sowohl für eine Anstalt mit 1000 
Kranken wie für eine solche mit 500 Kranken aus¬ 
reichen? Muss eine Anstalt für 1400 Kranke mit 
300 Angestellten und deren Angehörigen, also insge- 
sammt für 2000 Menschen nicht eine eigene Kirche 
haben? Ich will mich hierauf beschränken. 

Mit der Summe von 4786 Mark, ja mit 4000 bis 
höchstens 4500 Mark pro Bett lässt sich eine Anstalt 
für 700 Kranke einer Klasse, von denen 600 in 
der Anstalt, 50 in Familienpflege bei Anstaltsange¬ 
stellten und Pflegern in anstaltsseitig gebauten Häusern, 
50 andere Familienpfleglinge in fremden Familien 
w r ohnen, sehr gut und schön bauen. Wozu also 
solche Riesenanstalten,. in denen — wie Herr Direk¬ 
tor Schäfer früher sehr zutreffend bemerkte — das 
Dirigieren für den Direktor illusorisch wird, 
die erstrebte Einheit verloren geht? 

Uchtspringe, den 23. April 1902. 

Konrad Alt. 


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1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 49 


M 1 t t h e 1 

— Jahresversammlung des Vereins der 
Deutschen Irrenärzte in München, 14. und 

15. IV. 1902. Fortsetzung. Vorträge. 

Degenkolb (Neustadt i. H.): Beiträge zur 
Pathologie derRindengefässe. 

a) Redner definirt den Begriff des kleinzelligen 
intraadventitiellen Infiltrats nach Art und Menge der 
es zusammensetzenden Zellen. Die Wucherungen von 
als solche noch erkennbaren Adventitialzellen müssen 
und können davon ausgeschaltet werden. Intraad- 
ventitielle Infiltrate im Sinne des Redners finden sich 
in diffusen Rindenkrankheiten nur bei Infektionen und 
Intoxikationen. 

b) Bespricht Redner die Kernlöcher und Kem- 
dellen der Intimakerne der Rindengcfässendothelien. 
Solche lassen sich als Ausdruck der sogenannten 
„fettigen Degeneration“ der Intima ei weisen. Ander¬ 
weitige Veränderungen können an den befallenen 
Kernen oft ganz fehlen, oft auch auftreten. Viele 
Einzelheiten der Erscheinung werden besprochen. 

Fürstner: Giebt es eine Pseudoparalyse? 

F. hatte schon vor 2 Jahren, als er über die spi¬ 
nalen Veränderungen bei der Paralyse im Verein re- 
ferirte, die Befürchtung ausgesprochen, es möchte 
durch die Gleichstellung der Syphilis als ätiologischer 
Factor für die Tabes und die Paralyse die Aufmerk¬ 
samkeit der Autoren in einseitiger Weise auf die 
Hinterstrangerkrankung gelenkt werden, dass dem¬ 
gegenüber die Degeneration in den Seitensträngen und 
anderen Abschnitten des Rückenmarks geringere Be¬ 
achtung finden würde, von der kaum in Angriff ge¬ 
nommenen Erforschung der Veränderungen im peri¬ 
pheren Nervensystem ganz zu schweigen. Inzwischen 
sind in einzelnen Arbeiten Befunde in den Seiten¬ 
strängen beschrieben, es ist auch der Versuch ge¬ 
macht worden, dieselben klinisch zu verwerthen, so 
in der interessanten Dissertation von Just, die in 
Riegers Klinik angefertigt wurde. Dagegen hat ein 
anderes Moment erneut die Ueberschätzung der 
Hinterstrangdegeneration, was Frequenz des Vor¬ 
kommens, was Antheil an der Gestaltung des Krank¬ 
heitsbildes angeht, begünstigt. Mendel hat sich be¬ 
kanntlich dahin ausgesprochen, dass der Verlauf der 
Paralyse gewisse Veränderungen erlitten habe, dass er 
milder geworden sei, vor Allem wies Mendel auf die 
Erfahrung hin, dass der klassische Verlaufstypus, der 
durch C’ombination des eigenartigen progredienten 
Blödsinns mit schweren hypochondrischen oder mania- 
kalischen, vor allem auch abstruse Grössenideen be¬ 
tenden Symptomen gekennzeichnet war, immer mehr 
verdrängt werde durch die demente Form. Da letz¬ 
tere aber gerade als eigenthümlich für die Fälle an¬ 
gesehen wurde, bei denen zu kurzer oder langer 
Dauer der Tabes cerebrale Symptome sich gesellten, 
so konnte der Ausspruch Mendels k 1 i n i s c h die 
Tabesparalyse, anatomisch die Hinterstrangdegene¬ 
ration als wesentlichstes Forschungsobject erscheinen 
lassen. Da nun F. der Meinung ist, dass wenn diese 
Auffassung sich immer mehr einbürgern sollte, das 
Studium der Paralyse eher geschädigt werden dürfte, 
prüft er noch einmal die Momente, die etwa für eine 

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1 u n g e n. 

Aenderung oder Milderung des Verlaufs geltend ge¬ 
macht werden können. Die Frage, ob die Frequenz 
einen Anstieg aufweist, glaubt F. auf Grund der in 
den letzten 9 Jahren in die Strassburger Klinik auf¬ 
genommenen Paralytischen, 280 Männer, 72 Frauen, 
und anderweitiger grösserer statistischer Erhebungen 
bejahen zu dürfen, dagegen kann er auf Grund eigener 
Wahrnehmungen nicht das Auftreten der Paralyse 
schon im jugendlichen Alter bestätigen, würde sich 
dieses Resultat ergeben, so müsste die Widerstands¬ 
fähigkeit des Nervensystems jugendlicher Personen 
geringer oder der der Paralyse zu Grunde liegende 
Krankheitsprocess intensiver geworden sein. In letz¬ 
terem Sinne spreche die Verkürzung der Krankheits¬ 
dauer, die F. in Uebereinstimmung mit Bohr auf 

2 Jahre und noch weniger bemisst; ein Resultat, das 
den früheren nicht entspricht, das sich nicht deckt 
mit der früher allgemein angenommenen Meinung, 
dass der dementen Form ein besonders langsamer 
Verlauf eigen sei. Weiter glaubt F. im letzten Jahr¬ 
zehnt den Eindruck gewonnen zu haben, dass der 
makroskopisch-anatomische Befund Aenderungen in¬ 
sofern aufweise, als viel seltener als früher zu con- 
statiren seien: hämorrhagische Pachymeningitis in 
Hämatomform, hochgradige diffuse oder circumscripte 
Atrophie, intensiver Hydrocephalus mit Ependvmitis, 
nur vereinzelt treffe man eine früher häufigere Com- 
bination von Atrophie mit Hämatombildung, letztere 
konnte F. bei 97 Obductionen von Paralytikern nur 
6 Mal verzeichnen. Zu gleichen Resultaten ist vor 
Kurzem Näcke gekommen, während Schüle in einem 
Bericht über 52 Obductionen sich dahin ausspricht, 
dass dem dementen Verlauftstypus ein characteristischer 
anatomischer Befund nicht gegenüberstände. F. re- 
sumirt sich dahin, dass gewisse Momente eher für 
eine gesteigerte Intensität des Krankheitsprocesses bei 
der Paralyse sprechen und erwähnt die Frage, ob 
und inwieweit sich hiermit der Ausspruch Mendels 
vereinen lasse. F. erkennt an, dass heute hohe Grade 
von intellectueller Schwäche auffallend schnell sich 
entwickelten , dass die sonstigen psychischen Begleit¬ 
erscheinungen meist nur schwach und transitorisch 
seien, ganz fehlte auch heute der klassische Typus 
nicht; er ist der Meinung, dass — wie uueh bei an¬ 
deren Formen — die Demenz mindernd wirke auf 
die Entstehung der anderweitigen psychischen Symp¬ 
tome. Dagegen hält F. nicht für erwiesen ein Ueber- 
wiegen der Taboparalyse. Früher habe man zu ihr 
nur gerechnet Fälle, wo eine Reihe subjectiver und 
objectivcr Symptomen die Diagnose Tabes absolut 
sicher erscheinen liessen. Heute werden oft Pupillcn- 
starre und Fehlen der Patellarreflcxe für genügend 
erachtet, es sei ferner keine Rede davon, dass der 
ausschliessliche Hinterstrangbefund häufiger geworden 
sei, es dominirten nach wie vor die combinirten Er¬ 
krankungen der Seiten- und Hinterstränge. F. resumirt 
sich dahin, dass das Verhältniss der Demenz zu den 
psychischen Begleiterscheinungen eine Aenderung er¬ 
fahren habe, dass aber von einem Prävaliren der Tabo¬ 
paralyse keine Rede sei. Das characteristische Ge¬ 
präge erhalte das Schulbild der progressiven Paralyse 

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50 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 4. 

durch den eigenartigen, progredienten Blödsinn in Ver- zustande anamnestisch zu verzeichnen , geistige und 

Bindung mit körperlichen Symptomen. Die letzteren körperliche Ueberanstrengung, sexuelle Excesse sind 

seien zum grössten Theil spinalen Ursprungs, ob auch weiter ätiologisch wirksam, Syphilis nur in einein 

Pupillenstarre regelmässig, ob auch Anfälle, wie Just Bruchtheil der Fälle, Pupillenstarre kann wieder ver- 

wolle, sei noch fraglich. Es sei zu prüfen, ob es eine schwinden , die fehlenden Patellarreflexe können 

paralytische Degeneration gebe (Alzheimer), welche w r iederkehren, aber auch hier häufiger gesteigerte Re- 

corticalen oder subcorticalen Bezirke ersterer anheim- flexe nachweisbar. F. weist zum Schlüsse auf die 

fallen, in welcher Reihenfolge, bei welcher Localisation. practische Wichtigkeit derartiger Fälle hin; Entmündi- 

Bezüglich letzterer zieht F. die neueste Publikation gung, Rentenbemessung. (Autoreferat). 

Schaffers heran, w'ären die Resultate derselben richtig, Raecke: Zur Lehre von der Hypochondrie 

würden andere Wirkungen den Hauptsitz der Krank- In neueren Lehrbüchern der Psychiatrie existirt 

heit enthüllen, als man früher annahm. die Hypochondrie kaum noch als selbständiges Krank- 

Noch mehr als die Abgrenzung des Schulbildes heilsbild. Es gewinnt vielmehr die Anschauung an 

stossc das Studium der atypischen und Pseudopara- Boden, dass ein hypochondrischer Symptomen komplex 

lysen auf Schwierigkeiten. Nach Lissaucr, Alzheimer gelegentlich bei allen Psychosen auftreten kann, dass 

würden vor Allem Heerdsymptome eine Rolle spielen; ^ sich dagegen in den übrigen Fällen sogenannter 

F. räth in Uebereinstimmung mit Alzheimer die Be- reiner Hypochondrie lediglich um schwere Neu¬ 
zeichnung atypische fallen zu lassen und direkt zu rasthenieformen handelt. Gegen diese Lehre haben 

sprechen von Lissauerscher Paralyse oder von Para- sich bis in die neueste Zeit hinein gewichtige Stimmen 

Iyse mit Heerdsvmptomen (Aphasie, Hemianopsie). erhoben (Jolly, Hitzig, Kraft-Ebing u. a.). Zuletzt 

Besondere Beachtung verdienten Fälle, wo die tiefen i st vor 2 Jahren Böttiger in einer grösseren Arbeit 

Rindenschichten lädirt, die oberen intact waren, weiter ^ ür die Selbständigkeit des hypochondrischen Krank- 

die Fälle, w-o sich in den grossen Ganglien degene- heitsbildes eingetreten. 

rative Veränderungen fanden; es sei eine Trennung Unter 2800 Aufnahmen der psychiatrischen Klinik 

dieser atypischen Paralysen von den Fällen^jgu^^ni Tübingen fanden sich nur 15 einwandsfreie Fälle 
streben, wo nach Alzheimer vor Allem daj^Ä^BJeWjteftswHypochondrie, die eine lange Reihe von Jahren 
Veränderungen aufw'eise, oder von gewMfn Fällen unvÄlBfelert bestanden hatten. Davon waren b erb¬ 
seniler Demenz, wo keilförmige DegenerationAf*in lieh sclCffic belastet. 7 w-aren Neuropathen, und in 

in der Rinde heständen. Die PseudopatJ|psen seMn-Z ren äussere erschöpfende Momente vorauf- 

immer zahlreicher geworden, F. zieht zunächst nur gegartgenr I 

die alkoholistische und luetische Pseudop 5 ™fcrfÄui Die ÄC/inkheit begann in der Regel mit Schwäche- 

Betracht, und plädirt dafür, die Bezeichnung r^H^j^ÄSfih^^Mrhlaflosigkeit, Verdauungsbeschwerden und 
paralyse fallen zu lassen, die ersteren den alkoholisti- zahlreichen Parästhesien im ganzen Körper. Dann 

sehen Geistesstörungen, die zweiten den luetischen bildete sich die feste Überzeugung aus, ein ganz be- 

Erkrankungen zuzurechnen. Die alkoholistische Pseudo- stimmtes, unheilbares Leiden zu haben, und damit 

paralyse trete meist in späterem Alter auf als die trat sekundär eine gewisse traurige Verstimmung ein. 

Paralyse, die körperlichen Symptome seien zum Theil Im Übrigen lagen allen einzelnen, mannigfachen 

nicht spinalen, sondern neuritischen Ursprungs, die Krankheitsäusserungen stets zw>ei Momente zu Grunde: 

Pupillenstarre fehle fast stets, die intellektuelle Schwäche 1) eine veränderte Selbstempfindung, mochte die- 

sei nicht conform dem paralytischen Blödsinn. Bei selbe nun mehr den körperlichen oder geistigen Anteil 

der luetischen Pseudoparalyse finden sich Symptome, der Persönlichkeit betreffen, und 

die nicht einmal der am ersten als luetisch anzu- 2) eine eigenthümlich wohnhafte, jeder Kritik un- 

sehenden Paralyse, der Taboparalyse, entsprächen, zugängliche, aber logisch konsequente Verarbeitung 

die Patellarreflexe seien oft gesteigert, es beständen jener Sensationen. 

Heerdsymptome wie bei den luetischen Eskrankungen, Die Prognose erwies sich meist infaust trotz ge- 

die sensiblen Störungen treten auffallend stark hervor. legentlicher, weitgehender Remissionen. Doch tritt 

F. will die Bezeichnung Pseudoparalyse einer wie keine Demenz ein. 

scheint nicht grossen Gruppe von Erkrankungen vor- Von der Melancholie unterscheidet sich die Hv- 

behalten, bei denen ein bestimmter ätiologischer Fac- pochondrie durch die sekundäre Entstehung der 

tor nicht besonders hervortritt, w’o die Symptome die traurigen Verstimmung, durch eine geringere Heftig- 

Diagnose Paralyse durchaus rechtfertigen, der weitere keit und durch die Unbeständigkeit der Angst, durch 

Verlauf aber beweist, dass es sich nicht um eine Re- den Mangel einer Hemmung, das Fehlen von Selbst¬ 
mission und überhaupt nicht um eine Paralyse ge- vorwürfen und durch die Möglichkeit der Ablenkung, 

handelt hat. F. erinnert an andere Pseudoerkrank- Eher erinnert die ausgesprochene Wahnbildung an 

ungen dieser Art, multiple Sclerose, gewisse psychische Paranoia. Doch fehlt der Beziehungswahn, das Pro- 

Störungen, auch Infectionskrankheiten u. s. w., er jizieren der Sensationen in die Umgebung und die 

schildert die Schwierigkeiten, mit denen der einzelne erklärende Wahnbildung der Verfolgung oder der 

Beobachter gerade bei Erforschung dieser Form zu Grösse. 

kämpfen hat. Anamnestisch kehrt häufig wieder eigen- Die Hysteriker unterscheiden sich wieder durch 

artige hereditäre Disposition, psychische Eigenthüm- grössere Suggestibilität, stärkeren Wechsel der Symp- 

lichkeiten bei der Ascendenz, beim Kranken selbst tome, Neigung zu bewussten Täuschungen und aus¬ 
sind transitorisch leichte Depressions- oder Erregungs- gesprochene Stigmata auf somatischem Gebiete. Die 

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1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 51 


seltenen Anfälle und Lähmungen der Hypochonder 
werden stets durch bewusste Vorstellungen verursacht. 
Die manchmal ziemlich ähnlichen psychischen Anfälle 
der Katatoniker unterscheiden sich durch ihren auto- 
matenhaften Anstrich. Auch lässt sich dann meist 
bald ein Intelligenzdefekt nachweisen. 

Schwieriger gestaltet sich die Abtrennung von der 
Neurasthenie, weil sich die Hypochondrie sehr häufig 
auf ihrem Boden entwickelt. Indessen darf man 
darum nicht beide Krankheitsformen zusammenwerfen. 
Denn einmal braucht nicht der Hypochondrie die 
Neurasthenie voraufzugehen, während die meisten 
Neurastheniker niemals Hypochonder werden, und 
dann hat überhaupt der charakteristische Zug der 
Hypochondrie, die kritiklose, wahnhafte Verarbeitung 
der Sensationen mit ihrer zwingenden Beeinflussung 
des gesammten Handelns, nichts mit dem Wesen der 
Neurasthenie gemein. Der letztere Zug rückt die 
Hypochondrie unter die Psychosen. 

Zum Schlüsse lassen sich daher folgende Sätze 
aufstellen: 

1. Die Hypochondrie ist eine selbständige, in sich 
abgeschlossene Krankheitsform, die aber mit Vorliebe 
auf dem Boden der Neurasthenie, seltener der Hysterie 
sich entwickelt. 

2. Bei scheinbarem Uebergange einer hypochon¬ 
drischen Psychose in eine andre Irrsinnsform hat es 
sich in der Regel nur um das hypochondrische Vor¬ 
stadium dieser Psychose gehandelt. Die richtige 
Deutung solcher Fälle von Pseudo-Hypochondrie 
stösst nur im Beginn des Leidens und bei.zu kurzer 
Beobachtungsdauer auf Schwierigkeiten. (Autor.efeiat.) 

Vogt (Göttingen) giebt sehr interessante* 
Mithteifungen über Gesichtsfeldeineng- 
ungbei Arter iosklerose des Central verven- 
Systems. Es handelt sich um Fälle, deren Symptom¬ 
bild besonders von Windscheid präcisirt worden ist. 
In der charakteristischen Symptomengruppe: Kopf¬ 
schmerz, Schwindel und Abnahme der geistigen Reg¬ 
samkeit kann das letztere fehlen, es kann neben den 
beiden erstgenannten Erscheinungen eine concentrische 
Verengerung des Gesichtsfeldes vorhanden sein, welche 
der Abnahme der psychischen Leistungfähigkeit vor¬ 
ausgeht. Die Hauptsache ist, dass in solchen Fällen 
ein dauernder Nachweis der Erscheinung möglich ist 
Die Einengung zeigt dann eine Constanz, welche eben 
der messbare Ausdruck für den progredienten Process 
ist. Dass es sich bei dieser Art von Einengung nicht 
um eine vorübergehende functioneile Störung oder 
eine solche der Circulation handelt, geht aus der 
Constanz der Erscheinung in ausgesprochenen Fällen 
hervor. Auf der anderen Seite pflegt bei einer Er¬ 
krankung des Centralnervensystems, welche als eine 
solche arteriosklerotischer Natur anzusprechen ist, die 
Gesichtsfeldeinengung nur nachzuweisen zu sein, wenn 
auch Erscheinungen anderer Art, besonders Kopf¬ 
druck und Schwindel bestehen. Die Gesichtsfeldein¬ 
engung nimmt also bei der arteriosklerotischen Er¬ 
krankung eine Mittelstellung zwischen Reiz- und Aus¬ 
fallserscheinungen ein. Daraus geht auch hervor, dass 
es sich thatsächlieh um eine durch die Arteriosklerose 
bedingte Erscheinung handelt, da den Vortr. auch 

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zahlreiche Untersuchungen an Gesunden mit starker 
Arteriosklerose, sowie an Geisteskranken mit starker 
Arteriosklerose gelehrt haben, dass hier eine Einengung 
constant fehlt, solange nicht auch andere für eine 
Arteriosklerose des Centralnervensystems sprechende 
Erscheinungen vorhanden sind. Bei den untersuchten 
Fällen von Geisteskrankheit nicht organischen Charakters 
hat es sich natürlich um solche Fälle gehandelt, die 
erfahrungsgemäss eine Einengung aus anderer Ursache 
ausschliessen liesen. In den untersuchten Fällen von 
Arteriosklerose des Centralnervensystems fand sich 
fast stets eine starke Sklerose der Temporalarterie, 
eine solche der Radialarterie wurde wiederholt vermisst. 
Auch die Gefässe des Augenhintergrundes waren 
keineswegs stets deutlich arteriosklerotisch. Einerseits 
handelte es sich überhaupt um Anfangsstadien des 
Processes, andererseits kann offenbar auch bei intacten 
Retina-Arterien eine Arteriosklerose des Gehirns aus¬ 
geprägt sein. Fortgeschrittene Fälle zeigten fast stets 
die Einengung, einige Hessen sie aber überhaupt völlig 
vermissen. Es soll der Wert der Gesichtsfeldunter¬ 
suchung nicht überschätzt werden, doch stellt diese 
bei vorsichtiger und kritischer Prüfung jedenfalls ein 
feines Reagens auf den nervösen Status überhaupt 
dar, und verdient daher die Thatsache der amcen¬ 
trischen Einengung bei Arteriosklerose des Central- 
nervensyste.ms als ein kleiner Beitrag zur genaueren 
Umschreibung des z. Zt. mit vielem Interesse studirten 
Symptomenbildes der Arteriosklerose des Gehirns Be¬ 
achtung. (Autoreferat.) 

; (Fortsetxung folgt.) 

.</; ' 

Referate. 

— Rivista sperimentale di Freniatria. Vol. XXVII. 
(Fase. I und II), Organ der italienischen Gesellschaft 
für Psychiatrie (Societa Freniatrica Italiana), unter 
Direction der Professoren Tamburini, Golgi, Morselli, 
Tamassia, Tanzi, redigirt von Dr. G. C. Ferrari. 

Reggio Emilia. 1901. Verlag Stefano Calderini 
& Sohn. Grossoctav 660 Seiten, 14 Tafeln. 

Ein kurzer, aber tiefempfundener Nekrolog über 
den verstorbenen Professor Giulio Bizzozero, aus 
der Feder Prof. Tamburinis bildet die Einleitung zum 
ersten Hefte (Fase. I, 339 Seiten). Aus demselben 
entnehmen wir, dass durch den frühen Tod dieses 
Gelehrten (55 Jahre alt) die italienische Wissenschaft 
einen schweren Verlust erlitten hat. Er w f ar es, der 
der Pathologie in Italien die experimentelle Richtung 
gab und der durch verschiedene, wissenschaftliche Ar¬ 
beiten von bleibendem Werthe sich und seinem Vater¬ 
lande eine ehrenvolle Stellung bei der Erforschung 
medicinischer Thatsachen erwarb. Bizzozero wurde 
im Jahre 1846 in Varese geboren, absolvirte seine 
Studien in Pavia, wo er schon im Alter von 21 Jahren 
an Stelle Mantegazzas zum Professor der Pathologie 
ernannt wurde. Fünf Jahre später kam er in gleicher 
Eigenschaft nach Turin, wo er seine experimentell¬ 
pathologische Schule begründete. Seine bekanntesten 
Entdeckungen auf medicinischem Gebiete sind „die 
blutbildende Function des Knochenmarks“ und 
„die Blutplättchen.“ Als besonders hervorragende 
Forschereigenschaften werden ihm na< hgerülunt: „die 

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52 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 4. 


zähe Ausdauer im Forschen,“ „die strenge Vorsicht 
in der Schlussfolgerung,“ „die Unabhängigkeit von 
irgendwelcher Autorität ausserhalb der gut studierten 
und demonstrirten Thatsaehen.“ Als Lehrer zeichnete 
er sich durch Klarheit und Praeeision seiner Aus¬ 
führungen, durch seine Wahrheitsliebe und seinen 
Mangel an Vorurtheilen aus. Gegen den Schluss 
seines Lebens hatte er sic h social-hygienischen Fragen 
zugewandt, worin er ebenfalls als Autorität galt. 

Dem Andenken des Psychiaters und Politikers 
Silvio Venturi ist ein anderer Nekrolog aus der 
Feder Tomini's gewidmet. Mit einer Wärme und 
Lebhaftigkeit des Ausdrucks, wie er der italienischen 
Sprache in hohem Masse zukommt, wird der Be¬ 
gründer der Zeitschrift „Manicomio,“ der langjährige 
Director der Irrenanstalt Girifalco in Calabrien als 
etwas rauher und oft verkannter, aber unabhängiger, 
hoc hgesinnter, rastlos thätiger und unantastbarer Mann 
gepriesen und seine anfänglich sehr Wechsel vollen 
Lebcnssehicksalc beschrieben. Unter seinen Werken 
werden besonders: „Die psychosexuellen Entartungen 
im Leben der Individuen und in der Geschichte der 
Gesellschaft (Le degenerazioni psico-sessuali nella vita 
dcgli individui e nella storia della societa)“ und „die 
Psychosen des socialen Menschen (Le pazzie delb uomo 
soc iale)“ hervorgehoben. In letzterem bespricht Ven¬ 
turi im Hinblick auf die Ausbreitung des Anarchismus 
in den letzten Jahren das anarchistische Verbrechen 
als historische oder sociale Thatsache an sich. Er 
hält es für irrelevant zu constatiren, ob der 
Urheber desselben gesund oder geistes¬ 
krank sei, sobald die Entstehungsbe¬ 
dingungen für ein solches Verbrechen im 
Milieu derart seien, dass dasselbe auch 
durch die Initiative eines Gesunden zu 
S t a n d c k o m men k ü n 111 e. Die anarchistische 
Lehre ist für Venturi entweder eine krankhafte Idee 
(idea pazza), die auch Gesunde ergreifen kann, oder 
die Rechtfertigung einer verbrecherischen Neigung. 
Das Buch erschien erst nach dem Tode des Ver¬ 
fassers. 

Dem am 5. März 1901 im Alter von 50 Jahren 
verstorbenen Director der Provinzialirrenanstalt Como 
Dr. A go st i n o B ru 11 a t i, der sich speciell mit der 
„Aetiologie des Cretinismus“ beschäftigt hat, 
wird ebenfalls ein kurzer Nachruf gewidmet. 

Unter den Notizen finden wir einen Gesetz¬ 
entwurf über die Prophylaxe der Pellagra 
erwähnt, der vom Ministerium dem Consiglio Superi- 
ore di Sanita vorgelegt und von diesem auf ein Re¬ 
ferat Tamburini's hin mit einigen Abänderungen an¬ 
genommen wurde. Nac h diesem Gesetzentwurf ist es 
verboten unreifen, schimmeligen oder anderweitig ge¬ 
sundheitsschädlichen Mais oder daraus hergestelltes 
Mehl, Brot oder Gebäck zur Ernährung des Menschen 
zu verkaufen. Ferner ist die Einfuhr solchen Maises, 
ausser zu industriellen Zwecken und mit Genehmigung 
und unter Controlle des Praefcctcn verboten. In den 
infieierten Gemeinden sind die Trocknereien, Bäc ke¬ 
reien des Maises u. s. w. unter amtliche Aufsicht ge¬ 
stellt und die betreff. Gemeinden müssen einen Dörr¬ 


apparat zur öffentlichen, unentgeltlichen Benutzung 
herstcllen und betreiben. Von Seiten der Aerzte be¬ 
steht obligatorische'Anzeigepflicht für jeden Fall von 
Pellagra. Die curative Ernährung von pellagrösen 
Armen in Heilanstalten, oeconomischen Küchen oder 
in Ausnahmsfällen durch Vertheilung von Nahrungs¬ 
mittel in d Wohnungen ist obligatorisch. Zu den 
bezüglichen Kosten wird ausser durch private Wohl- 
thätigkeit und durch Zuschüsse aus öffentlichen Kassen, 
die Provinzial Verwaltung in einem jährlich durch 
königliches Dekret festgestellten Masse beitragen. Für 
die Unterhaltungskosten armer Kranker, die in Kranken¬ 
häusern behandelt werden müssen, sorgen Provinz 
und Gemeinde zu gleichen Theilen. Im Budget des 
Ministeriums des Innern wird eine jährliche Summe 
(100000 Frs.) für Beiträge gegen die Pellagra festge¬ 
setzt. Auch werden den Gutsbesitzern, welche die 
Pellagra aus ihren Besitzungen haben verschwinden 
lassen, Prämien ertheilt. Der Finanzminister wird 
autorisirt, den pellagrösen Annen und ihren Familien 
das zur Ernährung nothwendige Salz gratis vertheilen 
zu lassen. Den Präfecten wird, nach Vernehmlassung 
des Sanitätsrathes der Provinz und des „Comizio 
Agrario,“ das Recht gegeben, an mit Pellagra inficirten 
Orten die Bebauung der ersten Maisernte, des „qua- 
rantino und cinquantino“ (40—50 Tage reifwerdender 
Mais) zu untersagen oder einzuschränken , wo die 
klimatischen Bedingungen das vollständige Reifwerden 
nicht erlauben. Um die Ausführung der Gesetze zu 
sichern, werden Strafbestimmungen aufgestellt werden. 
— Die Redaction des Riv. sper. spricht den Wunsch 
aus, dass dieser wichtige Gesetzentwurf bald zur 
Ausführung komme, da durch seine Anwendung „die 
schreckliche Plage der Pellagra erfolgreich* bekämpft 
und besiegt werden kann.“ 

Uebcr das „I rr engeset z“ wurde ebenfalls im 
Ober-Sänitätsrath (Consiglio Superiorc di Sanita) ver¬ 
handelt und folgende Tagesordnung dem Ministerium 
des Innern vorzulegen beschlossen: 

„Der Ober - Sanitätsrath, in Erkenntniss der 
dringenden Nothwendigkeit gesetzgeberischer Grund¬ 
lagen für die wichtige Angelegenheit der Irrenhäuser 
und der Irren, die früher ausgesprochenen Wünsche 
betreffs Schaffung eines Irrengesetzes (Legge sui Manio- 
conii) wieder in Erinnerung rufend, spricht den Wunsch 
aus, dass seine Exeellenz der Minister des Innern den 
Gesetzentwurf über die Irrenanstalten wieder prüfe, 
um ihn beförderlichst den gesetzgeberischen Körper¬ 
schaften zur Annahme vorzulegen.“ — Daraus ersieht 
man, dass auch in Italien massgebende Kreise die Schaff¬ 
ung eines Irrengesetzes als dringend nöthig erachten. 

Notizen über den Psyehiater-Congrcss in Ancona 
(2g. Sept. bis Oct.), den internationalen Kriminal- 
Anthrop«»logencongress in Amsterdam (9. bis 14. Sept.) 
und den internationalen Physiologencongress in Turin 
(17. bis 24. Sept.) haben keine aktuelle Bedeutung mehr, 
da die betreffenden Organe zur Zeit des Druckes des 
II. Heftes noch nicht stattgefunden hatte, wohl aber 
als die Riv. sp. in die Hände des Ref. gelangte. 

(Fortsetzung folgt). 


Für den rcdactionelkn Tlicil \ er.uitwoi tlu h : Olwrarzt Dr. J . Bri-Dcr Kraschnitz, (Sch.csien). 

Erscheint jeden Sonnabend — Schluss der Inseratenannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marhold in Halle a. S 

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Nr. 5. 3. Mai 1902. 

Die ,.Ps y c h i a t r 1 sc h - Neu r ol o p i sch e Wochenschrift“ erscheint jeden Sonnabend und kostet pro Quartal 4 Mk. 

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Zuschriften für die Redaciion sind an Oberar/t Dr. J. Bresler. Kraschnitz (Schlesien), zu richten 

Inhalt. Originale: Zur Frage der Alkoholabstinenz in Irrenanstalten. Von H. Schlöss (S. 53). —Bromipin. Von Dr. Baucke, 
Bonn a. Rh. (S. 56). — Mittheilungen (S. 61). — Referate (S. 62). 


Zur Frage der Alkoholabstinenz in Irrenanstalten. 

Von //. Schloss. 


TT crr Hoppe (Königsberg) hat sich veranlasst gc- 
-*■ sehen, in Nr. 52 dieses Blattes (v. 22. März 
1902), einzelne Ansichten, die in meinem auf der 
Wandcrversammlung des Vereins für Psychiatrie und 
Neurologie in Wien zum Vortrag gebrachten Referat 
über „die Alkoholabstinenz in öffentlichen Irrenan¬ 
stalten“ (siehe diese Wochenschrift Nr. 34, vom 16. 
November 1901) enthalten waren, einer Berichtigung 
zu unterziehen. Diese Berichtigung veranlasst mich, 
zu dem Thema „Alkoholabstinenz in Irrenanstalten“ 
nochmals das Wort zu ergreifen. 

Ich stimme vollkommen mit Hoppe überein, wenn 
er eine Verquickung der therapeutischen Anwendung 
des Alkohols mit der Frage der Zulässigkeit desselben 
als Genussmittel verurtheilt, und ich staune, dass er 
mich einer solchen Verquickung beschuldigt. Ein 
Blick auf den Wortlaut meines Referates hätte ihn 
darüber belehren müssen, dass ich den Alkohol 
erstens als therapeutisches Mittel und zweite n s 
als Genussmittel besprochen habe, dass also nicht 


eine Verquickung, sondern eine stramme Sonderung 
der beiden Gebrauchsarten des Alkohols in meinem 
Referate stattgefunden hat. 

Sehr leid muss es mir thun, dass Herr Hoppe 
sich der Widerlegung meiner über die therapeutische 
Anwendung des Alkohols geäusserten Ansichten ent¬ 
zogen hat, denn sicherlich steht der reiche Schatz 
seines psychiatrischen Wissens doch wenigstens auf 
der Stufe seiner Lust zu kritisiren, und ich hätte eine 
Belehrung über dieses schwierige Thema mit grosser 
Dankbarkeit quittirt. 

Nur in einem Punkte tritt Hoppe aus seiner 
Verschlossenheit hervor: Er findet, was ich von den 
nährenden Eigenschaften des Alkohols sagte, so her¬ 
ausfordernd, dass er es nicht unwidersprochen lassen 
könne. Ich habe in der Discussion über mein Referat 
ganz offen und der Wahrheit entsprechend einge¬ 
standen, dass ich meine Ansicht über die nährende 
Eigenschaft des Alkohols nicht aus eigenen experi¬ 
mentellen Untersuchungen, sondern gestützt auf die 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 5 - 


Arbeiten verschiedener Forscher gefasst habe, und 
ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich behaupte, 
dass sich Herr Hoppe in dieser Frage ganz in der¬ 
selben Lage befindet, wie ich. Ich bin, gestützt auf 
diese Autoren, zu der Ansicht gekommen, dass der 
Alkohol die Ernährung unterstütze, Herr Hoppe ist, 
gestützt auf andere Autoren, zu der entgegengesetzten 
Anschauung gekommen. Ob aber diese oder meine 
Gewährsmänner Recht haben, ob Herr Hoppe das 
Richtige trifft, wenn er jenen folgt, die den Nähr¬ 
werth des Alkohols leugnen, oder ob ich gut daran 
gethan habe, wenn ich ihn behaupte, das muss erst 
die Zukunft lehren. 

Wenn aber Herr Hoppe meint, Neumann und 
Rosemann würden sich gegen die Nutzanwendung, 
die ich aus ihren Arbeiten gezogen habe, entschieden 
sträuben, so glaube ich doch, dass Herr Hoppe — 
vielleicht etwas ängstlichen Gemüthes — in seinen 
Befürchtungen zu weit geht. Ich stimme ja doch, 
und wer mein Referat aufmerksam gelesen hat, 
wird dies zugeben müssen, mit Neumann völlig über¬ 
ein, wenn er die Verwendung des Alkohols mit Rück¬ 
sicht auf dessen Giftigkeit eingeschränkt wissen will. 
Sehr verwahren muss ich mich dagegen, dass Hoppe 
mir zumuthet, den Alkohol als Nahrungsmittel em¬ 
pfohlen zu haben. Ich habe nur gesagt: „Der Alko¬ 
hol unterstützt mithin in eminenter Weise die 
Ernährung, denn er spart, wenn genügend Nah¬ 
rung gegeben wird, Fett und Eiwciss“. Der 
Alkohol ist also nach meiner Meinung wohl ein Nähr- 
mitttel, das heisst eine die Ernährung unterstützende 
Substanz, aber kein Nahrungsmittel, da er allein den 
Körper nicht ernährt. Sollte dieses Missverständniss 
etwa darin seine Aufklärung finden, dass Herrn Hoppe 
im Gegensatz zu seinem sonstigen umfassenden Wissen 
der Begriff „Nahrungsmittel“ nicht geläufig ist ? 

Herr Hoppe kritisirt auch meine Behauptung, 
dass ich bei Epileptikern einen schädlichen Einfluss 
mässigen Alkoholgenusses auf deren Krankheitsver¬ 
lauf nicht bemerkt habe. Er citirt diesbezüglich 
Kraepelin, welcher behauptet, dass jeder Epileptiker 
in höherem oder geringerem Grade intolerant gegen 
Alkohol sei und schliesst daran die Bemerkung: 

„Ich glaube, dass man dies vollständig unter¬ 
schreiben kann“. (!) Ich habe in meinem auf der 
gleichen Wanderversammlung des Vereines für Psv- 
chiatrie und Neurologie in Wien gehaltenen Vortrag t 
„Ueber den Einfluss der Nahrung auf den Verlauf 
der Epilepsie“ (siehe Wiener klinische Wochenschrift 
Nr. 46, iqcu) über meine diesbezüglichen Versuche 
berichtet. Zwölf epileptische Kranke (fünf Frauen 
und sieben Männer, sämmtlich Fälle von idiopathi¬ 


scher Epilepsie), die*bisher abstinent gehalten worden 
waren, erhielten Alkohol in Form eines leichten 
Bieres, und zwar erhielten die Kranken zuerst durch 
zwei Monate hindurch abends je 1 / 2 1 Bier, dann 
durch sechs Wochen je 1 1 Bier, und zwar mittags 
und abends getheilt Wie die auf das gewissen¬ 
hafteste vor und während des Versuches geführten 
Anfallstabellen zeigten, blieb dieser Alkoholgcnuss 
ganz ohne Einfluss auf die Zahl der Anfälle, ja es 
war sogar während der Zeit des Alkoholgenusses eine 
mässige Verminderung der Zahl der Anfälle bemerk¬ 
bar gewesen. Auch das psychische Verhalten der 
Kranken hatte während der Zeit des Alkoholgenusses 
keine Aenderung erfahren. 

Herr Hoppe, der die Einseitigkeit meiner Citate 
tadelt und behauptet, ich citire nur Autoren, die 
meine vorgefasste Meinung zu bestätigen scheinen, 
citirt nur Kraepelin. Warum nicht auch Jolly und 
Bratz ? 

Jollv (siehe: Emährungstherapic bei Nervenkrank¬ 
heiten, von Dr. E. Jolly. Handbuch der Emährungs- 
therapie und Diätetik, herausgegeben von L. v. Leyden, 
Band III, erste Abtheilung, Leipzig 1898) sagt 1 . c. 
pag. 159: „— Keineswegs lässt sich aber die Forde¬ 
rung rechtfertigen, dass allen, die einmal an Epi¬ 
lepsie gelitten haben oder die habituell daran leiden, 
der Alkohol dauernd zu verbieten sei“. Und auf 
derselben Seite: „Bei einer ganzen Anzahl dieser 
(sc. epileptischen) Kranken, die vcrhältnissmässig sel¬ 
tene Anfälle haben und durch dieselben wenig in 
ihrem Befinden und in ihrer Leistungsfähigkeit gestört 
werden, zeigt die Erfahrung, dass massiger Alkohol¬ 
genuss ganz ohne Einfluss auf die Krankheit bleibt 
und ihnen daher ebenso gut wie Gesunden gestattet 
werden kann“. 

Ich citire ferner Bratz (Veröffentlichungen über 
Epilepsie und Epileptikerfürsorgc. Sammelbericht mit 
einigen Bemerkungen von Dr. Bratz, Wuhlgarten, 
Berlin. Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, 
Band IX, Heft 2, Februar 1901). Dieser äussert 
sich 1 . c. pag. 149 folgendermaassen: „Der Bericht¬ 
erstatter (nämlich Bratz) hat bei 200 geordnet leben¬ 
den Epileptikern der Anstalt Wuhlgarten, welche 
täglich eine Flasche Bier erhielten, die Gesammtzahl 
der Anfälle innerhalb neun Monaten zusammenge- 
rcchnet, er hat dasselbe Exempel an denselben Per¬ 
sonen dann die neun Monate nach Einführung der 
Abstinenz wiederum angestellt und durchaus keine 
Verminderung, sondern eine geringe Vennehrung 
constatirt, welch’ letztere sich wohl zwanglos durch 
die vennehrte Schulung des Wartepersonals in der 
Beobachtung der Anfälle erklärt. Bezüglich der Un- 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Schädlichkeit geringer Biergaben für die meisten Epi- 
le[>tiker kann der Berichterstatter sich daher dem 
JollvVhen Urtheile nur anschliessen“. 

Herr Hoppe bemerke dass „solche“ Erfahrungen 
— er bezieht sich dabei auf Kraepelin’s Acusscrung, 
dass jeder Epileptiker in höherem oder geringerem 
Grade intolerant gegen Alkohol und dazu disponirt 
sei, durch denselben in schwerere geistige Störung 
zu verfallen, sich selbst und Anderen in höherem 
Grade gefährlich zu werden — auch in den deutschen 
ärztlich geleiteten Epileptikcranstalten (Wuhlgarten, 
Uditspringe) dazu geführt haben, den Alkohol als Gc- 
nussmittel zu verbannen und zwar mit dem besten 
Erfolge. Zunächst Wuhlgarten. Ich habe in Wuhl¬ 
garten mit Director Hebold über diese Sache ge¬ 
sprochen. Was Hebold mir damals sagte, stimmt 
genau mit dem überein, was sein Assistent Bratz in 
obigem Referat an die obcitirte Stelle anschlicsst. Ich 
führe* daher Bratz wörtlich an : „Die Einführung völli¬ 
ger Enthaltsamkeit von geistigen Getränken in grossen 
Anstalten erscheint trotzdem sehr wünschcnswerth, 
aber aus wesentlich anderen als den hier berührten 
Gründen. Das Krankenmaterial der genannten An¬ 
stalt (Wuhlgarten) umfasst zu einem grossen Theil 
Alkoholepileptiker und dem Trünke stark ergebene 
Frühepileptiker. So lange nun Bier überhaupt in der 
Anstalt und auf den Abtheilungen sich befand, waren 
Durchstechereien und damit Alkoholexcesse, patho¬ 
logische Rauschzustände, ferner der Durst nach mehr 
und Ausflüge in die benachbarten Dorfkneipen an 
der Tagesordnung. Alle diese Missstände haben eine 
wesentliche Minderung erfahren, seit durch Hebold 
die Abstinenz für Kranke und Wartcpersonal der 
Anstalt eingeführt ist“. So viel über Wuhlgarten. 
Und Uditspringe ? Wenn ich der mir unvergesslichen 
feuchtfröhlichen Stunden gedenke, die ich während 
meines Uchtspringer Aufenthaltes im Kreise der 
dortigen unvergleichlich liebenswürdigen Collcgen ver¬ 
lebt habe, so muss ich wohl zu der Ansicht kommen, 
dass diese und mit ihnen ihr rühriger Chef, Herr 
Director Alt, davon noch recht weit entfernt sind, 
überzeugungstreue Anhänger der absoluten Alkohol¬ 
abstinenz zu sein, und wenn Alt die Abstinenz für 
die Pfleglinge und Pflegepersonen seiner Anstalt obli¬ 
gatorisch gemacht hat, so haben ihn sicherlich — 
wie Hebold — Erwägungen administrativer Natur 
dazu geführt, nicht aller „solche“ Erfahrungen, wie 
sie Kraepelin gemacht haben Soll. Und wenn Hoppe 
glaubt, das was Kraepelin oben sagt, vollständig 
unterschreiben zu können, so will ich ihm nur den 
collegialischen Rath geben, mit seiner Unterschrift 
künftighin etwas vorsichtiger umzugehen. 

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Meine Ansicht, man müsse, da eine allgemeine 
Bezeichnung jener Fälle, in welchen ein geringes 
Alkoholquantum gegeben werden könne, nicht mög¬ 
lich sei, individualisiren, hat keine Gnade in den Augen 
Hoppe’s gefunden. Er meint: „Ja warum denn in 
aller Welt?“ Weil ich meinen Pfleglingen gegenüber 
an dem Princip der freien Behandlung festhalte, das 
heisst, ich schränke grundsätzlich die Freiheit der mir 
anvertrauten Kranken nicht mehr ein, als es deren 
Zustand unbedingt erfordert. Wenn nun ein Pfleg¬ 
ling der Anstalt, der von früherher an ein beschei¬ 
denes Alkoholquantum gewöhnt war, dieses in der 
Anstalt gleichfalls verlangt, tritt an mich die Frage 
heran, ob dieses bescheidene Alkoholquantum bei 
dem vorhandenen psychischen und somatischen Zu¬ 
stand des Kranken diesem schaden kann oder nicht. 
Ist ersteres der Fall, dann gebietet es mir meine 
ärztliche Pflicht, dem Kranken jeden, auch den be¬ 
scheidensten Alkoholgenuss zu versagen. 

Ist aber letzteres der Fall, dann will ich nicht 
aus blosser Principienreiterci dem Patienten, der ja 
ohnedies der Freiheit beraubt, herausgerissen aus 
seiner Familie, aus seinen gewohnten Verhältnissen, 
in dem Gefühle des Verlustes alles dessen, was ihm 
gewohnt und lieb und theuer war, sich unglücklich 
fühlt, einen so bescheidenen, im speciellen Falle un¬ 
schädlichen Genuss versagen und ich glaube, jeder 
Antsaltsarzt muss mir recht geben, dem nicht ein 
blinder Fanatismus in der Abstinenzfrage Herz und 
Hirn geschädigt hat oder dem — wie dies leider 
auch vorkommt — eine kritiklose Nachäffung der in 
einzelnen Anstalten eingeführten Abstinenz das ein¬ 
zige Motiv der gleichen Einführung in der von ihm 
geleiteten Anstalt ist. Die Naivetät zu glauben, dass 
auch schon ein mässiger Alkoholgenuss, wie Hoppe 
sagt, auf das Centralnervensystem des gesunden und 
kräftigen Mensc hen einen deutlich schädigenden Ein¬ 
fluss besitzt, der „aller Wahrscheinlichkeit nach“ bei 
einem kranken Gehirn mit seiner gesteigerten Erreg¬ 
barkeit und den vielfac h gestörten Circulationsverhält- 
nissen noc h viel stärker ist, besitze ich nicht,* und ich 
behaupte daher nach wie vor, dass ich im Laufe 
meiner vieljährigen psychiatrisc hen Praxis thatsächlich 
manchen Kranken gesehen habe und noch sehe, dem 
ein mässiger Alkoholgenuss nichts geschadet hat. 
Dafür den Beweis zu erbringen ist wirklich nicht 
schwer. 

Nun komme ich noch zu jenem Punkte meines 
Referates, den Hoppe als die Quintessenz desselben 
bezeichnet. Bei der Widerlegung dieser Quintessenz 
ist Herrn Hoppe ein kleiner Lapsus passirt. Er, der 

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5^ 


in seiner ganzen, zum grössten Theile meiner Wenig¬ 
keit gewidmeten Arbeit für die obligatorische Alkohol¬ 
abstinenz in Irrenanstalten eintritt, der so überzeugt 
davon thut, dass selbst massiger Alkokolgenuss jedem 
Menschen überhaupt, umsomehr dem Geisteskranken 
schadet, der es als eine Pflicht des Arztes bezeich¬ 
net, allen Geisteskranken den Genuss des Alkohols 
zu entziehen, findet auf einmal, dass unter den männ¬ 
lichen Geisteskranken durchschnittlich 56°/^ „unter 
allen Umständen“ der Alkohol versagt werden muss. 

Hoppe giebt also wohl selbst in einem Anfall 
von Aufrichtigkeit zu, dass er 44 °/ 0 männlicher 
Geisteskranker gezählt hat, denen der Alkohol nicht 
„unter allen Umständen“ entzogen werden muss. Er 
„glaubt“ aber — man möchte seinen Augen kaum 
trauen — dass in anderen Anstalten die Zahl jener, 
denen der Alkohol „unter allen Umständen“ ent¬ 
zogen werden muss, kaum unter 30°/ ft heruntergehen 
wird. Dort wären also sogar 70 °/ 0 , denen der Alko¬ 
hol nicht „unter allen Umständen“ entzogen werden 
muss! Aber selbst dort, wo 20° 0 oder selbst nur 
10°/ 0 jener Kranken vorhanden sind, denen der 
Alkohol „unter allen Umständen“ entzogen werden 
muss, fordert Hoppe die Alkoholabstinenz für alle 
Pfleglinge. Hoppe macht es mir leicht, die Quint¬ 
essenz meines Referates zu vertheidigen, indem er 
schreibt: „Schloss wird vielleicht sagen, dieser 10% 
kann ich doch den übrigen 90% gegenüber nicht 
so hart sein, ihnen den gewohnten Alkoholgenuss zu 


[Nr. 5. 


entziehen“. Hoppe hat mich mit grossem Scharfsinn 
durchschaut, denn dies sage ich wirklich. 

Und nun zum Schluss: Meine Ansichten über die 
Alkoholabstinenz in Irrenanstalten habe ich in meinem 
Referat niedergelegt und halte fest daran, denn sie 
entsprechen meiner Ueberzeugung. Die NothWendig¬ 
keit der Einführung der Alkoholabstinenz in einer 
Irrenanstalt hängt von localen Verhältnissen ab. Nur 
nebenbei will ich bemerken, dass mich die Besorgniss 
selbst abstiniren zu müssen in meinen Ansichten über 
die Einführung der Alkoholabstinenz nicht beeinflusst, 
denn ich war immer ein Gegner der Unmässigkeit 
und würde durch die Abstinenz nur zu geringer Ent¬ 
behrung verhalten sein. Dass ein mässiger Alkohol¬ 
genuss selbst dem gesunden und kräftigen Menschen, 
umsomehr jedem Geisteskranken schade, widerspricht 
meiner Erfahrung. Jenen Kranken, denen ein mässiger 
Alkoholgenuss — denn es kann hier nur immer von 
einem solchen die Rede sein — in psychischer oder 
somatischer Beziehung nur möglicherweise schaden 
könnte, versage ich denselben. Den anderen gestatte 
ich ihn dann, wenn sie darum bitten. Einen Nach¬ 
theil für diese habe ich nie beobachtet. Bis jetzt ist 
es mir in der seit mehr als fünf Jahren meiner Lei¬ 
tung unterstehenden Anstalt (Ybbs) noch immer ge¬ 
lungen, jene meiner Patienten, denen die Alkohol¬ 
abstinenz auferlegt wurde, auch wirklich dazu zu ver¬ 
halten. Würde mir dies nicht möglich gewesen sein, 
so hätte ich die Abstinenz allgemein eingeführt. 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Bromipin. 

Von Dr. Bauche , Bonn a. Rh. 


T 3 romipin ist eine chemische Verbindung des Broms 
mit dem durch seine leichte Verdaulichkeit be¬ 
kanntem Sesamöl, in der sich Brom an die Fettsäure 
des Oeles additionell angelagert hat. Die Verbindung 
ist haltbar und erinnert bezüglich ihres Geruches und 
Geschmackes in keiner Weise an Brom. Sie kommt 
in zwei Formen in den Handel, als 1 oprozentiges 
und als 33 1 / 8 prozentiges Bromipin. Ersteres stellt 
eine hellgelbe, leicht dicke, ölige Flüssigkeit dar von 
1,008 spec. Gew. bei 20° C. Das hochprozentige 
Präparat ist ein zähes, dickes Oel von hellbrauner 
Farbe, von einem spec. Gew. von 1,311 bei 20° C. 


Wegen seiner Konsistenz lässt es sich nicht gut ein¬ 
nehmen, man verordnet es daher in Kapseln a 2 gr 
oder applicirt es per Rectum. 

Nach Winternitz wird das Bromipin zum 
weitaus grösserem Theile in den Muskeln, der Leber, 
dem Knochenmark und in dem Unterhautzellgewebe 
abgelagert. Der therapeutische Effect des Bromipins 
beruht zum grossen Theil darauf, dass ein sehr er¬ 
heblicher Prozentsatz des in ihm enthaltenen Broms 
mit abgelagert und erst an der Ablagerungsstätte durch 
Oxydation sowie durch Einwirkung des alkalischen 
Blutes und der alkalischen Gew'ebssäfte nach und 


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1902.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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nach abgespalten wird. Die Abspaltung geht sehr 
successiv vor sich — Brom lässt sich weit länger im 
Ham nachweisen’, als bei der Zufuhr von Brom¬ 
alkalien — es kann sich in Folge dessen ein die the¬ 
rapeutische Wirksamkeit des Broms bedingendes grösseres 
Bromdepot im Körper ansammeln. In noch höherem 
Maasse als bei den Bromsalzen wird man demnach 
hier zu erwarten haben, dass die Wirkung auf das 
Centralnervensystem erst nach einer gewissen Zeit sich 
voll entfaltet. 

Ein weiterer Vorzug, den das Bromipin vor den 
Bromsalzen hat, besteht darin, dass es den Verdauungs- 
tractus selbst bei lange fortgesetztem Gebrauch nicht 
belästigt Das Bromfett wird vom Magen nicht re- 
sorbirt, die event unter Einwirkung des Darmsaftes 
abgespaltene Bromalkalimenge ist so minimal, dass 
eine Alteration des Darms durch Salzwirkung nicht 
anzunehmen ist. 

Von allen Autoren wird übereinstimmend hervor¬ 
gehoben, dass bei Darreichung von Bromipin die hart¬ 
näckigen Erscheinungen von seiten der Haut in Ge¬ 
stalt von Akneknoten und Pusteln, wie sie in Folge 
von längerem Gebrauch der Bromide auftreten, fasst 
gänzlich fehlen. Nur in ganz vereinzelten Fällen hat 
sich eine geringe, gutartige Akne gezeigt. 

Von Fere wurde eine Erschlaffung und Lähmung 
der Darmmuskulatur — bedingt durch eine dauernde 
Zufuhr von Bromsalzen —, die eine Resorption gif¬ 
tiger Stoffe begünstigt, für die Akne verantwortlich 
gemacht. Da nun durch Bromipin kein Reiz auf den 
Darm ausgeübt wird, vermag auch bei dessen An¬ 
wendung keine Akne aufzutreten. 

Bromipin wird vorzugsweise bei der Behandlung 
der Epilepsie angewendet; die Zahl der klinischen 
Mittheilungen über die therapeutische Wirkung des¬ 
selben ist bereits eine ganz beträchtliche. Leider ist 
die diesen Veröffentlichungen zu Grunde liegende 
Casuistik häufig nicht eben zahlreich. Wulff be¬ 
richtet über einen Fall von Epilepsie, bei dem Brom¬ 
kalium und Bromnatrium in mässiger Dosis nicht ver¬ 
tragen wurde, da sie den Appetit verminderten, Ab- 
geschlagenheit, Müdigkeit und Apathie im Gefolge 
hatten und Akne in ausserordentlicher Weise zu Tage 
treten Hessen. Auch andere Verordnungen, spec. Bella¬ 
donna resp. Atropin mussten ausgesetzt werden, da 
sie nicht vertragen wurden. Erlenmeyersches Brom¬ 
salzwasser, das in kleinsten Dosen gut vertragen wird, 
hatte eine heftige, unangenehme Bromakne trotz aller 
dagegen versuchten Maassnahmen im Gefolge, die 
epileptischen Anfälle wurden nur mässig beeinflusst. 
Es wurden io°/ u Bromipin gereicht, anfangs täglich 2mal 
i Theelöffel voll, später, als dies gut vertrageit wurde, 


tägHch 3 mal i Theelöffel voll. Die Anfälle nahmen 
schnell an Häufigkeit und Intensität ab, nach Verlauf 
von 7 Wochen wurde der letzte beobachtet. Die vor¬ 
handene Bromakne verschwand, das Allgemeinbe¬ 
finden, besonders der Appetit hob sich zusehends. 
In einem 2. Fall von Epilepsie bei einem n jährigen 
Kinde, wo andere therapeutische Verordnungen bisher 
nur geringen Erfolg hatten, traten nach längerem Ge¬ 
brauche von Bromipin keine Anfälle mehr auf. F r e u s - 
d[orf theilt einen Fall von traumatischer Epilepsie mit, 
dessen häufige Anfälle mit verschiedenen Bromsalzen 
zw r ar eingeschränkt wurden, wobei aber allmählich 
eine so heftige Bromintoxikation eintrat, dass diese 
Ordination ausgesetzt werden musste. Nach Bromi- 
pinbehandlung verschwanden die Anfälle, das Allge¬ 
meinbefinden war das beste. Leubuscher con- 
statirt, dass Bromipin fast durchweg gern genommen 
wurde, dass unangenehme Nebenwirkungen gänzlich 
fehlten, und dass es selbst in solchen Fällen gut zu 
wirken im Stande ist, wo andere Brompräparate ver¬ 
sagen. Gessler empfiehlt das Bromipin auf Grund 
eines günstig verlaufenden Falles: ein hochgradiger 
Epileptiker, von häufigen Anfällen heimgesucht, seit¬ 
her vergeblich mit Adonis und Bromnatrium behandelt, 
erhielt täglich 3 Esslöffel voll von 10% Bromipin, 
die Anfälle minderten sich sehr und ber Patient blieb 
nachher für längere Zeit anfallsfrei. 

Derartige vereinzelte Fälle, wo Bromipin auf die 
Anfälle und das Allgemeinbefinden besser wirkte als 
die Bromsalze, beweisen jedoch nicht eine grössere 
antiepileptische Valenz des Bromipins. Eis ist ja be¬ 
kannt, dass gerade bei der Epilepsie fast jedes neue 
Mittel, welches gegen diese Krankheit empfohlen wurde 
— und deren giebt es eine ganze Reihe — anfangs 
mit mancherlei Erfolg gekrönt war. Es sei mir ge¬ 
stattet über einen Fall aus der Bonner Heil- und 
Pflegeanstalt zu berichten, an dem dies sehr schön 
zu Tage tritt: Ein 18jähriger Kaufmannslehrling, erb¬ 
lich nicht belastet, Entwicklung normal, bekommt mit 
dem 17. Jahre epileptische Krämpfe. Am 20. V. 

1896 in die Anstalt recipirt, hatte er täglich 1 — 2 
Anfälle. Am 23. V. wird die Flechsig’sche K ur 
eingeleitet, am 27. V. hat er noch 2 Anfälle, wird 
zunehmend benommener. Am 2. VI. keine Anfälle 
mehr. 11. VI. kommt psychisch voran. 20. VI. sehr 
viel freier und besser. Am 23. VI. erster Anfall, am 
24. VI. 4 Anfälle, am 28. VI. Bromkali. Am 5. VII. 
noch 4 epileptische Krämpfe, deren Zahl wird bald 
geringer, am 25. VII. ohne Anfälle, hält sich gut, 
freundliches, offenes Wesen. Am 26. VIII. ein An¬ 
fall, dieselben häufen sich trotz des Gebrauchs von 
Bromkali bis zu 7,0 g p. D., Patient wird zusehends 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 5. 


5 * 


dementer. Am 20. I. 1897 erhält er Adon. vem., 
die Anfälle nehmen ab, es geht ihm psychisch eben¬ 
falls besser. Im Oktober wird die Medication von 
Adon. vem. ausgesetzt, Patient ist bis zum Januar 
1898 fast anfallsfrei auch ohne Medikation. Seit 
dieser Zeit werden die epileptischen Krämpfe häufiger, 
er erhält wieder Adon. vem., jedoch mit wenig Er¬ 
folg. Am 10. V. wird ihm Bromalin verabreicht, 
die Anfälle häufen sich noch mehr, Patient wird sehr 
unruhig, geht psychisch sehr zurück. Nach 4 wöchent¬ 
lichem Gebrauch wird Bromalin durch Bromkali 
ersetzt. Die Anfälle vermindern sich, sein geistiger 
Zustand wird ein besserer. Im September erhält 
Patient Broraipin; schon nach 11 tägigem Ge¬ 
brauch desselben ist er längere Zeit anfallsfrei, später 
treten die Krämpfe nur ganz vereinzelt auf, psychisch 
geht es dem Kranken sehr gut, er arbeitet fleissig, so 
dass er im Dezember beurlaubt werden kann. An¬ 
fang Januar zurückgekehrt, häufen sich wiederum die 
Anfälle mehr und mehr, auch psychisch geht er sehr 
zurück, liegt apathisch im Bett. Es wird ihm Brom¬ 
kali ordinirt, die Krämpfe werden allmählich seltener, 
er beschäftigt sich wieder. Patient bittet wiederholt 
um die Arznei, die er vor seiner Beurlaubung erhalten 
habe (gemeint ist Bromipin). Am 19. Juli erhält er 
dieselbe. Die Anfälle mehren sich nach Bromipin, 
Patient geht psychisch immer mehr zurück, liegt ganz 
stuporös im Bett, lässt sich die Fliegen in den Mund 
kriechen, ist unreinlich mit Urin. Am 22. VIII. er¬ 
hält er wiederum Bromkali. Schon am 1. IX. 
treten für längere Zeit keine Anfälle mehr auf, der 
Kranke wird etwas freier, erholt sich allmählich. 
Später treten nur noch vereinzelte Krämpfe auf, psy¬ 
chisch ist er wieder hergestellt. Dieser Zustand hält 
iV 4 Jahr an. Ausgang Januar 1901 treten gehäuft 
Krämpfe auf, am 3. II. bis zu 19 Anfällen, Patient 
erhält Amylenhydrat; am 4. II. ohne Anfall, ganz 
stuporös, reagirt nicht auf Anrede. Am 5. II. Exitus. 
Wir sehen, dass alle ordinirten Mittel — ausgenommen 
Bromalin, das in diesem Falle gar nicht wirkte —- 
anfangs mit Erfolg angewendet wurden, schliesslich 
aber versagten. Mit Bromkalium wurde das meiste 
erreicht. Nach dem ersten Gebrauch des Bromipins 
verringerten sich die Anfälle, Patient w r urde psychisch 
freier, als er es war bei der Application von Brom¬ 
kali. Zum 2. mal angew-endet, trat gerade das Gegen - 
theil ein, die Anfälle häuften sich sehr, der Kranke 
wmrde bedenklich stuporös, erst nach Gebrauch von 
Bromkali wurde er von seinen epileptischen Insulten 
fast gänzlich befreit, bis er schliesslich nach längerer 
Zeit im Status epilepticus zu Grunde ging. 

Zimmermann hat das Bromipin bei 10 Pa¬ 


tienten in Dosen von 3 Theelöffel bis 4 Esslöffel ver¬ 
ordnet. Vor allen Dingen scheint ihm der Vortheil 
des Bromipins in dem Fehlen von Eruptionen von 
Seiten der Haut zu bestehen, sowie in dem Aus¬ 
bleiben von Magen-Katarrhen und Darmaffectionen. 
Nach seinen Angaben, denen sich auch Cr am er 
und Schulze anschliessen, soll es mehr auf die An¬ 
fälle wirken als die gleichwerthige Menge Bromkaliums. 
Letztgenannter Autor berichtet in seiner Dissertation 
über 6 Epileptiker, die er mit Bromipin behandelte. 
Es waren sämmtlich alte Fälle und dabei schwerer 
und schwerster Art. Er stieg allmählich, mit geringen 
Gaben beginnend, auf 20 — 25 gr, bei einem Patienten 
bis 35 gr pro Dosi. Hierauf wurden die Tagesgaben 
wrieder auf 25, 15, 10 gr vermindert Er konnte selbst 
bei Patienten, die seither täglich unter den heftigsten 
Anfällen zn leiden hatten, anfallsfreie Pausen bis zu 
14 Tagen beobachten. Gleichzeitig soll der geistige 
Zustand der Kranken eine wesentliche Besserung er¬ 
fahren haben, die auch nach Herabsetzung der Tages¬ 
dosen von Bestand blieb. Nach Schulze ist Bromi¬ 
pin in entsprechender Menge gegeben nicht nur dem 
Bromkali gleichwerthig an sedativer Kraft, sondern 
es hat sich als wirksamer erwiesen in Fällen, wo die 
Bromsalze versagten. K o t h e hat 6 Fälle von reiner 
genuiner Epilepsie mit Bromipin behandelt. In Fällen, 
in welchen das ölige Präparat per os nicht gern ge¬ 
nommen wird, verordnet er es in Form rectaler In¬ 
ject ion. Zu Anfang injicirt er 15 gr, steigt innerhalb 
6—7 Wochen auf 30 selbst auf 40 gr, jedoch immer nur 
bis zu jener Dosis, die hinreicht, die Convulsionen 
und etwaige Aequivalente zum Verschwinden zu bringen. 
Auf dieser Höhe bleibt er mindestens 2 —3 Wochen 
stehen, um dann in den nächsten 6— 7 Wochen zur 
ursprünglichen Dosis zurückzukehren. Diese Methode 
hat der Autor mindestens ebenso wirksam gefunden, 
als die Medication per os. Darmreizung oder sonstige 
unangenehme Nebenwirkungen werden auch bei dieser 
Darreichung nicht beobachtet. Nach Kothe be¬ 
seitigt Bromipin, in täglichen Gaben von 15—40 gr, 
bei Epileptikern angew r endet, sicher und für längere 
Zeit die Krampfanfälle und w'irkt direct günstig auf 
Psyche und Intelleet ein. Nicht ganz so günstig wie 
Schulze und Kothe spricht sich über die Bromipin- 
wirkung Laudenheimer aus. Seine Erfahrungen 
beziehen sich auf einige 30 Patienten. Um einen 
Maassstab für die antiepileptische Kraft des Mittels 
zu erhalten, substituirte er bei Kranken, die erfahrungs- 
gemäss.durch ein gewisses Tagesquantum Bromnatrium 
von ihren Anfällen befreit wurden, von einem be¬ 
stimmten Zeitpunkt an die dem Bromgehalt nach 
äquivalente Menge Bromipin. Dabei traten nach dem 


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1902.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


59 


Wechsel in mehreren Fällen, insbesondere wo vor¬ 
her hohe Bromsalzdosen zur Unterdrückung der An¬ 
fälle nöthig gewesen waren, von Neuem Anfälle auf, 
die selbst durch eine überwerthige Bromipindosis 
nicht unterdrückt werden konnten. Umgekehrt da¬ 
gegen kehrten niemals bei einem unter Bromipin an¬ 
fallsfrei gewordenen Patienten die Krämpfe wieder, 
wenn äquivalente Mengen Bromnatrium eingesetzt 
wurden. Sicher sprechen diese Versuchsresultate nicht 
für eine weit grössere Activität des Brommolecüls, 
welche Schulze und andere dem vermittels des Bromi- 
pins in den Körper gelangten Brom vindiciren. Lauden- 
heimer fand ferner, dass die ursprünglich von Winter¬ 
nitz vorgeschlagene Tagesdosis von höchstens 3 Thee- 
löffel voll, in Uebereinstimmung mit Binswanger 
viel zu niedrig gegriffen sei. Bei weniger als 2 Ess¬ 
löffel von io°/ 0 Bromipin pro die sah er überhaupt 
keine deutliche antiepileptische Wirkung; bei schweren 
Fällen stieg er sogar auf 4 Esslöffel. Selbst in diesen 
hohen Gaben wurde Bromipin wochenlang ohne jeg¬ 
liche Nebenwirkung vertragen. Dies bestätigen auch 
Verhoogen, Bodoni und Losio. Laudenheimer 
weist, um auch das noch zu erwähnen, darauf hin, 
dass Bromipin das einzige Brompräparat ist, das auch 
subcutan einverleibt werden kann, was unter Um¬ 
ständen, z. B. bei der Behandlung renitenter geistes¬ 
kranker Epileptiker, von Bedeutung sein kann. Er 
kommt zu dem Resultat, dass das neue Präparat, 
wenn es auch nicht ein den altbewährten Bromsalzen 
überlegenes Antiepileptikum ist, doch für eine Reihe 
leichter und mittelschwercr Epilepsiefälle therapeutisch 
ausreicht. Lorenz schliesslich berichtet über 34 
Fälle von Epilepsie, welche einer Behandlung mit 
Bromipin unterzogen wurden. Von diesen zeigten 
13 eine deutliche, mehr oder weniger beträchtliche 
Verminderung der Zahl der epileptischen Insulte 
während der ganzen Dauer der Behandlung. Eine 
vorübeigehende war bei 3 Patienten im Beginne der 
Medication aufgetreten, eine geringe Vermehrung der 
Anfälle wurde in 1 Falle beobachtet. Bei 17 Kranken 
erfuhr die Zahl der Anfälle gegenüber der früheren 
Behandlung keine Aenderung. In ähnlicher Weise 
wie die Anfälle wurde das Verhalten der Kranken 
im günstigen Sinne beeinflusst. Der Autor hat mit 
Bromipin bessere Erfolge erzielt als mit der Flechsig’- 
schen Opium- und Brombehandlung. 

Dass Bromipin sich ebenfalls wie die übrigen Brom¬ 
präparate bei denjenigen nervösen Zuständen, in denen 
das Brom überhaupt seine Heilkraft entfaltet, bewähren 
würde, war vorauszusehen. Dornblüth reichte 
Bromipin mit Erfolg gegen das nächtliche, nervöse 
Herzklopfen der Neurastheniker, das bereits nach 


mehrmaligen abendlichen Dosen von 1 Theelöffel voll 
des 10% Präparates sistirt wird. Wochenlange Bromi- 
.pingaben bewirkten in verschiedenen Fällen ein an¬ 
haltendes Ausbleiben dieser Erscheinungen. Es leistete 
ihm gute Dienste bei hysterischen Patienten, bei 
Patienten mit neurasthenischen Angst- und nervösen 
Erregungszuständen. Wolff glaubt, dass die Bedeutung 
des Bromipins hauptsächlich auf dem Gebiete der 
Bekämpfung nervöser, insbesondere hysterischer und 
neurasthenischerZustände liegt. Freusdorf ordinirte 
Bromipin mit Erfolg bei verschiedenen Fällen von ner¬ 
vöser Erregbarkeit, F reib erg bei unerträglichem Herz¬ 
klopfen und bei Schwindelanfällen, Bass bei quälenden 
nächtlichen Erectionen der Gonorrhoiker. Wulff ver- 
ordnete das Präparat erfolgreich bei nervöser Schlaflosig¬ 
keit, ferner gelegentlich einer 2 monatlichen Seereise 
auch gegen die Seekrankheit. In 2 Fällen wendete er es 
prophylaktisch an bei Passagieren, die ihm mittheilten, 
dass sie bisher noch bei jeder Seetour erkrankt seien, 
beide erkrankten nicht. Bei bereits ausgebrochener 
Seekrankheit zeigte Bromipin eine entschieden günstige 
Wirkung. Losio erzielte in einem Fall von seither 
erfolglos behandelter Trigeminusneuralgie mit diesem 
Mittel anhaltende Besserung. Man will endlich bei 
Anwendung von Bromipin Besserung gesehen haben 
bei Chorea, Paralysis agitans, Ischialgie und bei cere¬ 
bralen Formen der Neurasthenie. 

Auf Grund seiner unzweifelhaften Vortheile, die 
das Bromipin gegenüber den Bromsalzen dadurch be¬ 
sitzt, dass es keine Störungen des Verdauungstractus 
und keine Hauteruptionen hervorruft, wird man es 
anwenden bei Epilepsie in allen Fällen, in denen die 
leider so oft folgeschweren Erscheinungen des Bromis¬ 
mus weitere Bromsalzmedication verbieten, also bei 
schweren Erscheinungen von Seiten des Magendarm¬ 
kanals und bei hartnäckigen Fällen von Bromakne. 

Bromipin ist ferner zu empfehlen bei leichten, 
mittelschweren und frischen Fällen von Epilepsie, 

zu versuchen in Fällen, bei denen man mit Brom¬ 
salzen keine nennenswerthe Erfolge erzielte. 

Bei nervösen Beschwerden der verschiedensten 
Nervenkrankheiten und der Neurasthenie leistet es 
gleich den andern Brompräparaten ausgezeichnete 
Dienste. 

Von fast säramtlichen Patienten wird das 10% 
Bromipin ohne Widerwillen eingenommen, es erinnert 
bezüglich seines Geschmackes und Geruches in keiner 
Weise an Brom. Um seinen öligen Geschmack zu 
verdecken, versetze man das Präparat mit einer Spur 
01 . Menth, pip., oder reiche es in warmer Milch. 
In Fällen, in denen es aus diesem oder jenem Grunde 
per os nicht gegeben werden kann, empfiehlt sich die 


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6o 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 5. 


rectale oder subcutane Injektion. Sollen hohe Dosen 
in Anwendung kommen, so verordne man das 3378 % 
Bromipin in Kapseln oder applicire dasselbe per Rectum. 


Benutzte Litteratur über Bromipin. 

1. Bass, A. Ein Beitrag zur Anwendung des Bromipins, 
Allgem. Wiener Medicinische Zeitung 1900, Nr. 41. 

2. Bodoni. Das Bromipin in der Behandlung der Epilepsie, 
Riv. di pat. nerv, e ment. Fase. IX. 1899. 

3. Cramer. Versuche mit dem Bromipin bei Epileptikern, 
Neurol. Centralblatt 1899, Nr. 11 — und Allgemeine Zeit¬ 
schrift f. Psychiatrie, Band 56. 

4. DornblUth. Ueber Bromipin Merk, Aerztliche Monats¬ 
schrift 1899, Heft 5. 

5. Freiberg. Ueber Bromipin Merk, Medico, 1901, Nr. 44. 

6. Frensdorf. Zwei neue Heilmittel, Bromipin und Jodipin, 
Der practische Arzt 1900, Nr. 5. 

7. Gessler. Zur therapeutischen Wirkung des Bromipins, 
Württemb. Medicinisches Correspondenzblatt 1898, Nr. 46. 

8. Hesse. Ueber Bromipin und seine therapeutische Be¬ 
deutung, Allgem. Medicin. Central-Zeitung 1900, Nr. 21. 

9. Hirsch ko in. Die Therapie der Nervenkrankheiten, Wien 
1900, 

10. Kothe. Zur Behandlung der Epilepsie, Neurol. Central¬ 
blatt 1900, Nr. 6. 


11. Laudenheimer. Ueber einige neuere Arzneimittel und 
Methoden zur Epilepsiebehandlung, Therapie der Gegen¬ 
wart. Juli 1900. 

12. Laudenheimer. Ueber den Chlor- und Bromsalzstoff¬ 
wechsel der Epileptiker, Monatsschrift für Psychiatrie und 
Neurologie 1901, X. 3. 

13. Leubuscher. Beiträge zur Kenntniss und Behandlung 
der Epilepsie, Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie 
1899, Bd. V, Heft 5. 

14. Lorenz. Zur Behandlung der Epilepsie mit Bromipin, 
Wiener klinische Wochenschrift 1900, Nr. 44. 

15. Los io. Bromipina e Jodipina, Gazzetta medica, delle 
Marche 1899, 1 und 2. 

16. Schulze. Einige Versuche über die Wirksamkeit des 
Bromipins bei Epilepsie, Inauguraldissertation, Göttingen 
1899. 

17. Verhoogen. Sur le traitement de l’Epilepsie. Journal 
mldical de Bruxelles 1900, Nr. 45. 

18. Wolff. Einige Erfahrungen über Bromipin, Allgemeine 
Medicinische Central-Zeitung 1901, Nr. 35. 

19. Wulff. Die Wirkung des Bromipins, zugleich ein Beitrag 
in Bezug auf die Seekrankheit, Aerztliche Monatsschrift, 
1899, Heft 11. 

20. Zimmermann. Ueber die Anwendung eines neuen 
Brompräparates, Bromipin, Allgemeine Zeitschrift für Psy¬ 
chiatrie Band 56, — Neurol. Ceptralblatt 1899, Nr. 11. 


Mittheilungen. 


— Jahresversammlung des Vereins der 
Deutschen Irrenärzte in München, 14. und 

15. IV. 1902. Fortsetzung. Vorträge. 

Vorschläge zur Schaffung einer Centralstelle für 
Gewinnung statistischen Materials über die Be¬ 
ziehungen der Geisteskranken. Referent: Herr Prof. 
Dr. Ho che in Strassburg i. E. (Dieser Vortrag er¬ 
scheint demnächst in der Wochenschrift). 

)Discussion zum Vortrag Hoche. 

Herr Pelman schlägt dem Verein vor, die Anträge 
Hoche’s anzunehmen. In Bezug auf die Personen¬ 
frage möchte er in erster Linie den Vortragenden 
in Vorschlag bringen, dann ein Mitglied des Vorstandes, 
und zwar im Hinblick auf die räumlichen Verhältnisse 
Herrn Fürstner. Auch die Summe könnte etwas 
reichlicher bemessen und vielleicht auf 400 M. zu 
erweitern sein. 

Herr Siemens: Ich möchte auch dringend em¬ 
pfehlen, die Anträge H.’s anzunehmen. Da der Press¬ 
firma, welche das Material liefern soll, immerhin das 
eine oder das andere Vorkommniss im Reiche ent¬ 
gehen kann, möchte ich die Vorschläge dahin erweitern, 
dass auch Sie alle, m. H. Coli, im ganzen Reich, 
sich mit Eifer an der Sammlung authentischen Materials 
unaufgefordert betheiligen möchten. 

Herr Jolly schliesst aus dem Beifalle, den der 
Vortrag des Red. gefunden hat, dass auch diese Vor¬ 
schläge allgemeine Zustimmung finden werden. Auch 
der Vorstand sei der Meinung, dass ein Vorgehen 


in diesem Sinne wünschenswerth sei. Als Name für 
die betreffende Commission sei vorzuschlagen: „Statisti¬ 
sche Commission.“ Die Delegation eines Vorstands¬ 
mitglieds in die Commission müsse in dem Sinne er¬ 
folgen, dass dieses Mitglied in allen Fällen, in welchen 
activ die Presse benutzt werden solle, die Entscheidung 
zu treffen haben. 

Herr Pelman bittet, seinem Vorschläge noch 
den Zusatz zu geben, dass der zu wählende Ausschuss 
das Recht der Cooptation erhalte. 

Herr Hoche dankt den Herrn Vorrednern für 
ihre zustimmenden Worte. Die Interessirung aller 
deutschen Irrenärzte für die Sammlung würde von 
Seiten der Centralstelle durch besondere Aufforde¬ 
rungen, die event. in geringen Zwischenräumen zu 
wiederholen wären, zu erfolgen haben. Die activen 
Mitglieder der Commission wären am besten auf ver¬ 
schiedene Bezirke Deutschlands zu vertheilen. H. 
selbst ist gerne bereit, eine auf ihn fallende Wahl 
als Mitglied der geplanten „statistischen Commission“ 
anzunehmen. 

Die Versammlung beschliesst, dass eine statistische 
Commission eingesetzt werden soll. Es wird zunächst 
Herr Hoche gewählt mit dem Rechte, weitere Mit¬ 
glieder zu cooptiren. Als Vorstandsmitglied wird* 
Herr Fürstner in die Commission delegirt. 

Herr Fürstner: Ich bin bereit die Hemmschuh- 
Rolle zu übernehmen, wenn es mir gestattet ist, die 
practische Ausführung von dem Beschlüsse des Vor¬ 
standes abhängig zu machen. 


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P 5 YCH 1 ATR 1 SCH-NFAJROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. ( i 


Discussion zum Vortrag Flirstner. 

(siehe Mittheilungen in No. 4) 

Herr Schüle: Der soeben gehörte Vortrag, ist 
so reich in seinem Inhalt, dass es unmöglich erscheint, 
auf alle Punkte einzugehen. Redner müsse deshalb 
nur das eine hervorheben, für das sein Namen auf¬ 
gerufen wurde. Er kann nach seiner summarischen 
Erinnerung bestätigen, dass auch ihm die eigentlich 
schweren pathologisch-anatomischen Befunde bei Para¬ 
lyse nicht mehr so häufig zu Gesicht kommen als 
früher. Er möchte übrigens diese pathologisch-ana¬ 
tomische Seite der Paralyse-Frage nicht für sich be¬ 
trachtet und verglichen wissen, sondern auch immer 
in Beziehung zur Aetiologie. Stadt- und Landbe¬ 
völkerung haben im Grossen und Ganzen verschiedene 
Ui suchen zur paralvstischen Erkrankung; danach wird 
sich auch die Verschiedenheit in Form und Intensität 
des anatomischen Prozesses richten. Ferner kann 
Redner — allerdings abermals in summarischem Ueber- 
schlag — dem Satz des Vorredners beitreten, dass 
der tabische Rückenmarksbefund keineswegs der prae- 
valirende ist, vielmehr die combinirte Rückenmarks¬ 
erkrankung. 

Für sehr wichtig hält Redner mit dem Vor¬ 
tragenden die genauere Erforschung der klinischen 
und anatomischen Frage der sogen. Pseudoparalyse, • 
und zwar ausser nach der diagnostischen und pro- 
gostischen Seite, namentlich nach ihrer Bedeutung 
für die Therapie und spec. für die Pathogenese. Wie 
wenig genaues wir darin wissen, trotz der jahielangen in¬ 
tensiven makro- u. mikroskopischen Arbeit, erhellt schon 
daraus, dass bekanntlich alle histologischen Bestandtheile 
des Gehirns der Reihe nach für die letzte Ursache des 
Paralyse-Prozesses verantwortlich gemacht und immer 
wieder verlassen wurden. Gerade aber durch die 
genauere Kenntniss der Pseudo-Paralyse, in welcher 
die Natur gleichsam das Gegenexperiment einer heil¬ 
baren Paralyse uns vorlegt, würden wir nach dieser 
interessantesten Seite unserer Erkenntniss tiefer zu 
dringen lernen. Spec. die alkoholistische Gruppe der 
Pseudo-Paralyse habe der Vortragende nach des 
Redners Ansicht klinisch differentiell richtig und scharf 
gezeichnet. Redner empfiehlt den Aufruf des Vor¬ 
redners zu einem gemeinsamen Vorgehen in dieser 
Frage genauester Einzelforschung angelegentlich. Zum 
Schluss erwähnt er die von ihm früher schon 
veröffentlichte Beobachtung, wo eine klinisch- 
symptomatologisch in jeder Hinsicht gesicherte Para¬ 
lyse nach Auftreten von einer Otitis media mit reich¬ 
lichem Eiterausbruch zurücktrat und jetzt seit 20 
Jahren nicht wiedergekehrt ist. Der betr. Offizier 
hat sich verheirathet und ist bisher gesund geblieben. 

Herr Gau pp: Das Krankheitsbild, das Herr F. 
heute als echte Pseudo-paralyse beschrieben hat, hat 
die Heidelberger Schule bei ihren jährlichen Nach¬ 
forschungen nach dem Schicksale ihrer früheren 
Kranken ebenfalls kennen gelernt. Er weist genau 
die Züge auf, welche Herr F. geschildert hat: an¬ 
scheinend typische Symptome körperlicher und psy¬ 
chischer Art, aber keine Progression. Die Schaffer¬ 
sdien Untersuchungen, die Herr F. kurz erwähnte, 
werden in einer Kritik, die Nissl im Centralblatt für 


Nervenheilkunde über das Buch veröffentlichen wird, 
als nicht beweisend dargethan werden Ich möchte 
an den Herrn Vortragenden die Frage richten, ob er 
jetzt auch der Ansicht ist, dass der paralytischen 
Pupillenstarre spinale Veränderungen zu Grunde liegen, 
und dass die Opticus-Atrophie nur bei den tabischen 
Paralysen, nicht bei den Formen mit reinen Seiten¬ 
strangs- oder gemischten Strangerkrankungen vorkommt. 
Als ich 1898 diesen Standpunkt vertrat, fand ich bei 
den Fachgenossen wenig Beifall. Seither haben sich 
die Stimmen gemehrt, die meine Auffassung von der 
spinalen Localisation der Pupillenstarre und der 
tabischen Natur der Opticus-Atrophie theilen. 

Herr J olly erörtert zunächst die Fiage, ob eine 
Aenderung des Bildes der Paralyse im Sinne Mendels 
anzunehmen ist. Er ist der Meinung, dass die Aende¬ 
rung nur darin beruhe, dass die Fälle der dementen 
Form zugenommen hätten, dass dies aber z. T. auf 
der Erweiterung der Diagnose beruhe. Robertson’- 
sche und Westphal’sche Phänomen seien erst in der 
2. Hälfte der 70er Jahre bekannt und seitdem all- 
mählig für die Diagnose der Paralyse verwerthet w orden. 
Mit der Zunahme dieser Diagnose sei auch das Bild 
der Paralyse verschw-ommener geworden, und dadurch 
einerseits eine relative Veränderung der anatomischen 
Befunde, andererseits das Bedürfniss, Pseudoparalysen 
zu unterscheiden, zu Stande gekommen. Bezüglich 
der pathalogischen Befunde bestätigt J. das seltene 
Vorkommen des Haemotoms der Dura, dies sei aber 
auch früher selten gew esen. Es sei möglich, dass 
gelegentliche Häufung in früherer Zeit traumatisch 
zu erklären sei als Resultat der Zellenbehandlung. 
Eine absolute Abnahme des Vorkommens der Ven¬ 
trikelerweiterung und der Ependymitis kann J. nicht 
constatiren, bezüglich der Pseudoparalyse bestätigt er 
das Vorkommen von Fällen, wie sie der Referent 
zuletzt angeführt hat, er möchte aber auch die syphi¬ 
litische Pseudo-Paralyse nicht ganz beseitigen, da 
vereinzelte Fälle vorkämen, in welchen bei ganz 
typischer Form der Paralyse durch Quecksilberbe¬ 
handlung Heilung oder dauernde Besserung erzielt 
wurde. 

Herr Hitzig hält es nach seinen Erfahrungen 
für zweifelhaft, ob der Verlauf und der Symptomen - 
komplex der Paralyse gegen früher sich wesentlich 
geändert hat, will jedoch sein Material —- gleich Jolly 
— nach dieser Richtung hin prüfen lassen. 

Herr Jolly antwortet auf eine Frage des Herrn 
Schüle, dass er durchaus keine besonderen Modifika¬ 
tionen der Quecksilberbehandlung vorgermmmen, son¬ 
dern die gewöhnliche Schmierkur angewendet habe. 
Die günstigen Fälle seien selbstverständlich selten, aber 
sie prägten sich eben deshalb um so mehr dem Ge¬ 
dächtnis ein. 

Herr Fürstner (Schlusswort): Es lässt sich gewiss 
nicht leugnen, dass zunächst der subjective Eindruck 
bei dieser Frage eine grössere Rolle spielt, als das 
objective Beweismaterial. Wir werden aber zunächst 
auf Grund der ersteren gewisse Resultate abstrahieren 
und dann dieselben mit letzteren vergleichen. 

Was die Lues-Fälle angeht, so meine ich, dass 
die Fälle, wo die specifische Behandlung Heilung er- 


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62 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 5. 


zielte, nicht Paralysen waren, sondern Fülle von cir- 
cumscripten Veränderungen, die das Bild der Para¬ 
lyse vortfuischten. Bei letzteren selbst habe ich auch, 
wo Lues feststand, keinen Erfolg mit Schmierkuren 
gehabt. Die Haematome durchaus als traumatisch 
aufzufassen, erscheint mir nicht gerechtfertigt. Die 
gleichzeitige hochgradige Atrophie scheint dafür zu 
sprechen, dass auch der Krankheitsprozess eine Rolle 
spielt. 

Bezüglich der Optikus-Atrophie glaube ich , dass 
sie nur bei reinen Tabesfüllen, nicht bei kombinirten, 
vorkommt. Die Pubillcnstarre wird in manchen Füllen 
abhüngen von spinalen Veränderungen* in anderen 
aber von cerebralen. Nur die Sprachstörung würde 
in ersteren noch cerebral sein. 


Referate. 

— P. I. Möbius. Ueber den physiologischen 
Schwachsinn des Weibes. 3. Aufl. *) Halle a. S. 
Carl Marhold. Preis 1,50 Mk. 

Das für eine wissenschaftliche Brochüre seltene 
Glück, in kurzer Zeit mehrere Auflagen zu erleben, 
dürfte in diesem Fall nicht zum wenigsten in dem 
eigenartigen, ins Auge fallenden Titel zu suchen sein, 
sodann darin, dass der behandelte Gegenstand schon 
lange weitere Kreise bewegte, die fraglos geistreiche 
Art der Behandlung des Thema alter durch viele Be¬ 
hauptungen und Hypothesen zahlreiche Conterversen 
verursachte. Hinzugefügt wurden hier ein 31 Seiten 
langes Vorwort und der Abdruck verschiedener Kritiken. 
Das Vorwort führt in des Verfassers. bekannter an¬ 
regenden Weise dessen besonderen Standpunkt noch 
weiter aus und bildet so gewissermassen eine weitere 
Ergänzung der Schrift selbst; wir ersehen auch aus 
ihm, dass M/s Philippikst gegen die Frauenbewegung 
sich vorzugsweise gegen die unnatürlichen, unweiblichen 
Emanzipationsbestrebungen richtete. Den Individualis¬ 
mus des Weibes nennt M. pathologisch, auf Nervo¬ 
sität beruhend; man könnte ihn auch als Theil der 
Degeneration bezeichnen (Ref.). Merkwürdig erscheint, 
dass die Aufhebung der Frauenklöster als ein Verlust 
für die Frau bezeichnet wird; ebenso eigenartig berührt 
der Satz: „Die Lüge ist durchaus berechtigt, so lange 
es sich um Nothwehr handelt u. s. w.“ andererseits 
tadelt er aber die Lüge beim Weibe. Auch sonst 
findet sich noch Manches, was als Widerspruch auf¬ 
fällt. — Die eigentliche Schrift wird unverändert 
wiedergegeben und giebt keinen Anlass, an der 
früheren Besprechung in dieser Zeitschrift etwas zu 
ändern. Kellner- Hubertusburg. 

— Edel. U eb c r be merk en swerthe Se 1 bst- 
be schädigungsversuche. Berl. Klin. W.-Sehrift. 
11)02, IV. Verf. berichtet unter Anderem über einen 
Vergiftungsversuch mit 5 Milligramm Atrop. sulfur. 
An denselben sc hloss sic h ein hochgradiger Angstzu¬ 
stand mit ausserordentlicher Erregung, in welcher die 
Kranke um sich schlug und biss. Unter den Sinnes¬ 
täuschungen traten Gefühlsstörungcn besonders in den 
Vordergrund: sie glaubte sich gestochen und mit 

*) soeben in 4 . Aufl. erschienen. 


Messern bedroht. Beruhigung und relative Luc iditüt, 
trat schon nach der 1. Nacht und nach Injection 
von 0,01 Morphium ein, indess bestajid noch in der 
2. Nacht ein ausserordentlic h lästiges Hautjucken und 
das Gefühl, von Ungeziefer gestochen zu sein. Mattig¬ 
keit und Klagen allgemeiner Natur, besonders seitens 
des Digestionsapparates, waren noch längere Tage 
vorhanden. E. lobt die Anwendung von Morphium, 
das in diesem Fall 2111a! zu je 0,01 gr. injicirt wurde. 

Kellner (Hubertusburg). 

— Rivista sperimentale di Freniatria. Vol. XXVII. 
(Fast'. I und II), Organ der italienischen Gesellschaft 
für Psychiatrie (Socictä Freniatrica Italiana), unter 
Direction der Professoren Tamburini, Golgi, Morselli, 
Tamassia, Tanzi, redigirt von Dr. G. C. Ferrari. 

Reggio Emilia. 1901. Verlag Stefano Calderini 
Sohn. Gross 8 0 öbo S., 14 Tafeln. (Fortsetzung.) 

Unter den Mittheilungen ist eine solche von 
A. Tamburini (194—202) über Psychosen mit emo¬ 
tivem Ursprung wegen ihren wirtschaftlichen Folge¬ 
rungen von grossem Interesse. Die Basis zu den 
Ausführungen bietet ein Fall von Abneigung gegen 
die Entlassung nach Hause, einem Symptom, das schon 
1881 von Salerni Pace „Oicophobie“ genannt wurde. 
Aehnliche Fälle wurden auch von Verga (1882—83) 
und Ferrari (1897) beschrieben und kritisch beleuchtet. 
Bei Tamburinis Fall handelt es sich um eine ledige 
Bäuerin von 47 Jahren in Reconvalescenz einer Manie, 
die bei der zufälligen Bemerkung des Arztes, sic 
könne bald heimgehen, in eine intensive Angst ver¬ 
fällt, zwei Monate mit der Sonde ernährt werden 
musste und Symptome von Stupoi zeigte. Nach und 
nach kommt sie wieder zu sich, zeigt aber Tics und 
stereotypes Lächeln; Tamburini glaubt, dass es sich 
um einen Fall von Venturis „Pazzia delF uomo soc i¬ 
ale“ handelt, wie sie hervorgehen aus der Unfähigkeit 
für den Kampf ums Dasein. Es sei eines jener 
immer zahlreicher werdenden Geschöpfe, die instinctiv 
den Schutz der Irrenanstalt suchen, wo sie ein regel¬ 
mässiges Leben ohne Initiative und Verantwortung 
führen können. Schon die trübe Aussicht diesen Schutz 
nicht mehr zu haben, bringt sie aus dem Gleichgewicht. 
„Das moderne Irrenhaus“ ist also das Mittel um so 
viele dieser Unglücklichen vor grösseren Uebeln zu 
schützen, worunter der Selbstmord und schwere Re- 
actionshandlungen gegen andere zu nennen sind, wo¬ 
zu sich auch die Schwachen manchmal gedrängt 
fühlen.“ Aber das moderne Irrenhaus hat die Auf¬ 
gabe diese Kräfte durch Arbeit für sich und die 
Gesellschaft nutzbar zu machen. Tamburini hält das 
amerikanische System für das Beste, nach welchem 
jedes Irrenhaus, eben durch die Arbeit dieser social 
unbeholfenen Elemente, sich selbst erhalten sollte. Er 
glaubt auch, dass die Zunahme der Irren in den 
letzten Jahrzehnten auf dem vermehrten Zufluss solcher 
Elemente zum Irrenhaus beruhe. Man sollte daher 
die Irrenhäuser durch Dotation mit Werkstätten und 
agricolen Colonien als Arbeitsfelder ausstatten, wo 
diese Arbeitskräfte Verwendung finden könnten. Ref. 
hält dies für eine glückliche Idee die auch auf Ver¬ 
hältnisse anderer Länder Anwendung finden sollten. 


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1902*.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 63 


Von den Originalarbeiten zeichnen sich durch die 
originellen Methoden, die dabei zur Anwendung kamen, 
die interessanten Resultate und die allgemein patho¬ 
logische Bedeutung, die experimentell -patho¬ 
logischen Untersuchungen von Dr. Carlo 
Ceni in Reggio-Emilia über Reproductionskraft und 
Vererbung bei der experimentellen Pellagra aus. Re¬ 
ferent betont ihre Bedeutung besonders für ähnlich e 
Untersuchungen mit exogenen Giften (Al- 
cohol, Morphium). 

Ceni experimentirt am Huhn, weil es sich zu der¬ 
artigen Untersuchungen besonders eignet, weil seine 
Zeugungsproducte zu jeder Zeit in den verschiedensten 
Stadien der Entwicklung untersucht werden können. 
Auch kann die Zahl der Beobachtungen beliebig ge¬ 
steigert werden. Besonders wichtig ist, dass man zahl¬ 
reiche Beobachtungen in den ersten Entwicklungs¬ 
stadien machen kann. 

Die Einführung des pellagrösen Virus geschah auf 
dem natürlichen Wege der Ernährung mit verdorbenem 
Mais in Form von Körnern, Mehl und auch schim¬ 
meligen Maisbrei. In drei verschiedenen Hühnerställen 
wurden je ein Hahn und sieben Hennen, junge Thiere 
von der Landrasse, einer verschiedenen Ernährung 
unterworfen: Im Stall A lediglich mit verdorbenem 
Mais, im Stall B mit gemischter Nahrung von ver¬ 
dorbenem Mais und normalen Nahrungsmitteln, im 
Stall C mit gutem Mais und anderer normaler Nahrung 
zum Controllversuch. 

Schon eine achtmonatliche Beobachtung (Juli 189Q 
bis Februar 1900) dieser verschiedenen Emährungs- 
bedingungen unterworfenen Hühner zeigte, dass 
zwischen den Experimentthieren und Controllthieren 
deutliche Unterschiede auftraten. Die „Pellagrahühner“ 
(Stall A u. B) wurden nach und nach kachcktisch, 
Hessen Gewichtsabnahme (bis 600 gr.), rauhe runzelige 
Hautveränderungen mit stellenweisen erythematösen 
Flecken, Federausfall, Abnahme des Metallglanzes 
(Hähne) der Federn, ziegelfarbene Verfärbung und 
Anaemie der Kämme nachweisen. Bei verschiedenen 
Exemplaren der Experimentierhühner traten auch 
Diarrhoeen und Appetitlosigkeit während einiger Tage 
ein, dagegen nie wesentliche Aenderungen im psy¬ 
chischen Verhalten. 

Die Zeugungsfähigkeit betreffend war schon von 
vornherein auffallend, dass die „Pellagra-Hühner“ erst 
im April begannen Eier zu legen (im März nur ein 
Ei), während die Controllhülmer damit schon im 
Dezember begonnen hatten. Die Proliferationsperiode 
(Zeit des Eierlegens) dauerte bei den ersten bis Sep¬ 
tember, bei den andern bis October. Auch die Durch¬ 
schnittszahl der gelegten Eier für jede Henne war für 
die beiden Abtheilungen verschieden (Controllhenne 
98, Pellagrahenne 19). 

Die rein klinische Beobachtung ergab also, dass 
die Fütterung mit verdorbenem Mais, die Sexualperi¬ 
ode der Hühner verkürzte und die Sexualprodukte 
verminderte. Bevor wir zu den Resultaten der em¬ 
bryologischen Untersuchungen übergehen, möge noch 
der Verlauf und Ausgang der Erkrankung näher be¬ 
trachtet werden, die dem Ref. von kritischem Werte 
zu sein scheint. 

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Die im Februar 1900 deutlich, gewordene krank¬ 
hafte Veränderung der Hühner A u. B steigerte sich 
noch successive bis im Mai. Besonders ausgesprochen 
war sie bei hellfarbigen Hühnern, bei welchen in zwei 
Fällen ein der menschlichen Pellagra sehr ähnliches 
desquamatives Ervthem an freien Stellen sichtbar 
war. Vom Mai an klangen die Erscheinungen nach 
und nach ab und zwar trotz fortgesetzter Ernährung 
mit verdorbenem Mais. Vom Monat October weg 
nahmen die Hühner an Gewicht zu und schon im 
Dezember hatten sie trotz der schlechten Maisnahrung 
das Aussehen gesunder Hühner gewonnen und die 
Hähne zeigten sogar Metallglanz. Nur eine der hell¬ 
farbigen Hennen mit Erythem erlag Ende August der 
Krankheit und bot bei der Autopsie folgenden Be¬ 
fund: „Ausgesprochene Muskelatrophie besonders der 
Pectorales, leichte Hyperaemie der Pia und der Hirn¬ 
substanz, leichte Fettdegeneration des Myocards. S uba - 
cuter, diffuser D ün ndarmcatarrh mit allge¬ 
meiner Hyperaemie des Intestinaltractus. Niere und 
Lungen gesund. Bakteriologischer Befund negativ. 

Ceni betont noch speziell, dass die beobachteten 
Phänomene mit denjenigen, die Lombroso an Hühnern 
fand, die einem ähnlichen Regime unterworfen waren, 
übereinstimmen. Nur sah er nie weder Convul- 
sionen noch Contracturen und andere moto¬ 
rische Symptome. 

Die sowohl von Controll- als von „Pelagrahühnem“ 
gelegten Eier wurden nur zum Theil durch Gluck¬ 
hennen ausgebrütet, zum Theil eine bestimmte Zeit 
lang im Brutofen gehalten, um verschiedene Stadien der 
Entwicklung zu studiren. Die Resultate waren folgende: 

Von den Controlleiern zeigten 88,12 %, von den 
Eiern der „Pellagrahühner“ blos 29,92 °/ 0 eine nor¬ 
male Entwicklung. Die Vorgefundenen Abnormitäten 
bestanden in granulösen und evstösen Degenerationen 
der Keime, Abwesenheit jeglicher Entwicklung oder 
Verlangsamung derselben (um 12—20 Stunden ver¬ 
spätet), auch Absterben in früheren Entwicklungs¬ 
stadien (50—70 Stunden), teratogene Bildungen wie 
retroflexio capitis, Fehlen beider Hemisphärenbläschen, 
Atrophia capitis, Monophthalmus, Blutergüsse in den 
Hirnblasen, Amnionhydrops. 

Von den siebzehn von der Gluckhenne bebrüteten 
„Pellagraeiern“ blieben neun steril, die ausgeschlüpften 
acht Hühnchen waren wenig lebhaft, zwei davon starben 
in den ersten drei Tagen, die übrigen zeigten verlang¬ 
samte Entwicklung bis zum sechsten Monat. Sechs 
Controlleier ergaben dagegen fünf normale Hühner. 

Höchst interessant ist eine gewisse Progredienz 
der Degenei ation, indem von den April- und Mai- 
Eiern .56,32 °/ 0 (auch bei den „Pellagraprodukten“) 
normale Entwicklung zeigten, während August- und 
September-Eier gar keine normalen Embryonen er¬ 
gaben. Ceni meint, es handle sich mehr um eine 
Folge der physiologischen Abnahme der geschlecht¬ 
lichen Productionskraft, deren grössere Schwäche sich 
durch eine vermehrte Empfänglichkeit gegenüber patho¬ 
logischen Momenten documentirt, als um Zunahme der 
pathologischen Anlagen, w r elche durch die zu dieser 
Zeit schon eintretende Erholung wieder ausgeglichen 
w ürde. 

Original fram 

HARVARD UNIVERSITY 



64 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 5 - 


Ceni zieht aus seinen Experimenten den Schluss, 
dass die Ernährung von Oviparen mit verdorbenem 
Mais sowohl auf die Reproductionsorgane als auf ihre 
Produkte Einfluss haben kann, der sich documentirt als: 

I. Erschöpfung der Keimfähigkeit (Sterilität, 
verlangsamte und partielle Entwicklung und 
Absterben.) 

II. Entwicklungshemmungen. 

III. Hereditäres Siechthum, besonders der Gefässe. 
(Hacmorrhagien). 

„Ueber den Character der teratologisch heredi¬ 
tären Thatsachen bei der experimentellen Pellagra“ 
betitelt sich der zweite Theil seiner Arbeit (pag. no), 
worin das rein embryologische abgehandelt wird. Ceni 
beschränkt sich dabei auf die drei hauptsächlichsten 
Anomalien, die er bei Pellagraembryonen entdeckt hat: 

I. Monophthalmie, die er als im wahren Sinne 
des Wortes hereditär bedingt ansieht, und nicht etwa 
als Abweichungen von der normalen Entwicklung be¬ 
dingt durch accidentelle Momente. 

II. Die punktförmigen Haemorrhagien sollen Folgen 
einer Gefässerkrankung sein und oft den frühzeitigen 
Tod des Embryos herbeiführen, indem sie acciden¬ 
telle Zerstörungen und deren Folgen nach sich führen. 
Es handle sich um einen allgemeinen krankhaften 
Zustand des primitiven Gefässsystems auf here¬ 
ditärer Basis. 

III. Die Ancncephalie mit compensiiender Ma- 
krophthalmie soll nach Ceni eine Folge der mangel¬ 
haften Entwicklung der Amnionfalte auf hereditärer 
Basis sein. Durch die Verkümmerung dieses Adnexes 
wird das vordere Ende und damit das Gehirn am 
Wachsthum nach vom verhindert und die seitlich 
stehenden Augenblasen treten stärker hervor und 
wachsen. 

Ref. bemerkt noch, dass die genialen Ideen in dieser 
Arbeit nicht an innerm Werth verlieren, wenn auch dei 
Beweis, dass die hier vorliegenden Krankheitszustände 
wirklich Pellagra sind, nicht als erbracht betrachtet werden 
kann. Es musste ausgeschlossen sein, dass eine En¬ 
teritis aus andern Ursachen nicht zu ähnlichen Be¬ 
obachtungen Anlass geben könnte. Zum mindesten 
wäre es wünschenswerth gewesen, wenn Controllhühner 
mit Enteritis ohne verdorbene Nahrung oder 
wenigstens ohne verdorbenem Mais zum 
Vergleich herangezogen worden wären. 

Dr. med. D. Bezzola. 

Ri vista speri mentale di Freniatria 
Vo 1. XXVII Fase. I. 

Verzeichniss der Originalarbeiten. 

Schupfer-Ferruccio: Ueber Kopftetanus. 

Gonzales-Piero: Ein Fall von diffuser Ichthyosis 
bei einem Imbecillen. 


Ugolotti-Ferdinando: Beitrag zum Studium der 
Pyramidenbahnen beim Menschen. 

Mingazzini-Giovanni: lieber die Symptomatologie 
der Verletzungen des Linsenkerns. 

Ceni-Carlo: Untersuchungen über die Zeugungs¬ 
kraft und die Erblichkeit bei der experimentellen 
Pellagra. 

Ceni-Carlo: Ueber den Character der teratologischcn 
Thatsachen bei der experimentellen Pellagra. 

Donaggio-Arturo: Ueber die Anwesenheit dünner 
Fibrillen zwischen den Maschen des peripheren Reti- 
culums der Nervenzelle. 

Lo Monaco-Domenico e Tomassi-Felice: Ueber 
die Physiologie der inner» Oberfläche des Gehirns. 

Sperino-Giuseppe: Das Gehirn des Anatomen 
Carlo Giacomini. 

Cavazzani-Emilio: Ueber den negativen Einfluss 
einiger Lymphagogen auf die Bildung der Cerebro¬ 
spinalflüssigkeit 

Vaschide N. e VurpasCl.: Von einigen characte- 
ristischen Stellungen somatisch-pathologischer Intro- 
spection (Innenbetrachtung). 

Rivista speri mentale di Freniatria. 

Vo 1 . XXVII Fase. II. 

Verzeichniss der Originalarbeiten. 

Ferrai-Carlo: Ueber die sensorielle Compensation 
bei Taubstummen. 

Ceni-Carlo : Ueber die Pathogenese desOthämaloms 
bei den Irren. 

Schupfer-Fcrruceio: Ueber Kopftetanus (Fortsetzung 
und Ende). 

Rossi-Cesare: Ueber die Dauer des elementaren 
und unterscheidenden psychischen Processes (einfache, 
Unterscheidungs- und Wahlreaction) bei den Taub¬ 
stummen. 

De Pastrovich-Guglielmo: Hypoglossuslähmung aus 
wahrscheinlich alcoholischer Ursache. 

Guizzetti-Pietro: Neuer Fall von tötlicher Chorea 
mit Septico-Pyämie durch Staphvlocoecus pyogenes 
aureus. 

Bellei-Giuseppe: Ueber die intellectuelle Fähigkeit 
von Knaben und Mädchen, die die fünfte Elementar¬ 
klasse besuchen. 

Ferrari-Giulio-Cesare: Einfluss der Gemütsbe¬ 
wegungen auf die Entstehung und den Verlauf der 
Delirien und einiger Psychosen. 

Mingazzini-Giovanni: Ueber die Symptomatologie 
der Verletzungen des Linsenkems (Fortsetzung). 

Lo Monaco-Domenico e Tomassi Felice: Ueber 
die Physiologie der inneren Oberfläche des Gehirns. 

Tamburini-A., Badaloni-G., Brugia-R.: Individual¬ 
psychologische Forschungen bei einem Fall von bürger¬ 
licher Unfähigkeit (Dispositionsunfähigkeit). 

Sperino-Giuseppe: Das Gehirn des Anatomen Carlo 
Giacomini. (Fortsetzung und Schluss). 


Hir den redactionellen Theil verantwortlich : Oberarzt Dr. J. Brcsler Kraschnitz, (Schlesien). 

Erscheint jeden Sonnabend — Schluss der Inscratenannahmc 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marhold in Halle a. S 

Heynemann’sche Buchdruckerei (Gebr. Woiff) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch-Neurologische 

Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internationales Correspondenzblatt für Irrenärzte und Nervenärzte. 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervorragender Fachmänner des In- und Auslandes 

herautKegeben von 

Director Dr. K. Alt, Prof. Dr. G. Anton, Prof. Dr. Bleuler, Prof. Dr. L. Edinger, Prof. Dr. A. Guttatadt, 

UrhtApnnt» (AUmarlr. Gra*. Zürich. Frankfurt a. M. Geh. Med.-Rath, Barlin. 

Prof. Dr. E. Mendel, Dr. P. J. Möbius, Director Dr. Morel, 

Berlin Leipzig. Mons (Belgien). 

Unter Benützung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Kraschnitz (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adresse: Marho Id Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 2572. 

Nr. 6. io- Mai. __ 1902. 

Die ..Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift" erscheint jeden Sonnabend und kostet pro Quartal 4 Mk. 

H~tellnng*>n nehmen jede Buchhandlung, di« Post (Katalog Nr. 6252), sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3spaitige Petitseile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermässigung ein. 

Zuschi ift«-n für die Kedartion sind an Oberarzt Dr. J. Bresler. Kraschnitz (Schlesien). Zu richten- 

Inhalt. Originale: Die statistische Commission des Vereins deutscher Irrenärzte (S. 65). — Dionin (S. 69). — Mittheilungen 
(S. 75). — Referate (S. 76). 


Die statistische Commission des Vereins deutscher Irrenärzte. 


|^er Verein deutscher Irrenarzte hat in 
seiner diesjährigen Jahresversammlung in München 
am 15. April 1902 die Gründung einer „statistischen 
Commission“ beschlossen, deren Wesen und Ziele 
aus nachstehendem von Prof. Hoche zur Einleitung 
der Discussion gehaltenen Referate erhellen. 

„Meine Herren! 

Mein Vortrag wird weder nach Inhalt noch nach 
Ausdehnung den Anforderungen entsprechen, die Sic 
berechtigt wären, an ein „Refciat“ zu stellen; was ihm 
zu dieser zwar ehrenvollen, aber exponirten Stelle im 
Programme der heutigen Versammlung verholfcn hat, 
ist einmal die Thatsache, dass die Vorschläge, die 
ich hier zu machen gedenke, dem Vorstände unsres 
Vereines zur Begutachtung Vorgelegen haben, und 
zweitens der Umstand, dass dieselben Gegenstand der 
Beschlussfassung werden sollen. 

Die Vorschläge dienen, um es zunächst einmal 
kurz zu formuliren, dem Zwecke, systematisch 
und in grossem M aassst abe B e w e i s in a t e - 
r i a 1 herbeizuschaffen für alle die z a h 1 - 

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reichen und verschiedenartigen Miss¬ 
stände, mit denen die irrenärztlichen Be¬ 
strebungen zum Beste nderGeisteskranken 
allerorts zu kämpfen haben. In welcher Weise 
dieses Material dem gedachten Zwecke dienstbar zu 
machen sei, darüber werden wir später zu reden 
haben, wenn wir es erst einmal besitzen. — 

Es wäre ein müssiges Geschäft, in dieser Ver¬ 
sammlung ausführlich auf unsre mannigfachen irren¬ 
ärztlichen Beschwerdepunkte einzugehen; einem Jeden 
von uns drängen sie sich täglich von Neuem auf. 
Ich will deshalb nur Einiges berühren, was mit meinen 
Vorschlägen in näherer Beziehung steht. 

Einem unbefangenen Beobachter, der nicht wie 
wir durch die lange Gewohnheit abgestumpft wäre, 
müsste eines sehr auffallen: die ganz abnorme 
Stellung, welche die Irrenärzte in der öffentlichen 
Meinung einnehmen, die Stellung, für die wir bei keiner 
anderen Berufsart eine Parallele finden. Die Oeffentlich- 
keit, soweit sie durch das Publikum, einen Theil der 
Presse und die Mitglieder unserer Parlamente re- 

Original from 

HARVARD UNIVEf SITY 











66 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 6. 


präsentirt wird, trifft sich den Irrenärzten und ihrem 
Thun gegenüber in einer ziemlich einheitlichen Auf¬ 
fassung, die im Einzelnen sich auf der Linie von 
völliger Verständnisslosigkeit bis zum offenen 
Misstrauen bewegt. Der Verständnisslosigkeit be¬ 
gegnen wir bis in Kreise hinein, bei denen man sie 
billigerweise nicht sollte befürchten müssen, z. B. selbst 
bei eizelnen academischen Vertretern klinischer Dis- 
ciplinen. Das Misstrauen, mit dem wir beehrt werden, 
gilt, wie uns allen bekannt, nicht allein unsrem Können 
und Wissen, sondern gar nicht so selten unserer Ge¬ 
sinnung, unsren Motiven, und es hat für den Kenner 
der Verhältnisse etwas Tragikomisches, wenn von 
diesem Standpunkte aus in gesetzgebenden Körper¬ 
schaften in aller Selbstverständlichkeit und Harmlosig¬ 
keit über Maassregeln diskutirt wird, die geeignet 
sein sollen, wie es dann heisst „das Publikum vor 
den Irrenärzten zu schützen.“ Diese Auffassung gilt 
als so natürlich, dass bei solchen parlamentarischen 
Verhandlungen vielleicht wohl vom Regierungstisch, 
nicht aber aus der Versammlung heraus auf irgend 
ein Wort der ruhigen Vernunft oder der Abwehr zu 
rechnen ist. Ihr natürliches Echo finden diese Dinge 
dann in der Presse, von der ein Theil mit grosser 
Bereitwilligkeit jeder den Psychiatern unfreundlich ge¬ 
sinnten Darstellung ihre Spalten zu öffnen pflegt. Es 
wäre falsch, darin eine böse Absicht zu vermuthen; 
die Presse theilt eben die Vorurtheile der gebildeten 
Laien und glaubt, bei solchen Veröffentlichungen eine 
Pflicht gegen das Publikum zu erfüllen. — Wir Irren¬ 
ärzte könnten alles Dieses wohl ertragen, und die 
Geschichte der Irren heilkunde ist ein 
lebendiger Beweis dafür, dass Verkennung und Uebel- 
wollen die Vertreter unserer Wissenschaft niemals 
müde oder in ihren Bestrebungen unsicher gemacht hat; 
das Schlimme ist aber, dass die allgemeine Auffassung 
an allen Ecken und Enden ein dauernder Hemmschuh 
ist bei Verwirklichung der nothwendigen täglichen 
Maassregeln zum Besten der Geisteskranken, ebenso 
wie aller weitergehenden Forderungen für Zukünftiges. 

Diejenigen, die leichten Herzens in der Presse 
und von der Tribüne des Reichstages herunter in 
systematischer Weise die Saat des Misstrauens gegen 
die Irrenanstalten und die in ihnen arbeitenden Aerzte 
ausstreuen und pflegen, haben gar keine Ahnung 
davon, welche Verantwortung sie damit auf sich 
laden. Das gedruckte Wort, namentlich wenn es oft 
genug wiederholt wird, übt seine Wirkung; alte ver¬ 
breiteten Vorurtheile, das Bedürfniss nach Sensation 
bereiten den Boden, auf dem jene Saat reichlich auf¬ 
geht, und so kommt es, dass bis weit in die soge¬ 
nannten gebildeten Kreise hinein Vorstellungen über 

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Geisteskrankheiten und Irrenärzte von einer gradezu 
finsteren Rückständigkeit die Herrschaft ausüben, und 
die Entschliessungen gegebenenfalls maassgebend be¬ 
stimmen. 

Den Schaden tragen in erster Linie die Kranken. 

Die Kosten der systematischen Aufhetzung zahlen 
die Fälle, die wegen der Scheu der Familie vor 
dem Worte Anstalt zu spät oder gar nicht zur 
Aufnahme gelangen, oder ungeheilt wieder herausge¬ 
nommen werden; es zahlen sie Staat und locale 
V er bände, Kran kenkassenu.s.w. in der vermehrten 
financiellen Belastung durch unheilbar Gewordene; es 
kommt auf dieses Conto ein grosser Theil der Fälle 
der Selbstmorde mit oder ohne Tötung von 
Angehörigen, der Fälle von schwerer Körper¬ 
verletzung durch Geisteskranke oder schwere sociale 
und financielle Schädigungen der Familie, 
kurz alle die den Irrenärzten nur zu bekannten Er¬ 
eignisse , die jeder von uns in kurzen Zwischen¬ 
räumen immer wieder erlebt, und die, wenn sie 
systematisch gesammelt würden, in ihrer Gesammtheit 
ein Bild geben würden, das dem Gefolge der be¬ 
kannten Agitatoren mit ihren paar unbewiesenen 
alljährlich wiederkehrenden Fällen von angeblicher 
widerrechtlicher Freiheitsberaubung, Entmündigung 
u. s. w. doch vielleicht zu denken geben würde. 

Die durchschnittlich grundfalsche Auffassung vom 
Wesen der Geistesstörungen, wie sie auch bei den 
gebildetsten Laien vorherrscht, übt noch an einer 
anderen Stelle ihre verderbliche Wirkung aus, ich 
meine in der Rechtspflege. Ich selbst bin, wie 
ich bei wiederholten Gelegenheiten bekundet habe, 
weit davon entfernt, alle bei der Berührung von Rechts¬ 
pflege mit Irrenheilkunde sich ergebenden Misshellig¬ 
keiten den Juristen allein zur Last zu legen; ich bin 
der Meinung, dass in der überwiegenden Mehrzahl 
der Fälle ein guter Sachverständiger vor Gericht ge¬ 
nügenden Einfluss hat und den Richter zu seiner 
Auffassung eines bestimmten Falles bekehrt. Dazu 
ist aber vor Allem noth wendig, dass überhaupt ein 
Sachverständiger zugezogen und um seine Meinung 
befragt wird. Noch jetzt zeigt die Statistik alljährlich 
eine erschreckende Zahl von Verurtheilungen 
von Geisteskranken und Schwachsinnigen, 
die zum grösseren Theile von keinem Arzte untersucht 
worden sind deswegen, weil dem Richter entweder 
an dem Betreffenden nichts Abnormes auffiel oder 
weil er sich selber genügend coinpetent erschien zur 
Beurtheilung der Zurechnungsfähigkeit. Eine bessere 
psychologische Schulung der Juristen ist des¬ 
wegen eine Forderung, in der sich alte Wünsche 
der Irrenüizte mit stellenweise sehr lebhaft geäusserten 

Original frum 

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1902.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


67 


neuen Wünschen einzelner einsichtiger Strafrechtslehrer 
(z. B. H. Gross) begegnen. Bei dem passiven Wider¬ 
stande, den bis jetzt die Mehrzahl der Juristen, auch 
der juristischen Fakultäten noch leistet, da sie selber bei 
ihrer Ausbildung diesen Mangel nicht empfinden, wäre 
es nothwendig, eine intensive Sammlung alles in diese 
Kategorie gehörigen Materials vorzunehmen, wie dies 
vor Kurzem auch Frank in seinem Karlsruher 
(1901) Vortrag als Forderung aufgestellt hat. Mit 
einbeziehen müsste man, soweit als möglich, dabei 
die militärischen Verhältnisse mit ihren zahlreichen 
Bestrafungen und Selbstmorden Schwachsinniger, und 
natürlich auch alle diejenigen Fälle, in denen sachlich 
wohl begründete ärztliche Gutachten, z. B. vor dem 
Schwurgerichte, ignoriert worden sind. — Die Sammlung 
würde zugleich Gelegenheit geben, einer vom Vereine 
deutscher Irrenärzte wiederholt aufgestellten aber bisher 
nie erfüllten Forderung gerecht zu werden, nämlich Fälle 
zusammenzustellen, die als Be w'eismaterial dienen 
können für die Nothwendigkeit der Einführung der 
verminderten Zurechnungsfähigkeit. — Zu 
sammeln und eingehend zu prüfen wären endlich 
diejenigen Vorkommnisse, die in kurzen Zwischen¬ 
räumen den Zeitungsleser erschrecken, ich meine die 
Fälle von -Internirung oder Entmündigung 
angeblich Geistesgesunder und ähnliche derartige 
Ereignisse. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie oft 
dem Einzelnen bei der Lektüre der Tagespresse 
Notizen aufstossen, die die bisher berührten Punkte 
betreffen, so kann man sich eine Vorstellung davon 
machen, w r as bei einer möglichst vollständigen Zusam¬ 
menstellung von allem Hierhergehörigen im Laufe eines 
Jahres Zusammenkommen würde. — AufwelcheWeise 
wäre nun das gedachte Material zu beschaffen? Es 
kommen verschiedene Möglichkeiten in Betracht und 
wir werden natürlich jeden Weg zu gehen haben, der 
zu dem gewünschten Ziele führen kann. Wenig 
Nutzen dürfen wir von vornherein von den Ergeb¬ 
nissen der amtlichen Statistik erwarten; sie 
werden erst spät zugänglich und sind nicht von den 
Gesichtspunkten aus gewonnen, die für uns maass¬ 
gebend sein werden; Einzelnes aus der Criminal- 
statistik wird für uns brauchbar sein; Einiges werden 
wir aus den Anstaltsberichten entnehmen können; 
ein vollständiges Bild werden diese indessen 
niemals geben können; keineswegs alle deutschen 
psychiatrischen Institute geben Berichte aus, und uns 
kommt es ja ausserdem in erster Linie auf Dinge an, 
die sich ausserhalb der Anstaltsmauem abspielen. 

Man könnte weiterhin daran denken, die frei¬ 
willige Mitwirkung aller deutschen Irrenärzte 
in der Weise in Anspruch zu nehmen, dass Jeder in 

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seinem geographischen Bezirk auf alle in Frage 
stehenden Ereignisse ein Augenmerk hat und 
darüber an eine Centralstelle berichtet; ich würde 
es für nützlich halten, wenn ein Versuch in dieser 
Richtung nicht unterlassen wird. Ausschliesslich 
darauf lässt sich aber die geplante Sammlung nicht 
stützen. Man weiss, wie es mit dergleichen Neben¬ 
anforderungen leicht geht; eine Weile würden prompt 
Berichte eingehen, dann w ? ürde es hier und dort 
langsam einschlafen, und die Vollständigkeit wäre so 
nie gewährleistet. Eine letzte Möglichkeit endlich, 
und das ist meines Erachtens diejenige, die am 
meisten Aussicht auf Erfolg bietet, ist die syste¬ 
matische und ausgedehnte Benutzung der Tagespresse. 
Kraepelin hat im Jahre 1898 im kleinen Maasstabe 
für seinen Aufnahmebezirk den Versuch gemacht, 
aus den Tageszeitungen alle Vorkommnisse bestimmter 
Richtung (Körperverletzungen im Rausch, Selbstmorde 
u. dgl.) zu sammeln; ein Vergleich mit controllierbarem 
amtlichem Material hat damals ergeben, dass ihm 
etwa nur J / 4 der Fälle entgangen war. Dieses Er- 
gebniss ist in Anbetracht der unvermeidlichen Un¬ 
vollkommenheit der Methode sehr beachtenswerth. 
Es schadet ja auch nichts, wenn man bei solchen 
quantitativen Zusammenstellungen, die etwas Be¬ 
stimmtes beweisen sollen, die Sicherheit hat, dass die 
wirkliche Zahl der betreffenden Vorkommnisse immer 
noch grösser ist, als die auf dem Papiere stehende. 

Bei der heutigen Art der Publicistik kann man 
mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, dass kein 
Fall von Selbstmord, namentlich wenn er mit Tötung 
von Angehörigen verbunden ist, kein Attentat Geistes¬ 
kranker, keine angeblich widerrechtliche Freiheitsbe¬ 
raubung oder Entmündigung, keine strafrechtliche Ge¬ 
richtsverhandlung, bei der psychiatrische Sachverständige 
mitwdrkten, namentlich wenn gegen ihr Gutachten 
entschieden wurde, dem Schicksal entgeht, in der 
Presse besprochen zu werden. Das Publikum bezieht 
aus diesem Material zum guten Theile seine An¬ 
schauungen und Vorurtheile; so möge uns dasselbe 
Material, im richtigen Sinne verwendet, dazu dienen, 
dieser Vorurtheile allmählich Herr zu werden. 

Ich denke mir also eine Sammlung aller im 
geographischen Bezirk von Deutschland in 
den Tageszeitungen erscheinenden thatsäch- 
lichen Angaben über die uns interessirenden oben 
erwähnten Fragen. Es ist das heute nicht mehr 
schwer zu erreichen; es existiren geschäftliche Unter¬ 
nehmungen, deren Thätigkeit darin besteht, gegen 
Bezahlung alles über ein beliebiges Thema Erscheinende 
zu sammeln und in Originalausschnitten an den Be¬ 
steller einzusenden. Ich bin mit verschiedenen der- 

Original fram 

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68 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 6. 


artigen Unternehmungen in Verbindung getreten (auf 
die Kostenfrage komme ich noch zurück), habe mir 
auch eine Zeit lang unter Angabe eines Themas 
Probesendungen machen lassen, und ich muss sagen, 
ich bin erstaunt gewesen, wieviel an positivem Material 
in ganz kurzer Zeit zusammengekommen ist. Ich 
habe dabei gesehen, dass es die Arbeitskraft eines 
Einzelnen übersteigen würde, allein diese zunächst 
ungesichtete Masse, wie sie etwa der Lauf eines 
Jahres bringen würde, zu bewältigen. Es würde sich 
deswegen empfehlen, demjenigen, dem Sie etwa die 
geplante Unternehmung übertragen werden, das Recht 
zur Cooptation weiterer Mitglieder nach Maassgabe 
des Bedürfnisses zu geben. Die von Ihnen zu er¬ 
wählende Persönlichkeit wäre der eigentliche Träger 
des technischen Theiles der Arbeit der Commission. 
Ausserdem würde zweckmässiger Weise, im Interesse 
der financiellen und sonstigen Verantwortlichkeit, ein 
Vorstandsmitglied der statistischen Commission 
angehören. — 

Die Bearbeitung des eingehenden Materials 
würde darin zu bestehen haben, dass in jedem Falle 
versucht wird, mit Hilfe der den betreffenden Ereig¬ 
nissen local am nächsten wohnenden Irrenärzte über 
die Thatsachen Authentisches zu erfahren, was in 
der Mehrzahl der Fälle möglich sein dürfte; die Be¬ 
arbeitung würde weiter darin zu bestehen haben, dass 
über gewisse Zeitabschnitte, etwa von einem halben 
oder ganzen Jahre, in Be rieht form Rechenschaft 
abgelegt würde, wozu z. B. diese Frühjahrs Versamm¬ 
lung jedesmal die geeignete Gelegenheit wäre. 

Gegenstand späterer Beschlussfassung, wenn der 
ganze Versuch sich als practisch durchführbar und 
zweckmässig erwiesen haben wird, muss es sein, in 
welcher Weise die Ergebnissse für die Oeffentlich- 
keit nutzbar gemacht werden sollen; in Betracht 
kämen dabei, um auch hierin mit vorläufigen Vor¬ 
schlägen zu kommen, die Bearbeitung in Brochüren- 
form, geeignet zur Uebermittlung an Regierungen 
und Parlamente und die Interessirung wiederum der 
Tagespresse. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, 
dass die ehrliche und intelligente Presse die beste 
Bundesgenossin der irrenärztlichen Bestrebungen 
werden wird, sobald die Dringlichkeit des vorliegenden 
Nothstandes überzeugend nachgewiesen sein wird; von 
der Tagespresse aus wird allmählich die Aufklärung des 
Publikums ausgehen. — Was die jährlichen Kosten 
anbetrifft, so glaube ich Zusagen zu können, dass ein 
von der Versammlung bewilligter Credit in der Höhe 
bis zu 300 M. die Ausführung des Planes in dem 
eben kurz umrissenen Umfange ermöglichen wird; 


ich würde dies für eine voraussichtlich nutzbringende 
Kapitalsanlage halten. — 

Ich bin weder im Allgemeinen so optimistisch 
veranlagt, noch in dieses specielle Project so blind 
verliebt, dass ich nicht eine ganze Reihe von Ein¬ 
wänden sähe, die sich dagegen erheben Hessen, auf 
die ich aber, um der Discussion nicht vorzugreifen, 
jetzt noch nicht eingehen will. Nur eines möchte 
ich vorweg betonen; man sagt wohl hier und da, es 
sei würdiger und vornehmer, zu schweigen. Nun, 
wir haben lange genug vornehm geschwiegen und wir 
sehen, w r as dabei herausgekommen ist; der Versuch, 
mit energischem Zugreifen weiter zu kommen, ist so¬ 
mit wohl der Mühe werth. 

Erwähnen will ich nur, dass natürlich auch für 
benachbarte Themata, für die in der Versammlung 
Interesse vorhanden wäre, bei dieser Gelegenheit 
Material gesammelt werden könnte, und ich würde 
mich über dahingehende erweiternde Vorschläge nur 
freuen; nur möchte ich bitten, das noch nicht einmal 
vom Stapel gelaufene Fahrzeug nicht gleich von 
vornherein bis zum Untersinken zu belasten. 

Wenn Sie mich nun fragen, warum ich grade jetzt 
mit diesem Projecte komme, so könnte ich im Allgemeinen 
antworten, dass es damit immer zu spät, niemals aber 
zu früh sein kann. Es existirt aber auch ein direct 
drängendes Moment: die über kurz oder lang 
doch zu erwartende reichsgesetzliche Reglung 
aller mit dem Irrenwesen zusammenhängenden Dinge, 
speciell die einheitliche Gestaltung des Auf¬ 
nah me verfahre ns. W T ir haben die Erfahrung ge¬ 
macht, dass die Wünsche der eigentlich Sachverstän¬ 
digen, der Irrenärzte, bei solchen gesetzlichen Fest¬ 
legungen keinesw'egs immer auf das nothwendige 
Maass von Berücksichtigung rechnen können; häufig 
sind wir auch zu uneinig gewesen oder überhaupt zu 
spät aufgestanden, um die sachlichen Nothwendigkeiten 
mit dem erforderlichen Nachdruck vertreten zu 
können. Kommt cs in nächster Zeit, so lange die 
jetzigen Auffassungen im Publikum und bei den 
Parlamentarien noch bestehen, zu einem Reichsgesetz, 
so können wir mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, 
dass nichts Besseres kommt, als wir es jetzt haben, 
dass im Gegentheil sehr bedenkliche und gefährliche 
Zustände für lange Zeit gesetzlich fixirt werden 
können. Da erscheint es mir nun nicht nur nützlich, 
sondern eine nothwendige That der Sclbsterhaltung, 
dass von dieser Versammlung aus, der Vertretung 
der gesammten deutschen Irrenärzte, etwas Einheitliches 
geschieht, nicht Lamentationen innerhalb der vier 
Wände oder Proteste in der Fachpresse, sondern eine 
positive Leistung, Beschaffung eines erdrückenden 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


69 


Beweismateriales über Art und Ausdehnung der Miss¬ 
stände, die wir zu beklagen haben. Mit dieser 
Sammlung erst dann zu beginnen, wenn die Vor¬ 
bereitungen zu einem Irrengesetz merkbar werden, 
das wäre nun freilich wieder viel zu spät. 

Ueberhaupt sind jetzt die Aussichten, die Ge- 
sammtheit der deutschen Irrenärzte zu grösserer Ein¬ 
heit zusammenzuknüpfen, besser, als jemals; die Voll¬ 
endung der Einheitlichkeit des Rechtes nöthigt uns 
wenigstens auf gewissen Gebieten zu einer gemein¬ 
samen Sprache und die Einführung des Staatsexamens 
wird allmählich die erwünschte Nebenwirkung haben, 
dass die jetzige babylonische Verwirrung in der psy¬ 
chiatrischen Nomenclatur durch weise Beschränkung 
jedes Einzelnen einer besseren Verständigungsmöglich¬ 
keit Platz macht. — 

So bitte ich Sie, diesem von mir kurz skizzierten 
Projecte, dessen technische Einzelheiten erst die Er¬ 
fahrung entwickeln muss, einem Projecte, in dem 


nichts Trennendes, sondern nur Gemeinsames ent¬ 
halten ist, zum Leben zu helfen. Ieh hätte sie erstens 
tim ihre principielle Zustimmung, zweitens um die 
Wahl der Persönlichkeiten für die statistische Com¬ 
mission und drittens um Geld.“ 

Die Versammlung erklärte nach einer Discussion, 
über deren Einzelheiten der officielle Sitzungsbericht 
Auskunft giebt*), einstimmig ihre Zustimmung, und be¬ 
willigte den beantragten Credit. Zum technischen 
Leiter der geplanten Sammlung wurde Prof. Hoche 
ernannt, mit dem Rechte weitere Mitglieder zu coop- 
tieren; ausserdem wurde aus der Reihe der Vorstands¬ 
mitglieder Prof. Fürstner in die Commission gewählt. 

— Weitere Mitteilungen an die Collegen in ganz 
Deutschland mit der Bitte um ihre tatkräftige Unter¬ 
stützung des Unternehmens werden demnächst erfolgen. 

*) s. den Bericht in voriger Nr. 


Dionin. 


| \as Dionin, ein salzsaures Aethylmorphin, ist 
ein weisses, geruchloses, bitter schmeckendes, 
kr)’stallinisches Pulver. Es löst sich unter neutraler 
Reaction leicht im Wasser (14:100). 

Nach v. Me ring verhält sich Dionin bei Kalt- 
und Warmblütlem im Wesentlichen wie Codein, seine 
Wirkung erscheint aber etwas stärker und von längerer 
Dauer. Das Dionin dürfte seine Stellung als thera¬ 
peutisches Agens zwischen Codein und Morphin ein¬ 
nehmen. 

Nach übereinstimmendem Urteile aller Autoren 
äussert Dionin, selbst in grösseren Mengen gegeben, 
kaum unangenehme Nebenerscheinungen. Infolge 
dessen eignet es sich besser als das Heroin als Ersatz¬ 
mittel des Morphins. Es hat sich das Heroin im 
Allgemeinen als weit toxischer erwiesen als das Morphin, 
es sind wiederholt üble Zustände selbst nach Gaben 
von 0,005 gr Heroin, mur. beobachtet werden. 

Hoff constatirte beim Kätzchen, dem er 0,01 
Dionin intravenös injicirte, eine Verlangsamung der 
Atmung mit verlängerter Ex- und Inspirationsdauer. 
Es konnte somit die atmosphärische Luft längere Zeit 
mit den Lungencapillaren in Berührung bleiben, der 
Effect der Lungen Ventilation wurde also erhöht In 
einer von Winternitz an Menschen angestellten 
Versuchsreihe, in welcher er die Wirkung des Dionins, 
Codeins und Heroins mittels des Zuntz-Geppert’schen 
Respirationsapparates auf die Atmung feststem, kommt 


genannter Autor zu folgenden Resultaten: Dionin 
und Codein setzen wieder die Athemgrösse noch die 
Athemfrequenz herab, sie beeinträchtigen in keiner 
Weise die Erregbarkeit des Athömcentrums. Heroin 
dagegen zeigt eine schon bei sehr kleinen Gaben 
ausgeprüfte Morphinwirkung, das Atemvolumen sank 
bei einer Versuchsperson, deren Respiration durch 
0,06 gr Dionin unbeeinflusst blieb, nach 0,007 n r 
Heroin, hydroch. in kurzer Zeit um mehr als 1 Ltr., 
dabei verminderte sich die Athemfrequenz, während 
die Tiefe des einzelnen Atemzuges nur unerheblich 
zunahm; die Erregbarkeit des Athemcentrums da¬ 
gegen erfuhr eine beträchtliche Herabsetzung. In 2 
Versuchsreihen von Winternitz und Damisch 
wurde 1—2 Std. nach Application des Dionin eine 
Steigerung des Athemvolumens um 1 — 1 l j 2 Ltr. p. 
Min. beobachtet. 

Nach diesen durch das Experiment gewonnenen 
Thatsachen sind dem Dionin als Heilmittel von vorn¬ 
herein 2 Wirkungskreise eröffnet; man w’ird es erstens 
anw'enden als bestes und unschädliches analgetisches 
und narkotisches Ersatzmittel des Morphin überall 
da, wo man glaubt von der Ordination des Morphin 
absehen zu müssen; man wird es zweitens verabreichen 
bei verschiedenen Erkrankungen der Athemwerkzeuge. 

Die klinischen Mitteilungen, welche das Dionin 
in dieser Anw endung als ein vorzügliches Mittel loben, 
sind sehr zahlreich. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


o 


Nach Bloch kommt dem Dionin eine exquisit 
schmerzlindernde Wirkung zu und überragt es in dieser 
das Morphin und Codein an und für sich, haupt¬ 
sächlich aber aus dem Grunde, weil es infolge des 
Fehlens der mit den andern Morphinpräparaten 
verbundenen Nebenwirkungen und der geringen 
Giftigkeit einerseits bis zu einem gewissen Grade die 
Steigerung des antalgischen Effectes durch Erhöhung 
der Gaben gestattet, anderseits, was wohl für 
die Indication der Schmerzstillung von grosser Be¬ 
deutung ist, mit Rücksicht auf seine leichte Löslich¬ 
keit und die dadurch bedingte rasche Diffusion in 
die Blutbahn in kürzerer Zeit als die früheren der¬ 
artigen Präparate seinen Heilzweck erfüllt. Nach den 
Mittheilungen von Zirkelbach aus der II. internen 
Klinik der Budapester Universität wurde die schmerz¬ 
stillende Wirkung des Dionins erprobt unter anderen 
bei 2 Fällen von Angina pectoris; hier linderte Dionin 
zwar die Schmerzen, aber es konnte die Häufigkeit 
der Anfälle nicht beeinträchtigen. Das Dionin be¬ 
währte sich als gutes Analgeticum bei Carcinom des 
Magens 3 mal, bei Ulcus ventriculi 2 mal, ebenso bei 
Cardialgie 2mal; in 3 Fällen von Leukaemie (ein 
Fall mit Tabes complicirt) linderte es die in den 
platten Knochen sitzenden und die durch die Milz¬ 
anschwellung entstehenden Schmerzen für mehrere 
Stunden. In 5 Fällen von Tabes dorsalis verminderte es 
für 2—5 Std. die laücinirenden Schmerzen wesentlich; 
von 2 orises gastriques hörten Uebelkeit, Erbrechen 
und Magenkrärapfe nach Dionin bei einem Fall 
gänzlich auf, beim anderen, wurden sie massiger. 
Sehr gut reagirten auf Dionin die Schmerzen bei 
Syringomyelie (2 Fälle), Ischias (3), bei verschiedenen 
Neuralgien (5) und je in 1 Falle von Polyneuritis 
acuta rheum. und Carcinoma mammae. Zu ähnlichen 
Ergebnissen kam B o r n i k o e 1 , der die Beobachtungen 
aus der III. medic. Klinik in Berlin mittheilt: Es 
wurde Dionin bei den verschiedensten Erkrankungen 
mit gutem Erfolge angewendet, insbesondere bei einer 
grossen Zahl von schmerzhaften Affectionen des weibl. 
Genitalapparates (Parametritis, Carcinoma uteri u. a.) 
— Walter und Isenburg wendeten mit demselben 
guten Erfolg Dionin bei diesen Krankheiten an. — 
Bei Pleuritis, Ulcus und Carcinoma ventriculi Hess 
Dionin nie im Stich. Salzmann rühmt ebenfalls 
die in hohem Grade analgetischen Eigenschaften 
dieses Mittels und wendete es unter anderem bei 
Cholelithiasis und Nephrolithiasis an. Heim ge¬ 
brauchte Dionin als schmerzstillendes Mittel bei 
Cholelithiasis, Ulcus und Carcinoma ventriculi, Neural¬ 
gie, Appendicitis, Gastralgie und Pleuritis; die Wirkung 
sei eine eclatante gewesen. Melzer wendet Dionin 


[Nr. 6. 


als schmerzlinderndes Mittel an bei 20 Fällen und 
constatirt 2 mal Misserfolg, in den 18 anderen rasche 
Beseitigung oder Linderung der Beschwerden ähnlich 
wie beim Morphin. Auch er betont wie fast alle 
Autoren, dass Dionin in seiner analgetischen Wirkung 
etwas milder wirke als Morphium, dagegen die üblen 
und unangenehmen Nebenerscheinungen desselben 
nicht zeigt Während Hönigschmied das Dionin 
bei pleuritischen Schmerzen mit ausgezeichnetem Er¬ 
folge anwendet, konnte er ihn bei Schmerzen im 
Magen, bei Kolik und Peritonitis für sich allein weniger 
wahmehmen. Er verabreichte bei Magenschmerzen 
und Erbrechen Dionin mit Cocain, bei Kolik in Ver¬ 
bindung mit Laudanum, bei Gelenkrheumatismus mit 
Natr. salicyl., bei Ischias mit Agathin und con- 
statirte, dass die Schmerzen früher nachliessen, als 
wenn die genannten Mittel ohne Dionin für sich 
allein gegeben wurden. 

Dionin wurde verordnet, um Schlaf zu erzielen, 
sowohl in Fällen, wo die Insomnie durch grosse 
Schmerzen verursacht war, als auch in den Fällen, in 
welchem der Schlaf dem Kranken in Folge allgemeiner 
Unruhe fehlte. Die Dosis von 0,015—0,028 gr ge¬ 
nügte meistens. Ein tiefer, betäubungsartiger Schlaf 
wurde auch nach grösseren Gaben nicht beobachtet. 
Uebcr Kopfschmerzen, Eingenommensein des Kopfes 
klagten nur wenige Patienten; der Schlaf ist als ein 
erquickender zu bezeichnen. 

Als Ersatzmittel des Morphium fand Dionin auch 
Aufnahme bei den Psychiatern und Neurologen. Nach 
den von Freimuth und Sturmhöfel gemachten 
Erfahrungen hatte Dionin bei Psychosen fast keinen 
Einfluss auf Erregung und Schlaf, von Krömer ist es 
auch bei Angstzuständen der Melancholiker ohne Erfolg 
versucht worden. Hoppe verspricht sich bei Er¬ 
regungszuständen der Melancholiker ähnlichen Erfolg, 
wie ihn das Morphium hat, weil dies ja indirect durch 
Linderung der. physischen und psychischen Schmerzen 
Schlaf und Beruhigung bringe. Ransohoff bestätigt 
diese Erwägung durch seine Versuche. Bei 3 Pat. 
mit vorwiegend melancholischer Verstimmung, von 
denen das Morphium nicht vertragen wurde, erzielte 
er sehr befriedigende Resultate mit Dionin, in weiteren 
6 Fällen war der Erfolg gut, dem des Morphiums 
gleichwerthig; bei weiteren 2 Kranken wirkte Dionin 
nicht, wohl aber Morphin; endlich in 2 Fällen starker 
Erregung versagten beide Mittel. Melzer hat 
Dionin fast stets mit bestem Erfolge bei Erregungs¬ 
und Angstzuständen leichteren und mittleren Grades 
angewendet. Nach Z i r k e 1 b a c h ist die narkotische 
und sedative Eigenart des Dionins wohl geringer als 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


7i 


die des Morphin, aber entschieden intensiver als die 
des Heroins oder Codeins. 

Da Dionin ebensowenig wie Codein Euphorie 
oder ähnliche Zustände hervorruft, wohl aber ein Ab¬ 
klingen der Abstinenzerscheinungen bewirkt, da es 
ferner vor dem Codein den Vorzug hat, dass seine 
Lösungen neutral sind und daher bei der Injection 
keine Schmerzen verursachen, so eignet es sich als 
vorzügliches Mittel bei Morphiumentziehungskuren und 
ist als solches mit bestem Erfolge von Fromme und 
Heinrich verwendet worden. Nach den Erfahrungen 
des letztgenannten Autors eignet sich kein anderes 
Opiumalkaloid, auch das Codein. phosphor. nicht in 
so hohem Maasse zur Linderung des Morphiumhungers 
als das Dionin. Eine Angewöhnung an das Dionin, 
ein Dioninhunger, ist nie beobachtet worden. 

Zahlreich sind die klinischen Mittheilungen, welche 
die Heilwirkung des Dionins bei Erkrankung der 
AthemWerkzeuge bestätigen. Körte lobt es als 
allgem. schmerzlinderndes und schlafbringendes Mittel 
bei Phthisis pulm., bei chronischer Bronchitis, Lungen¬ 
emphysem und Bronchialasthma. Er erklärt es für 
zuverlässig zur Bekämpfung des Reizhustens bei be¬ 
ginnender Lungen phthise; auch beeinflusse es die 
Nachtschweisse günstig und erleichtere in hohem 
Maasse die Expectoration. Dieselben günstigen Erfolge 
erzielte Janisch beim Gebrauch des Dionins bei 
chronischer Bronchitis, bei Emphysem, Asthma, bei 
Phthisis der Lungen und des Kehlkopfes. Schröder 
sagt: Bei einer Krankheit, deren Verlauf sich über 
Monate hinzieht, ist der Wuns'ch]nach einem Wechsel 
therapeutisch wirksamer Mittel von Seiten der Aerzte 
und der Patienten gleichberechtigt. Je mehr gleich 
oder ähnlich wirkende Mittel man daher an der 
Hand hat, desto besser wird man den Anforderungen 
der Praxis entsprechen können. Bei seinen Versuchen, 
die er an einer grösseren Reihe von Phthisikern mit 
Dionin, Codein, Peronin und Morphin anstellte, 
kommt er zu folgenden Resultaten: Dionin beseitigte 
oder linderte den Reizhusten und verschaffte besseren 
oft anhaltenden Schlaf, die Kranken fühlten sich be¬ 
haglicher und ruhiger. In manchen Fällen war die 
Wirkung des Dionins entschieden günstiger und aus¬ 
geprägter, als die kleinen Dosen Codein; es leistete 
vielfach dasselbe, was wir von den entsprechenden 
Dosen Morphin zu sehen gewohnt sind, ohne indessen 
im allg. dessen unangenehme Nebenwirkung zu theilen. 
Erschwerte Expectoration, Uebelkeit, Neigung zu Ob¬ 
stipation wurden nur ganz vereinzelt beobachtet, ein¬ 
mal trat vermehrte Schweisssecretion auf. 

Gleichfalls bei acuten und chronischen Leiden 
-der Athmungsorgane haben Kramolin, Higier, 


Melzer, Isenburg und Bornickoel mit bestem 
Erfolge das Dionin verabreicht; sie fanden, dass nach 
dem Gebrauche dieses Mittels der Husten fortbleibt, 
die Dyspnoe abnimrat und der Auswurf erleichtert 
wird. Schmidt, der Dionin in sehr zahlreichen 
Fällen bei chronischen und acuten Krankheiten der 
Lungen gegeben hat, rühmt die günstigen Eigen¬ 
schaften und die gute und prompte Wirkung desselben. 
Von Zirkelbach ist Dionin als hustenstillendes 
Mittel bei 74 Kranken angewendet, bei einem Theil 
der Fälle hörte der Husten vollständig auf, bei anderen 
verringerte er sich erheblich; bei Lungen- und Rippen¬ 
fellentzündungen mässigte es das lästige Seitenstechen 
und erleichterte den Auswurf. Bei Asthma in 5 Fällen 
gegeben, vermindert es sowohl die Intensität, wie 
auch die Zahl der Anfälle. 12 mal bei Dyspnoe, 
dargereicht, deren Ursachen in 7 Fällen ein Herz¬ 
fehler, in 5 Fällen Emphysem war, sicherte Dionin, 
ausgenommen 1 Fall, den Patienten einige ruhige 
Stunden durch Mässigung der Athemnoth. 

Auch in der Kinderpraxis, besonders bei Keuch¬ 
husten, ist Dionin mit einigem Nutzen angewendet 
worden. Hoff berichtet: Ich habe noch von keinem 
Mittel eine solch’ günstige Beeinflussung des Keuch¬ 
hustens, wie von der Combination Dionin mit Anti- 
pyrin, gesehen. Bei schweren Fällen von Glottis¬ 
krampf ist der Effect immer gut lind sicher. Schmidt 
rühmt die Wirkung des Dionins bei Keuchhusten 
mit folgenden Worten: Ich machte die Beobachtung, 
dass Dionin die häufigen spasmatischen Anfälle sofort 
mildert und auch vermindert, und dass die Krank¬ 
heit ohne Nachfolgen in viel kürzerer Zeit verläuft 
als ehedem. Gottschalk behandelte 32 Kinder 
meist tägl. 4—6 Wochen lang und zwar auf dem 
Höhepunkt der Krankheit mit Dionin. Bei 13 Kindern 
war die Wirkung ohne jeden Einfluss auf den Verlauf 
der Krankheit, d. h. weder die Anzahl der Anfälle 
noch ihre Stärke wurden günstig beeinflusst, darunter 
waren 5, bei denen als Complication eine Pneumonie 
auftrat, 2, bei denen das vorher angewandte Bromo- 
form und Belladonna auch keine Besserung verschafft 
hatten. In 9 Fällen wurden Stärke und Anzahl der 
Anfälle deutlich gebessert. Bei 10 Kindern nahmen 
mindestens die Anzahl der Anfälle deutlich ab. Bei 
der Hälfte der Kinder gaben die Mütter an, der 
Husten sei viel loser geworden. Eine Beeinflussung 
der Dauer des Keuchhustens durch Dionin sah der 
Autor nicht. Das Mittel wurde gern und im allgem. 
selbst wochenlang ohne ungünstige Nebenerscheinungen 
genommen. Ohne ein Specificum zu sein, ist es jeden¬ 
falls ein angenehmes Narcoticum, und es ist seine Ver¬ 
wendung bei Keuchhusten unbedenklich zu empfehlen. 


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72 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Resumiren wir kurz, so kann man die allgemeine 
Verwendung des Dionins als Ersatzmittel des Morphin 
nur empfehlen; es leistet als Analgeticum — weniger 
als Narcotieum — in der Mehrzahl der Fälle Alles, 
was man erwarten darf. Wo Dionin versagt, wird 
man nach wie vor zu dem stärker wirkenden Morphium 
greifen müssen. Da Dionin die Reizbarkeit der Luft¬ 
wege herabzusetzen vermag, ohne die Athemthätigkeit 
zu beschränken, und da es die Expectoration be¬ 
günstigt, ist es bei allen mit Reiz einhergehenden 
Erkrankungen der Respirationsorgane anzuwenden. 
Dionin wird ordinirt in der Regel in Dosen von 
0,01—0,04 gr. 

Eine eigentümliche Wirkung des Dionins und 
auch des Peronins auf das menschliche Auge beschrieb 
als Erster Wollfberg; er fand, dass Dionin dem 
Conjunctivalsack applicirt folgende Symptome verur¬ 
sacht: Bei schwacher Lösung tritt nach wenigen 
Augenblicken, bei starker Lösung und bei Dionin¬ 
pulver sofort das Gefühl von heftigem Brennen und 
Prickeln auf, das etwa 2 —3 Min. anhält. Hierauf 
stellt sich bis zu einem gewissen Grade Anacstliesie 
ein, der durch eine Augenkrankheit etwa bedingte 
Schmerz schwindet. Schon einige Secunden nach der 
Application tritt Injection der Conjunct. bulbi auf und 
stärkeres Thränen, die Injection pflanzt sich fort auf 
die Conjunct. palpebrae, die Lider schwellen mächtig 
an, die Lidhautvenen sind erweitert. Die Schwellung 
reicht oft bis auf Stirn und Wange. Die Conjunct. 
bulbi ist geröthet, chemotisch geschwellt, die Chemosis 
ist am deutlichsten um die Cornea herum. Letztere 
ist glatt, stark glänzend, etwas anaesthetisch. Nach 
ca. 3—5 Std. sind alle diese Erscheinungen schmerz¬ 
los geschwunden. Darier hat ausser mit Dionin 
Versuche mit Morphin, Heroin und Codein angestellt; 
nach ihm ruft Morphin als Pulver in den Bindehaut- 
sack gebracht zwar ebenfalls wie Dionin eine be¬ 
trächtliche Chemosis hervor und entfaltet eine kräftige 
analgetische Wirkung, ist aber wegen der eminenten 
Vergiftungsgefahr nicht empfehlenswerth; dasselbe gilt 
vom Heroin. Codein scheint keine analgesirende 
Wirkung zu haben. Vermes hat diese Mittel einer 
Prüfung unterzogen und nichts anderes als die Füllung 
der Gefässe gefunden, doch eine Ophthalmie wie die 
durch Dionin bewirkte, konnte er nicht constatiren. 

Es ist anzunehmen, dass die bedeutende Durch¬ 
feuchtung und Auflockerung der der Dioninwirkung 
ausgesetzten Gewebe die Resorption pathologischer 
Entzündungsproducte zu fördern und zu beschleunigen 
im Stande ist. Luniewski konnte durch einen 
Thierversuch diese Voraussetzung bestätigen. Er inji- 
cirte einem Hunde in das Corpus vitreum beider 


[Nr. 6. 


Augen japanische Tusche, liierauf wurde in das eine 
Auge Dioninpulver eingestäubt 40 Minuten darauf 
wurden beide Bulbi enucleirt Schon makroskopisch 
zeigen Schnitte durch das dioninisirte Auge stärkere 
Färbung in der Gegend des Corpus ciliare, des 
Ligamt. pectin. und der Iris, als die durch das andere 
Auge geführten Schnitte. Die Resultate der mikro¬ 
skopischen Untersuchung fasst der Autor in folgende 
Sätze zusammen: „Der Strom, der die Tusche¬ 
partikelchen fortschwemmt, ist im dioninisirten Auge 
stärker, es kommt hier zur venösen Stauung, die 
Lymphstomata sind hier erweitert Das Dionin ruft 
eine stärkere und lebhaftere Lymphcirculation in der 
vorderen und hinteren Lymphbahn hervor.“ 

Da die durch Lymphe überschwemmten Gewebe 
einer besseren Ernährung ausgesetzt sind, wird man 
annehmen dürfen, dass sie eine erhöhte Vitalität ent¬ 
wickeln können. 

Als erster betont Darier die eigenartige tiefe 
und lange anhaltende analgesirende Wirkung des 
Dionin — local angewendet — bei schmerzhaft er¬ 
kranktem Auge, während es anaesthesirend nur 
ganz gering wirke. Es bestehe ein directer Gegen¬ 
satz zwischen der Wirkung des Dionins und des 
Cocains; un oeil calme de ses douleurs profondes 
par la Dionine sentira tres bien le contact, la picqüre, 
le pincement 011 les cauterisations. C’est exactement 
le contraire de ce qu’on observe pour la cocaine qui, 
en meine temps quelle eteint la sensibilite periphe- 
rique, excite et stimule les centres psychomoteurs. 
Auch Soulier, gestützt auf experimentelle Unter¬ 
suchungen und klinische Beobachtungen, rühmt es 
als analgetisches Mittel: on doit reconnaitre a la 
Dionine dans la plupart des affections douloureuses 
de l’oeil la propriete analgesiante profonde et de lon- 
gue duree.“ Man hat verschiedentlich nach einer 
Erklärung dieser auch von vielen andern Autoren 
constatirten Thatsachen gesucht. Luniewski sagt: 
„Die überfüllten Lymphstomata üben einen Druck auf 
die Nervenendigungen aus, führen vielleicht sogar dadurch 
zur temporären Parese derselben — daher die anal¬ 
getische Wirkung und die leichter erfolgende Mydri- 
asis. Nach Wicherkiewicz ist die analgetische 
Wirkung vielmehr der Effect einer durch Dionin ge¬ 
besserten Lymphcirculation, als der der Einwirkung 
auf Nervenendigungen. Auch Darier erkennt in der 
gebesserten Lymphcirculation nach Anwendung dieses 
Mittels einen Grund für seine schmerzlindernde 
Wirkung: Nest-ce pas lä moyen bien simple d’ex- 
pliquer la duree de l’analgesie: sublata causa, la 
douleur ne reparait pas. Einen andern Grund sieht 
er in der dem Morphin und seinen Derivaten — also 


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1902.1 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


auch dem Dionin -— zukommenden beruhigenden 
Wirkung auf die psychomotorischen Centren. 

Endlich sei noch erwähnt, dass dem Dion in von 
Darier eine antiseptische Wirkung zugeschrieben wird. 
Vermes trat dieser Frage experimentell näher. Er 
bereitet sich 10% Dion in-Nährboden aus Agar, 
Gelatine und Bouillon, impfte diesem sowohl als auch 
einfachem Nährboden Sccret der Blenorrhoea sacci 
lacrymalis auf. Schon am folgenden Tage zeigte sich 
auf dem einfachen Nährboden eine Kultur mit be¬ 
deutender Vitalität, auf dioninem Nährboden dagegen 
liess sich Aehnliches nicht beobachten, oder doch 
viel später und auch da nicht mit der Tendenz rascher 
Fortentwicklung. Der Autor sagt: meine Eifahrungen 
Vonkludiren dahin, dass das Dionin auch einen 
gewissen Grad antiseptischer Wirkung besitzt. 

Diese 3 dem Dionin zugeschriebenen resp. zuzu¬ 
schreibenden Eigenschaften und Vorzüge lassen es 
als ein wichtiges Heilmittel erscheinen bei den ver¬ 
schiedenen Augenaffectionen. Nach seinen an überaus 
zahlreichen klinischen Beobachtungen gemachten Er¬ 
fahrungen kommt Wullfberg zu folgenden Resul¬ 
taten : I. Die Lymphüberschvvemmungdes Auges macht 
Dionin zu einem wichtigen Hilfsmittel in der Be¬ 
handlung aller Hornhautleiden, speciell solcher, welche 
nicht von Bindehautleiden abhängig sind. 2. Dion in 
ist für die Wundbehandlung nach allen Bulbusope¬ 
rationen und bei allen Verletzungen des Augapfels 
sowie des Bindehauttraxus zu empfehlen. 3. Dionin 
ist ein Unterstützungsmittel für die Behandlung des 
grünen Stars. Man muss jedoch stets sich vergegen¬ 
wärtigen, was erreicht werden soll: bei frischen Horn¬ 
hautwunden der Schutz einer bereits vorhandenen oder 
künstlich herbeigeführten prima intentio gegen In- 
jection — bei inficirten Hornhautwunden eine Kräfti¬ 
gung der Vitalität des normalen Gewebes gegenüber 
den Infectionskeimen, — bei Homhautleiden Ver¬ 
minderung des Schmerzes und beschleunigte Heilung, 
— beim Glaukom Verminderung des Schmerzes, 
Klärung der Hornhaut und Herabsetzung der Tension. 
Graefe spricht sich gegen eine Anwendung des 
Dionins nach Eröffnung des Bulbus aus. Er versuchte 
Dionin in 4 Fällen von Staroperationen, 2 Fälle 

heilten normal, in dem einen der 2 andern Fälle riss 
bei Anwendung des Dionins durch heftiges Niesen 
die Wunde, im 4. war das Atrium 5 Min. nach der 
Einträuflung mit Blut gefüllt. Während dieser Autor 
in 200 Fällen 40 mal heftiges bis 30 mal hinterein¬ 
ander erfolgendes Niesen fand, beobachtete Wol lfberg 
unter 600 mit Dionin behandelten noch nicht einen, 
der nieste. Luniewsky, welcher Beobachtungen an 
über 100 Fälle anstellte, konnte ebenfalls entgegen 

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den Beobachtungen von Graefe keinen Niesreiz con- 
statiren. Wicherkiewicz hingegen bemerkte bei 
einigen Personen nach Conjunctivaleinträuflungen 
Niesen. Wol lfberg glaubt, die Art der Anwendung 
sei schuld daran, dass in den Gräfe’schen Fällen das 
Niesen eine so häufige Erscheinung war, er werde 
selbstverständlich die eigenthümliche Beobachtung 
Graefes ferner im Auge behalten, trete aber nach wie 
vor für die Anwendung des Dionins bei der ersten 
Wundbehandlung Staroperirter und auch sonst in 
dem von ihm veröffentlichten Sinne ein. Darier 
schliesst sich den von Wol lfberg aufgestellten 
Indicationen in seiner letzten Arbeit an: Je puis 
affirmer que l’action lymphagogue de la Dionine, jointe 
ä son action antisepte tres manifeste, fait de cet agent 
un moyen plus precieux pour häter la cicatrisation des 
plaies et prevenir les infections. Je suis heureux aussi 
de reconnaitre avec Wollfberg que la Dionine rend les 
plus grands Services dans le traitement des operes de 
cataracte. Ausserdem empfiehlt er die Anwendung 
dieses Mittels bei quellenden Linsenmassen nach 
Discision, bei Exsudaten und Haemorrhagien zur 
rascheren Resorption, bei Iridochorioiditis mit Syne¬ 
chien, als schmerzstillendes Mittel ausser bei Kerati¬ 
tiden und Glaukom auch bei Iritiden und Cyklitiden. 
Graefe wendet Dionin an bei Conjunktivitis, Iritis, 
Iridocyklitis, Chorioretinitis, üpacitas corporis vitrei. 
Luniewski fand bei Application des Dionins wenig 
oder keinen Erfolg bei Conjunctivitis acuta und phlyc- 
tenulosa, bei Trachom, Blepharitiden, bei Corneo- 
skleral - Wunden, bei alten Maculae corneae, bei 
acuten und chronischem Glaukom, hin wiederum günstige 
Wirkung bei frischen Maculae corneae und Keratitis 
parcnchymatosa, bei traumatischer Keratitis, bei Opa- 
citates corp. vitr. und bei Ablatio retinae. Geradezu 
segensreich ist der Erfolg der Dionintherapie bei 
Iritis; es mildert den Schmerz, unterstützt und be¬ 
schleunigt die Atropinwirkung. In Fällen, in denen 
trotz Cocain und Atropin die Pupille eng blieb, trat 
sofort nach io°/o^o er Dioninlösung Erweiterung ein, 
ja noch mehr, bereits vorhandene Synechien wurden 
zerrissen. Diese letztgenannte Eigenschaft des Dionins 
wurde ebenfalls von Darier und Soulicr hervorge¬ 
hoben. Nicolaier und ähnlich Wicherkiewicz 
beobachtete, dass nach Anwendung von Dionin eine 
Pupillen Verengerung eintritt, die dann nach Atropin 
einer um so prompteren und ergiebigeren Erweiterung 
Platz macht. Terson berichtet über einen Fall 
von Glaukom nach Bright’scher Retinitis und über 
3 andere von typisch haemorrhagischen Glaukom, 
bei denen nach Application von Dionin die heftigsten 
unstillbaren Schmerzen nachliessen und verschwenden. 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 6. 


„Im Kampfe gegen diese pemiciöse Form des Glaukoms, 
hei der eine Iridectomie wirkungslos und geradezu 
gefährlich ist, bei der auch Punctionen im Stiche 
lassen und das Auge fast sicher der Enucleation ver¬ 
fallen ist, sofern man sich nicht zu der eingreifenden 
Operation einer Resection dcsSympathicus entschliesscn 
kann, ist Dionin ein werthvolles therapeutisches Mittel“. 
Nach den Erfahrungen von Vernes steht der Nutzen 
des Dionins über allem Zweifel bei Leiden der Hornhaut 
aller Art, — ausgenommen diejenigen, welche durch 
Erkrankungen der Bindehaut bedingt sind —, ferner 
bei Krankheiten der Regenbogenhaut und des 
Strahlenkörpers, wo es in Verbindung mit Mydriaticis 
angewendet werde. 

Bei Erkrankungen des Auges empfiehlt sich die 
Anwendung des Dionins: 

1. In allen Fällen, in denen man die heftigen 
Schmerzen lindern will, auf welche die bekannten 
localen anaesthesirenden Mittel ohne Wirkung sind, 
so bei Keratitis, Iritis, Iridocyclitis, Glaukom u. a. 

2. In allen Fällen, in denen die Ernährung der 
Gewebe unterstützt, die Resorption von Exsudaten 
und Entzündungsproducten befördert werden soll, und 

3. in denen man eine sichere Atropinwirkung er¬ 
zielen will. 

Ob man Dionin bei der Wundbehandlung, besonders 
bei Staroperationen anwenden soll, ferner ob dem 
Präparat antiseptische Wirkung zukommt, um diese 
Fragen entscheiden zu können, werden noch mehr 
Beobachtungen nöthig sein. 

Dionin wird ordinirt als Augentropfen in 2 °/ 0 bis 
5 °/ 0 wässriger Lösung; als Pulver angewendet, bringt 
man etwa eine kleine Messerspitze voll ins Auge. 
Wollfberg empfiehlt folgende Medication: 

Rp. Dion. 0,25 
Ol. cacao 1,0 

Fiat massa, e qua form, baeilli Nr. 10. 

S. tägl. 1 bis mehrere Stäbchen ins Auge zu bringen. 

Benutzte Litteratur über Dionin. 

1. Bloch, Therap. Monatsh. 1899, VIII. 

2. Bloch. Aerztlicher Centralanzeiger, Wien 1900, Nr. 21 u. 22. 

3. Bol teil stern. Allgcm. Med. Cential-Zeitung 1901, Nr. 

15 u. 16. 


4. Bornikoel. Therap. d. Gegenw. 1900. 

5. Bresler. Psychiatr. Wochenschr. 1899, Nr. 39. 

6. Darier. La Clinique ophtalm. 1899. Nr. 23. 

7. Darier. La Clinique ophtalm. 1900, Nr. 6. 

8. Darier. La Clinique ophtalm. 1902, Nr. 1. 

9. Danenberger. Wochenschrift f. Therapie und Hygiene 
des Auges 19C0, III. Nr. 32. 

10. Fromme. Berl. klin. Wochenschr. 1899, Nr. 14. 

11. Fromme. Allgem. med. Central-Zeitung 1900, Nr. 34 
u- 35 - 

12. Gottschalk. Aerztl. Rundschau 1901, Nr. 31. 

13. Graefe. Deutsche med. Wochenschrift. 1900, Nr. 12. 

14. Gunzburg. Journal medical de Bruxelles 1900, Nr. 11 

15. Heim. Klin. therap. Wochenschrift 1899, Nr. 46. 

16. Heinrich. Wiener med. Blätter 1899, Nr. 11. 

17. Hesse. Pharmaceut. Centralhalle 1899, Nr 1. 

18. Higier. Deutsche Medicin. Wochenschrift 1899, Nr. 441 

19. Hönigschmied. Aerztliche Central-Zeitung, Wien 1900 
Nr. 51. 

20. Hoff. Aerztl. Central-Anzeiger, Wien 1899 IX, Nr. 31. 

21. Isenburg. Medico 1900, Nr. 20. 

22. Janisch. Münchener medicin. Wochenschrift 1899, Nr. 51. 

23. Körte. Therap. Monatshefte 1899, I. 

24. Kramolin. Therap. Monatshefte 1900, XI. 2. 

25. Luniewski. Verhandlg. der IX. poln. Aerzte- und 
Naturiorscherversammlung, Krakau 1900, Heilkunde 1902, 
Heft 2. 

26. Meitzer. Münch. Medicin. Wochenschrift 1899, Nr. 51. 

27. Nicolaier. Wochenschrift f. Therapie u. Hygiene des 
Auges 1899, III. Nr. 13. 

28. PI es sner. Therap. Monatsh. 1900, Februar. 

29. Ransohoff. Psychiatr. Wochenschrift 1899, Nr. 20. 

30. Rosenfeld. Aerztl. Central-Zeitung 1900, Nr. 17. 

31. Salzmann. Wiener med. Presse 1900, Nr. 24. 

32. Schmidt. Aerztliche Central-Zeitung 1901, Nr. 34. 

33. Schröder. Therap. d. Gegenw. 1899, III. 

34. Simi. Bolletino d'Oculistica 1900, Nr. 11. 

35. So ul ier. Th&se de Lyon 1900. 

36. Terson. Ophtalm. Klinik 1901, Nr. 17. 

37. Umber. Therapie der Gegenwart 1900, Februar. 

38. Vermes. Orvosi Hetilap 1900. 

39. Walther. Zeitschr. f. pract. Aerzte. 

40. Winternitz. Therapeut. Monatsh. 1899, IX. 

41. Winternitz. Monatsschrift f. Psychiatrie und Neurologie 

1900, Bd. VII. 

42. Wollfberg. Wochenschrift f. Therapie und Hygiene des 
Auges 1899, BL Nr. 4 und 1900 III. Nr. 16. 

43. Wollfberg. Therap. Monatsh. 1900, Heft 5. 

44. Zirkelbach. Orvosi Hetilap 1901, Nr. 37. 

E. Baucke-Bonn. 



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Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift. 


1902.] 


75 


Mittheilunge n.*) 


— Die Jahresversammlung der Irrenärzte 
und Neurologen französischer Zunge. (11. 
Sitzung zu Limoges. Ann. Med.-psych. Sept. — Oct. 
1901.) 

Der vom 1. bis 7. August stattgehabte Congress darf 
den gelungensten beigezählt werden. Die Vorberei¬ 
tungen waren rechtzeitig getroffen worden, Stadt und 
Aerzte von Limoges bereiteten den Gästen einen 
vortrefflichen Empfang, und unter den Theilnehmem 
herrschte, schon durch das nahe Zusammenwohnen 
begünstigt, ein cordiales Einvernehmen. 

In der Eröffnungssitzung bewillkommte zuerst der 
Maire (Bürgermeister) die Versammlung, indem er 
dem Wunsche Ausdruck gab, es möchten immer mehr 
Mittel gefunden werden, die Geisteskrankheiten zu ver¬ 
hüten, und nach ihm der Director der medicin. Facultät. 
Ihm antwortete Ballet, der Präsident der Versammlung, 
selbst aus der Schule von Limoges hervorgegangen; 
er wies auf die ruhmvolle, artistische und litte- 
rarische Vergangenheit der festgebenden Stadt hin, 
besonders aber auf die berühmten Aerzte und Ge¬ 
lehrten des vorigen Jahrhunderts, Dupuytren, Gay- 
Lussac und Cruveilhier, und besprach dann Methoden 
und Hilfsmittel der jetzigen Psychiatrie und deren 
Mitarbeit an der Umformung des Strafrechtes. — 

Nachdem in der Nachmittagssitzung desselben 
Tages das Büreau conslituirt war, hielt Carrier sein 
Referat über das Delirium acutum. — 

Er characterisirt dasselbe als einen Symptomen- 
complex, der sich ebensosehr durch seine überaus 
rasche Entwicklung, als durch seine Gefährlichkeit 
kennzeichnet, auf Infection beruht, nach einem Pro¬ 
dromalstadium von schreckhaften Hallucinationen, Angst 
und allgemeinem Unbehagen, ein Stadium der Auf¬ 
regung und dann ein solches des Collapses aufweist. 
Psychisch stehen im erstem allgemeines Delir mit 
völliger Incohärenz, somatisch völlige Anorexie, Fieber, 
Dyspnoe und sehr frequenter Puls im Vordergründe, 
im letztem, das am 8. Tage zu beginnen pflegt, Stupor, 
Lähmungserscheinungen und Coma. Dasselbe bleibt 
aber aus, wenn der Fall sich bessert, um entweder 
ganz abzuheilen oder in Verrücktheit überzugehen. 
Ist aber das D. a. nicht ein primäres, sondern ein 
secundäres, so endet es meist tödtlich. — Verf. be¬ 
spricht an der Hand von 2 eigenen Beobachtungen 
1) die patholög-anatomischen Befunde, bes. der Nerven¬ 
zellen des Gehirns, 2) die Aetiologie, welche er in 
der nervösen Veranlagung des Individuums, in er¬ 
worbener Erschöpfung und in der Toxi-Infection findet, 
deren Natur allerdings erst zu finden ist. 

In der Discussion wird bald mehr die Intoxication, 
bald mehr die Infection betont. Und als practische 
Folgerung verlangt Regis, dass die betreffenden Kran¬ 
ken nicht in die Irrenanstalten, sondern in besondere 
Isolirabtheilungen der Spitäler geschickt werden, was 
die Versammlung als Desiderat adoptirt. 

Am 2. Tage fuhr die ganze Gesellschaft, wozu 
diesmal auch Damen gehörten, nach einem benach¬ 
barten Dorfe, hielt im Schulhause eine Vor- und eine 


Nachmittagssitzung ab, nahm zwischen beiden das 
Frühstück und nach beendeter Arbeit das Festessen 
in ländlich schöner Gegend unter Bäumen ein, um 
beim Mondscheine nach Limoges zurückzukehren. 

Folgende Vorträge wurden gehalten: 
Bourneville: Ueber Hämorrhagien der Haut als 
Folge epileptischer Anfälle. 

Meige: Ueber symmetrische Bewegungen der Glieder 
und Spiegelschrift. 

Dicay: Ueber Psychosen post operationem. 
Hartenberg: Ueber die nutritive Wirkung des hypo- 
dermatisch applicierten Lecithins. 
Roubinowitsch und Philippet: Ueber Hcdonal, 
das sie als inoffensiv bezeichnen. 

Dontrebente: Unterstützt die Petition von 150 An¬ 
staltsangestellten, dahingehend, dass künftighin 
Oekonomen und Rendanten aus ihrer Mitte und 
nicht aus Leuten gewählt würden, die dem An¬ 
staltsdienste bisher gänzlich femgestanden — was 
von der Versammlung adoptirt wird. 

A. Man haud: Ueber einen Fall von Spindelzellen¬ 
sarkom des Flocculus bei einem Epileptiker. 
Martin: Ueber hysterischen Torticollis und dessen 
Behandlung durch Gymnastik. 

Pailhas: Ueber Degenerirung (der Bevölkerung) in 
alten (abgelegenen) Ortschaften. 

Devay: Ueber juvenile Paralyse. 

Der 3. Sitzungstag wurde zum grösseren Theil 
durch das von Crocq, Professor in Brüssel, erstattete 
Referat über Tonus, Reflex und Contractur und durch 
die daran sich schliessende Discussion in Anspruch 
genommen. Crocq resümiert: In der grossen Mehr¬ 
heit der Fälle gehen Tonus und Sehnenreflexe pa¬ 
rallel, doch nicht immer, und gerade dadurch erweist 
sich auch ihre anatomische Unabhängigkeit. 

Dann wurde Grenoble als Sitz des Congresses 
für 1902 gewählt, und wurden folgende Themata und 
Referenten bestimmt. 

1. Ueber Angstzustände bei Geisteskrankheiten. La- 
lanne. 

2. Ueber den Tic. Nogues. 

3. Die Selbständiger in forensischer Beziehung. 
Dupre. — 

Endlich wurden noch Mittheilungen gemacht von: 
Justin Lemeitre über Pseudotumoren des Bauches, bei 
Hysterie und Neurasthenie durch Gasentwicklung 
vorgetäuscht. 

Joffroy über Temperatursinkungen bei 2 Para¬ 
lytikern (bis 29 resp 25,5°), 

von Bourneville: über Syphilis, Alkoholismus und 
ungesunde Berufsarten als Ursache des Idiotismus, 
und endlich von Raymondaud über Zig oder 
Phantogenie, d. h. phantastische Gesichtsillusioncn. — 
Der folgende Tag, ein Sonntag, war der Gesellig¬ 
keit gewidmet; der Präsident hatte die Versammlung, 
Herren und Damen, zu einem Frühstück in Saint- 
Goussaud eingeladen, das sehr belebt verlaufen zu 
sein scheint. — 

Der folgende Tag brachte das Referat von Taguet 


*) Wegen längeren Aufenthalts des Red. im Auslande machte sich leider eine Unterbrechung des Berichts der Münchener 
Versammlung nöthig; die Fortsetzung wird aber demnächst erfolgen. Red. 


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76. 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 6. 


über das Personal der Angestellten in den Irrenan¬ 
stalten, also hauptsächlich die Wärter frage. Das Seine¬ 
departement (Paris) habe die Besoldungen der Wärter 
beinahe verdoppelt, mit Pensionsberechtigung nach 
20 oder im Krankheitsfälle schon nach io Dienst¬ 
jahren. Nur sollte der Directoi und nicht der Präfect die 
Wärter ernennen. Als Postulatc wurden aufgestellt: 
Fachunterricht des Wartpersonales; Theilung des 
Personales in solches für den Tag und solches für 
die Nacht; i Wärter auf io Kranke als Maximum. 
Besoldung von frs. 360 an, mit Berücksichtigung der 
Familien Verhältnisse. 

Die Frage eines ständigen Secretärs wurde einer 
bes. Commission zur Begutachtung überwiesen. — 

In der Nachinittagssitzung folgten r5 Mittheilungen 
thcils casuistischen, theils anatomisch-physiologischen 
Inhaltes; z. Th. mit Projectioncn von Radiographien. 
Am Abend officielles Banket im Stadthause. — 

Damit war der eigentliche Congress geschlossen. 
Am folgenden Tage wurde von einer Anzahl Theil- 
nehmern die Irrenanstalt Naugeat besichtigt, zu 
welchem Bchufe vom Anstaltsgeistlichen eine die 
Entwicklung und den gegenwärtigen Bestand der 
Anstalt beschreibende Brochiirc verfasst worden war. — 

G. Burchhardt. 

Referate. 

— Bruns, die träum. Neurosen, Unfalls- 
n cu rosen. Wien 1901. Alfr. Holder. 13 1 Seiten, 
Lexicon-Octav. 3,20 M. 

B. hat bei der Definition des Krankheitsbegriffes 
auch die einfachen Psychosen und die Mischformen 
zwischen Neurosen und Psychosen berücksichtigt, da¬ 
gegen die organischen Erkrankungen ausgeschlossen, 
sodann auch den Begriff des Unfalls unserer Unfalls¬ 
gesetzgebung entsprechend präcisirt, nac h einer guten 
historischen und Litteraturübcrsicht kommt er zur Be¬ 
sprechung der Actiologie, Symptomatologie, Simulation 
einzelner Symptome und ihrer Erkennung, des Schlafes, 
Schwindel, der Krampfanfälle, Gefühls- und Sinnes¬ 
störungen, Lähmungen, Contracturen, Gchstörungen, 
des Verhaltens der Sehnenreflexe, des Zitterns, der 
Herzerscheinungen und des allgemeinen Verlaufs. 
An der Hand einer kleinen, aber sehr beweiskräf¬ 
tigen Zahl von Fällen gelingt es B. ein ziemlich 
scharf characterisirtcs Krankheitsbild zu entwerfen, 
nur bei dem Punkt: Simulation, sc heint mir bedenk¬ 
lich, dass Verf. nachweisbare Vortäuschung, nicht nur 
Uebertreibung eines Systems noch nicht für ausrei¬ 
chend hält, um den Patienten der Simulation ver¬ 
dächtig erscheinen zu lassen. 

Sehr werthvolle Angaben enthält das nächste Ka¬ 
pitel über Diagnose, forensische Fragen, Bestimmung 
des Grades der Erwerbsfähigkeit und Abfassung der 
Gutachten, insbesondere stellt er sich zu Strümpell in 
Gegensatz, indem er bei der Exploration die Ein¬ 
ziehung von Leumundszeugnissen zur Bcurtheilung der 
Zuverlässigkeit der Angaben für irrelevant hält, da 
ein sehr weuig achtenswerther Mensch doch krank 
sein kann. 

Bei der Bemessung der Rente partiell Arbeitsun¬ 


fähiger weist B. auf den therapeutischen Wert der 
Arbeit als häufig einziges Heilmittel hin und steht 
somit auf dem Boden Strümpells. 

Zum Sc hluss nach kurzer Würdigung von Prognose 
und Therapie streift B. noch einmal die Frage der 
Simulation, insbesondere auch vom strafrechtlichen 
Standpunkt und zeic hnet sic h auc h hier durch grosse 
Milde der Auffassung aus. 

Die Ansc haffung des Buches kann allen, die über 
Unfallsneurotikcr zu urtheilen in die Lage kommen, 
seiner sehr eingehenden Behandlung dieses theilweisc 
noch recht schweren Gegenstandes wegen empfohlen 
werden. Weist. 

— Dr. Hell ms u. A. Möller, Irrenhaus oder 
Pri vatpf 1 ege? Hamburg. Grabow. 40 S. Indem 
sie das Verständniss und Interesse für die Geistes¬ 
kranken in allgemein fasslicher Weise zu erwecken 
suchen, wenden sie sich gegen die verbreiteten Vor- 
urtheile und Anklagen gegen die Irrenheilanstalten. 
Ob einer naturgemäss nur auf einen engen Kreis 
verbreiteten Brochüre ein besonderer Erfolg blüht, 
wird bezweifelt. Mehr noch als es bisher geschieht, 
sollten cs sich die vielerorts entstandenen Irrenhilfs¬ 
vereine angelegen sein lassen, durch Vorträge und 
Verbreitung ähnlicher Broc hüren aufklärend und der¬ 
gestalt helfend zu wirken. Kellner (Hubertusburg). 

— Treitel. Uebc r Ago raph ob i e und ver¬ 
wandte Zustände bei Erkrankungen des Ohres 
Sainml. zwangl. Ablidl. a. d. Gebiet d. Nasen-, Ohren- 
etc. Krankheiten. |c)oi, Nr. 8. Halle a. S., C. Marhold. 
Verf. weist auf jene Fälle von A. hin, welche an durch 
Schwindel vcranlasstc wirkliche Unfälle anknüpfen. Be¬ 
sonders von Frankreich aus hat man einen directen 
Zusammenhang von A. mit dem Ohrcnschwindel con- 
statirt. Tr. betont aber unter Heranziehung mehrerer 
kasuistischer Fälle, dass der Ohrenschwindel resp. das 
Ohrcnleidcn allein nicht genügt, dass vielmehr stets 
eine gewisse nervöse Disposition vorhanden sein müsse, 
wenn im Anschluss an jenen A. auftreten solle. Da¬ 
nach muss die Therapie auch von der Behandlung 
des Allgemeinzustands ausgehen. 

Kellner (Hubertusburg). 

— „Mädchenopfer“ nennt sich eine Schrift von 
H. J. Brandes (H. Walther, Berlin 1902), welche „die 
Schwesternpflege an Männern“ behandelt, wie sic 
mehr und mehr besonders in den ärztlichen „Gross¬ 
betrieben“ aufflammt und sich leider auf die Pflege 
auch der Geschlechtskranken ausdehnt, eine Thatsachc, 
welche aus Rücksicht auf Pflegerin wie auf den Kran¬ 
ken kaum nothwenclig ist. Insofern birgt die „An¬ 
klageschrift“ einen wahren Kern, besonders wenn die 
dort geschilderten Begebenheiten auf Thatsachen be¬ 
ruhen. Wo der für den Pflegeberuf hohe sittliche 
Ernst fehlt, birgt der erstere überhaupt und besonders 
in der Ausübung an Männern zahlreiche Gefahren. 
Und entbehren möchten wir die weibliche Pflege doch 
nicht.— Was auf 77 Seiten gesagt wird, dafür hätten 
10 Seiten genügt. Die breite und pikante Wieder¬ 
gabe des gesammelten „Materials“ dürfte auf einen 
buchhändlerischen Erfolg abzielen. Kellner. 


l'ür den rcdactiouelU-u Tlu-il \ ci antum tiu li : Oberarzt l)r. J. Jirisler Kraschnitz, (Schlesien). 

Erscheint jeden Sonnabend — Schluss der Inscratenannahnie 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marhold in Halle a. S 


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Heyneniann’sche Buchdruckerei (Gebr. Wolff) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch 'Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internationales Correspondenzblatt für Irrenärzte und Nervenärzte. 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervorragender Fachmänner des In- und Auslandes 

herau*KA|?e bon von 

Director Dr. K. Alt, Prof. Dr. G. Anton, Prof. Dr. Bleuler, Prof. Dr. L. Edinger, Prof. Dr. A. Guttatadt, 

IN-hi.prmur*» i Altmarki Gras. Zürich. Frankfurt a. M. Geh. Med.-Rath, Berlin. 

Prof. Dr. E Mendel. Dr. P. J. Möbiufl, Director Dr. Morel, 

Berlin Leipzig. Mons (Belgien). 

Unter Benützung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Kraschnitx (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-AdresM: Marhold Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 2572. 

Nr. 7. 17 - Mai. 1902. 

Die ,,Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift" erscheint jeden Sonnabend und kostet pro Quartal 4 Mk. 
ß**«trlliinieen nehmen jede Buchhandlung, die Post (Katalog Nr. 6252), sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a.S. entgegen. 
Inserate werden für die jspaltige Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ertnaiaigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. J. Bresler, Kraschnitz (Schlesien), zu richten 

Inhalt. Originale: Eine interessante Nachricht aus der Schweiz. Von A. Grohmann, Ingenieur in Zürich (S. 77). — „Schutz 
des Publikums vor den Psychiatern.“ Von Dr. Pfausler, Director, Valduna (S. 80). — Mittheilungen (S. 83). — Referate 
(S. 87). — Personalnachricht (S. 88). 


Eine interessante Nachricht aus der Schweiz. 

Von A. Grohmann , Ingenieur in Zürich*). 


A Veranlasst durch Möbius hat sich eine Gesellschaft 
* von Männern zusammengefunden ? die daran¬ 
gehen will, in einer schönen Gegend der Schweiz ein 
grosses alkoholfreies Landgut — sie wollen ihm den 
Namen „Colonie Friedau“ geben — zu errichten, um 
Nervenkranken und Alkoholkranken zu einem gesunden 
und nützlichen Leben zu verhelfen. 

Die Patienten sollen sich also aus zwei allerdings 
sehr grossen Gruppen von Kranken recrutiren, für 
die. es bis heute, abgesehen von sehr kleinen Ver¬ 
suchen, an ausreichenden Heil- und Linderungsmitteln 
gefehlt hat, obwohl es doch an Krankenhäusern der 
verschiedensten Art wahrlich nicht fehlt. 

Die „Colonie Friedau“ soll den lantlwi ithschaf t- 

*) Herr Gr., der von Hause aus eine ungewöhnliche An¬ 
lage für psychologische Beobachtung besitzt, hat sich als Leiter 
einer Beschäftigungsanstalt für Nervenkranke und im Verkehr 
mit sachverständigen Aerzten ganz eigenartige, werthvolle Er¬ 
fahrungen erworben. Er ist jetzt Secretär des Gründungs- 
comitfcs für „Colonie Friedau“. Die Redaction. 


liehen Betrieb, besonders Gartenarbeit, sowie den Be¬ 
trieb der eigenen Hauswirthschaftseinrichtungen so 
führen, dass sie ihre Bedürfnisse soviel wie möglich 
selbst befriedigt. Auch das Personal soll alkoholfrei 
und die Kranken sollen als Hilfskräfte verwendet 
werden, soweit und soviel es geht. 

An ihrer Spitze soll ein sachverständiger Arzt stehen, 
neben ihm ein Verwalter für die öconomischcn An¬ 
gelegenheiten, beide dem Vorstand des Vereins ver¬ 
antwortlich. 

Alkohol wird in der Colonie nicht geduldet werden, 
und von Jedem wird nach Kräften und Vermögen 
Theilnahme an den Arbeiten in Feld, Garten und 
Haus erwartet. Die Colonie will aber keine Trinker¬ 
heilanstalt sein, sondern nur Alkoholkranke aufnehmen, 
die einer Trinkerheilstätte noch nicht oder nicht mehr 
bedürfen, für die aber der Verbleib in ihrer gewohnten 
Umgebung Gefahr bringt. 

Durch die Schaffung einfacher, natürlicher Lebens- 


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78 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


und Arbeitsverhältnisse soll die Hilfe gleichzeitig besser 
und billiger werden. 

Dabei soll die Colonie weder auf den reinen Er¬ 
werb zugeschnitten noch eine reine Wohlthätigkeits- 
anstalt sein in dem Sinne, dass sie ihre Errichtung 
und ihren Betrieb nur Schenkungen verdankt — wenn 
auch letztere natürlich nicht ausgeschlossen sind, — 
sondern sie soll nach beiden Richtungen auf eigenen 
Füssen stehen, da die Gründer zu beweisen wünschen, 
dass dies möglich sei. Und durch diesen Beweis 
möchten sie veranlassen, dass auch an anderen Orten 
ähnliche Anstalten entstehen, um das Los mancher 
Nervenkranken und solcher, die längere Zeit in al¬ 
koholfreier Umgebung leben sollten, zu verbessern. 

Wenn es mir, einem Laien, gestattet ist, mit einigen 
skizzenhaften Ausführungen die Krankheitsgruppen 
zu schildern, denen die Colonie wird dienen können, 
so möchte ich dies wie folgt thun, indem ich mich 
an die Bedürfnisse halte, von deren Vorhandensein 
ich mich im Verkehr mit geistesdefecten Menschen 
überzeugt habe. 

Da nenne ich vor allem die nicht gewohnheits- 
mässigen „psychopathischen Trinker“ mit nur seltenen, 
aber schweren Excessen, und dann die grosse Zahl 
derer, bei denen sich, besonders in jugendlichen Jahren, 
noch kein Alkoholismus ausgebildet hat, die aber ihre 
Willensschwäche nach dieser Richtung gezeigt haben. 
Ihnen soll durch lange Gewöhnung gezeigt werden, 
dass der Mensch am besten ohne Alkohol lebt. 

Diese beiden Gruppen sind sow'ohl rein, wie auch 
in allen denkbaren Schattierungen in Verbindung 
mit allen anderen Erscheinungen nervöser und geistes¬ 
kranker Natur vorhanden. Sie gehören in eine al¬ 
koholfreie Umgebung und sie gehören unter sach- 
ständige Leitung. 

Die Ueberfüllung der Irrenanstalten, die Scheu 
vor ihnen und die Unvollkommenheit unserer Irren¬ 
gesetze gestatten nur in den Fällen die Ueberführung in 
Irrenanstalten, die fast geradezu als Nothfälle bezeichnet 
werden müssen. Sind es gerichtliche Fälle, so ist ihr 
Schicksal schon durch die Sachlage mehr oder weniger 
festgelegt. Für viele andere dieser Patienten aber ist 
es ein Bedürfniss, ausser den Irrenanstalten Anstalten 
zu haben, die alkoholfrei betrieben werden, den In¬ 
sassen Arbeitsgelegenheit geben und dabei genügend 
billig sind, um auch bei bescheidenen Verhältnissen 
einen längeren, ja auch dauernden Verbleib in der 
schützenden Umgebung zu ermöglichen. 

Dann denke ich an die vielen Menschen, die ohne 
eigentlich krank zu sein, doch in irgend einer psy- 
• -bischen Richtung schutzbedürftig sind: characterolo- 
gisch Abnorme mit leichten und für Andere nur w enig 


[Nr. 7 . 


gefährlichen Trieben, Gelüsten, Stimmungen und 
Schwachen, für die alle jene leichte Correctur des 
Schicksals erwünscht wäre, wie sie nur innerhalb einer 
specifisch eingerichteten frei lebenden Gemeinschaft 
möglich ist Weder das gewöhnliche Leben noch 
das in der Irrenanstalt ist für sie das richtige, das 
eine bietet ihnen zuviel, das andere zu wenig von 
jenem Zw'ang zu Pflicht und Arbeit und gesellschaft¬ 
licher Anpassung, den jeder Mensch haben muss. 
Weder die Aussenw r elt noch die Irrenanstalt kann 
ihnen, den Mittehverthigen, das richtige Maas geben. 

Eine sehr grosse Gruppe, von der ich aufrichtig 
wünsche, dass sich die Aufmerksamkeit der Sachverstän¬ 
digen ihr eingehend w r idme, und für die die Colonie 
Friedau gerade das Rechte werden dürfte, sind die in ge¬ 
ringem Grade Schw achsinnigen. Ich habe in einer kleinen 
Schrift (Ernstes und Heiteres aus meinen Erinnerungen 
im Verkehr mit Schwachsinnigen, Verlag Melusine, 
Zürich 1902) eine Reihe von solchen Fällen für 
Eltern und Lehrer beschrieben. Es ist meine feste 
Ueberzeugung, dass aus den meisten Leichtschwach- 
sinnigen bei guter Behandlung sehr viel mehr nützliche 
Arbeit herauszugewinnen ist, als es geschieht. Der 
Schwerpunkt liegt hierbei meist in dem Nichterkenncn 
des Schwachsinnes als solchen. Auch haben die 
Irrenärzte bis jetzt zu wenig von diesen Kranken 
bekommen als dass sie viel Aufklärung über dieses 
Gebiet hätten verbreiten können. Am meisten Elend 
erzeugt hier der Reichthum. Reiche lassen, als 
ob es selbstverständlich wäre, ihre Söhne studieren, 
ob sie unfähig sind oder nicht; es wird ihnen nicht 
ein genügend primitiver Beruf und es werden nicht 
genügend einfache allgemeine Lebensverhältnisse ge¬ 
boten. Die Patienten geben Veranlassung zu den 
aufreibensten Aergemissen mit psychologisch unbe¬ 
gabten Eltern. Bei andern geht es nach einem gründ¬ 
lichen Verpfuschtsein zwar nicht so tragisch zu, aber 
selbst wenn sie eben wegen dieses Verpfuschtseins 
etwa Irrenärzten in der Consultationsstunde vorgeführt 
werden, die Schwerberathbarkeit der Eltern giebt da 
nicht mehr lösbare Aufgaben auf. Da möchte ich nun 
das grösste Gewicht darauf legen, dass die praktischen 
Aerzte über die Absichten des „Colonie Friedau“-Ver¬ 
eins informirt werden, damit sie — fast die Einzigen, 
die solche Fälle in den Familien kennen lernen — daran 
denken mögen, recht frühzeitig daran zu gehen, vor 
zu hochgegriffenen Berufen zu warnen und im Falle von 
Unfrieden zwischen Eltern und Kindern — eines der 
bequemsten Zeichen für die Wahrscheinlichkeit von 
Schwachsinn bei letzteren, wenn nicht bei beiden — 
zunächst wenigstens ein „zeitweiliges Ausspannen“ und 
eine mehrmonatige Beobachtung bei praktischer Arbeit 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


79 


IQ02.] 


wie sie die Colonie bieten wird, vorschlagen. Wer 
heutzutage in diesen „leichten“ Fällen die Beobachtung 
durch einen Irrenarzt vorschlägt, kann mit Sicherheit 
auf Misserfolg rechnen. Untersuchung und Be¬ 
obachtung dieser jungen Leute ausserhalb der ge¬ 
wohnten Umgebung des Elternhauses wird, darauf 
rechne ich nach meiner Erfahrung mit Sicherheit, 
zeigen, mit wie einfachen Mitteln besonders manche 
dieser jungen Männer von 16 bis 20 Jahren auf den 
rechten Weg zu bringen sind. Denn während der 
geistig begabte, gebildete, ältere, aber geistig abge- 
ai beitete Nervöse oft nur schwer von seinen geistigen 
Interessen abzulenken ist, kann dies — aber immer 
nur in richtiger Umgebung — oft spielend leicht 
beim jugendlichen Unbegabten geschehen. 

Kommen nun noch die Neurosen im engern Sinne, 
Hysterie und Neurasthenie, über die ich trotz ihrer 
Bedeutung hier nichts sagen will, hinzu, so mag mit 
dieser Reihe ein ungefähres Bild des zu erwartenden 
Patientenstandes angedeutet sein. 

Aus verschiedenen Gründen ist zu erwarten, dass 
die Irrenärzte sich für das Unternehmen „Colonie 
Friedau“ interessiren werden, und aus ihren^ Reihen 
dürfte auch der ausführende Oberarzt der Colonie 
hervorgehen: Nur unter den Irrenärzten sind Männer, 
die eine langjährige Schulung durchgemacht haben in 
der Organisation, in der Verpflegung und in der Be¬ 
schäftigung geistesdefecter Menschen in grosser Zahl. 
In der Entwicklung des praktischen Irrenwesens zeigen 
sich zwei Tendenzen, die stetig anwachsen und 
nur scheinbar im Gegensätze stehend: Das Eine ist 
die zunehmende Zahl der Menschen, die in Irren¬ 
anstalten versorgt werden — das Schreckgespenst so 
Vieler, — das Zweite das stetig zunehmende Verlangen, 
dem Patienten innerhalb der Anstalt immer mehr und 
mehr Freiheit zu geben: das Verlangen und Ziel der 
Irrenärzte. Der Kranke verliert im Einen die Freiheit, 
um sie im Andern nur anders wieder zu erhalten. 
Die Bevormundung Hülfloser und Schädlicher verliert 
an Intensität, nimmt zu an Extensität. Wurden früher 
nur Kranke versorgt, deren Gefährlichkeit Jedem im 
Volke einleuchtete, so kommen jetzt Leute ins Irren¬ 
haus, von denen oft die „Gebildetsten“ nicht einsehen 
wollen, das dies nöthig sei. Dass diese zwei Tendenzen 
nicht von den Irrenärzten gemacht, sondern aus den 
gesellschaftlichen Zuständen erwuchsen sind, das geht 
auch aus der Thatsache hervor, dass beide dem Irren¬ 
ärzte vermehrte Last und Verantwortung aufbürden: 
Auf der einen Seite Zunahme von Arbeitslast durch 
Vollstopfen der Anstalten weit über ihr richtiges 
Fassungsvermögen hinaus und starker Patientenwechsel, 
auf der andern Seite Lockerung der Aufsicht, Er- 

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schwerung der Uebersicht, vermehrte Berührung der 
Kranken mit der Aussenwelt, vermehrte Gelegenheit 
zu gefährlichen Handlungen durch Werkzeuge, offene 
Fenster und Thüren, Möbel und Hauseinrichtungen 
aller Art nach den Gepflogenheiten der Aussenwelt. 

Denkt man weiter an die mo.lernen gänzlich 
„freien Abtheilungen“, die vollständig freien „Irren¬ 
kolonien“ und Irrendörfer, so zeigen sich am Ende 
dieser langen Reihe von Aenderungen und Ent¬ 
wicklungen, zu der es mehrerer Menschenalter bedurfte, 
zwei Arten von Anstalten: 

1. Die Anstalt mit geschlossener Centrale, um¬ 
geben von lauter mehr oder weniger offenen Ab¬ 
theilungen, alle mit sehr verschiedenen Einrichtungen 
— für die Geisteskranken im engem Sinne, zum theil 
vorgeschlagen, zum theil schon bestehend, für Menschen 
mit zeitweiliger oder steter Gefährlichkeit. 

2. Die völlig offene Anstalt, ebenfalls auf dem 
freien Lande, ebenfalls mit landwirtschaftlichem Be¬ 
triebe, aber mit vermehrten, und reicher entwickelten 
Beschäftigungsgelegenheiten, — die noch nicht be¬ 
steht, — die für Nervenkranke bestimmt sein mag, 
und die jetzt das Ziel der Gesellschaft „Colonie 
Friedau“ sein wird. 

Aber ausser den zwei schon genannten Tendenzen 
könnte man noch eine dritte Tendenz annehmen, die 
allerdings nicht allein die Irrenärzte angeht, sondern an 
der auch Andere theilnehmen, aber die von Irren¬ 
ärzten verhältnissmässig viel mehr unterstützt wird, als 
von den Vertretern irgend eines andern Berufes oder 
irgend einer anderen Gesellschaftsgruppe: die Alkohol- 
abstinenzbew'egung. Wer die Literatur der Ab- 
stinenzbew'egung ansieht, stösst immer wieder auf 
Irrenärzte als Führer der Massen sowohl als auf 
Autoren der besten Werke, obwohl die Irrenärzte 
nur etwa den 100000. Theil der Bevölkerung aus¬ 
machen. Die beste experimentelle Arbeit über die 
Wirkung des Alkohols auf die psychischen Leistungen 
ist von einem Irrenarzt, und der Mann, dem w r ir die 
werkthätigste Abstinenz-Propaganda verdanken, ist 
auch wieder ein Irrenarzt. Und noch eine Brücke 
besteht zwischen dem Irrenarzte und der geplanten 
Anstalt: Zahlreich sind die Fälle in Irrenanstalten, 
wo ein Patient in der Hauptsache zwar als geheilt 
oder gebessert, oder als ungebessert, aber ungefährlich 
gew’orden zu entlassen ist, ohne dass man ihm die 
Kraft zumuthen kann, dass er sich in der nächsten 
Zeit w’erde halten können. Er bedarf eines leichten 
Schutzes, der sehr verschiedener Art ist — beim Einen 
die Abstinenz, beim Andern anderes, — den ihm die 
Irrenanstalt entweder nicht bieten kann, oder insofern 
nicht bieten darf, weil sie ihn nicht zurückbehalten 

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8 o 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 7- 


darf. Uebcrgangsstationen zwischen Irren¬ 
anstalt und Freiheit haben wir bis jetzt noch nicht 
gehabt Manche Patienten sollten aus der Hut des 
einen Psychiaters in die Hut eines andern Psychiaters 
kommen; auch hier: vermehrte Freiheit, — aber auch 
Erhaltung des nützlichen Restes von Erwerbsfähigkeit. 
Das Leiden oder die Gefahr des Rückfalles ist ge¬ 
blieben und die Erkenntniss dieser Gefahr ist psy¬ 
chiatrischer Natur. 

In Summa ist also zu sagen: die Colonie Friedau 
erstrebt in erster Linie Arbeit und Abstinenz für 


Nervenkranke, in zweiter Linie: Es soll doch 
endlich einmal, Und zwar mitten in einem an 
Trinkern reichen Lande eine Insel erstehen, 
wo nicht getrunken wird, und auf der die Ab¬ 
stinenz nicht gepredigt, sondern geübt wird. 

In gewissem Sinne ist die Schweiz ein Sanatorium 
für ganz Europa und die Augen der Welt sind auf 
dies schöne Land gerichtet: Die Colonie Friedau 
wird daher gerade in der Schweiz am rechten Platze 
sein. 


„Schutz des Publikums vor den Psychiatern.“ 

Von Dr. PfausUr, Director, Valduna. 


TT in k. k. Justiz-Min.-Erlass (vom Februar 1 . J.), nach 
welchem bei Begutachtungen von in den An¬ 
stalten befindlichen Geisteskranken die Beiziehung der 
ordinirenden Anstaltsärzte zu vermeiden sei, hat unter 
einem Theile der österreichischen Irrenanstalts-Aerzte 
eine begreifliche Erregung hervorgerufen. Da es auf 
den ersten Blick den Anschein hatte, dass dieser Er¬ 
lass einem irgendwie veranlassten Misstrauen gegen¬ 
über den betroffenen Anstalten entsprungen sein 
könnte, so wurde eine Umfrage an alle cisleithani- 
schen Anstalts-Direktionen gerichtet. 

Das Ergebniss war ein verschiedenes. Einzelnen 
Anstalten wurde ein gleicher Erlass schon vor Jahren 
zugemittelt, anderen war ein solcher bekannt, aber 
nicht intimirt worden, wieder anderen war er bisher 
fremd geblieben. 

Zweck dieses kurzen Aufsatzes soll sein, die Irren¬ 
anstalts-Aerzte zu einer gemeinsamen Auffassung und 
Stellungnahme in dieser wichtigen und folgenschweren 
Angelegenheit zu veranlassen. 

Zur Orientirung muss vorausgeschickt werden, 
dass bisher mit Ausnahme der Orte, in denen den 
Behörden eigene Gerichts-Psychiater zur Verfügung 
stehen, wie in Wien und Prag, bei den civilgericht- 
lichen Begutachtungen von in den Anstalten befind¬ 
lichen Geisteskranken bis zum Zeitpunkte genannten 
Erlasses meist ein — und dann in Gemeinschaft mit 
dem Gerichtsarzte — seltener 2 Anstaltsärzte als be¬ 
eidigte Sachverständige herangezogen wurden, und 
dass dieser Vorgang zu keinen erwiesenen oder sonst 
wie bekannt gewordenen Unzukömmlichkeiten, viel 
weniger Ungesetzlichkeiten geführt hat. Abgesehen 
davon, dass in der berufenen Oeffentlichkeit niemals 
eine Klage hierüber laut geworden, wurde den als 
gerichtliche Sachverständige selbst durch Jahrzehnte 


fungirenden Anstaltsärzten wiederholt für ihre gewissen¬ 
hafte und sachgemässe Durchführung der Begutach¬ 
tungen sowohl mündlich wie schriftlich die Aner¬ 
kennung der zuständigen Gerichtsbehörden bekannt 
gegeben. 

Da uns vorerst die Beweggründe für diesen 
Ministerialerlass nicht bekannt waren, stellten wir 
uns zunächst die Frage, schafft der Erlass Besseres? 

Als Maassstab zur Beurtheilung muss der § 273 
a. b. G. B. nebst der Ministerial-Verordnung vom 
14. Mai 1874 herangezogen werden. Der genannte 
Paragraph bestimmt: „Für wahn- oder blödsinnig 
kann nur derjenige gehalten werden, welcher nach 
genauer Erforschung seines Betragens und nach Ein¬ 
vernehmung der von dem Gerichte ebenfalls dazu 
verordneten Aerzte gerichtlich dafür erklärt wird“, 
und in der zur Erläuterung herausgegebenen Mini¬ 
sterial-Verordnung vom 14. Mai 1874 wird ausge¬ 
führt: „den zur Amtshandlung wegen Constatirung 
der Geistesstörung der in eine Irrenanstalt gebrachten 
Personen berufenen Gerichten wird im Sinne des 
Gesetzes obliegen, dieser Amtshandlung ihre vollste 
Aufmerksamkeit zuzuwenden und sich befähigter 
Commissionsleiter und erprobter, vollkommen befähig¬ 
ter und gewissenhafter Experten zu bedienen, jede 
Verschleppung der diesfälligen Erhebungen hintanzu¬ 
halten und sofort nach erfolgter Constatirung der 
Geistesstörung das weitere Erforderliche einzuleiten, 
im entgegengesetzten Falle aber dafür zu sorgen, dass 
der Curande ohne Verzug wieder in den vollen Ge¬ 
brauch seiner bürgerlichen Freiheit versetzt werde. 
Da es häufig vorkommt, dass Experte wiederholte 
Beobachtungen und somit Aufschub ihres Gutachtens 
verlangen, besonders wenn sie die Geistesstörung für 
heilbar erachten, so ist von den Gerichten mit aller 


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Energie zunächst auf den Ausspruch, ob die angeb¬ 
liche Geistesstörung wirklich vorhanden sei, zu dringen 
und jeder nicht unvermeidlich sich darstellende Auf¬ 
schub in dieser Beziehung hintanzuhalten. Für wei¬ 
tere und wiederholte Beobachtungserstreckungen zum 
Zwecke des Ausspruches über die Heilungsmöglich¬ 
keit lässt sich zwar im vomhinein ein Termin nicht 
bestimmen, es wird jedoch Aufgabe des Gerichtes 
sein, auch hier auf thunlichste Beschleunigung zu 
dringen, grundlosen Verschleppungen entgegen zu 
treten, und endlich zum Zwecke des Gebrauches für 
das Pfleggericht und den Curator darauf zu sehen, 
dass das Gutachten der Experten über die Heilungs¬ 
möglichkeit in möglichst bestimmter und klar ver¬ 
ständlicher Weise abgegeben werde“. 

Nach dem neuen Erlasse treten wenigstens in der 
Provinz, ausserhalb der Universitätsstädte, an die 
Stelle der ordinirenden Anstaltsärzte der k. k. Be¬ 
zirksarzt mit einem praktischen Arzte als gerichtliche 
Sachverständige. Wenn wir nun ersterem das nöthige 
Maass psychiatrischer Kenntnisse zusprechen wollen, 
so können wir das beim practischen Arzte wohl in 
den seltensten Fällen voraussetzen und dies nmsomehr, 
als überhaupt erst die jüngeren Aerzte ein Colleg über 
Psychiatrie gehört haben und auf Grund dessen wohl 
selbst kaum den Anspruch erheben werden, ein im 
Sinne der schon erwähnten Ministerial-Verordnung 
vom Jahre 1874 „erprobter und vollkommen befähig¬ 
ter Experte“ zu sein. Die Frage nach der Gewissen¬ 
haftigkeit im Sinne obiger Verordnung kann wohl 
auch nicht aufgeworfen werden, will man nicht etwa 
die lächerliche Annahme machen, der Eid des Fach¬ 
mannes sei minderwerthiger anzuschlagen, als der eines 
k. k. Amtsarztes oder eines mit der Psychiatrie wenig oder 
nicht vertrauten praktischen Arztes, dem überdies die 
bevorzugte Eigenschaft ein „erprobter und vollkom¬ 
men befähigter Experte zu sein“, nicht oder nicht in 
dem Maasse wie dem Anstaltsarzte zugesprochen 
werden kann. 

Da nach dem Erlasse keine durchwegs besser 
qualificirte Sachverständige an die Stelle treten, so 
ist wohl auch kaum zu erwarten, dass deren gutacht¬ 
liche Leistungen über jene der ordinirenden Anstalts¬ 
ärzte zu stellen seien. 

Nach der oben angeführten Ministerial-Verordnung 
zum § 273 a. b. G. B. haben sich die Sachverstän¬ 
digen im gegebenen Falle vorzüglich darüber zu 
äussern, ob und welche Geistesstörung vorliegt, ob 
der Kranke trotz seiner Geistesstörung noch geschäfts¬ 
fähig, ob seine Erkrankung eine heilbare und in wel¬ 
cher Zeit sie dieses sei. 

Diese für die Curatels-Bestellung, wie für den Schutz 


der persönlichen Freiheit gl eich wichtigen Fragen wer¬ 
den wohl nur die Anstaltsärzte, denen neben ihrer 
psychiatrischen Ausbildung die tägliche Beobach¬ 
tung des Kranken den sichersten Ueberblick über 
jene gewährt, zur vollen Zufriedenheit der Gerichts¬ 
behörden zu beantworten in der Lage sein, nicht 
aber Aerzte, denen sowohl die fachmännische Aus¬ 
bildung, sowie die tägliche Beobachtung fehlt und 
die dem Kranken nur flüchtig bei Gelegenheit ihrer 
Gutachtenabgabe gegenübertreten. 

In der Consequenz des neuen Erlasses ist doch 
auch die Benutzung des Krankengeschichten-Materials, 
welches von den ordinirenden Anstaltsärzten stammt ^ 
ausgeschlossen; denn sind die in den Krankengeschich¬ 
ten niedergelegten Befunde und Beobachtungen der 
Anstaltsärzte für die Begutachtung von Belang, warum 
soll dann nicht auch fernerhin deren fachmännisches 
und objectiv unparteiisches Gutachten für die Behör¬ 
den maassgebend sein? 

Sind aber die nach den Krankengeschichten ver¬ 
fassten Gutachten nicht hinreichend vertrauenswürdig, 
so sind die Krankengeschichten für die begutachten¬ 
den Aerzte irrelevant. Hierbei muss noch darauf 
hingewiesen werden, dass die begutachtenden Aerzte 
in einer Stunde 3 — 6 Fälle „abthun“ und in jenen 
Fällen, wo ihnen inconsequenter Weise die Kranken¬ 
geschichten zur Verfügung gestellt werden, in ihren 
Gutachten meist einfach diese abschreiben und dann 
noch das Gutachten, das sie sich von den Anstalts¬ 
ärzten geben lassen, anfügen. 

Dass ein solcher Vorgang für die begutachtenden 
Aerzte wenig ehrenvoll ist, wie er für den fachmän¬ 
nischen Anstaltsarzt im hohen Grade kränkend und 
sein Ansehen schädigend wirkt, liegt auf der Hand. 

Dass aber auch Fälle falscher Beurtheilung von 
grösserer Tragweite noch häufiger Vorkommen wer¬ 
den, mag nur durch einen Fall unserer Erfahrung 
kurz beleuchtet werden. 

Am 8. Januar 1901 wurde der 46jährige F. aus 
D., ein wohlhabender und früher intelligenter Ge¬ 
schäftsmann, mit den Zeichen einer vorgeschrittenen 
progressiven Paralyse in unsere Anstaltsbehandlung 
aufgenommen. Nach den verlässlichen anamnestischen 
Erhebungen durch einen Bruder des F. Hess sich der 
Krankheitsbeginn auf 2 Jahre sicher zurückführen. 

F. hatte, nachdem ihm im Juni^iqoo seine erste 
Frau gestorben war, sich schon im September 1900 
mit der zweiten verheirathet. Kurz vor der Auf¬ 
nahme hatte F. seine Frau durch Erbvertrag zur Uni- 
versalerbin eingesetzt. F. wurde in der Anstalt als 


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82 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 7 . 


mit progressiver Paralyse behaftet begutachtet und 
unter Curatel gestellt. 

Nun wollten die Anverwandten des F., nachdem 
dessen Frau auch keiner Nachkommenschaft entgegen¬ 
sah, die Rechtsgiltigkeit seines Erbvertrages auf Grund 
unseres Gutachtens anfechten. F. wurde indessen, 
trotzdem sein Leiden auch seiner Frau unverkennbar 
war (zeigte er doch bei all’ den characteristischen 
Symptomen des Leidens auch die für den Laien auf¬ 
fälligen Erscheinungen verschiedener Grössen-Ideen 
und schwerster Intelligenz-Defecte), von dieser am 
11. III. 1901 gegen Revers aus der Anstalt nach Hause 
übernommen, dort von pract. Aerzten, denen unser 
ausführliches Gutachten Vorgelegen hatte, für gesund 
erklärt und aus der Curatel entlassen. Daraufhin 
wurde die Rechtsgiltigkeit des Erbvertrages von den 
Anverwandten des F. nicht weiter bestritten. 

Am 19. III. 02 wurde nun F. zum zweiten Male 
der Anstaltsbehandlung übergeben. Die Frau des F. 
liess uns berichten, wir möchten den Mann nun be¬ 
halten, er wäre schon ganz blöd. F. zeigt das Bild 
der progressiven Paralyse in einem entsprechend weiter 
vorgeschrittenen Maasse, als bei der ersten Aufnahme. 
Die Frau des F. ist inzwischen im April 1902 nieder¬ 
gekommen; es dürfte aber in diesem Falle doch auch 
die Vaterschaft des F. in Zweifel gezogen werden, 
nachdem die Frau schon bei der ersten Aufnahme 
von der Impotenz ihres Mannes berichtete. — 

Wir wollen hiermit etwa keineswegs den pract. 
Collegen den Mangel psychiatrischer Kenntnisse zum 
Vor würfe machen, erwarten aber, dass sie sich unter 
diesem Hinweise als psychiatrische Experte nicht für 
berufen erachten. Von noch schwerwiegenderen Folgen 
ist der Erlass bei Begutachtungen in strafgerichtlichen 
Fällen, und sind bei der neuen Art der Expertise 
die schwersten Schädigungen des persönlichen Wohles 
der Geisteskranken keineswegs auszuschliessen, wie 
sie auch für die durch die moderne humane Psy¬ 
chiatrie schon theilweise errungene Auffassung in erster 
Linie den Verbrecher und nicht das Verbrechen zu 
be- bezw. verurtheilen, wohl unzweifelhaft einen Rück¬ 


schritt bedeuten muss. Nachdem nun nachgewiesener- 
maassen durch den neuen Ministerial - Erlass nichts 
Besseres geschaffen wird, kann derselbe auch nicht 
als gerecht bezeichnet werden, da er ja gerade für 
den Fachmann eine Zurücksetzung, eine kränkende 
Ausnahmestellung gegenüber jedem anderen Arzte 
bedeutet, wie eine solche sich am allerwenigsten aus 
dem Wortlaute oder Sinne des $ 273 a. b. G. B. ab¬ 
leiten lässt. 

Da dieser Erlass offensichtlich nichts Besseres 
schafft, fragt es sich nun, ist derselbe vielleicht durch 
äussere Umstände hervorgerufen und begründet? 
Sind vielleicht Fälle bekannt geworden, in denen An¬ 
staltsärzte gegen ihr Wissen und Gewissen zu Gunsten 
einer Person oder Sache die Interessen der ihnen 
anvertrauten Kranken, in erster Linie auch den 
Schutz der persönlichen Freiheit ausser Acht gelassen ? 
Darauf haben wir nur eine Antwort: Niemand wird 
dem Stande der Psychiater selbst beim Fehlen einzelner 
Bew'eisfälle die Schmach der Käuflichkeit anwerfen 
wollen. 

Wenn aber das Justiz-Ministerium auf eine Gegen¬ 
vorstellung seinen Erlass durch nichts anderes zu 
begründen wusste als, man müsse auch den „Schein 
der Befangenheit der Sachverständigen“ vermeiden, 
so stellen wir dem die Frage entgegen, haftet den 
Krankengeschichten, nach denen auch von den An- 
staltsärztcn die Gutachten verfasst worden sind, der 
„Schein der Befangenheit“ nicht mehr an, wenn sie 
der k. k. Amtsarzt und ein mit der Psychiatrie wenig 
oder nicht vertrauter pract. Arzt in ihren Gutachten 
abschreiben ? Die österreichischen Anstaltsärzte werden 
darum neben dem Eintreten für die grösstmög- 
lichste Wahrung aller Interessen der ihnen an ver¬ 
trauten Kranken zur Wahrung ihres Ansehens ge¬ 
zwungen sein, gegen einen Erlass gemeinsam Stellung 
zu nehmen, welcher auf jene Linie eines unberech¬ 
tigten und unbegründeten Misstrauens zu stellen ist, 
dessen Endziel „Schutz des Publikums vor den Psy¬ 
chiatern-* mit obigem Erlass wohl schon erreicht ist. 


M i t t h e i 

— Die XXVII. Wander-Versammlung der 
südwestdeutschen Neurologen und Irrenärzte 

wird am 24. und 25. Mai in Baden-Baden im Blumen¬ 
saale des Conversationshauses abgehalten werden. 

Die erste Sitzung findet Samstag, den 24. Mai, 
vormittags von 11 bis 1 Uhr statt. Etwaige Demon¬ 
strationen von Kranken sollen in dieser Sitzung statt¬ 
finden. 

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1 u n g e n. 

In der zweiten Sitzung am gleichen Tage nach¬ 
mittags 2 bis 5 1 ; 2 Uhr wird das Referat erstatten: 

Herr Prof. H oche-Strassburg: Differentialdiagnose 
zwischen Epilepsie und Hysterie. 

Daran sollen sich anschliessen die dazu gehörigen 
Vorträge sowie die zur Discussion zu machenden Be¬ 
merkungen. 

Die dritte Sitzung findet Sonntag, den 25. Mai, 

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i«io2.1 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 83 


vormittags von o —12 Uhr statt mit Einschaltung 
oder Anschluss von Demonstrationen mikroskopischer 
oder sonstiger Präparate. 

Auf die zweite Sitzung folgt nachmittags 6 Uhr 
ein gemeinsames Essen im Restaurant des ConVer¬ 
sal ionshauses. 

Die Unterzeichneten Geschäftsführer laden hiermit 
zum Besuche der Versammlung ergebenst ein und 
bitten diejenigen Herren, welche an dem gemeinsamen 
Essen thcilzunehmen beabsichtigen, um eine betreffende 
baldgefällige Mittheilung. 

Bis jetzt sind folgende Vorträge angemeldet: 

1. Prof. Dr. Erb (Heidelberg): Bemerkungen zur 
pathologischen Anatomie der Syphilis des centralen 
Nervensystems. 

2. Prof. Dr. v. Strümpell (Erlangen): Neurologische 
Mittheilungen. 

3. Prof. Dr. Dinkler (Aachen): Ueber acute Myelitis 
(Verdacht auf Abscess; Versuch operativer Be¬ 
handlung). 

4. Prof. Dr. Schwalbe (Strassburg): Ueber Windungs¬ 
protuberanzen des Schädels. 

5. Prof. Dr. Fürstner (Strassburg): Zur Kenntniss der 
vasomotorischen Neurosen. 

6. Prof. Dr. Edinger (Frankfurt a. M.): Zur ver¬ 
gleichenden Anatomie des Gehirns: Das Vogel- 
gehim. 

7. Dr. Bayerthal (Worms): Zur Diagnose der Thala¬ 
mus- und Stimhirntumoren. 

8. Prof. Dr. Schultze (Bonn): a) Weitere Mittheilungen 
über operativ behandelte Geschwülste der Rücken¬ 
markshäute. b) Das Verhalten der Zunge bei 
Tetanie. 

9. Prof. Dr. Hoffmann (Heidelberg): Ueber tonischen 
Facialiskrampf. 

10. Dr. Ebers (Baden-Baden): Demonstration eines 
durch Operation geheilten Falles von chronischem 
Krampf der Nacken- und Halsmuskulatur. 

11. Dr. Blum (Frankfurt a. M.): Ueber experimentelle 
Erzeugung von Geisteskrankheiten. 

12. Prof. Dr. Gerhardt (Strassburg): Zur Anatomie 
der Kehlkopflähmungen. 

13. Dr. Link (Freiburg): Demonstration von Muskcl- 
präparaten bei Myasthenia gravis. 

14. Dr. Vulpius (Heidelberg): Muskelüberpflanzung 
bei spinaler Kinderlähmung. 

13. Prof. Dr. Nissl (Heidelberg): Ueber einige Be¬ 
ziehungen zwischen der Glia und dem Gefüss- 
apparat. 

[6. Dr. Schröder (Heidelberg): Die Katatonie im 
höheren Lebensalter. 

17. Prof. Dr. Kraepelin (Heidelberg): Die Arbeits¬ 
kurve. 

Um gefällige Verbreitung dieser Einladung und 
um Anmeldung weiterer Vorträge wird gebeten. 

Eine Zeitdauer für die einzelnen Vorträge ist in 
den Statuten nicht festgesetzt. Doch erscheint es 
auf Grund, der bisherigen Erfahrungen und mit Rück¬ 
sicht auf den Zweck der Versammlung gerechtfertigt, 
wenn wir an die Herren Vortragenden die Bitte richten, 
die Dauer des Vortrages über ein Thema, soweit 

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thunlich, auf 15, höchstens 20 Minuten, bemessen 
zu wollen. 

Die Geschäftsführer: 

Prof. Dr. Kraepelin, Dr. Fr. Fischer, 

Heidelberg, Pforzheim, 

Mai 1902. 

— In geisteskrankem Zustande verurtheilt 
und nach 6 l / % Jahren freigesprochen. Vor fast 
sieben Jahren, am 23. August 1895, wurde vom 
Dresdener Landgericht der Versicherungsinspector 
Johannes Otto Ludwig Philippsohn, ein Sohn des 
damaligen Bankiers Ph. zu Dresden, wegen Ur¬ 
kundenfälschung, falscher Anschuldigung und Nöthi- 
gung zu zwei Jahren Gefängniss und fünfjährigem 
Ehrenrechtsverlust verurtheilt. Auf Grund von That- 
sachen, die schon damals auf einen mangelhaften 
Geisteszustand des Ph. hindeuteten, erfolgte die Ver¬ 
urteilung zu der genannten Strafe. Das Urtheil 
wurde rechtskräftig, die Straf verbi'issung konnte in¬ 
dessen nicht eintreten, weil der Verurteilte wegen 
Geisteskrankheit entmündigt wurde. Sein damaliger 
Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Thieme, der zu seinem 
Vormund bestellt wurde, hatte schon damals den 
Zustand seines Pfleglings erkannt, konnte jedoch die 
Verurteilung nicht von ihm abwenden, da ein dies-* 
bezügliches medicinisches Gutachten derzeit nicht zu 
erlangen war. Trotzdem ist er fortgesetzt bemüht 
gewesen, ein Wiederaufnahmeverfahren herbeizuführen. 
Diese seit sieben Jahren fortgesetzten Bemühungen 
waren schliesslich von Erfolg. In der am 29. April 
Abend anberaumten neuen, unter Ausschluss der 
Ocffentlichkeit geführten Verhandlung erfolgte kosten¬ 
lose Freisprechung von der gegen Ph. am 23. August 
1805 erhobenen Anklage, und zwar auf Grund eines 
vom Hofrath Dr. med. Buch erstatteten Gutachtens,nach 
dem der Geisteszustand Philippsohns bei Begehung 
der Strafthat im Jahre 1895 keim normaler gewesen 
ist und es ihm (Ph.) damals an der nöthigen Einsicht 
und Erkenntniss gefehlt hat. Für den Angeklagten 
ist die nachträgliche Rehabilitirung von um so grösserer 
Wichtigkeit, weil seine Entmündigung seit Kurzem 
aufgehoben und er in Berlin als Commissionär thätig 
ist. Die im Jahre 1895 von Ph. bezahlten Gerichts¬ 
kosten u. s. w\ werden ihm jetzt aus der Staatskasse 
in vollem Umfange zurückvergütet. 

— Ueber Geisteskrankheiten bei Eisenbahn¬ 
beamten wird der „Kölnischen Volksztg.“ (16. 4.02) 
von fachmännischer Seite folgende beachtenswerthe 
Mittheilung gemacht: ,.Das Eisenbahnunglück bei 
Altenbeken kam vor einigen Tagen in den Verhand¬ 
lungen des Abgeordnetenhauses nochmals zur Sprache, 
und es wurde dabei von verschiedenen Mitgliedern 
des Hauses der Minister um eine möglichst milde 
Beurthcilung der dabei Angestellten gebeten. Gewiss 
mit Recht, denn wie die Gerichtsverhandlungen er¬ 
gaben, ist der schreckliche Unglücksfall zum grössten 
Theil die Folge einer verhängnissvollen Kette un¬ 
glücklicher Umstände gewiesen, und die Sc hwele der 
Bestrafung kann daher zu einer Verminderung der 
Eisenbahnunglücksfülle gewiss nicht viel beitragen. 
Das letztere ist neben einer steten Verbesserung der 
technischen Einrichtungen w'ohl nur möglich durch 

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«4 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 7 . 


die Sorge für Heranbildung eines möglichst tüchtigen 
und wachsamen Personals. Auch in dieser Hinsicht 
ist ja in den letzten Jahren manches zweckmässige 
geschehen. Es ist die Arbeitszeit gekürzt worden, es 
finden seitens der Bahnärzte körperliche Unter¬ 
suchungen, speciell der Augen auf Farbenblindheit statt, 
cs sind neuerdings Abstinenz vereine gegründet 
worden u. s. w. Auf einen Punkt, welcher der Be¬ 
rücksichtigung gewiss werth ist, dürfte ärztlicherseits 
wohl die Aufmerksamkeit gerichtet werden: das ist die 
Gefahr, die bei beginnender Geisteskrankheit von 
Bahnangestellten dem reisenden Publikum erwachsen 
kann, wie mich vielfache Beobachtungen aus letzter 
Zeit gelehrt haben. Wiederholt fanden sich in der 
poliklinischen Sprechstunde für Nervenkranke Bahn¬ 
angestellte (meist Weichensteller) ein, welche, theils 
aus freien Stücken, theils auf Anrathen des Bahn¬ 
arztes, der zu einer Diagnose nicht gekommen war, 
sich wegen allgemein nervöser Beschwerden in Be¬ 
handlung begaben, und es zeigte sich bei der Unter¬ 
suchung — dem Sachverständigen zuweilen auf den 
ersten Blick — dass man es mit einer beginnenden 
Geisteskrankheit, meist einer Gehirnerweichung, zu 
thun hatte. Die Prüfung der Intelligenz ergab dann 
eine erhebliche Gedächtnisschwäche u. s. w. Die 
Rranken klagten vielfach selbst, dass sie die Zeiten 
der fälligen Züge nicht mehr behalten könnten, viel¬ 
fach auch über Schlafsucht, deren sie sich selbst am 
Tage nicht recht erwehren könnten. Welch unabsehbare 
Folgen aus derartigen Momenten resultieren können, 
leuchtet wohl ein, und es dürfte namentlich in An¬ 
betracht der zweifellos zunehmenden Erkrankungen 
an Gehirnerweichungen — auch epileptische Dämmer¬ 
zustände wurden wiederholt beobachtet — wohl an¬ 
gezeigt sein, auch nach dieser Richtung der Gefahr vor¬ 
zubeugen. Wie dies zu geschehen hat, ist Sache der 
massgebenden Stellen. In erster Linie kämen ja die 
Bahnärzte in Betracht, welche von Zeit zu Zeit die 
in ihren Revieren Angestellten auch in dieser Hin¬ 
sicht zu untersuchen hätten; aber einem vielbeschäf¬ 
tigten Bahnarzt fehlt es w’ohl meist an der zu einer 
solchen Prüfung nothwendigen Zeit, einzelnen vielleicht 
auch an den erforderlichen specialistischen Kennt¬ 
nissen. Es müssten deshalb mit solchen Unter¬ 
suchungen fachmännisch ausgebildete Neurologen oder 
Psychiater betraut werden. Wie beim Militär neuer¬ 
dings die beginnenden geistigen Störungen gebührend 
gewürdigt werden als Ursache mancher Soldaten¬ 
misshandlungen u. s. w. und wie man dort mit der 
Beobachtung solcher Kranken demnächst psychiatrisch 
erfahrene Aerzte zu betrauen gedenkt, so wäre das 
in gewiss gleichem Maasse bei den Angestellten der 
Bahn erforderlich. Es könnte manches Unheil da¬ 
durch verhütet werden.“ 

— Am 14. April ist in Berlin, im Garten der 
Königl. Charite vor der neuen Ncrvenklinik, die Büste 
Wilhelm Griesingers feierlich enthüllt worden. 
Die von Lührssen geschaffene Büste, die sich auf 
einem Sockel von rothem Granit erhebt, war von 
einer Hülle in den württembergischen Farben um¬ 
geben. In Vertretung des Kultusministeriums waren 
der Geh. Ober-Regierungsrath Naumann und Sani- 

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tätsrath Dr. Aschenborn erschienen. Das Heimaths- 
land des Gefeierten, Württemberg, wurde durch den 
Bimdesrathsbevollmächtigten, Präsidenten Schricker ver¬ 
treten. Die Universität Tübingen, an der Griesinger 
einst gewirkt, hatte den Dekan der medicinischen Fakul¬ 
tät, Prof. Döderlein, mit einem Kranze entsand. Nach¬ 
dem die Kapelle der Eisenbahnbrigade das nieder¬ 
ländische Dankgebet gespielt hatte, liess Stabsarzt 
Dr. Buttersack, der die Anregung zur Errichtung des 
Denkmals gegeben, nach kurzer Ansprache die Hülle 
fallen und übergab die Büste der Charite, während 
Generalarzt Schaper das Denkmal übernahm. Als 
Amtsnachfolger Griesingers und derzeitiger Vertreter 
der Nervenheilkunde an der Charite feierte Geh. Rath 
Jolly Griesinger als den Mann, der zuerst eine Ver¬ 
einigung der Psychiatrie mit der Nervenheilkunde ge¬ 
schaffen. Aus Anlass der Feier waren auch mehrere 
Drahtungen eingegangen. Der württembergische Kultus¬ 
minister Weizsäcker drahtete: „Zur heutigen Feier be¬ 
glückwünsche ich Sie und die übrigen Herren des Denk- 
malskomites zu der pietätvollen Ehrung des Andenkens 
an den genialen Arzt und Forscher und den berühmten 
Sohn des schwäbischen Landes.“ — Der Wiener Verein 
für Psychiatrie und Neurologie benutzte diese feierliche 
Gelegenheit, um seiner tief empfundenen Verehrung 
für den Begründer der modernen Nervenheilkunde 
Ausdruck zu geben. 

— Der IX. Internationale Congress gegen 
den Alkoholismus wird im Jahre 1903 nach dem 
Beschlüsse des voijährigen Wiener Congresses in 
Deutschland stattfinden und zwar in den Tagen vom 
14.— iq. April 1903 in Bremen. Dort ist bereits der 
vorbereitende Ortsausschuss seit mehreren Monaten in 
Thätigkeit, um zunächst den Verlauf des Congresses im 
äusseren Rahmen feststellen zu können. Der Vorsitzende 
dieses Ausschusses ist Dir. Dr. med. A. Delbrück, 
Bremen, Humboldtstr. 127, an den auch alle 
Anfragen zu richten sind. Die Internationalen Con- 
gresse gegen den Alkoholismus fordern zur Theilnahme 
alle auf, die in der Bekämpfung des Alkoholismus 
und der Trinksitten eine wichtige Aufgabe erkennen. 
Sie richten ihre Einladungen an alle socialen Schichten, 
an die Hand- und Kopfarbeiter, an Männer und 
Frauen, an Alt und Jung. Es handelt sich nicht um 
ein Unternehmen besonderer Tendenz, sei es der 
Massigkeit, sei es der Totalenthaltsamkeit; vielmehr 
sollen die Anhänger aller verschiedener Richtungen 
zu gegenseitigem Meinungsaustausch, zu gemeinsamer 
Arbeit zusammengerufen werden. Nach dem vor¬ 
jährigen Wiener Beschlüsse werden die von ersten 
wissenschaftlichen Autoritäten zu haltenden Vorträge 
vom Organisationskomitee festgesetzt; wir werden 
bereits in den nächsten Wochen in der Lage sein, 
darüber nähere Mittheilungen machen zu können. 

— Vom 1.—7. September 1902 findet in Ant¬ 
werpen ein Internationaler Congress für Irren¬ 
fürsorge und speciell für Familienpflege Geistes¬ 
kranker statt unter dem Ehrenvorsitz des belgischen 
Justizministers und dem Vizeehrenvorsitz von dessen 
Vorgänger (Lejeune) sowie unter Betheiligiing zahl¬ 
reicher anderer höherer belgischer Staatsbeamter. 
Anmeldungen sind zu richten an Herrn Dr. F. Sano, 

Original fram 

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1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 85 


Antwerpen, me Montebello 2. Theilnehmerbeitrag 
20 Frcs.*) Aus dem Einladungsschreiben geben wir 
Folgendes wieder: 

„Au demier Congres International de l’Assistance 
familiale, tenu ä Paris en octobre 1901, la section 
psychiätrique dut constater que le travail considerable 
qu’elle venait d’entamer ne pouvait etre mene ä bonne 
fin que par la Constitution independante d’une nouvelle 
session, ou les problemes pourraient etre soumis a un 
examen plus approfondi. 

Cette nouvelle session aura lieu du premier au 
sept septembre prochain, ä Anvers. Elle sera consacree 
ä l’etude de l’assistance des alienes et specialement 
de leur assistance familiale. 

L’asile ferme est actuellement le principal mode 
d’assistance des alienes. Le nombre de ceux-ci est 
trop eleve pour qu’on puisse songer ä les placer tous 
autrement. Du reste beaucoup d’entre eux ont besoin 
d’un traitement regulier et d’une surveillance suivie, 
que l’asile ferme est seul capable de leur foumir. 
Aussi ces refuges ne se comptent-ils plus: on en 
construit de nouveaux tous les jours. L’on agrandit 
ceux qui existent; on les modifie dans leur forme 
exterieure: on constmit des quartiers independants, 
des cottages, des fermes-asiles, des colonies de travail. 
Le regime interieur a ete adouci: on donne aux 
malades des occupations, des distraction, des fetes, 
un plus grand degre de liberte, des sorties k titre 
d’essai; pour quelques-uns memes les portes restent 
ouvertes. Ce sont la les signes d’une louable tendance 
ä se rapprocher de la vie sociale. 

Gheel, oü des centaines de malades jouissent 
depuis des siecles de la liberte et de la vie de 
famille, Gheel fut considere longtemps comme 
une simple curiosite. un singulier village. 

L’exemple de l’Ecosse, qui applique depuis de 
longues annees l’assistance familiale ä de nombreux 
malades, ne trouva pas d’imitateurs. Une croisade 
passionnee, dont le docteur Baron Mundy fut le 
Pierre 1 ’Ermite, ne reussit pas ä fixer d’une maniere 
durable l’attention des medecin et des administrateurs, 
et 1’internement des alienes resta la regle generale. 

Le flot de la folie montant toujours, on se trouva 
en face de l’encombrement general, avec tous ses 
inconvenients. II fallut s’imposer de nouveaux efforts. 
Les depenses augmentaient, mena<;ant l’equilibre des 
budgets. 

On finit, par se dire qu’il y a des malades qui 
ne sont pas dangereux, qui n’ont besoin ni d’un 
traitement, ni de soins speciaux, et qui ne demandent 
qu’ä vivre dans la societe. Depuis vingt ans des 
essais d’application du patronage familial se font un 
peu partout. La Belgique a reproduit ä Lierneux le 
modele de la colonie de Gheel; la Russie est depuis 
longtemps ralliee au Systeme; la France a fonde les 
colonies de Dun-sur-Auron et d’Ainay-le-Chäteau; la 
Prusse constmit des asiles speciaux auxquels eile 
annexe des colonies; des pays limitrophes se preparent 

*) Die Herren Collegen aus Deutschland, welche dem Con- 
gresse anwohnen wollen, sind gebeten, dem Mitherausgeber 
dieser Wochenschrift, Director Alt-Uchtspringe, Mittheilung zu 
machen, der auch bereitwilligst Auskunft ertheilt. D. R. 

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ä l’imiter; l’Autriche a mis pratiquement ce Systeme 
a l’etude; la Hollande entre, timidement encore, dans 
la voie, et l’Amerique du Nord continuedes experiences 
qui se font dans les conditions les plus desavanta- 
geuses . . 

II est impossible d’examiner le regime des colonies 
sans toucher directement au regime des asiles fermes. 
C’est pour cette raison que la commission organi- 
satrice s’est cm autorisee k etendre le programme du 
congres. Tout en portant specialement son attention 
sur i’assistance familiale, eile n’a voulu exclure aucune 
des questions qui peuvent interesser l’assistance des 
alienes en general . . . “ 

— Programm der 69. ordentlichen General- 
Versammlung des Psychiatrischen Vereins der 
Rheinprovinz am Samstag den 7. Juni 1902, Nach¬ 
mittags 1 Uhr in der Prov.-Heil- und Pflege-Anstalt 
Galkhausen bei Langenfeld.*) Vor der Sitzung Imbiss 
in der Anstalt. 1. Geschäftliche Mittheilungen. 2. Auf¬ 
nahme neuer Mitglieder. Zur Aufnahme in den Verein 
haben sich gemeldet: Dr. Baucke-Bonn, Dr. Hummels- 
heim-Bonn, Dr. Huth-Ahrweiler, Dr. Jannes-Eschweiler, 
Dr. Löwenstein-Bendorf, Dr. Pfahl-Bonn, Dr. Rusak, 
Medicinalrath, Cöln, Dr. Weichelt-Andernach. 

3. Vorträge. 

a) Hoflmann-Elberfeld (Gast): Ein Fall von indu- 
cirtem Irresein. 

b) Schultze-Andernach: Bemerkungen zur Sach- 
verständigen-Thätigkeit. 

c) Foerster und Baucke-Bonn: Sectionsbefund bei 
zwei Geisteskranken: Syringomyelie und disse- 
minirte Encephalomyelitis. 

d) Lückerath-Galkhausen: Diebeiden ersten Jahre 
in Galkhausen. 

4. Rundgang durch die Anstalt. 

Gemeinschaftliches Mittagessen 4 1 / 2 Uhr im Festsaal 

der Anstalt. 

Die Bewirthung der Theilnehmer hat Herr Landes¬ 
hauptmann der Rheinprovinz in liebenswürdiger Weise 
übernommen. Die Mitglieder sind gebeten, ihre 
Theilnahme bis spätestens den 30. Mai er. bei dem 
Direktor Herting, Prov.-Heil-Anstalt Galkhausen, 
Langenfeld (Rhld.), anzumelden. 

Pelman. Oebeke. Umpfenbach. 

— Die Soci6t6 m6dico -psychologique de 
Paris feiert am 26. Mai d. Js., 4 Uhr, in ihren 
Sitzungsräumen, 12 me de Seine, ihr 50jähriges 
Bestehen. Dr. Ritti, medecin de la Maison nationale 
de Charenton, Saint-Maurice (Seine) und Dr. Motet, 
161 rue de Charonne, laden, zur Theilnahme ein 
(Theilnehmerbeitrag 20 Fr.). Banquet um 7 Uhr, 
Restaurant Marguery, boulevard Bonne-Nouvelle. 

— Jahresversammlung des Vereins der 
Deutschen Irrenärzte in München, 14. April 
1902. Fortsetzung. 

Alzheimer (Frankfurt a. M.). Die auf arte¬ 
riosklerotischer Grundlage entstehenden 

*) Eisenbabnstrecke Cöln-Düsseldorf: 

Zug von Cöln 11 88 Vormittags, 

„ „ Düsseldorf io 60 Vormittags, 

„ nach Cöln ; t7 Nachmittags, 

., „ Düsseldorf 7 13 Nachmittags. 


Original frnm 

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86 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 7. 


Geistesstörungen. V( >n der progressiven Paralyse 
sind mit den Fortschritten der anatomischen lind 
klinischen Forschung verschiedene Krankheitsbilder 
abgetrennt worden, die man Pseudoparalysen genannt 
hat. Lieber verschiedene davon ist das Urtheil heute 
noch nicht abgeschlossen. iSqi beschrieb Klippel 
eine arthrit isclie Pseudopara 1 yse. Diese arthri- 
tische Pseudopanilyse ist identisch mit dem, was 
Binswanger u. A. später als a r t e r i o s k 1 e r o t i s c h e G e- 
hirndegeneration beschrieben. Die im Zusammen¬ 
hang mit Arteriosklerose auftretenden psychischen 
Störungen lassen sich in verschiedene Gruppen ein- 
theilen. 1. Eine einfache, wenig progrediente 
Form, bei der es nur zu nervösen Erscheinungen, 
Kopfweh, Schwindelanfällen, leichter Ermüdbarkeit, 
Gedächtnisssrhwäche oder wenigstens Erschwerung 
der Reproduktionsfähigkeit kommt. Im Gehirn finden 
sich keine schwereren Veränderungen, aber Zeichen chro¬ 
nischer Stauung. 2. Eine schwere progrediente 
Form. Hier verursacht die verschiedene Localisation 
des arteriosklcr» »tischen Degenerationsproccsses verschie¬ 
dene klinische Bilder. Der arteriosklerotische Degene¬ 
ration sprozess kann sich in zerstreuten Herden über 
das ganze Gehirn ausbreiten (gewöhnliche Form), oder 
vorzugsweise auf das Hemisphäremnark beschränkt 
bleiben (Encephalitis subcorticalis chronica diffusa 
Binswangcrs), sich nur auf die Rinde ausdehnen 
(senile Rindenverödung), oder allein das Gefässge- 
biet irgend einer grösseren Hirnarterie betreffen. 3. 
Audi manche im späteren Alter auftretenden Fälle 
v< m Epilepsie müssen als durch Arteriosklerose ver¬ 
ursacht angesehen werden. Es giebt zwei solcher 
Formen. Die eine, cardiovasale, ist fast regelmässig 
mit Herzkrankheiten kompliziert, die zweite mit ar¬ 
teriosklerotischen Herden in Zusammenhang zu bringen. 
Der Vortrag wird durch Zeichnungen erläutert. 

Discussion zum Vortrag Alzheimer. 

Herr Fürstner weist zunächst darauf hin, dass 
die Arteriosclcrosc oft schon in jungen Jahren zu 
constatiren sei, dass dabei regionäre und familiäre Ver¬ 
hältnisse eine grosse Rolle spielen. Man trifft in 
denselben Familien nicht nur besondere Grade der 
Arteriosclcrosc sondern auch Auftreten bei mehreren 
Mitgliedern in jungen Jahren. Unter diesen Umständen 
können natürlich auch schwere Erkrankungen des 
Centralncrvcnsystems schon in jungenjahren beobachtet 
werden. Sodann macht Herr A. mit Recht einen 
Untersc hied zwischen der Erkrankung des Marklagers, 
wie sie bei der Arteriosclcrosc in rechter Linie in 
Betracht kommen und Erkrankungen, wo die Rinde 
in erster Linie betroffen, wie bei der Senilen-Verödung 
A.’s F. fragt, ob A., wie es nach den Zeichnungen 
scheint, Verbindung der Spinnenzellen direct mit den 
Gefässen annimmt, was Weigert früher nicht that. 
Endlich unterscheidet auch F. bei der alkoholischen 
Epilepsie Fälle, wo arteriosclerotische Herde die Ur¬ 
sache, von den häufigeren Fällen, in denen die Him- 
veränderungen Folgen der Toxen sind. 

Herr Degen kolb: Ich habe nur Rindengefässi 
untersucht, und weiss nicht, wie die Beantwortung 
der Frage sich bei einem umfassenden Ueberblirk 
über den ganzen Gefässapparat stellen würde. Mit 

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diesem Vorbehalte glaube ich, dass sich an den 
Rindengefässen die hyaline Gefässdegeneration von 
der Rindengefäss-Arteriosclcrose doch trennen lässt, 
wie dies ja Robertsons Ansicht entspricht, dessen 
Schema freilich für die Mehrzahl der Fälle nicht aus¬ 
reicht (vergl. die Gefässerkiankung bei Dem. sen.). 
Bezüglich der Artcriosclerose der Paralytiker möchte 
ich Herrn A. beistimmen. 

Herr Hänel fragt an, ob ein Befund von peri- 
vasculärer Injection mit Rundzellen an den kleinsten 
Gefässen bei Arteriosclerose der mittleren und grossen 
auf den arteriosclcrotischen Prozess zurückgeführt 
werden kann, oder ob man in solchen Fällen noc h 
einen parallel gehenden, entzündlichen, encephalitischen 
Prozess annehmen muss. 

Herr D e g e n k o 1 b: Rundzelleninfiltrate kommen 
bei, (sc. reiner) Arteriosclerose kleiner Himgefässe nicht 
vor ausser (secundär) im Bereiche sehr schwerer 
localer Veränderungen z. B. alter Knoten. Trennt 
man scharf die Adventitialzellenwucherungen von den 
Rundzelleninfiltraten, so haben mir Litteraturstudien 
ergeben, dass solche nur bei Intoxikationen und In- 
fectionen Vorkommen, vermuthlich nur bei Infection. 

Herr A 1 z h e i m e r (Sc hlusswort): Ich glaube, dass 
man nicht sagen sollte, das und das kommt nicht vor. 
Thatsächlich findet man garnicht so selten, z. B. bei 
der Paralyse, offenbar arteriosclerotische Gefässver- 
änderungen, bei welchen eine starke kleinzellige In¬ 
filtration zu sehen ist. Im Allgemeinen findet man 
bei der Arteriosclerose in der Regel keine Infiltration, 
zuweilen aber starke Wucherung der Adventitia. 

Dr. Brosius, Savn: Der Mangel an Irren- 
Patronaten in Deutschland. 

Redner erinnert daran, dass vor nahezu 27 Jahren, 
im Herbst 1875, als der Verein der Deutschen Irren¬ 
ärzte auch in München tagte, auf seiner Tagesord¬ 
nung dasselbe Thema stand, das er heute in aller 
Kürze zur Spiache bringe. Der damalige Referent, 
Dr. August Zinn, Eberswalde, war verhindert in 
München zu erscheinen, und der Vorsitzende verlas 
den von ihm schriftlich übersandten Antrag: Die Irren- 
hülfsvereine, wie sie in der Schweiz und in Deutsch¬ 
land bestehen, sind wirksame Mittel zur Förderung 
der Irrenpflegc, und der Verein empfiehlt seinen Mit¬ 
gliedern, die Bildung solcher Vereine überall da an¬ 
zustreben, wo sie noch fehlen. Diese Resolution 
wurde ohne Debatte einstimmig angenommen. Nun 
ist es unverständlich und befremdend, dass, während 
von 1872 ab bis 1875 5 Patronate in Deutschland 
gegründet wurden, mit 1875 nach der Münchener 
Resolution eine 5 Jahre lang dauernde Stagnation 
eintrat, und erst in 1880 die Gründung zweier Irren- 
hülfsvercinc zeigte, dass der patronale Gedanke nicht 
erloschen war. Auch die nachfolgende Zeit beweise, 
dass das „Ucberall“ in Zimvs Anträge nur zu einem 
seltenen „Hier und da“ geworden sei. Man möge 
ihm daher nicht verargen, dass er heute an die Mün¬ 
chener Resolution erinnere, mit dem Wunsche, dass 
die Frage der Patronate auf der Tagesordnung des 
Vereins der Deutschen Irrenärzte bleibe. 

Discussion zum Vorträge Brosius: 

Herr Siemens: Der warme Apell des Collegen 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 87 


1902.] 

Brosius legt wohl jedem von uns die Veipflichtung 
auf sich zu fragen, ob und in wiefern wir dieser 
Verpflichtung nachgekommen sind. Die Frage der 
Patronisirung und Unterstützung der Geisteskranken 
ausserhalb der Anstalten liegt* in den verschiedenen 
Ländern verschieden. In Provinzen, welche, wie 
z. B. der Reg.-Bez. Cassel und die Provinz Pommern, die 
ganzen Kosten für Verpflegung der Heilbaren oder ge¬ 
meingefährlichen Geisteskranken übernehmen ( Pommern 
bezahlt sogar die Reisekosten dieser Kranken und 
ihrer Begleiter zur Anstalt), ist die Noth nicht so 
dringend, zumal der Landeshauptmann bei uns 
auch noch einen Fonds zur Unterstützung entlassener 
Pfleglinge hat. Einen Theil der Pflichten hat bei 
uns auch der Verein für innere Mission übernommen. 

Herr Beckh fragt an, welche Vereine B. meint, 
und was er mit den Patronaten meint. Er theilt mit, 
dass in Nürnberg und in Fürth und auch sonst noch 
in Franken grosse Vereine zur Bezahlung der Pflege 
der Kranken in den Irren-Anstalten bestehen. 

Herr Kreuser: Den Mittheilungen von Siemens 
gegenüber ist der Brosius’sche Apell zu unterstützen 
da es doch einen wesentlichen Unterschied bildet, 
ob eine weitere Fürsoige für der Anstaltspflege nicht 
mehr Bedürftige anderen Behörden überlassen wird 
oder in den Händen der Irren - Acrztc verbleibt. 
Durch letzteren Modus werden die Beziehungen 
zu den früheren Pfleglingen sehr viel lebendiger 
erhalten, und gewinnen wir den Vortheil über das 
spätere Schicksal der Anstaltspfleglinge weit mehr und 
zuverlässigere Nachrichten zu erhalten. 

Herr Peretti unterstützt den Brosiusschen Apell, 
da die Hilfsvereine nicht nur den Zweck der Geld¬ 
unterstützung, sondern der Hebung des gesammten 
Irrenwesens haben. 

Herr Siemens: Auf die Verschiedenheiten in 
den einzelnen Provinzen und Ländern habe ich ja 
aufmerksam gemacht und zur Erklärung dessen, dass 
bei uns ein solcher Verein noch nicht besteht, die 
günstigen Verhältnisse angeführt, welche die Gründung 
nicht so dringlich erscheinen Hessen. 

Herr Pelm an spricht sich ebenfalls zustimmend 
zu dem Brosius’schen Apell aus. 

H. Gudden, München: Beiträge zur topo¬ 
graphischen Anatomie des Hirnstammes. 

Vortr. demonstrirt mit dem Projektionsapparat 
Schnittpräparate durch die normale medulla oblongata 
und den Hirnstamm, die durch eigenartige Schnitt¬ 
führung, Verbindung von horizontaler mit sagittalcr, 
frontaler mit horizontaler u. s. w. Richtung verschie¬ 
dene Bündel in sehr übersichtlicher Weise zur Dar¬ 
stellung bringen. Die Methode erscheint geeignet, 
nicht nur über den Verlauf bekannter Bahnen genauere 
Aufklärung zu schaffen, sondern auch bisher wenig 
gekannte und noch unbekannte Fasersysteme aufzu¬ 
decken. 

Wolff (Basel). D ie ph ys io logische Grund¬ 
lage der Lehre von den Dege n er ationszcichen. 

Da die Lehre von den Degenerationszeichen einen 


Zusammenhang zwischen geistiger beziehungsweise 
nervöser Anomalie und körperlichen Missbildungen 
annimmt, so führt die Frage nach der physiologischen 
Grundlage dieser Lehre in letzter Linie auf die ent- 
wieklurigsphysiol«»gische Frage: hat das Nervensystem 
einen Einfluss auf körperliche Entwicklungsvorgänge ? 
Diese Frage ist in der ersten Plälfte des vorigen 
Jahrhunderts intensiv diseutirt worden; später scheint 
das Problem völlig liegen geblieben zu sein, bis es 
gegen Paule des vorigen Jahrhunderts wieder aufge- 
nommen und auf experimentellem Wege zu lösen 
versucht wurde. Der Erste, welcher, wenigstens für 
wirbellose Thiere, den positiven Nachweis lieferte, 
dass das Nervensystem einen Einfluss auf Entwicke¬ 
lungsvorgänge haben könne, ist K. Herbst, welcher 
zeigte, dass bei Krebsen das abgeschnittene Auge 
nur regenerirt wird unter dem Einflüsse eines vom 
Ganglion opticum ausgehenden nervösen Reizes. An 
Wirbelthieren hat der Vortragende in den letzten 
Jahren die P'rage experimentell studirt und feststellen 
können, dass bei Tritonen die Regeneration einer 
abgeschnittenen Extremität nur erfolgt unter dem Ein¬ 
fluss eines durch das Rückenmark vermittelten ner¬ 
vösen Reizes, dass bei Unterbrechung der nervösen 
Verbindung mit dem Rückenmark eine Regeneration 
nicht erfolgt bezw. ein bereits eingcleitcter Regene¬ 
rationsprozess unterbrochen wird, und dass bei mangel¬ 
hafter nervöser Verbindung das Regenerationsproduct 
Missbildungen zeigt, die sich in der Reduction der 
Zehenzahl kundgeben. 

(Schluss folgt.) 


Referate. 

— The Journal of mental Science. April iqoi. 
Duckworth giebt eine Ucbersieht über die Rolle, die 
die Toxämie in der Hervorbringung geistiger Störungen 
spielt. Die Toxine können im Körper selbst entstehen, 
oder sie werden von den von aussen eingedrungenen 
Mikroorganismen erzeugt, oder sie kommen durch or¬ 
ganische Gifte zustande, oder sie sind das PLrgebniss 
des gewohnheitsmässigen Gebrauchs von Alkohol, 
Morphium, Cocain, Chloral. Wirken diese Gifte auf 
ein hereditär belastetes und geschwächtes Gehirn, so 
entstehen verschiedene Arten des Irreseins. Diese Prä- 
disposition ist aber nicht in allen Fällen nothwendig. 
Verf. führt nun verschiedene Krankheiten an, in denen 
die Wirkung der Blutvergiftung auf das Gehirn und 
die sich daraus ergebenden psychischen Störungen 
bekannt sind, wie Urämie, Diabetes, Bleivergiftung 
etc. und schliesslich das grosse Gebiet der Infektions¬ 
krankheiten. 

Lewis Jones meint, dass in manchen Fällen von 
Irresein die Elektrizität ein nützliches Heilmittel sei. 
Ihre gute Wirkung auf die Atmung, die Wärmepro¬ 
duktion und die Ausscheidung von Harnstoff ist be¬ 
kannt. Sie wird also besonders da angewendet werden 
müssen, wo wir den Allgemeinzustand bessern wollen, 
in Füllen, von Schwäche, Anämien, Appetitlosigkeit, 


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88 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 7- 


Schlaflosigkeit. Hier bessert sich dann oft zugleich 
mit dem physischen der psychische Zustand des 
Kranken. Verf. empfiehlt das elektrische Bad mit 
Stromunterbrechung. 

Richard Brayn giebt eine kurze geschichtliche 
Uebersicht über die Fürsorge für verbrecherische Geistes¬ 
kranke in England im verflossenen Jahrhundert. Vor 
1800 war das Verfahren sehr schwankend und un¬ 
sicher. Bald wurden sie wie gewöhnliche Geisteskranke 
behandelt, bald ins Gefängniss oder Zuchthaus gesteckt, 
bald einfach laufen gelassen. Die erste gesetzliche Be¬ 
stimmung über die Unterbringung geisteskranker Ver¬ 
brecher in Irrenanstalten rührt vom 28. Juli 1800 
her und war die direkte Folge eines Attentats auf 
Georg III. Darnach hatte der König das Verfügungs¬ 
recht über die Unterbringung geisteskranker Verbrecher. 
Da es aber unbestimmt gelassen worden war, wer die 
Kosten zu bestreiten hatte, so scheint es, als seien die 
geisteskranken Verbrecher nach wie vor dem Gefäng¬ 
niss überwiesen worden. 1807 wurde eine Commission 
ernannt, die sich mit der Frage der verbrecherischen 
und armen Geisteskranken zu beschäftigen hatte. Sie 
empfahl die Errichtung einer besondem Anstalt für 
die, die wegen eines Verbrechens, begangen im Zu¬ 
stand der Geisteskrankheit, verurtheilt worden waren. 
1814 wurden im Anschluss an das Bethlem Hospital 
Abtheilungen für 60 verbrecherische Geisteskanke ge¬ 
schaffen und der ärztlichen und sonstigen Leitung des 
Hospitals unterstellt. Die Kosten trug die Regierung. 
Bald reichten die Plätze in Bethlem trotz der dop¬ 
pelten Vergrösserung nicht mehr aus, und so schloss 
die Regierung 1849 einen Vertrag mit den Eigen- 
thümem des Fisherton House, die überzähligen ver¬ 
brecherischen Geisteskranken aufzunehmen. Aehnliche 
Verträge wurden mit verschiedenen Irrenanstalten, wie 
denen zu Camberwell und Dumfries, abgeschlossen. 
Derweilen war 1835 aus dem House of Lords eine 
Kommission gewählt worden, um sich über den Stand 
des Gefängniss- und Zuchthauswesens zu unterrichten. 
Das Gutachten lautete: „Personen, bei denen das 
Verfahren vorläufig eingestellt worden ist, oder die 
zwar verurtheilt, wegen Geisteskrankheit aber nicht 
bestraft werden können, sollen nicht im Gefängniss 
oder Zuchthaus untergebracht w'erden.“ Nach einer 
Bestimmung von 1838 ist jemand, der ein Verbrechen 
im geisteskranken Zustand begeht, oder im Begriff 
ist zu begehen, nach dem Urtheil zweier Richter und 
auf Grund eines ärztlichen’ Gutachtens einer Irren¬ 
anstalt zu überweisen. Eine Bestimmung von 1840 
dehnte die Bestimmung von 1800, wonach des Hoch- 
verraths, des Mordes, kurz der schweren Verbrechen für 
schuldig befundene Geisteskranke in einer Irrenanstalt 
unterzubringen sind, auch auf die aus, die nur ein 
Vergehen begangen hatten. Bei der Ueberfüllung der 
Abtheilungen zu Bethlem und Fisherton kam man auf das 
Gutachten der Comission von 1807 zurück und beschloss 
den Bau einer besonderen Anstalt für geisteskranke Ver¬ 
brecher. So w-urde 1856 der Plan für die Anstalt zu 
Broadinoor entworfen. Noch während des Baues (1860) 


äusserte sich eine vom Unterhaus erwählte Commission 
dahin: „Solche Personen mit andern Kranken zu¬ 
sammenzubringen, ist von Uebel. Es ist für sie selbst 
und die andern Kranken schädlich. Sie aber im Ge¬ 
nesungsstadium als selbstverständlich frei zu lassen, ist 
ein noch grösseres Uebel und kann wegen der 
grossen Gefahr für die Gesellschaft nicht gebilligt wer¬ 
den “ 1863 wurde Broadmoor eröffnet. Die Anstalt 

bestand ursprünglich aus 6 Pavillons für Männer mit 
400 Plätzen und einem Pavillon für Frauen mit 100 
Plätzen. Jetzt sinds 480 Plätze für Männer und 187 
für Frauen. 1884 w'urden eingehendere Bestimmungen 
erlassen über die Begutachtung, Unterbringung, Ueber- 
führung, Behandlung und Entlassung der geisteskranken 
Verbrecher. Die Behandlung dieser Individuen unter¬ 
scheidet sich nur insofern von der der übrigen Geistes¬ 
kranken, als besondere Sicherheitsmaassregeln und 
eine grössere Zahl Wartpersonal nötliig sind. Es sind 
auch des Nachts eine grössere Zahl Zellen erforder¬ 
lich als in einer gewöhnlichen Irrenanstalt. Die Zellen 
sind beliebt, da viele Kranke es vorziehen, allein zu 
schlafen.*) Der schwierigste Punkt ist die Frage nach 
der Entlassung der geisteskranken Verbrecher, nament¬ 
lich der Mörder. Selbst wenn in der Anstalt die äusseren 
Symptome der Geisteskrankheit geschwunden sind, ist 
die Gefahr des Rückfalls in dem freien, ungebundenen 
Leben ausserordentlich gross. In Broadmoor werden 
die geeigneten Kranken gewöhnlich bedingungsweise 
und gegen Bürgschaft eines Verwandten oder Freun¬ 
des entlassen. Diese übernehmen alsdann die Obhut 
und verpflichten sich, regelmässig Berichte über den 
physischen und psychischen Zustand ihres Schützlings 
an den Staatssekretär einzusenden, damit der Kranke 
rechtzeitig beim Eintreten verdächtiger Symptome 
wieder eingeliefert werden kann. Auch die verhei- 
rathete Frau, die während ihres puerperalen oder 
sonstigen Irreseins ihre Kinder umbrachte, rechnet 
Verf. zu den gefährlich bleibenden Geisteskranken. 
Er macht eine zarte Andeutung, ob man sie in dem 
Falle nicht „sterilisieren“ sollte. 

Zum Schluss verweist Verf. auf den häufigen Zu¬ 
sammenhang zwischen Sinnestäuschungen und Mord. 
Eine Statistik über die vom 31. 12. 1899 in Broadmoor 
anwesenden Insassen ergab, dass es sich in 83,3 ü / 0 
um Mord und Mordversuche handelte, wovon auf die 
Männer 8 i ,2°/ 0 und auf die Frauen 9,7°/ f) entfielen. 


*) Sind das auch „Tobzellen“ ? 

(Fortsetzung folgt.) 


Personalnachricht 

(Um Mitteilung von Personalnachrichten etc- an die Redaktion 
wird gebeten.) 

— Dr. Bartels, Besitzer der Heilanstalt für 
Nervenkranke „Kurhaus Villa Frieda“ in Ballenstedt 
a. Harz ist zum Sanitätsrath ernannt. 


Für den redactionel len Thcil verantwortlich: Oberarzt Dr. J. Üresler Kraschnitz, (Schlesien). 

Erscheint ieden Sonnabend — Schluss der Inseratcnannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marhold in Halle a. S 

Heyneniann’sche Buchdruckerei (Gebr. Wnlff) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch 'Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internationales Correspondenzblatt für Irrenärzte und Nervenärzte. 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervorragender Fachmänner des In- und Auslandes 

herau*«*Keb«n von 

Director Dr. K. Alt, Prof. Dr. Q. Anton, Prof. Dr. Bleuler, Prof. Dr. L. Edinger, Prof. Dr. A. Quttatadt, 

Urhuprin^ (Altmarlri Graz. Zürich. Frankfurt a. M. Geh. Med.-Rath. Barlin. 

Prof Dr. E. Mendel. Dr. P. J. Möbius, Director Dr. Morel, 

R«*rlin Leipzig. Mons (Belgien). 

Unter Benützung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Kraschnitz (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adresse: Marhotd Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 3572. 

Nr. 8. _ 24 . Mai. _ 1902. 

Die ,,Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift“ erscheint jeden Sonnabend und kostet pro Quartal 4 Mk. 

B»-**te1!nn*en nehmen jede Buchhandlung, die Pn«t (Katalog Nr. 6252), sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3»paltige Petitxeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Errnässigung ein. 

ZuM-hriHen für die Kedaction sind an Oberarzt Dr. J. Bresler. Kraschnitz (Schlesien), zu richten. 

Inhalt. Originale: Die Irrenfürsorge in Baden. Von Oberarzt Dr. Max Fischer -1 Henau (S. 89). — Mittheilungen (S. 92). — 
Referate (S. 95). 


Die Irrenfürsorge in Baden. *) 

Von Oberarzt Dr. Max Fischer- Illenau. 


T^ie gegenwärtige Irren Versorgung im Grossherzog- 
thum Baden zeigt folgende Verhältnisse: 

Das Grossherzogthum besitzt bei einem Flächen - 
raum von 15081 qkm und einer Einwohnerzahl von 
1 867944 (Volkszählung vom 1. Dezember 1900) zu 
Zwecken der Irren Versorgung an staatlichen öffent¬ 
lichen Irrenanstalten: die Heil- und Pflcgcanstalten 
in Illenau mit 500, Emmendingen mit 1025 und 
Pforzheim mit 650, sowie die beiden Irren kl iniken in 
Heidelberg und Freiburg mit je 110 Plätzen ; zusammen 
Ende des Jahres 1900 als nominelle Höchstziffer 
2395 Plätze für Geisteskranke in öffentlichen Anstalten. 
Es kommt danach in den Heil- und Pllcgeansialten 

*) Vorliegende Arbeit ist der gekürzte erste Theil der 
von der badischen Sachverständigencommission ausgearbeiteten 
„Denkschrift über den gegenwärtigen Stand der 
Irrenfürsorge in Baden und deren künftige Ge¬ 
staltung“, mit einer neuen Einschaltung, weiche, weil zu 
sehr ins Detail gehend, in der Denkschrift nicht zum Abdruck 
gekommen ist 


des Landes ein Platz auf 780 Einwohner, resp. auf 
1000 Einwohner 1,28 Plätze. 

Der thatsächliche Krankenbestand betrug Ende 
1900 in diesen fünf Anstalten zusammen 2407 Pfleg¬ 
linge. 

Diese Zahl geht also über die obige nominelle 
höchste Belegziffer von 231)5 um 12 hinaus.*) 

Mit der angegebenen Belegziffer von 2395 sind 
aber sämrntliche Anstalten bereits als bedeutend 
überfüllt zu betrachten, wenn man die Räume nach 
den heutigen Grundsätzen der Hygiene und des 
technisch-ärztlichen Betriebs ausmisst. Wir werden 
auf diesen Punkt später noch zuiückkommen. 

Als den staatlichen Anstalten zugehörig ist ferner 
die A b t h e i 1 u n g für geisteskranke Ver¬ 
brecher des H a up tk ran kenha uses des 
L a n d e sg e f ä ngnisses in B r 11 c h s a 1 mit 2 8 

*) Seit dieser Aufstellung haben sich die Belegungsverhäll- 
nisse noch ei lieblich verschlechtert. 


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90 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT*. 


[Nr. 8. 


Plätzen zu rechnen; der Krankenbestand beträgt dort 
durchschnittlich 20 Kranke. 

Da jedoch nur akut geistig erkrankte Sträflinge, 
während ihrer Strafzeit, Aufnahme finden und der 
Krankenbestand sich nur aus der Zahl der Sträflinge 
ergänzt, also der Wechsel allein intern sich vollzieht, 
so kommt diese Plätzezahl für unsere Aufstellung der 
für die Landesirrenfürsorge verfügbaren Plätze nicht 
in Betracht. 

Zu den staatlichen Institutionen der öffentlichen 
Landesirrenanstalten kommen hinzu die soge¬ 
nannten Pr i vatirr en anstalt en. Als solche sind 
zu zählen : 

I. Die Ko r porati on s an s tal t en, die der 
privaten Wohlthätigkeit ihre Entstehung ver¬ 
danken und zum Theil Staatszuschüsse zum Bau und 
Betrieb erhalten. 

Diese Wohlthätigkeitsanstaltcn sind: 

a) das St. Josefs haus in' Herthen, Amt 
Lörrach, in welchem Schwach- und Blödsinnige, Idio¬ 
ten und Kretinen Aufnahme finden; am 31. Dezember 
1900 befanden sich daselbst im Ganzen 394 Kranke 
(davon 9 unter 6 Jahren, 121 von 6—14 Jahren, 101 
von 14—21 Jahren und 163 über 21 Jahren). 

Die nominelle Belegziflfer beträgt 450 Betten. 

b) . Die Anstalt für schwachsinnige Kinder in 
Mosbach, welche für schwachsinnige Kinder und 
jugendliche Personen im Alter von 6 —18 Jahren be¬ 
stimmt ist; am 31. Dezember 1900 befanden sich 
darin 138 Pfleglinge (und zwar 5 unter ö Jahren, 
57 von 6—14 Jahren, 59 von 14—21 Jahren und 
17 über 21 Jahren). 

Die nominelle Belcgziffer beträgt 140 Betten. 

c) Die Heil- und Pflegeanstalt für epi- 
lepti sehe Kinder in Kork, welche Epileptiker, 
und zwar in erster Linie jugendliche, aufnimmt, die 
älteren nöthigenfalls beibehält und in zweiter Linie 
auch Erwachsenen Aufnahme gewährt. Der Kranken¬ 
bestand betrug am 31. Dezember 1900 73 Pfleglinge; 
davon ist 1 unter 6 Jahren, 22 im Alter von 6—14 
Jahren, 40 im Alter von 14—21 Jahren und 10 über 
2 1 Jahre alt. 

Die nominelle Belegziffer beträgt 75 Betten. 

In diesen drei Anstalten zusammen wurden am 
31. Dezember 1900 605 Kranke und zwar in der 
überwiegenden Mehrzahl jugendliche Geisteskranke 
(Schwachsinnige, Idioten, Kretinen und Epileptiker) und 
zwar 215 unter 14 Jahren und 200 vom 14.—21. 
Lebensjahre, aber daneben auch 190 erwachsene 
Geisteskranke über 21 Jahren derselben Art verpflegt. 

Die Belegziffer dieser unter 1 genannten Anstalten 
zusammeiigercclmet ist öh 5 Plätze. 

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2. Die Pri vatirr enanst alt für v ermög¬ 
liche Kranke von Dr. Richard Fischer in 
Neckargemünd mit 42 Plätzen. Der Krankenbestand 
Ende 1900 war 33. 

Die zur Verfügung stehenden Plätze in allen Privat¬ 
irrenanstalten (1 und 2 zusammen) betragen 707. 

Wenn wir den in den staatlichen Irrenanstalten 
verfügbaren Plätzen (2395) noch diese in den Privat¬ 
irrenanstalten vorhandenen (707) hinzurechnen, so er- 
giebt das eine Gesammtzahl von 3102 Plätzen für 
Zwecke der Irren Versorgung, d. h. 1 Platz auf 602 
Einw'ohner oder auf 1000 Einwohner 1,66 Anstalts¬ 
plätze. 

Von diesen insgesammt 3102 Plätzen treffen so¬ 
mit 2395 oder 77,2 °/ 0 auf die staatliche Irren Ver¬ 
sorgung und 707 oder 22,8 % auf die Privatirren¬ 
anstalten. 

Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass, abge¬ 
sehen von der Privatanstalt für Vermögliche in Neckar¬ 
gemünd, die Mehrzahl der in den Privatirrenanstalten 
verpflegten Kranken, also insbesondere derjenigen der 
genannten drei Wohlthätigkeitsanstalten jugendliche 
Pfleglinge und nach Krankheitskategorien Schwach¬ 
sinnige, Idioten, Kretinen und Epileptiker 
sind, so dass also den Privatanstalten vorwiegend 
dieFürsorge fü r die Jugendlichen, den öffent¬ 
lichen Irrenanstalten aber die Fürsorge für 
Erwachsene zufällt. 

Wir haben des Weiteren noch zu erwähnen die 
Kreispflegeanstalten — unter der Selbstver¬ 
waltung der Kreise stehende Krankenanstalten — 
einestheils für körperlich Sieche (auch Taubstumme), 
andemtheils für Kretinen, Epileptiker, Idioten, Imbezille 
und andere chronische Geisteskranke. In diesen neun 
Kreispflegeanstalten des Landes wurden nämlich am 
31. Dezember 1900 ausser 1154 körperlich Siechen 
und Taubstummen 1146 chronische Geisteskranke (mit 
angeborener Geistesschwäche, auch Kretinen, oder er¬ 
worbener Geistesstörung) und 97 Epileptiker, zusam¬ 
men 1243, verpflegt. Es sind danach 52 °/ 0 der In¬ 
sassen der Kreispflegeanstalten, also über die Hälfte, 
Geisteskranke, Kretinen und Epileptiker, wobei die Ge¬ 
lähmten (an Gehirn- oder Rückenmarkslähmung Lei¬ 
denden) und die Alkoholiker, unter welchen Kate¬ 
gorien wohl auch eine Anzahl den Geisteskranken 
zuzurechnen sein dürfte, nicht mitgezählt sind. 

Diese Anstalten dienen hauptsächlich für der 
Armen Versorgung anheimgefallene Kreisangehörige, 
ausnahmsweise auch für zahlungsfähige Kranke. 

Nach den Statuten sind nun in diesen Anstalten 
von Geisteskrankheiten und verwandten Zuständen 
nur aufnahmeberechtigt: 

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t 902.] _ PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


i. UnheJiibare Geisteskranke, sofern sie ruhig sind, 
keiner besonderen Wartung bedürfen und der Local¬ 
versorg\mg überwiesen wurden. 

Idioten, Kretinen, Blödsinnige höheren Grades, 
w eiche auf so niederer geistiger Stufe stehen, dass 
sie sich nicht selbst überlassen werden können. 

3. Personen, welche bis zur Arbeitsunfähigkeit mit 
Epilepsie oder anderen schweren Nervenleiden (wie 
Veitstanz, Hysterie und Katalepsie) behaftet sind. 

Nach den Aufnahmebestimmungen, wonach die 
Kreispflegeanstalten ausdrücklich nur solche Kranke, 
welche sich ebensogut auch für die Loca Versorgung 
♦eignen, aufnehmen, der irrenärztlichen Behandlung 
-aber noch irgendwie bedürftige Irre nicht beherbergen 
-sollen, gehören diese Krankenanstalten aber nicht in 
die Reihe der eigentlichen Irrenanstalten und dienen 
nicht den Zwecken der Irren Versorgung und Irrenbe¬ 
handlung in dem Sinne, wie die vorhergenannten 
öffentlichen und privaten Institutionen. Die in den 
Kreispflegeanstalten von Kranken dieser Art einge¬ 
nommenen Plätze können bei dieser Sachlage auch 
bei einer Aufstellung der für die geordnete Irrenver¬ 
sorgung verfügbaren Plätze nicht mitgezählt werden. *) 

Den öffentlichen Irrenanstalten fällt nun in der 
Landesirrenversorgung folgende Aufgabe zu: 

Zunächst gliedern sich diese: 

1. in vorwiegend Aufnahme- oder Heilan¬ 
stalten (Illenau und die beiden Irrenkliniken), und 

2. vorwiegend Pflegeanstalten (Emmendingen 
und Pforzheim). 

Die ersteren allein nehmen prinzipiell Kranke aus 
dem offenen Lande auf, während die letzteren zur 
Entlastung der Aufnahmeanstalten dienen, d. h. nur 
aus diesen Kranke aufnehmen sollen, mit Ausnahme 
der Wiederaufnahmen und eventuell der Epileptiker. 

Das ganze Land ist nun in Aufnahmebezirke 
für diese drei Aufnahmeanstalten (Illenau, die Irren¬ 
kliniken in Freiburg und in Heidelberg) eingetheilt, 
so dass jeder dieser Anstalten alle der Anstaltsbe¬ 
handlung bedürftigen Kranken zunächst aus diesem 
Bezirke Zufällen; ausnahmslos gilt dies für die auf 
öffentliche Kosten (Gemeinde-, Kreis- oder Staats¬ 
kosten) Verpflegten. Vermögliehe können sich die 
Heilanstalt wählen. 

Der Aufnahmebezirk der Anstalt 111 e n a u umfasst 
die Mitte des Landes und die südöstliche abliegende 
Bodenseegegend, d. h. die Kreise Baden, Offenburg, 
Villingen und Konstanz, letzteren mit Ausschluss des 

*) Zur Frage der Kreispflegeaiistalten nimmt der Verf. 
im übrigen, wie er bereits an andern Orten betonte, von jeher 
die gleiche Stellung ein wie früher Roller und neuerdings Krä- 
pelin, Ludwig und mit ihnen wohl die meisten Psychiater. 

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Amtsgerichtsbezirkes Radolfzell, ferner vom Kreise 
Karlsruhe die Amtsbezirke Karlsruhe, Durlach und 
Ettlingen, zusammen mit einer Einwohnerzahl von 
7 1 5 3 7 ° (Volkszählung vom 1. Dezember 1900). 

Illenau hat bei etwa 500 Plätzen eine jährliche 
Aufnahmeziffer von 385 (Durchschnitt der letzten 5 
Jahre); im Jahre 1900 hatte es 434 Aufnahmen. 

Die Irrenklinik in Heidelberg hat zum Auf¬ 
nahmebezirk den vom Illenauer Bezirke nördlich ge¬ 
legenen Landestheil, nämlich die Kreise Mosbach, 
Heidelberg und Mannheim, und vom Kreise Karls¬ 
ruhe die Amtsbezirke Pforzheim, Bretten und Bruch¬ 
sal, zusammen mit einer Einwohnerzahl von 712488. 

Sie vollzieht bei einer Plätzezahl von 110 Betten 
pro Jahr 314 Aufnahmen (Durchschnitt der letzten 
5 Jahre); im Jahre 1900 hatte sie 383 Aufnahmen. 

Die Irrenklinik in Freiburg hat zum Aufnahme¬ 
bezirk den übrig bleibenden südlichen Theil des 
Landes, d. h. die Kreise Freiburg, Lörrach und Walds¬ 
hut, und vom Kreise Konstanz den Amtsgerichtsbe¬ 
zirk Radolfzell mit zusammen 440086 Einwohnern. 

Sie vollzieht bei einer Plätzezahl von 110 im Jahre 
ca. 180 Aufnahmen (Durchschnitt der letzten 5 Jahre); 
im Jahre 1900 hatte sie 220 Aufnahmen. 

Kranke, welche die Kliniken aus Platzmangel etwa 
nicht aufnehmen, fallen der Anstalt Illenau zu. Epi¬ 
leptiker können von den Kliniken und von Illenau 
direct nach Emmendingen überwiesen werden. 

Man ersieht daraus, dass die Irrenkliniken ausser 
ihrer vornehmsten Aufgabe, der Lehraufgabe, noch 
einen erheblichen Theil der Landesirrenfürsorge über¬ 
nehmen, da sie, trotz ihrer der Belegungsfähigkeit der 
Anstalt Illenau (500) gegenüber verhältnissmüssig ge¬ 
ringeren Bettenzahl (je 110), für eine Einwohnerzahl 
von 1 152594, d. h. 61,7 °/ 0 des Landes, als Auf¬ 
nahmeanstalten dienen, und mit 494 Aufnahmen pro 
Jahr 56,2 °/ 0 aller Aufnahmen in Heilanstalten voll¬ 
ziehen. 

Die Anstalten Emmen dingen und Pforzheim 
sollen, entsprechend ihrem vorwiegenden Character 
als Pflegeanstalten, frische Fälle aus dem offenen 
Lande nicht aufnehmen, haben also auch keinen Auf¬ 
nahmebezirk, sondern nehmen den Heilanstalten Illenau, 
Heidelberg und Freiburg die chronisch gewordenen 
Fälle ab, und zwar Emmendingen, das als koloniale 
Anstalt im Pavillonstyl mit Ackerbaubetrieb erbaut ist, 
die noch geistig und körperlich rüstigeren und zugleich 
arbeitsfähigeren Kranken, und Pforzheim die Blöd¬ 
sinnigen hohen Grades, die Idioten und Kretinen. 

Beide Anstalten nehmen ihre Pfleglinge nur nach 
diesen Krankenkategorien und aus dem ganzen Lande 

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9 2 


auf, nicht unterschieden nach dem Heimaths- oder 
Wohnort. 

Von der beabsichtigten Vereinheitlichung der Auf- 
nahmequalification gleichmässig für alle Pflegeanstalten 
ist in der Denkschrift später die Rede. 

Emmendingen vollzieht auf diese Weise bei 
einer Plätzezahl von 1025 im Jahr 168 Aufnahmen 
(Durchschnitt der letzten 5 Jahre); im Jahre 1900 
waren es 170 Aufnahmen. 

Pforzheim, bei einer Plätzezahl von jetzt (>50, im 
Jahr 86,6 Aufnahmen (Durchschnittder letzten 5 Jahre); 
im Jahre 1900 waren es 75 Aufnahmen. 

Der ganze Gang der Irrenversorgung setzt aber 
nun, wenn er in Wirklichkeit umgesetzt und regel¬ 
mässig eingehalten werden soll, voraus, dass 

1. die Pflegeanstalten immer in der Lage sind, 
die angemeldeten Kranken aus den Heilanstalten in 
nicht zu langer Frist aufzunehmen, und dass 


[Nr. 8. 


2. die Aufnahme- oder Heilanstalten 
immer über genügend freie Plätze verfügen, um jeweils 
dem Andrange der Aufnahmen von aussen stattgeben, 
d. h. die anstaltsbedürftigen Kranken aus dem offenen 
Lande unverweilt und ohne Zeitverlust, der ihre Aus¬ 
sichten auf Heilung nur beeinträchtigen und schwere 
Unzuträglichkeiten in der Aussenwelt schaffen würde, 
aufnehmen und einer sachgemässen Behandlung zu¬ 
führen zu können, so dass dadurch — in Verbindung 
mit einem beschleunigten Aufnahmeverfahren, wie wir 
es in Baden besitzen, — die ungenügende, auch nur 
vorübergehende Unterbringung der Geisteskranken in 
Spitälern und städtischen Krankenhäusern und ebenso 
andere Inconvenienzen in der Verwahrung und Be¬ 
handlung der Geisteskranken v o r ihrer Anstaltsver¬ 
bringung vermieden werden. 

(Fortsetzung folgt.) 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Mittheilungen. 


— 37. Versammlung des Vereins der Irren- 
Aerzte Niedersachsens und Westfalens. 

Die Versammlung fand statt am 3. Mai ds. Jahres 
in Hannover, im Conferenz-Saale des dem Aerztever- 
cin gehörigen Hauses. Dieselbe w*ar sehr zahlreich 
besucht. Nachmittags 3 Uhr eröffnete der Vorsitzende 
Herr San.-R. Dr. Gerstenberg -Hildesheim die 
Versammlung. Nach Erledigung einiger geschäft¬ 
licher Angelegenheiten trat die Versammlung in die 
wissenschaftlichen Verhandlungen ein, dieselben füllten 
den ganzen Nachmittag bis 7 Uhr aus, worauf sich 
die Theilnehmer bei einem gemeinschaftlic hen Diner 
im Hotel Kasten vereinigten. 

Vor Eintritt in die Tagesordnung theilte Herr 
Cramer-Göttingen mit, dass sich in Göttingen 
eine forensisch-psychologische Vereinigung con- 
stituirt habe. Interessenten wird der Beitritt zu der¬ 
selben nahe gelegt. 

Die wissenschaftliche Tagesordnung bot folgende 
Punkte: 

1. Herr Bruns-Hannover: Neuro patho¬ 
logische Demonstrationen. 

Vortr. besprach an der Hand zweier Fälle, von 
deren einem das makroskopische Präparat demonstrirt 
wurde, die Diagnosenstellung des Kleinhirnabscesses. 
Die Symptome decken sich vielfach mit denen bei 
Erkrankungen des inneren Ohres, namentlich des hin¬ 
teren Theils. Doch lässt sich heute die Diagnose 
sicherer stellen als dies Oppenheim angiebt. Diffe¬ 
rentiell wichtig sind die Erscheinungen, welche auf 
die Medulla obl. himveisen, sowie ein Ausschluss 
einer Aflfection des Schläfcnlappens. 

Weiterhin demonstrirte Vortr. das Präparat eines 
subduralen Tumors, der die 2. und 3. Stirn- und die 
1. Central-Windung comprimirt hatte. Der Tumor, 

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wahrscheinlich sarcomatöser Natur, war fast hühner¬ 
eigross. 

Pat. hatte 1803 ein Trauma erlitten, ein Jahr 
später traten allgemeine epileptische Anfälle ein, deren 
Frequenz zunahm. Später (1895) zeigten die An¬ 
fälle partiellen Charakter. Objectiv war nichts nach¬ 
weisbar, nur bestand eine geringe Glycosurie. Seit 
1899 nahmen die nunmehr beständig partiellen An¬ 
fälle sehr zu. Dem Rath, sich operiren zu lassen, war 
P. nic ht gefolgt, Tod 1900. Der Fall ist merkwürdig 
einmal durch die lange Dauer, ferner dadurch, dass 
der Tumor an der Stimwindung allgemeine epilep¬ 
tische Anfälle zuerst hervorrief, und dadurch, dass 
erst Dysarthrie, Paraphasie erst ganz zuletzt bestand. 
Der Mann konnte bis in die allerletzte Zeit schrei¬ 
ben. Zuletzt bestand auch atactischer Gang. Die 
Allgemeinerscheinungen waren auffallend gering. 

Es folgte die Besprechung eines Falls von Klein¬ 
hirntumor, der im Leben durch merkwürdige Gefäss- 
geräusche und ausgesprochenes Hervortreten von 
Halbseitenerscheinungen ein Aneurysma einer art. basi- 
laris vorgetäuscht hatte, und weiterhin eines Falls von 
Tumor der rechten Frontal windung mit typischem 
Svmptomcomplex. Der Fall ist mit Erfolg operirt 
worden. 

Den Schluss bildete die Demonstration eines Prä¬ 
parats eines freien Cysticercus im 4. Ventrikel, der 
intra vitam diagnostizirt worden war. Die Symptome 
waren: heftige Schmerzen 2 —3 Wochen lang, Schwin¬ 
del bei Bewegungen des Kopfes, P. konnte sich nur 
langsam umdrehen, cs bestand Doppelsehen. Kein 
Zucker im Urin. Wenn der P. den Kopf rasch 
drehte, so fiel er um und erbrach. Tod sehr plötz¬ 
lich, vielleicht grade in Folge der freien Beweglich¬ 
keit des Cysticercus. 

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1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Discussion: Herr Löwenthal-Braunschweig 
erwähnt zum letzten Fall einen von ihm beobachte¬ 
ten ganz analogen Fall. Besonders eharacteristisch 
waren 2 Symptome: I. Bild einer Erkrankung der hin¬ 
teren Schädelgrube, aber passagerer Natur, wie sonst 
nur bei Hirnlues. 2. Die Erscheinungen bei Lage¬ 
veränderung in ihrer Combination mit den ersteren 
Symptomen. 

Herr Alt-Uchtspringe hat gleichfalls eine 
einschlägige Beobachtung zu verzeichnen, welche durch 
intennittirendes Auftreten von Zucker im Harn auf 
die Diagnosenstellung hinlenkte. 

Herr Bruns (Schlusswort). Da Schwindel auch 
bei Kleinhimtumoren, deshalb hier kein ganz sicheres 
Moment für die Diagnose. Auch muss man an hy- 
drocephalische Erscheinungen — hier fehlt freilich 
die starke Remission — denken, sowie an schwere 
Meniere'sche Symptome intermittirenden Charakters. 

2. Herr Alt-Uchtspringe: Ueberden Ein¬ 
fluss der Kost auf die Anfälle der Epilep- 
ti sehen. 

Toulouse und Richet, welche bei einfacher, salz¬ 
armer Kost eine Abnahme der Anfälle erreichten, er¬ 
klärten dies damit, dass der im Körper entstehende 
Salzhunger eine begierige Aufnahme und Ausnutzung 
des nun in geringeren Mengen darzubietenden Broms 
verursache. Alt hat bei 24 Kindern in 3 Gruppen 
systematische Versuche angestellt, bei welchen unter 
Beobachtung eines genügend langen Zeitraums die 
Summe der Anfälle für vegetabilische Kost, für Milch¬ 
kost und für gemischte Kost (mit Fleischdarreichung) 
notiert und mit dem Ergebniss bei gewöhnlicher, 
nicht abdosirter Kost verglichen wurde. Es zeigte 
sich dabei, dass die Anfälle bei gewöhnlicher Kost 
am zahlreichsten waren, sie verminderten sich schon 
während der genauen Kostdosirung, noch mehr in 
der vegetabilischen Periode, und am meisten und 
zwar sehr erheblich während der Milchperiode. Kin¬ 
der, die sich bei vegetabilischer oder Milchkost nicht 
gut befanden, zeigten, wenn statt gewöhnlicher Milch 
sterilisirte gereicht wurde, gleichfalls ein den übrigen 
entsprechendes Resultat. Die Zufuhr von N. bei der 
Fleischkost kann nicht das wesentliche sein, da nach 
genauester Berechnung die Kinder bei Milchkost mehr 
N. erhielten. Auch hat Alt durch Darreichung von 
nucleinfreiem Eiweiss gezeigt, dass die Harnsäure 
keine Rolle dabei spielt: es fehlte hier eine Zunahme 
der Anfälle. Vortr. weist darauf hin, dass schon in 
früherer Zeit die Bedeutung einfacher Kost für die 
Epileptischen bekannt war. Eine genaue detaillirte 
Erklärung dieser Thatsache ist z. Z. noch nicht mög¬ 
lich, jedenfalls aber spielt nicht die Salzentziehung, 
sondern die Kostvereinfachung auch in den Versuchen 
der Franzosen die entscheidende Rolle. 

Discussion: Herr Hesse-Ilten: fragt, ob man 
dabei Brom fortgeben könne, und ob die beschrie¬ 
benen Verhältnisse auch für Erwachsene Geltung 
hätten. 

Herr Alt: Die Kinder blieben bei ihrer Medi¬ 
kation. Ein Kind (seit 2 Jahren) ist geheilt. Exakte 
Versuche habe Vortr. bisher nur von Kindern, gleich 
gute Resultate aber auch bei Erwachsenen. 

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Herr Löwcnthal-Braunschweig: hält die 
Angaben der Franzosen zunächst noch nicht für wider¬ 
legt: er habe bei Salzentziehung gute Erfolge ge¬ 
sehen unter Berücksichtigung individualisirender Be¬ 
handlung. 

Herr A 1 1 (Schlusswort) betont, dass den Kindern 
in seinen Versuchen abgewogene Mengen Salz fort- 
gegeben und doch die mitgetheilten Resultate, welche 
demnach nur auf die Vereinfachung der Kost be¬ 
zogen werden können, erzielt sind. 

3. Herr Sn eil - Hildesheim: Irren hilfs¬ 
vereine. (Erscheint auch als Originalartikel in dieser 
Zeitschrift). 

Anknüpfend an die Thatsache des Vorurtheils, 
welches gegen aus Anstalten Entlassene ungerechter 
Weise besteht, betont Vortr. die Nothwendigkeit sol¬ 
chen Menschen Unterkunft, Unterstützung und Weiter¬ 
hülfe zu gewähren. Vor allem ist die rasche Flüssig¬ 
machung von Geldmitteln nothwendig. Die Geschichte 
der Irrenhilfsvereine, welche Vortr. bespricht, zeigt die 
Nothwendigkeit dieser Institute. Die bestehenden 
Vereine in Deutschland, obwohl verschieden organisirt, 
haben alle den gemeinsamen Zweck, den Irren das 
Wiedereinleben in das praktische Dasein zu erleich¬ 
tern oder überhaupt zu ermöglichen. Die Vereine 
haben z. Th. namhafte Summen aufgebracht. Eine 
weitere wichtige Aufgabe der Vereine besteht in der 
Aufklärung des Publikums über die Irrenpflege über¬ 
haupt. Es wird die Wichtigkeit der Einsetzung von 
Vertrauensmännern betont, welche einen gewissen 
Einblick in die Irrenpflege besitzen müssen. Die 
Müheverwaltung der Aerzte vermehrt sich dadurch, 
aber es wird ihre Institution sich in vielfacher Weise 
lohnen: 

1. Wird die Ueberführung der Kranken in die 
Anstalt zur rechten Zeit erfolgen können. 

2. Es wird die Gewinnung brauchbaren Warte¬ 
personals eine Unterstützung erfahren. 

Vortr. betont zum Schlüsse, dass die Leitung der 
Vereine in der Hand der Anstaltsärzte liegen müsse. 

Discussion. Herr Cramer-Göttingen betont 
die Nothwendigkeit der Gründung neuer Vereine und 
beleuchtet die Schwierigkeiten, welche besonders die 
Leitung derselben bieten werde, deren Trennung 
von den Anstalts-Direktionen er für nothwendig hält. 

Herr Alt-Uchtspringe berichtet, dass in Sach¬ 
sen die Gründung eines Vereins seit längerem geplant 
sei. Er bezeichnet die Fürsorge als eine Art erwei¬ 
terter Familienpflege, welche, wenn die Behörden die 
nöthigen Geldmittel bereitstellen, es gestatte, eine 
Reihe von Kranken zu entlassen, welche jetzt als 
Ballast der Anstalten mit fortgeschleppt werden 
müssen. 

Herr Gerstenberg-Hildesheim erinnert 
daran, dass früher ein Etat-Posten für entlassene 
Kranke vorhanden war. Die Behörden würden kaum 
sich bereit finden für entlassene Kranke die Für¬ 
sorge zu übernehmen, es werde daher die Inanspruch¬ 
nahme der öffentlichen Wohlthätigkeit geboten sein. 

Herr Sn eil (Schlusswort) schlägt die Inanspruch¬ 
nahme beider Theile vor. 

Original fram 

HARVARD UNIVERSITY , 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 8. 


4. Herr Cramer-Göttingen: Ueber krank- 
kafte Eigenbeziehung und Beachtungs- 
w a h n. 

Vortr. geht aus von der Beobachtung, dass eine 
Ueberschätzung der Bedeutung, welche die Vorgänge 
der Aussenwelt in Bezug auf die eigene Person haben, 
zu einer Trübung des Urtheils und einer Störung des 
Bewusstseins der Persönlichkeit führt Die krank¬ 
hafte Eigenbeziehung manifestirt sich in doppelter 
Art. In der ersten Gruppe von Krankheitsfällen be¬ 
sitzen die Kranken keine Einsicht in ihren Zustand 
(paranoischer Typus). In einer zweiten Gruppe sind 
die Kranken sich des Krankhaften ihres Zustandes 
bewusst (Typus vom Charakter der Zwangsvorstell¬ 
ungen). Es spielen derartige Zustände bei den ver¬ 
schiedensten Psychosen, so der Melancholie, dann 
der Paranoia (als Einleitung zur chronischen Form 
z. B.) eine Rolle, dann aber bei allen mit einer Stö¬ 
rung des Bewusstseins einhergehenden Erkrankungen, 
also bei Epilepsie, Hysterie, im traumatischen Irre¬ 
sein, bei der Paralyse. Dazu kommen Zusände ner¬ 
vöser Natur: Neurasthenie, degenerative Psychosen, 
Nervosität, Schwindelerscheinungen und Schwerhörig¬ 
keit. 

Für die Genese der krankhaften Eigenbeziehung 
zieht Vortr. die bei Gesunden zu beobachtende 
falsche Eigenbeziehung in veranschaulichender Weise 
heran und erläutert sie durch zahlreiche Beispiele. 
Den krankhaften Boden, auf dem die Erscheinung 
entsteht, können falsche Berichte über die Organge¬ 
fühle, viscerale Veränderungen, Störungen des Be¬ 
wusstseins, die Angst oder schweres Krankheitsgefühl 
abgeben. Es wird ein Gefühl von eigener Insufficienz 
die Folge sein, das in Folge der Projection der ver¬ 
änderten Empfindungen nach aussen, zu einer schar¬ 
fen Beobachtung der Umgebung führt. 

Vortr. erläutert die Prognose der krankhaften Ei¬ 
genbeziehung, welche natürlich in unmittelbarer Be¬ 
ziehung zu der Psychose steht, bei der sie auftritt, 
sodass also die Genese einen Anhaltspunkt abgiebt für 
die Prognose. 

Discussion. Herr Alt erwähnt im Anschluss an 
den vertigo ab aure laeso, die Platzangst etc., dass 
man in allen solchen Fällen, in denen es sich nicht 
um schwer degenerirte Personen handelt, also allen 
Grund zu genauer körperlicher Untersuchung habe. 
Man hat dann ev. neben der psychischen Beein¬ 
flussung noch den Vorth eil der körperlichen The¬ 
rapie. 

Herr Bruns erwähnt die Zustände der Alkoho¬ 
liker mit Eigenbeziehung und Zwangsvorstellungen. 

Herr Berkhan-Braunschweig: Das sich 
Immer-wieder-Aufdrängen der BeziehungsVorstellung 
führt schliesslich zur Zwangsvorstellung. 

Herr Cramer (Schlusswort) betont, dass eine 
analoge Erscheinung für die berührten Zustände der 
Höhenschwindel bei Leuten, welche erst im späteren 
Lebensalter zum ersten Mal auf hohe Berge kommen, 
abgebe. Hier ist die Unfähigkeit Höhendifferenzen 
abzuschätzen, w r elche aber nur als Angst zum Bewusst¬ 
sein kommt, Ursache davon, dass sofort eine Be¬ 
ziehungsvorstellung zu dem Ort, an dem der Höhen¬ 


schwindel empfunden ward, eintritt Am gleichen 
Orte stellt sich daher später auch stets die Angst 
wieder ein. 

5. Herr Web er-Götti ngen: Ueber einige 
Neubauten der Göttinger Irrenanstalt. 
(Der Vortrag soll im Original in dieser Wochenschrift 
erscheinen). 

Zur Unterbringung siecher, Dekubitus-vei dächtiger 
Kranker wurde ein leichter Barackenbau als Lazarcth- 
abtheilung eingerichtet und dort alle derartigen Kran¬ 
ken, namentlich Paralytiker, Epileptiker pp. unterge¬ 
bracht. Die Station wird zur Hälfte als 2. Wach¬ 
station mit Nachtwache betrieben und dadurch das 
Vorkommen von Dekubitus, Verunreinigung pp. besser 
als durch künstliche Mittel vermieden. 

Auf der bisher nur aus Einzelzimmern bestehen¬ 
den Zellstation wurde durch Entfernung von 4 sog. 
Tobzellen Raum für einen Schlafsaal von 10 Betten 
gewonnen, in dem eine Anzahl bisher isolirter Kran¬ 
ker untergebracht werden konnte. 

Vortr. betont, dass allenthalben das Bestreben 
nach Verminderung der Isolirung besteht, hält jedoch, 
wenigstens für die grösseren Anstalten mit chroni¬ 
schem Krankenmaterial, die völlige Abschaffung der 
Zellen für nicht zweckmässig. Nicht die grosse Zahl 
der wenn auch erregten Neuaufnahmen, wie vielfach 
behauptet w'ird, sondern gewisse chronische Kranke 
mit Neigung zu Erregungszuständen und Gewaltthätig- 
keiten machen die Beibehaltung einiger Zellen für 
Anstalten mit derartigen Kranken nothwendig. 

(Autoreferat). 

6. Herr Vogt-Göttingen: Ueber die Be¬ 
ziehungen zwischen Aphasie und Demenz. 

Vortr. bespricht den Einfluss, welchen Ausfalls¬ 
erscheinungen im Gebiete der Sprache ausüben auf 
den normalen Ablauf des Denkprocesses. Es kom¬ 
men hierbei natürlich nur Störungen im Sprachge¬ 
biet in Betracht, sofern dieselben nicht subcortical, 
sondern durch Läsionen höherer Gegenden bedingt 
sind. Einer allgemeinen Erörterung der Frage stellt 
sich die gerade hier so erhebliche Breite der indivi¬ 
duellen Verschiedenheit hindernd in den Weg. Es liegt 
dies bekanntlich daran, das§ das Verhältniss zwischen 
rein begrifflichem und sprachlichem Denken sich im 
einzelnen Falle ganz verschieden gestaltet Es kommt 
hierbei ganz besonders in Betracht, dass demjenigen, 
der sprachlich denkt, sich die Gedanken schon in 
einer bestimmten Formulirung zu präsentiren pflegen 
und dass diese Formulirung der Worte zu geordneten 
Sätzen, der Lautcomplexe zu Worten im Sprachfelde 
vor sich geht. Es ist daran zu denken, dass der 
Wortbegriff selbst schon eine Associationsgruppe dar¬ 
stellt, sowie dass der psychische Werth des ganzen 
Sprachfeldes nur in seinen associativen Verbindungen 
liegt. Dies zeigen gerade die sog. unreinen Fälle 
von Aphasie am deutlichsten. Es lässt sich dies zu¬ 
weilen sogar für den Unterschied feststellen, den der 
sprachliche Associationscomplex für concrete und ab¬ 
strakte Begriffe hat, analog wie Sachs dies für das 
normale Denken auseinander gesetzt hat. Eine wei¬ 
tere Beziehung ergiebt sich bei Herderkrankungen, 
welche in dem Gebiete der Sprache einen Ausfall er-. 


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Original fram 

HARVARD UNiVERSITY 



1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 95 


zeugen, durch die Femwirkungen. Diese können 
natürlich nach irgendwo gelegenen Herden auftreten 
und äussem sich in einem Ausfall von Functionen 
benachbarter oder entfernt gelegener Rindenpartien 
•oder aber in einer allgemeinen Functionsherabsetzung 
der Hirnrinde überhaupt, welche letztere bei dem 
gleichzeitigen Functionsausfall der sprachlichen, für das 
Denken und die Begriffsbildung nöthigen Componen- 
ten besonders leicht zu einer dauernden Schädigung 
führen und besonders deutlich in Erscheinung treten 
wird. (Schluss folgt.) 

— Jahresversammlung des Vereins der deut¬ 
schen Irrenärzte in München. Nachzutragen ist 
dem Bericht noch, dass Prof. Westphal unter Vor¬ 
führung zahlreicher Projectionsbilder über Syringomyelie, 
Prof. Hitzig über Störungen des Gesichtsfeldes bei 
Hunden sprach, denen das Hinterhirn entfernt worden 
ist. — 

— Zur „reichsgesetzlichen Regelung des 
Irrenwesens“ wird der „Kölnischen Ztg.“ von 
sachverständiger Seite geschrieben: „Die bevorstehende 
oder wenigstens vom Reichstag lebhaft gewünschte 
reichsgesetzliche Ordnung des Irrenwesens scheint, 
nach dem, was bisher darüber geschrieben und ge¬ 
sprochen worden ist, auf die Festlegung der Auf¬ 
nahme- und Entlassungsvorschriften für Geisteskranke, 
Epileptische und Idioten in und aus Anstalten und auf 
die Aufenthaltsverhältnisse solcher Personen in Anstal¬ 
ten sich beschränken zu wollen. Es wäre eine arge Ver- 
säumniss, wenn nicht gleichzeitig andere Unsicherheiten 
(z. B. die Krank encorrespondenz), insbesondere aber 
ein Missstand beseitigt würde, der in aller Stille immer 
weiter Platz greift Das ist die Gepflogenheit von 
Provinzen und Communen, Pfleglinge der genannten 
Art, die der öffentlichen Fürsorge anheimgefallen 
sind, nicht in eigenen, sondern in privaten An¬ 
stalten unterzubringen. Das Gesetz vom 11. Juli 1891, 
welches die Unterbringung der Pfleglinge „in geeigneten 
Anstalten“, nicht in eigenen, den Armenverbänden 
zur Pflicht macht, hat damit eine Lücke gelassen, 
durch die sich Missbräuche in die Handhabung des 
Gesetzes einschleichen konnten. Wenn man schon 
nicht so weit gehen will, wie im Anfang vorigen 
Jahrhunderts Professor Dr. Reil in Halle a. S., ein 
Bahnbrecher auf diesem Gebiete, der für Unter¬ 
bringung der Geisteskranken u. s. w., auch der wohl- 
situirten, überhaupt ausschliesslich Staatsinstitute als 
zulässig betrachtete — diese Forderung ist neuerdings, 
auf dem Programm der Socialdemokratie wieder zutage 
getreten —, so muss man dieser Ansicht, soweit sie 
sich auf die der öffentlichen Armenpflege anheimge¬ 
gebenen Personen eistreckt, voll und ganz beipflichten. 
Der Gründe sind es zu viele, als dass darüber ge¬ 
stritten werden könnte. Die Verbände vergeben die 
Lieferungen für ihre eigenen Anstalten auf dem Sub¬ 
missionswege, so dass sich jeder interessirte Steuer¬ 
zahler um die Lieferungen bewerben kann; nicht so 
bei den von den Verbänden benützten und subven- 
tionirten Privatanstalten, welche die Lieferungen nach 
eigenem Belieben und nach Willkür ohne Ausschreibung 
übertragen. Da von manchen Verbänden bis tausend 
Pfleglinge in Privatanstalten untergebracht sind, so 

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ist das keine geringfügige Sache (bei tausend Köpfen 
mindestens etwa 430000 M. Verpflegungsgelder pro 
Jahr!, dazu kommen die Subventionen für Neubauten 
und dergl.). Wenn ferner die Wartpersonalfrage, wie 
sattsam bekannt, einen schwierigen Punkt in der 
Irren-, Epileptiker- und Idiotenpflege bildet und 
immer bilden wird, so wird sie dadurch geradezu als 
nicht vorhanden ignorirt, dass die Verwaltungen ihre 
Schutzbefohlenen in Privatanstalten Pflegepe reonen 
überantworten, die gar nicht in der Discipünargew'ait 
der öffentlichen Verwaltungen stehen; am schlimmsten 
macht sich das bei den kirchlichen Anstalten geltend, 
wo das Wartpersonal nicht einmal dem leitenden 
Arzte unterstellt ist, sondern kirchlichen Personen, die 
neben und über der Krankenpflege noch ganz andere 
Interessen bethätigen. Während in den Privatanstalten 
die Kranken besserer Stände nicht viel oder keine für 
den ökonomischen Betrieb der Anstalt nützliche Ar¬ 
beit leisten, ist dies bei den mitverpflegten Provinzial¬ 
oder Communalkranken in hohem Maasse der Fall — 
ein Grund, bei der Frage der Entlassungsfähigkeit der 
letztem unbewusst eigennützige Motive mitspielen zu 
lassen. Bei all diesen Punkten — es könnten noch 
mehr angeführt werden — haben weltliche und 
kirchliche Privatanstalten voreinander nicht den ge¬ 
ringsten Vorzug, ja die letztem stehen insofern zurück, 
als unvermeidlich der eigentliche Zweck der Anstalt 
leiden muss, wenn noch Sonderinteressen kirchlicher 
bezw. religiöser Natur vorgespannt oder auch nur 
an gehängt werden. Dass der Betrieb einer kirchlichen 
Anstalt nicht auf Erwerb ausgeht, wird kaum jemand 
die Naivetät besitzen zu glauben, nämlich auf den 
Erwerb von Geldern, um die ganze Anlage ad raajo- 
rem dei gloriam zu vergrössern, eine Neigung, unter 
der, wie verschiedene Beispiele gelehrt haben, der 
Betrieb der Krankenpflege ebenso leiden kann wie 
unter der Gewinnsucht eines einzigen weltlichen Be¬ 
sitzers einer Privatanstalt, der überdies fast ausnahms¬ 
los selbst Arzt ist und durch seine ärztliche Bildung 
und sein ärztliches Gewissen in allzu eigennützigen Be¬ 
strebungen corrigirt wird. — Zurückziehung der Pro¬ 
vinzial- und Communalpfleglinge aus den weltlichen, 
Säcularisirung der kirchlichen Anstalten für Geistes¬ 
kranke, Epileptische und Idioten ist die Aufgabe, vor 
welche sich die Reichsirrengesetzgebung wird gestellt 
sehen, will sie nicht nur halbe Reformen schaffen.“ 

Referate. 

— The Journal of mental Science. April 
1901. (Fortsetzung.) 

John Baker schreibt über Epilepsie und Verbrechen. 
Nachdem er sich gegen das Bestreben von Lombroso 
und seinem Anhang, den Begriff der Epilepsie möglichst 
weit auszudehnen, gewendet hat, stellt er eine Statistik 
zusammen über die epileptischen Insassen von Broad- 
moor. Seit seiner Eröffnung 1863 bis Oktober 1900 
werden 2435 Kranke aufgenommen, 1860 M. und 
575 Fr., darunter 139 = 7,5 °/ 0 männliche und 26 == 
4,5 °/ ft weibliche Epileptiker. Was die Art der von 
den Epileptikern verübten Verbrechen anbelangt, so 
handelte es sich in 117 Fällen um Verbrechen gegen 
die Person, w r oran 96 M. und 21 Fr. betheiligt waren, 
und in 48 Fällen um Verbrechen gegen das Eigenthum, 

Original fram 

HARVARD UNIVERSUM 



96 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 8. 


und zwar bei 43 M. und 5 Frauen. Das Verhältnis 
der Männer zu den Frauen bei den epileptischen In¬ 
sassen beträgt 85 ° 0 M. und 15% Frauen. Es ist 
also das Vcrbältniss der epileptischen Verbrecher zu 
den Epileptikern überhaupt bei weitem grösser als das 
der epileptischen Verbrecherinnen zu den Epilep- 
tikerinnen. Feiner übersteigt das Verhällniss der 
Männer, die ein Verbrechen im geisteskranken Zu¬ 
stand begehen, um vieles das der Frauen. *) 

Nach der Art des Verbrechens überwiegen im Ver¬ 
gleich zu den Verbrechen gegen das Eigenthum die 
gegen die Person, wie folgende Notiz zeigt: 

M. Fr. 

Verbrechen gegen die Person . . 69% 81 “/ 0 

„ _ „ das Eigenthum 31 °/ 0 19% 

Bei den Verbrechen gegen die Person handelt es 
sich meist um Mord und Mordversuche, bei den Ver¬ 
brechen gegen das Eigenthum um Diebstahl und Brand¬ 
stiftung. 

Die Erregung und psychische Störung kann beim 
Epileptiker eintreten: 1) vor dem Anfall, 2) nach dem 
Anfall, 3) zwischen den Anfällen und 4) als Ersatz 
für den Anfall. In allen 4 Stadien kann der Epilep¬ 
tiker gefährlich werden. Verf. bringt zum Beweise 
hierfür einige Krankengeschichten und bespricht im An¬ 
schluss daran verschiedene klinisch wichtige Erschei¬ 
nungen. Die psychische Störung, die dem Anfall vor¬ 
ausgeht, äussert sich oft in einer unerklärlichen Furcht, in 
schreckhaftigen Illusionen und Halluzinationen, in Eifer¬ 
suchtswahnideen, oder Verfolgungswahnideen. I11 an¬ 
deren Fällen wiederum folgt auf den Anfall ein Zu¬ 
stand der Reizbarkeit und des sinnlosen Betragens, 
mit Neigung zu falscher Beschuldigung. Oft steigert 
sich der Zustand zur Manie oder zum furor epilepticus, 
mit dem Trieb zu Mord und Selbstmord. Oft endigt 
ein blosser Verdacht, der sich vor dem Anfall im Gehirn 
festsetzte, nach dem Anfall im furor mit einem Ver¬ 
brechen. In einem solchen Fall besteht manchmal 
nicht einmal Verlust des Bewusstseins oder Gedächt¬ 
nisses. Eigenthümlich sind Fälle wie der, wo die Mutter 
ein Stück Brot schneiden will, plötzlich einen Anfall 
bekommt und gleich darauf den Arm ihres Kindes 
abschneidet. Verf. macht noch auf die Schwierigkeit 
aufmerksam, Amnesie festzustellen, namentlich dann, 
wenn der Kranke bereits durch Freunde bearbeitet, 
oder durch das Gericht verhört worden ist. 

Dass der Alkohol den an sich schon gefährlichen 
Epileptiker noch gefährlicher macht, ist bekannt. 

Eine Abhandlung von Alexander Robertson be¬ 
schäftigt sich mit den einseitigen Halluzinationen, ihrer 
relativen Häufigkeit, ihren Beziehungen und ihrer Pa¬ 
thologie. Während einseitige Halluzinationen schon lange 
die Aufmerksamkeit der Forscher auf dem Continente 
erregt hatten, konnte Verf. 1874, als er bei einem 
Kranken linksseitige Gehörshalluzinationen nachwies, 
nirgends in der englischen Litteratur eine Erwähnung 

*) Vom 1. IV. 99 — 31. III. 1900 wurden in den eng¬ 
lischen Gefängnissen 86 M. uud 30 Fr. als geisteskrank begut¬ 
achtet. Bei 6 Männern und nur bei einer Frau bestand Epilepsie. 


dieser Erscheinungen finden. Darauf untersuchte Verf. 
250 Kranke und fand bei 34 deutlich nachweisbare 
Illusionen oder Halluzinationen eines oder mehrerer 
Sinne. Von den 34 hörten 31 Stimmen. 29 hatten 
ausserdem Gesichtshalluzinationcn. 2 litten an Ge¬ 
schmackstäuschungen, 1 Kranker an Geruchstäuschung. 
Diese 3 hatten keine Gesichs- und Gehörstäuschung. 
Ein Kranker hatte nur Geschmackstäuschungen, Ge¬ 
ruch, Gesicht und Gehör waren intact. 14 klagten noch 
über Empfindungsstörungen. Von den 31 Fällen, in 
denen Gehörstäuschungen vorhanden waren, hörten 5 
die Stimmen nur auf dem linken Ohr, 5 auf dem 
linken Ohr mehr als auf dem rechten, einer hörte sie 
nur rechts und zwei rechts deutlicher als links. Die 
andern Sinnestäuschungen waren beiderseitig. Nur 
einer sah die Gegenstände mit dem rechten Auge deut¬ 
licher als mit dem linken. Bei den 0 Fällen mit ein¬ 
seitigen Gehörshalluzinationen war in 5 Fällen der 
Alkohol die Ursache der Krankheit. 

Seit 1874 hatte Verf. noch 15 Fälle von einseitigen 
Halluzinationen gesammelt. Immer war der Gehör¬ 
sinn daran betheiligt, und zwar irf 12 Fällen links. 
Verf. konnte keinen reinen Fall von einseitiger Ge¬ 
sichts-, Geschmacks- und Geruchstäuschung finden. 
2 Kranke sahen die imaginären Gegenstände mehr 
mit dem einen als mit dem andern Auge. 

Um sich das Entstehen einseitiger Sinnestäuschungen 
verständlicher zu machen, erinnert Verf. an einseitige 
Krankheitssymptome des Nervensystems überhaupt, 
wie sie in konvulsiven, choreatischen und paralytischen 
Zuständen Vorkommen, z. B. I»ei der Hysterie. 

Was die Pathologie anlangt, so sind bei den doppel¬ 
seitigen Halluzinationen anatomisch bereits Verände¬ 
rungen der Nerven oder Centren gefunden worden. 
Also, schliesst Verf., werden solche sich auch bei den 
einseitigen finden, wenn sie auch noch nicht nachge¬ 
wiesen worden sind. Um sich das einseitige Entstehen 
der Sinnestäuschung zu erklären, nimmt Verf., an, dass 
das eine Centrum schwächer organisiert sei als das andere, 
seis von Geburt ab, oder durch Krankheit bedingt. 
Toxische Stoffe, wie der Alkohol, werden dann vor allem 
dies schwächer organisierte Ceiitrum angreifen. 

(Fortsetzung folgt.) 


Druckfehlerberichtigung. 

In Nr. 5 dieser Wochenschrift sind in dem Aufsatz von 
H. Schlöss: Zur Frage der Alkoholabstinenz in Irrenanstalten 
durch ein Versehen der Druckerei einige störende Fehler ent¬ 
halten. Auf pag. 55 soll es heissen statt „collegialischen 
Rath 4 * „collegialen Rath 44 , auf pag 56 statt „dieser io ü / 0 kann 
ich 44 „dieser io°/ 0 wegen kann ich“ . . . 

Der Herr Minister für Handel und Gewerbe hat 
die von König Friedrich Wilhelm IV gestiftete Staats- 
medaille in Bronce mit der Inschrift „Für gewerb¬ 
liche Leistungen“ der (auch für viele Anstalten liefern¬ 
den) Firma 

Rosenzweig A: Bau mann in Kassel, 
Kasseler Farben-, Glasuren- und Lackfabrik 
verliehen. 


Für den redactionellen Thcil verantwortlich: Oberarzt Dr. J. liresler Kraschnitz, (Sch esien). 

Krscheint jeden Sonnabend <— Schluss der Inseratenannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Mar hold in Halle a. S 

Hevtiemann'sche Pi < .ielidriicker#i (Cehr. \V\iiflf) in Halle a. S 


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Original frnm 

HARVARD UNIVERSITY 





Psychiatrisch 'Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internationales Correspondenzblatt für Irrenärzte und Nervenärzte. 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervorragender Fachmänner des In- und Auslandes 

herausgegeben von 

Direetor Dr. K. Alt, Prof. Dr. G. Anton, Prof. Dr. Bleuler, Prof. Dr. L. Edinger, Prof. Dr. A. Guttatadt 

Uchtspringe ( Altmarkt. Graz. Zürich. Frankfurt a. M. Geh. Med.-Rath, Berlin. 

Prof. Dr. E. Mendel Dr. P. J. Möbius, Direetor Dr. Morel, 

B« r| in. Leipzig. Mons (Belgien). 

Unter Benützung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Kraschnitz (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adresse: Marhold Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 2572. 

Nr. 9. 31 . Mai. 1902. 

Die ..Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift" erscheint jeden Sonnabend und kostet pro Quartal 4 Mk. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post (Katalog Nr. 6252), sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3spaitige Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermässigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. J. Bresler, Kraschnitz (Schlesien), zu richten. 

Inhalt. Originale: Zur Frage der grossen Irrenanstalten. Von Dr. Starlinger, Wien (S. 97). — Die Irrenfürsorge in Baden. 
Von Oberarzt Dr. Max Fischer -1 Henau (S. 102). — Ein Wort zur Recension des Herrn Gaupp über die „Denkschrift über 
die badische Irrenfürsorge" (S. 104). — Mitteilungen (S. 106). — Referate (S. 108). 


Zur Frage der grossen Irrenanstalten. 


I ."'s ist sicher kein bloss akademischer Trieb gewesen, 
' der vorstehendes Thema kürzlich in diesem 
Blatte wieder aufleben liess.*) Das Thema ist actuell 
und seine Besprechung drängt sich mancherorts 
wieder von selbst hervor, um so mehr als durch die 
Erfahrungen der letzten Jahre an den schon bestehen¬ 
den grossen Irrenanstalten auch neue Gesichtspunkte 
sich zu ergeben scheinen. 

Bisher wurde nur immer die Frage ventilirt, wie 
gross soll # eine Irrenanstalt sein und zwar mit Rück¬ 
sicht auf die einheitliche Leitung deutscher Art, wo 
in die Hand des Direktors die gesammte ärztliche 
und administrative Verantwortlichkeit in der Anstalt 
gelegt ist. Nun ergiebt sich das Interessante: Wäh¬ 
rend über die Grösse der Irren-Anstalten hin und 
her disputirt wurde und wird, wurde die ganze Frage 
durch die Thatsachen überholt. Man fragt meist in 
praxi gar nicht mehr, wie gross darf die Anstalt 
sein, sondern wie gross muss sie sein, um den 
zahlenmässigen Anforderungen zu genügen. So ent¬ 
steht eine tausender Anstalt um die andere, oder 
*) ver gl. Nr. 4 dieses Jahrganges. 

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wird zum mindesten so angelegt, dass ihre Vergrösse- 
rung auf diese Zahl in Bälde zu gewärtigen ist. Eine 
Anstalt für 1000 zählt aber nach den bisherigen Be¬ 
griffen gewiss schon zu den grossen, wenigstens soweit 
man damit die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit der 
einheitlichen Leitung sich damit bereits verbunden 
denkt. 

Die stattliche Reihe dieser grossen Irrenanstalten, 
die in den letzten Jahren so unter der Hand ent¬ 
standen ist, und man kann noch beifügen, sehr häufig 
noch dazu gegen die herrschende Anschauung der 
dabei thätigen ärztlichen Experten entstanden ist, ist 
es vor allem, die das Thema der grossen Irren-An¬ 
stalten neuerdings als aktuelle Frage an’s Licht rückt. 

Die organisatorischen Folgen der Anhäu¬ 
fung von Kranken an einer Stelle drängen sich vor 
und werden in Hinkunft vielleicht die ganze Frage 
dominiren. Damit ist meines Erachtens die ganze 
Angelegenheit in ein neues Stadium getreten, das 
noc h mancher Besprechung warten wird, ehe die Lö¬ 
sung befriedigen dürfte. Die grosse Irren-Anstalt 
wird kaum mehr verschwinden, ich fürchte nur, dass 


Original from 

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98 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 9. 


sie eher noch grösser werden wird, und erlaube mir, 
da ein illustrirendes Beispiel anzuführen. 

Es dürfte wenig Länder geben, die ihr Anstalts¬ 
wesen in den letzten Jahren mehr gehoben haben, 
als Nieder-Oesterreich, und der Opfersinn des Landes 
steht in bewundemswerther Parallele mit der hoch¬ 
liberalen Einsicht seiner Vertreter. Just zu derselben 
Zeit, als sie die neue Anstalt in Maueröhling eröff¬ 
net, legt sie den Grundstein zu einer neuen 
grossen Anstalt in Wien. 

Die gegenwärtige Wiener Irren - Anstalt nimmt 
nur einen Theil der hauptstädtischen Kranken 
auf, und hat bei einem Krankenstand mit stets über 
1000 schon jetzt eine jährliche Aufnahme von circa 
13 — 1400 Zuwächsen zu bewältigen. In Hinkunft 
aber sollen alle von Wien kommenden Geisteskranken 
sammt den Geistessiechen in den Aufnahms-Bereich 
der Wiener Anstalt fallen, es ist also sicherlich nicht 
übertrieben, wenn zur Aufnahme aller dieser Geistes¬ 
kranken ein Belegraum von 2000 Plätzen angefordert 
wurde. 

Nun konnte für die neu zu errichtende Anstalt 
nur ein einziges Terrain von ca. 100 ha Grösse 
in Betracht gezogen werden, ja es musste schon als 
ganz besonderes Glück angeschlagen werden, dass im 
Gemeindegebiete von Wien ein so grosser Complex 
parcellenweise arrondiert werden konnte. 

Ueber die Gemeindegrenze hinauszugehen war 
wegen der Erschwerung der Besuche und insbeson¬ 
dere wegen der ausreichenden Wasserbeschaffung un¬ 
möglich. 

An den gesetzten Bedingungen, auf einem Platze 
Raum für 2000 Plätze zu schaffen, war schlechter¬ 
dings nichts mehr zu ändern und die Experten für 
den Entwurf eines entsprechenden Bauprogrammes 
mussten sich damit abfinden. 

Die erste Frage war natürlich auch hier, ob die 
genannte Zahl von Plätzen auf eine oder zwei An¬ 
stalten zu vertheilen sind. Vom ärztlichen Stand¬ 
punkte wurden vorerst zwei Anstalten ins Auge ge¬ 
fasst und zwar eine Heil- und eine Pflege- 
Anstalt. 

Aber die ärztlichen Forderungen wurden, wie es 
ja anderwärts auch geschieht, schliesslich aus admi¬ 
nistrativen und finanziellen Bedenken*), in zweite 
Linie gestellt und die Errichtung einer grossen Irren- 
Anstalt für 1700 Geisteskranke beschlossen, in wel¬ 
chem Sinne dann auch die betreffenden Entwürfe 
zum Bauprogramm formulirt wurden. 

Das Hauptbedenken, das sich gegen die Erricli- 

*) Von den Verwaltung!»- und Bauexperten wurde eine 
grosse als absolut empfehlenswerther hingesiellt. 



tung einer Anstalt erhob, war natürlich die Unmög¬ 
lichkeit in einer Person eine solche Anstalt ärztlich, 
wie bisher, zu übersehen und zu leiten. 

Ein Ausgleich, ohne principielle wichtige Punkte 
aufgeben zu müssen, schien schwierig, aber bei 
der Uebertragung der Organisation für allgemeine 
Krankenhäuser auf die Irrenanstalt nach den bis¬ 
herigen Erfahrungen in grossen Anstalten nicht un¬ 
möglich. 

Unter diesem Gesichtspunkte bleibt auch für eine 
grosse Irrenanstalt eine einheitliche Leitung gewahrt, 
obgleich sich dieselbe fast ausschliesslich auf die ad¬ 
ministrativen Agenden wird beschränken müssen. 

Die Irrenanstalt der allgemeinen Krankenanstalt 
immer mehr zu nähern, bildet das sichtliche Bestre¬ 
ben der Gegenwart und eines ihrer schönsten Früchte 
bildet wohl das Kranken-Zimmer mit der Bettbehand¬ 
lung, um von anderen dahinzielenden Neuerungen 
abzusehen. Wie weitgehend diesem Zuge zu huldi¬ 
gen gesucht wird, beweist das Gefallen an gitterlosen 
Anstalten und die Opferwilligkeit mit der dieser 
„Gipfelpunkt“ freier Behandlung zu erreichen gesucht 
wird. Obwohl noch kein Mensch von den Gittern 
einen Schaden erlebt hat, wohl aber dem Mangel 
derselben ein solcher von der Fama schon Öfters in 
die Schuhe geschoben wurde. Was immer daran 
sein mag, wenn man schon solchen Details sogenann¬ 
ter krankenhausmässiger Vorzüge eine so hohe Wich¬ 
tigkeit beimisst, so muss es meines Erachtens als ein 
um so bedeutenderer Fortschritt im Irrenanstaltswesen 
erachtet werden, wenn ein Hauptfactor der Kranken - 
Anstalt, ihre Organisation, für die Irren-Anstalten 
copirt wird. 

Die Bedeutung eines solchen Novums in den her¬ 
kömmlichen Anstaltsregeln und ihre Möglichkeit und 
Durchführung für die grossen Irrenanstalten, sollen 
die folgenden Zeilen darzulegen versuchen. 

Da durch das Anwachsen der Anstalten in erster 
Linie die Leitung tangirt wird, so ist es nahe liegend, 
zuerst ihre Stellung näher zu untersuchen. 

Nach der allgemeinen Stellung ihrer Leiter, thei- 
len sich gegenwärtig die Anstalten in 3 Gruppen und 
zwar: 

1. solche mit nur ärztlicher, 

2. solche mit beamteter und endlich 

3. mit gemischter Oberleitung d. h. paritätische 
Trennung der Verwaltung von der Direktion. 

Wenn man den Werth einer Institution nach 
ihren Erfolgen misst und das ist speciell auf unserem 
Gebiete eine beliebte Methode, dann bietet gerade 
die Nebeneinanderstellung dieser Leitungen recht an¬ 
schauliche Gegensätze. 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


99 


1902.] 


Es ist gewiss kein Zufall, dass dort, wo die grösste 
ärztliche Freiheit in der Leitung zu Tage tritt, wie in 
Deutschland, auch das Anstaltswesen auf der höchsten 
Stufe steht, ja allmählich anfängt für die ganze Welt 
mustergiltig zu werden und dass dort, wo der Arzt 
den geringsten Einfluss hat auf die Administration, 
wie in Frankreich, auch das Anstaltswesen die gröss¬ 
ten Rückstände aufweist. Gerade letzteres Land ist 
ein schlagender Beweis für das eben Gesagte. Denn 
dasselbe Land, das heute trotz der Höhe seiner son¬ 
stigen culturellen Einrichtungen auf dem Gebiete des 
Anstaltswesens vielleicht um l l 2 Jahrhundert zurück¬ 
geblieben ist, war einst der Lehrmeister auf demsel¬ 
ben Gebiete. Freilich standen damals noch die 
Aerzte an der Spitze. Eine Ausnahme bildet die 
Familien pflege. Die Familienpflege der Stadt Paris 
steht auf voller Höhe und ist musteigiltig. Sie ist 
aber eine Schöpfung der Aerzte und von Haus aus 
ihrer ausschliesslichen Leitung übergeben worden. 

Genau dasselbe lehrt die Geschichte Gheels und 
der Gheeler Irrenpflege. Mit dem Momente, als die 
Aerzte Leitung und Einfluss gewannen, mit dem Mo¬ 
mente wurde das Gheeler System mustergiltig und 
nachahmungswürdig. 

Diese Dinge muss man von Zeit zu Zeit wieder 
an’s Licht rücken, sonst wird gegen dieselben gesün¬ 
digt, und wen treffen die Sünden ? Die Allerunschul¬ 
digsten und Allerärmsten. Die Kranken werden da¬ 
von betroffen. Eines darf man nie vergessen. Für 
die Anstalten und das Anstaltswesen überhaupt bleibt 
nur der Kranke und seine Bedürfnisse maassgebend 
und dort, wo diese Bedürfnisse nicht gewürdigt oder 
gewerthet werden können, geschieht es zum Schaden 
der Kranken und des Landes. Die Bedürfnisse der 
Kranken brechen sich ja schliesslich doch Bahn und 
dann setzt es neue Auslagen, Auslagen, die durch die 
nöthigen Modificationen geschaffen werden. 

Wo immer die rein administrativen Bedenken all¬ 
zu viel auf den ärztlichen Intentionen lasten, so viel 
ist sicher, es geschieht mehr zum Nachtheil als zum 
Nutzen des berechtigten und gesunden Fortschrittes. 

Wie zwingend die Erfahrungen dieser Anschau¬ 
ung Recht geben, sieht man schön illustrirt an den 
österreichischen Militärspitälern. Bekanntlich haben 
in denselben die ärztlichen Leiter nicht die Com- 
mandogewalt gehabt und man hat stets eine Reihe 
von Gründen hierfür in’s Feld geführt. Aber selbst 
der starre Militarismus hat sich zur besseren Einsicht 
bekehrt und neuestens den Aerzten die volle Leitung 
anvertraut. 

Dieselbe Wandlung vollzieht sich ja auch in den 
Irren-Anstalten von Tag zu Tag mehr, und sicher 

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wird auch da eines Tages der natürliche Zustand sich 
einstellen, wie er der Natur nach sich einstellen muss. 
Man kann ruhig der Entwicklung Zusehen, was kom¬ 
men muss, wird kommen, der Natur vermag sich nie¬ 
mand auf die Dauer zu widersetzen. 

Es ist somit kein Zweifel, dass auch die Ober¬ 
leitung der grossen Irren-Anstalten in der Hand 
einer Person sein und dass diese Person ein Arzt 
sein und bleiben soll. 

Die Thatsache, dass das moderne Anstaltswesen 
von Deutschland ausgegangen ist, spricht nicht wenig 
auch zu Gunsten seiner organisatorischen Verhält¬ 
nisse, anderseits aber müssen und können unbescha¬ 
det des allgemeinen Wirkens der Direktion eine Reihe 
von Detail - Agenden derselben abgenommen und 
einzelnen Personen zur vollen Verantwortung über¬ 
lassen werden. Dahin gehören beispielsweise die 
Kassengebahrung, Verpflegskostenbetreibungen und 
ähnliches auf der rein administrativen, und ärztliche 
Behandlung der Kranken und dergleichen auf die 
ärztliche Seite. Wird die Direktion solcher Art er¬ 
heblich entlastet, wird sie freier für die allgemeinen 
Fragen der Irrenpflege, der Hygiene des Anstalts¬ 
wesens, der fortschrittlichen Reformen der Irrenfür¬ 
sorge in und ausser der Anstalt etc. 

Dass eine solche Wandlung in der Stellung der 
leitenden Personen einmal zu erwarten war, lehrt, 
wie schon Schäfer hervorgehoben, auch die ganze 
Geschichte des Anstaltswesens, unaufhaltbare Zu¬ 
nahme des Anstaltswesens an In- und Extensität 
seiner Agenden. 

Alle Irrenanstalten gingen anfänglich aus kleinen 
Verhältnissen hervor. Vorher musste oft bloss eine 
Abtheilung des allgemeinen Krankenhauses zur Auf¬ 
nahme der Geisteskranken genügen. Die ehemaligen 
Abtheilungsvorstände wurden nicht selten die nach¬ 
maligen Anstaltsdirektoren. Was Wunder, wenn sieh 
die Abth eil ungs-Organisation mit der noth- 
wendigen einheitlichen Leitung auch auf die 
Irren-Anstalten übertrug und sich dieser Modus trotz 
des Weiterwachsens der Anstalten sich bis heute er¬ 
hielt, aber endlich musste sich eine Grenze von selbst 
ergeben. In Praxi ist es ohnehin häufig nicht mehr 
der Fall, dass der Direktor auch zugleich der Chef¬ 
arzt seiner Schützlinge sein kann, wenigstens nicht 
mehr an den Anstalten der Grossstädte, wo die An¬ 
stalten bereits längst über die Belegzahl 1000 hin¬ 
ausgewachsen sind. Uebrigens ist es nicht der Be¬ 
legraum allein, der für Leitung und Uebersicht maass¬ 
gebend ist, es kommt vielmehr noch der Wechsel 
und die Aufnahmezahl in Betracht 

Die hiesige Frauen-Abtheilung, deren Vorstand 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. o 


Schreiber ist, hat einen durchschnittlichen Belegraum 
von 350 Kranken und einen jährlichen Zuwachs von 
ebensolcher Höhe (1901). Ich kann nur das Eine 
sagen, ich habe Mühe mich im Laufenden zu erhalten, 
so zwar, dass ich alle meine Kranken im Gedächt- 
niss habe und ich jederzeit in der Lage bin über jede 
meiner Kranken Auskunft zu geben, ohne erst die 
Krankengeschichte zur Hülfe nehmen zu müssen, 
dass ich aber während der Urlaubszeit des Direktors, 
den ich als II. Arzt zu vertreten habe, jedesmal eine 
Lockerung meiner Uebersicht bemerke, trotzdem ich 
fast jeden Tag Visite auf meiner Abtheiiung mache. 

Meines Erachtens ist es schon unmöglich vollen 
Einblick in die Kranken zu gewinnen, wenn man nicht 
mehr in der Lage ist, die Kranken auch selbst auf¬ 
zunehmen oder doch eingehender zu untersuchen. 
Aus der geschriebenen Kranken-Geschichte allein ver¬ 
mag man das niemals. — 

Ich kann mir dennoch nicht vorstellen, wie es 
denn möglich wäre das 3 fache in dem Detail zu 
umfassen, wie es das bisherige Statut verlangt, wo¬ 
nach die Leitung der Anstalt in allen ärzt¬ 
lichen Angelegenheiten dem Direktor 
übertragen ist. 

Die Zeit, wo dieser Anforderung entsprochen 
werden konnte und musste, ist längst entschwunden 
und sie scheint um so weiter zurückzuliegen, als seit¬ 
her so vieles im Anstaltswesen anders geworden ist. 

Einstens war der leitende Arzt nicht selten der 
einzig psychiatrisch gebildete Arzt und zudem meist 
Autodidact — so lange es keine Kliniken gab. Heute 
hat jede grössere Anstalt einen ganzen Stab vorge¬ 
bildeter Psychiater und ältere Anstaltsärzte, die auch 
mit dem Anstaltswesen wohl vertraut sind. Damals 
erschwerten die Direktion auch noch keineswegs 
andersartige Thätigkeiten. Heute ist dies anders. 

Die umfangreichen Anstalten, die vermehrte Ad¬ 
ministration, die vielen schriftlichen Arbeiten etc. 
nehmen nach und nach die ganze Person des Direk¬ 
tors, besonders in Grossstädten, völlig und derart in 
Anspruch, dass ihm überhaupt für eine ärztliche 
Thätigkeit keine Zeit mehr übrig bleibt. 

Andrerseits war auch die ärztliche Thätigkeit 
in der Zeit des Restraint und der ersten Zeit des 
no-Restraint nicht so vielseitig und die Behandlung 
einfacher als heute. Wie hat sich dagegen Behand¬ 
lung, Pflege im modernen Sinne mit dem gesammten 
Rüstzeug der heutigen Medicin und dem freien in- 
dividualisirenden Vorgehen bei jedem Einzelnen ge¬ 
hoben und verbreitet. Sie erfordert den grössten 
Fleiss und ungeheure Belesenheit, um sich im Lau¬ 
fenden zu erhalten. Wenn grössere administrative 


Agenden die Hingabe einschränken, ist es unmöglich, 
dieser Pflicht im ganzen Umfange gerecht zu werden. 
So drängt sich von allen Seiten bei grossen Anstalten 
die Unhaltbarkeit der herkömmlichen Anstaltsordnung 
hervor und verlangt eine entsprechende Reform und 
Arbeitstheilung. 

Man könnte einwenden, dass gerade in Irrenan¬ 
stalten die ärztliche und administrative Seite sich 
schwer trennen lässt, dass beide auf’s innigste zusammen 
hängen. Gewiss, wenigstens mehr als in einem ge¬ 
wöhnlichen Krankenhause. Aber damit ist nicht ge¬ 
sagt, dass sie sich nicht soweit trennen lassen, dass 
sie unter allen Umständen auch von einer und der¬ 
selben Person besorgt werden müssen. Nach meiner 
eigenen Erfahrung geht dies ganz wohl. Diejenigen 
Agenden und Anordnungen administrativer Art, die 
direct mit der Behandlung Zusammenhängen, lässt 
man auch ruhig vereint in der Hand des behandelnden 
Arztes, wie z. B. die Bewilligung des Ausganges, die 
Kostverschreibung, Versetzung des Kranken und des 
Pflegepersonals innerhalb seiner Abtheilung und der¬ 
gleichen. Während hingegen alle Veränderungen, die 
Auslagen setzen, wie Neuanschaffungen, Adaptirungen, 
Aenderungen in der Hausordnung und ähnliches selbst¬ 
verständlich in das Ressort des Diijectors fallen. 

Ich bin überzeugt, dass der Direction eine Reihe 
von Agenden werden abgenommen werden können, 
ohne deren Autorität zu gefährden, und ich bin weiters 
überzeugt, dass sich diese besser den Abtheilungsvor¬ 
ständen zutheilen lassen, und dort die Berufs- und 
Schaffensfreude erhöhen werden, abgesehen davon, 
dass damit zugleich eine Menge anderer störender 
Quellen verstopft werden, die Friede und Eintracht 
nicht gerade fördern. 

Die Direction bleibt damit vor allem die Ueber¬ 
sicht über die ganze Anstalt gewahrt, die so bei der 
Ueberlastung mit Detailarbeit manchmal verloren geht. 

Dagegen braucht die Direction die Uebersicht 
über den Kranken allein nicht, die es in grösse¬ 
ren Anstalten mit grossem Wechsel so wie so nicht 
mehr hat und naturgemäss nicht haben kann. 

Die Irrenanstalten gehen, ob man will oder nicht, 
den Weg des Krankenhauses. Und was immer in 
dem Sinne an der Irren-Anstalt gemodelt wird, wird 
durchdringen und Bestand haben, das zeigt klar und 
deutlich ihre Geschichte. Auch in unserer Frage ist 
dies nicht zu verkennen. 

Auch in den grösseren Krankenhäusern waren in 
früheren Jahren, und in den kleineren sind noch heute 
die Leiter auch die behandelnden Aerzte. Während 
in den grösseren Krankenhäusern die Directoren ein¬ 
fach Administratoren geworden sind. Die Wendung 


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1902.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


IOI 


hat sich sang- und klanglos vollzogen, als natürliches 
Gebot und wenig anders wird es in den Irren-An¬ 
stalten der Grossstädte werden. 

Wie die Irren-Anstalten der Grossstädte immer 
durch ihre Grösse von den andern sich unterscheiden, 
und nicht durch eigenen Trieb, sondern durch den 
Zwang der Verhältnisse dazu genöthigt wurden, so 
wird das auch in Hinkunft kaum anders werden. 

Niemals werden die Kranken der Stadt einfach 
aufs Land verlegt werden können, sie müssen und 
werden zum Grossthcil in deren Stadt, oder deren 
unmittelbarer Nähe wenigstens untergebracht werden, 
und die Anzahl der Kranken wird sich zunehmend 
vergrössem. 

Man hat vor gar nicht zu vielen Jahren noch 600 
als die Maximalzahl des Belegraumes einer Irren-An¬ 
stalt hingesiellt, aber in Anbetracht der einheitlichen 
administrativen und ärztlichen Leitung. Ich halte 
selbst diese Zahl schon für zu gross, aber eine noch 
grössere Anzahl, selbst ohne grossen Wechsel, lässt 
sich von einer Person unmöglich mehr im detail so 
überblicken, dass sie überall spontan bald da bald 
dort helfend oder corrigirend eingreifen könnte. Diese 
Anschauung wurde auch, soweit ich zurückblicke, 
nirgends bekämpft, und trotzdem sind die Anstalten 
gewachsen trotz aller ärztlichen Bedenken, ja sogar auf 
dem Boden selbst, wo die litterarischen Vorfechter 
solcher Prinzipien gesehen sind. Wie kommt dies? 
Einfach deshalb, weil die Wucht der Verhält¬ 
nisse es erzwungen hat und unabwendbare 
Thatsachen über Theorie und Praxis ein¬ 
fach hinweggeschritten sind. 

So sind die Anstalten bis 1000 und 1500 ent¬ 
standen und so wird in Wien eine solche noch da¬ 
rüber hinaus entstehen und in Zukunft ? wird es nicht 
weniger der Fall sein und vielleicht entstehen einmal 
dort, wodie örtlichen Verhältnisse nur nach 
einer Seite hindrängen, eben solche Irrenan¬ 
staltsviertel, wie heute schon Krankenhausviertel da¬ 
runter entstanden sind. 

Wie immer man die Frage der grossen Irren- 
Anstalt dreht und wendet und von welcher Seite 
immer man die modernen Anstaltsverhältnisse mit 
den alten starren centralistischen Irrenhausorganisationen 
in Einklang zu bringen sucht, immer kommt man zu 
dem Resultat: Es geht nicht mehr, die Irrenanstalten 
wachsen und werden wachsen und ihre Agenden 
lassen sich immer weniger nach dem Style der frühe¬ 
ren, kleinen Anstalten bewältigen. Gerade das be¬ 
zeugen auch die Geständnisse Schäfer’s und machen 

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seine Veröffentlichungen hierüber doppelt werthvoll. 
Schäfer hat nicht blos als erster den Muth gehabt, 
die Unzulänglichkeiten der alten Irrenanstaltsordnung 
aus eigener Erfahrung zu erhärten, sondern hat ande¬ 
rerseits auch in der verantwortungsvollen Uebertrag- 
ung der ärztlichen Behandlung auf die Abtheilungs¬ 
leiter practisch bereits den Weg gewiesen, wie wenigstens 
nach der rein ärztlichen Seite eine Abhilfe angebahnt 
werden kann. 

Eine Anschauung für die, wie schon früher er¬ 
wähnt, auch anderen Orts dieselben günstigen Erfah¬ 
rungen zu sprechen scheinen. 

Bis vor etwa 2 Dezenien konnte auch in der 
Wiener Irren-Anstalt die Direction gemäss dem An¬ 
stalts-Statute noch eine gewisse ärztliche Thätigkeit 
entfalten. Ja selbst der 1895 verstorbene Director 
Gauster hat noch öfters eine ärztliche Visite geleitet 
und hin und wieder einen Patienten genauer unter¬ 
sucht und ärztlich aufgenommen, klagte aber wieder¬ 
holt, dass ihm eine ärztliche Thätigkeit immer mehr 
unmöglich wird infolge des Anwachsens der admini¬ 
strativen Agenden, zuletzt musste er sich völlig auf 
die Administration beschränken. 

Seither ist die administrative Arbeitslast wiederum 
erheblich gestiegen, und musste demgemäss die ärzt¬ 
liche Selbständigkeit der Abtheilung sich ausgestalten. 

Während in früheren Jahren wiederholt ärztliche 
Anträge, wie Entlassung, Ausgänge, Beurlaubung von 
Patienten der einzelnen Abtheilungsleiter persönlich 
von der Direction überprüft, modifizirt und auch 
zurückgestellt wurden, geschieht dies in den letzten 
5—7 Jahren höchst selten und es geht eben so gut 
wie früher, wenigstens ist niemals hieraus irgend ein 
Schaden entstanden. 

Ich glaube solche practischen Ergebnisse sprechen 
mehr als noch so vorzügliche Abhandlungen und 
Gegenstände wider die ärztliche Selbständigmachung 
der einzelnen Abtheilung. 

Aus demselben Grunde braucht wohl auch die 
Furcht vor den grossen Anstalten ärztlich keinen so 
hohen Grad anzunehmen, dass man unter allen Um¬ 
ständen nur kleinere Anstalten befürworten könnte, 
ohne jede Rücksicht auf die Vortheile und Einrich¬ 
tungen in anderen Gebieten des Anstaltsw'esens. 

Fasse ich meine Anschauungen zusammen, so 
glaube ich, dass sich das Anwachsen der Irren-An¬ 
stalten nicht mehr aufhalten lässt, namentlich nicht in 
den Grossstädten und dass jedes Andrängen dagegen 
nutzlos ist, zumal der herrschende Pavillonstyl durch 
das bequeme Dazubauen von einem Pavillon nach 
dem andern eine directe Verführung dazu abgiebt. 

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102 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Wir sollen daher, um eine einheitliche administrative 
Oberleitung weiter zu ermöglichen, eine zweckent¬ 
sprechende Reorganisation nach dem Muster der 
allgemeinen Krankenhäuser anstreben, bei der die 


[Nr. 9. 


administrative Oberleitung der Direction gewahrt 
bleibt und dafür unter anderem die Abtheilung ein¬ 
heitlicher und selbständiger werden soll. 

Dr. Starlinger-Wien. 


Die Irrenfürsorge in Baden. 

Von Oberarzt Dr. Max Fischcr-\\\enaM. 
(Fortsetzung). 


Nur bei einer solchen Regelung des ganzen Ver¬ 
fahrens wird allen Ansprüchen an die staatliche Irren¬ 
versorgung sowohl hinsichtlich des Wohls und der 
Heilung der Kranken selbst, als auch hinsichtlich 
des nöthigen Schutzes der Gesellschaft vor den 
Krankheitsäusserungen der Irren Rechnung getragen. 

Leider sind wir von diesem Ziele zur Zeit weit 
entfernt. Und der einzige Grund dieser Erscheinung 
ist die relative und absolute Ueberfüllung 
aller bestehenden staatlichen Irrenan¬ 
stalten, sowohl der Heil- und Aufnahmeanstalten 
als der Pflegeanstalten. 

Die Anstalt bei Emmendingen, auf die man 
seiner Zeit alle,Hoffnung auf Aufhebung jeder Noth 
in der Irrenversorgung des Landes setzte, ist ausge¬ 
baut auf 1000 Plätze und ist über diese Zahl hinaus 
voll besetzt. Die Anstalt Pforzheim, deren Schliessung 
mit der Erbauung von Emmendingen bezweckt war, 
besteht mit ihren veralteten und ungenügenden Ein¬ 
richtungen weiter und ist sogar, um der allgemeinen 
Nothlage zu begegnen, durch neue Plätze vermehrt 
worden. Beide sind ständig überfüllt, können von 
ihrem Krankenmaterial wenig entlassen und daher 
ihrem ersten Zweck, die Heilanstalten zu entlasten 
und aufnahmefähig zu erhalten, kaum oder wenig 
genug nachkommen. 

Die Aufnahme- und Heilanstalten selbst 
aber sind ebenfalls dauernd überfüllt, können nur unge¬ 
nügend evacuiren d. h. von ihren chronischen Kranken 
an die Pflegeanstalten abgeben und siud dadurch in 
ihrer Hauptaufgabe, die frischen Kranken aus dem 
Lande aufzunehmen, dauernd und in erheblichem 
Maasse behindert. 

So bestehen in allen Anstalten alle die Miss¬ 
stände, die eine anhaltende Ueberfüllung mit sich 
bringt, unvermindert fort. 

Um die Verhältnisse des Einzelnen darzulegen, 
so sind die Kliniken, welche über nominell 100 bis 
110 Plätze verfügen, zur Zeit absolut und relativ 
überfüllt und vermögen ihren Frischaufnahmen kaum 
zu genügen. Manche Kranke müssen wohl rascher 

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wieder entlassen werden, als es der Kurplan wünschens- 
werth machte, nur um Raum zu schaffen. Und doch 
sollte jede der Kliniken, um ständig für frische Fälle 
gerüstet zu sein, vornehmlich auch des Lehrzwecks 
wegen, stets einige Plätze frei haben und daher nicht 
über einen Bestand von 100 Kranken an wachsen. 

Nicht besser steht es mit 111 en a u. Bei ihren nominell 
500 Plätzen ist die Anstalt oft nicht gerade absolut, 
immer aber relativ überfüllt, insofern ganze Abtheil¬ 
ungen andauernd einen zu hohen Stand aufweisen, 
besonders auf der Frauenseite, und namentlich in den 
für den Betrieb wichtigsten Stationen: in den Be- 
obachtungs- und unruhigen Abtheilungen. Der Er¬ 
satz durch die Neubauten in Illenau wird hierin nur 
vorübergehend Erleichterung schaffen. 

Wollten wir aber erst für Blenau Verhältnisse 
herrichten, wie sie nach hygienischen und anstaltstech¬ 
nischen Grundsätzen gefordert werden, so würden 
wir nach einer jüngst hierüber ausgeführten Ausmess¬ 
ung und Berechnung nur noch über 420 Plätze ver¬ 
fügen dürfen; die Anstalt wäre also mit ihrem gegen¬ 
wärtigen Bestände von nominell 500 Plätzen schon 
um 80 Kranke übersetzt und auch nach Er¬ 
öffnung der Neubauten mit zusammen etwa 60 Plätzen 
w'ürde das Mehr über das zulässige Mass immer noch 
20 betragen. Wir hätten also in Wirklichkeit trotz 
der baulichen Erweiterung noch nicht einen neuen 
Platz gewonnen, sondern nur bis jetzt Fehlendes zum 
Bestand ergänzt. Dabei ist noch gar nicht mitge¬ 
rechnet, dass einzelne Abtheilungen Illenaus veraltet 
sind und eigentlich schon lange geräumt und aus dem 
Belegplan hätten ausgeschieden werden sollen. Rechnet 
man aber noch etwa 20 Plätze ab, die in der ganzen 
Anstalt im Interesse eines ungehinderten Betriebs zu 
ständiger Verfügung für Neuaufnahmen und für mo¬ 
mentane Verlegungen frei stehen müssten, so kommen 
wir für Illenau bei normalen Verhältnissen zu einer 
Belegziffer von höchstens 460 Plätzen, worin die Plätze 
der Neu- und Umbauten mitgerechnet sind. Die 
jetzige Belegziffer wäre somit immer noch um 40 zu 
hoch gegriffen. 

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iqo 2.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 103 


Auch Emmendingen ist absolut und relativ 
mit 1028 Kranken als für normale Verhältnisse zu 
reichlich belegt zu bezeichnen, da die sog. koloniale 
Behandlung der Kranken eine besonders freie Be¬ 
wegung und leichte Verschiebbarkeit in den einzelnen 
Pavillons erfordert. Wenn wir unter der heutigen 
Raumbedrängniss sämmtlicher Anstalten einstweilen 
an der Fortdauer der z. Zt bedeutend erhöhten (und 
vielleicht noch zu erhöhenden) Aufnahmekraft von 
Emmendingen festhalten müssen, so wird dafür eine 
künftige Normirung an Emmendingen nicht über 
920 — 950 Insassen zutheilen dürfen, also dessen 
jetzigen nominellen Bestand (von 1025) für später 
um ca. 100 Köpfe entlasten müssen. 

Auf die Pforzheimer Verhältnisse einzugehen, 
halten wir für zwecklos, da unzweifelhaft feststeht, 
dass diese Anstalt durch eine neue ersetzt werden 
muss. Auf den schwierigsten und entsagungsvollsten 
Posten gestellt, wird Pforzheim bis zur Eröffnung 
seines Ersatzbaues w’ie bisher seine Schuldigkeit thun. 

Aus diesen Angaben geht hervor, dass die in 
Betracht kommenden Anstalten bei ihrer gegenwärtig 
angenommenen Belegziffer (ganz zu schweigen von 
dem noch höheren Krankenstände) über die nach 
richtiger* hygienischen Grundsätzen angestettte Be¬ 
rechnung hinaus (die Kliniken zusammen um 20, 
Illenau um 40, Emmendingen um 100) insgesammt 
um 160 Plätze übersetzt sind. 

Der geschilderten, ungünstigen Entwicklung der 
Irrenfürsorge und des Anstaltswesens unseres Landes 
hat sich die Grossh. Regierung zu keiner Zeit ver¬ 
schlossen. Noch während des Ausbaus von Emmen¬ 
dingen ist sie mit neuen Erwägungen und Vorschlägen 
über die Vervollkommnung und Erweiterung der staat¬ 
lichen Anstaltsfürsorge für die Geisteskranken hervor¬ 
getreten. 

Zunächst war nur ein Neubau für die veraltete 
Pforzheimer Anstalt in Gestalt einer grossen Landes¬ 
anstalt in Aussicht genommen. Die Verhandlungen 
der Landtagssession 1899/1900 haben aber allerseits 
rasch die Ueberzeugung gefestigt, dass damit allein 
keine, auch nur für die nächste Zeit ausreichende 
Abhilfe der drängenden Nothlage geschaffen wäre. 
Es wurde daher damals im Landtage die Resolution 
gefasst: „Die Anstalt in Pforzheim sei aufzuheben 
und zum Ersätze sollen zwei Anstalten errichtet werden, 
die eine in Pforzheim oder sonst irgendwo im Unter¬ 
lande, die andere im Landeskommissariatsbezirke Kon¬ 
stanz". 

Für die Belegung der geplanten Neuerstellungen 
ergiebt sich nun aber aus den vorstehenden Aus- 

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führungen das Resultat, dass neben dem Ersätze für 
die 650 Plätze der Anstalt Pforzheim, wenn man zu¬ 
nächst nur die bestehende Ueberfüllung der vor¬ 
handenen Anstalten um 160 Plätze beseitigen will, 
auf eine Schaffung von neuen 160 + 650 = 
in Summai 810 Plätzen zu dringen wäre. 

Diese 810 Plätze, die in ihrer Zahl für 
sich allein ohne alles weitere eine voll 
ausgebaute und besetzte Anstalt darstellen, 
sind also in den neuen Anstalten als von vornherein 
besetzt anzunehmen. 

Es ist aber sofort klar, dass mit der Beseitigung 
der Anstaltsüberfüllung und mit der Neugründung 
des Ersatzes für die Pforzheimer Anstalt d. h. mit 
der Beschaffung von 810 neuen Anstaltsplätzen nur 
dem Allernöthigsten abgeholfen wäre. Unzweifelhaft 
würde eine solche Raumbeschaffung, . die zwar eines¬ 
teils veraltete Einrichtungen hinwegräumt und ersetzt, 
anderntheils einen vorhandenen Nothstand aufhebt, 
nicht aber zugleich auch ausserdem weitere, neue 
Werthe in die Irren Versorgung ein führt, noch nicht 
einmal allen gegenwärtigen, geschweige denn 
den zukünftigen Anforderungen an die Irrenver- 
soigung gerecht werden. 

Wie aus Vielen Anzeichen hervorgeht, sind seither 
in unserem Lande manche Bedürfnisse in der Anstalts- 
versoigung der Irren nicht befriedigt worden — aus 
Platzmangel in den bestehenden Anstalten; sie können 
also auch künftighin, bevor nicht Anstaltsplätze in 
grösserer Anzahl neu beschafft werden, nicht befriedigt 
werden, so dass wir auf so lange mit einer zunehmenden 
Stagnation in der Irrenversorgung zu rechnen haben 
werden. 

Diese latente, ungetilgte Zahl von Geistes¬ 
kranken, welche der Anstaltspflege bedürfen, dieselbe 
aus Platzmangel aber entbehren müssen, 
kann aus verschiedenen Ueberlegungen hergeleitet 
und genauer abgeschätzt werden: 

1. Wir ziehen zunächst vergleichsweise Erfahrungen 
aus dem Irrenwesen der Rheinprovinz, als einem Lande, 
dessen allgemeine Erwerbs- und Lebensverhältnisse 
im Wesentlichen mit unseren badischen übereinstimmen 
werden, zur Betrachtung heran. 

Nach einer dortigen sehr interessanten und ein¬ 
gehenden statistischen Untersuchung, zum Theil in 
der „Denkschrift betreffend die Fürsorge 
für die Geisteskranken und Epileptiker 
der Rheinprovinz" enthalten, zum Theil neueren 
Mittheilungen verdankt, sind dort die Anforderungen 
an die Anstaltsversorgung der Irren in den letzten 
8— 10 Jahren bedeutend grösser geworden. Die 

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104 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 9. 


jährliche Zunahme in den Anstalten an Kranken, und 
zwar bloss der Ortsarmen und Landarmen unter ihnen, 
betrug dort nämlich durchschnittlich mehr als 6% 
der Durchschnittsbelegung des Vorjahres und zwar 
173—359 oder im Mittel aus den 7 Jahren 1893 
bis 1900 = 242 Kranke im Jahr bei einer Bevöl¬ 
kerungsziffer von jetzt 5759798. 

Da diese Tendenz auch bis in die letzten Jahre 
anhielt, so wird sie auch für die nächst kommende 
Zeit als wirksam angenommen werden dürfen. 

Wenn wir diese Berechnung nun auf unsere Anstalts¬ 
versorgung und unsem Bevölkerungsstand von 1 867 944 
(Volkszählung vom 1. Dezember 1900) übertragen, 
so ergäbe sich damach ein jährlicher Zuwachs von 
78 Kranken in unsem Anstalten. 

Da diese Ziffer nur die Zunahme der auf offen t- 
liche Kosten Verpflegten in sich begreift, in 
der fraglichen Zeitperiode offenkundig aber auch die 
Zahl der in den Anstalten verpflegten vermöglichen 
Kranken erheblich zugenommen hat, so wird dieselbe 
bei uns als Mindestausdruck des jährlichen Mehr¬ 
bedarfs an Anstaltsplätzen für die nächste Zukunft 
in Rechnung gezogen werden dürfen. 

2. Von dieser vergleichenden Darstellung gehen 
wir nun auf die realen Verhältnisse der Entwicklung 
in unserer badischen Irrenfürsorge Über. 

Bei dem Ausbau der Anstalt Emmendingen 
hat sich gezeigt, dass jede fertiggestellte und neu er- 
öffnete Abtheilung (Pavillon), auch wenn es sich um 
grössere Bauten von 2 x 50 = 100 Plätzen handelte, 
in V 4 bis l / 9 Jahr voll belegt war, wie denn 
auch in s / 4 bis 1 Jahr die durch die Eröffnung dieser 
Bauten erhaltene Erhöhung der Belegziffer der ganzen 
Anstalt jeweils wieder durch den Andrang der Auf¬ 
nahmen überholt wurde, ohne dass die Landesirren¬ 


versorgung dadurch jeweils und bis jetzt dauernd ent¬ 
lastet worden wäre.*) Zugleich ist statistisch be- 
merkenswerth, dass in dieser Anstalt, die damals 
durch ihre fortschreitende Erweiterungsfähigkeit gleich¬ 
sam als Maassstab für unsere Irrenversorgung dienen 
konnte, der jährliche Zuwachs im Krankenstände 
nach den ersten Jahren ihres Bestehens, also in den 
Zeiten der ruhigeren Entwicklung (1892—1897) zwi¬ 
schen 59 und 119 schwankte. Das Mittel daraus 
ergiebt, wie unter 1. aus einer procentualen Ueber- 
tragung aus fremden Verhältnissen, so hier auf rein 
empirischem Wege innerhalb unserer eigenen Irren¬ 
versorgung die Zahl 78. 

So darf sowohl nach allgemeiner Erwägung als 
nach specieller Erfahrung diese Zahl als Index für 
das jährliche M ehr bedürfniss von Anstalts¬ 
plätzen in der Landesirrenfürsorge gelten. 

Dieselbe Tendenz ist übrigens auch seit 1897 trotz 
erschwerter Aufnahme Verhältnisse wiiksam geblieben. 
Da seither Neubauten nur mehr in massigem Umfange 
zur Ausführung kamen, musste der Mangel an Raum 
nach Möglichkeit durch Mehraufstellung von Betten 
ausgeglichen werden, was natürlich nur unter Steigerung 
der schon vorhandenen Ueberfüllung geschehen konnte. 
Gerade auf Grund dieser letztem Thatsache dürfen 
wir aber das in der Zahl 78 gefundene Mehrbe- 
dürfniss an Anstaltsplätzen im Jahr auch für die Zu¬ 
kunft geltend machen und haben, da die vorhan¬ 
denen Anstalten nicht mehr erweiterungsfähig sind, 
die danach erforderlichen Plätze in den Neuerstellungen 
vorzusehen. (Fortsetzung folgt.) 

•) Vergleiche hierüber Dr. Max Fischer, „Das An¬ 
wachsen derHeil- und Pflegeanstalt bei Emmen¬ 
dingen**. (Aerztliche Mittheilungen für Baden 1897. Nr. 24.) 


Ein Wort zur Recension des Herrn Gaupp über die „Denkschrift 
über die badische Irrenfürsorge“. 


TVT ur, weil die obige Recension zu einigen sachlichen 
Bemerkungen und Richtigstellungen Anlass giebt, 
treten wir derselben etwas näher, unter der Erklärung 
zum vornherein, dass wir nur auf das Nöthigste ein- 
gehen und begreiflicherweise uns versagen, auf die 
einzelnen mehr persönlichen kritischen Ausfälle irgend¬ 
wie zu antworten. 

1. Zunächst müssen wir die Vorstellung zerstören, 
als ob das ganze Programm „ohne jede Mitwirkung 
der Kliniker“ behandelt worden sei. Bei den grund¬ 
legenden Sitzungen über die Abgrenzung der Auf- 

Di gitized by Google 


nahmebezirke und die ganze Organisation der Landes¬ 
irrenfürsorge waren dieselben vertreten und haben 
ihren Standpunkt gewahrt, wie auch ihre späteren 
schriftlichen Kundgebungen gewürdigt wurden. 

Mit dem regierungsseitig gemachten Vorschlag über 
die Vertheilung der practischeji Aufgaben unserer 
psychiatrischen Asyle haben sich die klinischen Collegen 
übrigens früher durchaus einverstanden erklärt. 

Warum dieselben nach den entscheidendem Vor¬ 
berathungen bei der Abfassung der Denkschrift nicht 
beigezogen wurden, entzieht sich unserer Kenntniss. 

Original fr&m 

HARVARD UNIVERSITY 



IQ02.J 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 105 


Vielleicht hielt das Ministerium, dem die Landesirren¬ 
fürsorge obliegt — die Kliniken ressortiren in ein 
anderes Ministerium — die Sachlage für genügend 
geklärt und, zum Unterschied von Herrn Gaupp, 
die ernannte Commission zur Lösung der ihr ge¬ 
stellten Aufgabe zureichend. 

2. Es wird jetzt so hingestellt, als ob erst der 
Heidelberger Nothruf vom Jahre 1897 nöthig gewesen 
wäre, um die Lage der badischen Irrenfürsorge und 
die Nothwendigkeit neuer Anstalten klar zu legen. 
Niemandem konnten aber die Verhältnisse und Be¬ 
dürfnisse der Landesirrenfürsorge bekannter und ver¬ 
trauter sein, als den mit ihr durch die tägliche Er¬ 
fahrung aufs engste verbundenen Leitern der öffentlichen 
Anstalten. Sie konnten der Belehrung darüber ent¬ 
behren. Schon das Weiterbestehen von Pforzheim 
war die beständige und selbstverständliche Mahnung 
zu neuen Projecten. 

Auf ein öffentliches Hervortreten aber konnten 
sie im Vertrauen auf die ihrer Aufgabe bewusste, 
immer thatkräftige Regierung verzichten. 

Zu der Zeit des Heidelberger Vorstosses aber war 
noch eine dringlichere Aufgabe als ein Neubau 
zu erfüllen. Wenn Herr Gaupp aus eigenem Erleben 
mit unseren Verhältnissen bekannter gewesen wäre, 
hätte ihm dieser Zusammenhang nicht entgehen können. 
Es war zuerst Emmendingen auszubauen und ge¬ 
rade noch mit den für den Gesammtbetrieb wichtigsten 
Errungenschhaften zu vervollkommnen. Vor allem 
aber musste, was über dem Neubau Eramendingen’s 
bisher hintangestellt worden war, nachgeholt werden, 
d. h. es mussten den vorhandenen Anstalten die 
für ihre weitere gedeihliche Wirksamkeit unent¬ 
behrlichen und unaufschieblichen Existenz¬ 
bedingungen in Gestalt der allernöthigsten Re¬ 
formen geschaffen werden. Dieser sich vordrängenden 
Aufgabe ist denn auch die Regierung in zielbewussten 
Projecten und erfolgreichen Thaten gerecht geworden. 
Zur Zeit des Kraepelin’sehen Vortrags lagen 
alle diese Reformen bereits in zur Ausführung fertigen 
Plänen vor. Schon allein die bewilligten Mittel — nahe¬ 
zu 1 i/ 2 Million in den letzten drei Budgetperioden — 
führen eine dem Kundigen hinreichend beredte Sprache. 

Der Zweck dieser Projecte war in voller Absicht 
nicht in erster Reihe die Platzgewinnung, und konnte 
es nach dem Obigen nicht sein. Immerhin ist aber 
der Erhalt von 200 neuen Plätzen in allen Anstalten 
zusammen keine quantite negligeable gewesen. Da¬ 
von haben den Hauptgewinn die Kliniken davonge¬ 
tragen, deren Evacuationsbedürfniss einer besonderen 
Rücksichtpahme jederzeit sich erfreut. 

Stünden wir heute von Neuem vor den gleichen 

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Verhältnissen : wir würden, unserer Ueberzeugung und 
unserem Pflichtgefühl für das Ganze und das Wohl 
des Landes folgend, wieder ebenso handeln müssen. 

Noch während diese „Schuld“ — wenn man von 
einer solchen sprechen will — gegen die vorhan¬ 
denen Anstalten und die bereits dort weilenden 
Kranken abgetragen wurde, ging man seitens der Re¬ 
gierung ungesäumt zu neuen Projecten über, ohne 
dass es auch an dieser Stelle der Heidelberger Ini¬ 
tiative bedurft hätte. Der beschlossene Neubau gleich 
zw f eier neuer Landesanstalten beweist genügend den 
Ernst, mit dem man der längst erkannten Nothlage 
entgegentrat. 

3. Auf die Gegenvorschläge Gaupp’s bezüglich 
der künftigen Vertheilung der Aufgaben in der 
Landesirrenfürsorge an die einzelnen Institute einzu¬ 
gehen, ist hier nicht der Ort. In den unserigen haben 
wir uns an die seitherige erprobte Organisation, welche 
natürlich die Interessen des ganzen Landes in 
Betracht nimmt, angelehnt und können in unserer 
Repartition keinerlei Schmälerung der klinischen In¬ 
teressen finden. Zugleich gingen wir davon aus, dass 
auch den Kranken der berechtigte Anspruch auf eine 
nicht in erster Linie dem Unterrichtszw'ecke dienende 
Heilanstalt verbleiben müsse. 

4. Unsere Vorschläge bezüglich des Nerven¬ 
heims erhalten bei Herrn Gaupp eine ausgespart 
ungnädige Censur und w'ir selbst, als so zu sagen 
„ländliche“ Neuropathologen, die Zubilligung mildernder 
Umstände. Wir lächeln — und gehen sofort auch 
hier auf das Sachliche über, das der Neuheit wegen 
einige eingehendere Bemerkungen rechtfertigen möge. 
Die Kritik wendet sich namentlich gegen die von uns 
vorgeschlagenen Krankenkategorien und gegen die 
Erstellung in der Nähe einer Anstalt, zumal Illenau’s. 
Alle diese Einwürfe betreffen noch z. Zt. schwebende 
Fragen und sind, wie jeder neue Beitrag, an sich 
willkommen; nur können auch sie nur als eine Meinungs¬ 
äusserung gelten, nicht als Abschluss, wie es den An¬ 
schein erweckt. Naturgemäss wird einen solchen erst 
die weitere Erfahrung bringen, nach längerer Zeit und 
aus vielen Orten mit unter sich vergleichbaren Ver¬ 
hältnissen gesammelt. Und selbst dann noch wird 
wahrscheinlich in jeder Lösung ein unbeglichener Rest 
enthalten bleiben, der sich hierauf die Eigenart der 
localen Bedürfnisse, dort auf die Art der Bevölkerung, 
die socialen Verhältnisse und die sonstige Art der 
Fürsorge (durch Spitäler, Kliniken etc.) gründet, terri¬ 
torial mit diesen Factoren wechselt. Unsere Auf¬ 
fassung und Vorschläge beziehen sich zunächst nur 
auf die einheimischen Verhältnisse, wobei w ? ir bestrebt 
waren, einerseits dem erkannten Bedürfniss Rechnung 

Original from 

HARVARD UNIVER^ITY 



io6 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 9. 


zu tragen, andrerseits etwaige Competenz-Conflicte 
mit anderen medicinischen Instituten thunlichst zu 
umgehen. Auch nach der uns vorliegenden klinischen 
Epikrise sind wir nicht in der Lage, ein Wesentliches 
in unserer Darlegung zurückzunehmen oder abzuän¬ 
dern. Namentlich halten wir fortan fest, dass speciell 
die von Herrn Gau pp perhorrescirten Krankheits¬ 
formen einen ersten berechtigten Anspruch auf Für¬ 
sorge haben, deren sie bis jetzt entbehren. Wir sind 
nach wie vor der Ueberzeugung — und jeder er¬ 
fahrene Irrenarzt wird uns beistimmen —, dass gerade 
die „psychisch“-Nervösen unserer Auswahl nur von 
dem practischen Fachmann richtig verstanden werden; 
dass sie z. Zt. von den eigentlichen Anstalten nicht 
aufgenommen werden können, und doch einer me¬ 
thodischen fachmännischen Behandlung und Aufsicht 
dringend und ernstlich bedürfen. Geheimrath Ludwig 
characterisirt diese Gruppe von Kranken (Bericht der 
Verwaltung' der hessischen Unterstützungskassen p. 
1894/95) als „Solche, die durch häusliche Sorgen, die 
Anstrengungen des Berufs, oder sonstwie unzweck¬ 
mässige Lebensweise heruntergekommen, aber nicht 
eigentlich geisteskranke Hilfsbedürftige sind. Ihre 
beschränkten Mittel schliessen den Besuch einer 
Nervenheilanstalt aus, e$ muss ihnen aber geholfen 
werden, weil sie in höchstem Grade unglücklich sind 
und weil sie sonst der Gefahr des Uebergangs des 
nervösen Leidens in wirkliche Geisteskrankheit und 
namenloses Elend erliegen.“ 

Wir erkennen in dieser Schilderung genau den 
einen Theil der auch von uns empfohlenen Kranken. 
Den andern — die Zustände mit Zwangsgedanken, 
Phobieen etc. — weist in derselben Uebereinstimmung 
der neueste Autor Dr. Weygandt (Psychiatrie p. 
219, 226, 229) ausdrücklich den „offenen Nerven- 
anstaltenmit Beschäftigungstherapie“ nach dem Muster 
von Haus Schönow zu. Wir befinden uns also in 
guter Gesellschaft. Dass übrigens auch die funktionellen 
Neurosen, die Herr Gau pp speciell im Auge hat, 
keineswegs von unserm Nervenheim ausgeschlossen 


M i t t h e i 

— 37. Versammlung des Vereins der Irren- 
Aerzte Niedersachsens und Westfalens. 

7. Herr Quaet-Faslem-Göttingen: Mit¬ 
theilungen aus der Universitätspoliklinik 
für psychische und Nervenkranke zuGöt- 
t i n g e n. 

Im October vorigen Jahres gegründet, hat die 
Poliklinik, wie die Besuchszahlen beweisen, ihre Exi¬ 
stenzberechtigung bewiesen, ja mehr als das, sie war 

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sind, ist in der Denkschrift (p. 53) bestimmt ausge¬ 
sprochen. 

Uebrigens so oder so: neben und vor diesen 
mehr academischen Fragen sollte, wie wir meinen, 
die Aufgabe gehen: unser ländliches Nervenheim 
wirklich zu machen. Dann werden sich gewiss 
auch die geeigneten Kranken finden, ungesucht, ohne 
Discussion, unmittelbar aus dem actuellen Bedürfniss, 
aus den Forderungen des Tags. 

Nun aber — wohin? Durch Gründe der Zweck¬ 
mässigkeit und des practischen Betriebs haben wir 
der relativen Verbindung der Nerven-Volksheilstätte 
mit einer Anstalt, jedoch bei Wahrung aller Selbst¬ 
ständigkeit, das Wort geredet. Die Nähe von Illenau 
ergab sich aus dem Vorhandensein eines geeigneten 
Platzes; in gleicher Weise wie auch für die Trinker¬ 
anstalt, für welche sich in letzter Stunde ein sehr 
passender Geländecomplex mit einem ausgedehnten, 
gut organisirten und mannigfaltigen ökonomischen 
Betrieb gefunden hatte, neben dem weitem Vorzug 
der centralen Lage in unserm Lande. Dass die 
Stadt Frankfurt eben daran geht, ihr Nervensana- 
torium im Köppemer Thal wesentlich nach denselben 
Grundsätzen, wie wir, zu erstellen, dürfte doch auch 
der Erwägung werth sein. Mittlerweile hat der in 
unserer Frage z. Zt. practisch erfahrenste College unsem 
Vorschlag als „eine in glücklicher Weise den Verhält¬ 
nissen entsprechende Lösung“ bezeichnet 

Dass das Nervenheim durch die Nähe der Irren¬ 
anstalt discreditirt werde, davor sind wir nicht bange; 
wie es scheint, haben wir etwas grösseres Vertrauen 
zu uns selbst und zu dem Urteilsvermögen des Publi- 
cums. 

Uebrigens sind auch öffentliche Institutionen nicht 
dazu da, dem Vorurteile der Menge zu schmeicheln, 
sondern sie sollen ihm entgegentreten. 

Es wäre zu erwarten gewesen, dass wir in diesem 
Kampfe für die Aufklärung die klinischen Collegen 
eher auf unserer Seite hätten, als gegen uns. 

Die Verfasser der Denkschrift. 


Jungen. 

entschieden ein Bedürfniss. Als glücklich muss die 
Verbindung der Poliklinik mit der psychiatrischen 
Klinik resp. der Heil- und Pflegeanstalt angesehen 
werden. Es werden akute Psychosen weit eher er¬ 
kannt und sachgemässer Behandlung zugänglich, die 
unter dem Deckmantel eines nervösen Leidens in der 
Poliklinik erscheinen. Oft wird es daher möglich sein 
die Anstaltsbehandlung ganz zu vermeiden. 

Von den in der Poliklinik unter einer bisherigen 

Original fram 

HARVARD UNIVERSITY 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


107 


1902.] 


Frequenz von 316 Fällen erscheinenden Psychosen 
brauchten nur 2 in der Anstalt aufgenommen zu 
werden. Die einzelnen zur Behandlung gelangenden 


Fälle vertheilten sich auf: 

Krankheiten des Rückenmarks . . 9 

„ der peripheren Nerven 24 

„ des Gehirns .... 16 

Angioneurosen und Trophoneurosen 8 

Intoxikationen unter Betheiligung des 

Nervensystems.. 2 

Psychosen. 38 

Neurosen.219. 


Die Poliklinik trägt ferner dazu bei, das beim 
grossen Publikum noch immer bestehende Misstrauen 
gegen die Irrenanstalten und ihre Aerzte beseitigen* 
zu helfen. 

Ref. bringt dann aus dem Material der Poliklinik 
einen Fall seltener Localisation von Graphospasmus. 

Der Krampf befällt lediglich den Pectoralis major 
und Deltoideus. 

Der Patient war 17 Jahre Trompeter und spannte 
in seinem Beruf beim Halten seines Instrumentes die 
beiden erwähnten Muskeln. Er ist jetzt Kassenbote 
und muss viel schreiben. Es scheint ihm nun nicht 
zu gelingen, das alte Coordinationssystem, das er im 
Dienste des ersten Berufes verwenden musste, im 
neuen Beruf ganz auszuschalten. 

Es Hegt eine reine Störung der Coordination vor, 
die die Bezeichnung des Schreibkrampfes als coordi- 
natorische Beschäftigungsneurose (Benedikt) vollkom¬ 
men rechtfertigen muss. 

Ref. erwähnt dann kurz den seiner Ansicht nach 
sehr grossen Einfluss der Psyche auf die Krankheit. 

Zum Schluss bringt Ref. einige Angaben über das 
Nährpräparat „Hygiama“, dessen Verwendung sich in 
der Poliklinik in jeder Hinsicht als auffallend günstig 
erwiesen hat und in ihr jetzt in vielen Fällen zur 
Anwendung kommt. 

Bei allen Arten von Schwächezuständen (Chlorose 
etc.), bei neurasthenischen und hysterischen Verdau¬ 
ungsstörungen und vor allem auch bei Nahrungsver¬ 
weigerungen in der Anstalt hat es sich sehr gut be¬ 
währt In der Poliklinik wurde es bisher in 35 Fällen 
verwandt 

Ref. hält das Mittel namentlich auch im Betriebe 
grosser Anstalten für sehr empfehlenswerth. Die Be¬ 
obachtungen werden fortgesetzt. (Autoreferat). 

8. Herr Behr-Lüneburg: Ueber die Fami¬ 
lienpflege in Göttingen. 

Vortr. bespricht auf Grund der von ihm als Arzt 
der Familienpflege in Göttingen gesammelten Erfah¬ 
rungen die Gesichtspunkte, welche sich bei Einrich¬ 
tung und Handhabung derselben als beachtenswerth 
erwiesen und bewährt haben, so die Auswahl des 
Krankenmaterials und der Pflegestellen, die Frage 
nach Frequenz und Ausübung der ärztlichen Con- 
trolle, nach der Instruktion der Pfleger etc. 

Die durchweg guten Resultate drängen zu weite¬ 
rer Ausdehnung. Es wird weiter die wirtschaftliche 
Frage vom Standpunkte der Anstalt erörtert und die 
subjectiven Verhältnisse der Kranken, sowie ihre psy¬ 
chische Beeinflussung durch die Unterbringung in 


Familienpflege. Die Berücksichtigung der socialen 
Lage der Landbevölkerung in den zur Einrichtung 
gewählten Orten ist weiterhin sehr von Wichtigkeit. 
(Wird ausführlich publicirt). V o g t - Göttingen. 

— Ein crasses Beispiel der Verdächtigung 
von Irrenanstalten und Irrenärzten liefert der 
folgende Artikel der „Münchener Post“ vom 26. IV. 
1902: 

Zum Kapitel des Irrenrechts. 

In unseren Händen befindet sich ein umfang¬ 
reiches Material zum Kapitel der Irrenrechtspflege 
in Bayern, das im Interesse der Allgemeinheit und 
der Betroffenen zur geeigneten Zeit verwendet werden 
soll. 

Für heute möchten wir auf einen dringlichen Fall 
hinweisen, vorläufig ohne Namensnennung. In Neu- 
Friedenheim befindet sich seit mehreren Monaten eine 
sehr vermögende Dame der sogenannten guten Ge¬ 
sellschaft. Die Dame ist 84 Jahre alt und wurde 
auf hinterlistige Weise ohne vorherige Untersuchung 
durch den zuständigen Polizeiarzt in die Anstalt ge¬ 
bracht, wo sie gegen ihren Willen festgehalten wird. 
Die alte Dame steht in verwandtschaftlichen Be¬ 
ziehungen zu einer ersten Münchener Kunstgrösse 
und ist auf deren Betreiben entmündigt worden. 
Diese Entmündigung erfolgte aus Gründen, auf die 
wir vielleicht noch näher eingehen müssen, aber 
keineswegs wegen irgend einer geistigen Störung der 
Betroffenen. 

Wir wollen auch vorläufig nicht näher untersuchen, 
ob der Hunger nach Gold und die Angst des Herrn 
Professors und seiner Gattin, die Entmündigung könne 
wieder aufgehoben werden, die hinterlistige Ueber- 
führung der Dame nach Neu-Friedenheim angeregt 
hat. Eines erscheint uns aber jedenfalls sicher: die 
Ueberführung ist widerrechtlich und in ungesetzlicher 
Weise erfolgt, und das Verhalten der Anstaltsleitung 
in Neu-Friedenheim erscheint in sehr zweifelhaftem 
Lichte. Auch das Verhalten der übrigen betheiligten 
Personen, des „begutachtenden“ Arztes, der Rechtsver¬ 
treter u. s. w., erscheint nicht einwandfrei. Der ganze 
Fall ist ein Beweis für die Rechtlosigkeit der Person in 
Bayern, wenn einflussreiche Leute die Hand im Spiele 
haben und für die ausserordentliche Gefahr der auf 
Erwerb bedachten „Privat“irrenpflege. 

So viel für heute. Wir erwarten, dass diese An¬ 
deutungen genügen, der alten Dame die Freiheit 
wieder zu geben. Im anderen Falle müssen wir sehr 
deutlich werden. % 

Die „Münchener Post“ vom 7. V. 1902 brachte 
folgende Richtigstellung: 

Zum Kapitel des Irrenrechts. 

Vom dirigirenden Arzte der Heilanstalt Neu- 
Friedenheim, Herrn Dr. Rehm, erhalten wir folgende 
Berichtigung: Die in Nr. 96 Seite 6 der Münchener 
Post unter der Ueberschrift „Zum Kapitel des Irren¬ 
rechts“ enthaltene Mittheilung wird hiermit berichtigt, 
wie folgt: 

1. Die in dem berichtigten Artikel erwähnte, durch 
rechtskräftigen Beschluss des kgl. Amtsgerichtes 
München I, Abtheilung A für Civilsachen, vom 
21. Octobcr 1901 entmündigte 84 jährige Patientin 


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Original from 

HARVARD UNiVERSITY 







108 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 9. 


ist nicht auf Betreiben einer ersten Münchener Kunst¬ 
grösse, sondern auf Betreiben des rechtskundigen Vor¬ 
mundes der Enkel der Entmündigten entmündigt worden. 

2. In dem Entmündigungsbeschlüsse ist festgestellt, 
dass die Entmündigte nach dem übereinstimmenden 
Gutachten der vernommenen drei Sachverständigen, 
unter denen ich mich jedoch nicht befunden habe, 
an dementia senilis (Altersschwachsinn) leidet, und 
dass der Altersschwachsinn der Entmündigten nach 
der richterlichen Ueberzeugung einen derartigen Grad 
erreicht hat, dass die Kranke jeder freien Willensbe¬ 
stimmung beraubt ist. 

3. Der kgl. Bezirksarzt und zuständige Polizeiarzt 
Dr. Müller in München hat am 30. Dezember 1901 
die Entmündigte untersucht und sich gutachtlich dahin 
geäussert, dass die senile Demenz der Entmündigten 
eine Anstaltsbehandlung dringend nöthig mache; 
daraufhin hat die kgl. Polizeidirection München am 
31. Dezember 1901 die Aufnahme der Entmündigten 
in die Anstalt Neu-Friedenheira genehmigt. 

4. Die Ueberführung der Patientin in die Anstalts¬ 
behandlung ist auf Grund ärztlichen Gutachtens im 
Interesse der Erhaltung des Lebens der Patientin und 
Herbeiführung sachgemässer ärztlicher Behandlung 
erfolgt; es ist unwahr, dass diese Ueberführung wider¬ 
rechtlich oder in ungesetzlicher Weise erfolgte. 

Referate. 

— The Journal of Mental Science. April 
1901. (Fortsetzung.) 

Bernard Holländer giebt eine kurze Zusammen¬ 
stellung unserer Kenntnisse über das Gehirn als Or¬ 
gan der Psyche. Wir thun am einfachsten, wenn wir 
uns an die Schlusssätze des Verf. halten: 1) Die 
Grösse des Gehirns ist nicht nur ein Maass für die 
Höhe der Intelligenz, sondern auch für die Kraft der 
Gefühle und Neigungen. 2) Die Zonen der Empfin¬ 
dung sind nicht die Centren der Wahrnehmung und 
Reflexion, und die Hinterhauptslappen haben nichts 
mit den höheren intellectuellen Prozessen zu thun. 
3) Mit der Annahme von reinen motorischen und 
sensorischen Centren allein könnte man nicht die 
Verschiedenheit der menschlichen Charaktere und der 
geistigen Störungen erklären. Sie sind auch die Sub- 
strata der psychischen Centren, also phychomotorische 
und psychosensorische Ccntra. 4) Nur die Grösse 
der Frontallappen ist von Wichtigkeit für die Beur- 
theilung der Intelligenz. Die Frontallappen können mit 
den Maassen, wie sie auch für den Körper im Gebrauch 
sind, gemessen werden. Der Kopf mag bei einem ge- 
scheidten Individuum klein sein, wenn nur die Fron¬ 
tallappen verhältnissmässig gross sind. 5) Gedächtniss 
ist keine einheitliche Fähigkeit, sondern es giebt Ge- 
dächtnissarten und dementsprechende Centren, so ein 
Gedächtniss für Zahlen, Orte, Zeit, Worte, Töne etc. 
Das Wortgedäehtnisseentrum ist bereits lokalisiert. 6) 
Es muss neben den Centren für rein intellektuelle 
Prozesse in der Rinde noch solche geben für Ge- 
müthsbewegungen und Strebungen. 7) Die intellektuellen 
Prn< esse überwachen die Gefühle und Neigungen, so¬ 
mit enthalten die Stirnlappen die Hemmungscentren für 
die im übrigen Gehirn sich abspielcndcn Processe. 

George Rorie hat die nach Influenza aufgetretenen 
Fälle von Irresein, die im Cumberland und Westmore¬ 


land Asyl aufgenommen worden waren, statistisch und 
klinisch bearbeitet. Es war schon aufgefallen, dass 
während der Influenzaperiode die Aufnahme me¬ 
lancholischer Kranken in verschiedenen Anstalten be¬ 
trächtlich stieg. Das war auch in jenen beiden An¬ 
stalten der Fall. Verf. fand von 1890—99 im ganzen 
68 Fälle verzeichnet, in denen die Geisteskrank¬ 
heit direkt oder indirekt mit der Influenza in Zusam¬ 
menhang gebracht werden konnte. Unter den 68 
Fällen befanden sich 34 M. und 34 Fr. Die Mehr¬ 
zahl der Männer wurde aufgenommen in den Jahren 
1892, 1893, 1894, 1895 und 1896, ihr Prozentsatz 
betrug jeweils 5.7, 5.9, 5.4, 6.5 und 5.1. Bei den 
Frauen kamen die meisten 1892 mit 12.3%, 1894 
mit 5.0% und 1897 mit 6.6 ° 0 zur Aufnahme. Bei 
den 34 Männern betrug das Durchschnittsalter beider 
Aufnahmen 43.8, der jüngste zählte 19, der älteste 71 
Jahre. Die Frauen hatten ein Durchschnittsalter von 
48.5, darunter ein Mädchen von 19 und eine Greisin 
von 89 Jahren. 

Bei der Aufnahme zeigten von den 68 Fällen nur 
22 einen annehmbaren körperlichen Gesundheitszustand. 

Die Zeit zwischen dem Influenzaanfall und dem 
Ausbruch des Irreseins ist sehr schwankend und schwer 
bestimmbar. Die Freunde des Kranken geben meist nur 
an, er sei seit der Influenza nicht mehr wie früher ge¬ 
wesen. Die Zeit von dem Influenzaanfall bis zur Auf¬ 
nahme ist manchmal so gering, dass diese direkt dem 
Anfall folgt, oder es vergehen mehrere Tage, Wochen, 
Monate, ja ein Jahr. Verf. glaubt, dass bei seinen 
Fällen meist 1 — 3 Monate dazwischenlagen. 

Was die Prädisposition zum Irresein betrifft, so 
handelte es sich bei 28 Fr. um den ersten Influenza¬ 
anfall, bei 3 Frauen um den dritten, bei zweien um 
den zweiten, und bei einer war es „nicht der erste“. 
Bei den Männern war es in 29 Fällen der erste An¬ 
fall, in 2 Fällen der zweite, in einem der vierte und 
in einem „nicht der erste.“ 10 M. und 12 Fr. waren 
erblich belastet. Dazu kamen noch 5 Alkoholiker 
und 3 Schwachsinnige, und bei den Frauen eine Al- 
koholistin und 5 Nervöse. Meist also handelte es sich 
neben der Influenza noch um eine andre prädisponie¬ 
rende Ursache. 

26 Männer litten an Melancholie, 3 an akuter Manie, 
4 an Manie und einer an prog. Paralyse. 16 Melan¬ 
choliker und ein Maniakus waren suicidverdächtig. Von 
den Frauen litten 20 an Melancholie, 8 an Manie, 4 
an akuter Manie, eine an seniler Manie und eine an 
seniler Demenz. 14 Melancholische und 5 Mania- 
kalische waren Selbstmord verdächtig. 

Die Prognose, besonders in den Fällen von Melan¬ 
cholie, ist im ganzen günstig. Von den 26 melancho¬ 
lischen Männern wurden 16 geheilt, 6 gebessert, einer 
wurde blödsinnig und 3 starben. Die 3 Fälle von aku¬ 
ter Manie wurden nach etwa 3 Monaten geheilt. Von 
den 4 Fällen von Manie wurde einer geheilt, einer 
gebessert und 2 starben. Von den 20 melancholischen 
Frauen wurden 16 geheilt und 3 starben. Von den 
4 Fällen von akuter Manie genasen 3, von den 
8 Fällen von Manie wurden 2 geheilt und 2 starben. 
Die Ursache des Todes war meist Phthisis und senile 
Erschöpfung. Der Anstaltsaufenthalt der Genesenen 
schwankte zwisc hen 1 und 12 Monaten. (Schluss folgt.) 


Digiti; 


Erscheint 


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ciactionellen Theil verantwortlich: Oberarzt Dr. J. Hresler 
Schluss der Inseratenannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — 

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Kraschnitz (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

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Nr. 10 . i.Tuni. 1902 

Die ,,Psych 1 atr 1 sch-Neur olo g ische Wochenschrift“ erscheint jeden Sonnabend und kostet pro (Quartal 4 Mk. 

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Zuschriften Tür die Redaction sind an Oberarzt Dr. J. Bresler, Kraschnitz (Schlesien), zu richten. 

Inhalt. Originale: Zur Frage der Grösse und Benennung der Irrenheilanstalten. Von Dr. Gustav Olhh-Budapest (S. 109). — 
Die Irrenfürsorge in Baden. Von Oberarzt Dr. Max Fischer-Illenau {S. in). — Mittheilungen (S. 117). — Referate (S. 119). 


Zur Frage der Grösse und Benennung der Irrenheilanstalten. 


^^ 11 der, in den letzten Nummern der Wochenschrift 
aufgeworfenen Frage bezüglich der zwcckmässigsten 
Grösse einer Irrenheilanstalt sei cs auch mir gestattet, 
meine Ansicht auszusprechen. 

Ich bekenne mich gleic h in vorhinein als eifrigen 
Verfechter möglichst grosser Anstalten und cs nimmt 
mich Wunder von den deutschen Collegcn, wenn sie 
die Grosse einer Anstalt mit der Uebcrsichtliehkcit 
des Krankenmaterials seitens des Direotors verknüpfen 
und fragen: wie soll ein ärztlicher Leiter, mit ad¬ 
ministrativen Agenden überhäuft, 1000—1400 Kranke 
auch nur dem Aussehen nach kennen, geschweige 
deren ärztliche Behandlung leiten. Ja das wäre 
allerdings eine Hcrcules-Aufgabe, besonders im Zeichen 
der individualisirenden Behandlungsweise und bei dem 
beständigen Wechsel des Materiales. Aber ich wüsste 
wirklich nicht, wie tief man die untere Grenze des 
Krankenstandes ziehen sollte, damit ein Director mit 
ruhigem Gewissen von sich sagen könne, dass er dieser 
Aufgabe vollkommen Genüge leiste. Die Grösse einer 
Anstalt an jene Grenze zu knüpfen, wo der Director 
noch im Stande ist, den Zustand sämmtliehcr Kranken 
im Gcdächtniss zu behalten, ist eine Verkennung der 
Beziehung zwischen Organismus und leitendem Centrum. 
Diese Auffassung, auf andere Organisationen, sociale 


Gebilde, industrielle Etablissements etc. angewandt, 
führt zu Paradoxa. 

Grundbedingung ist nur die einheitliche Organisation, 
das Ineinanderarbeiten der Thcile. Je verschieden¬ 
artiger, differenzirter die einzelnen Theilc, bei Vor¬ 
aussetzung einheitlicher Leitung, um so höher die 
Entwickelung der Organisation, um so vollkommener 
und verfeinerter die Dctailarbeit. Dass in dieser Be¬ 
ziehung psychiatrische Forschung und Behandlungs¬ 
methoden Hand in Hand gehen, braucht nicht erst 
gesagt zu werden. Eine kleine Anstalt mit 4—500 
Patienten kann ja einen recht anheimelnden Eindruck 
machen, und mit dem Director gleichsam als Familien¬ 
oberhaupt an der Spitze, der jedes Mitglied der 
kleinen Ansiedelung persönlich kennt, sehr patriar¬ 
chalisch gemüthlich sein, kann auch im Kleinen alles 
verwirklichen, was zu den modernen Attributen einer 
modernen Irrenanstalt gehört, wird aber in ihren 
höheren psychotherapeutischen Bestrebungen nur zu 
bald an die budgetären Grenzen einer kleinen Anstalt 
stossen. Ist doch unser psychotherapeutisches Instru¬ 
mentarium die Anstalt selbst mit ihrem ganzen 
Inventar von der Kapelle bis zur Küche ja ihre ver¬ 
schiedenen Insassen mit einbegriffen. Eine Milieube¬ 
handlung im modernen Sinne ist nur möglich, wo die 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


no 


in verschiedenen kleinen Anstalten vertheilten therapeu¬ 
tisch zusammengehörigen Elemente örtlich zusammen- 
bringbar sind. Diese Möglichkeit wächst mit der Grösse 
der Anstalt im gleichen und mit den erforderlichen 
Kosten im umgekehrten Verhältniss. Freilich die 
planlose Anhäufung eines kunterbunten Materials wie 
sie ein Landesdistrict gerade liefert, kann ja drückend 
werden, aber das ist das Ideal einer grossen Anstalt 
nicht, ist vielmehr ein monströses Gebilde. Unter 
einer „grossen Anstalt“ verstehe ich einen grossen 
Organismus der Irrenpflege, dessen einzelne Glieder 
räumlich von einander innerhalb gewisser Grenzen 
getrennt sein können, aber unter einheitlicher Leitung 
als zusammengehöriges Ganzes in beständigem Contact 
mit einander bleiben müssen, wo jeder Kranke das 
jeweilige Milieu findet, das ihm passt. Es klingt als 
Paradoxon, aber ich meine: je kleiner die Anstalt, 
je weniger Kranke, um so geringer die Möglichkeit 
einer individualisirenden Behandlung. Kleine autonome 
Anstalten mit begrenztem Contingentirungs - Gebiet 
sind werthlos. Irrenanstalten dienen keinem localen 
Interesse wie Spitäler. Die Discussion, ob in einem 
District eine neue Anstalt als Colonie, oder als ge¬ 
schlossene Anstalt oder sonst wie errichtet werden 
soll — ist völlig unpsychiatrisch. Eine braucht die 
andere und alle brauchen eine Organisation von 
grosser Conception. Müssen doch die meisten Kranken 
entsprechend dem Krankheitsverlauf durch die ein¬ 
zelnen Systeme successive durchgeleitet werden. Und 
nun erst das Stadium der Irrenbehandlung, die doch 
Endzweck jeder psychiatrischen Forschung ist! Welche 
Perspectiven eröffnen sich, wenn die Möglichkeit ge¬ 
geben ist, dass der Anstaltsleiter statt einem Arzt eine 
gemischte Abtheilung zuzuweisen, ihm eine bestimmte 
Aufgabe stelle z. B. Behandlung der Depressionszu¬ 
stände oder gewisser senilen Formen, Intoxications- 
psychosen etc. und wenn zur Erforschung jeder Detail¬ 
frage ein entsprechendes Krankenmaterial zur Ver¬ 
fügung steht. Ich denke, die Zeiten sind vorüber, wo 
in der öffentlichen Irrenfürsorge die Frage der Unter¬ 
bringung im Vordergrund stand. 

Wir hätten in den Culturstaaten die Geisteskranken 
nun so ziemlich unter Dach und Fach. Jetzt harren 
unser grössere Aufgaben als die einer guten Unter¬ 
bringung, aber diese sind meines Erachtens in kleinen 
autonomen Anstalten nicht zu lösen. Sehen wir ja 
einen Differenzirungsprocess in der specialisirenden 
Richtung der Privatheilanstalten in immer feineren 
Nuancen vor sich gehen. Selbst die Specialanstalten 
für Alkoholisten theilen sich weiter je nach der socialen 
Classe der Patienten und den Formen des Alkoholismus. 
Aufgabe der einzelnen Staaten ist dieser Specialisirung 


[Nr. io. 


im Rahmen von grossen Anstalten mit zahlreichen 
Dependencen, Familienpflegehäusem etc. Geltung zu 
verschaffen anstatt der Classification nach Verpflegs- 
classen, die ich mit den Bestrebungen der öffentlichen 
Irrenfürsorge für unvereinbar halte. Mit sogenannten 
Luxusabtheilungen und Zahlstöcken das Budget der 
Anstalt günstiger zu gestalten und den Anstaltsärzten 
ein Nebeneinkommen zu sichern, ist keine Aufgabe 
des öffentlichen Sanitätswesens, und einer Irrenfürsorge 
im grossen Styl. Diese soll dem Kranken all das 
bieten, was ihm zukömmlich ist ohne Rücksicht auf 
Verpflegsclassen; aber was darüber hinaus ist, die 
luxuriöse Verpflegung nach gegenseitiger Ueberein- 
kunft, mag gänzlich den Privat-Heilanstalten überlassen 
werden, die eher in der Lage sind speciellen Rück¬ 
sichten Genüge zu leisten. 

Was den aufgeworfenen Gedanken einer zweck¬ 
entsprechenderen Benennung der Anstalten betrifft, 
so bin ich natürlich dafür, dass man nicht weit genug 
gehen kann im Kampf gegen die Exclusivität der 
Irrenanstalten und in der Tilgung der traurigen Remi- 
niscenzen, die sich an dieselben knüpfen. Elin in¬ 
differenter Titel wie „Sanatorium“, „Asyl“., Him- 
krankenanstalt“, oder das von den Franzosen vor¬ 
geschlagene „Maison Esquirol“, „Maison Pinel“ etc. 
ist jedenfalls besser als Irrenanstalt, doch ist 
damit nicht das erreicht, was wir bezw'ecken. Die 
angeführten indifferenten Benennungen werden nur 
zu bald ihre Harmlosigkeit verlieren und jeder, der 
in einer „Hirnkrankenanstalt“ war, wird gern davon 
schweigen, so wie sich niemand damit brüstet, in der 
harmlos benannten „Maison nationale de Charenton“ 
gewesen zu sein. Warum den Geisteskranken nicht 
den Namen geben, für was sich die sich selbst Be¬ 
wussten — und das sind ja die meisten — gewöhnlich 
halten: „Nervenkrank“? Sind sie es denn nicht? 
Nervenkrankheiten, die einer Anstaltsbehandlung be¬ 
dürfen, sind ja in den meisten Fällen centraler 
Natur, das heist mehr als Nervenkrankheiten im con- 
ventionellen Sinne. Die Benennung „Staats- oder 
Landes- oder Öffentliche Anstalt für Nerven¬ 
kranke“, könnte mit einem Schlag die von jedem 
Psychiater herbeigesehnte Ueberbrückung zwischen 
dem öffentlichen Leben und der Anstalt in unmittel¬ 
bare Nähe stellen. Es ist heutzutage nicht mehr die 
Irrenanstalt mit ihrer modernen Einrichtung, die ab¬ 
schreckend wirkt, einzig nur der Name. Es ist damit 
was Eigenes. Wir schämen uns niemals der Symp¬ 
tome einer durchgeraachten Gehirnkrankheit, nur der 
Diagnose allein. Auch sind es ja nicht alle Psy¬ 
chosen, die man mit dem odiösen Namen Geistes¬ 
krankheit belegt. Sind denn Rauschzustände, Fieber- 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


I I I 


delirien etc. nicht ebenso krankhafte Zustände des 
centralen Nervensystems als es z. B. eine Puerperal¬ 
psychose ist? Und wenn die Benennung „Oeffent- 
liche Nervenheilanstalt“ zu Missverständnissen 
fuhren sollte — (ich höre schon die ängstlichen 
Stimmen, welche vor der Möglichkeit warnen in den 
Verdacht einer Geisteskrankheit zu kommen) so ist 
dieses Missverständnis für Niemand schädigend, das 
heisst für Nervenkranke leichteren Grades überhaupt 
nicht obwaltend, für die sogenannten Geisteskranken 
aber von unermesslichem Gewinn. Ist doch das 
Urteilsvermögen bezüglich der Bedeutung der Irren¬ 
anstalt bei den meisten Kranken ungestört. Bei 
Anstaltsbesuchen hören wir die stereotype Klage: 
„Man hat mich statt in eine Nervenheilanstalt ins 
Irrenhaus gebracht“. — Wie oft wird gesagt, dass es 
was Entsetzliches sein müsste, wenn ein Geistesgesunder 
in eine Irrenanstalt gesteckt würde. 

Nun dieses Gefühl haben die meisten Geistes¬ 
kranken ebenso. Nicht die Umgebung, nicht die Mit¬ 
patienten schrecken sie, an denen sie bei entsprechender 
Sortirung des Materials nichts Auffälliges bemerken, 
nur die Benennung und der darin liegende Character 
der Anstalt, den sie nur zu bald erfahren, ist es, was 
sie als eine Ungerechtigkeit empört und eine Quelle 
ewiger Recriminationen bildet. Es würde sich eines 
Versuches lohnen, von zwei parallelen Irrenanstalten 
der einen probeweise den Namen „Oeffentliche Heil¬ 
anstalt für Nervenkranke“ zu geben. Schon in kür¬ 
zester Zeit wäre letztere bezüglich des Heilungspro- 
centes überlegen (natürlich in beiden Anstalten nur 
die eigentlichen Psychosen gerechnet). Die Fälle 
würden derselben im Frühstadium, bei den ersten 


drohenden Symptomen zugeführt werden (besonders 
wichtig bei chronischen Intoxicationspsychosen!), wo 
die Heilungsbedingungen viel günstiger liegen. 

Will man aus gewissen civilrechtlichen Gründen 
die Gemeinschaft der Kranken mit und ohne selbst¬ 
ständigem Verfügungsrecht vermeiden, so Hessen sich 
ja Verfügungen treffen, dass die ersteren als nicht 
anstaltsbedürftig oder der öffentlichen Fürsorge nicht 
berechtigt zurückgewiesen werden. 

Uebrigens sehe ich nicht ein, warum ein mittelloser 
Tabetiker oder nach Apoplexie Gelähmter hier nicht 
Aufnahme und Behandlung finden könnte. 

Ueber die Nothwendigkeit der Entziehung des 
selbstständigen Verfügungsrechtes könnte ja eine ge¬ 
richtliche Commission von Fall zu Fall entscheiden. 

Die Errichtung von selbstständigen öffentlichen 
Heilanstalten für anstaltsbedürftige unbemittelte Nerven¬ 
kranke, wie sie hier in Ungarn vorgeschlagen wurde, 
halte ich vom psychiatrischen Standpunkte für sehr 
bedenklich, weil sie mir geeignet erscheint, die Ex- 
clusivität der odiösen Irrenanstalten noch weiter zu 
steigern. Ich gebe zu, dass die aufgeworfenen Fragen 
noch weiterer Erwägungen bedürfen, aber ich bin der 
Ueberzeugung, dass, wenn es die grosse That des 

19. Jahrhunderts war, in entsprechender Zahl Heil¬ 
stätten für Gehimkranke zu errichten, es Aufgabe des 

20. Jahrhunderts sein wird, dieselben den Kranken 
ohne deren sociale Schädigung und schon 
im Stadium der günstigst gelegenen pro¬ 
gnostischen Bedingungen zugänglich zu 
machen. 

Budapest, Mai. 1902. Dr. Gustav Olah. 


Die Irrenfürsorge in Baden. 

Von Oberarxt Dr. Max Fischer- lllenau. 
(Schluss). 


Aus einer auf ähnlichen Grundlagen aufgebauten 
Berechnung, welche sich indes auf beide Pflege¬ 
anstalten Emmendingen und Pforzheim als die defi¬ 
nitiven Abnahmestellen der ganzen Landesirrenfürsorge 
ausdehnt und den jährlichen Ueberschuss des Zugangs 
von Kranken über den Abgang aus den beiden 
Anstalten zusammengenommen in Betracht zieht, er¬ 
halten wir das Ergebniss, dass dieser Ueberschuss 
in den Jahren 1889—1900 zwischen den Zahlen 
16 und 145 schwankte. Das daraus berechnete 
Jahresmittel beträgt 78,67 — also die gleiche Ziffer 
wie die vorhin gefundene; ein gütiger Beweis dafür, 

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dass dieselbe nicht allein aus der Neubelegung Emmen¬ 
dingens resultirt, also nicht etwa nur eine locale, 
sondern eine allgemeinere, die ganze Lage der Irren - 
Versorgung characterisirende Bedeutung hat. 

3. Betrachten wir nun die Zunahme der in den 
Staatsirrenanstalten insgesammt ohne Rück¬ 
sicht auf die Platzfrage thatsächlich unterge¬ 
brachten Irren nach der jährlichen Schlussbilanz im 
Verfolg der letzten 30 Jahre, so ergiebt ein Vergleich 
folgende Zusammenstellung: 

In allen staatlichen Irrenanstalten (Illenau, Emmen¬ 
dingen, Pforzheim, Heidelberg und Freiburg) zusammen 

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[Nr. io. 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


betrug die Zunahme der Anstaltsinsassen nach dem 
Krankenstände am Schlüsse des Jahres: 
in den Jahren 1871 — 1875 für das Jahr = — 

1876—1880 „ „ „ = + 

1881 — 1885 „ „ „ = + 

1886—1890 „ „ „ = + 

1891—1895 „ „ „ = + 

1896—1900 „ „ „ = + 

Die Zunahme der Anstaltsinsassen betrug in der 


1 

34 

22 

06 

03 

63 


gleichen Weise 

auf die letzten 30 Jahre gerechnet, für ein Jahr: 47,5 


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Aus diesen Zahlenzusammenstellungen geht hervor, 
dass, während es früher auch Jahre gab, in denen 
ein Rückgang an Anstaltsinsassen (z. B. —32 im 
Jahre 1875 und von —1 im Lustrum 1871—75, 
von —11 noch im Jahre 1883) stattfand, seit dem 
Jahre 1884, also lange vor der Eröffnung der Anstalt 
bei Emmendingen, eine beständige und steigende Zu¬ 
nahme an Anstaltsinsassen, nach dem Jahresschluss- 
bestande verglichen, in den staatlichen Anstalten zu 
verzeichnen war, welche sich nach Lustren gerechnet, 
von jährlich +22 für die Jahre 1881 —1885, auf 
jährlich +66 für das Lustrum 188G—1890 und auf 
jährlich 103 für die Jahre 1891 —1805 hob; die ge¬ 
ringste Steigerung seit 1884 weist das Jahr 1889 mit 
+ 4, die grösste das Jahr 1891 mit + 153 auf; 
aber auch in der Zeit von 1896— 1900 betrug dieselbe 
trotz des Mangels an neuen Plätzen noch 63 für das 
Jahr und stieg im Jahre 1900 allein, sobald wieder 
Plätze in einiger Anzahl geschaffen waren, sofort wieder 
auf 130 an. 

Wichtig ist hierbei für unsere Darstellung besonders, 
dass in der Hauptentwicklungszeit der neuen Anstalt 
bei Emmendingen in den Jahren 1890—1897. wo 
deren Bestand um jährlich 59—235 Kranke anwuchs, 
die Gesammtzahl der Insassen aller Anstalten 
zusammen gleichfalls ungehindert anwuchs in den 
Grenzen von +58 bis +153, und zwar ohne je¬ 
weilige Correlation der beiden Ziffern nach den ein¬ 
zelnen Jahren; während z. B. die Hauptzunahme in 
Emmendingen auf die Jahre 1890 (wie natürlich nach 
der Eröffnung) mit 235 und auf 1895 mit 119 fällt, 
ist die Höchstzunahme für die Gesammtheit der In¬ 
sassen aller Anstalten in den Jahren 1891 mit 153 
(Emmendingen + 70) und dann wieder 1900 mit 
+ 130 (Emmendingen +28) erreicht. Diese Zahlen 
sind der beste Beweis dafür, dass der Zuwachs nicht 


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77»o 

82,6 

63,0 


allein auf die Anstalt Emmendingen mit deren zu¬ 
nehmendem Ausbau beschränkt ist, sondern dass der 
Zudrang von Kranken gleichmässig auf die gesammte 
Anstaltsversorgung eingeströmt ist. 

Das für unsere Zwecke — die Berechnung des 
für die künftige Zeit annähernd ma;issgcl müden jähr¬ 
lichen Zuwachses an Geisteskranken —wichtigste Dun h- 
schnittsmaass ist, weil es Verhältnissen entspricht, in 
denen dem Zudrang von Kranken von aussen auch 
durch vorhandene freie Anstaltsplätze nachgegeben 
werden konnte, die obige Zahl für die letzten 15 
Jahre, d. h. ein jährlicher Zuwachs von 77 und die 
Durchschnittszahl für die letzten 10 Jahre mit 83, 
wozu noch die für die Irren Versorgung günstigste Zeit 
(nach der Eröffnung von Emmendingen) die Jahre 

1 Hq 1 — 1805 mit einem Durchschnittszuwachs von 
103 für das Jahr kommt. 

Wir wollen uns jedoch in unserer Bemessung für 
die Zukunft nicht an die letzte höhere, sondern an 
die mittleren Zahlen 77—83 halten, woraus sich das 
M ittel von 80 neuen Plätzen für das Jahr er- 
giebt, eine Zahl, welche auch mit dem unter 1 und 

2 gefundenen Berechnungsresultate sollständig über- 
einstimmt. Und zwar ist, da diese Zahl erstens den 
thatsächlichen Zuwachs von Anstaltsinsassen und 
zweitens die dem Andrang von aussen immer erst 
nac hfolgende Zunahme angiebt, da zudem der Bestand 
an Plätzen fortwährend hinter der Nachfrage nach 
solchen zurückblieb, die gewonnene Zahl 80 
der Mindestau sdruck für das bestehende 
Bedürfnis». 

Die seitherige jährliche Steiger u 11g des Be¬ 
standes an Anstaltsinsassen erfolgte nämlic h im Grossen 
und Ganzen unabhängig von der vorhandenen Beleg¬ 
ziffer und Plätzezahl der Anstalten. Waren viele 
Plätze frei infolge von Neuerstellungen, so wurden 
sie allerdings rascher besetzt; bei beschränktem Raume 
aber musste dem unaufhaltsamen Andrange von Auf¬ 
nahmen nachgegeben werden durch vermehrte (eigent¬ 
lich verfrühte) Entlassungen oder durch das noch 
nähere und einfachere, aber auch bedenklichste Aus¬ 
kunftsmittel : der Vermehrung der Bettenzahl, trotz 
knapp bemessenen Luftraums und bereits bestehender 
Ueberfüllung. Und noch in den letzten 5 Jahren ist 
ohne Rücksicht auf den vorhandenen Platz die Anzahl 
der Gesammtversorgten in den Anstalten , trotzdem 
Emmendingen schon nahezu ausgebaut war, noch um 
63 für das Jahr gewachsen — im Jahre 1900 aber, 
sobald wieder neue Plätze vorhanden waren, wie 
bereits erwähnt, allein um 130 — der klare Beweis, 
dass die gleichen Verhältnisse auch jetzt noch herrschend 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


sind und auch für die Zukunft als wirksam angenommen 
werden dürfen. 

Aber nicht nur aus der heutigen Gesammtlage 
und auf Grund des seither mitgetheilten Materials 
ergiebt sich ein ansehnlicher Rückstand zwischen 
Sollen und Können, zwischen Nachfrage und An¬ 
gebot von verfügbaren Plätzen, sondern auch aus dem 
weiteren bemerkenswerthen Moment, dass die Kreis¬ 
pflegeanstalten des Landes, trotz aller Ein¬ 
schränkungen in deren Aufnahmebestimmungen einer¬ 
seits, und trotz der Inbetriebnahme von Emmendingen, 
der beständigen, beträchtlichen Mehrung der Beleg¬ 
ziffer der öffentlichen Anstalten und trotz deren so¬ 
fortiger Ausfüllung durch Kranke andrerseits, keine 
Abnahme ihrer geisteskranken Pfleglinge, sondern gegen- 
theils auch in den letzten Jahren einen regel¬ 
mässigen Zuwachs von 22 pro Jahr nach dem 
Jahresschlussbestande erfahren haben. Diesen Zuwachs 
dürfen wir sicher auf die ungenügende Plätzezahl in 
den öffentlichen Anstalten, auf ihre Ueberfüllung 
zurückführen. Er ist ein Zeichen der Rück¬ 
st a u u n g. 

Angesichts dieser Lage könnte es nun scheinen, 
als ob die staatliche Fürsorge hinter den Anforderungen 
der Zeit zurückgeblieben sei. Vergleichen wir aber 
mit dem Anwachsen der Kranken in den Anstalten, 
wie wir es vorstehend geschildert haben, die An¬ 
strengungen des Staates in der Beschaffung neuer 
Anstaltsplätze, so erhalten wir für die letzten 15 Jahre 
das Bild einer enorm gesteigerten Thätigkeit gegen¬ 
über den diesen vorhergegangenen 15 Jahren, sowie 
überhaupt allen früheren Zeitperioden gegenüber. 

Es wurden nämlich, während von 1870—1877 
die Anstaltsplätze auf derselben Zahl 1000 stehen 
blieben und bis 1885 nur bis 1205 stiegen, also in 
diesen ersten 15 Jahren nur um 205 (= 14 im 
Jahr) vermehrt wurden, in den nun folgenden 15 Jahren 
von 1886—1900 in den Staatsanstalten theils durch 
Neubauten (besonders Emmendingen), theils durch 
administrative Mehrung der Betten in bestehenden 
Räumen, im Ganzen 1190 neue Plätze zur Verfügung 
gestellt; das sind im Jahr 79 Plätze, also das Fünf- 
bis Sechsfache des früheren Satzes. Die Thatsache, 
dass das Anwachsen des Krankenstandes (77 in jedem 
der letzten 15 Jahre — siehe oben —) im Ganzen mit 
dieser Beschaffung neuer Plätze (79 für das Jahr) 
gleichen Schritt gehalten hat, beweist uns aber zugleich 
die Nothwendigkeit dieser Plätzebeschaffung aufs Ein¬ 
dringlichste. 

Diese enorm erhöhte Anforderung an die An¬ 
staltsversorgung der Irren geht nun aber über das 
Verhältniss der Bevölkerungszunahme weit hinaus, 

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113 


wenn diese selbstverständlich auch eines der mitbe¬ 
dingenden Momente gewesen sein muss. Während 
nämlich die Bevölkerung des Landes in den letzten 
15 Jahren um 16,6 °/ 0 der Bevölkerungszahl vom Jahre 
1885 zunahm, betrug die nothwendig gewordene 
Mehrung der Anstaltsplätze gegen den Stand derselben 
vom Jahre 1885 beinahe 100 °/ 0 . 

Es muss also schon von früher her ein erhebliches 
unerfülltes Maass von „Anstaltsbedürftigkeit“ in der 
Bevölkerung, d. h. unter den im Lande zurückge¬ 
haltenen Geisteskranken bestanden haben, welches zu 
dieser übergreifenden Besitznahme der neugeschaffenen 
Plätze drängte und den gesteigerten Anspruch an die 
Anstalten weit über das Verhältniss zur Steigerung 
der Population hinaus verursachte. Und auch jetzt 
noch hält trotz dem Neubau von Emmendingen mit 
1000 Plätzen, trotz Beibehaltung eines sogar noch 
erweiterten Pforzheim der Zudrang zu den Anstalten 
in gleicher Stärke an. 

Freilich erklärt sich dieser für die neueste Zeit 
direct und wesentlich auch noch aus den Ergebnissen 
der Volkszählung resp. aus der gerade in den letzten 
Volkszählungsperioden noch viel rapider wie früher 
ansteigenden Volkszahl selbst. Während diese Zu¬ 
nahme nämlich noch von 1880—1885 nur 31001 
Personen oder 1,97 °/ 0 des Vorbestandes betrug, 
haben wir seither (1885 — 1890) 56612 oder 3,54 °/ 0 
und 1890—1895 eine Steigerung von 67597 oder 
von 4,08% und nun gar für 1895—1900 eine Zu¬ 
nahme von 142480 Einwohnern oder um 8,3 °/ 0 
erfahren. Letztere Zahl ist das Vierfache der früheren 
Zunahmen und noch mehr als das Doppelte der bei 
der unmittelbar vorhergehenden Volkszählung festge- 
gestellten. Ein derartiges Ansteigen muss sich natürlich 
auch in einer Mehrung der Geisteskranken und in 
einer Steigerung der Anforderungen an die Anstalts¬ 
versorgung derselben geltend machen. 

Die vorstehend gegebene geschichtliche Entwickelung 
erweist aber auch ein Weiteres, was ebenso als Resultat 
der Vergangenheit gelten, wie als Lehre für künftig 
dienen kann. Die Erfüllung des Bedürfnisses durch 
Neuschaffung von Plätzen ist der Anforderung an 
solche jeweils erst lange nachgefolgt. 

Aus diesen Zahlen, wenn wir sie nicht nur richtig 
verstehen, sondern auch beherzigen wollen, ergiebt 
sich darum bezüglich der Zukunft der zwingende 
Schluss, dass nur eine noch höher gesteigerte 
Beschaffung von Anstaltsplätzen dem theils 
zurückgehaltenen, theils stetig anwachsenden Bedürf¬ 
nisse wird genügen können; sollen doch unsere Er¬ 
wägungen und Reformvorschläge der sicher kommen¬ 
den Forderung der nächsten und näheren Zukunft 

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nicht minder gerecht werden, als der Nothlage der 
Gegenwart. 

Sind nun auch in unseren vorstehenden, der that- 
sächlichen bisherigen Entwicklung der Anstaltsver¬ 
sorgung entnommenen Aufstellungen bereits die An¬ 
forderungen der Zukunft und der jeweiligen Be¬ 
völkerungszunahme neben den schon zur Zeit hervor¬ 
tretenden und zum Theil aus der Vergangenheit 
stammenden Bedürfnissen in der Irrenversorgung be¬ 
reits enthalten, so steht doch weiterhin ausser Frage, 
dass, wenn einmal die bisher noch ausstehenden 
Forderungen an die Anstaltsversorgung der Irren 
erfüllt, d. h. wenn die geplanten neuen Anstalten 
fertig gestellt sein werden und die bis dahin nicht 
genügend versorgten, im Lande zurückgehaltenen 
Irren mehr • und mehr der geordneten Anstaltsbe¬ 
handlung zugeführt werden können — dass dann 
die jeweilige Bevölkerungszunahme für sich allein 
immer wieder neue Plätze in den Anstalten, je nach 
der Stärke ihres Fortschreitens fordern wird. Sie 
wird für jene fernere Zukunft das wirksamste Moment 
für die Weiterentwickelung des Anstaltswesens und 
für das Maass des Plätzebedarfs in der Bevölkerung 
werden. 

Wenn wir uns nun nach einem Maassstabe für 
die Befriedigung des Bedürfnisses an Anstaltsplätzen 
mit Rücksicht auf die jeweilige Bevölkerungszunahme 
urasehen, so dürfen wir uns die neuesten statistischen 
Untersuchungen auf diesem Gebiete zu nutze machen. 
Auf Grund eingehender, vergleichender Betrachtungen 
der Irrenversorgungsverhältnisse in den einzelnen 
Ländern sind namhafte Vertreter unseres Fachs zu 
dem Ergebnisse gelangt, dass eine irgendwie aus¬ 
reichende Irren Versorgung eines Landes nicht gewähr¬ 
leistet werden könne, so lange nicht für Zwecke der 
AnstaltsVersorgung 2 Plätze in eigentlichen Irren¬ 
anstalten auf 1000 Menschen der Bevölkerung 
kommen. Erst wo dieses Verhältniss zutreffe, könne 
von einer Befriedigung der hauptsächlichen Bedürf¬ 
nisse der Irrenfürsorge und einer Bewältigung des 
Zudrangs von Kranken zu den Anstalten gesprochen 
werden. Andere gehen über diese Forderung noch 
weit hinaus auf ein Verhältniss von 3 : 1000 und 
sogar 5 : 1000. 

Wenn wir die erstere Proportion 2 : 1000 auf die 
künftig bei uns zu erwartende Bevölkerungszunahme 
anwenden wollen, so kommen wir mit Zuhilfenahme 
einer nach den für die Bevölkerungsstatistik maass¬ 
gebenden Regeln der geometrischen Progression vorge¬ 
nommenen, schätzungsweisen Berechnung zu folgenden 
Resultaten: 

Bis zum Jahre 1905 hätten wir zu rechnen mit 

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einer Bevölkerungszunahme von ungefähr 80000; für 
diese wäre nach dem obigen Verhältnisse eine Ver¬ 
mehrung der Irrenanstaltsplätze um 160, d. h. pro Jahr 
um 33 vorzunehmen. Für die Zeit von 1905—1910 
wäre die Bevölkerungszunahme ungefähr 86000 und die 
für diese einzustellende Zahl von Anstaltsplätzen wäre 
172 oder pro Jahr 34. Die gleiche Rechnung für 
das Lustrum 1910—1915 ergäbe eine Bevölkerungs¬ 
zunahme von 92000 und einen entsprechenden Zu¬ 
wachs der Anstaltsplätze um 184 oder pro Jahr um 37. 

Ebenso wäre für die Zeit von 1915—1920 und 
die anzunehmende Bevölkerungszunahme von etwa 
95000 eine entsprechende Plätzezahl von 190 oder 
für das Jahr 38 Plätze anzusetzen. 

Mit diesen und ähnlichen Zahlen, die eher zu 
klein als zu gross bemessen sein dürften und wohl, 
wie die Bevölkerungszunahme selbst, sicher mit der 
Zeit noch ansteigen werden, hätten wir als einfachen 
Resultanten aus dem jährlichen Anwachsen der Be¬ 
völkerung also auch nach Erstellung der neuen An¬ 
stalten noch weiterhin in der Irrenversorgung als einem 
bleibenden, treibenden Factor zu rechnen. 

Wenden wir nun einmal, w*enn auch nicht, um 
daraus für unser Programm bindende Schlüsse zu 
ziehen, sondern lediglich eines Vergleichs mit den 
thatsächlich bei uns bestehenden Verhältnissen halber, 
die obige Forderung der Irrenärzte d. h. die Pro¬ 
portion von 2 Anstaltsplätzen auf 1000 Einwohner 
auf den gegenwärtigen Stand der Bevölkerung von 
1867944 Einw r ohnem an, so ergäbe sich daraus ein 
Bedarf von 3736 Plätzen in eigentlichen 
Irrenanstalten. Davon bestehen in Wirklichkeit 
2395 Plätze in staatlichen und 707 in privaten 
Irrenanstalten; die letzteren sind übrigens vor¬ 
wiegend für die Versorgung jugendlicher Schwach¬ 
sinniger, Idioten und Epileptiker bestimmt. 

Aber selbst mit Hinzunahme dieser 707 gelangen 
wir nur auf eine Summe von 3102 Plätzen und 
blieben somit hinter der Forderung von 3736 um 634 
zurück; statt auf 2 : 1000 ständen wir auf der Pro¬ 
portion 1,66 : 1000. 

Aus diesen Zahlen d. h. dem Fehlen von 634 
Plätzen in der gegenwärtigen Anstalts-Irrenversorgung, 
bei Annahme des als nöthig befundenen Verhältnisses 
von 2 : 1000, verstehen wir nun erst vollkommen den 
fortwährenden, unverminderten Zudrang zu den An¬ 
stalten, trotzdem, wie oben gezeigt, vom Staate in den 
letzten 15 Jahren bedeutend mehr Plätze (um mehr 
als das Sechsfache), als der Zunahme der Bevölkerung 
allein entsprach, geschaffen worden sind. 

Suchen wir nun aber dieses bereits bestehende 
Manquo von 634 abzutragen unter gleichzeitiger Be- 

Üriginal fram 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


1902.J 


rücksichtigung auch der kommenden Bevölkerungszu¬ 
nahme nach dem gleichen Gesichtspunkte, so erhalten 
wir folgendes Ergebniss: 

Bis zum Jahre 1905 betrüge, nach der bisherigen 
Progression gerechnet, die Gesammtbevölkerung un¬ 
gefähr 1947000; die Plätzeanzahl hierfür in Irren¬ 
anstalten nach dem Verhältnisse 2 : 1000 wäre 3894 
oder, wenn wir einmal den Stand der Plätze in den 
Privatirrenanstalten mit 707 als gleichbleibend an- 
nehinen, gegen den jetzigen Bestand ein Mehr von 
792, resp., wenn man die ganze Last der Plätzebe¬ 
schaffung auf diese 5 Jahre häufen würde, eine Be¬ 
reitstellung von 158 neuen Plätzen auf jedes der 5 
Jahre. 

Bis zum Jahre 1910 mit einer wahrscheinlichen 
Landesbevölkerung von dann 2033000 wäre die ent¬ 
sprechende Plätzezahl 4066 d. h. gegen jetzt ein Mehr 
von 964, resp., gleichfalls auf das einzelne der 10 Jahre 
berechnet, eine Anforderung von 96 Plätzen jährlich. 

Auf das Jahr 1915 mit einer approximativen 
Bevölkerung von 2 125000 betrüge die Plätzezahl 
4250 oder gegen jetzt 1148 mehr, resp. auf das 
einzelne dieser 15 Jahre 76,5 Plätze. 

Für das Jahr 1920 schliesslich berechnet, ergäbe 
die Bevölkerung von dann etwa 2 220000 eine Forde¬ 
rung von 4440 Anstaltsplätzen, d. h. gegen jetzt 1338 
Plätze mehr; für jedes dieser 20 Jahre wären somit 
1338: 20 = 67 neue Plätze zu erstellen. 

Aus der vorstehenden Berechnungsweise, welche, 
wie gesagt, einfach die Anwendung des nach stati¬ 
stischen Untersuchungen gefundenen Mindestsatzes von 
2 : 1000 in der Irren Versorgung auf die gesammte gegen¬ 
wärtige und künftige Bevölkerung also einschliesslich 
der nach Regeln der Statistik anzunehmenden Pro¬ 
gression bedeutet, ergiebt sich nun zur Evidenz, dass 
der früher aus den thatsächlichen Entwicklungsmomenten 
unsres Anstaltswesens gewonnene und als maassgebend 
auch für die Zukunft erwiesene Ausdruck des jährlichen 
Mehrbedürfnisses an Anstaltsplätzen, nämlich die Zahl 
80, von den hier erhaltenen Zahlen weit überholt 
wird; wir kommen auf 158 Plätze pro Jahr, wenn 
wir die nach dem Satze von 2 : 1000 bereits fehlenden 
und die der Bevölkerungszunahme bis 1905 entsprechen¬ 
den Plätze Zusammenlegen und dann das Ergebniss 
auf die nächsten 5 Jahre vertheilen, und auf 96 pro 
Jahr zu beschaffende Anstaltsplätze bei der gleichen 
Vertheilung auf 10 Jahre. 

Erst dann können wir unsere Zahl 80 mit den 
hier aufgestellten Forderungen in Einklang bringen, 
wenn wir die Lasten zugleich auf volle 13—14 Jahre 
gleichmässig vertheilen, d. h. auf solange hinaus eine 
jährliche Neubeschaffung von 80 Anstaltsplätzen fest- 

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115 


legen würden. Erst nach dieser Erfüllung, also nach 
1914, w'ären wir auf einem Satze von 2 Anstaltsplätzen 
auf 1000 Einwohner angelangt und würden damit 
in der Irren Versorgung eine ruhigere Zeit, resp. ein 
Anwachsen des Plätzebedarfs allein nach den Be¬ 
dürfnissen der Bevölkerungszunahme d. h. um 37—40 
Plätze jährlich anzunehmen haben. 

Bei dieser ganzen Berechnung haben wir aber 
den Ersatzbau für die alte Pforzheimer Anstalt (650 
Plätze), sowie die Behebung der Ueberfüllung der übrigen 
Anstalten (160 Plätze) noch ganz ausser Acht gelassen. 
Selbstverständlich ist auch diese Schuld noch abzu¬ 
tragen resp. auch diese 810 Plätze in die Summe des 
Bedarfs aufzunehmen. Würden wir die Abtragung 
etwa auf 10 Jahre vertheilen, so hätten wir bis 1910 
statt der obigen 964 nun 1774 neue Plätze zu 
schaffen oder auf 1 Jahr statt 96 nun 177. 

Die Last auf 20 Jahre vertheilt, ergäbe statt der 
obigen 1338 bis zum Jahre 1920 2148 neue Plätze 
oder aufs Jahr statt 67 nun 107, also beidemal be¬ 
deutend mehr als nach der obigen Berechnung und 
auch nach dem Jahre 1920 noch mehr als unsere 
Zahl 80. 

Wenn wir aber nun einmal einerseits für den 
Ersatz dieser 810 Plätze keinen bestimmten Zeitpunkt 
ansetzen und andererseits mit dem jährlichen Satze 
des Plätzemehrbedarfs nicht über die Zahl 80 hinaus¬ 
gehen wollten, so müssten wir, um alle Rückstände 
mit Einschluss der 810 Plätze abzutragen und zu¬ 
gleich die neu auftretenden Bedürfnisse zu be¬ 
friedigen, die Zahl 80 auf ungefähr 33—34 Jahre 
hinaus festlegen d. h. auf solange immer wieder 80 
neue Plätze pro Jahr bereitstellen. Erst nach dieser 
Zeit würde die Bevölkerungszunahme allein maass¬ 
gebend für die fernere Bereitstellung neuer Plätze 
werden. 

Man ersieht daraus, zu welchen Resultaten wir 
gelangen, wenn wir nur das mindeste der heutigen 
Tages von den Irrenärzten aufgestellten Postulate an 
die Plätzeverhältnisse in der Anstaltsversorgung der 
Irren in Ansatz bringen. 

Eine Berechnung nach dem Prozentsätze 3 : 1000 
oder gar 5: rooo ergäbe natürlich noch bedeutend 
höhere Anforderungen. 

Wir kehren aber von diesem Excurs, welcher einen 
Einblick in die von der praktischen Psychiatrie nach 
einschlägigen, gründlichen Untersuchungen aufgestellten 
Forderungen geben sollte, zu unserer, unter Punkt 
2 und 3 gegebenen Darstellung der thatsächlichen 
Entwicklung des badischen Anstaltswesens in den 
letzten 15 und 30 Jahren und des sich daraus für 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. io. 


116 


die Zukunft aufdrängenden Bedürfnisses an die Anstalts¬ 
versorgung der Irren zurück. 

Wir haben dort aus dreifacher Berechnung die 
Zahl 80 als ganz realen Ausdruck für die jährliche 
Anforderung an neuen Plätzen in Irrenanstalten ge¬ 
funden und dieselbe aus der Vergangenheit auch in 
die nächste Zukunft als übertragbar betrachtet, und 
zwar deshalb, weil eben die gleichen Verhältnisse, 
welche die seitherige Steigerung des Plätzebedarfs 
hervorriefen, als treibende Kräfte noch jetzt wirksam 
sind, indem erwiesenermaassen der gleiche Andrang 
von Kranken aus dem Lande zu den Anstalten noch 
fortbesteht und manche unbefriedigte Ansprüche an 
die Irrenversorgung noch zu tilgen sind. 

Wir haben des weiteren gesehen, dass dieser Zahlen¬ 
ausdruck durchaus kein übermässig hoher ist, sondern 
im Gegentheil ein Mindestmaass des Bedürfnisses dar¬ 
stellt und dass erst bei regelmässiger Beschaffung dieser 
Plätzezahl durch eine Reihe von Jahren hindurch ein 
Nachlass der Anforderungen eintreten kann, während 
andrerseits in der fortwährenden Bevölkerungszunahme 
allein an und für sich ein gleichmässig treibendes 
und immer wieder neue Plätze bedingendes Moment, 
wenn auch in gemässigterem Grade (nach Obigem 
handelt es sich um eine steigende Ziffer von 
33—37 u. s. w. neuen Plätze pro Jahr) erhalten 
bleiben wird. 

Mit der Gesammtheit unserer bisherigen Dar¬ 
legungen dürfen wir aber hoffen, den überzeugenden 
Nachweis erbracht zu haben, dass wir dieses Maass 
von für ein Jahr neu zu beschaffenden 80 
Anstaltsplätzen als vollberechtigte und wohl 
fundämentirte Forderung in unser Programm 
aufnehmen dürfen, wenn anders dasselbe in gleicher 
Weise den Verhältnissen der Gegenwart wie den 
Ansprüchen, die die nächste Zukunft stellen wird, 
gerecht werden soll. 

Mit ihrer praktischen Ausführung wird man 
wenigstens im Laufe der Jahre das Ziel, dem unser 
heisses Bemühen gilt, erreichen können. 

Aus dem Vorausgehenden aber dürfte des Weiteren 
zu erkennen sein, dass es einen eigentlichen Stillstand 
in der Anstaltsentwicklung, die ein Kind der aktuellen 
Zeitverhältnisse ist und mit diesen, wie im Besonderen 


mit der Bevölkerungszunahme, Schritt halten muss, nicht 
giebt und nicht geben kann. Wohl aber wird sie in 
ein ruhigeres Fahrwasser gelangen, je mehr wir die 
Aufnahmekapazität der Anstalten und zwar der wirk¬ 
lichen Irrenanstalten, einem gewissen Sättigungspunkt, 
wie er etwa in dem Verhältniss von 2 Anstalts¬ 
plätzen : iooo Einwohnern gegeben zu sein scheint, 
nähern werden. 

Nach dem Gesagten und wenn wir nur mit einer 
ganz allmählichen Einlösung unserer dringendsten Desi- 
derien rechnen, kommen wir somit zu dem Resultate, 
dass: 

1. für den Ersatz von Pforzheim 650 neue 
Plätze anzusetzen sind, 

2. zur Hebung derzurZeit in den staat¬ 
lichen Anstalten bestehenden Ueber- 

füllung 160 neue Plätze und 

3. zurErfüllung der nächsten Zukunfts¬ 
wünsche pro Jahr ein Zuwachs von 80 
Plätzen, d. h. 

bis 1905 = 400 Plätze mehr 

,, 1910 = 800 ,, ,, 

„ I915 = 12(30 

in staatlichen Anstalten erforderlich sein werden. 

Mit Hinzunahme der unter 1 und 2 normirten 
810 Plätze wären somit 


bis 

1905 neu 

zu 

schaffen 

1210; 

» 

1910 „ 

*> 

ft 

IÖIO; 

t » 

1915 » 


tt 

2010; 


1920 „ 

» 

rt 

2410 Plätze. 


Mit der Erfüllung dieser Anforderungen würde 
man dem Bedürfnisse in weitgehender Weise gerecht 
werden und auch der oben aufgestellten psychiatrischen 
Berechnung ziemlich nahe kommen. 


Damit beschliessen wir unsere Darlegungen. Wir 
haben dieselben hier nochmals zum Abdruck bringen 
wollen, weil wir glauben, dieselben könnten allgemeiner 
für die Feststellung der Bedürfnisse der Irren Versorgung 
auch in andern Ländern und Bezirken von Interesse 
werden. 

Der Redaktion der Zeitschrift bleiben wir für den 
zur Verfügung gestellten Raum zu lebhaftem Danke 
verpflichtet. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


1 u n g e n. 

(Bei der rückständigen Auffassung, welche massgebend 
sein wollende Berliner „Autoritäten“ in der Alcoholfrage 
haben, überrascht uns das garnicht. Red.) Die Anstalt 
„Waldfrieden“ ist eine Wohlfahrtseinrichtung des Be¬ 
zirksvereins gegen den Missbrauch geistiger Getränke 
für Berlin und Umgegend. (Vorsitzender unser Herr 
Mitherausgeber Geh. Med.-Rath Prof. Dr. Guttstadt- 
Berlin.) Die Oberleitung der Anstalt führt Stadtrath 
Dr. med. Wald Schmidt, Arzt der Anstalt ist Dr. 
Jacke. Eine kurze Beschreibung der Anstalt führt 
Folgendes aus: „Demnach (d. h. wegen des Characters 


— Die Trinkerheilstätte „Waldfrieden“ bei 
Fürstenwalde a. Spree, welche am 31. December igoi 
ihr erstes Betriebsjahr vollendete, hat ihren ersten 
Bericht ausgesendet. Es wurden bis dahin (Eröffnung 
im Juli 1900) 86 Kranke aufgenommen, davon 63 
entlassen, nämlich 22 geheilt, 12 gebessert, 17 un- 
geheilt; 8 wurden wegen ihres Verhaltens gegen die 
Hausordnung entlassen, 1 wegen Siechthums in ein 
Krankenhaus, einer in eine Irrenanstalt; einer kehrte 
in die Anstalt zurück. Obgleich alle Aufgenommenen 
ausnahmslos beim Eintritt sofort abstinent gehalten 


wurden, brach doch bei keinem das Delirium aus; 
dabei wurden fast alle direct von der Strasse her, zum 
Theil in einem unglaublichen Zustande eingeliefert. 
Mehrere der Entlassenen haben sich naehgewiesener- 
massen bereits länger als ein Jahr vollständig frei 
von Alcohol gehalten. Leider verliessen manche 
Patienten vorzeitig gegen ärztlichen Rath die Anstalt; 
Mittel, einen Trunksüchtigen in letzterer zurückzuhalten, 
giebt es nicht, und in den beiden Fällen, wo es 
wegen bereits erfolgter Entmündigung möglich gewesen 
wäre, war es nutzlos, denn diese Fälle waren unheilbar. 
Weise Gesetzgebung! Auch wird beklagt, dass die 
Verwaltungen bezw. Armendirectionen noch zu wenig 
oder garnicht von der Anstalt Gebrauch machen. 
„Gleichfalls erfolglos und auch ohne Antwort 
blieben unsere Gesuche an die Directioncn 
säm mtlichcr Krankenanstalten Berlins“. 


der Wohlfahrtseinrichtung) kommen Einnahmen, die 
dem Unternehmen zufliessen, der Anstalt und ihren 
Pfleglingen zu Gute, etwaige Ueberschüsse der Betriebs¬ 
kosten werden für Freibetten oder zur Unterstützung 
hilfsbedürftiger Familien der Kranken oder dieser selbst 
nach ihrer Entlassung verwendet werden. 

Die Anstalt ist für solche männliche Kranke be¬ 
stimmt, deren Zustand Heilung, also die Wiederer¬ 
langung ihrer geistigen und körperlichen Kräfte, sowie 
ihrer früheren Erwerbsfähigkeit erhoffen lässt. 

Die ärztliche Ueberwachung und Behandlung der 
Kranken ist ausreichend vorgesehen; ebenso ist für 
die seelsorgerischc Thätigkeit in der Heilstätte gesorgt. 

Die Heilstätte ist 3 Kilometer von Fürstenwalde 
(Vorortstation zwischen Berlin und Frankfurt a. d. 
Oder, von hier wie dort in ca. 40 Minuten zu er¬ 
reichen) an der Chaussee nach Steinhöfel gelegen. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. io. 


Auf dem 43 V 3 ha oder 170 Morgen grossen Grund¬ 
stück ist ein Hauptgebäude neu erbaut, welches nach 
Norden, der Chausseeseite, durch einen breiten Wald¬ 
streifen gedeckt ist, nach Südost einen prächtigen 
freien Blick auf die in weitem Umkreise mit Wald 
begrenzten Aecker und Wiesen bietet. Die Lage ist 
durch ihre völlige Abgeschlossenheit bei relativ leichter 
Erreichbarkeit für den Zweck der ärztlichen Behand¬ 
lung von Trunksüchtigen eine besonders günstige zu 
nennen. Das Ganze bietet einen reizvollen Land¬ 
aufenthalt. 

Das Anstaltsgebäude liegt mit seiner Längsachse 
von Nordost nach Südwest, also mit seinen Breit¬ 
seiten nach Südost und Nordwest; die erstere bildet 
die Hauptfront, während der Haupteingang an der 
Nordwestseite sich befindet. Es enthält in Folge dieser 
Lage keinen Raum, der nicht dem directen Sonnenlicht 
zugänglich ist. Der Bau ist im Ziegelrohbau ausgeführt 
und besitzt ein Kellergeschoss, ein Erd- und ein Ober¬ 
geschoss. Das Kellergeschoss, das übrigens ganz zur 
ebenen Erde liegt, enthält die Wohnung des Hausvaters, 
2 Dienstbotenzimmer, die Küche, die Vorrathsräume, 
den gemeinschaftlichen Speisesaal und das Billardzimmer. 
Das Erdgeschoss enthält einen Aufenthaltsraum mit 
grosser gedeckter Veranda, ein Bureau, ein Warte¬ 
zimmer, 2 Arztzimmer, 6 Krankenzimmer mit je 3 
Betten und 3 Krankenzimmer mit je 1 Bett. In dem 
Obergeschoss befinden sich 3 Einzelzimmer, 7 drei- 
bettige und ein fünfbettiger Krankenraum mit grosser 
Terrasse. In jedem der beiden Stockwerke befinden 
sich Closet, Bade- und Wirthschaftsraum, wie je ein 
Zimmer für 2 Wärter. Die einzelnen Stockwerke 
sind durch ein breites Treppenhaus mit einander ver¬ 
bunden. Das Ganze wird von einem grossen Boden 
überdeckt. In den Einzelzimmern beträgt der Luft¬ 
raum mindestens 35 Kubikmeter; in den mehrbettigen 
Räumen kommen mindestens 27 Kubikmeter Luft¬ 
raum auf ein Bett. Die Heilstätte kann 50 trunk¬ 
süchtige Männer aufnehmen. 250 Meter entfernt vom 
Hauptgebäude und mit diesem durch einen Weg ver¬ 
bunden liegt das Wirtschaftsgebäude, das ebenfalls 
in Ziegelrohbau errichtet ist. Der das Grundstück 
begrenzende eigene Wald und die sich anschliessenden 
Gemeindewaldungen bieten der Anstalt nicht nur 
Schutz, sondern auch andere Annehmlichkeiten, sodass 
die Lage der Anstalt hervorragend gesund und schön 
genannt werden kann. 

— Die diesjährige Versammlung des Vereins 
nordostdeutscher Psychiater findet am 7. Juli 
in Danzig statt. 

— Der Resolution des deutschen Reichstags, die 
verbündeten Regierungen zu ersuchen, baldigst einen 
Gesetzentwurf vorzulegen, welcher die Grundsätze 
feststellt, wodurch die Aufcnthaltsverhältnisse und die 
Aufnahme von Geisteskranken in Irrenanstalten, 
sowie die Entlassung aus denselben reichsgesetzlich 
geregelt werden, hat nunmehr der Bund esrath zu¬ 
gestimmt, was wir mit besonderer Freude begrüssen. 

— Berlin. Die städtische Deputation für die 
Irrenpflege beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung 
mit dem Anträge zwei neue Irren-Anstalten zur Auf¬ 
nahme pflegebedürftiger Kranker zu errichten. Vor 


einigen Jahren genügte für Berlin die Anstalt Dalldorf 
noch vollständig zur Aufnahme der städtischen, einer 
Anstaltspflege bedürftigen Kranken. Als sich dann 
eine Zunahme dieser Kranken bemerkbar machte, 
wurde Dalldorf, wo jetzt durchschnittlich rund. 3000 
Irre und Idioten behandelt werden, vergrössert und 
Herzberge gebaut. Auch diese Anstalt, die sich in 
Lichtenberg befindet, musste bald vergrössert werden. 
Es werden dort durchschnittlich rund 1800 Kranke 
behandelt, davon befinden sich stets eine geringere 
Zahl in Familienpflege und in Privatanstalten. Eine 
dritte, bedeutend grössere Anstalt ist in Buch an der 
Stettiner Eisenbahn im Bau begriffen. Sie geht in 
nächster Zeit ihrer Vollendung entgegen. Da sich in 
der letzten Zeit die Anmeldungen geisteskranker, einer 
Anstaltspflege bedürftiger Personen vermehrt haben 
und eine Abnahme kaum zu erwarten ist, so hat die 
Deputation für die städtische Irrenpflege beschlossen, 
den Gemeindebehörden den Bau von zwei neuen 
Irren-Anstalten vorzuschlagen und diesen Antrag damit 
zu begründen, dass die Irrenanstalt Buch nicht genügt, 
auf Jahre hinaus die steigende Zahl von geisteskranken 
und pflegebedürftigen Personen aufzunehmen. 

— München. Nach dem Vorbild der in Berlin, 
Augsburgerstrasse 62 und Lessingstrasse 46, unter 
Aufsicht der Herren Geheimräthe Prof. Dr. Eulenburg 
und Ewald neuerrichteten Institute für Behandlung 
von Nervenkrankheiten, ist nunmehr auch in München 
eine Station vorgesehen, die, unter Aufsicht des Herrn 
Universitätsrath Prof. Dr. Jos. von Bauer, von den 
Nervenärzten Drs. F. C. Müller und Hoeflmeir geleitet 
wird. Das Institut wird in dem neuen Sanatorium 
von Dr. Ammann, Königinnenstrasse 14, untergebracht 
werden. 

— Königsberg. Eine neue Nervenheil-Anstalt 
wird demnächst in dem idyllisch gelegenen ehemaligen 
Adl. Gut Speichersdorf, dessen herrliche Parkanlagen 
wie dazu geschaffen sind, eröffnet werden. Der zeitige 
Besitzer des Grundstücks und Erbauer der Anstalt 
ist Director Nischik. Für die Stelle des technischen 
Directors ist, wie wir hören, eine Kapazität auf dem 
Gebiete der Nervenheilkunde, Dr. Steinert gewonnen 
worden. Die Bauleitung befindet sich in den Händen 
des Baumeisters Pflaum hier, aus dessen Atelier auch 
die Pläne für die umfangreiche Anlage hervorgegangen 
sind. Die Anlage und Einrichtung der Anstalt soll 
in jeder Hinsicht den Ansprüchen der Neuzeit Rechnung 
tragen und sie wird mit allem Komfort ausgestattet 
werden. 

— Ein verhungerter Geisteskranker. Zu 

Beginn dieses Jahres ist in . einem oberpfälzischen 
Dorfe ein Ortsarmer verhungert. Die Angelegenheit 
bildete den Gegenstand einer Verhandlung vor der 
Strafkammer in Amberg. Ueber den Sachverhalt be¬ 
richten die „Berl. Neuest. Nachr.“ folgendes: Die Ge¬ 
meinde des Pfarrdorfes Neukirchen bei Schwandorf 
besass einen epileptischen, geistesschwachen Orts¬ 
angehörigen, den zwanzigjährigen Max Graf. Dieser 
war bis vor kurzem in der Anstalt Reichenbach ge¬ 
wesen. Dann aber erschien der Gemeinde der jähr¬ 
lich aufzuwendende Unterstützungsbeitrag von 200 
Mark zu hoch. Der junge Mann wurde aus der 


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Original frnm 

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1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Anstalt genommen und ins Ortsarmenhaus geschafft. 
Damit glaubte man aber genug gethan zu haben. 
Der arme hülflose Geistesschwache wurde, obwohl 
er sich nicht einmal mehr selbst bedienen konnte, 
seinem Schicksal überlassen. Niemand kümmerte sich 
um ihn, weder seine Mutter noch die einzige Mitin¬ 
sassin des Armenhauses, eine ortsarme ältere Frau, 
noch die Gemeindebehörden. Es soll nicht einmal 
ein Lager für ihn vorhanden, noch weniger aber 
trotz der Winterkälte für Heizung gesorgt gewesen 
sein. Weithin schallten in den ersten Tagen des 
neuen Jahres die Jammerrufe des Bedauemswerthen, 
aber auch das veranlasste niemand, sich seiner anzu¬ 
nehmen. Schliesslich verstummten die Klagen des 
armen Menschen. Er wurde eines Tages, in einem 
Winkel des Armenhauses zusammengekauert, todt 
aufgefunden. Er war verhungert. Die Gemeinde 
wollte ihn kurzer Hand beerdigen. Da erschien infolge 
einer bei der Gendarmerie erfolgten Anzeige eine 
Gerichtscommission im Orte und nahm eine Unter¬ 
suchung vor. Die Obduction der Leiche durch den 
Landgerichtsarzt ergab, dass der Magen vollständig 
leer gewesen war; in den Eingeweiden fanden sich 
Ueberreste von Tuch und Getreidekörnern vor. Beide 
Beine waren erfroren. Der Körper war zu einem 
Skelett abgemagert und mit Ungeziefer bedeckt. 
Infolgedessen hat die Staatsanwaltschaft gegen die 
für das Vorkommniss verantwortlichen Personen, 
denen die Fürsorge für den völlig hülflosen Menschen 
oblag, Anklage wegen fahrlässiger Tödtung erhoben, 
und zwar gegen den Pfarrer Bergler, den Bürger¬ 
meister des Ortes, den früheren Centrumsabgeordneten 
im bayerischen Landtage, Martin Lautenschlager, den 
Armenpflegschaftsrath Trettenbach, den Ortsführer 
Moritz und den Gemeindediener Kagerer. Die Straf¬ 
kammer hat den Pfarrer Bergler zu acht Tagen Ge- 
fängniss, den Bürgermeister Lautenschlager zu drei 
Monaten und den Armenpflegschaftsrath Treffenbach 
zu einem Monat Gefängniss verurtheilt Der Orts¬ 
führer Moritz und der Gemeindediener Kagerer wurden 
freigesprochen. 


Referate. 

— The Journal of Mental Science. April 
I qo i. (Schluss.) 

Joseph Shaw Bolton bringt eine sogenannte vorläu¬ 
fige Mittheilung über krankhafte Veränderungen bei der 
Dementia. Er hat 6 Hinterhauptlappen mikroskopisch 
durchforscht. Hier sollen nämlich weniger grobe Ver¬ 
änderungen Vorkommen wie in den Stimlappen. Er 
fand, i) dass die Dicke der Pyramidenzellenschicht wech¬ 
selt mit dem Grade der Amentia oder Dementia, und 
2) dass die mikroskopisch nachgewiesenen krankhaften 
Veränderungen von dem Grade der Dementia allein 
abhängen, dagegen unabhängig sind von der Dauer 
der Geisteskrankheit. 

Wiglesworth erzählt einen Fall von reinem Mord¬ 
impuls. Als Direktor hatte er zwei geisteskranke Frauen 
in seinem Haushalte beschäftigt. Die H. hatte ver¬ 
schiedene Grössenideen und war eine harmlose Person. 
Die Gr., 28 Jahre alt. Rekonvaleszentin, war vor einigen 
Monaten aufgenommen worden. Sie war damals sehr 

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deprimirt, zurückhaltend, schweigsam und verrieth 
einige unbestimmte VergiftungsVorstellungen. Zur Zeit 
schien sie gesund und war schon überall in der Anstalt 
beschäftigt worden. Eines schönen Morgens wurde 
Verf. durch Gekreisch und Schreie vom Frühstück auf¬ 
geschreckt und wie er die Treppe hinaufeilte, sah er 
die Gr. auf der H. knieen und sie im Nacken mit einem 
Tischmesser bearbeiten. Er riss die Mörderin weg, 
die alsdann in einen anstossenden Gang lief. Die 
Wunde erwies sich später als tödlich, da die Vertebralis 
durchschnitten war. Einige Stunden später inquirierte 
Verf. die Gr. Er konnte keine Wahnideen und keine 
Sinnestäuschungen bei ihr nachweisen. Sie zeigte sich 
etw'as erregt, war aber in ihrem Reden vernünftig und 
zusammenhängend. Sie sagte aus, w’as sie schon vor¬ 
her der Oberwärterin gegenüber geäussert hatte, sie 
sei diesen Morgen in einer verzweifelten Stimmung 
aufgestanden und habe den unbestimmten Drang ge¬ 
fühlt, jemanden zu töten Möge kommen was wolle, 
sie müsse jemanden den Hals abschneiden. Sie habe 
nichts gegen die H. gehabt. „Das arme Ding“ thue 
ihr leid. Sie habe sie nur angefallen, weil sie ihr eben 
zuerst begegnet sei. Das Messer hatte sie sich aus 
einem Schrank zu verschaffen gewusst. Der Oberwär¬ 
terin erzählte sie noch am gleichen Abend auf ihre 
Fragen, sie habe vor 14 Tagen denselben Drang in 
sich gespürt zu töten. Sie arbeitete damals auf einem 
Korridor der Abtheilung und wusste sich ein Messer 
zu verschaffen, das sie unter der Schürze verbarg. 
Darauf lief sie einem der Dienstmädchen nach, mit der 
Absicht, es ihr in den Nacken zu stossen. Zufällig 
kam ein andres Dienstmädchen dazwischen, worauf 
sie von ihrem Vorhaben abstandund das Messer wieder 
an seinen Platz legte. Sie setzte dann ihre Arbeit fort, 
und der Drang schwand allmählich. Ein ähnlicher 
Vorfall habe sich einmal in der Küche abgespielt. Sie 
erzählte alles ganz trocken und verrieth nicht die ge¬ 
ringste Spur von Gewissensbissen. Nach 24 Stunden 
wurde sie mürrisch und schweigsam. Nach 2 Tagen 
wurde sie erregt und hysterisch und als sie vom Ge¬ 
richt verhört werden sollte, begann sic zu singen, richtete 
unverschämte Bemerkungen an einen der Zeugen, wurde 
schliesslich ohnmächtig und kümmerte sich nicht weiter 
mehr um die Vorgänge. An jenem Morgen w ar die Men¬ 
struation eingetreten. Da sie weiter s« hwatzte von 
Mord, Halsabschneiden und sehr erregt w^ar, kam sie 
nach Broadmoor. 

Eltern blutsverwandt, abnorm. Geisteskrankheiten 
in der Familie. Die Gr. hatte mit 9 Jahren mit einer 
Kanne einen Schlag auf den Kopf erhalten. Seitdem 
„Anfälle“. Ruhig, zurückhaltend, fromm. Neuralgie. 
Zeitweise Trunk. Ihr Aufenthalt schwankte zwischen 
Freiheit, Irrenanstalt, Arbeitshaus, Mädchenheim. Eine 
Oberin schilderte sie als trunk- und streitsüchtig. In 
der Irrenanstalt wechselte Schweigsamkeit mit Erregt¬ 
heit. Es fehlte ihr die Selbstbeherrschung. Manchmal 
w r ar sie gewaltthätig, zerriss, warf sich auf den Boden, 
behauptete Kinder schreien zu hören. Sie hatte auch 
schon scheinbare Selbstmordversuche gemacht. 

Verf. schliesst mit Recht, dass es sich hier um eine 
degenerierte und erblich belastete Person handle. Der 
Fall verliert aber doch etwas von seiner Kuriosität, 
wenn man bedenkt, dass der Mordimpuls durchaus nicht 

Original from 

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I 2o 


IhSYCHlATRLSGH-NFAJROLOGLSCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. io. 


als isolierte Erscheinung dastcht, ohne ursächlichen Zu¬ 
sammenhang, vielmehr lässt er sich hier in das Symp- 
tomenbild der auf degenerativer Basis beruhenden 
schweren Hysterie einreihen. Man braucht nicht mit 
Ycrf. nach dem Atavismus hinüber zu schicken, oder 
sonstige gezwungene Erklärungsgiünde zu suchen. So 
etwas würde auch kaum einem Richter einleuc hten, 
wenn es sich um einen forensischem Fall handelte. 
Der bei diesen Impulsen sich abspielende (iehirnmec ha- 
nismus bleibt uns allerdings verborgen, man kann 
eben einen solchen Fall nur an der Hand bekannter 
Erfahrungstatsachen erklären. 

Arthur Wileox beschreibt einem Fall von „akuter 
Melancholie“ bei Zwillingen. Es waren zwei ledige 
Frauenzimmer, 47 Jahre alt, ohne erbliche Belastung. 
Der Tod ihres vor kurzem verstorbenen Vaters soll die 
Ursac he ihrer Geisteskrankheit gewesen sein. Sie er¬ 
krankten fast zur selben Zeit an „akuter Melancholie“. 
Sie machten Selbstmordversuche, waren erregt und 
unruhig. Ihre Reden und Gebärden glichen einander 
auffallend. Die eine hielt sich für das schlechteste 
Weil», sie habe ihre Schwester geisteskrank gemacht. 
Die andre sc hwätzte und machte' ihr alles nac h. Thr 
Geschwätz und Benehmen war erotisc h und ohseön. 
In der Anstalt Hess man sie einige Tage beisammen, 
aber auch, als sie getrennt worden waren, war das 
Krankheitsbild bei beiden fast das gleiche. Ruhigere 
Zeiten bei Arbeit wechselten mit den geschilderten Zu¬ 
ständen. Merkwürdig an den beiden Fällen ist die 
Diagnose: „akute Melancholie“. Hysterie wäre wohl 
besser gewesen. 

Um Golgi-Präparate dauerhaft zu machen, haben 
Robertson u. Macdonaldje eine Methode'erfunden. 
Mit dem nac h der Modifikation von C'ox behandelten 
Präparaten wird so weiter verfahren: I. Nach der Meth« »de' 
von Roberts» »n : 1) Die Sc hnitte I 5 Minuten in eine ge¬ 
sättigte Lithiumkarbonatlösung legem. 2) Rasch ab- 
spi'ilcn. 3) 1—2 Tage in gleic he Theile einer 1 °/ 0 
Kaliumchlorplatinlösung und einer ic >°! u Citn »nensäure- 
lösung legen. Die Lösungen müssen frisch sein. Im 
Dunkeln aufbewahren, dann 4) 1 —2 Stunden ins 

Wasser, bei mindestens zweimaligem Wechsel der 
Wassers. 5) Dann 5 Minuten in gleic he Teile eines 
mit Jod gesättigten i°/ 0 |odkaliumlösung und Wasser, 
ü) In Wasser waschen. 7 ) 5 Minuten in ein Wasserglas 
legen bei Zusatz von 2 3 Tropfen Ammoniak. 8) 

In Wasser waschen, o) In absoluten Alke ►hol, in Benzol, 
in Benzolbalsam. Deckglas. II. Nach der Methode 
von Macdonald: Die nach Cox imprägnierten Ilewebs- 
stiieke über Nacht in eine reichliche Menge destillierten 
Wassers legen. Dann eine halbe Stunde in rektifizierten 
Spiritus. Darauf mit dem Mikrotom*.) schneiden, jedem 
Schnitt in ein Uhrglas mit rektifiziertem Spiritus legen. 
Den untern mit dem Anisöl in Berührung gekommenen 
Theil des Gewebsstückes nicht benutzen. Nun die 
Schnitte 1) aus dem rektifizierten Spiritus in destilliertes 
Wasser legen. 2) 24 Stunden in Lösung X. luncl 2. 
a ) Lösung N. 1: 1 n / 0 Kaliuim hlorplatinlösung. 
b) ., N. 2 : Unterschwefligsaures Natrium 40,5g 

1 Wo 

'*) Mit dem Mikrotom von Cathcart nach Coats’ Methode 
sehnei»len. 


Schwefligs. Natrium 23,25g ( 3 / 4 ozi 
Chlorsaures ,, 7,75 g ( l ( 4 < »z i 

Destilliertes Wasser 0.3 1 (10 Fluid- 
»uinces) 

3) Dann 2 Minuten in Salzsäure 1:80. 2— : 3mal 
wiederholen. 4) 10 Minuten in Losung X. 2. 5) Da¬ 

rauf in gleiche Theile einer 1 ü () spirituösen Jodlösung 
und destillierten Wassers, bis die Schnitte wie die 
Lösung gefärbt sind. 6) 10 Minuten in Lösung N. 2 
aufhellcn und fixieren. 7) 2 Stunden in viel destil¬ 
liertes Wasser legen. 8) In Alkohol absolutus, in Benzol, 
in Benzolbalsam, Deckglas. Die Schnitte sollen je¬ 
weils mit einem Pinsel oder Federkiel, nicht mit einem 
metallenen Instrument, herausgen«»mmen werden. — 
Kleinere Bemerkungen. 

Seit das Trunksuchtsgesetz am 1. Jan. 1899 in 
Kraft getreten ist, mac ht man sich eifrig an die Erric htung 
v»tfi Trinkerheilanstalten. Im gemannten Jahre wurden 5 
Erlaubnissscheine hierfür ertheilt. Indessen wurden im 
Laufe des Jahres nur 88 Kranke verpflegt, eine sehr 
geringe Zahl. Viele von diesen Fällen waren zwar 
nicht eigentlich geisteskrank, aber doc h Grenzfälle. 

I11 den Irrcnabtheilungen der Arbeitshäuser 
waren verschiedene Todesfälle vorgekommen, die eine 
gerichtliche Untersuchung nach sic h zogen. Das Resul¬ 
tat scheint gewesen zu sein : Nichts gewisses weiss man 
nicht. Abgesehen von Todesfällen ist das Leben in 
cliesc*n Abtheilungen reich an sogen, bedauerlichen 
Zwisc henfällen. Das Personal ist spärlic h und unaus- 
gebildet, die Aerzte haben viel zu tliun, sind schlecht 
bezahlt, keine Fachmänner, ihr Einfluss ist fast Null. 
Diese Irrenabtheilungen der Arbeitshäuser sc heinen die 
reine Ka rikatur einer modernen Irrenanstalt zu sein. 
Sie gleic hen in dieser Beziehung vielfach unsern Sie- 
chenhäusern und Kreispflegeanstalten, wo man auch alles 
mögliche und unmögliche zusammensperrt. Allerdings 
dürfen diese bei uns keine frischen Fülle autnehmen. 

In Irland will man jetzt das scheine Beispiel von 
Sc hottland nachahmen, das in Edinburgh ein C entral- 
laboratori um für seine Irrenanstalten errichtet hat. 

Da wir bei den Lesern ein grosses Interesse für 
Pensionierungen v< »raussetzen , lassem wir die Pensio- 
nierungsliste von 1 S<|2 an folgen. ( >b die meistens wegen 
ill health Peiisi» »liierten alle Direkt» »ic*n waren, können 
wir nic ht sagen, nur bei N. 7 heisst s: Assistant me¬ 
dical officc t, also Assistenzarzt. Wir gratulieren ! 



Alter 

Dic'nstzeit 

Gehalt 


Theil dc's 

Nr. 

Jahre 

Monat«' 

in Pfund 

Pension 

(ichaltes 

1 

5 b 

25 

— 

1 OC )C ) 

400 

24 / 

/t;o 

j 

üb 

4 ° 


1 250 

071 

3 - 2 / 

/KO 

5 

51 

20 

5 

1000 

880 

21/ 

/k.» 

■1 

05 

4 () 

— 

780 

8 ° 7 

31 » 

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1440 

840 

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Erscheint ieden> Sonnabend -1- s« 

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Schluss der Insrmtennnnahine 3 Tagt* vor der Ausualu*. — V 
Hevneraann’sche Jtuchdruckerei (Cicbr. WoiH) in Hall«; 


l\ 1-is« lin 1 1 /. ( li rsienj. 

’rlae von Carl Marholdin Halle a. S 

. s ungirarfrcm 


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Psychiatrisch ^Neurologisebe 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internationales Correspondenzblatt für Irrenärzte und Nervenärzte. 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervorragender Fachmänner des In- und Auslandes 

harausgegeben von 

Director Dr. K. Alt, Prof. Dr. G. Anton, Prof. Dr. Bleuler, Prof. Dr. L. Edinger, Prof. Dr. A. Guttstadt, 


(Jrhtapnnge (Altmark). 

Graz. 

Zünrh. 

Frankfurt a. M. Geh. Med.-Ratb, Barlin. 


Prof. Dr. E. Mendel 

Dr. P. J. Möbius, 

Director Dr. Morel, 


Berlin. 

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Mons (Belgien.). 


Unter Benützung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Kraschnitz (Schlasian). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr. - Adresse: Marho Id Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 2572. 

Nr. 11 . 14 - Juni. 1902. 

Oie ,,Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift“ erscheint jeden Sonnabend und kostet pro Quartal 4 Mk. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post (Katalog Nr. 6252), sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden flir die 3*paltige Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermässigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. J. Bresler. Kraschnitz (Schlesien), zu richten 

Inhalt. Originale: Ueber periodischen Wahnsinn. Von Prof. Bleuler, Burghölzli (Zürich) (S. 121). — Mitteilungen (S„ 127). 


Ueber periodischen Wahnsinn. 

Von Prof. Bleuler , Burghölzli (Zürich). 


nter dem Namen p c r i < ul i s c h e s Irresein 
fasste K rüpelin vor b Jahren eine Anzahl 
Krankheiten zusammen, deren gemeinsame Symptome 
folgende waren: Verlauf in Anfällen; in den Zwischen¬ 
zeiten keine eigentliche (progressive) Verblödung, 
wenn auch Gemüthslabilität und Neigung zu einer Art 
transitorischer andeutungsweiser Schwankungen im 
Sinne der eigentlichen Anfälle recht deutlich ist; in 
den Anfällen manischer und melancholischer Symp- 
tomenkomplcx (d. h. gehobene Stimmung, Ideenflucht, 
Bewegungsdrang einerseits, Depression, Hemmung der 
Assocationen und Motilität andererseits; daneben aueli 
gemischte Gruppirung dieser Einzelsvmptomc); Ab¬ 
wesenheit der für andere Krankheiten charakteristischen 
Symptome: primäre Orientimngsstörungen, katatonc, 
paralytische Symptome, (primäre) Gedächtnisstörungen 
etc. Hallueinationcn oder Wahnideen können wie bei 
allen andern Psvchosen hinzutreten, sind aber nicht 
nothwendig. 

Zu dieser Gruppe gehörte das cyclische Irresein, 
die periodische Melancholie und Manie, alle reinen 


Manien und rein melancholischen Zustände (mit Aus¬ 
nahme der Involutionsmelancholie), ob sie sich nun 
häufiger wiederholten oder nicht. 

Diese Aufstellung begegnete starkem Widerspruch, 
der aber immer in einen Woitstreit auslief, indem 
man behauptete, ein Theil dieser Störungen könne 
unmöglich als „periodisch“ bezeichnet werden. 

So taufte Kräp eli n die Gruppe in der folgenden 
Auflage seines Lehrbuches um in manisch-depres¬ 
sives Irresein. 

Nach meinen Erfahrungen entspricht die Darstellung 
Kräpelins vollständig den Thatsachen. 

Einen symptomatologischen Unterschied zwischen 
einfacher und periodischer Manie, einfacher und 
periodischer Melancholie, zwischen diesen Gruppen 
und denen mit gemischten Anfällen, handle es sich 
um einen regelmässigen Cyclus oder um unregel¬ 
mässige Schwankungen, konnte ich nie entdecken. 
Die Krankheiten gehen kontinuirlich in einander über, 
wenn auch bei dem einen Patienten Vorliebe zu 
manischen, beim andern Vorliebe zu melancholischen 


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Original fr&m 

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122 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. ii. 


oder zu cyclischen Anfällen vorherrscht. Wenn man 
ein ganzes Leben übersehen kann, so fehlen unter 
vielen Anfällen gleichen Charakters selten einige anders 
geartete; der periodische Maniakus hat einzelne me¬ 
lancholische Anfälle durchgemacht, der Melancholische 
wird gelegentlich einmal manisch, ein regelmässig ab- 
laufcnder Fall wird unregelmässig u. s. w. 

Sogar die Heredität, die sich von der Heredität 
bei andern Geisteskrankheiten unterscheidet, ist allen 
Formen gemeinsam, wenn auch (wie beim einzelnen Indi¬ 
viduum) die Familienanlage bald die melancholischen 
Störungen bald die manischen Aufregungen bevorzugt. 

Kräpelin hat es aber unterlassen, ausdrücklich 
darauf hinzuweisen, dass auch „Wahnsinnsformen“ 
(Vesania) Vorkommen können, obgleich seine Be¬ 
schreibung zeigt, dass er solche Fälle gesehen haben 
muss. Der Name „manisch-depressives Irresein“ 
scheint Anfälle ohne primäre Geftihlsstörung geradezu 
auszuschliessen. 

M i t d e m Worte „ W a h n s i n n “ o der — weil 
das zu diesem Worte gehörige Adjektiv 
schon vergeben ist — „Vesania“ soll hier 
ein Krankheitsbild (nicht eine Krank¬ 
heit) verstanden sein, das charaktcrisirt 
i s t d u r c h Störungen auf intellektuellem 
Gebiet und Zurücktreten oder Fehlen von 
Anomalien des Gemiithcs. 

Der Wahnsinn in diesem Sinne bildet einen Gegen¬ 
satz zu den manisch-depressiven Krankheitsbildern. 
Durch Hinzutreten von manischen oder melancho¬ 
lischen Symptomen in verschiedenstem Grade lun- 
sichtlich der Dauer und Intensität derselben können 
diese vesanischen Formen durch den „melancholischen 
Wahnsinn“ und den „manischen Wahnsinn“ in den 
manischen respective melancholischen Zustand über¬ 
gehen. Gerade wie das manische und das melan¬ 
cholische Zustandsbild kommt auch das vcsanische bei 
den verschiedensten Krankheiten vor, mischt sich dann 
aber mit den specifischen Symptomen dieser Psychosen 
(Paralyse, Dementia praecox u. s. w.), 

Im Wahnsinn selbst haben wir zwei Haupt¬ 
gruppen zu unterscheiden: Diejenigen mit Vor¬ 
wiegen der Halluzinationen und diejenigen 
mit blosser oder vorwiegender Wahn bi 1- 
d u n g. Da dieselben sogar beim einzelnen Patienten 
ganz fliessend in einander übergehen, werden sie 
unter jenem Namen hier zusammengefasst. 

Die halluzinatorische Form ist in etwas anderer 
Abgrenzung unter verschiedenen Namen bekannt, von 
denen Amcntia und Delirium halluzinatorium 
hier angeführt werden mögen. Die einfache Form — 
oder auch die ganze Gruppe — wurde auch als acute 

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Paranoia bezeichnet. Da der letztere Ausdruck für 
einen andern Symptomencomplex — nach Kräpelin 
für eine andere Krankheit — schon längst ver¬ 
geben ist, werden wir ihn hier vermeiden. Die Pa¬ 
ranoia im Sinne Kräpelins ist trotz der äusseren 
Aelmlichkeit nicht nur durch den chronischen Verlauf, 
sondern auch durch die Art der Associationsstörungen, 
der Gemüths- und Motilitätsaffection toto coclo von 
dem Wahnsinn verschieden. 

Keine Rücksicht w'ird im Folgenden darauf ge¬ 
nommen, ob Verworrenheit und Traumzustand 
(Dämmerzustand) dabei sei oder nicht. Verworren¬ 
heit entsteht aus den allerversehiedensten Störungen: 
Fast jede Art von Associationsstörung führt zu diesem 
Bilde, wenn sie hochgradig ist; massenhafte Hallu- 
cinationen erzeugen sic ebenfalls. Was das Wesen 
des Traumzustandes ausmacht, ist uns noch nicht 
klar; die Begriffe der Einengung des Bewusstseins, 
der ungenügenden Auffassung oder Verarbeitung der 
Sinneseindrücke u. s. w. befriedigen unser Erklärungs- 
bedürfniss nicht recht. Es kommt hinzu, dass beim 
gleichen Kranken wie von einem Fall zum andern 
Verworrenheit und Traumzustand bald fehlen, bald 
vorhanden sind, so dass ihre Bedeutung für unsere 
Betrachtung eine sekundäre zu sein scheint. 

P e r i o d is c h e r W a h n s i nn ist unter verschie¬ 
denen Namen schon mehrfach beschrieben worden, 
ich nenne nur S pi e 1 m a n, K i r n, M c n d e 1 , M e s c h cd e, 
Bechterew', Pilcz, Koppen*). 

Alle diese Autoren lassen aber die nosologische 
Stellung dieser Krankheitsbilder im Unklaren. Der 
engere Begriff der periodischen Störung kann eben 
nur theoretisch abgegrenzt werden; in praxi, rcisst 
er Zusammengehöriges auseinander und bringt ganz 
verschiedene Dinge zusammen. Verlangt man mit 
Pilcz eine ziemlich regelmässige Wiederholung der 
Anfälle und eine ziemliche Gleichheit der verschiedenen 
Anfälle beim nämlichen Individuum, so werden wenige 
Krankheiten, die viele Jahrzehnte beobachtet sind, 
hieher gezählt werden dürfen. Nicht einmal die Epi¬ 
lepsie, die doch nach Manchen den Namen einer 
periodischen Störung vollauf verdient, könnte man oft 
hieher rechnen. 

Ich möchte nun durch einige Beispiele zeigen, 

*) Mendel. Allg. Zcitschr. für Psych. Bd. 44, pg. 617. 
Ziehen. Monatsschr. für Psych. und Neurol. Bd. III pg. 30. 
Meschede. De le paranoia periodique XIII, Congr. intern, de 
Paris 1900, p. 140, und Skierlo, Ueber period, Paranoia. Diss. 
Königsb. 1900. Bcchterewc Ueber period. acute Paranoia Sim¬ 
plex als besondere Form periodischer Psychosen. Monatsschr. 
für Psych. und Neurol. 1899. Pilcz. Die period. Geistes¬ 
störungen, Wien 1901. Pick, Berl. Klin. Wochenschr. 1899. 
Koppen. Neurol. Centr.-Bl. 1899, S. 434. 

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iQ02.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 123 


dass der „periodische Wahnsinn“ eine Untergruppe 
des manisch depressiven Irreseins bildet und dass 
die Kenntniss dieser Formen vor der Annahme heil¬ 
barer chronischer Paranoia schützt und in manchen 
einzelnen Fällen eine richtige Prognose erlaubt, die 
sonst nicht gestellt werden könnte*). 

Fall I. 

Bäuerin, geb. 1827. Ein Stiefbruder hatte mehrere De¬ 
zennien lang manische Anfälle, in den letzten Lebensjahren 
dazwischen einige depressive Anfälle. 

Patientin war von 1863 an dauernd wegen periodischer 
Manie in der Irrenanstalt. Anfälle reiner Manie meist etwa 
alle zwei Jahre, mehrere Monate dauernd, dann alle Jahre. Von 
Mitte der 80er Jahre an meist zwei Anfälle im Jahre. Im 
Sommer 1890, mitten in einem manischen Anfall, schwerer 
Darmkatarrh. Zu gleicher Zeit Auftreten von Haliucinationen 
und Angst, es seien viele böse Leute da, hörte Stimmen von 
Männern, die in die Anstalt eindringen, die Leute fortnehmen 
wollten, um sie in einer Höhle umzubringen. Grosse Präcordial- 
Angst, wahrscheinlich im Zusammenhang mit einem Herzfehler, 
der nicht mehr recht compensirt war. Nach einigen Wochen 
verschwanden die Haliucinationen, dann langsame Besserung. 
Von nun an Mischung verschiedener Anfalle: manischer Wahn¬ 
sinn, melancholischer Wahnsinn, einfache, zum Theil etwas 
kraftlose, zum Theil flotte Manie; alle meist von kurzer Dauer, 
aber sehr häufig. 1899 Hinzutreten deutlicher Erscheinungen 
von Hirnatrophie. Tod an Carcinom eines Nävus 11. VIII. 00. 

Fall II. 

Arbeitslehrerin, geh. 1847. Eine Schwester melancholische 
Selbstmörderin. 

8. VIII. bis 14. X. 90 im Burghölzli wegen eines verwirrten 
Traumzustandes mit Gewalttätigkeit, Ideenflucht. Nachträgliche 
Erinnerung an die wirklichen Vorkommnisse fehlte fast ganz, 
dagegen erzählte Patientin von einem wunderbar schönen Traum¬ 
leben. Es war ein grosses Arbeitsfeld da, für das nicht genug 
Leute sich fanden, sie hörte die Leute singend von den Alpen 
kommen u. s. w. Während der Besserung war sie nur sehr 
allmählich von der Irrealität dieser Erscheinungen zu überzeugen. 
Geheilt. 

1893 kurz dauernde Aufregung, die draussen überstanden 
wurde. 

27. III. 98 ins Burghölzli gebracht mit der Diagnose: Para¬ 
noia (chronica). Entwickelte ein coofuscs Wahnsystem, das sich 
auf wirkliche Differenzen mit dem Vormund ihres Sohnes be¬ 
zog. Daneben Ideenflucht, Bewegungsdrang, gehobene Stim¬ 
mung. Viele Haliucinationen und auf der Höhe der Krankheit 
zeitweise Verwirrtheit. Gebessert entlassen, 15. VII. 98. 

27. I. 99 bis 25. VIII. 99. Manie mit weniger hervor¬ 
tretenden Haliucinationen. Gebessert. 6. IX 01 bis 23. XII. 01 
Manie ohne Haliucinationen. Gebessert entlassen. 

Der erste Anfall der Patientin war ein reiner Traumzustand, 
dann kan» eine hallucinatorischc Manie mit einem festgehaltenen, 
wenn auch confusen Wahnsystem, dann einfache Manie. 

Fall III. 

Hausfrau, geh. 1865. Mutter, Vater, Bruder geisteskrank. 

Körperlich etwas schwächlich, geistig gut entwickelt. 

1887 Melancholie nach Erkrankung der Mutter, ca. 1892 

*) Die Krankengeschichten werden ausführlicher publicirt 
von Frl. Rabinowitsch in ihrer Dissertation über das gleiche 
Thema, deren Druck sich etwas verzögert. 

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nach dem 1. Wochenbett leichte Melancholie. 1899 in der 
4. Schwangerschaft isolirter Suicidversuch Nach dem Wochen¬ 
bett im April 99 Schlaflosigkeit, 4 Wochen später deutliche 
melancholische Verstimmung, dann Traumzustaud. Fast alles 
wird illusionistisch verkannt; Haliucinationen des Gesichtes; 
befindet sich in einem Zaubergarten und rcagirt demgemäss; 
zeitweise Verfolgungs- und Beziehungswahn. Mutismus, Nah- 
ru ngsverweigerung. 

Nach dem Anfall traumhafte Erinnerung, submanisches 
Nachsladium. Heilung Ende 1899. 

Fall IV. 

Klavierlehrerin, geb. 1854, eine Schwester vorübergehend 
schwcrmüthig. 

Seit Jahren sehr nervös; grosses Uterusmyom. Somtncr 
1890 bis April 1891 Zeiten nervöser Erschlaffung mit hoher 
Reizbarkeit. Dann Schlaflosigkeit; etwas später täglich heftige 
motorische Aufregungen, verwirrtes Reden; daneben ruhigere 
Stunden mit einer gewissen Einsicht;,, gab an, fortwährend 
Stimmen zu hören, welche sie verwirrten. Im Laufe des Juli 91 
ruhiger, dann etw'as läppische Euphorie. 

3. IX. 91 vollständig geheilt entlassen. Erinnerung nur 
an das letzte submanische Stadium vorhanden. 

1894 vier bis fünf Monate gleicher Anfall. 

13. IY. 98 einige Tage Depression, Schlaflosigkeit. Dann 
gleicher Anfall wie früher, nur neben den Stimmen Halluci- 
nationen der anderen Sinne: Das Bett brennt, es wird immer 
grösser, chemische Dünste steigen auf. Ab und zu lichte Augen¬ 
blicke. 

Ende April bedeutend ruhiger; beschäftigt sich, doch etwas 
labil; lässt sich von der krankhaften Natur der spottenden 
Stimmen überzeugen. Etwas ideenflüchtig, daneben Beziebungs- 
wahn; die Wärterinnen spotten über sie; sie wollte nicht in 
eine bestimmte Wohnung gehen, die Leute würden sie auffressen. 

10. XL 98 gebessert entlassen; draussen Frühling 99 ganz 
geheilt. 

Anfang 1900 neuer Anfall, 10 Monate in einer Irrenanstalt; 
dann gebessert in Privatpflege, wo sie allmählich besser wurde, 
so dass sie für gewöhnlich normal erscheint, nur dann und wann 
— für Stunden oder wenige Tage — wechselnde Verfolgungs- 
Wahnideen. 

Fall V. 

Schneiderin, geb. 1875. Unehelich. Heredität fraglich. 

6. VI. 95 bis 29. I. 96 wegen eines dem jetzigen gleichen 
Anfalls in einer andern Irrenanstalt. Geheilt. 

Pat. kam 10. X. 99 ins Burghölzli. Anfangs Manie mit 
vielen Haliucinationen und Illusionen, namentlich auch des All- 
gcmeingefühls (glaubte sich gestochen, Berührungen machten ihr 
Schmerzen), aber auch aller anderer Sinne, hörte Beschimpfungen, 
wurde verfolgt. Nach und nach wurden die Haliucinationen 
und Verfolgungsidcen das Hervorstechende; Patientin sprach 
wochenlang nichts, als dass sie schimpfte, verkroch sich unter 
die Decke; oft gewaltthätig. Dabei ganz unregelmässige Ab¬ 
wechslung von ruhigeren und unruhigeren Zeiten. Nach und 
nach Beruhigung. Noch einige Monate lang bei durchschnitt¬ 
licher Ruhe und lleissigem Arbeiten plötzlich Aufregungen auf 
Grund von Haliucinationen, namentlich des Gehörs, an die sich 
Patientin nachträglich nur undeutlich oder gar nicht erinnern 
wollte. Die früheren dauernden Aufregungszustände waren fast 
ganz vergessen. (>. II. oi in Heilung entlassen. Draussen 
normal (bis III. 02). 

Original frnm 

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124 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. n 


Fall VI. 

Schneiderin, geh. 1839. Grossvater mütterlicherseits „im 
Alter geisteskrank“. 

Unter anderen Krankheiten hat Patient im 12. Jahr eine 
Meningitis mit 6 wöchentlicher Bewusstlosigkeit durchgemacht, 
später Spondylitis mit Beinlähmungen und in einem zweiten 
Anfall derselben auch mit Lähmung der Zunge und eines Armes. 
Heilung der motorischen Störung und der Spondylitis. 

1864 nach dem Tode der Mutter melancholische Verstim¬ 
mung. 1869, anschliessend an Pocken, erster etwa ein halbes 
Jahr dauernder Anfall von hallucinatorischem Irresein, theils 
mit Gewaltthätigkeiten und gehobener Stimmung, theils mit 
melancholischem Charakter. 

1876 bis in die 80 er Jahre, fast regelmässig anschliessend 
an die Menstruation, ein deliriöser Anfall; Schlaflosigkeit, Ge- 
sichtshallucinationen zusammenhängender Sccnen; bald namen¬ 
lose Angst, bald Gereiztheit, bald gehobene Stimmung, daneben 
Beziehungswahn. 

Nach und nach lösten sich die Anfälle ganz von der Men¬ 
struation ab, sie wurden länger, aber seltener, 2—3 im Jahr 
von 2 — 3 Monaten Dauer. 

Schon von Anfang an neben den hallucinosen Zuständen 
falsche Deutung der Umgebung in feindlichem Sinne. Nach 
und nach wurde dieses Symptom häufiger; viele Anfälle — die 
meisten der letzten Jahre — verliefen fast ohne Hallucinationen 
nur in paranoider Form. 

Stimmung immer entsprechend den Hallucinationen. 

Dann und wann, namentlich in den früheren Stadien, Zeichen 
von melancholischer Hemmung und Depression oder von ma¬ 
nischer Ideenflucht, Bewegungsdrang, gehobene Stimmung. 

In den Intervallen vollständig arbeitsfähig, einsichtig, wenn 
auch etwas geziert und süsslicb. 

Fall VII. 

Landwirth, geb. 1842. Zwei Tanten und eine Schwester 
mütterlicherseits geisteskrank; in den letzten Jahren soll noch 
eine Schwester geisteskrank geworden sein. 

Von jeher etwas sonderbar. 

1867, acht Monate „tobsüchtiger Anfall“; geheilt. 1873 
vier Monate lang „melancholisch“. Geheilt. Ende 1880 hatte 
Patient das väterliche Haus in Brand zu stecken versucht und 
sich einen Stich in die Herzgegend beigebracht. Seitdem nun 
eine ganze Anzahl von Anfällen, die meist eingeleitet werden 
durch ein leichtes melancholisches Stadium mit brutalen Selbst¬ 
mordversuchen, manchmal auch durch eine auffallende Neigung 
zum Lachen. Dann tauchen die Wahnideen aus den früheren 
Anfällen wieder auf; hierauf kommt ein Stadium von mehreren 
Wochen oder Monaten Dauer, in welchem das Bild von Hallu¬ 
cinationen beherrscht wird und der Kranke ungemein gewalt¬ 
tätig ist. Zum Theil interkurrent zwischen den Auflegungen, 
dann aber namentlich nachher, Monate, sogar r—2 Jahre lang, 
treten die Hallucinationen ganz zurück. Patient fühlt sich als 
Vorkämpfer der protestantischen Kirche, schreibt eine Kirchen¬ 
verfassung und Geschichtsphilosophie, treibt Politik, macht allen 
Behörden Vorschriften, legt mit grossem Scharfsinn die Bibel 
aus u. s. w. Die Krankheit ist dann sehr schwer von einer 
typischen Paranoia zu unterscheiden. In einigen der ruhigen 
Zwischenzeiten bleiben diese Wahnideen, wenn sie auch ver¬ 
heimlicht werden, in andern erscheint der Kranke vollständig 
gesund, sehr thätig, arbeitet sich mit aussergewöhnlichem Geschick 
in die verschiedensten Berufe hinein (Dreher, Mechaniker, 
Gärtner u. s. w.). 


Die Uebergringe zum Schlimmen, wie zum Guten, sind oft 
recht plötzlich. 

In früheren Anfällen soll Patient manchmal etwas benommen 
gewesen sein, seit 1886 jedenfalls nicht mehr. 

Die Erinnerung an die Anfälle ist eine gute. 

Gelegentlich zeigten sich Andeutungen des manischen oder 
melancholischen Symptomcncomplexcs, am deutlichsten im Sinne 
der Kräpel i n’schen Mischfälle: Hemmung, Euphorie und 
motorische Aufregung. 

Fall VIII. 

Landwirth. geb. 1851, Vater hat sich ertränkt. 

Von Jugend auf etwas schwachsinnig, früh schon zeitweise 
melancholisch oder hallucinirend; dann arbeitsscheu, wander¬ 
lustig, übernachtete im f reien u. s. w. 13. Mai 1872 bis 28. No¬ 
vember 1873 wegen einer typischen und sehr starken melan¬ 
cholischen Depression mit Versündigungswahn und Hemmung, 
aber ohne nachweisbare Hallucinationen, in Burghölzli. — 3. III. 
78 bis 2. IX. 79 wieder im Burghölzli. Hallucinatorischc Auf¬ 
regung, vorwiegend als Verfolgter, äusserlich abwechselnd tobend 
und schimpfend oder wortkarg vor sich hinbrütend. Gebessert 
entlassen. 1883 von einem Specialisten drnussen als chronische 
Paranoia nach Rheinau geschickt. Schlief schlecht, antwortete 
Stimmen, die ihm unter anderen sagten, er werde getödtet. 
Arbeitete aber fleissig, war vollständig orientirt. 

Von 1884—87 volle Einsicht, normal. Oct. 87 bis Sommer 
88 wieder Stimmen, dann Gesichtshallucinationen und Illusionen, 
Vergiftungswahn u. s. w. Wochenlang Tag und Nacht arg auf¬ 
geregt, lärmend, zerstörend, beständig hallucinirend, nicht selten 
manisch und melancholisch. Dann normal bis 1890. Hierauf 
hartnäckige etwas sonderbare Lumbago, anschliessend daran 
etwas gereizt, schien ein wenig benommen; dann bis Nov. 97 
hallucinatorischer Zustand, bald aufgeregt, bald zugänglich und 
geordnet, je nach dem Vorhandensein der Stimmen, nicht selten 
manisch oder depressiv, Stimmung „abhängig von den Hallu¬ 
cinationen.“ 1892—97 normal, 97—99 wieder abwechselnd 
hallucinirend, gewaltthätig und ruhiger, von da bis Herbst iooi 
normal. Jetzt, Winter 1901/2, wieder halhicinatorische Auf¬ 
regung. 

In den früheren ruhigeren Zeiten hatte Patient etwa einmal 
ganz kurz dauernde Aufregungen, in denen er etwa eine 
Sense verbog, einige Stunden stumpf vor sich hinbrütete und 
dgl., in den letzten 10 Jahren nicht mehr. In den kleinen An¬ 
fällen erschien er etwas benommen, hatte aber gute Erinnerung; 
an die grossen Anfälle hatte er nachher eine etwas ver¬ 
schwommene Erinnerung. 

Fall IX. 

Bauersfrau, geb. 1839. Mutter geisteskrank; Onkel, eine 
Nichte und ein entfernterer Verwandter, alle mütterlicherseits, 
Epileptiker. Ein Bruder ertränkte sich, ein Sohn imbccill. zu¬ 
gleich an Dementia praecox leidend. (Vater desselben war 
Trinker, hat sich das Leben genommen.) Pat. war in- 
tcllectucll schwach entwickelt. Mit 20 Jahren erste Psychose 
ohne nähere Nachrichten. 

1885 kurz nach einem Abort wegen leichten, manischen 
Anfalls im Burghölzli. Ungeheilt entlassen. Seit 1887 in 
Rheinau, dort abwechselnd depressive und tobsuchtartige An¬ 
fälle mit längeren und kürzeren Tntermissionen, in welch letzteren 
sie aber jeweilen nur für wenige Wochen — oder auch gar 
nicht — auf eine Art normalen Zustand kam, in dem sie volle 
Krankheitseinsicht hatte. Dauer eines Cyklus während langer 
Zeit etwas mehr als ein Jahr. Früher müssen die normalen 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


125 


1902.] 


Zeiten länger gewesen sein. Die“ Kranke hat 2 mal geheirathet, 
das zweite mal allerdings in nicht ganz normalem Zustande. 

Pat. hörte Stimmen, hatte Visionen, vor allem aber sehr 
lebhafte Illusionen des Gesichtes; verkannte Flecken an der 
Wand als Christus (in verschiedenen Anfällen wieder in ganz 
gleicher Weise), der zu ihr sprach, sie solle Schnaps trinken 
und Aehnliches; ruhig hängende Wäsche sah sie für vorüber¬ 
spazierende Vögel an und dergl. 

Die Reaction auf die Hallucination hatte immer etwas 
Triebartiges, Plötzliches an sich. In melancholischen Zeiten 
einige Suicidversuche; in den manischen Prügeln, Schmieren 
mit Speichel, manchmal auch mürrisches sich Zurückzichen, 
das nur in Toben übergeht, wenn man etwas von der Patientin 
wünscht. 

ln den letzten Jahren fehlt gehobene Stimmung und Ideen¬ 
flucht meist, während die depressive Phase Andeutungen der 
melancholischen Symptomentrias zeigt. Immerhin spielen die 
Stimmen die Hauptrolle. 

Fall X. 

Börsenagent, geb. 1847. Tante, Cousin, Cousine väterlicher 
Seite „melancholisch“. 

Still, züchtig, solid. Febr. 89 Schlaflosigkeit, Aengstlich- 
keit. Mai 89 Beziehungs- und Verfolgungswahn: bekommt 
Gift, man will ihn betäuben, um ihn Wechsel unterschreiben 
zu lassen. Jedermann meint es schlecht mit ihm. Schliesslich 
wird sozusagen alles, was dem Kranken begegnet, auf sich 
selbst bezogen im Sinne des Verfolgungswahns. Rheumatische 
Schmerzen hat ihm der Arzt gemacht u. s. w. Vom Sommer 
1890 an vollständig normal bis März 1898. Er hatte sein Ge¬ 
schäft ausgedehnt und mit Glück geführt. 1898 nach Operation 
seines Sohnes übermässig bekümmert, ängstlich, schlaflos;] melan¬ 
cholische Verarmungsideen, die aber bald vollständig verdrängt 
wurden, von Verfolgungswahn : die kleinsten und die grössten 
Vorkommnisse deuteten darauf, dass man ihn verfolge, ihm an’s 
Leben wolle. Er musste auch für alle Leute einstehen, die 
irgend etwas für ihn thaten. Fühlt sich unschuldig, nut selten 
eine melancholische Versündigungsidee. 

Febr. oder März 1900 ziemlich rasche Besserung. Völlige 
Einsicht. Hypomanischer Zustand, anfangs sehr deutlich, nach 
und nach abklingend. Patient führt seit Herbst 1901 sein Ge¬ 
schäft wieder, wenn auch auf unseren Rath in vermindertem 
Umfange. 

Der paranoide Inhalt der Wahnideen hatte in diesem Fall 
eine unheilbare Krankheit annchmen lassen. Im zweiten An¬ 
fall liess sich aber nach unserem jetzigen Wissen die Diagnose 
der periodischen Krankheit leicht machen: Hemmung der Ge¬ 
danken, Mangel an Ablenkbarkeit, beständiges Ruminiren der 
gleichen Ideen, vollständiger Mangel an Initiative, Beschränkung 
der motorischen Aeusserungen auf Angstausdrücke, (beständiges 
Hin- und Hergehen im Zimmer bei Abneigung ins Freie zu 
gehen, unaufhörliches Schwatzen über seine Wahnideen); im 
Beginn schienen die Anfälle gewöhnliche melancholische zu sein, 
einzelne Wahnideen mit melancholischen Timbre kommen auch 
später vor, und die maniakalische Exaltation nach Ablauf des 
zweiten Anfalls demonstrirte die klinische Stellung der Krank¬ 
heit so recht ad oculos. 

Fall XI. 

Schreiner und Glaser, geb. 1854. Vater und ein Bruder 
Potator, Mutter schwerinüthig. 

In der Jugend geistig und körperlich etwas schwächlich. 
Vor dem 12. Jahr Masturbant. Lief vor Beendigung der Lehr¬ 


zeit fort, hielt es nirgends lange aus, meist wegen Trunksucht 
fortgeschickt. Will ausserehelich wenig mit Frauen verkehrt 
haben, hat mehrmals, zum Theil im angetrunkenen Zustande, 
kleine Mädchen missbraucht, einmal auch eine Hündin, 1885 
deshalb im Zuchthaus. Dort fand er ca. 1886 in allen gleich¬ 
gültigen Vorkommnissen allerhand „Zeichen“, die ihm sagten, 
er müsse mit einem bestimmten Mädchen in der Strafanstalt 
coitieren, und sie dann heirathen, sonst werde er geköpft. 

Nach der Entlassung aus dem Zuchthaus 1888 lief er im 
Rausch von weither mehrmals in die Strafanstalt, um das Mädchen 
heraus zu verlangen, wurde jeweilen natürlich fortgeschickt. 

Nun ca. '/. 2 Jahr lang Trinkerleben, während dessen er 
mehrmals tagelang andauernde Thiervisionen hatte. Dann Ab¬ 
stinent, verzichtete auch auf die Onanie, besserte rasch, heirathete 
1889, übernahm ein eigenes Geschäft, das er in die Höhe 
brachte. Es war überhaupt etwas Abnormes an ihm nicht zu 
finden. 1898 kamen die „Zeichen“ wieder. Patient fing an zu 
trinken, lief in angetrunkenem Zustande mehrmals in die weit 
entfernte Strafanstalt, um das Mädchen heraus zu verlangen. Die 
Zeichen sagten ihm dann, es sei anderswo. Schliesslich, 11. 
XL 98, machte Patient ein Attentat auf eine Unbekannte, die 
er für ihn bestimmt hielt, aber erst am 12. III. 99 kam er in 
die Anstalt. 

Daselbst vollständig orientirt, erzählte ruhig und geordnet, 
sah aber überall die Zeichen; meinte, das Mädchen sei im Ver¬ 
waltungsbureau; dann und wann stärker aufgeregt, wurde ge- 
waltthätig, weil man ihn nicht zu dem Mädchen gehen liess, 
zog seine Genitalien aus den Hosen, wollte sogar die Aerzte 
missbrauchen. 

Im Oktober 99 rasche Besserung, volle Einsicht, Heilung. 

Bewegungsdrang wie Hemmung der Motilität fehlte; am 
Gedankengang war nur das auffallend, dass Patient auf der Höhe 
der Krankheit in keiner Weise ablenkbar war und Gegenvor¬ 
stellungen spurlos an ihm vorübergingen. Zu den paranoiden 
Wahnvorstellungen kam noch die melancholische, dass er meinte, 
er werde geköpft, wenn er das Mädchen nicht brauche. 

Bei allen Beispielen, mit Ausnahme des letzten, 
finden wir deutliche Zeichen des manisch-depressiven 
Irreseins, seien es typische Anfälle neben den 
vcsanischen Störungen, sei es dass sich zeitweise 
manisch-depressive Symptome mit dem Wahnsinn 
mischen, wenn sie auch oft längere Zeit nicht nachzu¬ 
weisen sind. 

Nur im Falle 11 kann inan sich fragen, ob sie 
vorhanden sind; doch entspricht der Mangel an Ab¬ 
lenkbarkeit, die Einengung der Gedanken auf einen 
ganz kleinen Kreis bei guter Orientirung durchaus 
dem Gedankengang bei melancholischer Depression. 
Immerhin wagten wir vor der Heilung bei dem un¬ 
sinnigen, triebartigen Benehmen des Kranken nicht 
mit aller Sicherheit die Dementia praecox auszu- 
sehliesscn, zu welcher die Discussionsunfähigkeit des 
Kranken ja ebenfalls gepasst hätte. 

Bei mehreren Fällen sind hallucinatorische und 
paranoide Formen gemischt. Eine grosse Rolle spielen 
die Gesichtsillusionen sicher in den Fällen 8 und 9; 
wahrscheinlich beruht auch hei andern Fällen ein 


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I 2 6 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. n. 


Theil der Krankheitserlei misse auf Illusionen und nicht 
bloss auf Hallucinationen. 

Eine „ph o tog ra p h i sche T re u e“ der ver¬ 
schiedenen Anfälle zeigt sich nirgends. Dagegen 
treten oft die gleichen Wahnideen, Hallucinationen 
und Illusionen wiederauf; hei Fall 7 und 8 bezeichnete 
die Wiederaufnahme früher gebildeter Wahnideen oft 
den Beginn eines Anfalls. 

Wie es nicht selten ist, dass mitten in den Inter¬ 
missionen des gewöhnlichen manisch-depressiven Irre¬ 
seins ab und zu kurz dauernde manische oder melan¬ 
cholische Verstimmungen sich bemerkbar machen, so 
kommen auch hier mitten in vollem Wohlbefinden 
einzelne Hallucinationen, einzelne Bcziehungs- oder 
Verfolgungswahnideen vor, die aber practisch meist 
ohne Bedeutung sind. 

Die Fülle 7, 8, 10, 11 wurden von Spezialisten 
als chronische Paranoia angesehen, Fall 2 vom ein¬ 
weisenden Arzte. Eine genauere Untersuchung auf 
manisch-depressive Symptome hätte davor bewahren 
können. Es sei indess ausdrücklich darauf aufmerksam 
gemacht, dass auch gelegentlich ein Paranoiker im 
engeren Sinne mal vorübergehend melancholisch werden 
kann. Manien bei echten Paranoikern hat Verf. noch 
nicht gesehen, es scheint ihm aber nicht ausgeschlossen, 
dass Manie und Paranoia auch einmal den gleichen 
Pat. befallen können. 

Bei No. 3, 5 und 11 waren wir selbst im Zweifel, 
ob nicht Dementia praecox vorliege. Ob das sonder¬ 
bare Benehmen nur auf hallucinatorischer Verkennung 

o 

der Umgebung (3, 5) und Mangel an Ablenkbarkeit 
bei einer herrschenden Wahnidee (11) oder dann 
auf der für Dementia praecox characteristischen Asso¬ 
ciationsstörung beruht, lässt sich eben schwer ent¬ 
scheiden, wenn die Kranken unsere Fragen nicht be¬ 
antworten. Immerhin wird die gemachte Erfahrung 
späteren Fällen zu gute kommen können. 

Bei Fall 2, 3 und 4 war die Auffassung der 
Umgebung', resp. der „Bewusstseinszustand“ 
ein durchaus traumhafter; die Erinnerung war 
nicht vollständig. Fall 5 schien orientirt, die Er¬ 
innerung war aber dennoch eine schlechte. Fall 6 
zeigte Traurnzustände neben Anfällen, in welchen 
Pat. sehr gut orientirt war; die Erinnerung war immer 
sehr getreu. Bei Fall 7 wurde nur einzelne Male 
„Bewusstseinstrübung* 1 notirt, sonst war der Kranke 
ganz klar und imponirte als chronischer Paranoiker. 
Ebenso waren 8, 9, 10 und 11 äusserlieh immer gut 
orientirt und hatten ziemlich gute, oder sehr gute 
Erinnerung an die krankhaften Erlebnisse. 


Bei 7 und 9 kamen neben vollständigen Inter¬ 
missionen oft nur Remissionen vor, in denen bei 7 
die Reizbarkeit und Neigung zu Hallucinationen, bei 
() die Wahnideen nicht ganz verloren gingen. Bei 
beiden bildeten die ganz normalen Zustände geradezu die 
Ausnahme. Bei 8 bestand einmal ein mehrere Jahre 
dauerndes paranoides Stadium mit v<» 11 er Arbeitsfähig¬ 
keit, aber einzelnen Gehprshulliicinationen und un- 
korrigirten Wahnideen. 

Inwiefern eine vollständige Correetur der Wahn¬ 
ideen nothwendig ist, um eine „Heilung vom Anfall“ 
anzunehmen, ist mir überhaupt noch nicht klar. Es 
befindet sich jetzt ein Professor der Philologie im 
Burghölzli, der als Student eine manieartige Aufregung 
durchgemacht hatte, der gegenüber er während 50 sonst 
ganz normalen Jahren nie Krankheitseinsicht gezeigt 
hatte. Jetzt leidet er an Dementia senilis. 

Ein anderer Fall, bei dem die Diagnose offen 
gelassen werden muss, mag hier angeführt werden. 
Eine in Rheinau versorgte Kranke hatte während eines 
langen Lebens immer mchrwöehentlichc Perioden 
von Bezichungswahn mit Gereiztheit, abwechselnd 
mit normaler Gemüthsstiinmung und normaler Auf¬ 
fassung ; doch war die Patientin — wenigstens in 
den letzten Jahrzehnten, aus denen allein genauere 
Beobie iitungen vorliegen — in den Zwischenzeiten 
nicht im Stande, die Wahnideen zu corrigiren. Leider 
wurde die nun verstorbene Kranke nicht genauer 
auf manisch-depressive Symptome untersucht; es ist 
mir aber wahrscheinlich, dass auch dieser Fall, trotz 
seines Residual wahnes , hierher gehört. 

Interessant ist, dass Fall b zuerst den Tvpus einer 
menstruellen Psychose zeigte, während bei No 3 Gra¬ 
vidität und Wochenbett und bei No. 9 ein Abortus 
Anfälle auslösten. K räpelin’s Auffassung der men¬ 
struellen und puerperalen Manie wird durch diese 
Fälle* wie auch durch andere, welche ich beobachtet 
habe, gestützt. 

Warum in den einen Fällen von manisch-de¬ 
pressivem Irresein Wahnsinn, in den andern Manie 
oder Melancholie auftritt, ist vorläufig noch nicht zu 
entscheiden. 

Die Heredität ist in unsern Fällen wie überhaupt 
bei manisch-depressivem Irresein eine grösst 1 ; bei 
Fall 6 übertrifft wohl die Meningitis die leichte Ple- 
redität (dem. senilis des Grossvaters) an Bedeutung. 
Es handelt sich sonst immer um Geisteskrankheiten 
in der Familie; ob auch periodische Geistes¬ 
krankheiten, lässt sich leider nicht entscheiden, ist 
aber wahrscheinlich. Beachtenswert!! ist das Vorwiegen 


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1Q02.] 

der melancholischen Störungen bei den anderen Fa- 
miliengliedem. *) 

R esu me: Es giebt hallucinatorische und para¬ 
noide Wahnsinnsformen, die Einzelanfälle des me¬ 
chanisch depressiven Irreseins darstellen und gleich- 
werthig sind den manischen oder melancholischen 
Anfällen dieser Krankheit. Die paranoiden Formen 
können manchmal eine chronische Verrücktheit Vor¬ 
täuschen. Ihre Zugehörigkeit zum manisch-depressiven 
Irresein wird bewiesen durch den dieser Krankheit 
eigenthiimlichen Verlauf, den Mangel an Intelligenz¬ 
störung in den Intermissionen, die Mischung mit 

*) Ueber die Heredität bei periodischem Irresein vergl.: 
Sioli, Arch f. Psych. 16. Hiirbolla, direkte Vererbung 
von Geisteskrankheiten. Breslau, Diss. 1893. Kitschen, 
Beziehung der Heredität zum periodischen Irresein. Monatsschr. 
f. Psych. und Neurologie Bd. Yll. Weygandt, Zeitschr. f. 
Psychiatrie, 58, pag. 493. 


l2 l 

manisch-depressiven Symptomen, die Mischung von 
manischen, respectivc depressiven Anfällen mit den 
vesanischen beim gleichen Kranken und wohl auch 
durch die gleichartige Heredität. 

Die Gruppe des manisch-depressiven oder peri¬ 
odischen Irreseins wird dadurch noch etwas grösser 
als sie schon war. Das ist wohl kein Schade, wenn 
auch der Name nun wieder nicht gut zu allen Fällen 
passt. Das Wesentliche ist aber nicht der Name, 
sondern der Begriff, und dieser muss als ein einheitlicher 
festgehalten werden, bis es einmal gelingt, innerhalb 
der grossen Masse das Auftreten der zur Zeit un¬ 
wesentlich erscheinenden Differenzen zu erklären. 
Vorläufig aber hält der gleiche Verlauf, die gleiche 
Heredität, die Auswechselbarkeit der einzelnen Svmp- 
tome und Anfälle beim einzelnen Kranken wie von 
Fall zu Fall die Gruppe sehr gut zusammen und 
grenzt sie zugleich gegen alle andern Psychosen ab. 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Mittheilungen. 


— XXVII. Wanderversammlung der süd¬ 
westdeutschen Neurologen und Irrenärzte in 

Baden-Baden am 24. und 25. Mai 1902. 

1. H offmann - Heidelberg: 

a) Ein 19 jähriges Mädchen war ganz allmählich 
erkrankt mit ziehenden Extremitätenschmerzen, Paresen; 
Stellungsanomalie der Hände ; Atrophie, Herabsetzung, 
stellenweise Erlöschen der elektrischen Erregbarkeit. 
Patellarreflexe schwach. Die Nervenstämme, beson¬ 
ders Ulnaris, Medianus, Radialis waren auffallend 
verdickt wie ein Bleistift, hart und etwas druckem¬ 
pfindlich. Auch die sensibeln Nerven waren in ihrer 
Erregbarkeit herabgesetzt. Es handelt sich um ein 
Bild der progressiven neuralen (neurotischen) Muskel¬ 
atrophie, im gewissen Grad erinnernd an die Fälle 
Duchennes von Neuritis interstitialis hypertrophica, 
die allerdings daneben noch tabische Symptome auf¬ 
wiesen. (Krankenvorstellung). 

b) Eine 53 jährige Frau klagt seit 7 Jahren über 
Schmerz in der Schläfengegend, Blepharospasmus, Tic 
convulsif im Gesicht. Es traten nunmehr klonische 
Krämpfe dazu, die das Gaumensegel, die Uvula, die 
hintere Rachen wand, den Kehlkopfeingang und die 
Stimmbänder betrafen. (Krankenvorstellung). 

c) Ueber tonischen Faci a 1 iskra mpf. Es 
zeigten sich in einem Fall im r. Facialis Herabsetz¬ 
ung der Erregbarkeit, sowie langsam eintretende to¬ 
nische Krämpfe ohne Lähmung. Die elektrische 
und myotonische Reaktion waren träge. Ncuroto- 
nische Krämpfe im Abducensgebiet. Wahrscheinlich 
ist ein Prozess an der Schädelbasis zwischen Pons 
und Oblongata anzunehmen. 

2. E her s-Baden-Baden : Demonstration 
eines durch Operation geheilten Falles 


von chronischem Kram pf der Nacken - u nd 
Hals m us k u 1 a t u r. Patient acquirirte v< >r 9 Jahren, 
damals 3ojährig, in Ostafrika Malaria (Tertiana). Mai 
1901 fuhr er urlaubswcise nach Europa und spürte 
auf der Rückkehr Steifigkeit im Nacken und Hals. 
September konstatirtc Vortr., dass der Kopf nach 
rechts unten krampfhaft fixirt war, die Halsmuskeln, 
besonders rechts, waren bretthart kontrahirt. Nur mit 
Gewalt brachte man den Kopf in Mittelstellung. 
Beim Versuch der Rechtsbeugung stellten sich ruck¬ 
artige heftige Zuckungen nach rechts ein. Zum 
Schlucken musste Pat. den Kopf mit der Hand 
fixiren. Chinin, Bromsalze, Zinc. valerian. u. s. w. 
waren wirkungslos, Scopolainininjektionen erleichter¬ 
ten vorübergehend, physikalische Heilmethoden ver¬ 
sagten. Kocher trennte November 1901 durch 4 
Operationen beide Nervi accessorii, die meisten ober¬ 
flächlichen und tieferen Nacken- und Halsmuskeln, 
sowie die Unterkiefer- und Zungcnbeinmuskeln rechts, 
ferner einige Muskeln links. März 1902 stand der 
Kopf in Mittelstellung, war jedoch durch Narbenzug 
in der Beweglichkeit eingeengt. Eine Lcdercravatte 
wurde wegen der Ermüdbarkeit getragen. Durch Gym¬ 
nastik mit Zanderapparaten, Massage und Suspension 
in der Sayrc’schen Schlinge wurde der Kopf im Laufe 
von 3 Monaten frei beweglich, so dass er jetzt in 
jeder Stellung fixirt werden kann und keinerlei Be¬ 
schwerden mehr macht. 

D i s k u s s i o n: S c h u 1 1 z e - Bonn verweist auf die 
weniger eingreifende Operation von Kean, der nur 
die Nerven durchschneidet. 

3. V11 1 p in s - Heidelberg: MuskeIüberp f 1 an - 
zung bei spinaler Kinderlähmung. 

a) Ein 9jähriger Junge hatte in Folge spinaler 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. ii. 


Kinderlähmung gelähmten Quadriceps und Biceps 
femoris; aktive Beinstreckung war unmöglich. Opera¬ 
tiv wurde der Semimembranosus nach vom gelagert 
unter Verlängerung durch eine 5 cm lange Seiden¬ 
sehne. Zur Besserung der Zugrichtung wurde bei 
einer 2. Operation der M. semimembranosus in grosser 
Ausdehnung auf dem Quadriceps befestigt und der 
Semitendinosus tenotomirt. Osteotomie beseitigte das 
Genu valgum. Jetzt geht der Junge recht gut, steigt 
sogar Treppen. (KrankenVorstellung). 

b) Ein Junge mit Kinderlähmung lernte nie laufen, 
übte sich im Handgang. Der einzig überlebende 
Muskel links, Biceps wurde an der Tuberositas Ti¬ 
biae befestigt. Durchschneidung der Muskeln am 
Hüftgelenk gab dem Bein Abduktionsstellung. Weiter¬ 
hin wurde Osteotomie am Trochanter, ferner wegen 
Spitzfuss Achillessehnenplastik vorgenommen. Rechts 
wurde der gelähmte Quadriceps durch Kniebeuger 
ersetzt. Jetzt kann der Junge leidlich gehen. (Kran¬ 
kenvorstellung). 

4. Schwalbe-Strassburg: Ueber Windungs¬ 
protuberanzen des Schädels. Manche Tbiere, 
wie Iltis, Fischotter, Marder, Lemur, zeigen einige 
Hirnwindungen frappant an der Schädelfläche aus¬ 
geprägt. Beim Menschenschädel kommen besonders 
die muskelbedeckten Parthien in Betracht. In der 
Occipitalgegend findet sich die Protuberantia cerebel- 
laris, manchmal sogar eine Protuberantia vermiana. 
Darüber ist gelegentlich eine dem Hinterhaupts¬ 
lappen entsprechende Protuberanz zu fühlen. Der 
Sulcus sphenoparietalis entspricht einem Theil der 
Fossa Sylvii. Stirn- und Schläfenlappengebiet ist zu 
unterscheiden; eine Wulst entspricht dem vorderen 
Theil der 3. Stimwindung, Fast immer vorhanden 
ist eine Protuberantia gyri temporalis medii, manch¬ 
mal findet sich auch ein Theil der 3., seltener der 
1. Schläfenwindung ausgedrückt. 

Diskussion: Hitzig-Halle, Schwalbe-Strass¬ 
burg, Fürstner - Strassburg. 

5. Erb- Heidelberg: Bemerkungen zur pa¬ 
thologischen Anatomie der Syphilis des 
centralen Nervensystems. 

Nur dank der klinischen Befunde kann die patho¬ 
logische Anatomie auf syphilitische Veränderungen 
sch Hessen. Man trifft in einer Gruppe von Fällen 
typisch luetische Veränderungen des Central nerven- 
Systems, Meningitis, Myelitis, Arteriitis, dazu Hcrd- 
und Strangdegenerationen ohne engere Beziehungen 
zu spccifischen Veränderungen. Eine zweite Gruppe 
zeigt Systemerkrankungen oder Strangdegenerationen, 
daneben zweifellos specifische Veränderungen. So 
können bei Tabikern noch Meningitis, Gefässverän- 
derungen, Gumniata u. a. auftreten. Drittens trifft 
man Sklerosen ohne speeifischen Charakter, ohne 
andere spezifische Läsionen, bei früher zweifellos 
syphilitischen Individuen ; auch eine Reihe von kom- 
binirten Systemerkrankungen bei Luetischen; ferner 
zählt hierher die Tabes, in deren Vorgeschichte 70 
bis po u 0 Syphilis zu finden ist. Die Veränderungen 
bei dieser 3. Gruppe sollte man nicht als para- oder 
meta- oder postsyphilitisch bezeichnen, sondern sic 


sind mit demselben Recht syphilitisch wie die typi¬ 
schen Veränderungen. 

6. Schüle-Freiburg: Neuro fibromatose der 
Haut. 

3 Brüder, von den 2 vorgestellt wurden, zeigen 
im Wesentlichen die gleiche Störung. Herabsetzung 
der Schmerzempfindung am ganzen Körper, hand¬ 
schuhförmige Anästhesie gegen alle Sensibilitätsformen. 
Kein Zeichen für Syringomyelie. Alopecia univer- 
salis. Die Haut zeigt eine Menge kleiner, harter 
Knötchen. Der eine Pat. wurde erst nach einem 
Trauma auf sein Leiden aufmerksam. Sein Bruder 
leidet ausserdem noch an Opticusatrophie, ziehenden 
Schmerzen an den Beinen, spastisch ataktischem Gang 
und Blasenbeschwerden. 

7. Winkler-Aachen: Ueber akute Mye¬ 
litis (Verdacht auf Abscess; Versuch ope¬ 
rativer Behandlung). Ein Fall zeigte 1 . schlaffe 
Lähmung, r. Parese des Beins. Patellarreflex 1 . er¬ 
loschen , später gesteigert. Blasenschwäche. Sensi¬ 
bilitätsstörung. Da Gonorrhoe bestand, könnte man 
an gonorrhöische Myelitis denken, wie sie von Leyden 
in einem Fall vermuthete, doch ist die Auffassung 
noch nicht zu beweisen. 

Ein lumbal kyphotischer Patient zeigte nach Typhus 
Symptome von Meningomyelitis, Schmerzen, Parapa¬ 
rese, Urinbeschwerden, Obstipation; wechselndes Fieber. 
Später Heilung. W. hält den Fall für eine typhöse 
N acherkrankung. 

Ein Kranker hatte Paraparese, Urininkontinenz, 
Zuckungen und tonische Muskelkontraktionen. Pyä¬ 
misches Fieber. Trophische Störungen. Hyperästhesie 
bis zur Nabelgegend; darüber eine hyperästhetische 
Zone von 12 cm. 5 Wirbeibögen wurden entfernt, 
doch nichts Abnormes gefunden. Die Sektion zeigte 
eine transversale Myelitis vom 3. Dorsal- bis zum 
1. Lumbalsegment, ferner Appendicitis larvata und 
Abscess unter den 1 . Glutäen. 

Hoche-Strassburg: Differentialdiagnose 
zwischen Epilepsie und Hysterie. 

Referent kommt zu folgenden Schlusssätzen: Epi¬ 
lepsie und Hvsterie sind prinzipiell verschiedene Neu¬ 
rosen; die reine Hysterie ist funktioneller Natur in 
dem Sinne, dass sie eine pathologische Anatomie 
weder besitzt, noch besitzen wird; die Epilepsie ist 
funktionell nur in dem Sinne, dass wir die ihr zu 
Grunde liegenden Veränderungen noch nicht kennen. 

Ein zweiter Theil der Fälle macht differential¬ 
diagnostische Schwierigkeiten, vor Allem in den mit 
Bewusstlosigkeit einhergehenden grossen Anfällen. Für 
die Majorität derselben besteht bei genügender Fach¬ 
kunde auf Grund fast konstanter Symptome kein 
Zweifel über die Diagnose; bei einer Minorität lassen 
sich aus dem Anfalle selbst keine differentialdiagnosti¬ 
schen Anhaltspunkte gewinnen. 

Es giebt kein Symptom, welches mit absoluter 
Sicherheit den epileptischen Charakter eines Anfalles 
beweise, auch nicht Zungenbein und Aufhebung der 
Lichtreaktion der Pupillen. 

Die „hysterische Pupillenstarre“ ist keine Reflex¬ 
störung. sondern eine durch abnorme Zustände der 


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1002.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 129 


inneren Augenmuskeln verursachte Unbeweglichkeit 
der Pupille. 

Die Existenz einer echten „Hvsteroepilepsie“ ist 
abzulehnen. Abgesehen von anderen Combinationen 
ist mit der Möglichkeit zu rechnen, dass die Hysterie, 
ohne aus ihrem Rahmen zu fallen, den dem echten 
epileptischen Anfall zu Grunde liegenden centralen 
Vorgang zur Auslösung bringen kann, ebenso wie 
dieser, ohne dass es sich deswegen schon um Epi¬ 
lepsie handelt, durch andere Umstände ausgelöst 
werden kann. 

In allen differentialdiagnostisch zweifelhaften Fällen 
sind Verlauf und Entwickelung, speciell die Art der 
dauernden psychischen Veränderungen wesentliche 
Hilfsmomente. (Eigenbericht.) 

Diskussion: B ru n s-Hannover: Bei vielen 
epileptischen Insulten trifft man kleine Blutungen in 
Gesichtshaut und Conjunktiva. Kurze Bewusstseins¬ 
störungen bei Kindern sprechen mehr für Epilepsie. 

Rumpf-Bonn beobachtete bei schweren hyste¬ 
rischen Anfällen, dass die abgehende Urinmenge vor¬ 
her vermindert, nachher vermehrt war. 

Bäumler- Freiburg sah bei einem epileptischen 
Anfall den Uebergang in einen hypnotischen Anfall 
mit Katalepsie. Es giebt ein Gebiet des Ueberein- 
andergreifens der Hysterie und Epilepsie. 

Von Strümpell-Erlangen: Epileptische Verände¬ 
rungen könnten sich auch in anderen, höheren cere¬ 
bralen Gebieten etabliren und einen kompüzirten 
Anfall hervorrufen, der äusserlich als hysterisch er¬ 
scheint. 

Hitzig-Halle betont, dass beim epileptischen An¬ 
fall keineswegs lediglich das motorische Rindengebiet 
affizirt ist, vielmehr die ganze Rinde. Einseitige 
epileptische Krämpfe, auch doppelseitige giebt es ohne 
Bewusstlosigkeit, vielfach aber auch ist die motorische 
Region nicht befallen, so in Acquivalcnten, Traum¬ 
zuständen, Psychosen. 

Schult ze - Bonn betont die Schwierigkeit der 
Pupillenuntersuchung im Anfall. Weist darauf hin, 
dass eine Hvsterica sich auch epileptiforme Anfälle 
suggeriren kann. 

Secligm üller - Halle legt Nachdruck auf die 
im Gemüthsleben sich ausbildende dauernde Ver¬ 
stimmung, den Abschluss gegen die Aussenwclt bei 
Epilepsie. 

Kraepelin - Heidelberg erinnert an die epilepti- 
formen Anfälle bei vielen Psychosen, dann auch an 
die hysteriformen Erscheinungen selbst bei schweren 
organischen Himleiden, auch bei Psychosen wie Para¬ 
lyse, Dementia praecox, cirkulärem Irresein. Ver¬ 
blödete Epileptiker können auch psychogene Symp¬ 
tome haben. 

We yg a n d t - Würzburg beobac htete bei Kindern 
mit leichten Bewusstseinsstörungen den späteren 
Uebergang in schwere epileptische Anfälle. Manch¬ 
mal war dabei schon früh der epileptische Charakter 
ausgeprägt, der bei ausserklinischer Beobachtung 
einen wichtigen Anhaltspunkt giebt. Psychische Ein¬ 
flüsse als Auslösungsmoment eines Anfalls schlie&sen 
nicht immer die epileptische Basis aus. 

Sticher- Giessen berichtet den Fall eines Schul- 

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kindes mit epileptischen Anfällen, das hierdurch eine 
psychische Epidemie veranlasste, indem 30 Mitschüle¬ 
rinnen an polymorphen hysterischen Anfällen er¬ 
krankten. 

Friedmann - Mannheim glaubt, dass bei Kin¬ 
dern mit kurzen Anfällen doch manchmal Epilepsie 
ausbleibt. Ein Junge, der hunderte kleiner Anfälle 
hatte, zeigte nach Schreck eine typische Chorea magna. 

F ü r s t n e r-Strassburg hält solche Kinder vor¬ 
wiegend für hysterisch. Psychische Einwirkung gilt 
sicher für beide Arten, dafür sprechen die Fälle von 
Schreckepilepsie. F. kann sich nicht rückhaltslos 
der Auffassung von der psychogenen Entstehung der 
hysterischen Anfälle anschliessen. 

Ho che (Schlusswort). Kleine Blutungen sind ein 
Majoritätssymptom. Urinuntersuchungen sind in ihren 
Ergebnissen unsicher. Stigmata haben keinen grossen 
Werth, Sensibilitätsstörungen kommen auch bei Epi¬ 
leptikern recht oft vor, Areflexic des Rachens auch 
in Fällen ohne Bromwirkung. 

9. Für stn e r-Strassbuig: Zur Kennt n iss der 
vasomotorischen Neurosen. 

Eine Frau von 38 Jahren erkrankte unter Hitze¬ 
gefühl und Müdigkeit schubweise an einer Hautver¬ 
änderung, Röthung, Blasenbildung wie bei bullösem 
Erysipel, besonders an Lidern und Ohren. L. Pupille 
enger. Puls klein, frequent. Ein 17 jähriger Bauer, der 
seit einem Schreck stotterte, ferner schwachen, frequenten 
Puls und gesteigerte Patellarreflexe zeigte, erkrankte an 
Gesicht und Händen mit diffuser Röthung und 
Blasenbildung. Die Störung war psychisch beeinfluss¬ 
bar, nach dem Besuch der Mutter war sie besonders 
lebhaft. Temperatur bis 38,4 °. Diarrhoe. Später 
mehrere Recidive. 

In einer Familie zeigten Grossmutter, Mutter und 
Tochter dieselbe Störung an den Fingern, Schwellung, 
Blasenbildung, allmählich Deformität: Verdickung 
der Grundphalangen, Zuspitzung der Finger nach 
vom. Gedern nach dem Handrücken. Dabei Ohn¬ 
mächten, Herzklopfen, Hitzegefühl, Patcllarreflexstei- 
gerung. 

10. Bavert h a 1 - Worms: Zur Diagnose der 
Thalamus- und Stirnhirntumoren. 

a) Eine 31 jährige Frau erkrankte unter Erbrechen, 
Cession der Menses, psychischer Störung. Sie war 
apathisch, antwortete verkehrt, verweigerte die Nah¬ 
rung, hatte starre Mienen. Urin- und Stuhlinkon¬ 
tinenz. Keine Aphasie; Puls verlangsamt. Pupillen 
träge, erst spät Stauungspapille. Somnolenz. Sterto¬ 
röse Athmung, daher Trepanation. Es fand sich ein 
Tumor des 1 . Parietalhirns. Wichtig 1 für die Lokali¬ 
sation ist die Schädeldruckempfindlichkcit, doch er¬ 
laubt sie keinen Schluss auf die Entfernung des Tu¬ 
mors von der Oberfläche. Gleichgewichtsstörung wies 
auf Affektion im Thalamus und Vierhügel hin. Der 
eigenartige Blödsinn soll bei Balkenkompression Vor¬ 
kommen. 

b) Eine Frau wurde apathisch, Charakterverände¬ 
rung; epileptiforme Anfälle, Benommenheit. Rechts 
Parese, aphasische Störung, Gleichgewichtsstörung; 
links Abducensschwäche und Ptosis, sowie Supraorbi¬ 
ta Ibesch werden. Die Sektion zeigte einen Tumor, 

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130 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. u. 


von der Basis des Schläfenlappens zum Stirnhirn hin 
ausgehend. 

n. Barte 1 s-Strassburg: Beitrag zur Kasui¬ 
stik der Hirntumoren. 

Ein über gänseeigrosses Sarkom hatte fast den 
ganzen Schläfenlappen, die Occipitotemporalwindung, 
Gyrus hippocampi und Uneus zerstört; trotzdem war 
vor dem Tod der Geruch nicht aufgehoben, auch 
war trotz des starken Himdrucks keine Demenz ein¬ 
getreten. 

12. Gerh ardt-Strassburg: Zur Anatomie 
der Kehlkopflähmung. 

Bei einem Syringomyeliker bestand 8 Jahre lang 
eine isolirte Posticuslühmung. Es fragte sich, ob die 
geringere vitale Dignität am Muskel oder am Nerven 
lag. Zunächst zeigte die Untersuchung eine gleich- 
mässige Degeneration des ganzen Nerven, so dass 
man an eine muskuläre Grundlage der Störung denken 
musste; die Untersuchung der Nervenendäste jedoch 
ergab, dass die zum Posticus gehenden Fasern doch 
weit stärker ergriffen waren. 

13. Schultze-Bonn: a) Weitere Mitthei¬ 
lungen über operativ behandelte Geschwülste 
der Rückenmarks häute. 

In 8 Fällen war 6 mal operativ vorgegangen 
worden, wobei 3 mal mehr oder weniger vollständige 
Heilung, einmal eine weitreichende Besserung erzielt 
worden war. Im Ganzen waren diese Erfolge wesent¬ 
lich günstiger als die bei Hirntumoren. Caries und 
chronische Pachymeningitis ist sorgfältig auszuschliessen; 
Schwierigkeit macht die Frage, ob es sich nicht um 
multiple Tumoren handelt. Die Blutung, besonders 
aus den Knochen ist noch recht stark; peinlich muss 
der Operateur jeden Druck auf die Medulla spinalis 
vermeiden. 

Diskussion: Erb-Heidelberg, Edinger-Frankfurt, 
Fürstner-Strassburg, Hitzig-Halle, Rumpf-Bonn, Dink- 
ler-Aachen, Bruns-Hannover. 

b) Das Verhalten der Zunge bei Tetanie. 

Beim Beklopfen der Zunge von Tetanikem sieht 
man Wellenbildung von Nachdauer wie an myotoni- 
schen Muskeln, jedoch nicht bei elektrischer Reizung. 

14. Monakow-Zürich : Beitrag zur Ent¬ 
wicklung der Sehsphären. 

2 Gehirne von Fällen mit angeborener Blindheit 
zeigten keine grösseren Veränderungen im Occipital- 
lappen und in der Calcarina. Bei der Untersuchung 
der Windungs- und Fissuren typen der Calcarina an 
einem Material von 80 Individuen Hessen sich 4 
Typen aufstellen. Von den beiden Hirnen Blinder 
gehörte das eine zur Gruppe I, das andere zur 
Gruppe II. Lebenslängliche Absperrung des Lichts 
hatte also nicht die Entwicklung der Furchen zu 
einem besonderen Typus zur Folge. 

Diskussion: Hitzig - Halle, Pfister - Frcihurg, 
Stichcr-Giessen. 

14. Edinger-Frankfurt: Zur vergleichenden 
Anatomie des Gehirns: Das Vogelgehirn. 

Seit Bumins grundlegender Arbeit sind wenig 
Fortschritte zu verzeichnen gewesen. Die Vogelgc- 
hirne sind so vielgestaltig wie die Säugergehirne. Am 
höchsten steht das Papageigehirn, dann kommt das 

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der Gans; Gänsezi'ichter sind übrigens von der hohen 
Intelligenz dieses Vogels überzeugt. Das Papageige¬ 
hirn täuscht eine Windung vor durch eine Rinne, 
von der nach innen das Corpus striatum angewachsen 
ist. Ferner ist dort ein grosser Schläfenpol vorhanden, 
der bei der Gans nur angedeutet ist und bei den 
andern Vögeln völlig fehlt. Beim Schnitt durch ein 
Taubenhirn sieht man einen feinen Ventrikelspalt. 
Um denselben liegt ein Pallium, in ihn ragt ein 
mächtiges Corpus striatum. E. operirte 70 Tauben- 
gehirne und verfolgte die Faserdegeneration mit der 
Marchimethode. Das mächtige Corpus striatum ist 
zu teilen in ein Hyperstriatum; darunter dem Globus 
pallidus der Säuger entsprechend das Mesostriatum; 
darunter der Nucleus interpeduncularis. Von aussen 
schiebt sich das dreieckige Markfeld der Vögel (nach 
Bumm Ektostriatum) hinein, an dem die ersten 
Markfasem auftreten. Nach hinten aussen sitzt das 
Epistriatum, das beim Papagei einen grossen Theil 
des Schläfenpols ausmacht; hier liegt die Commissura 
anterior. In der Rinde zeigt sich grosse Verschieden¬ 
heit der Faserung. Das Frontalmark ist bei Papagei, 
Gans, Ente sehr entwickelt, bei der Taube bloss 
durch einige Fasern. Nur die Papageien haben eine 
Capsula interna. 17 Faserzüge konnte E. auseinander¬ 
halten, die er nach Anfangs- und Endstück be¬ 
nannte: 

A. Eigenfasern: 

1. Intrakortikale Fasern, besonders im Frontal- 
und Parietalgebiet. 

2. Tractus fronto-occipitalis intrastriaticus. 

3. Tractus fronto-occipitalis epistriaticus. 

4. Commissura pallii. 

3. Commissura anterior. 

B. Im Vorderhirn selbst entspringen: 

1. Tractus scpto-mesencephalicus. 

2. Tractus fronto-thalamicus. 

3. Tractus fronto-mesenccphalicus. 

4. Tractus occipito-mesencephalicus. 

5. Tractus strio-mesencephalicus. 

(). Tractus cortico-habcnularis. 

C. In das Vorderhirn gelangen: 

1. Tractus thalamo-striaticus. 

2. Tractus thalamo-frontalis et parietalis. 

3. Tractus aus der Gegend des Isthmus zum ba¬ 
salen Stimhirn. 

Die Faserzüge bilden aus dem Vorderhim und 
zu demselben ganz bestimmte Marklager, die bei ver¬ 
schiedenen Vogelarten sehr verschieden entwickelt sind. 
Das Vogelgehirn scheint aus dem Reptilienhirn ab¬ 
leitbar, ist aber nicht in das Säugergehirn überzuführen, 
sondern bildet einen eigenen, zu hoher Vollendung 
gelangten Hirn typ. 

Es ist zu erwarten, dass nun neue Untersuc hungen 
über die Leistungsfähigkeit des beschriebenen Appa¬ 
rates verglichen mit dem der Reptilien, Untersuchungen, 
welche der Vortragende begonnen hat, zu für die 
Psychologie brauchbaren Resultaten führen können. 

ib. B 1 u m - Frankfurt: Ueber experimentelle 
Erzeugung von Geisteskrankheiten. 

Bei strumektomirten Hunden konnte B. durch 
Milchfüttemng den raschen Tod einige Zeit hinaus- 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


1902.] 


131 


schieben. Diese Thiere zeigten psychotische Zustände, 
Hallucinationen, sie bissen in die Luft, stellten sich 
auf die Schnauze, zerkratzten sich die Nase; auffällige 
Charakterveränderungen. Tod unter geistigem und 
körperlichem Verfall. 

17. Link-Freiburg: Demonstration von Muskel¬ 
präparaten bei Myasthenia g r a v i s. 

Pat. erkrankte mit Ziehen im Auge, links Ptosis, 
gekreuzte Doppelbilder. Extremitätenschwäche, nach 
mehrmaligem Heben des Annes war er nicht mehr 
dazu im Stande. Myasthenische Reaktion deutlich im 
Supinator longus, Delto'ides u. a. Oefters Verschlucken. 
Atheminsufficienz, Tod. Sektion zeigte persistente 
Thymus, Nervensystem intakt. Dagegen fanden sich 
Zellherde in vielen Muskeln, in mehreren Augen¬ 
muskeln, im Supinator longus, Delto’ides, im r. Tibialis 
anticus; es waren Anhäufungen von kleinen lympho'iden 
Zellen im Perimysium internum, z. Th. in die Muskel¬ 
fasern eindringend. Einzelne Fasern schienen etwas 
geschrumpft. In einem Zellherde fand sich eine frische 
Blutung. 

18. N iss 1 -Heidelberg: U eher einige Bezie¬ 
hungen zwischen der Glia und demGefäss- 
Hpparat. 

Gliazellen reichen mit Fasern und dreieckigen 
Füsschen vielfach bis ganz nahe an die Gefässwand. 
Im perivaskulären Raum findet man Ansammlungen 
von Gliakernen. Wuchernde, proliferirende Gefässe 
treten in Verbindung mit Gliazellen, manchmal ist das 
Gefäss förmlich in Gliazellen eingemauert. Gliöses 
Protoplasma kann zerstörtes Gewebe geradezu über¬ 
schwemmen, sodass ein förmlicher Protoplasmarasen 
entsteht; das Gebilde ist von runden oder ovalen 
Löchern durchbrochen, die Ränder sind gezähnt. 
Manchmal ist eine Zelle der Länge nach durchbohrt 
von einem jungen Gefäss. Am meisten findet man 
derartiges am 2. und 3. Tag nach einem experimen¬ 
tellen Eingriffe, doch auch beim Menschen in Para¬ 
lyse, Katatonie, Epilepsie, Arteriosklerose. 

19. Schröder-Heidelberg: Die Katatonie im 
höheren Lebensalter. 

Das Heidelberger Material zeigte 5 Fälle, die 
zwischen 55 und 59 Jahren begannen, 4 zwischen 50 
und 55, sowie 10 zwischen 45 und 50. Davon waren 
15 Frauen, nur 4 Männer. Die Verblödung reichte 
meist nicht sehr tief. Gewöhnlich überwog die de¬ 
pressive Stimmung. 

20. Kraepelin-Heidelberg: Die Arbeitskurve. 

Vortr. demonstrirt den Gang der geistigen Leistungs¬ 
fähigkeit während einer Stunde und nach einer Pause, 
gemessen durch Addiren einstelliger Zahlen, und legt 
die Komponenten auseinander, insbesondere Uebung, 
Ermüdung, Erholung, Anregung, Gewöhnung, Willens¬ 
spannung. Vortr. glaubt, dass ausser diesen kein 
maassgebender Factor mehr in Betracht kommt. 

Weygandt -Würzburg. 

— Zur reichsgesetzlichen Regelung des 
Irrenwesens wird der „Kölnischen Zeitung“ (30. 5. 
1902) von sachverständiger Seite geschrieben: Der 
Reichstag ist nicht die einzige Stelle, an der die 
Ueberzeugung von der NothWendigkeit eines Reichs¬ 
irrengesetzes sich Bahn gebrochen hat. Grade die 

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der Sache Nahestehenden, die Irrenärzte, hegen das 
lebhafte Verlangen nach einem solchen Gesetz. Man 
will lieber unter festen gesetzlichen Bestimmungen 
arbeiten, als unter administrativen Verordnungen, über 
deren Entstehungsweise, weil sie fix und fertig aus 
dem Bureau ans Tageslicht gelangen, nicht nur die 
Aerzte selbst, sondern auch das Publikum im Un¬ 
klaren bleiben, und die, wie die Erfahrung gezeigt 
hat, gemäss den jeweiligen uncontrollirbaren Einflüssen 
heterogener Natur, häufig Abänderungen und dabei 
leider nicht immer eine Verbesserung erfahren. Sollte 
auch das. Reichsirrengesetz, wie zu erwarten, beim 
ersten Gusse nicht in idealer Form erscheinen, so ist 
die Volksvertretung ja nicht minder in der Lage, 
Aenderungen vorzunehmen, und vor allem sind die 
Irrenärzte in den Stand gesetzt, die Oeffentlichkcit 
über die Mängel des jungen Gesetzes an der Hand 
geeigneter Beispiele zu belehren. So wie jetzt die 
Dinge liegen, wissen die wenigsten Leute aus dem 
Publikum überhaupt etwas davon, dass jene Verord¬ 
nungen bestehen, daher das Misstrauen gegen die 
Anstalten und der Glaube, dass in ihnen die Aerzte 
nach Belieben über das Schicksal der Insassen 
schalteten und walteten; anders ist es bei einem von 
der Volksvertretung in öffentlicher Erörterung ge¬ 
schaffenen Gesetz, dessen Inhalt und Wandlung der 
Kenntniss jedermanns zugänglich ist. In den Kreisen 
der preussischen Irrenärzte scheint man hier und da 
in den Reformwünschen noch weiter zu gehen und 
als erstrebenswerth hinzustelleir, dass die ganze Irren-, 
Epileptiker- und Idiotenfürsorge aus den Händen 
der Provinzial- und Communalverwaltungen in die 
unmittelbar staatliche übergehe, wie dies in den übrigen 
Bundesstaaten bereits der Fall ist. Während es sich 
nun einerseits nicht bestreiten lässt, dass auch in 
Preussen hier und da — ob aus finanziellen oder 
andern Giünden, bleibe dahingestellt — die gesetz¬ 
lichen Verpflichtungen zur Irren- u. s. w. Fürsorge 
mehr oder weniger unzureichend erfüllt werden, so 
steht doch anderseits fest, dass den einschlägigen 
Schöpfungen zweier Provinzen, Sachsens, (Anstalt Alt¬ 
scherbitz) und der Rheinprovinz (Anstalten Grafenberg 
und Galkhausen) das deutsche Irrenwesen, soweit 
Anstaltseinrichtungen in Betracht kommen, den Welt¬ 
ruf verdankt, den es gegenwärtig thatsächlich besitzt; 
ein grösserer Ruhm wäre es freilich für das deutsche 
Volk, wenn es nicht nur die besten Anstalten hätte, 
sondern auch die wenigsten brauchte! Es steht daher 
zu hoffen, dass die Bestimmungen des Reichsirren¬ 
gesetzes, da wo es nothwendig ist, nicht nur auf die 
Intensität, sondern auch auf die Extensität der Irren-, 
Epileptiker- und Idiotenfürsorge einen fördernden 
Einfluss ausüben. 

— Eisass - Lothringen. Geheimer Obermedi- 
cinalrath Krieger, der Director der Bezirks-Irren¬ 
anstalt zu Stephansfeld, San.-Rath Dr. Vorster und 
der Director der Bezirks-Irrenanstalt zu Saargemünd 
San.-Rath Dr. Dittmar waren von der Bezirks¬ 
regierung des Obereisass mit der Begutachtung zweier 
für den Neubau der dortigen Irrenanstalt in Aussicht 
genommenen Gelände betraut worden, deren eines 
bei Colmar, das andere bei Rufach gelegen ist. Die 

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132 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. n. 


genannte Sachverständigen-Commission hat nach einer 
am 31. v. M. vorgenommenen Besichtigung beide 
Gelände für geeignet erklärt; doch schien ihr das 
bei Colmar gelegene den Vorzug zu verdienen. — 
In der am 5. d. M. stattgehabten Sitzung des Bezirks¬ 
tags des Obereisass kam es über die Wahl des Bau¬ 
platzes für die zukünftige Irrenanstalt zu sehr lebhaften 
Debatten, deren Resultat der Beschluss war, dieselbe 
bis zum November d. J. zu vertagen. Bis dorthin 
sollen Pläne über die Bebauung beider Gelände 
dem Bezirkstag vorgelegt werden. 

—r Ein Mord in der Irrenanstalt. Sternberg, 
3. Juni. Das Sprechzimmer der hiesigen mährischen 
Landesirrenanstalt war am vergangenen Sonntag der 
Schauplatz einer furchtbaren Scene. Vor den Augen 
aller Besucher erwürgte^ ein internirter Wahnsinniger 
eine zum Besuche ihres geisteskranken Gatten in die 
Anstalt gekommene Frau. 

Der irrsinnige Mörder heisst Risanek und war, 
bevor er in die Irrenanstalt kam, Unterlehrer in Prerau. 
Er befand sich Sonntag Vormittags im Sprechzimmer 
der Anstalt, wo sich zumeist an Sonntagen Angehörige 
der Patienten zum Besuche einfinden. Unter den 
Besuchern befanden sich diesmal eine Frau Wodicka 
und deren Sohn, die den geisteskranken Gatten und 
Vater sehen wollten. Plötzlich stürzte sich der wahn¬ 
sinnige Lehrer Risanek, der sich bis dahin ganz ruhig 
verhalten hatte, auf die nichts ahnende Frau, warf 
sie zu Boden und erwürgte sie mit einem einzigen 
furchtbaren Griffe, ehe ihr Jemand Hilfe leisten konnte. 
Als Besucher und Wärter nach wenigen Minuten Frau 
Wodicka von ihrem wahnsinnigen Angreifer befreiten, 
konnte nur mehr der Tod der unglücklichen Frau 
konstatirt werden. Eine strenge Untersuchung wurde 
eingeleitet. (Wiener Mittagsztg., 4. VI. 02.) 

— Die „Münchener Post“ (27. 3. 02), aus 
deren Spalten wir kürzlich (in No. 9) einen Angriff 
gegen die Dr. Rehm’schc Anstalt zugleich mit der 
vernichtenden Zurückweisung dieses Angriffes ab¬ 
druckten, beschäftigt sich weiter mit den Münchener 
Irrenanstalten. Sie schreibt: „Anlässlich der jüngsten 
Tagung des Landrathes für Oberbayern im Herbste 
igoi gelangte auch eine Eingabe der verheiratheten 
Pfleger der Münchener Kreisirrcnanstalt bezüglich 
der Gewährung eines Wohnungsgeld Zuschusses zur 
Vorbescheidung. Und in No. 316 der Augsb. Abendztg. 
vom 15. Nov. 01 war zu lesen, dass das Gesuch in 
Rücksicht auf die gegenwärtige Krisis und die baldige 
Verlegung der Irrenanstalt, die dann ohnehin eine 
Neuregelung der Dienstverhältnisse für die Pfleger 
bringen werde, abgelehnt wurde. Dagegen, so hiess 
es in dem Bericht weiter, erhalten die verheiratheten 
Pfleger anstatt wie bisher 8 Stunden in der Woche, 
jede Woche einen ganzen Tag frei! 

Dazu wird uns nun geschrieben: Vom neuen Jahr 
ab, wo der freie Tag hätte in Kraft treten sollen, 
bekamen die verheiratheten Pfleger alle 14 Tage 


eine freie Nacht. Dafür kommen die Wärter ^lle 
4 Tage auf Wache, wo sie 40 Stunden ununterbrochen 
Dienst thun und gleich darauf den regulären Dienst 
wieder antreten müssen. Die Herren Psvchiatriker 
thun sich allerdings leichter, sie spazieren durch die 
Säle, suchen dann wieder andere Gesellschaft auf 
und halten womöglich auch Vorträge über die zu¬ 
nehmende Nervosität u. s. w. Um das arme Pflege¬ 
personal, das die ganze Woche aus dem Narrenhaus 
nicht herauskommt und deshalb schliesslich selbst 
verrückt werden kann, aber kümmert man sich nicht. 
Und doch bedingt die richtige Warte des Geistes¬ 
kranken, dass das Pflegepersonal nicht auch nervös, 
überarbeitet und mürrisch ist. Was die Folgen solcher 
Ueberanstrengungen sind, ist ja schon in Gerichts¬ 
verhandlungen festgestellt worden, wo Wärter wegen 
Misshandlung der ihnen an vertrauten Patienten bestraft 
werden mussten. 

Man versäume also nicht die versprochene Dienst¬ 
erleichterung, den freien Tag zu gewähren !“ (Eine 
Berichtigung wäre sehr erwünscht. Red.) 

— In der Münchener Orientalischen Gesellschaft 
sprach am 22. Mai Dr. Moharren Bey über das 
Thema: „War Mohammed Epileptiker?“ Die 
seelische Analyse der Visionen des Propheten erscheint 
bekanntlich seit alter Zeit dem Abendlande als ein 
geheiinnissvolles Problem. Während ihn Viele für 
einen Hypochonder hielten, erklärte ihn Lombroso 
für toll und irrsinnig. Eine grosse Anzahl von 
Forschem behauptet, er habe in seiner Kindheit und 
in späterem Alter an Epilepsie gelitten. Einer freund¬ 
lichen Anregung des Ministerialrathes v. Bumm fol¬ 
gend, trat auch der Vortragende an die Diagnose 
von Mohammeds Seelenzustand heran, die sich bei 
der Dürftigkeit des Materials freilich sehr schwierig 
gestaltet. Nach äusserst sorgfältigen und komplicirten 
Untersuchungen der wichtigsten Lebensmomente des 
Propheten gelangt der Redner zu folgendem Ergeb- 
niss: Es könne nicht geleugnet werden, dass das 
Leben Mohammeds manche bedenkliche Symptome 
aufweise, welche auf Epilepsie hindeuteten. Aber 
diese Erscheinungen fänden sich auch bei einer grossen 
Anzahl anderer Erkrankungen und bildeten keine 
wesentlichen Merkmale. Wohl müsse das uns über¬ 
lieferte Bild Mohammeds, im Einzelnen betrachtet, 
als anormal erscheinen; als Ganzes falle es aber 
keineswegs mit dem Gesammtbegriff der Epilepsie zu¬ 
sammen. Die aus dem Munde eines Arabers be¬ 
sonders interessanten, klaren Ausführungen fanden 
bei dem wieder sehr zahlreich erschienenen Publikum 
lebhaften Beifall. Eine kurze, sich anschliessende 
Diskussion, an der sich die Herren Dr. Grothe und 
Dr. Schupp betheiligten, bewies, wie verschiedenartig 
das Krankheitsbild des Propheten noch immer ge¬ 
deutet wird. Schliesslich wies noch Herr Professor 
Dr. Prutz mit einigen wenigen, vortrefflichen Worten 
auf die grosse historische Parallele der Offenbarungen 
Mohammeds mit den Visionen der Jungfrau von 
Orleans hin. (Münch. N. Nadir.) 


Für den redactioncllon Thei! verantwortlich: Oberarzt Dr. J. Brcsler Kraschnitz, (Schlesien). 

Erscheint Jeden Sonnabend — Schluss der Inseratenannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marhold in Halle a. S 

Hevneniann’sche Buchdruckerei (Clebr. Wnlff) in Halle a. S. 


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Frankfurt a. M. Geh. Med.-Rath, Berlin. 


Prof. Dr. E. Mendel. 

Dr. P J. Möbius, 

Director Dr. Morel, 


Berlin. 

Leipzig. 

Mons (Belgien). 


Unter Benützung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Kraschnitz (Schlesien». 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr. »Adresse: Marho ld Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 2572. 

Nr. 12. 21. jum. 1902. 

Die ,,Psychiatr 1 scb-Neurologische Wochenschrift“ erscheint jeden Sonnabend und kostet pro Quartal 4 Mk. 

B »-Stellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post (Katalog Nr. 6252), sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden,für die 3spaltige Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermämigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. J. Bresler, Kraschnitz (Schlesien), zu richten. 

Inhalt. Originale: Zur spontanen Harnblasenruptur bei der progressiven Paralyse. Von Dr. Max Edel (S. 133). — Mit¬ 
teilungen (S. 140). — Referate (S. 142): 


Aus dem Asyl für Gemüthskranke zu Charlottenburg. 

Zur spontanen Harnblasenruptur bei der progressiven Paralyse. 

Von Dr. Afax Edel. 


uf das bis dahin nicht bekannte Vorkommen spon¬ 
taner Harnblascnzerreissung bei der progressiven 
Paralyse der Irren machte im Jahre 1895 Ilerting- 
Altscherbitz in einer im Archiv für Psychiatrie er¬ 
schienenen Arbeit über 3 Fälle nichttraumatischer 
Ilarnblasenruptur bei paralytischen Geisteskranken auf¬ 
merksam *). Fast gleichzeitig veröffentlichte Posner**) 
in der Festschrift für Georg Lewin einen bemerkens- 
werthcn hierhingehörigen Fall aus unsrer Anstalt, den 
ersten der Art, welchen ich gesehen habe und bei 
dessen Section ich zugegen war. Die Diagnosen- 
Stellung war in diesem Fall bei Lebzeiten nicht mög¬ 
lich; Posner führt in seinem Aufsatz an, dass er auf 
die eben erschienene Arbeit von Herling leider erst 
nach Abschluss unsres Falles durch mich aufmerksam 
.gemacht wurde, sonst hätten wir ja sicherlich die Diag- 

*) Archiv für Psychiatric XXVII. S. 541. 

**) Festschrift für Georg Lewin 1895, S. 149. Beiträge 
zur Dermatologie und Syphilis. Posner: Blasenruptur bei pro¬ 
gressiver Paralyse. 


nose zu stellen vermocht, wie dies ja fortan bei ähn¬ 
lichen Vorkommnissen ein leichtes sein werde. Diese 
Voraussage hat sich bei mehreren weiteren Fällen von 
Harnblascnzerreissung bei Paralytikern, welche ich in 
den verflossenen Jahren in unserer Anstalt beobachtet 
habe, bestätigt. Ich habe die Diagnose in 2 Fällen 
sicher und mit Leichtigkeit während des Lebens 
stellen können. Da inzwischen von keiner weiteren 
Seite das Vorkommen dieses das Leben der Kranken 
eminent bedrohenden Ereignisses mitgetheilt ist, so 
erlaube ich mir durch kurze Wiedergabe meiner Be¬ 
obachtungen die Aufmerksamkeit noch einmal auf 
diesen Gegenstand zu lenken, um einerseits zur Ver¬ 
hütung dieser gefährlichen Erscheinung, andererseits 
zur schnellen klinischen Erkennung und Würdigung 
des Ereignisses sowie zur geeigneten Behandlung 
solcher Fälle beizutragen. 

I. Fall. 

Ueber den ersten bereits mitgelheiltcn Fall seien 
mir noch einige recapitulii ende und ergänzende Be- 


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134 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 12 


merkungen gestattet. Dass es sich um progressive 
Paralyse handelte, stand zweifellos fest. Der 4ojähr. 
Kaufmann, dessen Vater an Gehimschlag und dessen 
einer Bruder an Gehirnerweichung gestorben war, 
hatte mit 16 Jahren einen Schanker gehabt, zeit¬ 
weilig viel getrunken und geraucht. Er litt einige 
Jahre vor seiner Psychose an Intermittens, später an 
heftigen Gesichtsneuralgien. Seit Frühjahr 1895 be¬ 
suchte er seiner steigenden Erregung wegen verschiedene 
Anstalten, zeigte ungewöhnliches Benehmen, bekam 
Schlaflosigkeit, Gedächtnisschwäche und Störungen 
des Lesens und Schreibens. Die Zunge klebte förm¬ 
lich im Munde fest, wodurch die Sprache sehr er¬ 
schwert wurde. Es bestand Pupillendifferenz und -enge, 
die Lichtreaction war wegen der Unruhe des Kranken 
nicht zu prüfen. Die Zunge zitierte stark beim Her¬ 
vorstrecken. Die Kniereflexe waren stark erhöht. 

Der Patient war mager und anämisch, die Tem¬ 
poralarterien traten stark geschlängelt hervor. Es be¬ 
stand in unsrer Anstalt, in welcher er am 24. August 
1895 aufgenommen war, hohgradige Erregung und 
Verwirrtheit bei beängstigenden Sinnestäuschungen, 
hypochondrischen und Grössenvorstellungen. Gelang 
es, ihn einen Moment zu fixieren, so waren Intelli- 
genzdefecte deutlich nachweisbar. Zeitweilig ver¬ 
weigerte er die Nahrung und wurde agressiv. Die 
Sprache war in characteristischer Weise gestört, schwer, 
undeutlich, stockend, stolpernd. Er verschluckte die 
Endsilben oder brachte sie falsch und unverständlich 
heraus und vollendete die Sätze zum theil nicht richtig. 
Die Schrift war verändert, kritzlich, undeutlich, krumm. 

Vieles war ausgestrichen und überschrieben, die 
Sätze waren zum theil nicht richtig beendet, Buch¬ 
staben, Silben und Worte ausgelassen, z. B. Sanorium 
statt Sanatorium, und nicht hingehörige eingeschoben. 
Die Hirn-Section bestätigte die klinische Diagnose. 
Der Patient, welcher noch am Tage zuvor verwirrt und 
erregt war, gelacht und getanzt hatte, konnte am 
3. September nicht mehr Urin lassen, verhielt sich 
apathisch und hatte starken Durst. Das Allgemein¬ 
befinden war im übrigen nicht gestört. Die allmäh¬ 
lich zunehmende Dämpfung über der Blasengegend 
Hess eine übermässige Ausdehnung der Harnblase 
vermuten. 

Da vorsichtige Katheterisirungen zuerst wegen der 
Unruhe des Kranken und dann wegen der Neigung 
der Harnröhre zu Blutungen abgebrochen werden 
mussten, wurde am 5. September die Punctio hypo- 
gastrica vorgenommen, wobei sich ca. 800 ebem trüben, 
stark blutigen Urins entleerten. Offenbar war die bei 
der Section constatierte Blasenzerreissung bereits am 
3. erfolgt, und es hatte, wie der Referent in Virchow- 


Hirschs Jahresbericht wohl mit Recht annimmt, der 
massenhaft in den Retzius’schen Raum getretene blutige 
Ham die Blasenausdehnung vorgetäuscht. Das kreis¬ 
runde, 3 cm im Durchmesser haltende Loch befand 
sich in der vorderen Wand, mit gewulsteten Rändern 
und blutig infiltrierter Umgebung. Die Blasenwand 
war theilweise hypertrophisch, theilweise papierdünn. 
Das Befinden des Kranken hatte sich allmählich ver¬ 
schlechtert, die Temperatur war normal, später sub¬ 
normal, der Puls beschleunigt. Der Patient deutete 
mit schmerzlichem Gesichtsausdruck auf die Blasen¬ 
gegend. Die Zunge war trocken. Am Unterleib wurde 
Infiltration phlegmonösen Characters sichtbar; unter 
Apathie, Sopor und Stertor trat der Tod am 7. Sep¬ 
tember, also etwa 4 Tage nach der muthmasslichen 
Blasenruptur ein. Bei der vorgeschrittenen Ent¬ 
kräftung und Unruhe des Patienten konnte von einer 
Operation wohl kaum die Rede sein, selbst wenn die 
Diagnose rechtzeitig richtig gestellt wäre. Peritonitische 
Erscheinungen waren weder klinisch noch pathologisch- 
anatomisch nachweisbar. Ein der Zerreissung vorher¬ 
gegangenes Trauma war bei sorgfältiger Ueberwachung 
des Kranken durch eigenen Pfleger bestimmt ausge¬ 
schlossen; es fehlten plötzliche Collapserscheinungen 
an Temperatur und Puls. Characteristisch war, dass 
bei jedem Katheterisiren immer nur eine kleine Menge 
trüben blutigen Harns, etwa 200—300 ebem, entleert 
wurden und dass dabei die Dämpfung der Blasen¬ 
gegend nicht vollkommen zurückging. 

II. Fall. 

46j. Kaufmann, 12. Dezember 1900 aufgenommen, 
hat Lues vor 6 Jahren gehabt, war viele Monate anti¬ 
syphilitisch behandelt worden und litt viel an Kopf¬ 
schmerz. Seither hat er Ptosis links mit Doppelsehen 
beim Blick nach oben bekommen. Zeitweilig hat er 
gar nicht sehen können. Die Geistesstörung bestand 
seit einigen Wochen und hat bereits zur Abmagerung 
geführt. Das linke Auge kann sich nicht nach oben 
drehen, nur wenig nach unten. Die Pupillen sind 
different und verzogen, die Lichtreaction ist sehr träge. 
Die linke Nasenlippenfalte ist verstrichen, der linke 
Mundwinkel hängt. Schwache Patellarreflexe, Herab¬ 
setzung der Schmerzempfindung. Unsicherer Gang. 
Euphorie, Grössenideen, Verwirrtheit und Erregung, 
Schlaflosigkeit, Stuhlverhaltung. Er war sehr reizbar, 
ertrug keinen Widerspruch, sprach viel, äusserte grosse 
Pläne, machte cynische Bemerkungen und beging 
sinnlose Handlungen. Er will 50 Kinder bekommen, 
einen Check auf Kaiser Wilhelm ausstellen u. a. Ur- 
theils- und Intelligenzschwäche traten deutlich hervor. 
Obwohl er Kassirer ist, konnte er einfache Rechen¬ 
aufgaben nicht richtig lösen. Sprache hin und wieder 


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IQ02.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


*35 


verwaschen, Wiederholung einzelner Worte. Die 
Diagnose progressive Paralyse stand danach fest Am 
13. Dezember habe ich notiert: Manisches Wesen. 
Stuhlverhaltung. 20. Dezember. Leib etwas mete- 
oristisch, Blasengegend nicht vorgewölbt. Patient 
schwimmt in Urin, hat 3 mal unwillkürliche reichliche 
Urinentleerung (von normaler Farbe und Beschaffen¬ 
heit). Der Kranke ist wegen einer starken spontan 
auftretenden Blutunterlaufung am rechten Fuss bett¬ 
lägerig. In der Nacht vom 21. zum 22. Dezember 
schrie er laut vor Schmerzen. Am 22. ist das Bild 
verändert. Peritonitische Erscheinungen sind vorhanden. 
Starke Auftreibung des Leibes, Brechneigung, heftiges 
Erbrechen, Aufstossen, kleiner beschleunigter Puls, 
Schmerzhaftigkeit des Leibes bei Berührung. Gegen 
Abend wurden circa 2 Liter blutigen Urins durch 
Katheterisirung entleert. Die Diagnose Blasenruptur 
wurde gestellt, von einer Operation aber wiegen des 
schlechten Allgemeinstandes, der vorgeschrittenen geis¬ 
tigen und körperlichen Schwäche im Einverständnis 
mit den Angehörigen Abstand genommen. Der Pa¬ 
tient delirirte, sah Vögel und Mäuse. Seine Schwäche 
nahm zu. Er wurde täglich mehrmals cathetrisirt, da 
er nicht von selbst Urin Hess. Der entleerte Urin 
war hell, ei weissreich. Unter Stertor trat am 26. De¬ 
zember, also 5 Tage nach dem Einreisen der Blase 
der Tod ein. Die Section bestätigte am 27. Dez., 
die Diagnose Blasenruptur. Das Peritoneum erwies 
sich glatt, feucht und glänzend. Die Därme waren 
etwas aufgebläht, fibrinöse Verklebungen waren nicht 
sichtbar. Im Abdomen befanden sich ca. 50 chcin 
freien Urins, ohne Blutbeimengung. Die Harnblase 
war zusammengefallen. Auf der hinteren Seite der 
Harnblase etwas rechts vom Scheitel war ein von oben 
nach unten etwas schief verlaufender intraperitonealer 
Riss, welcher w'eit klaffte, und eine Ausdehnung von 
ca. 8 cm hatte. Die Ränder desselben w r aren auf 
dem Blaseninnern blutig injicirt, in der Nähe be¬ 
merkte man verschiedene kleine Hämorrhagien. Die 
Blasenwandung war nicht merklich verdünnt; die Blase 
enthielt keinen Urin, aber verschiedene Blutcoagula. 
Uebrige Section nicht gestattet. 

III. Fall. 

44j. Kaufmann, aufgenommen 4. September 1901, 
zeigte seit 1 / J Jahr gleichzeitig mit einer Entfettungs¬ 
kur, wobei er 50 Pfd. abnahm, verändertes Wesen, 
äusserte hypochondrische Beschwerden, wurde de- 
prirairt und erregt. Er klagte viel über Kopfschmerzen. 
Das Sättigungsgefühl ging ihm verloren. Die Erregung 
steigerte sich wenige Tage vor seiner Aufnahme; er 
schlief schlecht, machte sich viele Vorwürfe, behaup¬ 
tete, von allerlei Krankheiten befallen zu sein, sich 


umgebracht zu haben u. s. w. Dabei w’arf er sich 
beständig ruhelos umher. 

Er sprach zeitweilig mit deutlichem Silbenstolpern. 
Die Pupillen w r aren etwas eng und different, die Licht- 
reaction war stark herabgesetzt, die Convergenzreaction 
mässig. Die vorgestreckte Zunge zitterte fibrillär. 

Beim Sprechen und Bewegen des Gesichts fiel 
eine Ungleichmässigkeit der unteren Gesichtshälften 
auf. Die Kniesehnenreflexe waren abgeschwächt. 
In geistiger Beziehung ist Gedächtnissschwäche, hoch¬ 
gradige Urtheilsschwäche und völlige Concentrirung 
der Gedanken auf sein Leiden zu constatiren, wo¬ 
durch er ohne jedes Interesse für die Vorgänge in 
seiner Umgebung erscheint und auch schmerzhafte 
Nadelstiche nicht spürt. Der grosse fettreiche Mann 
war tief deprimirt, und befand sich andauernd in 
hochgradiger ängstlicher Erregtheit, hallucinirte, äusserte 
Versündigungsideen und w'älzte sich hin und her. Es 
bestanden Verstärkung und Beschleunigung der Herz¬ 
töne, keine Geräusche, an den Stimgefässen sclerotische 
Erscheinungen. Da der Puls von Anfang an anhaltend 
beschleunigt war, 100—120 —140, so erhielt der Pa¬ 
tient ausser Bädern und Beruhigungsmitteln vorüber¬ 
gehend kleine Dosen Digitalis. Am 9. September 
Hess Patient einige mal Urin unter sich und schmierte 
mit Koth. Am 10. September war die Blasengegend, 
welche täglich untersucht wurde, nicht vorgewölbt; 
Dämpfungsgrenze bei der Unruhe nicht festzustellen. 
Nach Angabe des Pflegers hatte der Patient genügend 
Urin entleert Am 11. September liess er J / 2 Nacht¬ 
geschirr voll hellen Urins. Abends gegen io*/j Uhr 
bekam er einen raptusartigen Aufregungszustand, wo¬ 
bei er seine Urinflasche zertrümmerte. In derselben 
Nacht Hess er reichlichen Urin, vermischt mit hell¬ 
rotem Blut auf den Fussboden. Am Morgen des 
12. September war das Gesammtbild verändert. Die 
Temperatur betrug 35,8, der Puls war bis auf Soge¬ 
sunken, Hände und Füsse w f aren kühl, die Zunge 
trocken, etw r as belegt. Der Patient lag jetzt im Ge¬ 
gensatz zu seinem bisherigen ruhelosen Verhalten still 
auf dem Rücken, hielt den Oberkörper etwas nach 
vom gebeugt, die Füsse an den Leib angezogen, konnte 
sie nicht ohne Schmerzen ausstrecken und sich nicht 
ohne Schmerzen bewegen; von Zeit zu Zeit schrie er 
heftig auf und gab an, kolikartige Leibschmerzen zu 
haben, es sei ein fürchterliches Ziehen von beiden 
Unterrippengegenden zum Nabel. 

Es müsste etwas im Leib geplatzt sein. 

Dabei war der Kräftezustand ein verhältnissmässig 
guter. Schweres Krankheitsgefühl. Kein Aufstossen, 
kein Erbrechen, kein bedrohlicher Collaps. 

Ueber der rechten Unterleibgegend von der Nabel- 


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U6 

Symphysenlinie an nach rechts war deutliche Dampfung 
zu constaticren, welche sich an der rechten Seite 
etwas nach hinten und oben erstreckte. Der Leib 
war nicht aufgetricbcn, Druckcmpfimllichkeit nicht 
wahrzunehmen. Ich stellte sofort die Diagnose auf 
Blasenriss. Da seitdem von selbst kein Urin mehr 
entleert wurde, wurde katheterisirt. Dabei erhielt 
ich ca. 400 ebem. einer braunen, trüben, dicken Flüssig¬ 
keit, welche eine Menge verändertes, zum Teil ge¬ 
ronnenes Blut absetzte. Ich ordnete Eisblase und 
Opium an. Der Puls stieg auf <)2 , die Temperatur 
auf 36. Der Patient fühlte sich nicht kühl an, und 
war nicht collabirt; er wurde hallücinatorisch verwirrt. 

Wegen der ins Auge gefassten Möglichkeit einer 
operativen Behandlung wurde Herr Professor Dt . Bessel- 
hägen zugezogen. Dieser bestätigte die Diagnose 
und nahm wegen der cirumseriptcn Dämpfung, des 
Fehlens von Druckempfindlichkeit des Leibes, von 
Aufstossen und Erbrechen und wegen des vcrhült- 
nissmässig günstigen Allgemeinbefindens an, dass der 
Riss der Blase sich noch extraperitoneal befand. Da 
noch keine augenblickliche Lebensgefahr vorlag und 
andrerseits die hochgradige halliu inatorisc he Ver¬ 
wirrtheit und Erregung Bedenken bezüglich'der Nach¬ 
behandlung einer eventuellen Operation erweckte, 
stand Prof. Besselhagcn von sofortiger Lapaiotomie und 
Vernühung des Blasenrisscs ab. Er meinte, der 
Blasenschluss könne besser auf granulirendem Wege 
zustande kommen; bei der unausbleiblichen Harn¬ 
infiltration würde sich eine Phlegmone entwickeln, die 
dann voraussichtlich Incisionen erforderlich machen 
würde. Zur Vermeidung einer Blascnausdehnung 
empfahl er die häufigere Katheterisirung und Einlegung 
eines Verweilkatlieters. Ich legte demgemäss einen 
Dauerkatheter (Nclaton) ein, wobei die Entleerung 
von ca. 200 cbcin. hellen Urins das Stehen der Blutung 
anzeigte. Es schwammen nur wenige Blutcoagula 
im Harn. Spät abends befand sich in der Ente 
noch eine kleine Menge hellgelben Urins ohne Blut. 
Es wurde abends Aufstossen wahrgenommen, In 
der Nacht zum 13. September wurde ich zu dem 
Patienten gegen 4' 2 Uhr gerufen. Ich fand ein ver¬ 
ändertes Gesammtbild vor. Es bestand Lungen¬ 
ödem, Stertor, kleiner beschleunigter Puls (120), kühler 
Schwciss, Sopor und Aufschreien bei jeder Berührung 
des Leibes. Offenbar war der Durchbruch in die 
Bauchhöhle erfolgt. Trotz exitirender Behandlung 
erfolgte um 8 l 4 Uhr morgens (13. September) der 
tötliehe Ausgang. Die Section wurde leider nicht ge¬ 
stattet. Als Todesursache notirte ich auf dem 
Totenschein: Blasenriss bei fortschreitender Gehirn- 
lühnuing. 

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[Nr. 12. 

IV. Fall. 

45 jr. Rechtsanwalt, aufgenommen 28. Juni i8q8. 
Mutter nicht ganz normal, eine Schwester war vorüber¬ 
gehend geistesgestört. Als junger Mann hatte er 
öfters Gonorrhoe und bekam eine Strictur, musste 
wegen Urinretention mehrmals katheterisirt Werden. 

Seit 3 Jahren „nervös“, litt an Schwihdclgefühl, 
Angst und Zwangsvorstellungen bei Vorhandensein 
eines in letzten Jahren grösser gewordenen Kropfes. 
Kurze Zeit bestellt ungewöhnliche nianiäkalische Er¬ 
regung; er zeigte übermässige Geschäftigkeit. Sucht 
Pläne und grosse Einkäufe zu machen, fühlte sich 
überglücklich, witzelte und war gegen seine Gewohn¬ 
heit ausgelassen fröhlich, gehobener Stimmung und 
ausserordentlich reizbar. Der Patient war in anhaltend 
lebhafter Erregung, sprach fortwährend weitschweifig 
und hatte wenig Schlaf. Grössenidecn traten auf. 
So äusserte er, mit dem Kriegsininister Scat zu spielen, 
wegen seiner Strictur ö Wochen lang keinen Urin ge¬ 
lassen und dann 42 Liter Urin mit einem Mal ent¬ 
leert zu haben; Urtheilsschwächc war ersichtlich, bis¬ 
weilen wurde Vergesslichkeit und Mangel an ethischen 
Empfindungen bemerkt. Der Ernährungszustand war 
ein guter. Der Patient halte eine Struma von er¬ 
heblicher Grösse. An körperlichen Lühmungs- 
erscheinungen waren vorhanden: Schielen, (Strabismus 
divergens), linksseitige Ptosis, Pupillendiffercnz und 
Trägheit der Lichtreaction, Schwäche, des linken 
Facialis. Die grade ausgestreckte Zunge zitterte 
leicht fibrillär, bisweilen trat eine Sprachstörung her¬ 
vor, die in Versetzen resp. Hinzufügen von Buch¬ 
staben bestand, wie z. B.: „polpulär, kathretisirt, 
Stivilproccss.“ Der rechte Kniesehnenreflex war er¬ 
loschen, der linke schwach vorhanden. Das Schmerz¬ 
gefühl war stark herabgesetzt; der Stuhl oft verhalten. 
An der Diagnose progressive Paralyse konnte somit 
ein Zweifel nicht bestehen. Die psychische Erregung 
nahm zu, der Pat. wurde verworren. Er schwitzte 
stark. Am 1. Juli wünschte er die Einlegung eines 
Bougies in die Harnröhre und behauptete, an io mal 
Urin gelassen zu haben, jedesmal ein Nachtgeschirr 
voll. Nachdem am 2. Juli unwillkürlicher Abgang 
von Urin beobachtet war, stellte sich am 3. Juli Er¬ 
brechen und Hinfälligkeit mit Pulsbeschleunigung ein. 
Der Leib erwies sich stark gespannt und die Blasen- 
clämpfung ausgedehnt, die Katheterisirung misslang 
bei der vorliegenden engen Strictur der Harnröhre. 
Da Indicatio vitalis vorlag, Sopor, Cvanose, kleiner 
fliegender Puls, kalter Schweiss, häufiges Erbrechen 
erfolgte, wurde die Blasenpunktion durch den Haus¬ 
arzt Dr. Friedlaender yorgenomnien, wodurch eine 
grössere Menge stark ciwcisshaltigcn LTins entleert 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 




1002.1 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 157 


wurde. Ueber den Lungen hörte man rechts hinten 
unten Knisterrasseln. In den nächsten Tagen wurde 
dort auch eine kleine Dämpfung nachweisbar. Die 
Katheterisirung gelang nach vorherigem Bougiren. 
Fortan musste der Ham durch Katheterisirung ab¬ 
gelassen werden, da spontan keine Urinentleerung 
erfolgte. Der Urin war ohne Blut. Am 6. Juli wurden 
in 1 1 j 2 Stunden dauerndem Katheterismus ca. 2 Nacht¬ 
töpfe voll Urin entleert. Auffällig war der langsame 
Abfluss des Harns. Das Allgemeinbefinden ver¬ 
schlechterte sich. Der Puls war klein, fliegend, die 
Temperatur betrug 36,8—37 0 , der kalte Schweiss 
hielt an, ebenso das Erbrechen, die Benommenheit 
nahm zu, die Sprache wurde undeutlich und ganz 
verworren, die Glieder wurden kühl, die Athmung kurz 
und beschleunigt. Am 7. Juli 1898 trat der Tod 
ein. 

Section wurde leider auch in diesem Fall nicht 
gestattet. Auch hier handelt es sich neben einer 
Lungenentzündung sehr wahrscheinlich um eine Blasen- 
zerreissung. 

Zunächst muss ich ebenso wie Posner und Her- 
ting bei meinen P'ällen betonen, dass von der Ein¬ 
wirkung eines Trauma auf die Blase keine Rede 
sein konnte. Sämtliche Patienten wurden sorgfältig 
überwacht: nur bei Fall III liegt die Möglichkeit 
vor, dass der raptusartige Erregungszustand des 
Patienten, bei dem er eine Urinflasche zertrümmerte, 
vielleicht die Veranlassung zum Platzen der Blase 
gegeben hat. Auch von einer nennenswerthen Ueber- 
dehnung der Harnblase durch Urinverhaltung kann 
man abgesehen von Fall I nur bei Fall IV sprechen 
In diesem lag eine hochgradige Strictur vor und der 
versuchte Katheterismus gelang theils deshalb, theiis 
wegen Unruhe des Patienten erst, als bereits die 
Punctio hypogastrica wegen vitaler Indication vor¬ 
genommen war. Den wirklichen Grund für die Zer- 
reissung der Harnblase in diesen Fällen nachgewiesen 
zu haben, ist das Verdienst Hertings, welcher eine 
Degeneration der Blasenmusculatur microscopisch bei 
seinen 3 Fällen feststellte. (Übermässige Fett¬ 
entwicklung sowohl subperitoneal als zwischen den 
einzelnen Muskelbündeln. Die Muskelfasern selbst 
zeigten alle Stadien der Degeneration. An den 
Rissstellen fand er kleinere und grössere Blutungen 
und in letzteren structurlose fadenartige Gebilde). In 
allen Fällen liegt zweifellos progressive Paralyse vor. 
Alle bisher bekannten Fälle betrafen Männer. Die 
bei Paralytikern bekannte Neigung zu Blutungen trat 
auch in meinen sowie in Hertings Fällen hervor. 
(Neigung der Harnröhre zu Blutungen in Fall I und 
eine starke spontan aufgelretene Blutunterlaufung am 

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rechten Fuss in Fall II). Herting meint, dass es 
sich bei der Blasenzerreissung um eine primäre 
Muskelblutung handelt, welche die Zerreissung der 
Blase zur Folge hat. Das Ereigniss eines Blasen- 
risses bei Paralytikern ist selbstverständlich ein höchst 
unangenehmes und gefährliches. Es fragt sich, ob 
es nicht zum Theil verhütet werden kann. Es muss 
zugegeben werden, dass eine starke Hamblasen¬ 
füllung, die ja an sich schon gelegentlich zu einer 
Ruptur Veranlassung geben kann, bei degenerativer 
Veränderung der Blasenwandung von Paralytikern 
einen Riss der Blase um so eher fördern kann. Jede 
erhebliche Anfüllung der Blase muss also bei Paraly¬ 
tikern verhütet werden. Wie wir gesehen haben, ist 
der Blasenriss meist bei hochgradig erregten und ver¬ 
wirrten oder völlig apathischen männlichen Patienten 
vorgekommep. Wenn es auch eine wichtige Aufgabe 
des Irren-Arztes ist, in derartigen Fällen den Stand 
der Blase und ihren Füllungsgrad zu überwachen, 
so versteht es sich von selbst, dass diese Aufgabe 
grade bei den erregten Paralytikern eine schwere, 
bisweilen unmögliche ist. Auf Angaben des Wart¬ 
personals über genügend entleerten Urin sollte man 
sich nicht verlassen, da der ganze Urin in der Regel 
nicht aufgefangen werden kann und die Anschauungen 
darüber, ob genügend Urin gelassen wurde, individuellen 
Schwankungen begegnen. Es kommt darauf an, dass 
alle Tage hintereinander auch genügend Urin entleert 
wurde und nicht etwa eine unzureichende Menge 
an einem oder mehreren Tagen übersehen wurde. 
Erfahrungsgemäss darf man sich nicht dadurch täuschen 
lassen, dass der Kranke unwillkürlich Urin gelassen 
hat, auch wenn die Menge eine reichliche war ; Pa¬ 
tient 2 schwamm förmlich in Urin und zwar mehrere 
Male. Im Gegentheil kann der unwillkürliche Ab¬ 
gang von Ham als Zeichen für möglicherweise vor¬ 
liegende Harnblasenüberfüllung gelten und zur ge¬ 
nauen Untersuchung und eventuellen Katheterisirung 
mahnen. Der Arzt muss, wo es möglich ist, täglich 
bei aufgeregten oder sehr apathischen Paralytikern 
den Stand der Blase durch Inspection des Abdomen, 
Palpation und Percussion festzustellen suchen, wenn 
er die unliebsame Ueberraschung der Blasenruptur ver¬ 
meiden will, und zwar in regelmässigen Zwischen¬ 
räumen. Hat man Harnverhaltung festgestellt, so 
ist die Beseitigung derselben sofort anzustreben. 
Ebenso wie bei Paralytikern oft prophylaktisch die 
Darmentleerung vorgenommen wird, sollte man sich 
nicht scheuen, bei allen Paralytikern, bei denen der 
Verdacht einer Urinretention vorliegt, die Catheteri- 
sirung der Blase vorzunehmen; ja ich möchte sogar 
den von Zeit zu Zeit prophvlactisch vorgenommenen 

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[Nr. r_\ 


13» 


PSYCHIATRISCH-NKUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Entleerungen der Blase das Wort reden. Sind die 
Blasenzerreissungen im ganzen auch glücklicherweise 
anscheinend nicht zu häufig, so sind sie doch so 
unliebsame und bedrohliche Complicationen, dass der 
Irrenarzt mit ihnen rechnen und alles zur Verhütung 
derselben thun sollte. Bei sehr erregten Paralytikern 
wird natürlich ohne dringendste Indication von der 
prophylactischen Blascnkatheterisirung Abstand ge¬ 
nommen werden müssen, hält es bei ihnen doch 
schon schwer, sich über den Blasenstand und die 
Urinentleerung zu informieren. Manchmal ist dies 
bei tobsüchtigen Personen fast ganz unmöglich. 
Dieselben lassen unter sich auf den Fussboden und 
benutzen kein Stechbecken oder Closet, sodass die 
Ueberwachung des Urinabganges die grössten 
Schwierigkeiten macht, umsomehr wenn es sich um 
fettreiche Bauchdecken handelt. Wo Stricturen vor¬ 
handen sind und schon bei ruhigen Kranken die 
Katheterisirung erschwert bcz. zunächst undurchführ¬ 
bar ist, erscheint die rechtzeitige Erweiterung der 
Strictur durch Bougieren gerathen, damit nicht erst die 
Blasenpunction zur Nothwendigkeit wird. Das Aus¬ 
drücken der Blase mit der Hand, welches von Heddaeus 
empfohlen wurde, muss bei der nachgewiesenen 
Brüchigkeit infolge von degenerativen Veränderungen 
der Blasenmusculatur als nicht unbedenklich be¬ 
zeichnet werden, worauf auch Hcrting und Posner 
mit Recht hingewiesen haben ( 1 . 1 . c.). Dahingegen 
dürfte gegen den häufigen Gebrauch des Katheters 
bei Paralytikern, die infolge von centraler Nerven¬ 
erkrankung zu Blasenlähmungen neigen, wieder der 
Umstand geltend gemacht werden, dass leicht dadurch 
Cystitiden erzeugt werden können, ja dass die Blase 
einmal durchstossen werden könne. Obwohl die Dcs- 
infection der für gewöhnlich angewandten weichen 
Nelatonkatheder sich kaum bei den bisherigen Me¬ 
thoden bis zur völligen Sterilität der Katheder aus¬ 
führen lässt und wir uns damit begnügen, die mit 
kaltem Wasser durchgespülten Katheder vor dem Ge¬ 
brauch kurze Zeit in Carbolsäurc zu legen, sie 

dann mit steriler Gaze abzutrocknen und mit reinem 
Olivenöl zu benetzen, ist bei uns im Allgemeinen 
recht selten Blasenkatarrh bei noch nicht im Encl- 
stadium befindlichen Paralytikern beobachtet worden. 
Natürlich muss man saubere und ganze, nicht schad¬ 
hafte Katheder verwenden. 

Wo aber einmal Zeichen von Cvstitis auftraten, 
gelang cs dieselben alsbald durch Blasenausspülungen 
zu beseitigen. Die weitere Furcht, die Blase etwa 
zu durchstossen, scheint mir bei einiger Vorsicht in 
der Handhabung der Katheter trotz der präsumptiven 
Atrophie der Blasenwandung der Paralytiker noch 

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weniger begründet. So sehr man auch im allgemeinen 
gut thut, bei Geisteskranken jede Polypragmasie zu 
vermeiden, so dürfte doch ein etwas ausgiebiger Ge¬ 
brauch des Katheters bei den Paralytikern zur Ver¬ 
hütung von Harnretention und Uebcrfüllung der Blase 
infolge von Lähmungen recht angebracht sein. Es 
wird wohl ungleich häufiger der Fall sein, dass es 
durch Harnstauung in der Blase zu Cystitis kommt, 
als dass diese durch Katheterisirung erzeugt wird. 
Bei paralytischen Frauen kommt es wohl infolge der 
grade verlaufenden kurzen Harnröhre seltner zu Urin¬ 
zurückhaltung. Darauf mag wohl auch der Umstand 
beruhen, dass die Harnblasenruptur bisher bei para¬ 
lytischen Frauen nicht beobachtet wurde, während die 
spontane Harnblasenruptur im übrigen fast nur bei 
Weibern im Anschluss an den Geburtsact gesehen 
wurde*). Wie Herlings und meine Fälle zum Th eil 
gezeigt haben, wird es aber trotz alledem hin und 
wieder zur Blasenzcrrcissung bei Paralytikern kommen 
können, da wo es sich gar nicht um eine Ilarnreten- 
tion handelt, und zwar infolge der beschriebenen de¬ 
generativen Veränderungen der Blasenmusculatur bei 
Patienten, welche im allgemeinen zu spontanen Blu¬ 
tungen neigen. Befördert werden kann die Ruptur 
gelegentlich durch heftige Muskelaction bei starker Er¬ 
regung, wie in meinem Fall III. Auch Thorndicke 
hat Blasenzerreissung infolge von Muskelaction beob¬ 
achtet**). Ist nun einmal der Blasenriss eingetreten, 
so ist es wichtig, das Ereigniss sofort richtig zu di- 
agnosticieren. Dies gelang anfangs nicht, als man auf 
ein solches nicht gefasst war und es nicht kannte. 
Auch jetzt noch giebt es Fälle in der Littcratur, in 
denen selbst traumatische Harnblasenrupturen infolge 
mangelnder charakteristischer Symptome nicht sofort 
oder gar nicht bei Lebzeiten diagnosticiert wurden. 
Es wird aber wohl in der Mehrzahl der Fälle jetzt 
wie in unseren gelingen sofort die Diagnose auf Bla- 
senriss zu stellen. 

Es liegt mir fern, hier auf die klinischen Symptome 
der Blasenruptur erschöpfend einzugehen. Nur einige 
Momente, die mir besonders bei den Paralytikern 
wichtig erscheinen, möchte ich hervorheben, indem 
ich in Bezug auf die eingehendere Klinik der Ilarn- 
blasenruptur auf Güterbock: Die Krankheiten der Harn¬ 
blase ’ **) verweise. Die eigenartigen subjectiven Be- 

*) Eulcnburgs Rcalcncyclopädic 1894, S. 34". Blasenkrank- 
heiten. Englisch, 3. Auflage, 3. Band. 

**) Thorndicke. A fcw remarks on tlie diagnosis and treat- 
ment of rupture of the bladder. Journ of. cut and gen. ur. 
diseas. p. 210. ref. nach Virch.-Hirsch Jahresbcr. 189g, II. S 520. 

***) Güterbock. Die chirurgischen Krankheiten der Harn- u. 
männlichen Geschlechtsorgane, Band I, Die Kiankheiten der 
Harnblase. Leipzig und Wien 1890, S. 304 ff. 


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1902.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 13g 


schwerdcn werden bei den Geisteskranken nicht immer 
hervortreten. Characteristisch ist der heftige Schmerz 
im Leib, welcher kolikartig auftritt und von der Bla¬ 
sengegend nach oben oder unten zieht. Allerdings 
kann er auch bei vorgeschrittenen Paralysen, hoch¬ 
gradig stupidem und analgetischem Verhalten fehlen 
oder weniger deutlich in die Erscheinung treten. In 
mehreren Füllen waren die klinischen Erscheinungen 
ganz eklatante und eine völlige ungünstige Veränder¬ 
ung des Gcsainmtbildes nach dem Blasenriss sofort 
bemerkbar. Die Kranken machten einen verfallenen 
Eindruck, der Puls war beschleunigt, sie sahen blass 
aus, hatten kühle Temperatur, kühle Glieder. 

In einigen Fällen fehlt aber der sofortige Collaps, 
das kommt namentlich bei denjenigen vor, bei welchen 
der Bl äsen riss extraperitoneal geblieben ist. Am 
meisten muss aber das spontane Entleeren blutigen 
Urins auf den Eintritt eines Risses aufmerksam machen. 
Oefter sind Vorboten in Gestalt von unwillkürlichem 
Urinabgang vorhergegangen, bis mit einem Male über¬ 
haupt von selbst kein Urin mehr gelassen werden 
kann. Das spontane Harnlassen hört nämlich ge¬ 
wöhnlich nach dein Riss auf. Katheterisirt man dann, 
so erhält man keinen oder wenig sanguinolenten oder 
rein blutigen Harn. Bisweilen zeigen auch einige 
Coagula die Residuen einer Blasenblutung an. Meist 
wird die bisweilen noch spontan gelassene oder durch 
Katheter entleerte geringfügige Menge des Urins auf¬ 
fallen. Gelangt man aber mit dem Katheter durch 
den Riss in die Bauchhöhle, so kann man unter Um¬ 
ständen eine erhebliche Menge blutigen Harns her¬ 
ausbefördern, wie in Fall III Hcrtings. Die Blasen¬ 
dämpfung ist bei intraperitonealen Rissen meist ver¬ 
schwunden. Blut- und Urinergüsse im praevesiealen 
Raum können bisweilen eine Dämpfung verursachen. 
Fall I zeigt, dass eine Blasendämpfung durch den in 
den Rctziusschen Raum getretenen Urin vorgetäuscht 
werden kann; die Dämpfung ging dabei trotz Ent¬ 
leerung von Urin durch Katheder nicht ganz zurück. 
Bei extraperitonealem Riss findet man Dämpfungen, 
die sich nach der einen -oder anderen Seite von der 
Blasengegend aus erstrecken. Erscheinungen von Peri¬ 
tonitis, Empfindlichkeit der Bauchdecken, Aufstosscn, 
Erbrechen auch Metcorismus kramen ganz fehlen, 
selbst bei intraperitonealen Fällen und stellen sich 
erst nach mehreren Tagen ein. Spontane Blutunter¬ 
laufungen fanden sich in mehreren Fällen am Körper 
der Paralytiker. 

Die Patienten mit Harnblasenzerreissung machen 
in psychischer Hinsicht einen bald ruhelosen Ein¬ 
druck mit wirren Delirien, bald einen ganz stuporösen. 

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Vorübergehend kann auch Lucidität mit schwerem 
Krankheitsgefühl hervortreten. 

Der Ausgang der .Harnblasenruptur ist in allen 
Fällen ein tötlichcr und zwar tritt der Tod meist 
sehr bald durch Shock oder innerhalb weniger Tage 
durch Peritonitis ein, auch bei extraperitonealen Füllen, 
bei denen es in kürzester Zeit zum Durchbruch in 
die Bauchhöhle oder zur Sepsis durch Harninfiltration 
kommt. Rettung ist bei den Harnblascnrisscn für 
gewöhnlich nur durch schleunige Operation möglich. 
Ein Zuwarten hat dabei keinen Zweck und kann den 
schlimmen Ausweg nicht abwenden. Die Statistik der 
Erfolge von Blasenrupturen ergiebt ca. 50 °/ 0 Hei¬ 
lungen*). Mit der fortschreitenden Vervollkommnung 
der Technik, bei schneller Diagnose und Indications- 
stellung haben die Heilungsziffern, welche noch vor 
kurzem recht spärliche waren, erheblich zugenommen. 
Wird man nun auch bei einem Paralytiker, einem un¬ 
heilbar Geisteskranken eine solche eingreifende Ope¬ 
ration im Fall eines Blasenrisses anrathen können ? 
Erfahrungen über Operationen bei denselben liegen 
noch nicht vor. Es ist fraglich, ob die Hcilungsre- 
sultate ceteris paribus bei Paralytikern mit ihren 
trophischen Störungen ebenst) gute wie bei den nicht 
paralytischen Menschen mit Blasenruptur sein würden 
und ob nicht die Nachbehandlung erheblichen Schwie¬ 
rigkeiten bei den Geisteskranken begegnen würde. 
Die letzteren Hessen sich überwinden. Ist die Para¬ 
lyse weit vorgeschritten, der Kräftezustand ein schlechter, 
so wird man von der Operation selbstverständlich Ab¬ 
stand nehmen. Wenn die Kranken noch nicht zu 
weit vorgeschrittene Paralytiker sind, relativ gutes All¬ 
gemeinbefinden zeigen, und ihre nächsten Angehörigen 
bezw. Vormünder mit der Operation einverstanden 
sind, muss aber künftig meiner Ansicht nach unbe¬ 
dingt zur Operation einer festgestelltcn Blascnruptur 
geschritten werden, dem einzigen Mittel, um den 
traurigen Ausgang wenigstens für die allernächste Zu¬ 
kunft zu vermeiden. Es können ja noch jahrelange Re¬ 
missionen cintreten, womit vielen Kranken und An¬ 
gehörigen schon gedient ist. Man muss auch von 
dem ärztlichen Grundsatz ausgehen, den Menschen 
— solange es irgend möglich ist — am Leben zu 
erhalten, ganz abgesehen von den Fällen, in welchen 
die Diagnose progressive Paralyse noch nicht ganz 
fcststeht. Ich bin also entschieden dafür, in geeigneten 
Fällen die Frage einer operativen Behandlung des 
Blasenrisses auch bei Paralytikern zu bejahen. Na¬ 
mentlich aber dürfte bei extraperitonealem Sitz der 

*) Hollend all: Ueber die operative Behandlung einer 
traumatischen intraperitonealen Ruptur der Harnblase. Inaug.- 
Abh., Strassburg i. E. 1896. 


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140 

Ruptur, wie in einem meiner Fälle, bei sonst günstigen 
Umständen, die schleunige Operation angezeigt er¬ 
scheinen. Vielleicht wäre dadurch in meinem be¬ 
treffenden Fall der baldige Tod nach Durchbruch ins 
Peritoneum noch rechtzeitig abgewendet worden. Ucbcr 
die beschriebenen und ausgeführten mannigfachen 
Arten der Operationen und ihre Technik will ich hier 
keine Ausführungen machen und verweise in dieser 
Beziehung auf Güterbock *) und die übrige Littcratur. 
Es kommt hauptsächlich die Laparotomie mit Blasen¬ 
naht oder Blascndrainage in Betracht. 

Dass die spontane Harnblasenruptur bisher noch 
nicht in weiterem Umfange in Irrenanstalten beobachtet 
wurde, mag wohl an der aufmerksamen Uebcrwach- 

♦) 1 . c. S. 308. 


[Nr. 12. 

ung der Blasenfunction , der Verhütung und schnellen 
Beseitigung von Harnverhaltungen bei Paralytikern 
liegen, zum Theil aber mögen Harnblasenrisse wohl 
infolge mangelnder Kcnntniss des Ereignisses an sich 
undiagnoslicirt geblieben und auch bei tödtlichcm Aus¬ 
gang übersehen worden sein.**) — Mögen diese Zeilen 
zur Verhütung dieses unliebsamen Ereignisses und 
wo dies nicht möglich ist, durch sofortige richtige 
Diagnosenstellung und schleuniges thatkräftiges ope¬ 
ratives Eingreifen in geeigneten Fällen zur Abwend¬ 
ung der augenblicklichen Lebensgefahr beitragen. 

**) Nach Mittheilung von Herrn Sanitätsrath Dr. Richter, 
Oberarzt in Dalldorf, ist daselbst l>ci der Scction von Para¬ 
lytikern Anfang der achtziger Jahre ein Fall von Harnbla&cn- 
zerreissung gefunden worden, welcher bei Lebzeiten nicht diag- 
nosticirt war. 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Mittheilungen. 


— 69. Versammlung des Psychiatrischen 
Vereins der Rheinprovinz am 7. Juni 1902 in 
Galkhausen. 

1. Schultze-Andernach: Bemerkungen zur Sach- 
vcrständigen-Thätigkeit. 

a) Sch. berichtet über seine Erfahrungen, die er 
gemacht hat, wenn er als sachverständiger Zeuge 
414 C.-P.-O., $ 85 St.-P.- 0 .) geladen war. In 
einem derartigen, genauer mitgetheilten Falle ver¬ 
suchte das Gericht auf die verschiedenste Weise von 
Sch. ein fachmännisches Urtheil zu erlangen und 
weigerte sich andrerseits, ihn als Sachverständigen 
zu vereidigen. Da alle Versuche vergebens waren, 
sah sich das Gericht schliesslich doch genötlugt, seinen 
ursprünglichen Widerstand aufzugeben und den sach¬ 
verständigen Zeugen auch noch als Sachverständigen 
zu vereidigen. 

Sch. sucht den principiellen Unterschied zwischen 
dem Sachverständigen und dem sachverständigen 
Zeugen festzustellen. Er findet ihn, besonders im 
Anschluss an die Arbeit von Stein, darin, dass der 
sachverständige Zeuge wie der Zeuge überhaupt dem 
Gericht eine bestimmte Thatsache mittheilt, während 
dasjenige, was der Sachverständige als etwas piicipiell 
Neues dem Gericht zuführt, eine allgemeine, der be- 
sondern Sachkunde entstammende Regel ist. Der 
Zeuge berichtet, kurz gesagt, etwas Concretes, der 
Sachverständige etwas Abstraetes oder wenn wir uns 
der in der Logik •üblichen Terminologie bedienen 
wollen, jener liefert einen Untersatz, dieser einen 
Obersatz zu dem von dem Richter zu bildenden Ur- 
theile. Insofern unterscheidet sich aber der sachver¬ 
ständige Zeuge von dein Zeugen, als die Wahrnehmung 
der von ihm berichteten Thatsachcn und Zustände 
eine besondere, dem Laien für gewöhnlich fehlende 
Sachkunde erfordert. Deren Vorhandensein ist auch 
die Voraussetzung einer zutreffenden Schilderung des 

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Befundes und einer Würdigung m. a. W. in vielen 
Fällen wird der Richter mit der Aussage der sach¬ 
verständigen Zeugen nichts anzufangen wissen. Das 
trifft beispielsweise zu für die Aeusserung des als 
sachverständigen Zeugen geladenen Augenarztes, er 
habe mittels des Augenspiegels im Augenhintergrunde 
schwarze und weisse Flecken gesehen. Ein typisches 
Beispiel für das, was der sachverständige Zeuge dem 
Gericht mitzutheilen hat, ist das Sectionsprotocoll. 

Der sachverständige Zeuge hat nur das zu be¬ 
richten, was ihm seine technisch-geschärften und ge¬ 
schulten Sinne haben wahmehmen lassen. Er braucht 
keine persönliche Stellung zu diesem Befunde einzu¬ 
nehmen; er braucht ihn nicht tec hnisc h zu beurtheilen, 
ihn weder nach der klinischen noch nach der recht¬ 
lichen Seite zu würdigen. 

Schliesslich führt Sch. kurz an, welche Schlüsse 
sich hieraus für das Verhalten des Sachverständigen 
ergeben, der als sachverständiger Zeuge geladen ist. 
Er betonte dabei unter anderem, dass der Sachver¬ 
ständige auch in diesem Falle nach einer neuerlichen 
Entscheidung des Reichsgerichts verpflichtet ist, sein 
Gedächtniss über das, was er vor Gericht auszusagen 
hat, vorher aufzufiischen, nothwendigenfalls unter Zu¬ 
hilfenahme schriftlicher Notizen. 

b) Sodann theilt Sch. noch kurz Erfahrungen hin¬ 
sichtlich der Beanstandung der Liquidation von 
Vorbesuchen mit, aber wegen der vorgerückten Zeit 
nur insoweit, als der Ort, an dem die Vorbesuche 
erstattet sind, hierbei in Frage kommt. Dieser Punkt 
ist für den Irrenanstaltsarzt nicht gleichgültig; das 
Gericht ist hier und da, wenn auch meist nur vorüber¬ 
gehend, der Ansicht, der Anstaltsarzt, der den zu 
untersuchenden Kranken in dem betreffenden Kranken¬ 
pavillon aiifsuehc, verlasse seine Behausung nicht ; er 
erstatte als«» auch keinen V« »rbesueh, sondern empfange 
ihn in seiner Wohnung. Eine solche, genauer mitge- 

Original fram 

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IQ02.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 141 


theilte Entscheidung wurde seitens des zuständigen 
Amtsgerichts und Landgerichts getrollen; die be¬ 
treffende Anstalt war eine neuere Anstalt im modern¬ 
sten Pavillonstyl. Dass eine tierartige Entscheidung 
dem allgemeinen Sprachgebrauch der Worte: Wohnung, 
Behausung wenig entspricht, dass sie geeignet ist, die 
Anstaltsärzte materiell zu schädigen, braucht kaum 
hervorgehoben zu werden. (Autoreferat.) 

2. R. Foerster und Bauckc-Bonn: Seetionsbe- 
fund bei zwei Geisteskranken: 1. Disseminirte Ence- 
phalomyelitis, 2. Syringomyelie (Demonstration von 
Präparaten). 

Fall I. Erblich belastete, 30jährige Lehrerin, seit 
5* 2 Jahren in AnslaltspHcge wegen Dementia praecox 
mit hysteriformen Symptomen. Begann bald nach 
dem Einsetzen ihrer Krankheit zu „humpeln“ und 
klagte vorübergehend über Schmerzen im linken Ober¬ 
schenkel. Januar iqoi : unbeholfener Gang. Patientin 
hütete das Bett, da sie das linke Bein nicht bewegen 
könne (Luxationsstellung); von Seilen der Reilexe und 
der Sensibilität war nichts Abnormes nachzuweisen. 
Die chirurgische Untersuchung im November 01 er¬ 
gab nur eine Spannung in der Musculalur des Ober¬ 
schenkels, Knie- und Hüftgelenk waren völlig frei; 
nach forcirter Extension wurde ein vom Nabel bis 
zu den Knieen reichender Gypsverband angelegt, nach 
dessen Abnahme die Weiterausbreitung eines bereits 
beginnenden Decubitus nicht verhindert werden konnte. 
Tenesmus vesicae. Temperaluisteigerung bei häufigen 
Messungen nicht nachzuweisen. In den letzten Lebens¬ 
lagen erhebliche Parese des rechten Armes. Am 
18. März 02 exitus letalis. 

Scctionsbefund :■ Pleuritis fibrin. ’ et serosa, 
Pneumonia lobularis, vergrößerte Milz, Eettleber. 
Ausgedehnter Decubitus. 

Hirngewicht 1300. Arterien der Basis dünnwandig. 
Pia ablösbar. Ventrikel weit, Ependym verdickt. In 
den Wandungen der Scitcnventrikcl finden sich mehrere 
etwa erbsengrosse Herde von derber Consistenz; in den 
basalen Ganglien mehrere hirsekorngrosse Plaques von 
grauröthlieher Farbe und weniger derber Consistenz; 
ebenso ist die Marksubstanz der Hemisphären und des 
Kleinhirns von ähnlichen verschiedenartig gestalteten 
Herden durchsetzt. Pons und medulla abh mgata ent¬ 
halten nur je 2 Plaques, Tractus opticus, Chiasma und 
die Sehnerven sind frei. Im Rückenmark sieben 
größere,' scharf abgegrenzte, zackige Plaques von 
transparenter, glasiger Beschaffenheit und vermehrter 
Consistenz; die Hinter- und Seitenstränge sind be¬ 
vorzugt. 

Die Betrachtung des frisch secirten Gehirns musste 
die Annahme einer multiplen Sclemse nahelegen, in¬ 
des« stimmten die klinischen Symptome damit nicht 
überein. Der mikroscopische Befund lässt auf eine 
Sogenannte gemeine disserniniertc Encephalomyelitis 
sch Hessen. 

Die Pathogenese des Falles wäre folgende: Bei 
einer körperlich schwachen, erblich belasteten Person 
mit einem minderwerthigen, functioneil untüchtigen 
Centralnervensystem (das Hinken wäre als hvsteriformes 
Symptom aiifzufassen) entwickelt si< h nach dem Ein¬ 
griff, der mit erheblicher Zerrung der Nervenstränge 

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(und möglicher Weise auch einer mechanischen Reiz¬ 
ung der Medulla) einherging und bald von einem 
jauchigen Decubitus gefolgt war, auf infectiösem Wege 
eine disserniniertc Encephalomyelitis. 

Fall II. Erblich belasteter Mann von 29 Jahren, 
von jeher widerspenstig und einfältig, als Kind Rhaehitis 
und Wasserkopf; Stottern und Schwerhörigkeit. Patient 
erkrankt 8 Tage vor der Aufnahme plötzlich angeb¬ 
lich im Anschluss an einen Todesfall in der Familie 
mit Depression, äussert verschiedene Wahnideen und 
geräth in zunehmende motorische Unruhe. Bei der 
Aufnahme zeigte sich ausser einigen Degenerations¬ 
zeichen körperlich nichts Auffallendes. Der Kranke 
bot die ausgesprochenen Symptome des sogen. De¬ 
lirium acutum und starb am 6. Tage des Anstalls¬ 
aufenthaltes. 

Sectionsbefund: Starke Hvperaemie des Gehirns, 
Erweiterung der Ventrikel und des Aquaeductus Svlvi 
sowie Granulierung des Ependyins. Hvperaemie der 
Lungen, petechiale Blutaustritte auf den Pleuren. Das 
Gehirn steht leider nicht mehr zur Verfügung, das 
Rückenmark wurde in Müllcr’sclicr Flüssigkeit conscr- 
viert. Es fand sich eine vom Halsmark bis in das 
obere Brustmark reichende, etwa 11 cm lange Höhle, 
die caudalwürts an Ausdehnung zunimmt; an der 
weitesten Stelle kann mau bequem einen Bleistift in 
den Canal einführen. 

Der mikroscopische'Befund spricht für einen acuten 
Prozess, ebenso das klinische Bild; bei längerem Be¬ 
stehen hätten die ausgedehnten Zerstörungen der ner¬ 
vösen Elemente früher merkliche Symptome hervorrufen 
müssen. Das anatomische Bild lässt mit ziemlicher 
Sicherheit annehmen, dass es sich um einen fort¬ 
schreitenden Gewebszerfall und Einschmelzung im 
Anschluss an eine Gefässalteration handelt. Aetiolo- 
gisch könnte sehr wohl derselbe Factor in Betracht 
kommen, der auch das acute Delirium und die Pe¬ 
techien auf der Pleura verursacht hat — höchst 
wahrscheinlich eine Infection, die im krankhaft ver¬ 
änderten Gehirn die heftigsten Reizerscheinungen aus¬ 
löste und im Rückenmark, das bereits gewisse Ent- 
wickhmgsanoinalicn auf wies, zu ausgedehnter centraler 
Höhlenbildung Veranlassung gab. (Der Vortrag wird 
anderweitig ausführlich erscheinen.) 

3. Dr. Hoffmann, Gerichtsarzt in Elberfeld: Ein 
Fall von „inducirtem Irresein“. 

Vortr. spric ht über das Wesen des „indueirten 
Irreseins“, sich hauptsächlich anlehnend an die Ar¬ 
beiten von Finkelnburg, Lehmann, Knittel, Jürger, 
Wollenberg, Pronier, Schönfeldt u. A. 

Er thcilt dann eine eigene Beobachtung mit, Hei 
der es sich um 7 Personen handelt, die an religiöser 
Paranoia erkrankt sind. 

Den Kern dieser 7 bilden 2 Personen, die wahr¬ 
scheinlich unabhängig von einander erkrankt sind 
(folic simultance); bei den übrigen ist dann das Irre¬ 
sein indudrt, und nach des Vortr. Ansicht handelt 
es sich nicht bloss um eine folie imposee, um ein 
scheinbares Irresein, sondern um eine echte induderte 
Psvchose, eine folie communiquee. 

Diese siebenköpligc Gemeinde besteht aus der 
Mutter Gottes, dem neuen Messias und 5 (1 männl. 

Original fram 

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4 -’ 


PS Y CH IA TR ISC H - NEU ROLOGISC H K WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 12. 


und 4 weibl.) Jüngern, die auf das nahe bevorstehende 
Ende der Dinge harren. 

Weil sie nicht arbeiten wollten und nach ihrer 
Ansicht nicht zu arbeiten brauchten, setzten sie sich 
der Gefahr des Nothstandes aus, ein Umstand, der 
zunächst die Verwandten veranlasste, den Antrag auf 
Entmündigung zu stellen. (Wird in der Allg. Zeitschr. 
f. Psychiatrie erscheinen.) Autoreferat. 

4. Lückeraths Vortrag: Diebeiden ersten Jahre 
in der Prov. - Heil - und Pflegeanstalt Galkhausen, 
erscheint demnächst in dieser Wochenschrift. — 

Die Zahl der bei der Versammlung Anwesenden be- 


und eine Frau getötet. Dreissig Personen wurden 
verletzt. Die Mehrzahl der Kranken befand sich 
wegen Trunksucht in Behandlung. Als das Feuer 
ausbrach, waren eine Anzahl von Deliriumkranken an 
die Betten festgeschnallt. (Tägliche Rundschau.) 

Referate. 

— Movimento de la Casa de orates de 
Santiago. II. Semester 1900. Santiago de Chile 1901. 

Wieder liegt ein Bericht der Anstalt zu Santiagt> 
vor von einer Genauigkeit und Uebcrsichtlichkeit, 




Totalansicht der Irrenanstalt zu Santiago de Chile. 


trug über bo. Von der Prov.-Verwaltung waren der Lan¬ 
deshauptmann Geh. Über-Reg.-Rath Dr. Klein und 
Landesrath Vorster erschienen. Director Dr. Herting 
gab an der Hand eines Plans eine Beschreibung der 
Anstalt, worauf eine Besichtigung der letzteren, der 
neuesten und hervorragendsten Schöpfung auf dem 
Gebiete der rheinischen Irrenfürsorge, erfolgte. Die 
Prov.-Verwaltung hatte in liebenswürdiger Weise die 
Bewärthung der Gäste übernommen. 

— Chicago, 10. Juni. Bei dem Brande im Sana¬ 
torium der „St. LucesSociely***) wurden neun Männer 
*) scheint eine religiöse Genossenschaftsanstalt zu s ! 


dass man diese Art Jahresberichte zu schreiben hier 
und da bei t uns zur Nachahmung empfehlen könnte. 
Viele Illustrationen von Anstaltsansichten, von denen 
wir einige wiedergeben, zieren die Schrift. Die An¬ 
stalt umfasste am 30. Juni 1900 1148 Patienten. 
Zugang im II. Sem. 1900: 420; Abgang: 353. Be- 
merkenswerth ist die Häufigkeit des Alkoholismus als 
Krankheitsursache bei den Aufnahmen, 48 °/ 0 der 
Männer, 20 0 „ der Frauen. 77 der Aufnahmen 
waren Nachkommen von Trinkern. Es werden über 
die geographische Herkunft, die Berufs- und Ehe¬ 
standsverhältnisse, das Alter genaue Mittheilungen ge- 


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HARVARD UNiVERSITY 





1902.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


*43 




macht. Die Kranken von 20 bis 29 Jahren betrugen 
31 ° 0 der Aufnahmen; die von 30 — 39: 30 0 0 ; die 
von 40 — 49 : 17 °/„; die von 50 — 59 : 6 °/ w ; die 
von 60 — 69: 5 n /<i- 25 waren 10 bis 19 Jahre alt, 


Laboratorium. 

1 1 älter als 70. Das durchschnittliche Alter der Auf¬ 
genommenen betrug bei den Männern 36 Jahre, bei 
den Frauen 35 Jahre. Krankheitsübersicht bei den 
Aufnahmen: toxische Psychosen einschl. Alkoholismus 
133, Manie 54 und Melan¬ 
cholie 52, degenerative Psy¬ 
chosen 47, Neuropsy chosen 
35, Demenz 29; systematisirte 
Psychosen 17, progressive Para¬ 
lyse 3, infektiöse Psychosen 12 
und congenitale Zustände 16, 
periodische Psychosen 9. 3ö°/ 0 
der Aufgenommenen waren 
Analphabeten. 74 °/ 0 fanden 
zum ersten Male Aufnahme, 
i6°/ 0 zum zweiten Male, 5% 
zum dritten Male, 1 " n zum 
vierten Male. — Bei 12 Kran¬ 
ken fand die Zwangsjacke An¬ 
wendung, die Isolirung kein 
Mal. — Geheilt entlassen 
wurden 171, gebessert 35; 
von den Angehörigen wurden 60 
zurückgenommen , entwichen 
4; gestorben 80; die Zahl der 
Heilungen gestaltet sich mit 
Rücksicht auf die zahlreich auf¬ 
genommenen Alkoholdeliranten 
so hoch. — Die poliklinische 
Sprechstunde wurde von 755 

Kranken (die verschiedensten Neurosen und Psycho¬ 
sen) besucht. — Einrichtung für elektrische Bäder, 


Arsonvalisirung, Röntgenstrahlcn etc. — Zwei wissen¬ 
schaftliche Arbeiten wurden geliefert über die Be¬ 
ziehung des toxischen Coefficienten des Urins zu den 
Geistesstörungen, speciell der Melancholie — und 
über das Verhältniss des Nährwerthes 
der Nahrungsmittel zu demjenigen 
der Kostration in der Anstalt. — Die 
Hygiene der Zähne ist besonders 
geregelt (monatliche Besichtigung der 
Kranken durch den Arzt). — Der 
Bericht über das wissenschaftliche 
Laboratorium und die Zahnpflege 
wird besonders herausgegeben. — 
Verschiedene Neubauten. — Auf 7 
Kranke kommt eine Pflegeperson. — 
Von Interesse ist für uns Europäer 
eine Zusammenstellung des Prozents 
der Heilungen in amerikanischen 
Anstalten im J. 1898.. 

Manhattan.15,18 0/ , 

Hudson River . . . 15,87 „ 

Buflalo.20,18 „ 

Willard. 22,26 „ 

Rochester.24,31 „ 

Long Island . . . . 21,13 „ 

Utica.28,73 „ 

St. Lawrence . . . . 28,82 „ 

Binghamton .... 31,28 „ 

Middletown , homeo- 

patico. 3L/8 „ 

Eine grosse Zahl vergleichender Tabellen, welche 
die Sterblichkeit und die Zahl der Heilungen in den 
einzelnen Jahren seit 1852 behandeln, sowie solche 
administrativen Inhalts sind dem Bericht beigefügt. 


Theater der Anstalt. 

— Israel, S. Entmündigung und Geschäfts¬ 
fähigkeit. Jurist. Wochenschr. 1901. XXX. pag. 790. 


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144 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 12. 


V. bemängelt, dass die durch Seelenstörung be- 
dingte Geschäftsunfähigkeit bei den Entmündigten und 
bei den Nicht-Entmündigten (cf. ^1) Z. 1 und § 104 
Z. 2) verschieden umschrieben ist, während der erste 
Entwurf des B. G. B. eine völlig übereinstimmende 
Fassung gewählt hatte. Auch V. wendet sich gegen 
die Anwendung des Ausdrucks der freien Willcnsbe- 
stimmurig; sie sei ein rein doctrinärer, überhaupt 
nicht in ein Gesetzbuch, sondern in die Philosophie 
gehöriger Begriff, der, wenn überhaupt, mehr für das 
Straf- als das Civilrecht passe. Zudem sei die Ent¬ 
scheidung über das Vorhandensein oder Fehlen der 
fieien Willensbestimmung eine medicinische, während 
die Frage nach der Fähigkeit oder Unfähigkeit der 
Besorgung seiner Angelegenheiten als eine thatsäch- 
liche auch durch nichtärztlichc Sachverständige gelöst 
werden könne. So könne es zu Meinungsdifferenzen 
kommen, wenn der nicht entmündigte Geistesgestörte, 
der seine Angelegenheiten zu besorgen vermag, sich 
in einem die freie Willensbestimmung ausschHcssen- 
den Zustande befindet. Um diese, doch nur theore¬ 
tischen Möglichkeiten zu beseitigen und um nicht im 
S 104 Z. 2 eine neue Klasse von geschäftsunfähigen 
Personen zu schaffen, müsste dieser Paragraph folgen¬ 
den Wortlaut haben : 

Geschäftsunfähig ist: ... 

2. wer sich in einem Zustand krankhafter Störung 
der Geistesthätigkeit befindet, der dem Betreffenden 
die Besorgung seiner eigenen Angelegenheiten unmög¬ 
lich macht, sofern nicht der Zustand seiner Natur 
nach ein vorübergehender ist. Ernst Schultze. 

— L e b e n s r e g e 1 n für Neurastheniker. 
Von Dr. med. Ralf Wichmann. 3. durchgesehene 
Auflage. Berlin 1901. 0 . Salle. 1 M. 68 S. 

Die Schrift belehrt in sehr anregender und gründ¬ 
licher Weise den Neurastheniker über die Ursachen 
der Nervenschwäche, die verschiedenen Arten, wie 
sie in Erscheinung tritt, und die zu ihrer Beseitigung 
nöthigen Verhaltungsmaassregeln. Für manchen Neu¬ 
rastheniker dürfte die Lektüre dieses Büchleins von 
grossem Nutzen sein, da ja für Viele das gedruckte 
Wort mehr Ueberzeugungskraft besitzt als das ge¬ 
sprochene. Br. 

— P. Näcke: Die Unterbringung geistes¬ 
kranker Verbrecher. Halle, Carl Marliold. 1902. 
57 S. 2 Mk. 

Zu unterscheiden sind geisteskranke Verbrecher, 
verbrecherische Geisteskranke, Geisteskranke mit ver¬ 
brecherischen Neigungen. Jede dieser drei Arten 
hat wieder verschiedene Abtheilungen; insbesondere 
sind die Gewohnheitsverbrecher, die Minderwertigen, 
die moralisch Defecten, die Epileptiker mit (psychisch) 
langen freien Zwischenräumen, auseinanderzuhalten. 
Die Bezeichnung „moralischer Irrsinn“ hat leider nicht 
blos unter den Laien, sondern auch in der gerichtlichen 
Medizin viel Verkehrtes zu Tage gefördert; und es 
hätte nur noch gefehlt, dass man, wie neuerdings 


de Snntis von einem moralischen Schwachsinn, von 
moralischem Blödsinn und Wahnsinn sprechen hörte. 
Richtig ist es, in der mehr oder weniger fehlenden 
Moral die A- bezw. Antisocialität und hierbei, gleich¬ 
gültig, ob es sich um Verbrecher oder Geisteskranke 
handelt, den Gesichtspunkt vor .allem ins Auge zu 
fassen, dass die Gesellschaft geschützt werden muss. 
Da eine sehr grosse Anzahl auch nicht mit dem Straf¬ 
gesetz in Konflict gekommener Geisteskranker bezüglich 
ihrer Moral Bedenken erregen, so sind die Irrenanstalten 
in der That keine reinen Heilanstalten, sondern, und 
das werden sie auch immer sein, zunächst Dctentions- 
anstalten. 

Dies vorausgeschickt, haben wir in der vorliegenden 
Abhandlung einen dankenswerthen Beitrag dazu^ wie 
pacli den durch viele Litteratur-Angaben erläuterten 
Erfahrungen der letzten Jahre die weitere Behandlung 
der obigen Elemente sich zu gestalten hat. Als eine 
äusserst wichtige Thatsache sei hervorgehoben, dass 
das Gefängniss an sich sehr wenig — abgesehen bei 
angeborener oder erworbener Disposition 1 Geistes¬ 
störung zu erzeugen im Stande ist. Ferner: dass die 
Paralyse bei den irren Verbrechern so äusserst selten 
vorkommt. Gegen die Unterbringung in die gewöhn¬ 
liche Irrenanstalt sind hauptsächlich vier Gründe 
geltend gemacht worden; das Zusammenlegen be¬ 
strafter und unbestrafter Irrer, die störende und 
demoralisircnde Wirkung ersterer, die Unmöglichkeit 
der Durchführung des No-rcslraints, und die Schwierig¬ 
keit der Bewachung* Nach Ansicht des Ref. hat Vf. 
diese Gründe nicht widerlegt. Ccntralgefängnisse, wie 
in England und Amerika ergaben dort gute Resultate; 
und wenn eine Autorität wie Tamburini die Errichtung 
neuer für Italien forciert, so kann namentlich Aversa 
unter der Leitung des ausgezeic hneten, humanen Prof. 
Vergilio unmöglich so schlecht sein, wie dem Vf. 
berichtet ist. Gegen die Errichtung von 2 bis 3 
solchen bei uns weiss Vf. nichts zu erinnern. 

Adnexe an Irrenanstalten, entweder als besondere 
Abtheilungen oder getrennt, hält er für weniger 
empfehlenswerth, während er solche an Strafanstalten 
empfiehlt. Jedoch sollten nur grössere Adnexe an 
grössere Strafanstalten, für 100 bis 150 Personen, 
eingeric htet werden, um nicht blos Durchgangsstationen 
darzustellen. Bezüglich des inneren Betriebes wären 
I. die zu Beobachtenden. II. die der Kur Bedürftigen 
aufzunehmen, gefährliche und unmoralische Elemente 
im Adnex zurückzubehalten. Die nach abgelaufener 
Strafe harmlos Gewordenen sollen jedenfalls, wenn 
die Entlassung gerichtlich verweigert wird, nicht in 
den Irrenanstalten verbleiben, sondern ins Gefängniss 
zurückkommen. Für die geistig Defecten kommt bald 
ein Strafhausaclnex, bald eine Landkolonie, ausser 
dem Gefängniss, in Frage. 

Aus den Berichten scheint hervorzugehen, dass 
im Staate New York bisher die schwerwiegendsten 
und beac htenswertesten Erfahrungen zur Lösung der 
einschlägigen Fragen gesammelt worden sind. 

Kornfeld. 


l'ür di*n redaktionellen Tluil verantwortlich: Oberarzt i>r. J. liresler Kraschnitz, (Schlesien). 

Erscheint jeden Sonnabend — Sc hluss der Inseratenannahine 3 Tape vor der Ausgabe. — Verlap von C a r I Marhold in Halte a. S 

Hevneniann’sche Buchdruckerei (Gebr. Woiflf) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch-Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internationales Correspondenzblatt für Irrenärzte und Nervenärzte. 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervorragender Fachmänner des In- und Auslandes 

herauagegeben von 

Direetor Dr. K. Alt, Prof. Dr. G. Anton, Prof. Dr. Bleuler, Prof. Dr. L. Edinger, Prof. Dr. A. Guttst&dt, 

IJrhupringf» lAitmarlri Graz. Zürich. Frankfurt a. M. Geh. Med.-Rath, Berlin. 

Prof. Dr. E. Mendel, Dr. P. J. Möbius, Direetor Dr. MoreL, 

Berlin. Leipzig. Mons (Belgien). 

Unter Benützung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Kraachnitz (Schlesien!. 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adresse: Marhold Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 2572. 

Nr. 13. 28 . jum. 1902. 

Die ,,Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift“ erscheint jeden Sonnabend und kostet pro (Quartal 4 Mk. 

B’-Mellnngen nehmen jede Buchhandlung, die Post (Katalog Nr. 6252), sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a.S. entgegen. 
Inserate werden für die jspaltige Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermäasigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. J. Bresler, Kraschnitz (Schlesien), zu richten. 

Inhalt. Originale: Noch einmal die zellenlose Behandlung. Von Hoppe-Königsberg (S. 145). — Mittheilungen (S. 154). 
— Referate (S. 156). 

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Wir bitten die Bestellung auf unsere Wochenschrift (bei den Postämtern unter Nr. 6252 
des Zeitungs-Kataloges) baldigst zu erneuern, damit die Weiterlieferung ohne Störung geschehen 
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Verlag und Expedition der „Psychiatrisch-Neurologischen Wochenschrift“. 

Carl Marhold in Halle a. S. 


Noch einmal die zellenlose Behandlung. 

Von Hoppi 


T^\ie Angriffe, welche Herr Neisser in seinem Auf- 
satze: „Bemerkungen zur Frage der zellenlosen 
Behandlung und einigen anderen einsc hlägigen Fragen“ 
(Psych. Wuc henschr. Bd. III Nr. 44 u. 4Ö) gegen mein 
Verfahren der zellen losen Behandlung gerichtet hat, 
nöthigen mich zu einigen Worten der Erwiderung und 
Aufklärung. Herr Neisser tadelt mit sehr scharfen 
Worten, dass ich den Kranken, von dem ich in meinem 
Aufsatze in Bd. III, Nr. 30 dieser Wochenschrift be- 

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■-Königsberg. 

richtet habe, so lange Zeit der Isolirung entzogen habe. 
Er spricht von starrem Festhalten am Princip, von Ver¬ 
irrung, von ganz unerträglichen Verhältnissen, die ich 
Monate lang auf der Abtheilung geduldet hätte und 
glaubt auf das Entschiedenste dagegen Einspruch er¬ 
heben zu müssen, „dass ein solches zuwartendes Ver¬ 
fahren als ein vom Geiste der modernen Therapie ge¬ 
fordertes angesehen werde.“ Dass damit indireet auch 
dem damaligen Direetor Dr. Sommer, welcher sich nicht 

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i4ö PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 13. 


mehr vertheidigen kann, da er todt ist, ein schwerer 
Vorwurf gemacht wird, scheint Neisser nicht be¬ 
dacht zu haben. 

Diesen Vorwurf muss ich auf das Entschiedenste 
zurückweisen. Zunächst möchte ich folgendes be¬ 
merken. Jede Schilderung enthält, mag der Verfasser 
sich bemühen, auch noch so objectiv zu sein, eine 
subjective Färbung, und es ist eine psychologische 
Thatsache, dass besonders dann, wenn die Schilderung 
zu einem bestimmten Zwecke erfolgt, die Farben in 
dieser Richtung hier und da etwas stärker aufgetragen 
werden. Und so habe auch ich wohl, weil der Zweck 
meiner Schilderung war, dem Leser zur Anschauung 
zu bringen, um welch’ schlimmen Kranken es sich ge¬ 
handelt habe, in dem zusammenfassenden Bericht ge¬ 
legentlich Hyperbeln gebraucht, die mir erst jetzt bei 
nochmaliger Prüfung als solche zum Bewusstsein 
kommen. So ist der Ausdruck: „bei jeder Gelegen¬ 
heit“ in dem Satze: „Er schlug bei jeder Ge¬ 
legenheit auf sie (die Kranken) los,“ natürlich nur 
als Hyperbel zu verstehen, wie sie Einem bei solchen 
Schilderungen entschlüpft. Neisser scheint diesen Aus¬ 
druck so aufgefasst zu haben, als ob der betr. Kranke 
fortwährend, also vielleicht jeden Tag und öfter am 
Tage die übrigen Kranken geschlagen habe, während 
ich in Wirklichkeit nur sagen wollte, dass der Patient 
bei geringfügigen Veranlassungen und auch ohne 
äusseren Anlass (auf Grund von Hallucinationcn) auf 
die Kranken losgeschlagen habe. Wie oft dies ge¬ 
wesen ist, kann ich jetzt leider nicht mehr feststcllen, 
da mir hier das Material dazu fehlt. Aber sicher kam 
dies, soweit ich es in der Erinnerung habe, höchstens 
1 oder 2 mal in der Woche vor, während manchmal 
8—14 Tage und mehr ohne solche Angriffe vergingen. 
Neisser hat die Notizen von 4 Tagen, an welchen 
solche Angriffe erfolgten, hinter einander gestellt, so 
dass der Eindruck einer ausserordentlichen Häufung 
derselben entsteht, während doch zwischen dein 
1. und 2. Datum 6 Tage, zwischen dem 3. und 4. 
ib Tage liegen. Andererseits ist von Neisser nicht 
bemerkt worden, dass nach dem letzten Angriffstage, 
dem 21. September, bis zum Schlüsse der mitgetheilten 
Krankengeschichte, den 10. October, also volle 10 
Tage, keine Angriffe notirt sind, wie denn Neisser 
auch nicht beachtet hat, dass der Patient oft halbe 
Tage oder Tage lang, manchmal auch längere Zeit 
(so z. B. vom 22.—27. September) ganz ruhig und 
stuporös dalag Der Eindruck einer ausserordentlichen 
Häufung der Angriffe wird dann noch dadurch ver¬ 
stärkt, dass Neisser unmittelbar nach der Notiz vom 
letzten Angriffstage (19. September), worauf doch, wie 
gesagt, mindestens 19 Tage verhältnissmässige Ruhe 


folgten, auf Grund meines späteren zusammenfassen¬ 
den Berichts den Satz stellt: „In der nächsten 
Folgezeit wurde der Patient immer unleidlicher und 
aggressiver“, während es in meiner Darstellung heisst: 
„Um nicht durch weitere ausführliche Mittheilung der 
Notizen zu ermüden, will ich nur zusammenfassend 
bemerken, dass Patient immer unleidlicher und aggres¬ 
siver wurde“. Dass diese Bemerkung von der näch¬ 
sten Folgezeit gilt, davon steht in meinem Aufsatze 
nichts, das ist eine Zuthat des Herrn Neisser. Im 
Gegentheil ist die Bemerkung für die letzte Zeit vor 
der Isolirung zu verstehen, bis zu welcher ja vom 10. 
October, wo die Krankengeschichte abbricht, noch 
ca. 7—8 Wochen vergingen. Als eben in der letzten Zeit 
vor der Isolirung Patient immer unleidlicher und 
aggressiver wurde, wurde schliesslich zur Isolirung 
geschritten. 

Neisser schreibt: „Vom September bis Dccember, 
über ein Vierteljahr, wurde der oben geschilderte Zu¬ 
stand, wobei fo r t w ä h re n d andere Kranke geschlagen 
wurden, geduldet,“ während, soweit die Notizen vor¬ 
liegen, in der ersten Hälfte dieser Zeit vom I. Sep¬ 
tember (resp. 22. August) bis 10. Oktober, also in 
vollen 6 Wochen 4 mal (resp. 3 mal, wenn die beiden 
Angriffe in der Nacht vom 21. einzeln gezählt werden) 
thütlichc Angriffe notirt sind. Und das nennt 
Neisser „fortwährend.“ Glaubt denn übrigens Neisser 
wirklich, dass sich ein Dircctor bereit gefunden hätte, 
einer Marotte oder einem Prinzip von mir zu Liebe, 
„ganz unerträgliche Zustände“ monatelang auf der 
Abtheilung zu dulden? Schlimm waren ja die Zu¬ 
stände, welche der Patient auch schon durch sein 
häufiges Lärmen und von Zeit zu Zeit wiederkehrendes 
aggressives Verhalten schuf, aber unerträglich waren sie 
nicht, sonst wären sie nicht monatelang geduldet 
worden. Erst als in der letzten Zeit die Angriffe sich 
immer wiederholten und die Klagen der Kranken 
sich mehrten, musste ich, der ich in der Hoffnung, 
dass Patient sein Verhalten mit der Zeit ändern würde, 
die in letzter Zeit wiederholt in Frage gekommene 
Isolirung hinauszuschieben versucht hatte, schliesslich 
doch, wenn auch schweren Herzens, da ich auf andere 
Weise Abhilfe zu schaffen mich ausser Stande sah, 
die Isolirung gut heissen, welche ich vielleicht, wenn 
ich selbst zu entscheiden gehabt hätte, noch etwas 
hinausgeschoben hätte. 

Wie sehr Recht ich mit meinem Zögern hatte, 
zeigte das Verhalten des Kranken in der Zelle, die 
Kehrseite der Medaille, welche Neisser nicht ge¬ 
nügend beachtet zu haben scheint. War Patient 
vor der Isolirung sc hon recht schlimm und unleid¬ 
lich, so wurde er in der Zelle noch viel schlimmer 


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IQQ2.J PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


und ganz untractabel, waren die Zustände vorher 
fast unerträglich, so wurden sie nach der Isolirung 
geradezu trostlos. „Er lärmte fast ununterbrochen 
Tag und Nacht, attaquirte die Wärter, sowie sie in 
die Zelle traten, warf ihnen das Essgeschirr an den 
Kopf, stiess mit den Füssen nach ihnen und versuchte, 
sobald die Thür geöffnet wurde, indem er sich wie 
ein Pfeil nach derselben stürzte, hindurchzudrängen, 
so dass fast regelmässig eine Balgerei entstand und 
drei oder vier Wärter Mühe hatten, ihn zurück zu 
halten und die Thür zu schliessen, bevor er sich 
zwischen Thür und Pfosten geklemmt hatte. Wenn 
er zum Austreten auf das Closet geführt wurde, schlug 
er, wo er nur konnte, auf die im Corridur 
liegenden Kranken los, stiess nach ihnen mit den 
Fussen oder spuckte ihnen ins Gesicht, was er auch 
den Wärtern odei Aerzten gegenüber mit Vorliebe 
that. Bald wurde er auch sehr unreinlich, er depo- 
nirte täglich Stuhlgang und Urin in der Zelle und 
begann schliesslich mit den Excrementen die Zellen- 
wände zu bewerfen und zu beschmieren; auch sein 
Essen warf er häufig in die Zelle und machte aller¬ 
hand Schmutzereien mit demselben (urinirte z. B. in 
sein Essgeschirr) etc.“ Die Stelle: „er schlug, wo er 
nur konnte, auf die im Corridor liegenden Kranken 
los“ ist im Druck hervorgehoben, weil sie eine Paral¬ 
lele bildet zu der von Neisser hervorgehobenen Stelle 
aus der Zeit vor der Isolirung: „er schlug bei jeder 
Gelegenheit auf sie los,“ und es mir nicht zweifelhaft 
ist, dass auch erstere von Neisser durch Druck her¬ 
vorgehoben gegen mich und als Beweis meiner Ver¬ 
irrung angeführt worden wäre, wenn sie sich auf die 
Zeit vor der Isolirung bezogen hätte. Jedenfalls 
war also in dieser Beziehung auch nach der Isolirung 
im Sinne Neissers nichts wesentliches gebessert und die 
„ganz unerträglichen Zustände,“ „die Nachtheile, Auf¬ 
regungen und Plackereien, welche die anderen Kran¬ 
ken durch denselben haben in Kauf nehmen müssen,“ 
dauerten zum Theil auch während der Isolirung noch 
fast ein Jahr fort; ja ich kann Herrn Neisser ver- 
rathen, dass auch, nachdem bei eingetretener Ver¬ 
blödung (es handelt sich entschieden um einen F'all 
von Dementia praecox) die Isolirung aufgehoben 
worden war, Patient noch wiederholt bis in die 
letzte Zeit vor meinem Fortgang von Allenberg 
auf Kranke losgcschlagen hat, ohne dass in diesem 
gelegentlichen Schlagen eine Indication für seine Iso¬ 
lirung gesehen wurde, wie ja auch reizbare Epileptiker, 
die „bei jeder Gelegenheit“ losschlagen, wohl nirgends 
dauernd isolirt gehalten werden. Ich möchte in Be¬ 
zug darauf nur noch einen Autor citiren, der doch 
gewiss für Herrn Neisser maassgebend sein wird. In 

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seinem Aufsatze: „Noch einmal die Bettbehandlung 
der Irren“ (Allg. Ztschr. f. Psychiatrie 1894, Bd. 50) 
sagt nämlich Herr Neisser selbst: „Die Isolirung eines 
kranken Menschen in einer Zelle, wenn sie lediglich 
zum Schutze der Umgebung und wegen seiner stören¬ 
den Unruhe erfolgt, ist und bleibt, wie ich trotz meh¬ 
rerer Angriffe wiederhole, eine Grausamkeit, 
und wenn sie auch, wie ich stets zugegeben habe, 
manchmal nicht zu umgehen ist, so ist ihre Noth- 
wendigkeit darum nicht minder beklagenswerth“. Eine 
Grausamkeit aber möglichst hintanzuhalten, oder 
wenigstens so lange aufzuschieben, als es nur irgend 
möglich erscheint, das ist keine Verirrung, kein starres 
Festhalten am Princip, sondern einfach Pflicht des 
Arztes. Das Urtheil darüber abei, wie lange das in 
dem einzelnen Falle möglich war resp. wann es unmög¬ 
lich zu werden begann, das kann kein Fernstehender 
nach der Lectüre einer Krankengeschichte sich an- 
maassen, das können nur Aerzte haben, welche den 
betr. Kranken und die Zustände auf der Abtheilung 
mit beobachtet haben, also vor allen Dingen der be¬ 
handelnde Arzt und der Director, welcher die Con- 
trolle ausübte. 

Ich habe in meinem Aufsatze bemerkt, dass unter 
Umständen vielleicht auch in diesem Fall die Iso¬ 
lirung zu umgehen gewesen wäre. Herr Neisser frägt, 
unter welchen Umständen dies wohl hätte angenom¬ 
men werden können. Es wäre dies z. B. möglich 
gewesen, wenn die übrigen 4 Einzelzimmer, welche 
neben dem des Patienten an einem Corridor lagen, 
von ihren Insassen hätten geräumt werden können, 
s<> dass der Kranke diesen Theil der Abtheilung 
allein mit einem .Wärter eingenommen hätte, ode r 
wenn statt des grossen Corridors mit 5 Einzelzimmern 
ein kleiner mit 2 Zimmern zu Gebote gestanden 
hätte, von welchen das eine ja wohl unter allen Um¬ 
ständen hätte geräumt werden können. Wenn übri¬ 
gens Herr Neisser meinen Aufsatz genau durchliest, 
so würde er eine Stelle finden, in welcher auch ich 
zugebe, dass in ganz exceptionellen Fällen die Noth- 
wendigkeit einer Isolirung herantreten könne, ja dass 
man ausnahmsweise auch einmal in die Lage kom¬ 
men könne die Zwangsjacke anzulegen, wofür Herr 
Neisser sofort das Beispiel durch Anführung eines 
solchen Falles erbracht hat. Aber solche F'älle ge¬ 
hören zu den seltensten Ausnahmen, durch welche 
das Prinzip des No-restraint nicht berührt wird*), 

*) Ich möchte hier auf ein sehr treffendes Wort verweisen, 
welches bereits Griesinger 1867 im 1. Bd. des Arch. f. Psych # 
S. 247 bei der Besprechung der freien Behandlung geäussert 
hat: „Oh in ganz extraordinären Fällen bei schweren chirur¬ 
gischen Verletzungen und einer plötzlichen grossen Gefahr durch 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 13. 


ebenso wenig wie das Princip der zellenlosen Be¬ 
handlung, wenn in einer grossen Anstalt einmal im 
Verlauf mehrerer Jahre zu einer Isolirung geschritten 
werden muss. Dass man sich so lange als möglich 
gegen die Ausführung einer solchen exceptioneilen 
Zwangsmaassregel sträubt, liegt eben im Begriff des 
No-restraint und wird jeder Verfechter desselben, also 
in Deutschland jeder Irrenarzt, begreiflich finden. So 
hat auch Neisser, wie aus seiner Krankengeschichte 
hervorgeht, trotz der von Anfang an bestehenden un¬ 
ausgesetzten schwersten Unruhe und des ausserordent¬ 
lich starken Selbstbeschädigungsdranges des Kranken, 
welcher sich in die Augen zu bohren, die Genitalien 
herauszureissen oder zusammenzuquetschen oder sich 
kopfüber auf den Boden zu stürzen suchte, eine volle 
Woche gewartet, ehe er zur Anlegung der Zwangs¬ 
jacke sich entschloss. Niemand wird ihm daraus 
einen Vorwurf machen. Aber gesetzt der Fall, dass 
die Krankengeschichte Neisser’s vor 30 oder 35 Jah¬ 
ren veröffentlicht worden wäre, wo das No-restraint 
sich erst in Deutschland Bahn zu brechen anfing und 
noch sehr viele dasselbe bekämpften, so ist es gar 
nicht unwahrscheinlich, dass da ein Irrenarzt aufge¬ 
treten wäre, welcher das abwartende Verfahren 
Neisser’s in der ersten Woche als starres Festhalten 
am Princip, als Verirrung gegeisselt und auf das Ent¬ 
schiedenste dagegen Einspruch erhoben hätte, „dass 
ein solches zuwartendes Verfahren als ein vom Geiste 
der modernen Therapie gefordertes angesehen werde“. 
Soviel hierüber. 

Herr Neisser interpellirt mich, was ich zu thun 
empfehle, wenn ein oder mehrere Kranke so lärmen 
oder in anderer Weise so störend sind, dass ihre 
schlafbedürftigen Nachbarn nicht Ruhe finden können. 
Die Frage ist meiner Ansicht nach nicht ganz präcis 
gestellt Handelt es sich im Sinne Neisser’s auch um 
Kranke, die in der Nacht einmal 1 oder 2 Stunden 
störend sind und während dieser Zeit andere nicht 
zur Ruhe kommen lassen, so ist dies ein verhältniss- 
mässig so häufiges Vorkommniss, das auch auf so¬ 
genannten ruhigen Abtheilungen eintreten kann, dass 
man nicht stets sofort einschreiten, sondern abwarten 
wird, ob der Kranke nicht wieder ruhig wird und 

einen Kranken mechanische Beschränkungsmittel gebraucht 
werden sollen, darüber braucht man meiner Meinung nach gar 
nicht zu streiten und gar keine Regel zu geben. Ich halte das 
für ganz gleichgültig, weil die wirkliche Behandlungsmethode 
und der Geist der Anstalt nicht berührt wird. Hier hilft man 
sich eben, wie man kann, und das nächste was die Gefahr ab¬ 
wenden kann, ist das Beste. Was soll das auch für eine 
wesentliche Differenz machen, ob der Kranke von Wärtern ge¬ 
halten, mit Schnupftüchern gebunden oder mit Leibriemen ge¬ 
halten wird?“ 


einschläft. Geht aber das Lärmen stundenlang fort 
und ist nach der Natur des Kranken eine Beruhi¬ 
gung nicht zu erwarten, was ja vorzugsweise auf den 
unruhigsten Abtheilungen vorkommt, so bleibt in der 
That nichts weiter übrig als die Absonderung” in 
einem (unverschlossenen) Einzelzimmer. Herr Neisser 
sagt, ob man das ein Separiren oder Isoliren oder 
Wegstecken nennt, ändere an der Sache nichts. 
Sicher nicht, denn die Bezeichnung eines Dinges 
ändert nie das Ding selbst. Wohl aber giebt es ge¬ 
wisse Bezeichnungen, mit denen der Sprachgebrauch 
einen ganz bestimmten Sinn verbindet. So verstellt 
man unter Isolirung ganz allgemein die Einsperrung 
eines Kranken in einem Einzelzimmer durch Ver¬ 
schluss desselben, aus dem er also spontan nicht 
heraus kann. Unter Separiren aber verstehe ich 
wenigstens, — und ich habe darüber in meinen dies¬ 
bezüglichen Aufsätzen keinen Zweifel gelassen — die 
Unterbringung eines Kranken in einem offenstehen¬ 
den resp. unverschlossenen Einzelzimmer, so dass 
derselbe von der Umgebung nicht völlig abgesperrt 
ist, sondern jederzeit zu derselben gelangen kann, 
wenn er sein Zimmer verlassen will. Isoliren ist Ab¬ 
sondern mit Verschluss, Separiren Absondern ohne 
Verschluss. Zwischen Isoliren und Separiren besteht 
also ein fundamentaler Unterschied, der auch jedem 
Geisteskranken, wenn er nicht geradezu total verblödet 
ist, deutlich zum Bewusstsein kommt, es ist eben der 
Unterschied zwischen Eingesperrtsein und Nichtein¬ 
gesperrtsein. 

Wenn mich Herr Neisser weiter frägt: Wie aber, 
wenn der Kranke in dem offenen Einzelzimmer nicht 
bleibt, sondern herausläuft und draussen weiter lärmt ? 
Dann wird es vor allen Dingen auf die Lage des 
Separatzimmers ankommen. 

Wenn z. B. wie in vielen Anstalten 2 Separat¬ 
zimmer durch ein Wärterzimmer getrennt an einem 
kleinen Corridor zusammen liegen, so dürfte es den 
Kranken auch dann nicht besonders viel schaden. 
In Allenberg liegen aber 4 resp. 5 Separatzimmer 
(die früheren Isolirzimmer) dicht neben einander an 
einem Corridor, was ja als zweckmässig sicher nicht 
bezeichnet werden kann. Wenn nun alle Separat¬ 
zimmer besetzt waren, so konnte unter Umständen 
ein solcher Kranker die übrigen 3 oder 4 Kranken 
erheblich stören (was übrigens auch früher, als noch 
isolirt wurde, der Fall war, wenn der Kranke die 
ganze Nacht mit aller Kraft an seine Zellenthür pol¬ 
terte und lärmte, dass der ganze Corridor erdröhnte). 
Für solche Fälle möchte ich auf die neuerdings von 
Kraepelin so warm empfohlenen nächtlichen Dauer¬ 
bäder (Die Wachabtheilung der Heidelberger Klinik 


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1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


—- Centralbl. für Nervenheilkunde, Dec. 1901) hin- 
weisen. Ich habe in Allenberg auch eine Zeit lang 
den Versuch gemacht, die Dauerbäder über die Nacht 
auszudehnen, dies aber bald aus Mangel an genügen¬ 
dem Wartpersonal aufgeben müssen. Jedenfalls halte 
ich das Dauerbad über Nacht für den besten und 
zweckinässigsten Ersatz der Isolirung. Die Schwierig¬ 
keiten, welche sich der Anwendung der Hydrotherapie 
in der Nacht entgegenstellen, müssen sich bei festem 
Willen des Anstaltsleiter beseitigen lassen. 

Bezüglich der Bettbehandlung freue ich mich, 
mit Herrn Neisser übereinstimmen zu können. Auch 
ich bin Scholz gegenüber der Ansicht, dass keines¬ 
wegs alle Kranke, welche der Bettbehandlung unter¬ 
zogen werden, nächtlicher Ueberwachung bedürfen. 
Wie ich in meinem letzten Aufsatze bereits angeführt 
habe, sind in Allenberg seit Jahr und Tag neben 
den Wachsälen eine grosse Anzahl von Zimmern zur 
Bettbehandlung eingerichtet, aber ohne ständige Ueber¬ 
wachung, welche in einzelnen Zimmern aus Mangel 
an Wartpersonal selbst bei Tag nicht dauernd sein 
kann und bei den Kranken, um die es sich handelt 
aus den Gründen, welche Neisser angeführt hat, auch 
nicht dauernd zu sein braucht. 

Dass alle irgendwie störenden, in Haltung und Be¬ 
nehmen ungeordneten oder auffälligen Elemente (letztere 
soweit sie sich nicht beschäftigen) ins Bett gehören, 
habe ich übrigens bereits seit 1890, wo ich die Männer¬ 
abtheilung übernommen habe, als Prinzip befolgt, (was 
ich auch, wie ich glaube, in meinem Referat über 
Neissers erste Arbeit über Bettbehandlung im Central¬ 
blatt für Nervenheilkunde 1891 bemerkt habe), so 
dass die Procentzahl der Bettlägerigen bald auf 30 
und 40 0 o gestiegen ist. Ich bin in den letzten Jahren 
sogar noch weiter gegangen und habe auch die äusser- 
lich geordneten Kranken, die zu einer geregelten Be¬ 
schäftigung nicht zu bewegen waren (mit Ausnahmen 
der von jeher eine Sonderstellung geniessenden Pen¬ 
sionäre) ins Bett gesteckt, bis sie bereit waren eine 
regelmässige Beschäftigung aufzunehmen. Ich glaube 
auch, dass die obengenannten Grundsätze der Bett¬ 
behandlung auch anderweitig geübt wurden, bevor 
Neisser sie öffentlich verkündete. Das Verdienst die 
Bettbehandlung mit Nachdruck empfohlen und sie 
zur allgemeinen Kenntniss gebracht und dadurch zum 
Gemeingut der Irrenärzte gemacht zu haben, soll ihm 
aber ungeschmälert bleiben. 

Was die Schlafmittel betrifft, um auch darauf 
noch kurz einzugehen, so betont Herr Neisser, dass 
er im Laufe der Zeit immer mehr dazu gekommen 
sei, die Aufgabe, täglich für ausreichenden Schlaf zu 
orgen, für eine der dringlichsten zu halten. Und um 

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diese Dringlichkeit zu erhärten, weist er auf die 
„immer von neuem zu machende Erfahrung“ hin, 
„dass die meisten Erregungszustände und Erregungs¬ 
steigerungen sich an schlaflos verbrachte Nächte an- 
schliessen bezw. mit solchen einleiten“. Die That- 
sache ist zuzugeben und wohlbekannt, aber ich habe 
bisher nicht geglaubt, dass sie nach dem Satze: post 
hoc, ergo propter hoc, wie Neisser will, zu erklären 
sei, und ich glaube auch nicht, dass Neisser’s An¬ 
schauung von den Irrenärzten getheilt wird. Meiner 
Ansicht nach ist die Schlaflosigkeit im Beginn der 
Erregungszustände nicht die Ursache, sondern weiter 
nichts als ein Symptom oder ein Prodromalsymptom 
der Hirnveränderung, welche sich bald durch deut¬ 
liche Erregung kund giebt, ebenso wie die Unstetig¬ 
keit der betreffenden Kranken am Tage, die manch¬ 
mal allerdings nur bei besonderer Aufmerksamkeit 
bemerkt w'ird. Ich glaube auch kaum, dass es Herrn 
Neisser gelungen ist, beginnende Erregungszustände, 
die sich mit Schlaflosigkeit einleiten, durch Schaffung 
von künstlichen Schlaf zu coupiren, sonst würde er 
ja gar nicht in dei Lage sein, immer wieder von 
neuem die Erfahrung zu machen, dass sich Erregungs¬ 
zustände an schlaflos verbrachte Nächte anschliessen. 
Uebrigens hätte Herr Neisser durchaus nicht nöthig 
gehabt, die Dringlichkeit der Aufgabe den Kranken 
Schlaf zu schaffen, durch Hinweis auf klinische Er¬ 
fahrungen besonders ‘ hervorzuheben. Die Wichtig¬ 
keit des Schlafes für Gesunde nicht minder wie für 
Kranke leuchtet von selbst ein und ist allgemein an¬ 
erkannt. Und das Bewusstsein dieser Wichtigkeit 
hat sich ja bei den Irrenärzten in einer Weise gel¬ 
tend gemacht, dass bis vor wenigen Jahren in den 
meisten Irrenanstalten geradezu ein Massenkonsum 
von Schlafmitteln stattfand und das Erste, was der 
junge Psychiater beim Eintritt in die Irrenanstalt von 
Therapie lernte, der Gebrauch der Pravazspritze und 
die Verzapfung von Schlafmitteln war, die in grossen 
Flaschen und allen möglichen Combinationen auf die 
Abtheilung kamen. Es galt eben als die Hauptauf¬ 
gabe unter allen Umständen Ruhe zu schaffen, und 
so herrschte vielfach in den Irrenanstalten ein Zu¬ 
stand, welcher von spottsüchtigen Collcgen als „die 
Ruhe des Kirchhofs“ bezeichnet wurde. 

Ich führe dies an, um zu zeigen, dass von jeher 
die Aufgabe Ruhe, besonders in der Nacht, zu schaffen, 
als eine sehr wic htige betrachtet worden ist. Und 
ich kann Herrn Neisser versichern, dass auch ich 
von dieser Wichtigkeit überzeugt bin. Darüber be¬ 
steht also keine Meinungsverschiedenheit. Nur was 
die Mittel anbetrifft, diese Aufgabe zu lösen, darin 
beruht die Streitfrage. Und da muss ich nach mei- 

Original from 

HARVARD UN1VERS1TY 




150 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 13. 


nen Erfahrungen die Narcotica für durchaus unge¬ 
eignete und unzweckmässige Mittel halten, die höch¬ 
stens in Ausnahmefällen einmal angewendet werden 
sollten, und ich halte es für falsch, den Schlaf unter 
allen Umständen durch Narcotica erzwingen zu wollen. 
Ich habe in meinem Vortrage 1897 darauf hinge¬ 
wiesen, dass es bei vielen und gerade bei den stö- 
rendsten Kranken nicht möglich ist, durch noch so 
gesteigerte Dosen der verschiedensten Narcotica den 
gewünschten Schlaf herbeizuführen, höchstens dass es 
gelingt auf 1 oder 2 Stunden Schlaf resp. Narkose 
zu erzielen. Ist die Narkose vorüber, so geht das 
Lärmen und Toben von neuem los. Andrerseits 
treten, wie ich auf Grund der Erfahrungen nach Fort¬ 
lassen der Schlafmittel gleichfalls betont habe, selbst 
bei den unruhigsten und erregtesten Kranken auch 
ohne unser Zuthun von Zeit zu Zeit, in ganz regel¬ 
loser Weise, kürzere oder längere Pausen ein, in denen 
sie ruhiger sind oder schlafen. Die Kranken schlafen 
einmal am Tage oder in der Nacht eine Stunde oder 
auch mehrere, auf mehrere sehr unruhige Nächte 
folgt eine ruhigere und auch in den unruhigen Näch¬ 
ten lärmen die Kranken oft nicht die ganze Nacht 
hindurch, sondern mit kürzeren oder längeren Unter¬ 
brechungen. Die Verabreichung eines Narkoticums 
ist meiner Ansicht nach in solchen Fällen höchstens 
im Stande den Schlaf zu anticipiren, ohne dass man, 
wenn man nicht sehr grosse narkotische Dosen giebt, 
den Schlaf mit Sicherheit herbeiführen kann. 

Ich möchte hier nur noch auf die ganz ähnlichen 
Erfahrungen des Directors der Irrenanstalt York, 
Hitchcock, (Note on 206 consccutive cases of acute 
mania treated without sedatives. — Joum. of ment, 
science Jan. 1900) hinweisen , welcher daselbst in 
16 Jahren 206 Fälle von akuter Tobsucht trotz der 
Erregung und trotz der Schlaflosigkeit, welche in allen 
Fällen mehr oder minder hervortrat, ohne Narcotica 
behandelt hat und dadurch eine grössere Anzahl von 
Heilungen, eine geringere Anzahl von Todesfällen 
und bei den ungeheilten Fällen eine grössere Ruhe 
erzielt zu haben glaubt. Die Erfahrungen, die Hitch¬ 
cock in 6 Irrenanstalten, in denen er früher gewesen, 
über die Wirkung der Schlafmittel gemacht hat, haben 
ihn zur Ueberzeugung geführt, dass sowohl bei akuten 
als bei chronischen Fällen der Gebrauch der Schlaf¬ 
mittel gefährlich ist, dass kein bekanntes Narcoticum 
den Anfall heilt oder abkürzt, dass die Verabreichung 
in genügend grossen Dosen, um die Aufregung zu 
unterdrücken, den Kranken dauernden Schaden 
bringt und dass auch längere Schlaflosigkeit die spä¬ 
ter^ Heilung nicht hindert. Ich kann dies Wort für 
Wort unterschreiben, ebenso wie die Empfehlung 

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diätetischer und hydrotherapeutischer Maassnahmen, 
welche einen natürlichen Schlaf herbeizuführen ge¬ 
eignet sind, an Stelle der Betäubung durch Narcotica*). 

N ach trag. 

Bevor noch die Drucklegung der vorstehenden 
Ausführungen erfolgen konnte, hat auch Bleuler Ge¬ 
legenheit genommen, sich über meinen Aufsatz zu 
äussem und seinen Standpunkt zu ^ertheidigen. Es 
hat sich dabei gezeigt, dass die Differenzen zwischen 
den Anschauungen Bleuler’s und den meinigen gar 
nicht so bedeutend sind, als es den Anschein hat 
Jedenfalls kann ich mit Bleuler’s Zugeständniss, dass 
er ganz gern sähe, wenn meine Anschauungen an¬ 
genommen würden, damit das viele Gute, das in mei¬ 
nen Vorschlägen liege, möglichst Verbreitung fände, 
völlig zufrieden sein. 

Auch damit kann ich mich einverstanden erklären, 
dass wenn ich etw’as übers Ziel hinausgehen sollte, 
sich das ganz von selbst korrigiren w’ird. Ich glaube 
aber ebenso w'enig über das Ziel hinausgegangen zu 
sein wie die ersten Anhänger des No-restraint, ob¬ 
gleich ihnen dies zuerst allgemein vorgeworfen wände. 
Hoffentlich lässt es Bleuler nicht bei def prinzipiellen 
Anerkennung bewenden, sondern versucht practisch 
die zellenlose Behandlung zugleich mit der Bettbe¬ 
handlung durchzuführen, wobei die Bedenken, die 
Bleuler jetzt noch hat, sicher schwinden werden. Und 
in dieser Beziehung noch einige Bemerkungen. 

Wie Bleuler beim genaueren Durchlesen meiner 
Aufsätze über die zellenlose Behandlung und der 
vorstehenden Ausführungen ersehen wird, habe ich 
gegen die Unterbringung von Kranken in Einzel¬ 
zimmern an und für sich nichts einzuwenden, ich 
bekämpfe nur das Einsperren in Einzelzimmern oder in 
eigens dazu eingerichteten „Zellen“. Das Separiren in 
Einzelzimmern habe ich ja selbst in vielen Fällen an 
Stelle des ,;Isolirens“ empfohlen. Mein Kampf richtet 
sich gegen das geschlossene Einzelzimmer, die Zelle, 
nicht gegen das offene oder vom Kranken jederzeit zu 
öffnende Einzelzimmer, w’eil sich eben aus der zwangs- 
mässigen Abschliessung oder Einsperrung des Kran¬ 
ken zahlreiche Nachtheile ergeben, die von allen Vor¬ 
kämpfern der zellenlosen Behandlung genügend be¬ 
leuchtet worden sind. Ich pflichte Bleuler vollständig 

*) Experimentelle Untersuchungen, welche neuerdings von 
Hans Winterstein („Zur Kenntniss der Narkose“, Zeitschr. f. 
allg. Physiologie 1902, Bd. I, H. 1) angestellt worden sind, 
führten zu folgendem Schluss: Niemals darf die Annahme Platz 
finden, dass der natürliche Schlaf durch die Narkose des Nerven¬ 
systems zu ersetzen sei. Denn in dem Ueberwiegen der Assi¬ 
milation über die Dissimilation ist das Wesen des Schlafes zu 
suchen, während die Narkose beide in gleicher Weise lähmt. 

Original from 

HARVARD UNfVERSITY 



1002.1 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 151 


bei, dass „bei den Geisteskranken wie bei Gesun¬ 
den sich Leute befinden, die sich Nachts am 
wohlsten allein befinden und denen dies nichts scha¬ 
det“, sondern sogar nutzt. Ja, man kann sogar noch 
weiter gehen und sagen, dass es Geisteskranke giebt, 
die sich auch am Tage am wohlsten allein befinden, 
deswegen aber brauchen dieselben doch nicht hinter 
Schloss und Riegel zu sitzen. Gegen den „Komfort 
des Einzelzimmers“ hat wirklich niemand etwas ein¬ 
zuwenden. Auch* ich halte, wie ich dies in meinem 
Aufsatze in Nr. 30 und 31 des 3. Jahrgangs deut¬ 
lich genug ausgedrückt habe, eine grössere Anzahl 
von Einzelzimmern durchaus nicht für unzweckmässig, 
(wenn sie nur nicht als Isolirzellen gemissbraucht 
werden), ich habe direct betont, dass es im Allge¬ 
meinen das beste wäre, wenn man jedem Kranken 
sein eigenes Zimmer anweisen könnte, wie dies in 
vornehmen Privatanstalten der Fall ist, bei öffent¬ 
lichen Irrenanstalten scheitert dieser fromme Wunsch 
aber an der allzugrossen Kostspieligkeit. Und da 
sind denn, wie dies in allgemeinen Krankenhäusern 
und Kliniken auch der Fall ist, grössere Schlaf- und 
Wachsäle unvermeidlich. Andrerseits aber halte ich 
bei zahlreichen überwachungsbedürftigen Geisteskran¬ 
ken gewisser Art den Aufenthalt in Wachsälen aus 
psychischen Gründen und der besseren Ueberwachung 
wegen für durchaus geboten und zweckmässiger als 
die Unterbringung in Einzelzimmern, so dass ich selbst 
in einer vornehmen Privatanstalt für erstklassige Patien¬ 
ten aus therapeutischen Gründen einen Wachsaal ein¬ 
richten würde. Die Einsamkeit des Einzelzimmers 
wirkt vielfach psychisch ungünstig und es bilden sich 
oft unangenehme Eigenschaften aus, die im Wach¬ 
saal gar nicht aufkommen können. 

Das „Modeaxiom, dass Geisteskranke krank seien 
und deshalb ins Bett gehören“, ist niemals und nir¬ 
gends aufgestellt worden. Es wird niemanden ein¬ 
fallen, einen ruhigen, unauffälligen, arbeitsfähigen und 
arbeitslustigcn Geisteskranken deswegen ins Bett zu 
stecken, weil er eben geisteskrank ist. Bleulers 
Aeusserungen in dieser Hinsicht zeigen, dass er das, 
was die Bett-Behandlung will, völlig missverstanden 
hat. Es handelt sich bei der Bettbehandlung doch 
nicht um alle Geisteskranken, sondern nur um solche 
Elemente, die unruhig oder in irgend einer Weise 
störend und zu einer Arbeit nicht zu verwenden sind. 
Dass chronische Fälle im Prinzip arbeiten sollen, wie 
Bleuler zu betonen müssen glaubt, ist ein bereits 
vor 100 Jahren (Pinel, Reil, Langermann) ausgespro¬ 
chener und jetzt allgemein anerkannter Grundsatz. In 
Allenberg w^aren, wie ich dies schon in meinem Vor¬ 
träge 1897 bemerkt habe, ungefähr die Hälfte der 

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Kranken 3. Klasse regelmässig mit nutzbringender 
Arbeit beschäftigt*) Auch für die andern deutschen 
Irrenanstalten, wo die Bettbehandlung in ausgedehn¬ 
ter Weise geübt wird, gilt Aehnliches. Das scheint 
Bleuler entgangen zu sein. Dass manche unruhige 
Elemente bei der Arbeit ruhiger werden, ist auch in 
diesen Anstalten ganz bekannt. 

Bei leichteren Graden von Unruhe, bei denen 
eine Beschäftigung noch möglich ist, tritt die Bettbe¬ 
handlung eben nicht ein. Zu Bett gelegt werden nur 
chronische Kranke mit stärkerer Unruhe und chroni¬ 
schen Erregungszuständen, w'elche ein Verbleiben bei 
der Arbeit unmöglich machen. Und w'enn wieder 
Beruhigung eingetreten ist oder der Zustand sonst 
es erlaubt, lässt man die Kranken aufstehen und 
schickt sie, sobald es geht, wieder zur Arbeit. In 
den Fällen, wo die Bettlage den Kranken „eine Qual“ 
ist, aber auch bei anderen wird natürlich von Zeit 
zu Zeit der Versuch gemacht, ob sie sich beim Auf¬ 
sein besser befinden. Wird jedoch dadurch ihre Un¬ 
ruhe, ihre Angst, ihr Jammern und Klagen etc. ver¬ 
mehrt, so müssen sie wieder ins Bett, w’o sie sich 
dann in Wirklichkeit am wohlsten befinden, selbst 
wenn sie die Bettruhe als Qual bezeichnen. 

Wenn Bleuler meint, dass nach meiner Berech¬ 
nung die Bettbehandlung sehr theuer sei und auf 
die 600 unruhigen Kranken über 150 Wärter (!) noth- 
wendig seien, so weiss ich wirklich nicht, wie Bleuler 
zu dieser exorbitanten Zahl kommt. In meinem 
Aufsatz (3. Jahrgang Nr. 30, 31 dieser Wochen¬ 
schrift) findet sich über die Zahl der Wärter nur die 
Bemerkung, dass in Allenberg durchschnittlich unge¬ 
fähr 1 Wärter auf 8 Kranke kommt. Und in meinem 
Vortrage vom Jahre 1897 erwähnte ich, dass ich 
auf der Abtheilung der erregtesten Kranken (Zellen¬ 
abtheilung) 5 Wärter auf 20 Kranke oder 1:4 hatte, 
aber meiner Meinung nach 1:3 nothw'endig w'ären. 
Nun werden doch aber sicher nicht alle 600 Kran¬ 
ken Bleulcr’s dauernd tobsüchtig erregt sein und dau¬ 
ernd zu Bett liegen müssen. Ein solcher Gedanke 
ist mir nicht im entferntesten gekommen. Von den 
600 Unruhigen wird w r ohl die weit überwiegende 
Mehrzahl zu den sogenannten Halbunruhigcn gehören, 
die zum grössten Theile (dauernd oder zeitweise) 
noch beschäftigt w erden und ausser Bett sein können, 
während andere durch die Bettbehandlung so weit 
beruhigt werden könnten, dass sic (wenigstens zeit- 

*) In meinem Vortrag heisst es, „dabei will ich gleich 
erwähnen, dass auch die Beschäftigung der Kranken, deren 
beruhigender Einfluss bekannt ist, die nothwendige Berücksich¬ 
tigung gefunden hat“. (Bericht über die Jahresvers. des Ver¬ 
eins deutscher Irrenärzte 1897, S. 44.) 

Original frnm 

HARVARD UNIVERSITY 



152 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 13. 


weise) arbeitsfällig werden. Selbst wenn ich annehrae, 
dass regelmässig 150 von den 600 Kranken tobsüchtig 
erregt*) sind, also bei Beltbehandlung ca. 45 Wärter 
brauchen und im Uebrigen ungefähr die Verhältnisse 
obwalten, wie sie im Allenberger Siechenhause mit chro¬ 
nisch unruhigen, unreinlichen und verblödeten Kran¬ 
ken herrschten, wo in 3 Abtheilungen 12 Wärter auf 
110—120 Kranke (mit ca. 6o°/ 0 Bettlägerigen) 
kommen, so dass auf die restirenden 450 Kranken 
Rheinau’s etwa 50 oder gar 55 Wärter kommen 
würden, so würden sehr hoch gerechnet immer 
erst 100 Wärter oder 1 auf 6 nothwendig sein, ein 
Verhältniss, wie es in zahlreichen grossen Irrenan¬ 
stalten besteht und für unruhige Kranke auch kaum 
zu gross erscheint. Es ist mir aber auch nicht frag¬ 
lich , dass sich mit dem Verhältniss 1:7 oder 85 
Wärtern bei den 600 Kranken in Rheinau die Bett- 
und zellenlose Behandlung ohne besondere Schwierig¬ 
keiten durchführen lassen würde**), besonders, wenn 
erst das System Aerzten und Wärtern in Fleisch und 
Blut übergegangen ist. Mit theoretischen Raisonne- 
ments, die auf Vorurtheilen begründet sind, lässt sich 
allerdings die Frage nicht entscheiden, hier heisst es 
eben probiren, denn 

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie 
Und grün des Lebens goldner Baum. 

Wenn Bleuler allerdings die Bauten in Rheinau, 
besonders den Zellen bau als einen Nothbehelf be¬ 
zeichnet, der bei den zeitigen Verhältnissen nicht zu 
umgehen gewesen sei, so kann man ja die Verthei- 
digung eher gelten lassen, man begreift dann aber 
nicht recht, was mit der Veröffentlichung des Auf¬ 
satzes, in dem diese Bauten beschrieben wurden, be¬ 
zweckt war, da im Allgemeinen jede solcher Be¬ 
schreibung und Veröffentlichung in dem Leser die An¬ 
schauung zu erwecken geeignet ist, dass es sich um 
etwas Mustergültiges handle. 

*) Auch von den schlimmsten Artefakten lassen sich viele, 
wenn nicht die meisten, bei zweckmässiger Bettbehandlung 
noch wesentlich bessern und erziehen, wie allenthalben die Er¬ 
fahrungen zeigen. Ich verweise in dieser Beziehung nur auf 
die Erfahrungen, die, wie Neisser in seinem Aufsatze bemerkt 
hat, ueuerdings in der Pensionärabtheilung von Leubus ge¬ 
macht worden sind und ausführlich in einem Aufsatze von 
Alter („Versuche mit zellenloser Behandlung etc “, Centralbl. für 
Nervenheilk., März 1902) veröffentlicht worden sind. 

**) Ich möchte Herrn Bleuler in dieser Beziehung nur auf 
den jüngst in der Allg. Zeitschr. für Psychiatrie erschienenen 
Aufsatz von WUrth in Hofheim „Ueber die Bettruhe bei 
chronischen Geisteskranken“ verweisen, worin derselbe schil¬ 
dert, wie er die Bettbehandlung bei 200 chronischen (unruhi¬ 
gen) weiblichen Geisteskranken mit dem besten Erfolge durch¬ 
geführt hat, ohne däss eine Vermehrung des Wartpersonals er¬ 
forderlich war. 

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Und nun noch eins. Wenn Bleuler zur Verth ei - 
digung der Isolirungen (darunter immer das Einsperren 
in Zellen verstanden) anführt, dass manche Kranke die 
Isolirungen als eine Wohlthat empfinden, dass sie sejbst 
nach der Zelle verlangen u. s. w., (auch Fürstner hat 
auf der letzten Versammlung südwestdeutscher Irren¬ 
ärzte in Karlsruhe, Nov. 1901, dieses Moment den 
Anhängern der zellenlosen Behandlung gegenüber 
hervorgehoben), so will ich nur darauf binweisen, 
dass, als vor 50 Jahren der Kampf um das No-restraint 
entbrannt war, den Vorkämpfern desselben von den 
Vertheidigem des Restraint auch entgegengehalten 
wurde, dass viele Kranke selbst nach dem Restraint 
verlangen und später dankend die Nothwendigkeit 
derselben anerkannten (siehe Dick, Reiseskizzen 
Allg. Zeitschrift für Psychiatrie, Bd. XIII, S. 37b). 
Es giebt eben nichts neues unter der Sonne. Die 
Diskussion, die jetzt über die Frage „Isoliren 
oder Nichtisoliren“ geführt wird, ist schon vor einem 
halben Jahrhundert 30 Jahre hindurch in derselben 
Weise über das Restraint oder No-restraint geführt 
werden. Alle Gründe, welche damals für die Bei¬ 
behaltung des Restraints vorgebracht wurden, sie sind 
jetzt, vielfach mit denselben Schlagworten, bei der 
Vertheidigung der Isolirzellen wiedergekehrt. Es 
wurde damals „vor jeder Einseitigkeit, vor allen Ex¬ 
tremen“ gewarnt, wie jetzt vor der „Schablone“ 
(Bleuler) gewarnt wird und von „Prinzipienreiterei“, 
von „Uebertreibungen“, von „Extremen“, von „ex¬ 
tremen Zielen der Fanatiker“ oder „Fanatismus“*) 

*) Herrn Jolly, von welchem die letzten Ausdrücke in 
dem neuesten Jahrgang der Charit^-Annalen bei den Erläu¬ 
terungen zum Neubau der psychiatrischen und Nerven-Klinik 
der KÖnigl. Charitö (Band 26, Seite 347, vergleiche diese 
Wochenschrift, gd. IV, Nr. 1, S. io) gebraucht worden 
sind, scheinen seine Ausführungen auf der Versammlung 
deutscher Irrenärzte in Berlin, dass „das flir das neue 
Jahrhundert ausgegebene Stichwort der zellenlosen Behandlung 
als ein aussichtsvolles Verbesserungen in sich schliessendes, bezeich¬ 
net werden dürfe“, unter Hinweis darauf, dass trotz der 
Schwierigkeiten, mit welchen Anfangs die Durchführung des 
No-restraints zu kämpfen hatte, diese doch schliesslich ohne 
Rest gelungen sei, schon leid zu thun, sonst würde er den 
Ausdruck „Fanatiker“, mit dem ja auch die Anhänger des No- 
restraints über 2 Jahrzehnte lang regalirt worden sind, nicht 
gebraucht haben. Der Widerspruch ist um so grösser, als 
Jolly selbst betont, dass er trotz der ungünstigen Verhältnisse 
in der Charitd nunmehr durch systematische Einschränkung der 
Isolirungen zu auffallend viel günstigeren Verhältnissen gekommen 
sei, als sie früher bestanden und als er sie erwartet hatte. Die 
mildernden Umstände, welche Herr Jolly so gütig sein will, 
den „Fanatikern“ zuzubilligen, sind denselben wirklich nicht 
von Nöthen und werden ebenso freundlich wie entschieden zu¬ 
rückgewiesen. Ich glaube, es werden kaum 10 Jahre ins Land 
gehen, dass man den Spiers wird umdrehen können und in 
der Lage sein wird, den Gegnern der zellenlosen Behänd- 

Original from 

HARVARD UNiVERSITY 




1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


gesprochen wird; strenge vernünftige Individualisirung 
wurde damals beim Restraint empfohlen, wie sie jetzt 
beim Isoliren empfohlen wird, ein „milder“ Restraint 
wurde damals in vielen Fällen als Heilmittel, ja als 
„Quelle des Comforts“ (s. Dick, Reiseskizzen a. a. O.) 
gepriesen, wie jetzt vom „Comfort“ der Isolirzelle ge¬ 
sprochen und in manchen Fällen die Isolimng „in 
therapeutischer Beziehung nützlich“ genannt wird; es 
wurde die grosse Störung und die Belästigung der 
anderen Kranken und der Wärter als die nothwen¬ 
dige Folge der Beseitigung des Zwanges hervorge¬ 
hoben, wie jetzt das gleiche Motiv gegen die zellen¬ 
lose Behandlung angeführt wird; es wurde von den 
„rohen Wärterfäusten“ gesprochen, welche an die Stelle 
des Restraint treten müssten, wie man jetzt das 
Gleiche bei der Aufgabe der Isolirung prophezeit; es 
wurden an die Anhänger des No-restraint zahlreiche 
Fragen gestellt, wie sie in diesen und in jenen Fällen 
ohne Zwangsmittel auskoinmen wollen (vgl. bcs. Guis- 
lain: Le<;on orales sur les phrenopathics 1852, übers, 
von Laehr 1854) resp. was sie in solchen Fällen zu 
thun empfehlen (z. B. wenn ein Kranker sich immer¬ 
fort ausziehe oder alles zerreisse oder nicht im Bett 
bleiben wolle), ebenso wie jetzt Neisser mich inter- 
pellirt, was ich in den und den Fällen zu thun em¬ 
pfehle; und endlich wurde die ausserordentliche Kost¬ 
spieligkeit des No-restraint, die Benüthigung einer be¬ 
deutenden Vermehrung des Wartpersonals, des ärzt¬ 
lichen Personals etc. betont und die Frage als „reine 
Kostenfrage“ bezeichnet, wie jetzt Mcrcklin und Sie¬ 
mens die zellenlose Behandlung vorwiegend eine 
„Personal- und Geldfrage“ und eine „Geldfrage von 
grosser Tragweite“ nennen. Es ist also alles schon 
einmal dagewesen. 

Und wie vor einigen Jahrzehnten das No-restraint 
sich allem Hohn und allen Schmähungen, allen Ein¬ 
würfen und Bedenken gegenüber siegreich durchge¬ 
kämpft und die erbittertsten Gegner schliesslich zum 
Schweigen gebracht oder in die eifrigsten Vorkämpfer 
verwandelt hat, so wird auch in unseren Tagen die zellen- 
luse Behandlung den endgültigen Sieg „ohne Rest“ davon¬ 
tragen und mit der durch die Thatsache bewiesenen 
Macht seiner Zweckmässigkeit die Bedenken der bis¬ 
herigen Gegner verstummen machen. Allem An¬ 
schein nach wird das schneller gehen als mit dem 
Siege des No-restraint. Mit dem Falle der Zelle, 

lung mildernde Umstände bewilligen zu müssen, ebenso wie 
Wcstphal auf der Jahresversammlung des Vereins deutscher 
Irrenärzte i. J. 1879 mildernde Umstände für die anfänglich 
fast allgemeine Opposition gegen das No-restraint bewilligte, 
die er „als kein freundliches Blatt in der Geschichte der prac- 
tischen Psychiatric“ bezeichncte. 


welche ja weiter nichts ist als das letzte und am 
längsten festgehaltene Beschränkungsmittel des Restraint, 
das letzte Ueberbleibsel des alten Tollhauses, wird 
das No-restraint-Systcm erst gänzlich vollendet sein. 

Die historische Gerechtigkeit erfordert es, darauf 
hinzuweisen, was jetzt anscheinend in Vergessenheit 
gerathen ist, dass in England schon vor 50 Jahren 
mit dem Restraint vielfach auch die Zellen abgeschafft 
wurden, worauf schon Conolly hingedrungen zu haben 
scheint. Dick berichtet in seinen obengenannten 
Reiseskizzen (1853), dass auf der weiblichen Abthei¬ 
lung der Irrenanstalt Springfield mit 500 weiblichen 
Kranken nicht nur alle Zwangsmittel verbannt, son¬ 
dern auch die Zellen völlig beseitigt waren; es be¬ 
fand sich zur Zeit seines Besuches nur eine einzige 
Kranke in einer offenen Zelle. Dabei wird der wohl- 
thuende Geist der Ruhe, des Friedens und der Ord¬ 
nung hervorgehoben, welcher in der Anstalt herrschte, 
und der Verwunderung Ausdruck gegeben, dass dies 
Alles trotz des geringen Wartpcrsonals (1 : 18) und 
der wenigen (2) Aerzte möglich war. Auch scheint 
die Bettbehandlung noch unbekannt gewesen zu sein. 
Nur bei der Anstalt Devonshire wird erwähnt, dass in 
ihr Director Ruckwill ebenso wie Guislain die Beobach¬ 
tung gemacht habe, dass durch somalische Erkran¬ 
kungen herbeigeführtes Bettliegen oft vom günstigsten 
Einfluss auf das psychische Befinden sei (eine histo¬ 
risch recht bemerkenswerthe Notiz). — Auch in der 
französischen Anstalt Mareville fand Dick zwar alle 
Zellen beseitigt (und sie blieben es auch, wie spätere 
Reiseberichte lehren), aber eine reichliche Anwendung 
von Zwangsmitteln. Bei dieser Gelegenheit berichtet 
Dick, dass nach Koster auch in Stephansfelde mit 
der Scklusion gebrochen werden soll. Dass das Vor¬ 
gehen in Springsfield übrigens nicht vereinzelt war, zeigen 
die Angaben von Ludwig Mayer in seinem Aufsatze: 
„Die Abschaffung des No-restraint“ im 20. Bande der 
Allg. Zcitschr. f. Psychiatrie (1863), die er auf Grund 
eigener Informationen bei einer Reise durch englische 
Irrenanstalten gemacht hat. „Die englischen Irren¬ 
anstalten“, sagt er, „gewähren zwar über dem 5. Theil 
der Gesammtbcvölkerung die Wohlthat des Einzel- 
schlaf/.immcrs, aber sie besitzen keine eigentlichen 
Zellenahtheilungen, und kaum 2 von 20 einzelnen 
Räumen sind zur Aufnahme Lärmender und Zer- 
störungssüchtiger geeignet. Die Benutzung einer eigent¬ 
lichen Zelle ist aber eine ausserordentlich seltene, und 
es ist mir nicht besser als den meisten Besuchern 
englischer Anstalten gegangen, ich hatte keine Ge¬ 
legenheit, die Benutzung einer Polster zelle zu beobach¬ 
ten. Die Commissionars of lunaev fanden bei den 
Besuchen sümmtlicher Grafschaftsanstalten mit einer 


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Original from 

HARVARD UNIVERSITY 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 13. 


Bevölkerung von ca. 1300 Geisteskranken nur einen 
derartigen Fall. Aber auch die Isolimng im gewöhn¬ 
lichen Schlafzimmer ist so selten, dass man geneigt 
ist seinen eigenen Augen zu misstrauen. In 5 eng¬ 
lischen Irrenanstalten mit ca. 5700 Geisteskranken 
fand ich in zweien gar keine und in den 3 übrigen 4 
Kranke in ihren Schlafzimmern isolirt. Morel begeg¬ 
nete bei seinen Besuchen der englischen Irrenanstal¬ 
ten unter 5 — 6000 Irren nur 3 Fällen von Isolirung. 
Die Commissionars of lunacy fanden nur in wenigen 
Grafschafts-Asylen einzelne Kranke zur Zeit ihrer Be¬ 
suche isolirt. In fast allen Fällen erstreckte sich die 
Isolirung auf wenige Stunden. In Suffolk wurde jeder 
Kranke als isolirt betrachtet und demgemäss registrirt, 
welcher auch nur 1 / 2 Stunde sich hinter der zuge¬ 
zogenen Thür seines Schlafzimmers befand, auch 
wenn die Thür nicht abgeschlossen war. Isolirungen 
von der Dauer eines Tages sind ganz aussergewöhn- 
liche Vorkommnisse. Nur einmal im Verlauf eines 
Jahres war die Zahl einer Woche erreicht worden. 
In 4 Anstalten, Lincoln, Surrey, Sussex und Birming¬ 
ham (mit 2169 Geisteskranken), war innerhalb eines 
Jahres und länger keine Isolirung vorgenommen wor¬ 
den. Kürzere freie »Zeiträume (Monate und Wochen) 
kamen in zahlreichen Anstalten vor“. Das Urtheil 
Griesingers, welcher die „Zellenpsychiatrie“ ebenso 
verpönte wie das No-restraint, ist bekannt. Weniger 
bekannt aber dürfte sein, dass Rust sich bereits i. J. 
1831 in einem Gutachten über die Anlage von Mars¬ 
berg ganz entschieden gegen die Errichtung von 
Zellen ausgesprochen hat: „Mit der Absicht für die 


Tobsüchtigen einzelne Zellen anzulegen kann man 
sich nicht einverstanden erklären, da letztere d i e 
nothwendige Beaufsichtigung und Pflege, 
deren die Tobsüchtigen im höchsten Grade 
bedürfen, nicht gestatten. Es muss freilich 
dem Ermessen des Arztes anheimgestellt bleiben, in¬ 
wiefern er in besonderen Fällen der einen oder der 
anderen abgesonderten Zelle sich bedienen will, um 
einen besonders widerspenstigen Kranken durch Ent¬ 
fernung aus der menschlichen Gesellschaft auf einige 
Zeit zu bändigen. Aber als allgemeine Regel darf 
es nicht gelten, jeden Tobsüchtigen völlig zu iso- 
liren. Und da die Ausbrüche der Wuth oft lange 
Zeit hinter einander fortdauern und nicht selten mit 
schweren körperlichen Leiden vergesellschaftet sind, 
so ergiebt sich hieraus ein Zustand, der die 
ununterbrochene Gegenwart und Aufsicht 
des Wärters dringend nothwendig macht. 
Denn oft sind Fälle von Selbstmord in einsamen 
Zellen vorgekommen, in denen der Kranke durchaus 
nicht so gefesselt werden kann, dass er dadurch 
völlig gehindert würde Hand an sich zu legen. Der¬ 
gleichen traurigen Ereignissen darf aber durch die bau¬ 
lichen Einrichtungen nicht Vorschub geleistet werden. 
Es dürfte für die Marsberger Anstalt hinreichend sein, 
2 Zellen für einzelne männliche und 1 Zelle für 
weibliche Tobsüchtige, die übrigen zu Zellen be¬ 
stimmten Räume aber zu angemessenen Zimmern her¬ 
zurichten“ (Koster und Tigges: Die Irrenanstalt Mars¬ 
berg, Allg. Ztschr. f. Psych. Anhang zu Bd. 24, 1867, 
S. 90). 


M i t t h e i 

— Norddeutscher psychiatrischer Verein. 

Neunte Sitzung Montag, den 7. Juli 1902, Vormittags 
11 Uhr im „Danziger Hof“ zu Danzig. Tages-Ord- 
nung: Geschäftliche Mittheilungen. Vorträge und 
Demonstrationen: 1. Die acute hailucinatorische Ver¬ 
wirrtheit als Initialstadium bei Melancholie. Dr. Glu- 
zewski, I. Assistenzarzt in Conradstein. 2. Ueber 
Gchirnsection, mit Demonstrationen. Dr. Wickel, 
III. Arzt in Dziekanka. 3. Die Familienpflege Geistes¬ 
kranker bei der Provinzial-Irren-Anstalt Conradstein. 
Dr. Neugcbauer, III. Oberarzt in Conradstein. 4. Die 
neu errichtete Irrenabtheilung an der Strafanstalt zu 
Graudenz. Dr. Sander-Graudenz. 5. Körperverletz¬ 
ungen, körperliche Misshandlungen als Ursache von 
Geistesstörungen. Med.-Rath Dr. Krömer, Direktor 
in Conradstein. Nach der Sitzung Diner mit Damen 
im „Danziger Hof“ (Gedeck 3 M.), dann Fahrt nach 
Zoppot. Um zahlreiche Betheiligung — auch der 
Damen — wird gebeten. Die Geschäftsführer: Krömcr- 
Conradstein, Siemens-Lauenburg. 


1 u n g e n. 

— Zur „Irrenftlrsorge“ in Tirol schreiben die 
„Innsbrucker Nachrichten“ vom 14. Juni 1902: 

Wie verlautet, besteht in der Landesirrenanstalt 
in Hall eine Typhusepidemie. Wer die Verhältnisse 
in dieser Anstalt kennt, den erfüllt eine solche Nach¬ 
richt mit ernster Besorgniss, wenn er bedenkt, welchen 
Gefahren die Pfleglinge in einem solchen Falle in 
einer Anstalt ausgesetzt sind, die aller Erfordernisse 
einer entsprechenden Irren pflege entbehrt, im höch¬ 
sten Grade überfüllt ist und in welcher überdies 
geeignete Räume für die abgesonderte Behandlung 
von den mit ansteckenden Krankheiten Behafteten 
nicht vorhanden sind. 

Der Ausbruch der Epidemie giebt Anlass, die 
Verhältnisse der Irrenpflege in Tirol neuerdings zu 
besprechen und neuerdings den Versuch zu machen, 
den mächtigen Kräften, die in diesem Lande daran 
sind jede Neuerung und jeden Fortschritt zu unter¬ 
drücken, entgegenzutreten und sie zu erinnern, welche 


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1902 .] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Schuld des verhängnisvollen Unterlassens sie unent¬ 
wegt auf sich laden. 

Wir erinnern hiebei an die von massgebender 
Seite nicht widerlegte Notiz in den Innsbrucker Nach¬ 
richten vom 3. December 1901, welche für den 
Kundigen deutlich genug volle Aufklärung darüber 
enthält, dass es mit der Irrenpflege in Tirol be¬ 
schämend schlecht steht. Wir halten uns für ver¬ 
pflichtet, nochmals öffentlich darauf hinzuweisen, dass 
beide Irrenanstalten des Landes überfüllt sind und 
dass sich in Folge dessen der Aufnahme der Anstalts¬ 
behandlung dringend bedürftiger Geisteskranker in 
diese Anstalten immerwährend die grössten Schwierig¬ 
keiten entgegenstellen. 

Ruhige und unruhige, reine und unreine, frische 
und veraltete Fälle sind in der Irrenanstalt in Hall, 
die unter den Anstalten Oesterreichs und Deutsch¬ 
lands weitaus die rückständigste ist, untereinander 
untergebracht. 

Von einer den unbedingten Erfordernissen der 
Irienbehandlung Rechnung tragenden Trennung der 
Kranken kann wegen Raummangels und der ungün¬ 
stigen Anlage der Anstalt keine Rede sein. Auf 
mehreren Abtheilungen sind keine Ventilaiionsein- 
richtungen vorhanden. In die Krankenräume dringt 
Abortluft, das Aussehen der Räume erinnert an Ge¬ 
fängnisse schlimmster Sorte, wie man sie hierzulande 
übrigens auch häufig genug antrifft. Die Abortan¬ 
lagen der Anstalt sind wahre Beispiele von Unzweck¬ 
mässigkeit und Unreinlicbkeit. 

In der Anstalt, die für höchstens 2 50 Kranke 
Raum hat, schwankt der Krankenstand um die Ziffer 
3Ö0. Die für die Heilung der Kranken nach moder¬ 
nen Grundsätzen so unentbehrliche Bettbehandlung, 
sowie die Behandlung mit Dauerbädern ist wegen 
Raummangels und mangels an dem hiezu nothwendi- 
gen Wärterpersonale undurchführbar, eine Wachab¬ 
theilung ist nicht vorhanden, die erforderliche Kranken¬ 
beobachtung kann nicht stattfinden, das Bad auf der 
Männerabtheilung befindet sich in einem nahezu unbe¬ 
nutzbaren Zustande. Wegen Mangels an Räumen kön¬ 
nen Werkstätten zur Beschäftigung der Kranken nicht 
hergestellt werden, dieselben können nur mit Feld¬ 
arbeit beschäftigt werden. 

Die Bezahlung des Wartepersonales ist elend, 
besser qualificirte Wärter sind daher fast gamicht zu 
bekommen. 

Es ist einleuchtend — und dies giebt uns die 
Berechtigung, das Loos vieler in der Anstalt Aufge¬ 
nommener als ein verzweiflungsvoll entsetzliches zu 
-bezeichnen —, dass bei derart traurigen, der ratio¬ 
nellen Irrrenpflege hohnsprechenden Zuständen von 
einer eigentlichen Heilthätigkeit in der Anstalt keine 
Rede sein kann, sondern im Gegentheile die der 
Anstalt anvertrauten Kranken sogar in ihrer körper¬ 
lichen Gesundheit gefährdet werden. Wie soll unter 
solchen Umständen den heilbaren Kranken die er¬ 
forderliche Ruhe geschaffen werden, wie sollen Schäd¬ 
lichkeiten von ihnen abgehalten werden, die Ursachen 
ihrer Krankheit ermittelt und wirkungsvoll beseitigt 
werden, w r enn die allernothwendigsten Voraussetzungen 


L55 

für ein derartiges wahrhaft segensreiches Wirken voll¬ 
ständig mangeln? 

Man muss mit voller Resignation zu dem Schlüsse 
kommen, dass die Heilaussichten in der Anstalt 
gleich Null sind. Vielleicht ist auch dies noch zu 
w f enig gesagt für diejenigen Maassgebenden, die sich 
allen wohlgemeinten, tief empfundenen Vorstellungen 
so ruhig und doch so verantwortungsvoll verschliessen 
und gleichgiltig zusehen, wie die Anstalt nicht eine 
Stätte des Trostes und der Heilung, sondern ein Haus 
der Qual und der Verzweiflung ist. 

Mit der Irrenpflege ausserhalb der Irrenanstalt 
sieht es nicht besser aus. Von verlässlicher Seite 
ist uns mitgetheilt worden, dass auch hinsichtlich 
der Unterbringung Geisteskranker in Versorgungs- 
häusem und Landspitälern geradezu grauenvolle Zu¬ 
stände herrschen. Häufig kommt es vor, dass Gei¬ 
steskranke in derartigen Anstalten im Keller oder in 
kellerartigen, winzigen, finstern, feuchten und nicht 
heizbaren Räumen, die sich entweder gar nicht lüften 
lassen, oder die selbst im Winter nicht einmal gegen 
das Eindringen von Kälte und Schnee geschützt sind, 
gehalten werden. In unmittelbarer Nähe von Inns¬ 
bruck, unter den Augen der Bezirksbehörde kommen 
solche Dinge vor. Wer hat es nicht schon gesehen, 
in welchem schlechten Zustande sich die Gemeinde¬ 
armenhäuser gewöhnlich befinden, wie w*enig für 
Ordnung und Reinlichkeit, geschweige denn Behag¬ 
lichkeit der Pfründner und Bresthaften gesorgt ist, 
wie häufig aber auch in dieser Beziehung die gröbsten 
Unterlassungen Vorkommen, wie Trunkenbolde die 
Anstaltsruhe stören, wie arme Kinder, die in solcher 
Stätte des Jammers auch aufgenommen werden, zu 
Zuschauern des Anblickes all dieses Elends und der 
Widerlichkeiten gemacht werden. Selbst der ruhigste 
und unvoreingenommenste Beobachter all dieser Miss¬ 
stände der Armen Versorgung muss zu dem Urtheile 
kommen: „Wehe dem Elenden, der der Armen Ver¬ 
sorgung der Gemeinden anheimfällt“. In verborgenen 
Winkeln der Armenhäuser, wo man kaum das Vor¬ 
handensein eines Stalles vermuthen würde, findet 
man dann noch schliesslich die Unterkunft eines 
Geisteskranken, dessen Zustand der Verwahrlosung 
jeder Beschreibung spottet. In Telfes, Matrei, Wattens 
und Welschhofen sind allein vor nicht langer Zeit in 
unmittelbarer Aufeinanderfolge solche Zustände auf¬ 
gedeckt worden. 

Wird die elende Unterkunft solcher bedauems- 
werther Geschöpfe, in dem sie vor Schmutz, Gestank 
und Mangel jeder Pflege vergehen, nicht zufällig durch 
eine Controlle von auswärts aufgedeckt, so denkt 
niemand an die Beseitigung solcher Zustände, sondern 
denjenigen, welchen unmittelbar die Sorge für das 
Wohl solcher Kranken obliegt, bleibt nichts anderes 
übrig, als nur dafür zu sorgen, dass Störungen der 
Umgebung verhütet werden, weiter reicht ihre Für¬ 
sorge nicht Der schwere Vorwmrf der Vernach¬ 
lässigung der Pflege trifft in solchem Falle nicht so 
sehr die mit der unmittelbaren Pflege Betrauten, 
denn sie kommen thatsächlich bei dem Mangel jeglicher 
Unterstützung von maassgebender Seite zu der Ueber- 


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156 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 13. 


zeugung, all das müsse so sein und könne nicht 
anders sein. 

Ganz nahe von Innsbruck ist es vor¬ 
gekommen, dass wegen Raummangels in 
einer Anstalt, die zum Aufenthalte un¬ 
heilbarer, aus der Landesirrenanstalt 
entlassener Geisteskranker bestimmt ist, 
mehrere Geisteskranke in den Räumen 
einer Ferien -Colo nie für Knaben, mitten 
unter diesen untergebracht wurden. 

Nicht um vieles besser steht es mit der Irren¬ 
pflege in Südtirol. Auch dort ist es wegen der steten 
Ueberfüllung der Landesirrenanstalt in Pergine ge¬ 
bräuchlich, unheilbare Geisteskranke in ungeeigneten 
Landspitälem unterzubringen, wo für Verpflegung 
und Wartung der Kranken nicht annähernd ent¬ 
sprechend gesorgt ist. Eine derartige Anstalt ist das 
Krankenhaus in Ala. Die Räume für die Geistes¬ 
kranken sind daselbst überfüllt, es fehlt an der ent¬ 
sprechenden Ueberwachung, nicht einmal ein Garten 
ist vorhanden, in den die bedauemswerthen Kranken 
im heissen Sommer zum Aufenthalt ins Freie gebracht 
werden könnten. Im Spitale zu Transacqua kam es 
vor, dass Geisteskranke, die in mangelhaft gelüfteten 
und unreinen Räumen untergebracht waren, eines 
geeigneten Wärterpersonals vollständig entbehrten. 

Nochmals ergeht unter Vorbringung solcher That- 
sachen an Alle jene, die in die Lage kommen können, 
Einfluss auf die Beseitigung der geschilderten Zustände 
zu nehmen, der dringende Ruf, sich dafür einzusetzen, 
dass eine gründliche Besserung des Irrenwesens im 
Lande herbeigeführt werde und nicht mit jenen, die 
bisher dringende Mahnungen unberücksichtigt gelassen 
haben, den Vorwurf über sich ergehen zu lassen, 
gegenüber solchen Zuständen einen Gleiehmuth be¬ 
wahrt zu haben, der Allen, die das Herz auf dem 
rechten Flecke haben, als Gefühllosigkeit erscheinen 
muss. 

Möge es gelingen, die Aufmerksamkeit der Behörde, 
welcher die Aufsicht über die Irrenfürsorge obliegt, 
zu erregen und so endlich die Widerstände an jener 
Stelle zu überwinden, der die Behebung dieser mittel¬ 
alterlichen Zustände gesetzlich obliegt. 


meiden. Niemand wird bestreiten, dass vielfach Unter¬ 
schiede zwischen den Anlagen bezw. Leistungen beider 
Geschlechter bestehen. Der Vergleich fällt aber nicht 
durchweg zu Ungunsten des weiblichen Geschlechts 
aus. Viele Bemerkungen in dem vorliegenden Buche 
sind zu scharf, die Schilderungen betreffs der weib¬ 
lichen Gefühle und Betätigungen auf ethischem und 
moralischem Gebiet sind mehrfach nicht richtig. Den 
meisten Widerspruch erweckt der Ausdruck; „phy¬ 
siologischer Schwachsinn des Weibes“, denn der früh¬ 
zeitige geistige Verfall z. B. nach Wochenbetten oder 
im Klimakterium gehört nicht zum durchschnittlichen 
Entwicklungsgang der Frauen. Sind die von Möbius 
geschilderten Veränderungen in diesem und jenem 
Falle eingetreten, so sind sie Folgen abnormer äusserer 
oder innerer Verhältnisse. Es handelt sich dann um 
psychische Krankheit, um pathologische 
Processe im Gehirn. Würde der Herr Verfasser 
mehr berücksichtigen, dass psychische Krankheiten in 
ihren leichten Formen recht oft verkannt werden, 
was er doch an anderer Stelle selbst hervorgehoben 
hat, würde er unbefangener, weniger pessimistisch 
Umschau halten unter den gesunden, feinsinnigen 
Frauen und den klugen Töchtern des Landes, er 
würde sich von manchen Autosuggestionen frei machen, 
die seine Feder bei diesem Büchlein geführt haben. 

Ein alter Grieche hat einmal erklärt, das voll¬ 
ständige menschliche Individuum bestehe aus 2 Hälften, 
der männlichen und der weiblichen. Diese Hälften 
kommen getrennt zur Welt; sind sie reif, so suchen 
sie sich. Haben sich die zu einander gehörigen 
Hälften gefunden, so stellen sie erst ein Ganzes dar. 
Bleiben wir doch als Vertreter der einen Hälfte 
gerecht gegen die Repräsentanten der erfreulicher¬ 
weise vielfach anders gearteten Hälfte! Suchen wir 
— jeder an seinem Theile — dahin zu wirken, dass 
die Schwierigkeiten geringer werden, die sich der 
Vereinigung für einander bestimmter Hälften in Folge 
ungünstiger socialer Verhältnisse so oft cntgegcnstellen. 
Dann werden unseren Mädchen und Frauen weniger 
Wunden geschlagen werden im Kampf um’s Dasein. 
Dann werden viele schwere und auch gar manche 
leichte Krankheiten seltener werden! 

G. Ilberg (Grossschweidnitz). 


Referate. 

-— Ueber den physiologischen Schwach¬ 
sinn des Weibes. Von P. J. Möbius. 4. Aufl. 
Halle a. S. Carl Marhold. 1902. 

Die Abhandlung hat in kurzer Zeit ihre vierte 
Auflage erreicht, noch mehrere Auflagen werden dieser 
folgen. Es ist dies ein erfreulicher Beweis dafür, dass 
sich in unserer Zeit weite Kreise für mitten aus dem 
Leben gegriffene psychologische Themata intercssircn. 

Ich habe in dieser Wochenschrift die erste Auflage 
ausführlich besprochen und habe mich seitdem 
bei allen passenden Gelegenheiten bemüht, die Be¬ 
hauptungen des Herrn Verfassers im Einzelfall zu 
prüfen. Und auch beim Durchlescn dieser vierten 
Auflage habe ich gesucht Missverständnisse zu ver¬ 


Zur Denkschrift über die „Badische Irrenfürsorge.“ 

Die Verfasser der Denkschrift über die Badische Irren¬ 
fürsorge haben gegenüber der Besprechung Gaupp’s*) 
darauf hingewiesen, dass er die Verhältnisse nicht 
„aus eigenem Erleben“ kenne**). Dieser Einwand 
veranlasst mich zu der Erklärung, dass die Darstellung 
Gaupp’s den wirklichen Hergang der Dinge 
vollkommen zutreffend wiedergegeb cn hat. 
Die aktenmässigen Belege dafür sind in meinen Händen. 
Ein nochmaliges Eingehen auf die jüngsten Aus¬ 
führungen der „Verfasser“ erscheint demnach völlig 
zwecklos. 

Heidelberg, 23. VI. 1902. E. Kraepelin. 

*) Centralblatt f. Nervenheilkunde 1902, 147, S. 230. 

**) Diese Wochenschrift 1902, 9, S. 104. 


Für den redaktionellen Tliril \ erantwot tlich : Ubriaizt I>r. J . Frisier Kraschnitz, (Schlesien). 

Erscheint ieden Sonnabend — Schluss der Inseratenannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag Von Carl Mar hold in Halle a. S 

Hcvncruann’sche Uuchdrnckcrei (Gebr. Wolff) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch ^Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internationales Correspondenzblatt für Irrenärzte und Nervenärzte. 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervorragender Fachmänner des In- und Auslandes 

herausgageben von 

Direktor Dr. K. Alt, Prof. Dr. G. Anton, Prof. Dr. Bleuler, Direktor Dr. van Deventer, Prof. Dr. L. Edinger, 

Urhtspnnge (Altmark 1 Graz. Zürich. Meerenberg (Holland). Frankfurt a. M. 

Prof. Dr. A. Guttat&dt, Prof. Dr. E. Mendel, Prof. Dr. Mingazzini, Dr. P. J. Möbius, Direktor Dr. Morel, 
Geh. Med.-Rath, Berlin. Berlin. Rom. Leipzig. Mons (Belgien). 

Direktor Dr. G. Ol ah, Direktor Dr. Ritti, Dr. Ernst Schultze, Direktor Dr. Urquhart, 

Budapest. St. Maurice (Seine). Privatdocent, Andernach. Perth (Schottland). 

Dr. med. et phil. W. Weygandt, 

Privatdocent, Würzburg. 

Unter Benützung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Kraschnitx (Schienen). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adresse: Marhold Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 2572. 

Nr. 14. _ 5 - Juh- _ 1902. 

Die ,,Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift“ erscheint jeden Sonnabend und kostet pro Quartal 4 Mk. 

Bestallungen nehmen jede Buchhandlung, die Post (Katalog Nr. 6252), sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a.S. entgegen. 
Inserate werden für die 3spaltige Petitseile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermässigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. J. Bresler, Kraschnitz (Schlesien), zu richten. 

Inhalt. Originale: Der chirurgische Pavillon der öffentlichen Irrenanstalten des Seinedeparlement, im klinischen Styl. Von 
Lucien Picqud (S. 157). — Eine Irrenanstalt in der Levante. Von Privatdocent Dr. W. Weygandt (Wllrzburg) (S. 162). 
— Aphasie und Agraphie nach epileptischen Amälleu. Von Nervenarzt Dr. Stadelmann (S. 165). — Mittheilungen 
(S. 170). — Referate (S. 171). — Personalnachrichten (S. 172). 


Der chirurgische Pavillon 

der öffentlichen Irrenanstalten des Seinedepartement, im klinischen Styl. 

Von Lucien Picque\ chirurgischer Referent der öffentlichen Irrenanstalten. 


jp^er Pavillon, welcher am 9. April 1901 eröffnet 
wurde, unterscheidet sich von allen ähnlichen 
Einrichtungen dadurch, dass er einzig und allein für 
operative Chirurgie bestimmt und von den übrigen 
Krankenstationen gänzlich getrennt ist. Diese völlige 
Trennung, die sich sonst nicht in unsern Kranken¬ 
häusern findet, bietet aber derartige thatsächliche 
Vortheile, dass man nicht nachdrücklich genug darauf 
bestehen kann. 

Man vermeidet durch eine derartige Trennung die 
Gelegenheit zur Infection durch die Kranken und 
ihre Familien, durch Wärter, die nur zu häufig und 
trotz aller Abmahnungen von ihrem Krankendienst 
zu Operationen kommen. Der Kranke wird auf einer 
Tragbahre überführt und in derselben Weise nach 
seiner früheren Station zurückgebracht, um dort seine 
Reconvalescenz durchzumachen. Während des ganzen 
Aufenthalts im Pavillon, der immer kurz sein soll, 

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bleibt er zu Bett. Unter diesen Umständen ist die 
Infectionsgefahr eine äusserst geringe. 

Der Dienst des Personals in dem Operationspa¬ 
villon ist einzig darauf beschränkt und genau vorge¬ 
schrieben. Es beschäftigt sich nur mit Operationen 
und der Wachbehandlung. 

Indessen springen die Vortheile eines gesonderten 
Operationspavillons hauptsächlich in Rücksicht auf 
die Art der allgemeinen Construction, der Vertheilung 
des Dienstes, dessen Anordnung und den dabei 
wichtigen Gesichtspunkten ins Auge. 

Allgemein gesagt muss in einem Krankenhaus¬ 
pavillon alles von dem Gesichtspunkt eines längeren 
Aufenthaltes des Kranken und in Rücksichtnahme 
auf sein Wohlbefinden, auf das er während dieser 
Zeit Anspruch zu erheben berechtigt ist, eingerichtet 
sein. Am meisten Platz ist den Krankensälen zu¬ 
gedacht. Ausserdem muss man auf die Anlage von 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Wandelgängen, Ruhesälen, Aborten Bedacht nehmen, ich gehört, dass der Architect vor 20 Jahren im 

Der allgemeine Krankendienst beansprucht dabei auch Hospital Richat den Operationssaal vergessen hatte, 

viel Raum. Unter diesen Verhältnissen wird die Erst später ist er auf Antrag hier gebaut worden. 

Ausübung der operativen Chirurgie immer zu kurz Die Nebenräume der Opcrationssäle sind bisweilen 

kommen. Man lässt sich dazu verführen, mehr oder ungenügend: in einigen Krankenhäusern, an denen ich 

weniger zu kleine oder schlecht gelegene Opcrations- gewesen bin, fehlen sie vollständig — im Hospital 

sälc cinzurichten. Von einem meiner Gollegen- habe Richat, welches während 20 Jahren für eine Muster- 


Pho)ogrjpti 




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HARVARD UNIVERSITY 


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1902.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


159 


anstalt gegolten hat, sind sie zu eng und unbedingt ungen für einen Operationspavillon vollkommen anders, 
zu weit vom Operationssaal entfernt gelegen. Sie be- Alles muss dort für einen chirurgischen Eingriff ein¬ 
finden sich in einem anderen Stockwerk und in gerichtet sein. Der Operationssaal, der dabei die 
Räumen, die der Apotheke unterstehen. In einem Hauptsache ist, muss geräumig und gut gelegen sein, 
ganz neuen Hospital hatte sie der Architect vergessen seine Nebenräume von geeigneter Grösse, dabei bequem 
und mehr als einmal hat man von der Anlage eines vertheilt und zweckmässig gmppirt. Das Wohl des Kran - 
Laboratoriums abgesehen, um an dessen Stelle Schwitz- ken, der während seines ganzen Aufenthaltes im Pavillon 
bäder u. dergl. einzurichten. Nichts destoweniger zu Bett liegen muss, hängt in hohem Grade von den 
muss man aber hervorheben, dass unsere Collegen aseptischen Massnahmen ab, die man gegen die In¬ 
sich trotz dessen Einrichtungen zu beschaffen gewusst fektion im Verlauf der Operationen, in den darauf 
haben, die ihnen die Ausübung einer aseptischen folgenden Verbänden, gegen die Infection der Bett- 
Chirurgie mit Sicherheit gestatteten. Aber wenn man Wäsche durch andere Kranke und umgekehrt gegen 



Abb. 3. 


nach dieser Richtung hin auch zu befriedigenden 
Resultaten gekommen ist, so dürfte das für die Aus¬ 
übung von septischen Operationen nicht der Fall 
sein. Um nur das Hospital Richat anzuführen, so 
muss der Chirurg dort in einem Verbandzimmer ope- 
riren. Die Nebenräume fehlen in diesem Kranken- 
hause vollständig. 

Das waren die — oft entschuldbaren — Mängel, 
die man an den Krankenhäusern zu erheben hätte, 
die in erster Linie für die Kranken gebaut werden 
und nicht zu dem Zwecke, um dort Operationen vor¬ 
zunehmen. 

In völligem Gegensatz hierzu liegen die Beding- 


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die Infection des Kranken durch schlechte desinfi- 
cirte Bettwäsche trifft. 

Die Krankenzimmer sind nichts weiter als ein An¬ 
hängsel des Operationssaales anstatt dass sie den 
Haupttheil des Baues einnehmen. Das sind die Be¬ 
dingungen, welche bei dem chirurgischen Pavillon 
des klinischen Asyls ihre Verwirklichung gefunden 
haben. 

Aber noch mehr, cs ist je eine Station für septische 
und aseptische Fälle eingerichtet, die, beide gleich 
wichtig, völlig von einander getrennt sind. Man muss 
den septischen Kranken dieselben Vortheile bieten 
können wie den aseptischen, eine doppelte Einrichtung 


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i6o PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 14. 


ist daher, wie ich es oben auseinander gesetzt habe, 
in jedem chirurgischen Krankenhause nothwendig, 
hier, in diesem Pavillon, wie der unsrige ist, trat diese 
Nothwendigkeit in die erste Reihe. Während man 
zur Aufnahme in die Isolirpavillons unserer Hospitäler 
nur aseptische Kranke zulässt, müssen wir im Gegen¬ 
satz beide Arten, inficirte und nicht inficirte Kranke 
aufnehmen. 

Das war die zweite Bedingung, die wir zu er¬ 
füllen hatten, sie hat uns natürlich auf das Lebhafteste 
beschäftigt, denn es musste auf jeden Fall eine An¬ 
steckung der zweiten Gruppe durch die erste vermieden 
werden und, um nach dieser Richtung hin die grösst- 
möghehe Sicherheit zu haben, waren wir genöthigt, 
unseren Eintheilungen einen luxuriösen Anschein zu 
geben, indessen war diese Massnahme, welche unseren 



Abb. 4. 


feetionscinrichtung für die Wäsche und die Kleider 
der Kranken). Auf diese Weise findet man die For¬ 
derung erfüllt: 

Keine Ansteckung der Kranken durch Verband¬ 
stücke, Instrumente, Wärter und die Wäsche, keine 
Infection der Wäsche durch Kranke. Wir sollten 
zugleich auch die Einrichtung einer kleinen Entbindungs¬ 
anstalt im unteren Pavillon vorschen für diejenigen 
Frauen, die — in übrigens wenig zahlreichen Fällen 
— im Asyl niederkommen, doch hätten wir damit 
keine Ursachen für eine Ansteckung schaffen können. 
Wir haben diese Frage dadurch gelöst, dass wir eine 
selbstständige Station, die im Favillon völlig getrennt 
liegt und eigene Vorrichtungen für Wasser- und In¬ 
strumentesterilisation besitzt, geschaffen haben. 

Seit einigen Jahren lässt es sich jeder Krankenhaus- 



Abb. 4 a. 


Pavillon von allen[ähnlichen Einrichtungen unterscheidet, 
auf das Strengste geboten. Man hätte, wenn [man 
es genau nimmt, 2 getrennte oder nur einfach neben 
einander gestellte Pavillons bauen müssen. Es schien 
mir aber wirthschaftlicher, daneben auch wissenschaft¬ 
licher und auch der modernen Lehre von der chirur¬ 
gischen Infection entsprechend in unserem Pavillon 
die Trennung zwischen beiden Arten von Kranken 
nicht durch eine solide Mauer herbeizuführen, sondern 
jeder Art ein besonderes Personal und besonderes 
Material anzuweisen. Daraus ergiebt sich als Folge 
die Zweckmässigkeit der Einrichtung von 2 Operations¬ 
sälen mit getrennten Nebenräumen (Sterilisations- 
zimmer für Wasser und Instrumente, Desinfections- 
raum für Kranke und zur Vorbereitung von Ope¬ 
rationen, gesonderte Zimmer für die Kranken beider 
Sorte, Verbandzimmer für aseptische Kranke, Desin¬ 


chirurg angelegen sein, das Verbandmaterial, dessen 
er sich bedient, selbst zu sterilisiren, in diesem Falle 
glaubten wir aus Rücksichten der Sicherheit und 
Wirtschaftlichkeit auf diesen Vortheilen nicht bestehen 
zu dürfen. 

Da eine beträchtliche Menge von Verbandzeug 
bei der Krankenbehandlung im Pavillon auch in allen 
Irrenanstalten des Departements verbraucht wird, war 
es nach unserer Ansicht unumgänglich nothwendig, 
in dem Pavillon einen richtigen Verbandzeugdienst 
einzurichten. Dazu gehört ein Raum, in dem das 
Verbandzeug geschnitten wird, sich besondere Vor¬ 
richtungen zum Entfetten des Catjuts und zum Reinigen 
der Seidenfäden befinden, ein Sterilisationszimmer 
und ein bacteriologisches Laboratorium zur wissen¬ 
schaftlichen Controlle der sterilisirten Gegenstände. 

Dieser Betrieb ist seit dem 8. Mai im Gange und 


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HARVARD UNfVERSITY 
















1902.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


161 


hat wirklich unerwartete Resultate zu Tage gefördert. 
Mit einem geringen Personal (2 Personen) hat man 
wahrend der ersten Monate bei regelmässiger Arbeit 
wirklich ausserordentlichen Gewinn im Verhältniss zu 
den Handelspreisen erzielt und gleich heim ersten 


Einrichtungen für Verbandzeug. Im Souterrain (Abb. 1) 
befinden sich der Apparat zur Wäschesterilisation, 
das bacteriologische Laboratorium und die verschie¬ 
denen wissenschaftlichen Einrichtungen (für Radio¬ 
graphie, Histologie). Die erste Etage (Abb. 2) ist für 



Abb. 6. 


Male Producte erhalten, die sich bei der Prüfung in 
Culturenbouillon andauernd als steril erwiesen haben. 

Die verschiedenen Dienstzweige, wie ich sie eben 
angeführt habe, sollten in dem Pavillon auf eine 
regelmässige Methode vertheilt werden. Das Erdge¬ 
schoss (Abb. 3) umfasst die verschiedenen Arten des 
Operationsdienstes; die Entbindungsanstalt und die 


Kranke Vorbehalten. Ein medianer und vertikaler 
Aufriss (4a) zeigt die beiden für septische und aseptische 
Kranke bestimmten Theile des Pavillons. Das Studium 
des beigefügten Planes wird besser als jede Be¬ 
schreibung Aufschluss über die Anordnung und Ver¬ 
keilung der beiden Dienstzweige geben. 

Abb. 4, 5, 6 zeigen die Fa^aden des Pavillons. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 14. 


Eine Irrenanstalt in der Levante. 

Von Privatdocent Dr. IV. Weygandt (Würzburg). 


\ nstaltsbeschreibungen haben in erster Linie dann 
besonderen Werth, wenn man aus ihnen etwas 
lernen kann, das sich auch für den Fall eines Neubaues 
oder einer Neueinrichtung einer Anstalt an wenden 
lässt. Immerhin ist es gelegentlich auch instructiv, 
eine Anstalt zu sehen, die den modernen Anforde¬ 
rungen nicht entspricht und aus der man gewisser- 
maassen lernen kann, wie man es nicht machen soll. 
Schliesslich können manche Anstalten auch Einrich¬ 
tungen darbieten, die bei uns nicht angebracht wären, 
aber unter den fremden Verhältnissen doch von einer 
gewissen Berechtigung sind. Letztere zwei Gesichts¬ 


malitäten ab; zu jedem Schritt in der Türkei ist ja 
der Teskere, der behördliche Erlaubnissschcin erfor¬ 
derlich. In der grossen hauptstädtischen Anstalt zu 
Skutari wird deshalb auch der fachmännische Be¬ 
sucher von den Anstaltsärzten selbst höflich abge¬ 
wiesen, wenn er nicht eine durch verwickelte Laufe¬ 
reien bei Stadtverwaltung und Pforte, womöglich erst 
nach Vermittelung durch seine Gesandtschaft oder das 
Konsulat, ausgestellte Bescheinigung vorweist. Für 
die meisten Fremden wird die Zeit indess zu kostbar 
sein, als dass sie sich diesen Umständen aussetzen, 
deren Erledigung bei dem türkischen Phlegma nur 



Abb. 1. 


punkte kommen in Betracht, wenn ich im Folgenden 
kurz die Eindrücke eines Anstaltsbesuchs einer mässig 
grossen Anstalt der asiatischen Türkei schildere. 

Für eine Studienreise mit speciellem psychiatri¬ 
schem Programm ist der Orient keineswegs einladend. 
Aber auch zu gelegentlichen Besuchen von Anstalten 
wird man bei einer Orientreise nicht leicht kommen 
wegen der mit dein Zutritt zu den Anstalten verbunde¬ 
nen Unbequemlichkeiten. Wo Europäer das Heft in 
Händen haben, ist es einfacher; so lässt sich die 
grosse Irrenanstalt bei Kairo oder die von einem 
französischen Arzt geleitete Irrenabtheilung in Tunis 
ohne Umstände besuchen. Unter unmittelbarer tür¬ 
kischer Herrschaft dagegen geht cs nicht ohne For- 

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sehr stockend vor sich geht. Noch schwieriger, weil 
mit religiösen Rücksichten verbunden, ist der Zutritt 
zu den kleinen Irrenpflegestationen, welche nebst 
anderen Wohlfahrtseinrichtungen, wie Armenhäusern, 
Spitälern, Schulen in der Umgebung grosser Moscheen 
von deren Stiftern mit eingerichtet worden sind, so 
bei der bekannten Achmedmoschee in Konstantinopel. 
Einfacher gestaltete sich hingegen in dem zu M a - 
nissa bei Smvrna gelegenen Provinzialirrenhaus 
(Timar hane oder Deli hane) ein Besuch, dessen 
Eindrücke ich in Kürze skizziren möchte. 

Die Stadt ist das alte Magnesia am Berge Sipylos. 
Von Smvma aus ist sie leic ht zu erreichen (66 km) 
mit der französischen Levantebahn, die sich hier 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



theilt in die Linie nach Afunkara hissar und die 
nach Somah. Letztere ist die gewöhnliche Route 
nach Pergamon, das ja immer mehr zum Wanderziel 
deutscher Orientreisender wird. Auch für den Nicht¬ 
fachmann bietet das schön am Bergesfuss gelegene 
Manissa mit seinen 60000 Einwohnern soviel, dass 
sich ein kurzer Besuch lohnen würde. 

Die Anstalt liegt im Bereich der Stadt. Nach 
einigen Verhandlungen öffnet der Pförtner. Durch 
einen Hof gelangen wir zum Bau der Männerab¬ 
theilung. Ein schweres Thor führt zur Vorhalle, die 
sich mit 3 säulengetragenen Bogen nach dem Haupt¬ 
krankenraum öffnet. Vorhalle und Krankeruaum selbst 


leinene Unterhosen. Manche laufen barfuss, andere 
tragen leichte Pantoffeln. Es ist eine bunt gemischte 
Gesellschaft, mancherlei Nationalitäten sind vertreten, 
auch ein Neger ist darunter. 

In der Mitte des Raumes steht ein achteckiges 
Wasserbassin, das von den Kranken nicht weiter be¬ 
achtet wird. Nach unseren Begriffen wäre dieser 
kleine Weiher wegen der Suicidgefahr ganz unzulässig. 
Als ich nach Behandlung und Wartung fragte, setzte 
man mir unter Verdolmetschung durch 2 junge, etwas 
französisch sprechende Türken auseinander, dass nur 
Vonnittags ein türkischer Arzt kurze Zeit die Anstalt 
besuche, des Tags über aber in der Regel nicht ein- 


Garten 


Abtritt Bade raun 


Krankenzimmer 


Männer- 


Wasser 


Abteilung. 

Gitter 


Ökonomie 

Gebäude 


Vorhalle 


Frauen 
Abteilung . 


Pförtner . 


sind innen, wie Abbildung 1 zeigt, durch ein riesiges, 
ziemlich enges Gitter, das bis in die obere Bogen¬ 
rundung hineinführt, streng getrennt. Das Ganze be¬ 
kommt dadurch gradezu einen menagerieartigen Ein¬ 
druck. 

Der quadratische Hof hinter dem Gitter ist der 
eigentliche Krankenraum. Das südliche Klima er¬ 
laubt ja einen fast ständigen Aufenthalt im Freien. 
Etwa 20 Kranke stehen herum, meist an die Mauern 
gelehnt, andere kauern auf Teppichen und Matten 
an der Peripherie des Raumes. Die Patienten tragen, 
wie Abbildung 2 zeigt, als Kleidung grosse, weisse, 
recht schwere Kameelhaarmäntel mit weit abstehenden 
Schultern und einer Kapuze, dazu ein weisses Käpp¬ 
chen aus demselben Stoff. Im Uebrigen haben sie 
nur noch weissleinene Hemden, einige auch weite 


mal das Pflegepersonal das Innere des Krankenraums, 
jenen Käfig betrete. Die Bitte um Öffnung des¬ 
selben wurde abgelehnt, ich müsste mir dazu erst 
von der Stadtverwaltung einen Erlaubnisschein holen. 

An der dem Gitter gegenüberliegenden Wand 
führt ein kleineres Thor zu mehreren engen Räum¬ 
lichkeiten, während an den Seitenwinden je 4 kleine 
Thüren in die Krankenschlaf räume gehen. In dieser 
Centrirung um einen leicht zu überblickenden Tag¬ 
raum ist eine gewisse Aehnlichkeit mit der Anord¬ 
nung der Wachabtheilungen nach Alt-Scherbitzer 
System zu erkennen. 

Der Rundgang um den Komplex der Männerab¬ 
theilung (vgl. die Planskizze, Figur 3) führt durch 
einen etw'as verwahrlosten Garten, in dem ein langer 
Schuppen die Oekonomiegebäude markirt und für 


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104 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 14. 


Wirthschaftszwecke, Wäscherei, auch Hühnerzucht 
dient. Durch die vergitterten Fenster des Männer¬ 
baues kann man in die einzelnen Krankenzellen, die 
sich nach dem Mittelhof hin durch Thüren öffnen, 
hineinsehen. 4 bis 6 Kranke haben in jedem Raum 
Platz. Die Einrichtung ist höchst primitiv, sie be¬ 
schränkt sich eben gewöhnlich auf einige Matratzen, 
ferner befindet sich in jedem Zimmer ein gitterum¬ 
schlossener Ofen und von der Decke hängt eine 
Petroleumlampe herab. Nur hier und da sieht man 
eine eiserne Bettstelle. Die Kranken kauern, soweit 
sie sich nicht im Hof befinden, auf den Matratzen 
oder an den Fenstern herum. Die Kammern der 
dem Haupteingang gegenüberliegenden Flucht gehen 
nicht direkt in den Mittelhof, sondern erst durch 
einen Gang zu jenem Bogenthor. In einem der 
Ziramerchen findet sich ein Pumpbrunnen, es dient 
als Baderaum; öfter werden hier die Kranken ge- 
doucht in der Weise, dass man sie anspritzt mit einem 
nassen Reiserbesen, der aus einem stark riechenden 
Strauch hergestellt ist. Ein primitiver Abtritt, ferner 
ein Kleiderraum sind noch besonders abgetrennt. 

Die Reinlichkeit ist im grossen Ganzen leidlich, 
wenigstens für den, der im Orient schon unter nor¬ 
malen Verhältnissen seine europäischen Anforderungen 
etwas herabzuschrauben gelernt hat. Die Zimmer- 
chen selbst, auch der Centralhof, sind nicht ver¬ 
unreinigt, ganz vereinzelt nur konstatirt man an einer 
Stelle einen üblen Geruch. Auch die paar Kleider 
der Kranken sind ziemlich gut im Stand, weder Fetzen 
noch Schmutzflecke sind mir aufgefallen. Ein Patient 
hatte sich Fingerringe aus Tuchstückchen gemacht, 
w'ie wir es bei unseren Manischen sehen. 

Auffallen muss die grosse Ruhe, die in der ganzen 
Abtheilung herrscht. Wohl kommen einige Kranke 
heran und erbitten sich Cigaretten; einer schimpfte ein 
wenig, die meisten aber verbringen in anergetischem 
Blödsinn ihre Tage. Augenscheinlich drückt sich in 
diesem Verhalten das bekannte Phlegma der Orien¬ 
talen aus. Ueber die Formen der Geistesstörungen 
war bei dem kurzen Besuch, der mangelhaften Füh¬ 
rung und der Unmöglichkeit sprachlicher Verständi¬ 
gung — nur wenige Patienten sprachen ein paar 
Brocken griechisch — kein Urtheil zu gewinnen. 
Mit Ausnahme eines Kranken, der sehr hinfällig und 
völlig aphasisch war, sah ich keinen moribunden noch 
einen schwer erregten Fall. Wenn ein heftiger Er¬ 
regungszustand und Gewaltthätigkeit ausbricht, so wird 
dagegen eingeschritten durch Fesselung und Beschwe¬ 
rung mit einer mächtigen Stelnkugel von etwa 1 ' 2 
Centner, die dem Erregten mit Ketten ans Bein ge¬ 


bunden wird. „C’est pour les tres fous“, sagten 
meine türkischen Begleiter. 

Der Eintritt in die nebenanliegende Frauenab¬ 
theilung wurde, was man in Anbetracht der orienta¬ 
lischen Sitte im Voraus erwarten musste, streng ver¬ 
weigert; auch mit Bakschisch liess sich nicht dagegen 
ankämpfen. Nur im Vorübergehen nahm man wahr, 
dass es dort etwas lebhafter zuging und auch kräftig 
geschrieen w r urde, vor allem rhythmisches Verbigeriren, 
wie bei unseren Katatonikern, war unverkennbar. 

Etwa 30 Insassen zählt die Frauenabtheilung, 
während ungefähr 40 Männer verpflegt w-erden. Bei 
dem geringen Comfort, der besonders hinsichtlich der 
Schlafgelegenheit besteht, würde der Raum auch ohne 
Umstände die Hälfte mehr Insassen fassen können. 
Bodenmatratzen, die traurigen Wahrzeichen einer 
überfüllten Klinik, gehören dort ja zum regulären 
Mobiliar. 

Es ist anzuerkennen, dass mit den einfachsten 
Mitteln hier für eine nicht auf unserer Kulturstufe 
stehende Bevölkerung Erträgliches geleistet wird. Vor 
allem ist eine gewisse Reinlichkeit nicht zu übersehen. 
Vor den Küchen- und Speisesaalfenstem einer italieni¬ 
schen Irrenklinik habe ich viel schlimmere Schmutz- 
und Kehrichtanhäufungen getroffen, als in jenem pri¬ 
mitiven kleinasiatischen Pflegehaus. Allerdings wird 
dessen Reinhaltung auch erleichtert durch den Mangel 
an Mobiliar und vor allem durch den langen Aufent¬ 
halt der Kranken im Freien. Unsere Begriffe des 
No-restraint oder gar des Opendoor-Systems haben 
selbstverständlich hier noch keinen Eingang gefunden. 
Die Ruhe mag, wie angedeutet, mit dem phlegma¬ 
tischen Temperament und der fatalistischen Lebens¬ 
anschauung der Orientalen Zusammenhängen. 

Beachtenswerth ist die geringe Zahl der Insassen 
für einen recht grossen Bezirk. Es fällt allerdings 
der Alkohol als Krankheitsursache w r eg, aber der 
Hauptgrund des geringen Andrangs in die Anstalt 
liegt doch in der Weiträumigkeit der orientalischen 
Verhältnisse und der geringen Bevülkerungsdichtigkeit, 
die den einzelnen Irren seiner Umgebung weniger 
störend und anstaltsbcdürftig werden lässt als bei uns, 
wozu ferner als überführungshindemd noch die Trans- 
portschw-ierigkeit hinzukommt. Vor allem die Minder¬ 
zahl geisteskranker Frauen in der Anstalt ist durch 
das Frauenleben unter dem Islam leicht erklärlich, 
der die Frauen schon in der Norm so gut wie internirt 
hält. 

Die geringe Zahl der Anstaltsplätzc im Verhältnis 
zur Bevölkerungsmenge muss auch in Griechenland 
ins Auge fallen, das mit seinen 2 A j 2 Millionen Ein¬ 
wohnern nur etwa den 6. Theil der Anstaltsplätze 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 165 


1902.] 


wie die Stadt Berlin besitzt. Doch sei an dieser Stelle 
anerkannt, dass die neue Anstalt bei Athen, auf der 
Strasse nach Eleusis kurz vor dem Daphnikloster, 
den Anforderungen der modernen Psychiatrie fleissig 
nachzukommen strebt. Selbst eine Gummizelle hatte 
sie sich im übereifrigen Verfolgen* einer allerdings 
bald wieder antiquirten Errungenschaft Westeuropa^ 
seiner Zeit bauen lassen. In dem nächstens eröflf- 
neten Syngrion, einem von dem Banquier Syngros 
gestifteten Pavillon, besitzt sie eine gradezu muster- 


giltige Station; an Reinlichkeit und Verpflegung, täg¬ 
lich z. B. Fleisch, leistet sie jedenfalls mehr, als ihre 
Patienten von Hause aus gewöhnt sind. Landwirt¬ 
schaftliche Beschäftigung wird angestrebt und von 
mechanischem Zwang ist nicht die Rede. Letztere 
Anschauungen sind den Türken noch völlig fremd, 
doch ist aus der vorliegenden Skizze zu entnehmen, 
dass sie von ihrem kulturellen Niveau aus auch in 
einer Provinzialstadt 2. Ranges ihren Geisteskranken 
entsprechende Unterkunft bieten. 


Aphasie und Agraphie nach epileptischen Anfällen. 

Von Dr . Stadelmann . 

Aus Dr. Stadelmann’s Klinik für Nervenkranke in Würzburg. 


|~^ie psychischen Störungen im Anschluss an einen 
epileptischen Anfall sind in ihrem Auftreten 
sehr verschieden je nach der Art der den Anfall be¬ 
dingenden Reizeinwirkungen und der individuellen 
Anlage des Kranken. — Theilweiser oder ganzer 
Ausfall einzelner psychischer Erscheinungen sowie 
völlige Bewusstlosigkeit sind postepileptische Symptome. 
So beobachteten Ormerod, Knapp u. a. nach epi¬ 
leptischen Anfällen völlige Taubheit bei negativem 
Ohrenbefund; Rüssel, Bennett, Fere, Binswanger er¬ 
wähnen die Anosmie und Ageusie; Jackson, Gail, 
Forbes-Winslow, Nasse, Hood, Bouillard, Ogle und 
insbesondere Pick haben postepileptische Aphasien 
beschrieben, die zum Th eil mit Worttaubheit einher¬ 
gingen. — 

Petrina beobachtete motorische Aphasie mit Wort¬ 
blindheit. — Als Ursache dieser Erscheinungen 
nimmt Bischoff als wahrscheinlich an, „dass es in epi¬ 
leptischen Anfällen sowohl zu diffusen, organischen 
und leicht reparabeln Läsionen als auch zu nur 
funktionellen Störungen in den Sprachcentren kommen 
kann“; dabei stützt sich Bischoff auf die Thatsache, dass 
man bei der Obduction Epileptischer häufig Herd- 
erkrankungeh des Gehirnes findet, obwohl im Leben 
kein Symptom davon da w r ar. Rasch vorübergehende 
postepileptische Aphasien bezeichnet Rüssel-Reynolds 
als Paralysen, die nur zufällig mit der Epilepsie zu¬ 
sammenfallen. 

Todd, Robertson, Hughlings-Jackson nehmen an, 
dass diese transitorischen Paralysen auf einer nervösen 
Erschöpfung beruhen, die eine Folge der übermässigen 
Anstrengung während des Anfalles, der Entladung 
der Rindenzellen ist. Als Stütze für diese Annahme 
der Ermattung der nervösen Centren und der dadurch be¬ 
dingten Sprachstörungen wird die Thatsache angegeben, 

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dass der Patellarreflex einen Augenblick nach der 
Attake verschwindet, wie von Fere, Westphal, Gowers, 
Beevor berichtet wird. 

Am eingehendsten hat Pick diese Frage behandelt, 
der in der postepileptischen Aphasie das Symptom 
einer Erschöpfung sieht, der eine Re-Evolution folgt 
in der Form eines „gesetzmässigen Abklingens der 
funktionellen Störung.“ 

Eines Falles von schweren nervösen Erschöpfungs¬ 
zuständen nach epileptischen Anfällen möchte ich 
hier Erwähnung thun, unter denen eine Aphasie mit 
Worttaubheit und Echolalie ein sehr bemerkenswerthes 
Symptom ausmacht. 

Ein 18 jähriger Mann litt seit Jahren an häufig 
sich wiederholenden epileptischen Anfällen. Zumeist 
äusserte sich der Anfall in der Weise, dass einer 
vorausgegangenen Aura — Druckempfindung in der 
Magengegend und aufsteigendes Gefühl — der Muskel¬ 
krampf folgte, der den Kranken in eine hockende 
Stellung zwang „caput versus genua trahens.“ Der 
Anfall dauerte 1—5 Minuten, wiederholte sich mitunter 
einige Male hintereinander und trat mehrere Male 
täglich auf. Nach den Anfällen bestand jedesmal 
Sopor, aus dem der Kranke sich nur langsam erholte; 
bei öfter sich wiederholenden Anfällen kam Patient 
fast nicht aus diesem Stadium heraus. Amnesien 
folgten jedes Mal auf einen Anfall, auch auf eine ein¬ 
fache (oben erwähnte) Aura ohne Anfall. Der Kranke 
macht einen stupiden Eindruck; blödes Lächeln; 
Zunge stark belegt; Verdauungsstörungen. 

Die angestellten Beobachtungen erstrecken sich auf 
10 Tage; ich gebe den Verlauf dieser 10 Tage nach 
den hier interessirenden Einzelheiten aus der Kranken¬ 
geschichte wieder. 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 14 


Am 13. XI. hätte Patient um 1 / 1 3 Uhr nachmittags, 
, / 4 8 und 9 Uhr je einen Anfall, nach denen soporöser 
Schlaf sich einstellte. 

Der folgende Tag brachte 2 Anfälle um 8 / 4 10 
und V * 12 Uhr. Schmerzen in den Zehen und den 
Handgelenken. Druckempfindung auf der Stirne; 
abends Dämmerzustand. Nach den Anfällen halluci- 
nierte der Kranke, er hörte seine Mutter vor dem 
Fenster sprechen. 

15. Patient' schläft sehr unruhig und wälzt sich, 
den Körper krampfhaft zusammenziehend, im Bett, ist 
bewusstlos. Am Morgen kommt Patient aus seinem 
Sopor; er hält den nachts bei ihm wachenden Wärter 
für seinen Bruder. Auf die Frage, was ist das? indem 
ich auf das vor ihm liegende Taschentuch deute, 
schweigt der Patient und schaut mich blöd an, 

„Ist es eine Kravatte?“ 

„Kravatte“ sagt er nach einigen Secunden eintönig 
nach; — Verlangsamung der Wortklangperception und 
Echolalie. 

„Ist es ein Taschentuch“ ? 

„Taschentuch“ spricht er* nach; 

„Ist es ein Strumpf“? 

„Strumpf“ sagt Patient nach. 

„Was ist es?“ 

Nach mehreren Sekunden: „Taschentuch.“ 

Das Wort „Taschentuch“ konnte Patient jetzt 
finden , nachdem kurz vorher das Klangbild dipses 
Wortes von ihm gehört wurde. Eine Tasse Cacao 
bezeichnet Patient auf Befragen als Butter. Nachdem 
der Kranke den Cacao getrunken hatte, giebt er, be¬ 
fragt, was er getrunken habe, wieder an: „Butter.“ 
„In welcher Stadt bist du?“ 

„In Würzburg.“ 

„In welchem Haus?“ 

Patient schaut auf die Decke des Zimmers und 
im Zimmer herum und schweigt. 

„Wem gehört dieses Haus, in dem du bist?“ 
„Dem Herrn“ sagt er und deutet äuf mich. 

„Wer bin ich?“ 

Keine Antwort. 

Auf Vorsagen sagt er „Doctor“ nach. 

„Bin ich der Herr Pfarrer?“ 

„Pfarrer.“ 

„Bin ich der Herr Doctor?“ 

„Doctor.“ 

Während einer Pause spricht der Kranke viel für 
sich, er erzählt von seiner Familie. 

Man zeigt dem Patienten Milch in einer Tasse 
und fragt ihn: „Was ist das?“ 

Patient schweigt. 

„Das musst du trinken.“ 

„Musst du trinken,“ spricht er nach. 

„Ist es Kaffee?“ 

„Nein.“ 

Er versucht davon. 

„Das ist Bier.“ 

„Das ist Bier“ spricht der Kranke nach. 

Ich halte einen Bleistift vor und frage: 

„Was ist das ?“ 

„Da schreibt man mit.“ 

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Das Wort „Bleistift“ findet er nicht. Bei anderen 
Gegenständen verhält sich Patient ebenso. 

Ich halte Bleistift und Federhalter vor. Auf den 
Bleistift deutend: 

„Ist das ein Bleistift ?“ 

„Bleistift“ 

Auf die Feder deutend: 

„Ist das eine Feder?“ 

Keine Antwort. 

Wenn ich Bleistift und Federhalter Vorhalte, kann 
Patient auf Aufforderung hin dieselben nicht richtig 
auseinanderhalten; er ist ärgerlich darüber, dass er 
„das Zeug nicht weiss“; er deutet auf andere Gegen¬ 
stände und sagt: „das weiss ich auch nicht.“ 

Nachmittags */ 4 3 Uhr der erste Anfall dieses 
Tages, der leichter war als die gestrigen. Nach dem 
Anfalle ist Patient etwas erregt, deutet auf die Thüre 
und die verschiedensten Gegenstände im Zimmer, 
fragt seine Umgebung, was das sei, er habe es früher 
gewusst, jetzt wisse er es nicht mehr. Wird ihm die 
richtige Antwort zu theil, so vergisst er dieselbe 
gleich wieder und fragt von neuem. Auf sein Bett 
deutend, erkundigt er sich, wie das heisse; man sagt 
ihm: „worin man schläft.“ 

„Jetzt weiss ich es, im Bett.“ 

Patient sieht eine Taschenuhr und fragt: 

„Ist das ein Licht ?“ 

Den Ofen beschaut er und fragt: 

„Ist das ein Acker?“ 

„Ich bin so unten her“ sagt der Kranke tagsüber 
oft; er ist nicht orientirt über die wirkliche Lage 
seines Körpers, er hat eine falsche Vorstellung seiner 
Körperlage im Raume. Auch fehlt ihm die Orientiert- 
heit in der Zeit; als er hörte, dass es Abend sei, 
sagte er: „Ach Gott, es war doch erst Morgen.“ 
Heute nachmittags wiederhole ich eine Frage, 
welche ich schon vormittags gestellt hatte: 

„Wer bin ich?“ 

„Der liebe Gott.“ 

Als man ihm sagte, der Herr Doctor ist es, wieder¬ 
holte er: 

„Der Herr Doctor.“ 

Abends leichter Anfall. 

16. Nachts im Halbschlafe krampfhaftes Herum¬ 
wälzen im Bett Beim Erwachen morgens constatirt 
Patient, dass es regnet Morgens leichter Anfall. 
Patient erinnert sich nicht daran, dass er gestern 
abends im Bad war. Eine Stunde nach dem Anfalle 
besuche ich den Kranken, der mich heute nicht er¬ 
kennt, obwohl er sich vorher mehrere Male erkundigt 
hatte, ob ich nicht bald zu ihm komme. Ich exa- 
minire ihn wieder: 

„In welchem Monate leben wir?“ 

„Donnerstag.“ 

Der Kranke spricht das ganze Vaterunser ex memoria 
vor; ebenso die Zahlenreihe von 1—30. Kleine 
Rechenexempel löst er gut. 

Es wird ihm ein Schirm gezeigt 
„Was ist das?“ 

„Das macht man auf, wenn der Wind geht.“ 

„Ist es ein Stiefel?“ 

„Stiefel; Licht.“ 

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1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE; WOCHENSCHRIFT. 167 


„Ist es ein Regenschirm?“ 

„Ja, ja, ein Regenschirm, den macht man auf, 
wenn es regnet.“ 

„Ist es ein Stuhl?“ 

„Schirm, Schirm!“ 

Ein Stück weisses Papier bezeichnet er als Wasser ; 
Schirm verwechselt er wieder mit Licht, vielleicht spielt 
hier bei der Paraphasie der gleiche Vokal eine Rolle, 
der ihm für Papier Wasser sagen lässt und für Schirm 
Licht. Man hält ihm Blumen vor und fragt ihn: 

„Was ist das ?“ 

„Schöne . . . Strumpf.“ 

Man fragt ihn: 

„Sind es Trauben? Fische? Aepfel ? Blumen?“ 

Sofort fällt er ein: 

„Blumen, schone Blumen.“ 

Nach l j i Stunde hält man dem Kranken noch¬ 
mals die gleichen Blumen vor mit der Frage: 

„Was ist das?“ 

„Das ist ein Strumpf.“ 

Das spontane Singen und Pfeifen ist sehr gut. 
Der Kranke singt viele Volkslieder nach Melodie und 
Inhalt richtig. 

17. Nachts ruhiger Schlaf. Morgens 7 Uhr Anfall; 
y 4 12 mittags Anfall. Tagsüber viel Müdigkeit. 
Wörter, die Patient in den vergangenen Tagen öfter 
gehört hat, sind ihm heute geläufig zur richtigen 
Bezeichnung von Gegenständen. 

Wenn ich einen Gegenstand, z. B. einen Knopf, 
zeige und frage, was ist das ? Ist noch so etwas im 
Zimmer ?, so kann der Kranke das Wort Knopf nicht 
aussprechen, deutet jedoch genau und rasch nach 
anderen vorhandenen Knöpfen. Ich zeige einen Löffel 
und frage: 

„Was ist das ?“ er bezeichnet es als Brot; die 
Function des Löffels kennt er; unter vorgeschriebenen 
Wörtern findet er richtig das Wort „Löffel* 1 heraus, 
spricht aber „Böffel“ aus, so dass er zweifelt, ob das 
von ihm richtig als „Löffel bezeichnete“ Wort wirklich 
das richtige ist; schliesslich erkennt er es deutlich als 
richtig. 

Wird ein Gegenstand vorgehalten, so kann er das 
denselben bezeichnende Wort unter mehreren vorge- 
schricbenen Wörtern angeben. 

18. Unruhige Nacht. 11 Uhr vormittags Anfall 
von 1 Minute Dauer. 

19. 8 / 4 5 Uhr morgens Anfall, der schwer war und 
10 Minuten anhielt; darnach Sopor. */, 12 Anfall von 
einer Minute Dauer. Einzelne Buchstaben giebt 
Patient richtig an; wird er aufgefordert, unter mehreren 
Buchstaben einen bestimmten zu bezeichnen, so braucht 
er sehr lange Zeit dazu, erkennt aber die ihm ange¬ 
gebenen Buchstaben richtig. 

Aufgefordert das Wort „Messer“ zu schreiben, 
macht er den Buchstaben M nur zu 2 Dritttheilen; 
soll er gleich darauf das Wort „Löffel“ schreiben, so 
beginnt er wieder mit dem ersten Zug des M und 
fährt dann weiter „lebel“ zu schreiben, dann „Bebel“. 
Ejt liest auch das von ihm geschriebene Wort Bebel, 
das Löffel heissen sollte, als Bebel und buchstabiert 
auch Bebel. Schreibe ich ihm: „Löffel“ vor, so er- 

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kennt er es als „Löffel“. Abschreiben, von Gedrucktem 
sowie Geschriebenem bringt Patient sehr gut zustande. 

20. 8 Uhr 1 Anfall von 1 l / t Minuten Dauer. 
Vormittags: Ich zeige einen Schlüssel. 

„Was ist das?“ 

Patient schaut sofort auf das Thürschloss und 
dann wieder auf den Schlüssel abwechselnd. 

„Aufschliessen, Schlosser“ sagt er; nach längerem 
Betrachten und Befühlen sagt er: 

„Schlüssel“. . j 

Eine ihm vorgehaltene und von ihm befühlte 
Scheere bezeichnet er als „Schlüssel, Aufschliesser“. - 
2 Uhr Nachmittags Anfall von 1 Minute Dauer, 
Abends 1,25 gr. Bromsalz. 

2 ij. Morgens 8 Uhr 1 Anfall von 1 Minute Dauer. 
3 gr. Bromsalz. Prüfung mit Farbentäfelchen, die 
nach einander vorgelegt werden: 

Roth wird bezeichnet als roth, 

dunkelgrün — gelb (nach längerem, wiederholten 
Fragen) — grün, 

blau — schwarz, 

gelb — (nach langer Zeit) weiss, 

hellgrün — (da keine Antwort erfolgt, wird vorge¬ 

sprochen: blau) — blau; 

auf vorsagen „grün“, antwortet er „grün“; auf die 
Frage: „ist es wirklich grün ?“ entgegnet er; „nein, es 
ist roth“, schüttelt aber dabei mit dem Kopfe. 

Es werden alle 5 Farbentäfeichen vorgelegt. Er 
giebt auf Verlangen roth. sofort, ebenso blau und 
hellgrün, beim Verlangen gelb greift er sofort nach 
dunkelgrün, was er auch bei dem vorigen Farben ver¬ 
such als gelb bezeichnet hatte; gelb bleibt übrig, er 
weiss nicht zu sagen, was es ist. 

Ich lege Bildchen vor: 

Apfel — er sagt Apfel, 

Kamm — „ich weiss das Zeug alles nimmer“: er 
deutet es jedoch an, indem er mit gespreizten 
Fingern durch die Haare streicht. 

Uhr — (nach 1 Minute) Uhr, aber keine richtige. 
Vogel (Rothkehlchen) — er deutet in den Garten nach 
den Bäumen; ich sage „Fuchs“; „nein“ erwidert 
er; ich frage wieder, was es sei, er antwortet 
„Fuchs“. 

Goldfisch — ich sage ihm vor „Katze“; „nein es ist 
im Wasser, aber ich weiss nicht, wie es heisst“ | 
ich: „es ist ein Fisch“. „Fisch, Fisch“; er bleibt 
dabei, es ist ein Fisch. 

Hahn — „das ist aber kein richtiger; der kann nicht 
schreien, der ist nur darauf gemacht“; ich: „es 
ist ein Storch“, er: „Storch“; ich: „es ist ein Hahn, 
ein Göcker“; er: „ein Göckerhahn“; er entscheidet 
sich schliesslich für den „Göcker“. 

3 Tannenbäume — er schaut gleich zum Garten hin¬ 
aus. und deutet mit dem Finger: „da draussen 
stehen sie“; ich: „ein Apfelbaum“; er: „ein Baum, 
kein Apfelbaum, ein anderer Baum, es sind 3 
Apfel, es sind 3 Bäume.“ 

Nachmittags 1 Anfall von */, Minute Dauer. Abends 
3 gr. Bromsalz. 

22. Ziemlich ruhige Nacht; unverständliches 
Sprechen im Schlafe. 

Farbenprüfung: 

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i68 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 14. 


Blau — er besinnt sich lange: „weiss, bald schwarz“; 
die Bettdecke erkennt er als weiss. 

Roth — roth, er ist jedoch seiner Sache nicht sicher. 
Gelb — er schweigt. 

Dunkelgrün — „das ist doch nicht gelb“; ich: „grün“, 
er nickt und sagt: „so habe ich sagen wollen“; nach 
1 Minute wieder gefragt: „welche Farbe ist es?“ sagt 
er : „gelb“. 

„Gieb mir die blaue Farbe“ — er giebt dunkelgrün, 

die rothe — roth, 

hellgrün — hellgrün, 

gelbe — dunkelgrün; später die gelbe, 

blaue — blau; zieht jedoch das Farbcntäfelchen 

wieder zurück und giebt hellgrün. 

Ich halte das Bildchen vor, das einen Fisch dar¬ 
stellt: „die sind im Wasser.“ 

Hahn — „solche haben die Leut“; ich: „Es ist ein 
Storch“; er: „Storch“; ich: „ein Göcker“; er bleibt 
bei dem Worte „Göcker“. 

Werden Bildchen als Duplikate vorgelegt, so legt 
er rasch und richtig die gleichen zu einander. 

Nach einer Aura ohne Anfall Vergessen der Be¬ 
zeichnung der einzelnen Bildchen, die er vorher be¬ 
nannte „jetzt kenne ich das Zeug wieder nicht mehr.“ 
Der Kranke liest langsam, jedoch korrekt einige 
Worte aus einem Buche vor; er buchstabiert dieselben 
korrekt und schreibt sie richtig, jedoch sehr langsam. 
Nachmittags 2 Uhr 1 Anfall */ 2 Minute lang. 

23. 3 / 4 11 Uhr vormittags 1 Anfall 1 Minute lang; 
Schaum auf den Lippen. 

Vor dem Anfalle zeige ich eine Uhr und frage: 
„was ist das?“ Er weiss anfänglich nichts zu sagen; 
nach einiger Zeit: „wie viel Uhr?“ in der stereotypen 
gcwohnheitsmässigen Redensart findet er das Wort 
„Uhr“. Einige Zeit nach dem Anfalle frage ich den 
Kranken: „Was ist das, das heult und pfeift und den 
Hut vom Kopfe rcisst?“ Patient schweigt. Ich blase; 
er sagt: „Wasser“. Ich sage ihm „es ist der Wind“. 
„Ja, wenn cs heult und recht kalt ist und da geht 
ein rechter Wind“, dabei imitiert er blasend den 
Wind. 

Ich: „wenn man recht brav und fromm ist, kommt 
man in die Hölle!“ Er: „nein, nein, nicht in die 
Hölle“, er ist jedoch nicht im Stande, das Wort 
„Himmel“ zu finden. „Nein“, fährt er fort, da kommt 
man doch hinauf zum lieben Gott.“ 

Ich: „Wie heisst das?“ 

Er: „Man kommt in die Sonne.“ 

Ich: „Wenn man recht böse ist, kommt man in 
den Himmel.“ 

Er: „Da kommt man in die Hölle.“ 

Nun wiederhole ich den Satz: „Wenn man recht 
brav und fromm ist, kommt man in die Hölle.“ Patient 
kann auch jetzt, obwohl er das Wort Himmel kurz 
vorher von mir gehört hat, dasselbe nicht aussprechen ; 
er sagt: „man kommt zum lieben Gott; früher habe 
ich es gewusst, wie cs heisst.“ — 

Dieser epileptische Kranke hatte Sinnestäuschungen 
(Gehürshallucinationen, Gesichtsillusionen), war nicht 
orientiert in Raum und Zeit und hatte Vergessenheit 

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nach seinen ziemlich häufig wiederkehrenden An¬ 
fällen; kaum hatte sich der Kranke von einem Er¬ 
schöpfungszustände, der die Folge der Anfälle war, 
erholt, bekam er wieder einen neuen Anfall, der wieder 
neue Erschöpfungen brachte; so wurde Patient schwer 
besinnlich für Dinge sowohl, die in seiner Erinnerung 
weiter zurück lagen als auch für solche, mit welchen 
sich sein augenblickliches Gedächtniss zu beschäftigen 
hatte. 

Die verschiedenen postepileptischen psychischen 
Störungen wechselten je nach dem Befinden. 

Bei seiner Aphasie hatte Patient gleich nach seinem 
Anfalle anfänglich Sopor mit völligem Mutismus; hier¬ 
auf Echolalie bei verlangsamter Wortklangpcrception 
ohne Wortverständniss; zuletzt Wortverständniss (Pa¬ 
tient idendifiziert bei einem vorgesprochenen Worte 
dasselbe mit dem räumlichen Gegenstände), w r enn auch 
der Kranke das einen Gegenstand bezeichnende Wort 
noch nicht spontan finden kann und paraphasisch 
spricht; die Wörter, welche Gegenstände bezeichnen, 
kann Patient spontan aussprechen, jedoch die Gegen¬ 
stände selbst nicht in Beziehung bringen zu dem Be¬ 
griff, der diesen Gegenständen entspricht, und kann 
sie nicht sprachlich mit dem sie deckenden Worte 
benennen. 

Die Assoziationen der durch den augenblicklichen 
(optischen) Empfindungsreiz erzeugten Vorstellung 
zum begrifflichen Erinnerungsbild dieses (optischen) 
Eindruckes sind funktionell geschwächt. So fehlt die 
richtige Anwcndungsw-cisc der Wörter für Sinne.sein- 
driieke; erst unterstützt durch das Schriftbild oder 
das Klangbild (eine Gcschmackserinnerung genügte 
nicht) oder auch durch das Nennen der einem Ge¬ 
genstand zukommenden Funktion kann Patient mit 
Wortverständniss die Gegenstände richtig bezeichnen. 
Der Kranke ist sich in diesem letzten Stadium be¬ 
wusst, dass er falsche Worte ausspricht, er wird sogar 
ärgerlich darüber und beklagt sich, weil er es doch 
früher gewusst habe; allerdings lässt sich der Kranke 
leicht wieder irre machen; seine Erinnerungsbilder 
haben noch nicht die Kraft, unrichtigen Einwänden 
in richtiger Weise gegenüberzutreten. 

Die Re-Evolution (die Wiederherstellung der psy¬ 
chischen Funktion) nach dem epileptischen Sopor ging 
in regelmässiger sich lösender Weise vor sich, ähnlich 
wie in dem Falle, den Pick im Archiv für Psychiatrie 
und Nervenkrankheiten ausführlich beschrieben hat. 

Die Aphasie erstrec kt sich auf Bezeichnung von 
Gegenständen, die Patient ihrer Funktion nach wohl 
kennt; diese Funktion kann er sprachlich bezeichnen, 
wie ihm auch einfache Redensarten geläufig sind, so- 

Original from 

HARVARD UNiVERSITY 



1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 169 


wie das Hersagen von früher auswendig gelernten 
Liedern, die er auch melodisch singt und pfeift 

Die Benennung der vorgelegten Farbentäfelchen 
fällt fast bei jeder Prüfung negativ aus. Ob der Kranke 
vor Beginn seiner Krankheit die Fähigkeit besass, 
hierin richtig zu erkennen und benennen, ist mir nicht 
bekannt. 

Das weiter hierüber angestellte Examen deutet je¬ 
doch darauf hin, dass die durch die Gehirnerschöpf¬ 
ung hervorgebrachte Aphasie (mit Worttaubheit und 
Echolalie) Ursache ist an der unrichtigen sprachlichen 
Bezeichnung der vorgelegten Farben. 

Ganz ähnlich wie mit der Aphasie, verhält es sich 
bei diesem Kranken mit der Agraphie. 

Der Kranke soll ein vorgesprochenes Wort schreiben, 
er schreibt, wie er auch spricht, langsam und schwer¬ 
fällig; er beginnt mit dem ersten Buchstaben des 
Wortes richtig, macht ihn aber nur zu */ 8 fertig, er 
zweifelt, ob er richtig geschrieben hat. Soll er gleich 
nach diesem ersten Worte ein zweites schreiben, dann 
fängt er wieder mit dem Zug an, mit dem er das 
erste Wort angefangen hatte; hierauf Paragraphie, die 
Patient als solche erkennt, wie das Lesen und Buch¬ 
stabieren seines geschriebenen Wortes bekundet sowie 
die Beobachtung, dass er das vorgesprochene Wort, 
wie es geschrieben sein soll, unter verschiedenen vor¬ 
geschriebenen Wörtern richtig herausfindet; der Kranke 
sieht seinen paragraphischen Irrthum mit dem Aus¬ 
druck des Unwillens über diese Thatsache ein. 

Das Abschreiben gelingt dem Kranken so gut, wie 
auch das Nachsprechen von Wörtern und Sätzen. 

Diese partielle Aphasie und Agraphie, die der Pa¬ 
tient infolge seiner epileptischen Anfälle daibot, be¬ 
ruhte aller Wahrscheinlichkeit nach auf Erschöpfungen 
der Rindenzellen. 

Die Re-Evolution der psychischen Symptome spricht 
dafür, wenn dieselbe auch öfter nicht vollständig sein 
konnte wegen der Häufigkeit der Anfälle, die immer 
wieder neue psychische Erschöpfungszustände brachten 
und mit denselben die Amnesien. — 

Im nachfolgenden Falle könnte man an organische 
Läsionen im Gehirn nach den epileptischen Anfällen 
denken, da die Schreibstörung noch 1 Jahr lang, 
nachdem gar keine epileptischen Anfälle mehr vor¬ 
handen waren, andauerte. 

Die funktionellen Störungen der Gehirnzellen je¬ 
doch können bekanntermaassen sehr lange Zeit bestehen, 
indem aus der pathologischen Funktion eine Gewohn¬ 
heit wird, und es wäre aus diesem Grunde keine An¬ 
nahme für eine organische Gehimläsion. 

Ein iojähriges Mädchen stammte von einem Vater, 
der mehrere Schlaganfälle hatte und nach denselben 

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Sprachstörungen und Lähmungserscheinungen in den 
Extremitäten, und von einer Mutter, die in der Ehe 
mit dem Vater dieses Mädchens mehrere Male abor¬ 
tiert hatte und von den 5 am Leben gebliebenen 
Kindern ein völlig idiotisches zur Welt brachte, das 
im 7. Lebensjahre starb, und ein hochgradig nervöses 
Kind. Das Mädchen selbst hatte zur ersten Zahn¬ 
zeit schwere Zahnkrämpfe durchzumachen; im 4. Le¬ 
bensjahre traten vereinzelt epileptische Krämpfe auf, 
bis im 8. Lebensjahre die Krämpfe an Häufigkeit 
und Intensität immer mehr Zunahmen. Schwere Er¬ 
schöpfungszustände folgten den Anfällen; die Kranke 
konnte nicht mehr gehen, sie hatte eine schlaffe 
Lähmung der Extremitäten und war auch sprach¬ 
motorisch gelähmt. Sie verstand stets, wenn man 
zu ihr sprach, aber sie konnte nicht antworten; 
die Kniereflexe waren stark herabgesetzt. Dieser Zu¬ 
stand dauerte Monate lang. Die Anfälle sistierten. 
Dann erst erholte sich die Kranke von selbst wieder, 
begann, wenn auch schwerfällig und unbeholfen, Geh¬ 
versuche zu machen und zu sprechen. Nachdem 
ein Jahr lang sich kein Anfall mehr eingestellt hatte, 
die Kranke wieder gehen und sprechen gelernt hatte, 
und die Zeit herannahte, dass sie wieder zur Schule 
geschickt werden sollte, wurde sie von mir einer 
Prüfung hinsichtlich ihrer Schreibfähigkeit unterzogen. 

Es ergab sich folgendes Resultat: 

Vorgesprochene Wörter kann Patientin schreiben, 
wenn sie dieselben früher schon häufig geschrieben 
hatte und ihr dieselben deshalb geläufig in der Er¬ 
innerung sind. Wörter, die sie früher noch nicht 
oder nicht oft geschrieben hatte, schreibt sie nur, 
w'enn sie das Schriftbild oder das gedruckte Wort¬ 
bild gesehen hat. 

Beim Vorzeigen von Gegenständen, um das die¬ 
selben bezeichnende Wort zu schreiben (ohne Unter¬ 
stützung des Klangbildes) verhält sich Patientin agra- 
phisch, wenn es nicht wieder ein Wort ist, das ihr 
von früher her sehr geläufig w*ar. 

Angefangene Wörter ergänzen lassen mit Unter¬ 
stützung des vollständigen Klangbildes: 


Weing . 

. . wird zu Weinglas ergänzt, 

Zan . . 

. . zu Zange, 

St . . . 

. . agraphisches Verhalten, 

Sta . . 

. . agraphisches Verhalten, 

Stach 

, . zu Stachelbeere; 


ohne Unterstützung des Wortklanggebildes: 

Patientin ergänzt in gleicher Weise wie vorher: 
es wurden in beiden Fällen Wörter gewühlt, denen 
gegenüber sie sich vorher agraphiseh verhielt. 

Das Abschreiben von Wörtern, die mit deutschen 

Original fram 

HARVARD UNIVERSITY 







170 


Buchstaben geschrieben oder gedruckt sind, gelingt 
sehr gut. 

Bei lateinischen Buchstaben etwas langsam, da¬ 
bei zeichnet sie mehr ab und kommt so zu einer 
scheinbaren Paragraphie. Der jugendlichen Patientin 
sind lateinische Buchstaben nicht geläufig genug; es 
hat das mit der partiellen Agraphie nichts zu thun. 

Beim Diktatschreiben lässt sie die Wörter, die ihr 
nicht geläufig sind, aus; sie kann sie nicht schreiben. 
Man dictiert: „die Gewichte machen, dass das Räder¬ 
werk geht.“ Sie schreibt: „Die machen, dass das 
geht.“ 

Einzelne vorgesprochene Buchstaben schreibt sie 
völlig richtig. 

Früher auswendig Gelerntes schreibt sie gut. 

Buchstaben, die in ihrer Zusammenstellung keinen 
Sinn haben, werden richtig abgeschrieben. 

Auch das Zahlenschreiben ist gut, soweit Patientin 
es von früher her gelernt hat und es ihr zu jener Zeit 


[Nr. 14. 


geläufig war. Das Nachzeichnen ist richtig und geht 
rasch. 

Sprachstörungen sind in keiner Weise vorhanden; 
nur spricht Patientin etwas langsam. 

In diesem Falle erhielt sich eine amnestische par¬ 
tielle Agraphie noch ein Jahr nacli den epileptischen 
Anfällen; die Kranke konnte Wörter, die ihr dem 
Schriftbilde nach noch fest in der Erinnerung waren, 
nicht schreiben; sie schrieb nur Wörter, (abgesehen 
vom Copieren) die ihr von früher her sehr geläufig 
waren, vergleiclisweise wie bei der partiellen amne¬ 
stischen Aphasie, wo Redewendungen oder Wörter, 
welche durch oftes Einüben eine feststehende Er¬ 
innerung ausmachen, der functioneilen Aphasie nicht 
zum Opfer fallen. 

Als Patientin */, Jahr nach dieser Prüfung wieder 
von mir hinsichtlich der partiellen Agraphie geprüft 
wurde, zeigte sich gar nichts Abnormes mehr. 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


M i t t h e i 

— Die Epileptiker und Idioten in dem zu¬ 
künftigen *) Reichs-„Irren“-Gesetz. Unter diesem 
Titel veröffentlicht das „Berliner Tageblatt“ vom 14. 
Juni Folgendes: 

Der Name des im vorstehenden Titel bezeich¬ 
nten Gesetzes ist zweifelsohne geeignet, die öffent¬ 
liche Meinung über Umfang und Ziele desselben irre¬ 
zuführen, wie sich aus nachfolgenden Erwägungen er- 
giebt. Das Strafgesetz wie das Bürgerliche Gesetz¬ 
buch haben, die durc h unsichere Nomenklaturverhält¬ 
nisse gebotenen Schwierigkeiten umgehend, es ver¬ 
mieden, für die Definition der Aufhebung der freien 
Willensbestimmung und der Geschäftsfähigkeit durch 
pathologische Geisteszustände die letzteren etwa aus 
Rücksicht auf medicinische Detailfragen noch einer 
besonderen Gruppirung zu unterziehen. Sie begnügen 
sich mit den durch die allgemeine Psychopathologie 
gegebenen Definitionen. So spricht das Strafgesetz 
von „Bewusstlosigkeit“, „krankhafte Störung der Gei- 
stesthätigkeit“, das Civilgesetz von „Geisteskrankheit“, 
„Geistesschwäche“, welche beiden letzteren Begriffe be¬ 
kanntlich — im Interesse des zu Entmündigenden 
— nur graduelle Unterschiede bedeuten; auch ein 
Epileptiker, ein Idiot kann danach im Sinne des 
Bürgerlichen Gesetzbuches entweder geisteskrank oder 
geistesschwach sein, ohne Rücksicht darauf, ob das 
Leiden angeboren oder in der früheren oder späteren 
Jugend erworben ist. 

Wie allgemein anerkannt und durch die Erfahrung 
bekräftigt, ist auf diese Weise eine sehr zweckmässige 
Vereinigung des Standpunktes des Rechts mit dem 
der Psychiatrie herbeigeführt worden. Wie ist es 
nun bei dem Reichsirrengesetz? Sollte in dem Aus- 

*) deutschen. 

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1 u n g e n. 

druck „Irren“gesetz schon eine Anspielung auf den 
Umfang des Gesetzes liegen, das letztere sich nur auf 
die Regelung der Verhältnisse der „Irren“ erstrecken, 
so wäre an der gegenwärtigen Lage der Dinge nicht 
viel geändert, und man könnte sich die ganze legis¬ 
latorische Arbeit ersparen. Für die „Irren“, worunter 
man gewöhnlich die total Verrückten versteht, bedarf 
es nicht so sehr des ganzen Apparates der Gesetz¬ 
gebung wie vielmehr für die überaus zahlreichen 
„Grenzfälle“, die auf der Scheidelinie zwischen gei¬ 
stiger Gesundheit und Krankheit sich bewegen, aus 
deren Reihen sich die „widerrechtlich ins Irrenhaus 
Gesperrten“ rekrutiren. Sehr häufig finden sich nun 
diese Grenzzustände bei den Epileptikern, die ja nur 
zu einem verschwindend geringen Prozentsatz wirk¬ 
lich geistig intakt sind, und den Idioten. Die leichten, 
aber tief wurzelnden seelischen Störungen bei scheinbar 
gesunden Krampfleidenden, die verschiedenen Formen 
des angeborenen oder früh erworbenen Schwachsinns 
(Idiotie) in seinen geringeren Graden bedürfen zu 
ihrer richtigen Beurtheilung einer sorgfältigen Durch¬ 
forschung seitens des Facharztes und bereiten diesem 
oft mehr Schwierigkeit als ausgebildete Fälle einer 
fortschreitenden Gehimlähmung oder Melancholie oder 
Verrücktheit. Sie bereiten aber diese Schwierigkeit 
nicht nur im Civil- und Strafprocessverfahren, in wel¬ 
chem die Zuziehung eines sachverständigen Arztes 
bereits vorgeschrieben ist, sondern ebenso bei der im 
zukünftigen Reichsirrengesetz in Betracht kommenden 
äusserst wichtigen Frage, ob Internirung in der Anstalt, 
das heisst Freiheitsentziehung nothwendig ist oder 
nicht. 

Aus diesem Grunde muss es befremden, dass in 
Preussen der Ministerialerlass vom 25. Januar 1902 

Original fram 

HARVARD UNIVERSITY 




i qo2.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


die ärztliche Thätigkeit in Idioten- und Epileptiker¬ 
anstalten vornehmlich auf „medicinische, hygienische 
und diätetische“, dass heisst also auf die eigentlich 
körperlichen, nicht auch auf die geistigen Angelegen¬ 
heiten, nicht auch auf die Frage der Entlassungs- 
fcihigkeit des Kranken sich erstrecken hisst. Es wäre 
überhaupt dringend zu wünschen, dass das Reichs¬ 
irrengesetz sich nicht auf den Standpunkt jenes und 
des zeitlich voraufgehenden Ministerialerlasses stellt, 
der für Anstalten mit Kranken unter achtzehn Jahren 
andere, gewissermaassen mildere Vorschriften glaubte 
ertheilen zu müssen als für Anstalten, welche er¬ 
wachsene Kranke beherbergen, — entgegen dem all¬ 
gemein herrschenden Empfinden, dass für minder¬ 
jährige Kranke ein weit umfangreicherer Rechtsschutz 
geschaffen werden müsste als für Jene. Aber auch 
der ärztlichen Fürsorge und Behandlung bedürfen 
die Epileptiker und Idioten, wenn ihre Anstaltsver¬ 
pflegung eine rationellere und erfolgreichere sein soll 
als bisher.*) Das aber ist nur erreichbar, wenn der 
Arzt vollständig die Alleinleitung der Anstalt besitzt, 
nicht aber wenn ihm die Verfügung über sein haupt¬ 
sächlichstes Organ, das Pflegepersonal, nur halb oder 
zu einem Viertel zusteht, wie dies in den theologisch 
geleiteten Privatanstalten der Fall ist. 

Uin nur eins anzuführen, wie weit wir hier noch 
zurückstehen, sei darauf hingewiesen, dass die Prügel¬ 
strafe aus den Epileptiker- und Idiotenanstalten bis¬ 
her durch keine Verfügung offiziell ausgemerzt ist. — 
Die Schwachbefähigten gehören in die jetzt in allen 
grösseren Orten**) errichteten Hilfsschulen, das heisst 
in das Regime des Pädagogen, die Schwachsinnigen, 
auch die jugendlichen, soweit sic der Aastaltspflege 
und -Erziehung bedürfenin die Anstalt, das heisst 
in das Regime des Arztes, der auch den Unterricht 
zu regeln und zu überwachen hat. Nur wer die 
körperlichen Grundlagen des Schwachsinns kennt, 
w’eiss auch die Anforderungen des Unterrichts richtig 
abzumessen, das heisst ohne Schaden für den Kran¬ 
ken. Die pädagogischen Kräfte einer solchen An¬ 
stalt sind daher nicht minder als die eigentlichen 
Pflegekräfte dem Arzte unterzuordnen. 

Die theologisch geleiteten Anstalten haben hier 
unbegreiflicherweise ein durch nichts begründetes, 
aber in vieler Hinsicht bedenklich scheinendes Privi¬ 
legium. Wo Theologen und Mediciner dauernd Zu¬ 
sammenarbeiten müssen, kommt es immer zu Kon¬ 
flikten , am meisten aber und zum Nachtheil der 
ihnen an vertrauten Personen, wenn die Frage der 
Willensfreiheit an diesen unglücklichen Gehirnkranken 
zum Austrag gebracht wird; hierüber herrschen bei 
unseren Theologen geradezu rückständige, mit der 
Naturwissenschaft überhaupt nie vereinbare Ansichten. 
Es ist wirklich an der Zeit, dass die Theologen von 
diesem Schauplatz abtreten, von dem für sie immer 

*) Die theologisch geleiteten Epileptiker- und Idiotenan¬ 
stalten verstehen es allerdings gut, eine fromme Reclame tu 
treibeu, die staatlichen beziehungsweise ärztlich geleiteten dürfen 
keine Reclame treiben, das verbieten schon die ärztlichen Ehren¬ 
gerichte. 

**) Auch die Landarmenverbände sollten solche Hilfsschulen 
begründen, damit die Volksschulen in Dörfern und kleinen 
Städten von den Schwachbcfähigten entlastet würden. 

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eine Brücke zum Gesundbeten und zu anderem Un¬ 
fug geführt hat und führen wird. 

Um endlich auf unseren Ausgangspunkt zurück¬ 
zukommen: Der Name Reichs-,,Irren“gesetz ist durch¬ 
aus irreleitend und geeignet, selbst bei den legislato¬ 
rischen Faktoren von vornherein über die wahren 
Aufgaben eines solchen Gesetzes falsche Vorstellungen 
aufkommen zu lassen. Es empfiehlt sich dafür die 
allgemeine Bezeichnung: Reichsgesetz über die Für¬ 
sorge für Gehirnkranke zu wählen. Durch diesen 
Namen*) würde: i. das ganze Wirkungsgebiet des 
Gesetzes wirklich umfassend definirt, 2. von einer 
angesehenen Volksvertretung der naturwissenschaft¬ 
lichen Lehre beigetreten, dass Geistesstörung, Epi¬ 
lepsie und Idiotie Gehirn-, das heisst körperliche 
Krankheiten sind, und dem Eindringen anachro¬ 
nistischer Sonderbestrebungen metaphysischer, spiri¬ 
tistischer, theologischer etc. Natur in die praktische 
Fürsorge für diese Unglücklichen vorgebeugt, was in 
der Gegenwart dringend nöthig ist, 3. demjenigen 
Menschen, welchen das Schicksal unter dieses Gesetz 
fallen lässt, das Odium erspart, für „verrückt“, „irre“, 
als „Narr“ und Aehnliches gelten zu müssen. 

Zum Schlüsse sei noch auf eins hingewiesen: Die 
Einführung des Reichsgesetzes über Gehimkranke 
wird zur logischen Folge haben, dass dem Reichsge¬ 
sundheitsamt das Concessionsrecht für Gehirnkranken¬ 
anstalten zusteht. —- 

— Spiritismus. Fnpi Rothe — geisteskrank? Das 
„berühmte“ Blumenmedium, die Monteursfrau Anna 
Rothe, ist am Sonnabend vom Untersuchungsge- 
fängniss nach der Charite (Berlin) gebracht worden, 
um auf ihren Geisteszustand beobachtet zu werden. Die 
Untersuchungshaft hat der fast 52 Jahre alten Fraü, 
die ein ruhiges, grübelndes Wesen zeigt, nichts an¬ 
gehabt. Die Spiritisten scheinen sich für ihr be¬ 
deutendstes Medium noch sehr zu interessiren. Be¬ 
vor noch Frau Rothe in der Charite w’ar, kamen 
schon Leute dorthin, die ihre Aerzte sprechen wollten. 

— Russland. Nach einer Berechnung des Medicinal- 
Departements sind für die einer Specialbehandlung be¬ 
dürftigen Geisteskranken in Russland nur 
15000 Betten vorhanden, während 35000 Betten er¬ 
forderlich wären. Auf Grund klinischer Forschungen 
werden die 185000 Geisteskranken Russlands in drei 
Gruppen eingetheilt: Kranke mit schärferen Geistes¬ 
störungen, gefährliche Kranke und chronisch Kranke. 
Von den beiden ersteren Gruppen beanspruchen 
62 000 Personen eine Specialbehandlung und für 
diese würen eben die 35000 Betten, deren Einrich¬ 
tung ca. 35 Millionen Rubel nebst 10 Millionen 
jährlicher Unterhaltskosten erfordern würde. 


Referate. 

— Leitfaden für Krankenpflege i m 
Krankenhaus und in der Familie. Von Dr. 
med. Witthauer, Oberarzt am Diakonissenhaus in 

*) Zum Beispiel gehören Leute, die nach Schlaganfall oder 
infolge einer Gehirngeschwulst oder einer sonstigen organischen 
Erkrankung des Gehirns blöde, gewöhnlich aber schonung^voll 
nicht als geisteskrank oder -schwach betrachtet werden, doch 
auch unter das neue Gesetz. 

Original frnm 

HARVARD UNIVERSITY 



172 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 14. 


Halle a. S. Zweite, neu bearbeitete Auflage mit 76 
Abbildungen. Halle a. S„ Carl Marhold, 1902. Preis 

Mk. 3 —- 

In Form von 18 Vorlesungen hat Verf. alles für 
die Krankenpflege Wissenswerthe mit Einschluss der 
Wöchnerinnenpflege und der Behandlung der Säug¬ 
linge in kurzer prägnanter Form besprochen und da¬ 
bei nicht nur die Verhältnisse eines gut eingerichteten 
Krankenhauses berücksichtigt, sondern auch die ein¬ 
fachen Verhältnisse in der Familie mit ihren noth- 
wendig werdenden Improvisationen. Der Werth des 
Buches ist durch zahlreiche, leicht verständliche Ab¬ 
bildungen erhöht. Das in der zweiten Auflage hin¬ 
zugekommene Capitel über Irrenpflege enthält das 
Nothwendigste, es ist nach dem bekannten Leitfaden 
von Scholz bearbeitet. 

Arnemann, Gross-Schweidnitz. 

— Die Lehre vom Leben. Von Dr. Alfons 
Bilharz. Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1902. Gr. 
8°, XIV und 502 S., 22 Abbildungen. 

Die Redaction hat mich gebeten, das Buch von 
Bilharz zu besprechen. Ich habe es vorgenommen, 
aber — ich habe es nicht verstanden. Da müsste 
ich es eigentlich der Redaction zurückgeben. Jedoch, 
ich bin davon überzeugt, dass damit weder der Re¬ 
daktion noch dem Verfasser gedient wäre, denn unter 
den Vorhandenen ist keiner, der das Buch verstehen 
könnte. Auch liegt die Sache ja nicht so, dass ich 
Alles nicht verstanden hätte, sonderh ich habe nur 
nicht Alles verstanden. Es scheint mir, als ob im 
Grunde der Vf. vielfach das Richtige meinte und als 
ob ich in manchen Richtungen mit ihm gehen könnte. 
Die „Lehre vom Leben“ hat drei Theile: 1. Prole- 
gomena (hauptsächlich geschichtlich - kritische Erörte¬ 
rungen), 2. Noo-Biologie oder die Lehre vom thieri- 
schen Verstand, 3. Logo-Biologie oder die Lehre von 
der menschlichen Vernunft. Der 3. Theil zerfällt 
wieder in zwei Abschnitte: Weltaxe des Denkens 
oder Lehre vom vernünftigen Denken und Weltaxe 
des Wollens oder Lehre vom vernünftigen Wollen. 
In der Lehre vom Wollen (Ethik und Gesellschafts¬ 
lehre) findet man unerwarteterweise einen grossen 
Aufsatz über Fr. Nietzsche, der manches Gute enthält 

Wenn Verfasser sich entschliessen könnte, die 
Lehre aus seiner halbmathematischen Sprache in das 
Deutsche zu übertragen, wenn er sich mehr als bis¬ 
her der langen Auseinandersetzungen mit Descartes, 
Kant und anderen historischen Grössen enthielte, 
wenn er sich weniger oft wiederholte, so käme vielleicht 
etwas Gutes heraus. So, wie das Buch jetzt ist, 
wird es keinen Ertolg haben, denn Alle, die der Titel 
angelockt hat, werden bald entfliehen. Und doch 
steckt viel Arbeit und eifriges Nachdenken darin. 
Es wäre also schade, wenn das Ganze an der 
schlimmen Form zu Grunde ginge. Vielleicht wird 
der Vf. sagen: Ja, du musst erst mein früheres Buch 
über „Metaphysik als Lehre vom Vorbewusstsein“ 
lesen. Aber ich weigere mich ganz entschieden und 
Andere werden es ebenso machen 


Trotz aller Bedenken muss man sich freuen, dass 
es in unserer trockenen Zeit noch Collegen giebt, 
die die Metaphysik lieben und ihr ernstlich nach¬ 
stellen, und dass es Verleger giebt, die ihre Bücher 
drucken lassen. Möbius. 

— Pron: Influence de l’estomac et du regime 
alimentaire sur l’6tat mental et les fonctions psychiques. 
Paris, Jules Rousset, 1901. 188 S. 

Das Buch steht auf der Grenze zwischen wissen¬ 
schaftlicher Arbeit und populärer Plauderei. Nach 
einer historischen Einleitung, die bis Hippokrates 
zurückgreift und auch die Ansichten der Philosophen 
berücksichtigt, bespricht es die anatomischen und 
physiologischen Beziehungen zwischen Verdauungs¬ 
und Nervensystem. Durchweg wird zu sehr verall¬ 
gemeinert und mit fragwürdigen Gelegenheitsbe¬ 
obachtungen operirt. Es ist mehr feuilletonistische 
Causerie, wenn angeführt wird, der Zucker bringe 
weiche Gefühle, Butter mache apathisch und indolent, 
Eier vermindern die physische und moralische Energie! 
Gradezu bedenklich kann das werden, w'enn dem 
Wein z. B. nachgerühmt wird, er prädisponire zum 
Wohlwollen und zur familiarite. Die klinischen Be¬ 
obachtungen , die dem Buch ein wissenschaftliches 
Gepräge verleihen sollen, sind recht dürftig. So lautet 
Beobachtung 4: „Fräulein S., 32 Jahr, leidet seit 3 
Jahren am Magen. Schwerfälligkeit, Dyspnoe nach 
der Mahlzeit. Traurigkeit, Angst, Schlaflosigkeit“. 
Die 2. Hälfte des Buches bespricht die affektiven 
Störungen, auch Selbstmord im Gefolge von Ver¬ 
dauungsleiden, darauf die intellektuellen und Willens¬ 
störungen, selbst Aphasie, Amnesie, chronisches De¬ 
lirium u. dgl. Vf. hat kaum Ahnung, dass es sich in 
vielen Punkten um Probleme handelt, die dem psy¬ 
chologischen Experiment zugänglich und z. Th. auch 
schon auf diesem Wege gelöst sind. Bei der Gegen¬ 
überstellung der Autointoxikations- und der Reflcx- 
theorie bevorzugt er die letztere. 

Wcygandt - Würzburg. 


Personalnachrichten. 

(Um Mittheilung von Personalnachrichten etc- an <lte Redartion 
wird gebeten.) 

— Schleswig. Als Nachfolger des verst. Herrn 
San.-R. Hansen wurde Herr Director Dr. Kirch¬ 
hof f - Neustadt zum Director und Chefarzt hiesiger 
Anstalt ernannt. 

— Uchtspringe. Herr Dr. Hoppe ist zum 
Oberarzt, die Herren Dr. Ehrke und Dr. Müller 
sind zu ordentlichen Aerzten ernannt 

— Weilmünster. Oberarzt Dr. Lan tzius- 
Beninga von hier ist zum Director hiesiger An¬ 
stalt erwählt werden. 

— Freiburg (Baden). Prof. Dr. Emminghaus 
tritt mit Ende dieses Semesters in den Ruhestand. 
Zu seinem Nachfolger ist Herr Prof. Dr. Hochc, 
unser hochverehrter Mitarbeiter, berufen worden. 


Für den redactionellen Theii verantwortlich: Oberarzt Dr. J. Brrslcr Kraschnitz, (Schlesien). 

Erscheint jeden Sonnabend — Schluss der Inseratehannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marhold in Halle a. S 

HeVnemann’sche Puchdruckerei (Gebr. Wolff) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch - Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internationales Correspondenzblatt für Irrenärzte und Nervenärzte. 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervorragender Fachmänner des In- und Auslandes 

herausgAgeben von 

Direktor Dr. K. Alt, Prof. Dr. G. Anton, Prof. Dr. Bleuler, Direktor Dr. van Deventer, Prof. Dr. li, Edinger, 

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Budapest. St. Maurice (Seine). Privatdocent, Andernach. Perth (Schottland). 

Dr. med. et pliil. W. Weygandt, 

Privatdocent, Würzburg. 

Unter Benützung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Kraschnitz (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adresse: Marhold Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 2572. 

Nr. 15. i 2 - juii. 1902. 

Die ,.Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift“ erscheint jeden Sonnabend und kostet pro Quartal 4 Mk. 
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Zuschriften fiir die Kedacrmn *ind an Oberarzt Dr. J. Bresier. Kraschnitz (Schlesien), zu richten 

Inhalt. Originale: iirenhilfsvereine. Vortrag gehalten atn 3. Mai 1902 im Verein der Irrenärzte Niedersachsens und West¬ 
falens von dem Oberarzt der Provinzial-IIeil- und Pflege-Anstalt Dr. Richard Snell -11 ildesheim |S. 173 ) — Uehcr einige 
Neubauten an der Göttinger Anstalt. Von Privatdocent ür. L. W. Weber-Göttingen (S, 17O). — Miltheilungen (S. 181). 


Irrenhilfsvereine. 

Vortrag, gehalten am 3. Mai 1002 im Verein der Irrenärzte Niedersachsens und Westfalens 
von dem Oberarzt der Provinzial Heil- und Pflege-Anstalt Dr. Richard Sneü-W ildesheim. 


^^^ohl jedem Irrenarzt sind die Schwierigkeiten be¬ 
kannt, welche sich bei der Entlassung unbe- 
güteter Kranker oder Genesener aus der Irrenanstalt 
zeigen. Das wenige Geld, welches vorhanden war, 
ist für die Unterbringung des Kranken in die Irren¬ 
anstalt verbraucht, die Familie hat sich aufs kümmer¬ 
lichste durchschlagen müssen; wenn der Genesene in 
sein Heim zuri'ickkehrt, sieht er sich der Noth und 
Annuth gegenüber. Nun heisst es, für ihn Arbeit 
suchen. Da hindert ihn aber überall das Vorurtheil 
der grossen Menge gegen Leute, die im Irrenhause 
gewesen sind. Die Arbeitgeber nehmen ihn ungcin 
an und, wenn er eine Stellung gefunden hat, wird er 
von Vorgesetzten und Mitarbeitern mit Misstrauen, 
wenn nicht gar mit Verachtung behandelt. 

Noch schlimmer ist es, wenn der aus der Anstalt 
Entlassene nicht genesen, sondern nur gebessert ist. 


Von allen Seiten tritt ihm dann der Argwohn und 
die Furcht vor dem Geisteskranken entgegen. Kein 
Wunder, dass so häufig das schwache Nervensystem 
den Widerwärtigkeiten der Aussen weit erliegt, der Zu¬ 
stand des Kranken sich verschlimmert und die Ueber- 
fiihrung in eine Irrenanstalt wieder nöthig wird. 

Diese Verhältnisse tragen dazu bei, dass ein sehr 
grosser Theil der als genesen oder gebessert aus der 
Anstalt Entlassenen nach weniger Zeit wieder der An¬ 
stal tspfl ege bedürftig wird. 

Was lässt sich dagegen thun? Man muss den 
Uebergang der entlassenen Pfleglinge in das freie 
Leben möglichst erleichtern, man muss die Schwierig¬ 
keiten, die einerseits in der Zerrüttung der finanziellen 
Verhältnisse des Entlassenen, andererseits in den Vor- 
urthcilen des Volkes gegenüber genesenen oder gebesser¬ 
ten Geisteskranken bestehen, zu heben oder wenigstens 


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174 


zu vermindern suchen. Für ersteren Zweck ist vor 
allen Dingen Geld nöthig, um über die erste schwere 
Zeit nach der Entlassung fort zu helfen, in dem einen 
Fall ist das Handwerkszeug, welches aus Noth verkauft 
oder versetzt ist, wieder zu beschaffen, in dem anderen 
ist dem Verfall einer Lebensversicherungspolice vor¬ 
zubeugen, in einem dritten Fall ist das nöthige Mo¬ 
biliar wieder zu kaufen oder in Stand zu setzen. 

Dass es für die Direction einer Anstalt nicht mög¬ 
lich ist, für jeden solchen vorliegenden Nothstand 
nach Entlassung eines Anstaltsinsassen das nöthige 
Geld zusammenzubringen, liegt auf der Hand und ist 
ja auch jedem längere Zeit in der Irrenpflege Thätigen 
aus eigner Erfahrung bekannt. So viel Mühe man 
sich auch giebt, die häuslichen Verhältnisse des zu 
Entlassenden möglichst günstig zu gestalten, nur zu 
häufig scheitert der Versuch an der Kostenfragc. 

Ein zweiter Punkt, der bei der Entlassung eines 
genesenen oder gebesserten Geisteskranken grosses 
Gewicht hat, ist die Wiedereinführung des Entlassenen 
in das sociale Leben, in einen passenden Beruf. Wie 
gross die Schwierigkeiten sind, für einen Genesenen 
eine geeignete Stellung zu finden, kann man nur bc- 
urthcilen, wenn man selbst diesen Versuch gemacht 
hat. Erst will niemand den ehemaligen Anstalts- 
pfiegling in Dienst nehmen, hat er aber erst einen 
Dienst^ gefunden, so wird er mit Argwohn, wenn nicht 
gar mit Spott empfangen. 

Ist der Kranke aber nicht genesen, sondern nur 
gebessert, so tritt alles das im erhöhten Maass her¬ 
vor. Hie und da gelingt es wohl dem Arzt, für einen 
zu entlassenden Pflegling eine geeignete Stellung aus¬ 
zumachen, in der er vor den Schädigungen der 
Aussenwelt nach Möglichkeit geschützt ist. Aber 
für jeden Fall, in dem ein Kranker entlassen werden 
muss, kann er das nicht. In der Anstalt behalten 
darf er aber die Kranken nicht, sobald sie nicht 
mehr den im Reglement vorgesehenen Krankheits¬ 
zuständen angehören. Es ist daher eine andersweite 
Fürsorge für die Entlassenen dringend nöthig. 

Diese Gesichtspunkte haben an verschiedenen 
Orten zur Bildung von Irrenhilfsvereinen geführt. 

Der älteste deutsche Irrcnhilfsvcrcin wurde im 
Jahre 182p zur Unterstützung der aus dem herzog¬ 
lich nassauischen Irren-, Corrections- und Zuchthaus in 
Eberbach Entlassenen von dem Director Lindpaintncr 
gegründet, konnte aber die nachfolgenden unruhigen 
politischen Zeiten nicht überdauern. 

Lange Zeit geschah dann wenig in Deutschland 
in Bezug auf diesen Zweig der Irrenfürsorge, während 
in Oesterreich 1851 der Wiener und etwas später 
der Steirische Hilfsvercin entstanden und in der 


[Nr. 15. 


Schweiz bes. nach Gründung des St. Gallener Hilfs¬ 
vereins im Jahre 1866 durch Zinn eine Reihe der¬ 
artiger. Vereine emporblühte. Doch will ich mich im 
Interesse der Kürze auf die deutschen Hilfsvereine 
beschränken. Erst 1869 erfolgte in Hamburg die 
Gründung der Unterstützungskasse der Irrenanstalt 
Friedrichsburg, 1872 entstand der badische Hilfs¬ 
verein, hauptsächlich durch Fischers und Rollers Be¬ 
mühungen , und der St. Johannesverein zur allge¬ 
meinen Irrenfürsorge in Westfalen, 1873 auf Anregung 
Laehrs der kurmärkische Verein, der unter Zinns 
Führung seine Thätigkeit 1875 auf die ganze Provinz 
Brandenburg ausdehnte, sodann der Hilfsverein für 
die Geisteskranken in Hessen, welcher, bei seiner 
vortrefflichen Organisation unter Leitung des Geh. 
Medicinalrath Ludwig in Heppenheim und seines 
Nachfolgers Bieberbach, vorbildlich für viele später 
gegründete Hilfsvereine geworden ist. Es exisliren 
jetzt ausser den genannten noch innerhalb Deutsch¬ 
lands Irrenhilfsvereine in Eisass, in Schlesien, im Re¬ 
gierungsbezirk Wiesbaden, in der Rheinprovinz, der 
Pfalz, München, Sachsen-Meiningen, Niedeibayern, 
im Königreich Sachsen und in Württemberg. In der 
Provinz Sachsen ist die Gründung eines Hilfsvereins 
beabsichtigt. 

Die Grenzen der Wirksamkeit sind durch die Ver¬ 
einssatzungen in den einzelnen Vereinen verschieden 
weit aufgefasst. Sehr ausgedehnt sind die in den 
Satzungen gegebenen Aufgaben des Hilfsvcrcins für 
das Königreich Sachsen. Er will das Verständ¬ 
nis für die Geisteskrankheiten und das Interesse für 
die Geisteskranken wecken und fördern und bes. 
die aus den öffentlichen Anstalten für solche Kranke 
entlassenen Personen zur Erleic hterung ihres Wieder¬ 
eintritts in das bürgerliche Leben unterstützen, auch, 
soweit die Mittel des Vereins nach Erfüllung des er¬ 
wähnten Hauptzwecks ausreichen, den in Noth be¬ 
findlichen Familien Geisteskranker Hilfe gewähren. 
Im Sinne der Arbeit des HiIfsVereins werden die 
Epileptischen und Hysterischen den Geisteskranken 
gleichgeachtet. 

Diese sowie die meisten andern Statuten der später 
gegründeten Hilfsvereine, sind den Hilfsvcrcinen für 
die Geisteskranken in Hessen nachgebildet oder dem 
Statut des brandcnburgischen Hilfsvereins für Geistes¬ 
kranke. Letzteres bezeichnet als Zweck des Vereins: 

1. Die Fürsorge für Geisteskranke der Provinz 
Brandenburg und bes. für die aus der Irrenanstalt 
Eberswaldc entlassenen Armen und Hilfsbedürftigen. 

2. Die Hebung der öffentlichen Irrenpflege der 
Provinz Brandenburg und die Beseitigung von Vor- 
urthcilen gegen Irrsinn und Irrenanstalten. 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 175 


Etwas enger gefasst ist die Wirksamkeit des Hilfs¬ 
vereins für reconvalescente Geisteskranke in Württem¬ 
berg. In seinen Statuten ist die allgemein aufklärende 
und Vorurtheile gegenüber den Geisteskranken be¬ 
seitigende Thätigkeit nicht mit angeführt, dagegen 
die Fürsorge für die Familie des Erkrankten hcrvor- 
gehuben. 

Gemeinsam ist sümmtlichen Hilfsvereinen das Be¬ 
streben, den Uebergang der Geisteskranken in die 
Aussenwelt möglichst zu erleichtern, und die ersten 
Schwierigkeiten nach der iVnstaltsentlassung zu ver¬ 
mindern. Um die hierfür nöthigen Geldmittel zu er¬ 
halten, werden von den Mitgliedern Beiträge erhoben. 
Ausserdem steuern bei einzelnen Vereinen der Staat 
oder communale Verbände bei, z. B. erhielt der hessisc he 
Hilfsverein im Jahre 1900/01 aus der Grossherzog¬ 
lichen Staatskasse 1000 M. und aus Kreis-, Stadt- 
und öffentlichen Kassen 2755 M. 62 Pf., der branden- 
burgische Hilfsverein erhielt 1809/00 von Staats-und 
ständischen Behörden 840 M., der Hilfsverein in 
Württemberg 1900 vom kgl. Ministerium des Innern 
1000 M. Beitrag. 

Dass die aufgebrachten Summen durchaus nicht 
unbedeutend sind, kann man aus folgenden Zahlen 
ersehen: Die Summe der Einnahmen des Irrcnhilfs- 
vcrcins betrug in Hessen 1900/01 27Ö01 M. 70 Pf., 
in Württemberg 14202 M. 72 Pf., in Sachsen 
4026 M. 72 Pf., in Brandenburg 4574 M. 1 Pf. Für 
die Vercinszw’ecke sind vom hessischen Hilfsvereine 
in den ersten 25 Jahren seines Bestehens rund 240000 M., 
also fast eine Viertelmillion verausgabt. Der St. Jo¬ 
hannesverein zur allgemeinen Irrenfürsorge in West¬ 
falen hat aus eigenen Mitteln eine Idiotenanstalt für 
mehrere Hundert Insassen gebaut. Man sieht, dass 
cs nicht nur Kleinarbeit ist, die von den Ililfsvereinen 
geleistet wird, wenn ja auch die Hilfe und Fürsorge, 
die den einzelnen Kranken bezw. deren Familien ge¬ 
währt ward, immer eine Hauptaufgabe der Hilfsver- 
eine bleibt. Mit ihr verknüpft sich ganz von selbst 
die Aufklärung der grossen Menge über die Irren¬ 
anstalten durch das Institut der Vertrauensmänner* 

Um den einzelnen Kranken den Uebertritt in das 
freie Leben nach der Anstaltsentlassung zn erleichtern 
und die familiären Verhältnisse möglichst günstig zu 
gestalten, genügt eine einfache Geldunterstützung nur 
theilweise. Es kommt ausserdem darauf an, den Ent¬ 
lassenen auch mit Rath und That zur Seite zu stehen, 
drohende Gefahren abzuwenden, durch geeignete 
Maassregeln einer Wiedererkrankung vorzubeugen, bei 
Wiedereintritt einer Erkrankung den Patienten recht¬ 
zeitig in geeignete Pflege zu bringen. Das alles kann 


aber nicht in genügendem Maass von der Direction 
der Irrenanstalt, aus welcher der Kranke entlassen 
ist, geschehen, da ihr die näheren Verhältnisse 
und die Umgebung des Entlassenen nicht hin¬ 
reichend bekannt sind, ausserdem bei der starken 
Arbeitslast eine Anstaltsdirection kaum Zeit hat, sich 
bis ins Einzelne mit dem ferneren Ergehen der Ent¬ 
lassenen zu befassen. Es bedarf daher der Mittels¬ 
personen, vclchc an ()rt und Stelle dem Entlassenen 
und seinen Angehörigen zur Seite stehen. Diese 
Vertrauensmänner müssen einerseits mit den Irren- 
anstaltsdirectionen in Fühlung bleiben, von ihnen be¬ 
raten und mit den Mitteln des Vereins unterstützt 
werden, andererseits den Kranken gegenüber eine 
helfende und fürsorgende Thätigkeit entwickeln. Dass 
zu diesem Ehrenamt vorzüglich Männer sich eignen, 
die kraft ihrer Lebensstellung eine gewisse Autorität 
gemessen, liegt auf der Hand. Sie müssen durch die 
Anstaltsdirectionen bekannt gemacht werden mit dem 
Aufnahme verfahren in die Irrenanstalten, damit sie in 
dieser Beziehung geeigneten Rath ertheilen können, 
und mit der Behandlung, welche für die in ihre Fa¬ 
milie zurückkehrenden Kranken und Genesenen die 
richtige ist. Ausserdem gilt es, bei ihnen den Hebel 
anzusetzen, um die alten verkehrten Anschauungen 
über unsere Anstalten durch der Wahrheit entsprechende 
zu ersetzen. Dass man zu diesem Zweck den Ver¬ 
trauensmännern Einblick in das Irrenanstaltsleben 
nicht gänzlich verweigern darf und dass die Aerzte 
hiervon vielerlei Mühe und Last haben, liegt auf der 
Hand. Es w ürde aber ohne diese Mühewaltung den 
Vertrauensmännern unmöglich sein, ihr Ehrenamt in 
rechter Weise aufzufassen. Nichts trägt, so zur Zer¬ 
streuung und Verminderung der Vorurtheile gegen 
Irrenanstalten und Geisteskranke bei, als wenn man 
Leuten, die nach ihrer ganzen Lebensstellung Gewähr 
bieten, dass sie nicht Neugier sondern wirkliches In¬ 
teresse leitet, nach Möglichkeit Zutritt zu den Irren¬ 
anstalten gewährt und sie über die verkehrten Volks- 
anschauungen den Anstalten und ihren Insassen ge¬ 
genüber aufklärt. Nur so kann die Furcht vor den 
Irrenanstalten, in der auch das gebildete Publikum noch 
immer eine Anhäufung von Zwangs- und Beschrän- 
kungsmittteln sieht, vernichtet und der modernen Irren¬ 
pflege der Platz in der Achtung des Volkes gegeben 
werden, der ihr dank der jetzigen freien Behandlungs¬ 
art gebührt. 

Ausserdem erwachsen aber noch zahlreiche Vor¬ 
theile aus dem Umstand, dass sich angesehene 
Männer in den verschiedenen Orten für die Irren- 
pflcgc interessiren und mit den Irrenärzten in Be¬ 
rührung kommen. Die Ueberführung der Geistcs- 


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i/6 

kranken kann durch die mit dem Aufnahmeverfahren 
bekannten Vertrauensmänner in einem früheren und 
daher mehr Aussicht auf Heilung bietenden Stadium 
der Erkrankung wie bisher veranlasst werden. Ausser¬ 
dem kann durch die Vertrauensmänner, wie es schon 
in einzelnen Vereinen, z. B. dem hessischen, geschieht, 
Erhebliches zur Verbesserung des Wartpersonals bei¬ 
getragen werden, da es ortskundigen angesehenen, mit 
den an die Pfleger zu stellenden Anforderungen ver¬ 
trauten Persönlichkeiten leicht gelingt, geeignete junge 
Leute auf den Beruf als Irrenpflegcr aufmerksam zu 
machen und den Anstaltsdireetionen zu empfehlen. 
Auch für die Prophylaxe der Geisteskrankheiten können 
die Vertrauensmänner nützlich wirken, indem sie ihre 
Umgebung auf die Gefahren des Alkoholmissbrauchs 
und anderer die Entstehung von Psychosen begünsti¬ 
gender Schädlichkeiten aufmerksam machen. 

Steht der Vertrauensmann ausserdem mit Rath 
und That den in seinem Bezirk ansässigen Geistes¬ 
kranken im Einverständnis mit dem betreffenden An- 
stallsdirectionen und gestützt auf die materiellen 
Mittel des Hilfsvereins zur Seite, so sehen wir ihm 
ein so weites und dankbares Feld der Bethätigung 
geboten, dass es wohl die aufgewandte Mühe und 
Arbeit lohnt, und dass sich auch geeignete Persön¬ 
lichkeiten für dieses Amt finden lassen. Die grosse 

- -- • 


[Nr. 15. 

Zahl der Vertrauensmänner der bestehenden Vereine 
bestätigt diese Annahme, z. B. gab es am 1. April 
ic)Oi in Hessen 884 Vertrauensmänner, die über das 
ganze Land vertheilt waren. Die Leitung der Hilfs¬ 
vereine fällt naturgemäss den Aerzten der Landes- 
irrcnanstalten zu, welche sich im Interesse der guten 
Sache der allerdings recht erheblichen Mühewaltung 
nicht entziehen dürfen. 

In den Irrenhilfsvereinen haben wir also ein 
Mittel, die schon so oft beklagte materielle Noth 
der aus der Anstaltspflege entlassenen Geisteskran¬ 
ken zu mildern, ferner den Geist der modernen 
Irrenanstalt dem Volksbewusstsein näher zu bringen 
und die in Betreff der Irrenanstalten bestehenden Vor- 
urthcile zu verringern. Die Hilfsvereine haben sich 
innerhalb und ausserhalb Deutschlands bewährt und 
in einzelnen Staaten, ich nenne hier nur Hessen, eine 
geradezu glänzende Entwicklung gewonnen. Es wäre 
daher wünschenswerth, dass auch dort, wo bisher noch 
kein derartiger Verein existirt, die Gründung eines 
Irrenhilfsvereins ins Auge gefasst würde, und es wäre 
ganz besonders zu begrüssen, wenn die Provinz 
Hannover, in welcher unsere heutige Versammlung 
tagt, sich den von mir genannten Staaten und Pro¬ 
vinzen durch Bildung eines Irrenhilfsvereins anschlösse. 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Ueber einige Neubauten an der Göttinger Anstalt.*) 

Von Privatdoccnt Dr. L. W. Weber , Oberarzt an der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt in Göttingen. 


J e mehr sich unter dem Einfluss der freien Behand¬ 
lung die gesammte Bauart unserer Anstalten in 
den letzten Jahrzehnten geändert hat, um so schwerer 
war es für die vor dieser Periode entstandenen An¬ 
stalten , diesen geänderten Principien Rechnung zu 
tragen. Die Anlage, namentlich der grösseren der¬ 
selben, in geschlossenen, gefängniss-, schloss- oder 
klosterartigen Räumen erschwert die Anbringung der 
den modernen Bedürfnissen entsprechenden baulichen 
Einrichtungen um so mehr, als zahlreiche alte An¬ 
stalten viel stärker belegt sind, als bei ihrer Gründung 
beabsichtigt war, ohne dass eine entsprechende bau¬ 
liche Erweiterung stattgefunden hat. Leichter ist eine 
Umänderung durchzuführen bei kleineren Verhält¬ 
nissen, wie in unserer Göttinger Anstalt, die ursprüng¬ 
lich nur für 240 Kranke angelegt war. Hier hat 
sich im Laufe der Jahre — die Anstalt wurde 1805 
bis i8öh in einem geschlossenen quadratischen Bau 

*) Nach einem Vortrag auf der Versammlung der Irren¬ 
ärzte Niedersachsens und Westphalens zu Hannover am 3. Mai 
1902. 

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angelegt — an den ursprünglich alten Kern, dem 
jeweils hervortretenden Bedürfniss und den geänder¬ 
ten Anschauungen entsprechend, eine Anzahl neuer 
Gebäude ankrystallisirt. Die alten aber haben durch 
mancherlei Umbauten Acnderungen erfahren, so dass 
die Anstalt in ihrer Gesammtheit jetzt ein recht inter¬ 
essantes Beispiel dafür bietet, wie die geänderte Be¬ 
handlungsmethode allmählich auch eine Umgestaltung 
des äusseren Baues herbeigeführt hat. 

Der alte Theil der Anstalt war nach den Plänen 
und unter Leitung des Oberbauraths Funk in der 
Form eines geschlossenen Quadrats errichtet, dessen 
Vorderseite die Verwaltungsräume und die Pensionär- 
Abtheilungen enthielt, während sich beiderseits die 
Abtheilungen für die Kranken III. Klasse befanden; 
die hintere Seite wird von den Wirthschaftsräumen 
gebildet, zu deren beiden Seiten in Gestalt langer 
Korridorbauten je eine Zellabthcilung liegt. 

Es verdient übrigens darauf hingewiesen zu werden, 
dass L. Meyer gleich bei der Eröffnung der Anstalt 
1860 den unteren Stock der Pensionärabtheilung 

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1902.] 



177 


beiderseits zu sog. klinischen Abtheilungen ausgestaltete, 
in denen die Neuaufnahmen mit Bettruhe behandelt 
wurden und unter permanenter Bewachung standen, 
also Wachstationen in unserem heutigen Sinne. 
Dieselbe Einrichtung hatte L. Meyer schon 1864 an 
der Hamburger Staatsirrenanstalt getroffen. 

Schon bald nach der Eröffnung der Anstalt stellte 
sich das Bedürfniss nach umfassenderer Beschäftigungs¬ 
möglichkeit der Kranken heraus. Dieselbe wurde 
1874 geschaffen durch grössere Landankäufe und 
Errichtung entsprechender Oekonomiegebäude, in 
welchen auch eine Anzahl Kranke unter denkbarst 
freien Verhältnissen untergebracht wurden. Die Ueber- 
füllung der übrigen Provinzialanstalten machte dann 
eine Erhöhung der Belegzahl der Männerabtheilung 
nöthig. Die geforderten 100 Plätze wurden beschafft 
durch Errichtung von zwei völlig freien Villen nach 
dem Muster der kolonialen iVnstalten. Endlich 
machte sich zu Beginn der 90 er Jahre das Bedürf¬ 
niss geltend, die bisherige klinische Station zu beiden 
Seiten des Verwaltungsgebäudes durch einen etwas 
umfangreicheren und den betreffenden Bedürfnissen 
mehr Rechnung tragenden Neubau zu ersetzen. Für 
diesen Zweck wurden auf der Männer- und auf der 
Frauenseite je eine kleine Villa errichtet, welche im 
Erdgeschoss eine Wachabtheilung für ca. 15 Betten 
nebst Zubehör, im Obergeschoss eine Station für 
ebensoviel Rekonvalcscenten enthielt. Die beiden 
Villen sind nach völlig modernen Grundsätzen ohne 
Fenstergitter oder sonstige Zwangseinrichtung erbaut; 
der Grundriss selbst und die dadurch nothwendig 
gewordene Vertheilung der Räume kann allerdings 
nicht als sehr glücklich bezeichnet werden. 

Die Aufnahmeverhältnisse der Göttinger Irrenan¬ 
stalt sind ausserordentlich wechselnde. Im südlichsten 
Zipfel der Provinz gelegen, hat sie nur einen kleinen 
Aufnahmebezirk, da die meisten Kreise der kürzeren 
Reise wegen lieber die anderen Provinzialanstalten 
aufsuchen. Anderseits tritt bei Ueberfüllung der letz¬ 
teren häufig eine Ueberflutung der Göttinger Anstalt 
mit Aufnahmeanträgen ein, die schon aus Rücksicht 
auf die Zwecke der Klinik genehmigt werden müssen. 
So kommt es zu einer zeitweiligen Ueberfüllung na¬ 
mentlich mit pflegebedürftigen, siechen oder unreinen 
Kranken; ferner sind aus denselben Gründen stets 
eine grosse Anzahl krimineller Elemente, sowohl 
geisteskranker Verbrecher als gewaltthätiger, erregbarer 
Kranker vorhanden. Dieser Zustand hatte sich nament¬ 
lich gesteigert in den Jahren vor Eröffnung der Heil- 
und Pflegeanstalt Lüneburg und zu einer dauernden 
Ueberfüllung der Göttinger Anstalt, besonders der 


Männerseite mit siechen und besonderer Aufsicht be¬ 
dürftigen Individuen, geführt. 

Für die „unreinen“ Kranken, namentlich die 
Paralytiker mit Neigung zu Dekubitus, waren bis dahin 
die sog. „Siechenstationen“, welche beiderseits die Seiten¬ 
flügel der Anstalt abschliessen, bestimmt. Diese Ab¬ 
theilungen hatten den Nachtheil einer alten, besonders 
bei stärkerer Kälte ungenügenden I.uftheizung, für 
die starke Belegzahl zu geringen Luftraum und eine 
unglückliche Vertheilung der Räume, welche nament¬ 
lich eine dauernde Aufsicht unmöglich machte. Die 
Einrichtung, durch eine sog. Laufwache alle 1 — 2 
Stunden derartige Kranke herausnehmen zu lassen, 
genügt nicht, da sie in der Zwischenzeit doch nass 
oder schmutzig liegen können; und jeder weiss, dass 
unter Umständen eine auch nur kurze Zeit dauernde 
Maceration der Haut hinreicht, um das Zustande¬ 
kommen eines schweren Dekubitus einzuleiten. Nur 
eine ständige Wache kann dies verhindern bei un¬ 
unterbrochener Beobachtung der betreffenden Kran¬ 
ken, welche in regelmässigen, aber ihrem Zustand 
angemessenen Zwischenräumen herausgenommen wer¬ 
den, in der Zwischenzeit aber auch öfter in ihrer 
Lage verändert werden müssen, also eine ständige 
Aufsicht und Thätigkeit beanspruchen. Diese Um¬ 
stände bestimmten den Direktor, Professor Dr. Cramer, 
die Behandlung sämmtlicher derartiger Kranken in 
eine Wachstation zu verlegen. Die bisherige 
klinische Station erwies sich für die Aufnahme dieser 
Kranken als viel zu klein; auch aus anderen Gründen 
war es unthunlich, chronische sieche und unreine 
Kranke mit heilbaren, frischerkrankten Psychosen zu¬ 
sammenzubringen . 

Es w'urde daher dem Landesdirektorium der Vor¬ 
schlag unterbreitet, mit den einfachsten Mitteln einen 
sog. Barackenbau zu errichten, welcher zur geeigneten 
Unterbringung von ca. 35, hauptsächlich körperlicher 
Pflege bedürftigen Kranken Raum bietet. Der Provin¬ 
zialausschuss ging um so bereitwilliger auf diesen 
Vorschlag ein, als durch die neugeschaffenen 35 Plätze 
eine Entlastung der vor der Eröffnung der Lüne¬ 
burger Anstalt überfüllten Provinzialanstalten ermög¬ 
licht wurde. 

Der als „Lazareth“ bezeichnete und erdge¬ 
schossige Barackenbau ist leichtester Construktion, 
ohne Unterkellerung über Backsteinpfosten errichtet. 
Die Wände bestehen aus einer doppelten Lage von 
Gypsdielen mit Torfmullfüllung, an der Aussenseite 
mit Cementverputz. Das flache mit Dachpappe ein¬ 
gedeckte Dach ist innen verschalt. Der Boden in 
den Schlaf- und Tagesräumen ist auf Stampfbeton 
gelegtes Xylopan, ein angenehmer, warmer und elasti- 


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178 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 15. 


scher Fussboden, in den Nebenräumen Terazzo. 
Der Grundriss ist ein ausserordentlich einfacher: An 
den in der Mitte befindlichen Tagesraum schliessen 
sich zu beiden Seiten je ein Schlafsaal an; an der 
hinteren Längsseite des Tageraums befinden sich die 
Nebenräume: Abstellraum, Garderobe, Spülküche, 
Bad, Closett und ein Seitenausgang; der vorderen 
Wand ist eine ungedeckte Veranda vorgelagert. Der 
Tageraum hat auf diese Weise nach Süden 4 grosse 
Fenster, nach Norden über den niedrigeren Neben- 



Grundriss des Lazarethes. 

1. Tagraum. 2. Schlafräume. 3. Veranda. 4. Closet. 5. Bad. 

6. Spülküche. 7. Garderobe. 8. Abstellraum. 9. Oefen. 

räumen noch kleinere Oberfenster zum Lüften. Jeder 
Schlafsaal ist von 3 Seiten durch im Ganzen 8 Fenster 
belichtet. Sämmtliche Fenster sind ohne jede Siche¬ 
rung, mit grossen Scheiben aus gewöhnlichem Glas 
versehen. Auch die sonstige innere Einrichtung ist 
sehr einfach, aber behaglich. Die Heizung wird 
durch im Ganzen 4 Füllöfen besorgt, welche zu je 
zweien in den Wänden zwischen Tageraum und 
Schlafsälen untergebracht und mit einem Mantel aus 
gelochtem Eisenblech versehen sind, so dass sie über 
die Wandfläche beiderseits nur wenig hervorstehen; 
diese Heizung hat sich bis jetzt in zwei strengen 
Wintern bewährt. Obwohl nur bei der heftigsten 
Kälte alle 4 Oefen gleichzeitig im Betrieb sind, ist 
die Temperatur in allen Räumen eine angenehme 
und gleichmässige; auch in der nächsten Nähe der 
Oefen ist die Hitze nicht so strahlend, dass die im 
Tageraum um die Ofenmäntel angebrachten Bänke 
mit Lehnen nicht bequem benutzt werden könnten. 
In den Schlafsälen befinden sich an der Innenwand 
in der Nähe des Ofens Waschtische mit gusseisernen, 
emaillirten Kippbecken. Die Beleuchtung ist elektrisch 

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mit Nernstlampen und einigen Edisonlampen für den 
Nachtbetrieb ; Schaltdosen zur Anbringung von Hand¬ 
lampen für genauere Untersuchungen sind reichlich 
vorhanden. Der Cubikinhalt in der ganzen Abthei¬ 
lung ist nach den neuen Vorschriften für die Privat¬ 
anstalten reichlich bemessen; er beträgt pro Bett in 
den Schlafräumen allein 25 cbm, in den Tageräumen 
mit Schlafräumen pro Kopf 38 cbm. Die Kosten 
für das Lazareth betragen (ohne Grunderwerb) 
35000 M., wovon 8000 auf die innere Einrichtung 
kommen. Der Betrieb der Abtheilung gestaltet sich 
folgendennaassen. Der nach Südosten gelegene 
Schlafsaal ist Wachsaal und mit 16 Betten belegt. 
Dahin werden alle diejenigen Kranken gebracht, 
welche wegen der Neigung zur Unreinlichkeit oder 
Dekubitus oder wegen sonstiger schwerer Erkrankung 
der nächtlichen Ueberwachung bedürfen; ein grosser 
Theil von ihnen liegt auch bei Tag zu Bett oder 
wird im Sommer mit dem Bett auf die Veranda ge¬ 
bracht. Im anderen Schlafsaal sind leichtere Kranke 
untergebracht, welche Nachts keine besondere Für¬ 
sorge brauchen, sondern nur zeitweise zum Befriedigen 
ihrer Bedürfnisse angehalten werden, unter Tags beim 
Essen u. s. w. einer Beaufsichtigung bedürfen und zu 
irgend welcher Beschäftigung ausser leichter Haus¬ 
arbeit nicht mehr im Stande sind.* Für diesen Be¬ 
trieb genügen 3 Wärter, von denen 2 im ruhigen 
Saal schlafen, der dritte, natürlich im entsprechenden 
Turnus, im andern Schlafsaal die Nachtwache hat. 
Die auf dieser Abtheilung untergebrachten Kranken 
sind der Hauptsache nach Paralytiker, dann aber 
auch eine Anzahl Idioten, stark verblödete Epilep¬ 
tiker und katatonische Psychosen. Gelegentlich 
werden auch schwer körperliche Kranke, welche 
dauernder Aufsicht bedürfen, dorthin verlegt; für sie 
ist die Veranda mit Liegestühlen ein ausserordent¬ 
lich angenehmer Aufenthalt. 

Das Lazarett bedeutet eine wesentliche Entlastung 
für unsere klinische Aufnahmestation ; eine grosse An¬ 
zahl entsprechender Fälle passiren jetzt die klinische 
Station überhaupt nicht mehr, sondern werden nach 
kurzer Untersuchung in einem Aufnahmezimmer so¬ 
fort nach dem Lazareth verbracht. Diese Zusammen¬ 
legung ziemlich gleichartiger Krankheitsfälle, die man 
ja sonst vermeidet, hat sich in diesem Falle zweck¬ 
mässig erwiesen. Sie ermöglicht eine Gleichartigkeit 
der Behandlung, welche z. B. auch in der Verpfle¬ 
gungsform ihren Ausdruck findet. Die sämmtlichen 
Kranken dieser Abtheilung erhalten zum Mittagessen 
ihre Fleischportion von Knochen befreit und ge¬ 
mahlen ; ebenso wird das Brod ohne Rinde nach 
dieser Abtheilung geliefert, um Schluckstörungen zu 
verhüten. Auch die Ausrüstung dieser Kranken mit 

Original frum 

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1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Lazarethmänteln soll dazu beitragen, der ganzen Ab¬ 
theilung mehr den Charakter einer Station von körper¬ 
lich Kranken zu geben. 

Die Hauptsache aber [ist ? dass auf diese Weise 
das Vorkommen von Nassliegen, Unreinlichkeit oder 
Dekubitus bei den siechen Kranken fast völlig ver¬ 
mieden wird; kommt es doch einmal vor, so kann 
man das Personal dafür zur Rechenschaft ziehen, 
und braucht keine Ausrede gelten zu lassen. Eine 
finanzielle Erspamiss ist damit auch gegeben, wenn 
man erwägt, dass Matratzen und Bettlaken durch 
das seltene Vorkommen des Einnässens viel mehr ge¬ 
schont werden. Auch Gummieinlagen werden nur 
in geringer Anzahl — fast nur bei einigen Epilep¬ 
tikern gebraucht, Wasser- und Luftkissen für Deku¬ 
bitusverdächtige gar nicht. Der Stationswärter muss 
eben jeden einzelnen Kranken genau kennen und 
wissen, was dieser an Pflege, Umlegen, Herausnehmen 
u. s. w. braucht, und auf diese Punkte auch die 
Nachtwache aufmerksam machen. Man kann sagen, 
dass mit der Einrichtung dieser Wachstation der Be¬ 
griff der unreinen Kranken überhaupt weggefallen ist. 

Die Anstalt hatte in der ersten Zeit ihres Be¬ 
stehens ca. 30 Isolirzimmer zur Verfügung, 15 für 
jede Geschlechtsseite, von denen etwa 10 jederseits 
in der sog. Zellabtheilung, den nach der Nord West¬ 
seite abgehenden Flügelbauten, sich befanden; die 
übrigen waren zwischen den übrigen Abtheilungen 
vertheilt Sehr bald wurden die letzteren nur noch 
als Schlaf- oder auch Wohnzimmer für Kranke 
III. Kl. verwendet, denen man theils wegen ihrer 
Empfindlichkeit, theils aus anderen mehr socialen 
Gründen die Wohlthat einer von dem Gros der 
Kranken getrennten Wohnung erweisen wollte. Zum 
Isoliren wirklich erregter, tobsüchtiger Kranker waren 
diese Räume schon deswegen nicht geeignet, weil 
sie mit keinerlei akustischen Isolirung versehen 
waren. Dagegen machte sich in den Jahren 1880 
bis 1890 ein Bedürfnis nach Vermehrung der Zellen 
geltend. Es wurden daher in dem nördlichen Anbau 
der Zellabtheilung, der bisher zu Beamtenwohnungen 
verwendet war, jederseits noch 6 Zellen eingebaut. 
So stellte bis in die allerletzte Zeit die Zellabtheilung 
ein langgestrecktes Corridorgebäude dar, welches 
ausser einigen Nebenräumen und dem zu Tageräumen 
ausgestalteten Corridor 16 Einzelzimmer verschiedener 
Construktion enthielt. Die zuletzt eingerichteten Isolir¬ 
zimmer besitzen grosse, weit herunterreichende Fenster 
mit festen Scheiben; eine Anzahl anderer Zellen 
haben ein kleineres vergittertes Fenster ca. 3 m über 
dem Fussboden, das durch eine vom Dachboden aus 
zugängige Vorrichtung ventilirbar ist. Endlich enthielt 
ein Ausbau in der Mitte 4 Zellen, von einem ge- 

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meinsamen Vorraum aus zugängig und nur mit 
Deckenoberlichtern versehen, welche durch das Dach 
durchgeführt waren. Diese sog. Tobzellen waren für 
besonders schwer erregte Kranke bestimmt. Die 
Ventilations-, Heizungs- und Bel euch tungs Verhält¬ 
nisse in diesen Zellen waren gleichmässig schlechte. 
Die Kranken aber, selbst die erregtesten, empfanden 
die, wenn auch nur vorübergehende Isolirung in diesen 
düsteren, laut hallenden Zellen als eine entwürdigende 
Strafe, und doch musste bei der Häufung gefährlicher, 
gewaltthätiger und fluchtverdächtiger Kranker meist 
jeder vorhandene Raum auf der Zellabtheilung aus¬ 
genutzt werden. Es wurde daher auf Vorschlag des 
Direktors der ganze Mittelbau, der von den 4 Tob¬ 
zellen und ihrem dunklen Vorraum eingenommen 
war, durch Herausnahme der Wände in einen Schlaf¬ 
saal von 70 qm Grundfläche verwandelt. Die Ober¬ 
lichter wurden zugebaut und dafür an den beiden 
Seiten wänden je ein 2,8 qm grosses Fenster ange¬ 
bracht. Nach dem bekannten Hitzig’schen Modell 
ist der mittlere Teil desselben fest, w'ährend zwei 
schmalere Seitentheile um eine vertikale Achse dreh¬ 
bar sind. Die Scheiben bestehen aus dickem, halb¬ 
matten Spiegelglas. Hier sind mit Bequemlichkeit 
10 Betten zu stellen und dadurch ein geräumiger 
freundlicher Schlafsaal für Kranke geschaffen, welche 
vorher wegen ihrer Neigung zu nächtlicher Unruhe, 
zum Fenstereinschlagen (namentlich auf der Frauen¬ 
seite) in Zellen untergebracht werden mussten. Nachts 
schlafen zwei Wartpersonen in dem Saal, der ausser¬ 
dem von der über die Abtheilung gehenden Nacht¬ 
wache kontrollirt wird; der Stationswärter schläft in 
einem Zimmer in erreichbarer Nähe. Auch hier 
zeigte es sich wieder, dass einzelne Kranke, die, so 
lange sie die Zelle bewohnten, zu den unruhigsten 
Elementen gehörten, durch die Verlegung in den 
Schlafsaal ruhiger und socialer wurden. Die ganze 
Abtheilung macht durch den Wegfall der dunklen 
Zellen und die Einfügung des grossen, freundlichen 
Schlafsaals einen ganz anderen Eindruck. Mit Leich¬ 
tigkeit lässt sich auch dieser Schlafsaal mit dem an- 
stossenden Tageraum zusammen als eine 3. Wach¬ 
station betreiben, wenn das Bcdürfniss nach einer 
derartigen Einrichtung zur dauernden Ueberwachung 
gewaltthätiger und dabei Selbstmord- oder fluchtver- 
dächtiger Elemente hervortreten sollte. 

Die Verminderung der Zahl der Isolirzellen ist, 
wie dies vorauszusehen war, durchaus nicht als stö¬ 
rend empfunden worden, eine weitere Verminderung 
derselben ist vielmehr zu Gunsten noch anderer Ein¬ 
richtungen geplant. Angesichts dieser Thatsache 
seien noch einige allgemeine Bemerkungen zu dem 
neuerdings wieder entbrannten Streit für oder gegen 

Original from 

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180 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 15. 


die absolut zellenlose Behandlung gestattet. Gerade 
die Geschichte unserer Anstalt zeigt ja, dass man 
in der ersten Zeit ihres Bestehens mit einer geringeren 
Zahl von Zellen auskommen zu können glaubte, als 
später, und dass jetzt wieder die Zahl derselben 
wesentlich herabgesetzt wird. Aber der jetzige Kampf 
gegen die Isolirung ist doch mehr als eine augen¬ 
blickliche Modesache; überall, wo man ernstlich den 
Versuch macht, mit weniger Zellen auszukommen, 
zeigt sich, dass es geht und dass die Kranken dabei 
besser fahren. Ich möchte, um nicht missverstanden 
zu werden, ausdrücklich bemerken, dass ich unter 
„Isoliren“ natürlich immer die Unterbringung eines 
Kranken für kürzere oder längere Zeit in einem ver¬ 
schlossenen Zimmer verstehe, das durch seine Ein¬ 
richtung und Ausstattung gewaltthätige Handlungen 
des Kranken verhindert; ob man dem Kranken dabei 
in seiner „Zelle“ mehr oder weniger Möbelstücke, 
Matratzen oder ganze Bettstellen hineingiebt, ist eine 
Frage von untergeordneter Bedeutung und hängt im 
Wesentlichen von der Art des unterzubringenden 
Kranken ab.*) Gar nichts mit dem Begriff des 
„Isolirens“ hat cs zu thun, wenn man einen leicht 
erregbaren oder empfindlichen Kranken ein völlig 
eingerichtetes, unverschlossenes „Einzelzimmer“ zum 
Schlafen, Wohnen oder Arbeiten an weist, damit er 
mit den anderen Elementen möglichst wenig zu¬ 
sammenkommt. Dass eine grosse Anzahl von solchen 
behaglich eingerichteten Einzelzimmern in jeder An¬ 
stalt eine grosse Wohlthat für den Kranken betrieb ist, 
steht bei Allen, die darin Erfahrung haben, fest. Was aber 
das wirkliche Isoliren in Zellen betrifft, so glaube ich doch, 
dass man auch bei weitgehendster Einschränkung diescr 
Maassregel nicht soweit gehen darf, wie Watten- 
berg u. A.; wenigstens in den Provinzialanstalten 
und anderen grösseren Anstalten mit vielen chro¬ 
nischen Kranken wird man die Isolirung nicht völlig 
entbehren können. In den jüngsten Erörterungen 
über diese Frage ist als ein Grund sowohl für als 
gegen die absolut zcllcnlose Behandlung von beiden 
Seiten wiederholt die Zahl der frischen Aufnahmen 
einer Anstalt angeführt worden. Man kommt aber 
doch mehr und mehr davon ab, frisch erkrankte, neu 
aufgenommene Fälle, auch wenn sie sehr erregt sind 
und wenn dieser Zustand 2—4 — 6 Wochen anhält, 
einfach mit Isoliren zu behandeln. Wir können ja 
*) Dass man auch die „Tobzellen“ älterer Anstalten in 
freundliche Krankenräume umgestalten kann, wenn nur die 
Mittel vorhanden sind, beweist das Beispiel von Hildesheim, 
wo Gerstenberg die gänzlich veraltete Zellabtheilung der 
Frauenseite in einer, soweit die Verhältnisse es gestatteten, 
entsprechenden Weise umgeändert hat. 


jetzt, dank der Bettruhe, Dauerbäder, hvdropathischer 
oder medicamentöser Behandlung viel mehr indivi¬ 
dualisieren und lassen solche Fälle ruhig im Wach¬ 
saal liegen, weil wir sie noch nicht genau kennen 
und ausserdem auch weil wir uns bei der frischen 
Erkrankung eher einen Erfolg der aufgewandten 
Mühe versprechen. Auch das Personal verliert bei 
solchen frisch erregten Kranken, auch wenn sie eine 
Zeit lang sehr unangenehm sind, weniger leicht 
Spannkraft und Geduld. Eine Anstalt mit vielen Neu¬ 
aufnahmen hat gewöhnlich überhaupt einen grösseren 
Krankenumsatz und die Möglichkeit, chronisch ge¬ 
wordene Fälle irgendwohin abzuschieben. Das fehlt 
aber den meisten grösseren (Heil- und Pflege-) An¬ 
stalten; sie müssen ihre chronischen Kranken, und 
gerade die unangenehmsten Fälle gewöhnlich Jahre 
lang behalten. Unter diesen finden sich aber die¬ 
jenigen Elemente, für welche mir die Möglichkeit 
einer zeitweiligen Isolirung höchst werthvoll erscheint. 
Es sind Epileptiker, Hysterische, Idioten und Im- 
becille, überhaupt degenerative Psychosen mit Nei¬ 
gung zu häufigen Erregungszuständen, sinnlosen Wuth- 
ausbrüchcn, Kranke, welche das Aeusserste an Auf¬ 
reizung ihrer Leidensgefährten, namentlich neu auf¬ 
genommener Fälle auf der Wachstation, Verdächti¬ 
gungen des Personals leisten und vor häufigen, wenn 
auc h schwächlichen Selbstmordversuchen nicht zurück¬ 
schrecken. In jeder Pflegeanstalt finden sich der¬ 
artige Elemente, welche die Geduld ihrer Mitkranken, 
die Aufopferungsfähigkeit des Personals in ungebühr¬ 
licher Weise in Anspruch nehmen. Dabei erreicht 
man mit aller auf sie verwendeten Mühe: körperlicher 
Behandlung ihrer wirklichen oder angeblichen Be¬ 
schwerden, Beschäftigungsversuchen, Verlegungen von 
einer Station zur anderen, oft noch nicht einmal so 
viel, dass ihre jeweilige Abtheilung vor ihnen Ruhe 
hat. Für solche Fälle bietet die zeitweilige Isolirung 
oft die einzige Möglichkeit, sie unschädlich zu machen 
und man kann damit in gewissem Sinne auch er¬ 
zieherisch auf sie wirken. Sie verlieren nicht allen 
Halt, wenn sie wissen, dass es ein Mittel giebt, sie 
— für kurze Zeit wenigstens — an Angriffen auf ihre 
Umgebung oder auch auf sich selbst zu verhindern. 
Verfügt man auf der „unruhigen Abtheilung“ auch noch 
über einen Schlafsaal, wie den beschriebenen, der im 
Bezug auf Fenster pp., einigen Schutz bietet, so kann 
man die wirklichen Isolirungen auch derartiger Kranker 
an Häufigkeit und Zeitdauer auf ein Minimum redu- 
ciren. Dass dabei eine erhebliche Verminderung der 
Zahl der Isolirräume stattfinden kann, beweist das 
Beispiel der Göttinger Anstalt. 


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IQ02.] 


PSYCHIATRISCH-NEU ROLOGISCIIE WOCHENSCHRIFT. 181 


Mittheilungen. 


— Ueber die Benennung der Irrenanstalten. 

Von verschiedenen Seiten wurde angeregt, das Wort 
„Irrenanstalt“ durch eine andere Bezeichnung zu er¬ 
setzen. Der Name ist nicht ganz zutreffend, er ist 
hart und anstössig; gewiss. Es wurde aber auch ge¬ 
sagt: Es ist heut zu Tage nicht die Irrenanstalt mit 
ihrer modernen Einrichtung, die abschreckend wirkt, 
sondern einzig nur der Name. Das heisst denn 
doch die Motive gar zu sehr an der Oberfläche 
suchen. 

Die Anstalt, in der Schreiber dieser Zeilen arbeitet, 
wird von den Behörden als „Irrenanstalt“ bezeichnet; 
die Kranken wissen das; sie lesen auf manchem Brief 
die Adresse „Privatirrenanstalt“, sie lesen gelegent¬ 
lich in der Zeitung „Privatirrenanstalt etc.“ Sie finden 
es taktlos, dies Wort zu gebrauchen; eben das Wort 
ist ihnen anstössig, wenn es ihnen entgegentritt. Im 
Uebrigen machen sie sich nichts daraus, in einer 
sog. „Irrenanstalt“ zu sein. Warum ? Weil in dieser 
Anstalt im Allgemeinen ausser Nervenkranken nur 
leichtere und heilbare Fälle von Psychosen aufge¬ 
nommen sind. Es ist „eigentlich keine Irrenanstalt“, 
und der Name thut wenig zur Sache. 

Andererseits, eine Anstalt, wie z. B. das Dresdener 
Stadt-Irren- und Siechenhaus, das ausser Geistes¬ 
kranken und Epileptischen auch zahlreiche Fälle 
organischer Nerven- bezw. Rückenmarkskranker, ino¬ 
perable Karcinomkranke u. dgl. aufnimmt, und das 
im Volksmunde allgemein „die Sieche“ heisst, ist 
„eigentlich eine Irrenanstalt“; und „in die Sieche 
kommen“ ist gleichbedeutend mit „in’s Irrenhaus 
kommen“ und „reif für Dalldorf“. 

Also der Name macht nicht viel aus; der 
Umstand, ob eine Anstalt vorwiegend für Geistes¬ 
kranke auch schwerer Art bestimmt ist, ist für die 
Meinung der Leute ausschlaggebend. Wer kann denn 
auch bei ernstlicher Ueberlegung wirklich etwas ande¬ 
res glauben, wo so viele triftige Gründe vorhanden 
sind, sich über die Ueberführung in eine Irrenanstalt 
zu erschrecken. Die Erkenntnis^, dass die Anstalt für 
den Kranken nöthig, für ihn das Beste ist, dass das 
Leben sich dort freundlich und sogar verhältnissmässig 
heiter gestalten kann u. s. w'., mildert die Scheu vor 
der Anstalt; aber es bleiben immer noch viele Gründe 
zu Klagen und zu Besorgnissen, die sich nicht durch 
glatte Worte beseitigen lassen. 

Nun wird vorgeschlagen, die Irrenanstalt als 
Nervenheilanstalt oder Nervcnklinik zu bezeichnen. 
Freilich, wenn eine neue Staats-Anstalt plötzlich unter 
solchem Namen bekannt würde, würden wohl die 
Kranken lieber und eher hineinkommen. Aber was 
wäre das andres als eine Täuschung des Publikums, 
die bald an’s Lieht kommen würde. Wie steht dann 
der Arzt dem Kranken gegenüber, der sich beklagt: 
Man hat mich statt in eine Nervenheilanstalt zu 
Geisteskranken gebracht! 

„Warum den Geisteskranken nicht den Namen 
geben, für was sich die sich selbst Bewussten halten: 
Nervenkrank?“ Man sollte diese Frage nicht für 
möglich halten. Denn so stellt die Sache doch nicht, 


dass die Kranken die Geisteskrankheit schlechthin als 
Nervenkrankheit bezeichnen; sie thun es im Allge¬ 
meinen nur für ihre eigene Person; im Uebrigen 
unterscheiden sie recht w'ohl beide Begriffe. Und da 
sollen wir dem Patienten, der sich aus Mangel an 
Krankheitseinsicht für „nur nervenkrank“ hält, seine 
Meinung bestätigen ? Unsern Pflegern verbieten wir 
es doch, die Kranken ihren verkehrten Ansprüchen 
entsprechend zu tituliren. In garnicht seltenen Fällen 
ist es sogar geboten, dem Kranken zu sagen, dass er 
geisteskrank ist; wie sollten wir das machen, wenn 
Geisteskrankheit und Nervenkrankheit Synonyme 
wären. 

Was endlich die jetzigen Nervenheilanstalten be¬ 
trifft, so werden sie nach wie vor ein Interesse daran 
haben, sich durch eine Bezeichnung von den An¬ 
stalten zu unterscheiden, die Geisteskranke — im 
landläufigen Sinne — aufnehmen. Sie würden für 
sich und ihre Kranken eine neue Bezeichnung suchen 
und alles wäre wieder beim alten. Sie könnten auch 
wegen unlauterem Wettbewerb klagen. 

Von jeher haben die Worte ihre Bedeutung von 
dem, was sie bezeichnen, nicht von ihrem Wortlaut. 
Ein Namenswechsel kann das Urtheil des Publikums 
über Geisteskrankheit nicht beeinflussen; dazu ist 
mehr nöthig. Es kann nur Aufgabe sein, den Kran¬ 
ken und ihren Angehörigen so viel wie möglich ein 
Wort zu ersparen, das sie schmerzlich berührt. Durch 
das Wort „Irrenanstalt“ werden sie oft unnrithig vor 
den Kopf gestossen. 

Die Benennung mit „Gehirnheil- und Pflegeanstalt“ 
hat manches für sich, aber vielleicht noch mehr gegen 
sich; sie ist gar zu materialistisch, um sich allgemein 
einblirgem zu können. Die Privatanstalten, die sich 
ihre Bezeichnung selber geben, sind der Schwierigkeit 
seit lange dadurch begegnet, dass sie sich Anstalten 
„für Nerven- und Gemüthskranke“ nennen. „Ge- 
müthskrank“ ist ja auch nicht ganz zutreffend; aber 
durch die Zusammenstellung mit „nervenkrank“ wird 
cs so verstanden, wie es verstanden werden soll. 
Diese Bezeichnung hat nicht das Anstössige der 
„Irrenanstalt“ und ist seit einem halben Jahrhundert 
dafür im Gebrauch. —f. 

— Aus Baden. Am 27. Juni 1902 stand in 
der badischen II. Kammer die Frage der Errichtung 
zweier neuer Landesirrenanstalten — Heil- und Pflege¬ 
anstalten — zur Verhandlung. 

In einem ausführlichen Referate, das auch ge¬ 
druckt vorliegt und das Interesse jedes Irrenarztes 
durch seine Gründlichkeit und ein tiefes Verständnis** 
für die Aufgaben der Irrenfürsorge wie auch unseres 
irrenärztlichen Berufes zu fesseln geeignet ist, stellte 
sieh der Abg. Wacker im wesentlichen auf den 
Boden der von der Sachverständigenrommis- 
sion ausgearbeiteten und von der Regierung 
anerkannten Denkschrift und redete in ein¬ 
dringlichster Weise den gemachten Anforderungen 
das Wort. Auch von sämmtlichen andern Rednern 
wurde die Bedürfnissfrage durchaus bejaht und den 
Forderungen der Sachverständigen beige- 


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18.2 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 15 


stimmt, wie überhaupt für die Irrenfürsorge und die 
Thätigkeit der Anstalten ungeteiltes Interesse und 
Wohlwollen zum Ausdruck kam. 

Die lokalen Wünsche einzelner Bezirke wurden 
zurückgestellt und die allgemein ärztlichen und psychi¬ 
atrischen Gesichtspunkte für die Wahl des Ortes als 
ausschlaggebend anerkannt. 

Schliesslich wurde die Anforderung der Regierung 
auf zunächst 400000 M., davon für Erstellung einer 
neuen Irrenanstalt bei Wiesloch (vorwiegend Pflege¬ 
anstalt für das Unterland) 390000 M. und 10000 M. 
zu Vorarbeiten behufs Erstellung einer neuen Irren¬ 
anstalt bei Reichenau (Heil und Aufnahme- , sowie 
Pflegeanstalt für die Seegegend) — beide mit dem 
Namen Heil- und Pflegeanstalten — vom Landtage 
einstimmig genehmigt. Allgemein war man sich 
klar, dass mit dieser Anfangsbewilligung zugleich 
die Festlegung einer Summe von ca. 8 Millionen zum 
Ausbau der beiden Anstalten für die künftigen Bud¬ 
getperioden ausgesprochen sei. Ebenso allgemein 
wurde auch jetzt schon anerkannt, dass es auf diesem 
Gebiete keinen Stillstand gebe und die unausbleiblichen 
späteren Anforderungen von noch weiteren neuen An¬ 
stalten ebenso bewilligt werden müssten. So hat die 
Verhandlung im badischen Landtage einen für die 
Irrenfürsorge des Landes würdigen Abschluss gefunden 
und eine neue Aera der staatlichen Anstaltsfürsorge 
gleich würdig erschlossen. 

— München. 27. Juni 1902. In der heutigen 
Plenarsitzung der bayerischen Abgeordnetenkammer 
wurde das Postulat für Errichtung einer Irren¬ 
klinik an der Universität München, von 1 200000 
M., einstimmig angenommen. Quod bonum, felix, 
faustumque! 

— Darmstadt, den 30. Juni. Die zweite Kam¬ 
mer beschloss heute die Errichtung zweier neuer 
Irrenanstalten, einer bei Giessen im Anschluss an die 
psychiatrische Klinik und einer bei Alzey. — 

— Eröffnungsfeier der zweiten mittelfränki¬ 
schen Kreisirrenanstalt zu Ansbach.*) Ans¬ 
bach, 28. Juni. Auf Einladung der k. Regierung 
von Mittelfranken hatte sich heute Vormittag 10 Uhr 
im Bet- und Erholungshaus der neuen Irrenanstalt 
eine hochangesehene Gesellschaft eingefunden, em¬ 
pfangen von der Direction und der Bauleitung der 
Anstalt. In dem mit Blumen prächtig geschmückten 
Foyer des Bethauses begrüsste Regierungspräsident 
Dr. v. Schelling Namens der k. Regierung von 
Mittelfranken, sow-ie auch Namens der Staatsregierung, 
ganz speciell aber auch Namens des Ministers Dr. 
Freiherrn von Feilitzsch, der zu seinem eigenen Be¬ 
dauern verhindert sei, der heutigen Feier beiwohnen 
zu können, die Erschienenen und dankte dem mittel¬ 
fränkischen Landrath für sein warmherziges Verständ¬ 
nis für die sociale Aufgabe der Zeit, für das tiefe 
Mitgefühl für die Aermsten unter den Armen ihrer 
Kreisangehörigen und für die im Vaterlande noch 
nicht i'ibertroffene Opferwilligkeit, sowie der Bauleitung 
und ihren Organen für ihre segensreiche Thätigkeit. Er 
sprach die Hoffnung aus, dass die Anstalt den Zweck, 
dem sie dienen soll, voll und ganz erreichen werde. 

*) Siehe Seite 7, Jahrgang II dieser Zeitschrift. 

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Anschliessend hieran ergriff Herr Kreisbaurath 
Förster, der Erbauer des Ganzen, das Wort. Nach 
einem gedrängten Ueberblick über die Entwicklung 
und den Fortgang der Bau thätigkeit, der erkennen 
liess, mit welchen Schwierigkeiten die Bauleitung, die 
Zoll für Zoll die Plätze für die Gebäude dem bergi¬ 
gen, zähen und steinigen Boden abringen musste, zu 
kämpfen hatte, übergab er unter Worten w f armen 
Dankes an die Regierung und den Landrath von 
Mittelfranken, an den Director der Kreisirrenanstalt 
Erlangen, Herrn Medizinalrath Dr. W ü r s ch m i d t, 
an seine Unterbeamten, an die Lieferanten und Ar¬ 
beiter die Anstalt dem Auftraggeber und Bauherrn, 
dem Kreis Mittelfranken, vertreten durch den anwe¬ 
senden Landrath, zu Händen seines Präsidenten, Pro¬ 
fessor Dr. Eheberg, und bat ihn, über die Anstalt 
zu verfügen. Namens des mittelfränkischcn Landraths 
übernahm Professor Dr. Eheberg die Anstalt. Schon 
vor sieben Jahren sei der Gedanke der Errichtung 
einer zweiten mittelfränkischen Kreisirrenanstalt aufge¬ 
taucht, man habe aber den mit diesem Project ver¬ 
bundenen ungeheueren Kosten und der dermaligen 
Unsicherheit auf dem Gebiet des Systems der Irrcn- 
behandlung durch Erweiterung der Erlanger Anstalt 
zu begegnen gesucht; gezwungen durch die wachsende 
Zahl der Erkrankungsfälle sei man dennoch bald da¬ 
rauf zur Errichtung einer zweiten mittelfränkischen 
Kreisirrenanstalt gekommen. Das Project sei in seiner 
Ausführung nun soweit fortgeschritten, dass man heute 
die Anstalt nahezu vollendet der Ocffentlichkeit über¬ 
geben könne. Unter Worten der Mahnung, die An¬ 
stalt zu dem zu machen, was der Landrath von 
Mittelfranken von ihr erhofft, und den Kranken unter 
Berücksichtigung thunlichster Freiheit diejenige Pflege 
und Hilfe angedeihen zu lassen, die ihr bejammems- 
werther Zustand erheischt, übergab Redner die Anstalt 
ihrem ärztlichen Leiter, Herrn Direktor Dr. Herfcldt. 
Anschliessend an die Dankeserstattung an alle Be¬ 
theiligten gab dieser einen interessanten Ueberblick 
über die Entwicklung der Erkenntniss geistiger Er¬ 
krankung und der Irrenpflege vom Alterthum bis zum 
Mittelalter, über den Verfall der Ir